Lucius machte Severus keine Vorwürfe. Sicherlich, etwas mehr Kooperation wäre wünschenswert gewesen. Aber es ging ja auch so. Er wusste, wie es Severus ging, ihm selbst war es damals auch nicht besser gegangen. Es hätte nichts gebracht, ihn in irgendeiner Art anzufahren. Außerdem war es Severus Snape, von dem Lucius wusste, dass er sich so schnell von nichts einschüchtern ließ. Er hatte es geschafft, innerhalb kürzester Zeit eine Mauer aufzuziehen, die verhinderte, dass irgendwelche Gefühle auf ihn zukommen konnten oder dass seine eigenen an die Außenwelt drangen. Er konnte dagegen nichts tun, das wollte er auch nicht. Wichtig war jetzt auch nur sein Bad. Das Hemd war nun geöffnet und Lucius war nicht der Blick von Severus entgangen. Er genoss es, so angeschaut zu werden. Egal von wem. Lucius sonnte sich gern in Aufmerksamkeit.
Severus machte eine schnelle Bewegung, fast dachte Lucius, würde er über ihn herfallen wollen. Aber dem war nicht so. Bewusst vermied er es, Severus zu stützen, als dieser aufgrund seiner Schwäche kaum auf seinen Beinen stehen konnte. Er wollte keine Hilfe, also sollte er sehen, wie er alleine klar kam. Natürlich wäre Lucius bereit gewesen, im Notfall einzugreifen, aber nun konnte Severus sich erst einmal selber beweisen. Er streifte das Hemd von seinem Oberkörper und legte es über eine Stuhllehne. Im Vergleich zu Severus bot Lucius eindeutig den besseren Anblick. Auch er konnte eine vornehme Blässe aufweisen, bei weitem aber nicht so kränklich aussehend. Er war schlank, aber nicht hager. Ansätze von Muskulatur waren zu erkennen, jedoch nicht wirklich trainiert. Lucius gehörte im Grunde zu der Sorte Mensch, die man einfach nur hassen konnte, weil sie nichts taten und trotzdem immer noch gut aussahen.
Nun machte er sich auf die von Severus beschriebene Route. Schwer zu finden war der Raum nicht. Auf dem Weg dahin fiel Lucius nur erneut auf, wie schäbig das Haus eigentlich war. Auch das Bad stellte sich als Enttäuschung dar. Normalerweise hätte ein Malfoy niemals auch nur einen Fuß in so einen Raum gesetzt. Jedoch kroch die Kälte an Lucius' Körper empor und ihm blieb nichts anderes übrig, als seinen Ekel zu überwinden und den Raum zu betreten. Seinen Zauberstab hatte er dabei und so wendete er auch hier ein paar Reinigungszauber an. Diese waren nicht besonders gründlich und wenig effektiv. Lucius hatte solche Zauber noch nie nötig gehabt und würde sie auch niemals brauchen. Seine Augen wanderten durch den Raum. Ein heißes Bad hatte er schon gestrichen. Er würde eine schnelle Dusche nehmen. Er zog nun auch die restlichen Sachen aus. Dann betrachtete er sich einen Moment in dem Spiegel, der von Schlieren überzogen war. So gesehen war er keine schlechte Partie. Narcissa konnte sich glücklich schätzen, einen Mann wie ihn zu heiraten. Reich, jung und sexy, so würde er sich wohl selber beschreiben. Sein Blick wanderte zu seinem linken Unterarm. Dort prangerte eben jenes Mal, welches Severus an diesem Abend so viel Leid bescherte. Lucius hob den Arm auf Brusthöhe und betrachtete die Linien. Dunkel zeichnete sich der Totenkopf ab, aus dessen Mund eine Schlange kam. Der einzige Makel an seinem sonst so perfekten Körper. Aber das war der Preis, den er zahlte für ein wenig mehr Ruhm und die Erfüllung seiner Träume.
Er ließ seine Arme sinken und ging zu der Duschkabine, die er dann auch betrat. Kalk befand sich an den Armaturen, die Fliesen und Fugen waren befallen von Dreck und stellenweise schwarzem Schimmel. Lucius ignorierte dies so gut es ging und drehte das Wasser an. Kurze Zeit später war das Bad eingehüllt in feinen Wasserdampf, und in der Luft lag der Geruch von Duschbad. Lucius hatte eine kleine Dose gefunden, die Severus selber beschriftet hatte. Offenbar hatte er sich an einem eigenen Duschbad versucht. Überraschenderweise war ihm dies gelungen. Ein zarter Duft von Lavendel ging davon aus und Lucius war verwundert, dass der Junge doch einen so guten Geschmack besaß. Nachdem er die Dusche verlassen hatte, nahm er sich eines der Handtücher, die auf einem nahen Regal lagen und wickelte es sich um seine Hüften. Seine Haare waren immer noch nass, dufteten aber jetzt nach eben jener feinen Lavendelnote.
So ging er die Treppenstufen wieder nach unten, seine Sachen trug er bei sich und legte sie ebenfalls über einen Stuhl in der Hoffnung, sie trockneten. Severus hatte seine Position mittlerweile verändert. Sein Gesicht hatte er auf seine Hände gestützt und diese auf seine Oberschenkel. Er stellte sich vor ihn.
„Severus, willst du die ganze Nacht so vor dich hin leiden oder denkst du, dass du irgendwann Schlaf findest?", fragte Lucius nun etwas schärfer. Diese Art von Selbstmitleid konnte man ja wirklich nicht ansehen. Sicherlich hatte er einen schweren Abend hinter sich, aber nachdem Lucius ihn versorgt hatte, sollte es ihm nun besser gehen.
