Nachdem Leah am nächsten Morgen ihren Stundenplan bekommen hatte, machte sie sich auf dem Weg zu ihrer ersten Stunde.

Doppelstunde Zaubertränke unten im Kerker zusammen mit den Gryffindors.

Leah war zuerst froh, mit den Gryffindors zu haben, bis ihr einfiel, dass sie dort niemanden aus dem vierten Jahrgang kannte. Ginny war in der fünften und alle anderen waren schon in der sechsten.

Zögernd setzte sie sich also an einen freien Tisch und sah sich um. Die meisten Slytherins waren schon da und hatten sich zu zweit zusammen gesetzt, der größte Teil der Gryffindors stand noch an der Tür, anscheinend versuchten sie sich so lange es ging von den Slytherins fern zu halten.

Leah konnte es ihnen nicht verübeln.

Als der Lehrer herein kam, folgten ihm die Gryffindors und die restlichen Slytherins, aber keiner setzte sich neben Leah. Allerdings setzte sich auch Leah zu niemand anderem.

Sollten sich doch die anderen entscheiden zu ihr zu kommen, dachte sie trotzig.

Sie hatte keine Lust von jedem Slytherin zurück gewiesen zu werden.

Dennis Creevey, der Junge mit dem mausgrauen Haar aus Gryffindor kam schließlich schüchtern zu Leah herüber.

„Hey", flüsterte er. „Darf ich mich zu dir setzen?"

Leah nickte. „Klar", sagte sie, „Ich bin nur keine große Leuchte in Zaubertränke."

Dennis grinste sie an. „Ich auch nicht", meinte er und mit diesen Worten setzte er sich neben sie.

Wie sich heraus stellte, war Leah aber gar nicht so schlecht, wie sie gedacht hatte. Der Zaubertränkelehrer Professor Slughorn war ziemlich nett und nachdem er Leah ein paar Fragen gestellt hatte, die sie alle richtig beantworte konnte, da sie das Schulbuch schon komplett gelesen hatte, wollte er unbedingt von ihr wissen, wer ihre Eltern gewesen waren.

Als Leah ihm sagte, sie käme aus Russland und das er ihre Eltern ganz sicher nicht kannte, war er ziemlich enttäuscht.

Anscheinend war sich der Professor sicher, dass Leahs Talent unbedingt vererbt war. Dabei hatte Leah nur das gemacht, was im Buch beschrieben war- und nicht wie Ariane alles falsch herum in den Kessel gekippt.

Dennis war so begeistert davon mit Leah zu arbeiten (denn er verstand tatsächlich nichts von Zaubertränke), dass Leah ihm Versprechen musste, von nun an in jedem Fach neben ihm zu sitzen, dass sie gemeinsam hatten.

Leah gab das Versprechen nur zu gerne. Dennis war ganz in Ordnung, zwar redete er pausenlos von Harry, aber wenigstens mied er sie nicht oder tuschelte hinter ihrem Rücken, wie verabscheuungswürdig Halbblüter doch waren.

Nach einer weiteren Doppelstunde mit den Gryffindors in dem furchtbar langweiligen Fach Geschichte der Zauberei, ging Leah zum Mittagessen.

Zu ihrem Glück traf sie dort auf Blaise, der sich gerade mit dem vierten Mädchen aus Leahs Schlafsaal unterhielt.

„Hey Leah! Darf ich dir meine Cousine Anna vorstellen? Sie geht in deinen Jahrgang."

Leah lächelte Anna freundlich an und Anna nickte ihr zu.

„Ich muss los, Blaise. Hab Louise versprochen ihr bei irgendeiner Hausaufgabe zu helfen." Sie verdrehte sie Augen und Leah musste grinsen.

Anna verabschiedete sich und ging raschen Schrittes aus der großen Halle.

„Wieso hast du nicht schon gestern gesagt, dass sie deine Cousine ist", fragte Leah Blaise und nahm sich etwas zu essen.

Blaise grinste. „Sie mag es nicht, wenn ich in der Öffentlichkeit sage, dass wir verwandt sind. Sie leugnet mich manchmal, aber sie ist schon schwer in Ordnung. Sie hat es nicht leicht mit ihren Eltern und so. Aber wer hat das schon."

Blaise warf Leah einen bedeutenden Blick zu.

Leah schluckte.

Wieder diese Anspielung.

Was wusste Blaise nur alles über sie? Und was brachte ihn dazu, es niemandem anderen zu verraten?

Schnell steckte sie sich ein Stück Fleisch in den Mund, das ihr jede Antwort für die nächsten Sekunden verbot.

Nachdem Mittagessen hatte Leah zwei Freistunden und sie machte sich daran den Weg zur Bibliothek zu suchen.

Hogwarts war so riesig, dass sie sich andauernd verlief und auch die sprechenden Gemälde und die Geister waren keine große Hilfe. Besonders nicht, wenn sie erkannten, dass sie eine Slytherin war.

Leah hatte es schon aufgegeben und war gerade wieder auf dem Weg zurück zu den Kerkern- in der Hoffnung, dass sie die einzige mit einer Freistunde war- als sie in der Eingangshalle auf Hermine traf.

Grinsend ging Leah auf sie zu und nahm ihr die Hälfte des Riesenpackens von Büchern ab, den Hermine mit sich herum trug.

„Tasche ist einfach zu klein", keuchte sie und stellte den Rest der Bücher kurz auf den Boden.

Neben Hermine tauchte Ron auf und meinte grinsend: „Als hättest du nicht jedes Jahr das selbe Problem, Mine."

„Ach Ron, verschwinde", murrte Hermine. „Ich bin auf dem Weg in die Bibliothek, ich muss unbedingt diese Bücher zurück bringen und du hältst mich nur auf."

Ron zuckte mit den Schultern. „Ich kann ehrlich nicht verstehen, was an der Bibliothek so toll sein soll. Und was du mit all diesen Büchern am ersten Schultag machst, wüsste ich auch gerne."

„Hab sie über die Ferien ausgeliehen", erklärte Hermine und nahm die Bücher wieder auf.

„Wenn du mir den Weg zur Bibliothek zeigst, helfe ich dir tragen", versprach Leah lächelnd, da sie endlich eine Möglichkeit gefunden hatte in die Bibliothek zu gelangen.

Hermine nickte dankbar und die beiden machten sich- ohne Ron, der schnell was weite gesucht hatte- auf den Weg zur Bibliothek.

Madame Pins, die Bibliothekarin, erwartete Hermine anscheinend schon, denn sie riss ihr die Bücher förmlich aus der Hand und begann sie energisch nach Knicken oder Flecken zu durch suchen.

Hermine verdrehte die Augen und verabschiedete sich wieder von Leah.

Sie musste noch irgendwelche Hausaufgaben unbedingt erledigen und einen neuen Lernplan für dieses Jahr aufstellen.

Leah konnte darüber nur grinsen.

Sie hatte nie viel gelernt, zum einen weil sie durch ihr Gedächtnis sowieso alles im Kopf hatte und zum anderen, weil sie nie wirklich Prüfungen oder so etwas hatte ablegen müssen- schließlich hatte ihre Mutter sie nur Privat unterrichtet.

Neugierig blickte Leah sich nun in der riesigen Bibliothek um.

An jeder Wand standen Regale über Regale, die alle voll mit Büchern waren und bis zur Decke hinauf reichten. Die meisten der Bücher sahen unendlich alt aus, so als würden sie jeden Moment zu Staub zerfallen, wenn man sie nur zu lange ansah.

An einigen besonders hohen Regalen standen Leitern, damit man auch die oberen Fächer erreichen konnte und an der Fensterseite der Bibliothek waren einige Tische und Stühle zum arbeiten aufgestellt.

Leah hatte sich mit einem Schlag in diesen Ort verliebt.

Bücher waren das Beste was es gab. Auf Bücher konnte man sich verlassen. Das geschriebene Wort war weder hinterhältig, noch unzuverlässig, noch hegte es Gedanken einen umzubringen. Es war also nahezu perfekt.

Leah bog in einen der hinteren Gänge ein, der nicht oft von jemandem betreten zu werden schien.

Gerade als sie sich einige ältere Bücher näher ansah, griff jemand nach ihrem Oberarm und hielt sie fest.

Leah wirbelte herum und wollte ihren Zauberstab aus der Tasche ziehen, doch der Junge war schneller.

Er packte ihre Arme und hielt sie fest. Sein Griff wurde noch stärker und Leahs Oberarme begannen zu schmerzen.

Trotzig blickte sie auf.

Es war nicht das erste mal, dass sie jemand angriff. Sie war das regelrecht gewöhnt. Zwar nicht von Zauberern, aber auch normale Kinder konnten unglaublich gemein sein, besonders wenn jemand wie Leah, die andauernd umzog und nie jemandem ihren Namen oder ihre Adresse verraten durfte, versuchte Freundschaften zu schließen.

Als der Junge ihren Blick erwiderte, versteifte sich Leahs Körper noch mehr.

Es war Draco.

Der Eisprinz von Slytherin, hatte Blaise gesagt.

Tonks Cousin.

Leahs Vetter 2. Grades.

Der Sohn des Todessers.

Todesser, hämmerte es wie wild in Leahs Kopf. Der Todesser, der vielleicht auch deine Mutter umgebracht hat, hauchte die fiese Stimme, die ihr Angst einjagte. Was wenn Draco genau wie sein Vater war? Wenn er sie ebenfalls umbringen wollte? Oder wenn er versuchen würde, aus ihr heraus zu bekommen, was mit ihrem Vater geschehen war. Natürlich Dumbledore hatte gesagt, die Todesser glaubten ihr Vater sei Tod. Aber ganz so doof, konnten die doch auch nicht sein, oder?

„Was willst du", brachte sie mit zittriger Stimme hervor.

Ihr war klar, dass das nicht gerade abschreckend wirkte, aber zu mehr war sie nicht im Stande. Außerdem war Draco zurzeit definitiv in der Obermacht, da machte es nicht viel Sinn ihn zu provozieren.

Draco betrachtete sie noch einmal mit einem festen Blick, der in Leah alles gefrieren ließ.

Dann ließ er sie langsam los und trat einen Schritt zurück.

„Mein Vater hat mir von dir erzählt, Leah Black", sagte er leise.

‚Das wars', dachte Leah. ‚Jetzt ist es vorbei…'

„Er sagt du bist ein dreckiges Halbblut, aber du würdest irgendwie zur Familie gehören. Er hat nicht gesagt wie, wahrscheinlich bist du irgendein Abkömmling von diesem Dummkopf Regulus oder so, aber er sagt ich soll auf dich Acht geben, damit du keine Dummheiten machst."

Hatte Draco tatsächlich gerade gesagt, dass er nicht wusste, wer ihr Vater war? Das war prima. Absolut super! Er wusste es nicht. Und wahrscheinlich würde er auch nie jemandem sagen, dass sie zu den Blacks gehörte, schließlich hätte er dann zugeben müssen, dass eine Halbblüterin zu seiner Reinblut Familie gehörte.

Erleichterung durchströmte Leah, die von Dracos nächsten Worten sofort wieder genommen wurde.

„Ich beobachte dich, Black. Ich bin mir nicht sicher ob Zabini der richtige Umgang für dich ist, aber der ist immer noch besser, als wenn du mit dieser Schlammblüterin abhängst. Wage es nicht, dich noch einmal mit ihr erwischen zu lassen. Oder mit Dumbledores Wunderjungen."

Leah ging davon aus, dass Draco von Hermine und Harry sprach. Sie würde sich doch von ihm nicht vorschreiben lassen, mit wem sie sich unterhielt und mit wem nicht.

Wieder blickte Draco sie mit seinen kalten Augen an.

Dann beugte er sich noch näher zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich sage dir, ich erfahre alles. Sei schön brav und werde eine gute Slytherin, dann kann dir nichts passieren. Aber wenn nicht… dann kannst du dir ausmalen, wer zuerst von deiner Abstammung erfährt. Bisher hat Vater noch nicht gesagt, dass er dich gefunden hat, aber es kann nicht mehr lange dauernd. Noch bist du nur eine kleine, unbedeutende Familien Angelegenheit… aber sollte der Lord von dir erfahren…" Draco schwieg und brachte seinen Satz nicht zu Ende.

Leah schluckte. Sie konnte sich wage ausmalen, was passieren würde, wenn Voldemort erfuhr, dass eine weitere Black existierte, die nicht zu seinen Reihen zählte. Die vom Orden geschützt wurde… deren Vater überhaupt nicht Tod war…

Leah konnte nur hoffen, das ihr niemals jemand Veritaserum verabreichen würde, denn das würde definitiv ihren Tod bedeuten.

Draco wandte sich gerade zum gehen, als er sich noch einmal umdrehte. „Ich verrate nicht, dass du zur Familie gehörst, wenn du es ebenso zurück hältst. Du weist, du hast schlechtere Karten, als ich, wenn die anderen Kinder der Todesser es erfahren."

Wieder drohte er ihr.

Leah konnte nicht anders als nicken und sich einverstanden erklären.

Niemand durfte erfahren wer sie war.

Von nun an würde sie noch vorsichtiger und noch bedachter bei dem jedem Wort sein müssen.

Manchmal hasste sie ihr Leben…