Geschwisterliebe
"Mum?"
Reikas Stimme wehte zu ihr hinüber, und sie schaute Ran mit lieben Augen an. Die Angesprochene drehte sich zu ihrer Tochter um.
"Was ist?"
"Ich bräuchte da deine Erlaubnis für etwas Bestimmtes..."
"Und für was?"
Diesmal war es nicht Ran, die nachfragte, sondern ihr Vater.
"Ähm..."
Reika verstummte, und Shinichi lächelte.
Seit dem aufbauenden Gespräch zwischen ihr und ihrem Vater waren genau zwei Wochen vergangen. In diesen vierzehn Tagen hatte Reika sich von ihrem Liebeskummer endgültig verabschiedet und war wieder ein lebensfrohes Mädchen geworden.
Im Rekordtempo hatte die Sechzehnjährige sich von ihrer ersten Lebenskrise erholt, und das zeigte sich jetzt deutlich, als sie mit einer Bitte daherkam.
"Was willst du, Kleines?"
"Darf ich mir ein Bauchnabelpiercing machen lassen?"
"Kommt nicht in Frage!", antworteten Shinichi und Ran synchron.
"Oh, bitte, bitte, bitte!"
"Nein."
"Dann darf ich wenigstens ein fünftes Ohrloch stechen lassen? Bitte, bitte, bitte!"
"Wo genau?", fragte Ran, die nun leichtes Interesse zeigte. Reika antwortete sofort.
"Am rechten Ohr, hier oben", sagte sie und deutete auf die Stelle.
"Warum willst du dir noch ein Ohrloch stechen lassen?", fragte Shinichi irritiert. "Du hast doch schon an jedem Ohr zwei."
"Na ja, weil..." Reika verstummte. "Ich weiss es nicht."
Shinichi musterte seine pubertierende Tochter.
"Hat es vielleicht etwas mit deinem Ex-Schwarm zu tun? Es heisst doch immer, dass Mädchen oder Frauen sich äusserlich verändern, wenn sie bestimmte Kapitel ihres Lebens abgeschlossen haben."
"Vielleicht ist es das", murmelte Reika und liess sich auf den Küchenstuhl fallen.
"Nun, meine Erlaubnis hast du", sagte Shinichi und lächelte. "Aber beschwere dich dann nicht bei mir, wenn du Schmerzen hast, klar?"
Seine Tochter lächelte erleichtert, dann drehte sie sich zu ihrer Mutter um.
"Mum?"
"Na gut, wenn du unbedingt willst. Aber komm auch nicht zu mir, wenn du-"
"Ja, ja, schon gut. Danke!"
Nur einen Tag später präsentierte Reika stolz ihren neuen Ohrschmuck, sowohl zu Hause, wo Miyuki sehnsüchtig und neidisch auf das Glitzersteinchen starrte,, als auch in der Schule. Dort ging sie ihrem ehemaligen Schwarm, der seit ihrer Trennung jeden Tag ein anderes Mädchen im Arm hatte, so gut es ging aus dem Weg. Und spottete zu Hause darüber.
"Ich habe Phantasien mit zwei Männern", sagte sie einmal beim Abendessen und sorgte so dafür, dass Shinichi sich an seinem Tee verschluckte. "Was denn? Der eine putzt, und der andere kocht! Was ist daran so schlimm?"
Shinichi erwiderte nichts darauf, ebenso wenig Ran. Sie grinste nur, während Shinichi Jr. sich vor Lachen kaum noch auf dem Stuhl halten konnte.
Eineinhalb Wochen später jedoch war Reika das Spotten vergangen. Leicht verstört kam sie zusammen mit ihrem Bruder nach der Schule nach Hause zurück, was Shinichi sofort bemerkte.
"Was ist denn mit dir los? Tut dir dein Ohr weh?"
"Er will mich zurück", antwortete sie immer noch fassungslos.
"Was? Wer?"
"Na, er", antwortete Shinichi Jr. für seine Schwester. "Du weisst schon, Dad, dieser schmierige Typ, der am Porzellan-Syndrom leidet."
Ran kicherte.
"Porzellan-Syndrom? Was soll denn das sein?"
"Das bedeutet, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat", erklärte Miyuki mit träger Stimme. Sie und Shunsaku sassen mit amerikanischen Comics auf dem Sofa und hatten die ganze Unterhaltung zwischen ihren Geschwistern und den Eltern mitbekommen.
Shinichi winkte ab.
"Okay, Miyuki, halt dich bitte da raus, ja? Und du auch, Shunsaku", fügte der Detektiv hinzu, als sein jüngerer Sohn gerade den Mund aufmachte.
"Kinder", murmelte Ran und seufzte mit geschlossenen Augen. "Erzähl weiter, Reika. Sag uns, was passiert ist."
Ihre Tochter kam der Bitte nach, nachdem sie sich in den Sessel geworfen hatte.
"Also er... er will mich zurück. Er sagte, er vermisst mich, und dass ich ihm nicht mehr aus dem Kopf gehe." Reika sah hoch, zu ihrer Mutter. "Was soll ich tun, Mum?"
Bis vor kurzem hatte sie noch gesagt, dass sie sich unter keinen Umständen wieder mit dem Jungen treffen würde, doch jetzt war Reika sich überhaupt nicht mehr sicher. "Soll ich wieder-"
"Auf keinen Fall!", sagten Shinichi, Shinichi Jr., Miyuki und Shunsaku synchron und mit bestimmter Stimme.
"Der will dich bloss wieder verarschen, Schwesterherz", fügte Shinichi Jr. hinzu, und Miyuki nickte heftig.
"Weisst du, Reika, nicht alle Männer sind Idioten. Manche sind auch Vollidioten."
Ihr Vater grummelte und war von den Worten seiner jüngeren Tochter nicht begeistert.
"Die Hälfte unserer Familie besteht aus Männern, oder hast du das nicht mitbekommen?"
"Euch meinte ich ja auch gar nicht, Dad. Aber es ist doch nun mal so, dass Männer anders denken als wir Menschen."
"Miyuki! Das ist verrückt!", sagte Reika, die nicht wirklich glauben konnte, was ihre zehnjährige Schwester von sich gegeben hatte.
"Viele denken, dass ich verrückt bin", erwiderte Miyuki mit leichtem Trotz in der Stimme. "Aber ich weiss das schon lange."
Shunsaku lachte.
"Ja, und ich für meinen Teil hasse es, wenn die leisen Stimmen mit meinem unsichtbaren Freund streiten."
Nun lachte Reika.
"Zuerst schuf Gott den Mann. Dann hatte er eine bessere Idee."
Unter den Kindern brach Gelächter aus, in das auch Ran einstimmte. Shinichi jedoch spielte die beleidigte Leberwurst.
"Ihr seid völlig vom Thema abgekommen", sagte er und hüstelte.
"Ja, ja, schon gut", sagte Reika und versuchte, ein Kichern zu unterdrücken, was ihr jedoch nicht wirklich gelang. "Ich hab meine Lektion gelernt, ich schiesse diesen Mistkerl persönlich in den Wind."
"Das solltest du tun, denn dieser Vegetarier ist echt strohdumm", sagte Shinichi Jr. "Der weiss noch nicht einmal, dass es für Tiere nur drei Kategorien gibt, nämlich Grill, Pfanne und Backofen. Ausserdem gibt es ein neues Sternzeichen namens 'der Grosse Magen', und das einzige Vegetarische in meinem Bauch ist mein Kohldampf. Mum, wann gibt's Essen?"
Nun musste Shinichi doch noch lachen. Genau wie seine ganze Familie konnte er die Vegetarier nicht verstehen. Fleisch war doch lecker!
Am nächsten Tag, als die Kinder nach Hause kamen, wollte Shinichi wissen, wie es ihnen ergangen war. Ganz besonders aber interessierte es ihn, wie Reikas Tag gewesen war.
"Und?", fragte er, kaum hatte sie das Wohnzimmer, in dem Shinichi sich aufhielt, betreten.
"Ich habe ihm die Meinung gegeigt-"
"Und ich auch", unterbrach Shinichi Jr. seine Schwester. "Ich hab ihm gesagt, dass er sie in Ruhe lassen soll, sonst würdest du dich mit ihm anlegen, Dad."
Shinichi war nicht erfreut.
"Du hast was gesagt?"
"Warum so überrascht? Ist es nicht deine Aufgabe als Vater, dafür zu sorgen, dass deinen Kindern nichts Böses widerfährt?"
"Du spukst ganz schön gross Töne, aber ja, das ist meine Aufgabe. Unter anderem natürlich", fügte Shinichi bissig hinzu. "Zu meinen Aufgaben als Vater gehört aber auch, dass ich meine Kinder rügen darf, für den Blödsinn, den sie verzapfen..."
"Ich bin schon still", sagte Shinichi Jr. halbherzig kleinlaut. "Aber um zu diesem schmierigen Typen zurückzukommen... Ich habe ihn gefragt, wo dieses Vegetarien eigentlich liegt."
"Und was hat er gesagt?", fragte Miyuki interessiert.
"Er meinte, er wisse es nicht", antwortete ihr Bruder. "Ich aber bin mir sicher, dass es sich in der Nähe von Amarschderwelthausen befindet."
"Shinichi, bitte! Achte auf deine Wortwahl, Junge."
"Ist doch wahr."
"Hat er daraufhin etwas erwidert?"
"Ja."
"Und was hat er-", begann Ran, wurde jedoch von ihrer jüngeren Tochter unterbrochen.
"Was hast du gesagt?"
"'Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich auf seine Meinung schei-'"
"Shinichi! Ich bitte dich!", rief Ran schockiert. "Hast du das wirklich gesagt?"
"Ja, aber ich bin nur dafür verantwortlich, was ich sage, und nicht dafür, was er versteht."
"Hast du denn etwas anderes gesagt?"
"Nein, aber... Ich muss gehen."
Shinichi Jr. verdünnisierte sich ohne ein weiteres Wort und liess seine Geschwister lachend zurück. Seine Eltern wussten nicht so recht, ob sie ebenfalls lachen oder empört sein sollten, entschieden sich dann für Ersteres. Sie durften schliesslich nicht immer alles so eng sehen, dafür war das Leben zu kurz.
Die beiden Erwachsenen schauten sich an, sagten aber nichts. Die Art, wie sich die Kudo-Kinder über sich selbst amüsierten, war köstlich, und wie sie sich füreinander einstanden und aufmunterten, darüber waren sie sehr stolz. Es war schlicht und einfach Liebe.
Eine wahrhaftige Geschwisterliebe.
Owari
