KAPITEL 14

DRACO POV

Ich muss auf jeden Fall Blaise von dem Zugang für die Küche erzählen, der rastet aus wenn er erfährt, dass es Möglichkeiten gibt an Essen zu kommen, welches die Schulküche nicht vorsieht. Nachdem wir relativ schweigend gegessen haben, schieben uns die Elfen auch schon wieder zur Türe hinaus denn eine davon sagte, es sei an der Zeit nun die Wäsche machen. Da herrscht ein ganz schön straffer Zeitplan scheint mir und ich habe mir ehrlich gesagt noch nicht einmal im Leben Gedanken darüber gemacht, was in Hogwarts im Hintergrund so alles abläuft.

„Okay, das war interessant", sage ich, während sich das Bild mit dem Obstkorb sich hinter uns wieder an seine richtige Stelle schiebt. Granger steht etwas hilflos im Gang herum und scheint nicht genau zu wissen, was sie jetzt tun soll und ich beschließe sie zu erlösen, indem ich einfach loslaufe und den Weg in die Kerker einschlage.

„Was hast du jetzt vor?", will sie zögerlich wissen, während sie ihre Schritte den meinen anpasst und ich unterdrücke den seltsamen Drang meinen Arm um sie zu legen. Diese Gedanken machen mich früher oder später noch wahnsinnig, doch ich kann einfach nicht einschätzen, was sie denkt und um ehrlich zu sein komme ich mir in ihrer Gegenwart vor wie ein unbeholfener Trottel. Keine Ahnung wie sie das anstellt, aber es ist nun mal nicht von der Hand zu weisen, dass ihre bloße Gegenwart mich auf eine Art und Weise verunsichert, die ich von mir selbst so nicht kenne.

„Wir hatten uns vorgenommen für die Prüfungen zu lernen, soweit ich mich erinnern kann, oder?", antworte ich ihr und Granger beweist mir mal wieder, dass sie ein größerer Nerd ist als angenommen, denn ihr Gesicht hellt sich auf und ich könnte schwören, dass Ihre Augen angefangen haben, vorfreudig zu funkeln.

„Gute Idee, lass uns in die Bücherei gehen!"

Dass ich nicht den Weg in die Bücherei einschlage, merkt sie allerdings schnell, denn ich lotse uns in die entgegengesetzte Richtung, tiefer in die Kerker. Sie schaut mich irritiert an und ich kläre sie auf.

„Ich laufe doch nicht den ganzen Weg wieder nach oben, wenn es hier einen wunderbaren Raum gibt, der sogar ursprünglich genau zu diesem Zweck geschaffen wurde!"

Zwischenzeitlich sind wir vor meinem Gemeinschaftsraum angekommen und bleiben stehen.

„Ich hoffe du meinst damit nicht Slytherin", sagt Granger trocken und ich muss schmunzeln.

„Nein, aber ich hole kurz die Schulbücher, warte einen Moment."

Eigentlich hatte ich vor, so schnell wie möglich in mein Zimmer zu kommen, die Unterlagen zu holen und wieder zu gehen, doch Theo, der mutterseelenallein im Gemeinschaftsraum sitzt und ein Buch liest, zieht mir einen Strich durch die Rechnung.

„Na da schau an, du bist ja doch noch da. Ich hatte dich schon vermisst", sagt er und ich kann nicht wirklich zuordnen, ob seine Stimme nun neutral oder vorwurfsvoll klingt. Fakt ist aber, dass ich keine Zeit für Theo habe, der offensichtlich wieder Interesse daran hat, mit mir zu reden.

„Sieht so aus", murmle ich während ich an ihm vorbei gehe und in meinem Zimmer verschwinde. Natürlich ist er immer noch da als ich mit meiner Tasche zurückkomme und als ich gerade dabei bin den Gemeinschaftsraum zu durchqueren, steht er auf und stellt sich mir in den Weg.

„Nott, ich habe jetzt wirklich keine Zeit für Smalltalk", murre ich ihn unfreundlich an und versuche mich an ihm vorbei zu schieben, stutze dann aber, da er mich nicht weiter gehen lässt.

„Meinst du nicht auch, dass es nun langsam genug ist?" Ich bin verwirrt und kurz vergesse ich sogar unfreundlich zu schauen, denn ich weiß beim besten Willen nicht, was er hier gerade von mir möchte.

„Genug?", frage ich daher und er schnaubt verächtlich.

„Ja, oder willst du mir sagen, dass du dich nicht schon wieder mit dem Schlammblut triffst?" Mir entgleisen auf seine Worte hin kurz die Gesichtszüge und ich brauche einen Moment, bis ich realisiere, was er da gerade gesagt hat.

„Wie bitte?"

„Stell dich nicht dümmer als du bist, Draco. Ich hätte nicht erwartet, dass du so tief sinken kannst. Hast du es so nötig, dass du sogar schon versuchst, Granger in dein Bett zu zerren?" Seine Stimme trieft nur so von Spott und Hohn und ich bin gerade viel zu perplex, um eine normale Antwort zu geben, darum beschränke ich mich auf das Nötigste.

„Sag mal spinnst du? Was zur Hölle willst du von mir, Theo?"

Sein Blick verfinstert sich und ich frage mich gerade wirklich, was ich in den letzten Monaten genau verpasst habe. Ich hatte nie den Eindruck, dass Nott auf irgendeiner Seite stand, obwohl sein Vater sehr wohl ein Todesser war. Zumindest weiß ich von seiner Mutter, dass diese sich schon lange von der Dunklen Seite abgewandt hat und dass Theo eigentlich bei ihr lebt. Andererseits fällt mir bei dieser Überlegung gerade auf, dass er nicht nach Hause gefahren ist in den Ferien.

„Ich will dich daran erinnern, auf welcher Seite du stehst, Draco. Was würde dein Vater sagen, wenn er wüsste, dass du dich mit einem Schlammblut abgibst und dazu auch noch mit der besten Freundin von Potter?"

Okay, das ist der Moment in dem mir bewusst wird, dass ich hier offensichtlich einem verbliebenen Anhänger Voldemorts gegenüberstehe und in mir formt sich der unbändige Wunsch, ihm in sein dreckiges Gesicht zu schlagen.

„Gar nichts vermutlich, denn mein Vater sitzt neben deinem in Askaban, wenn ich dich dran erinnern darf. Und jetzt geh mir aus dem Weg, ehe ich etwas tue, was ich bereue", knurre ich wütend. Ich wusste, dass irgendwann mal so etwas passieren muss. So vorteilhaft es auch oftmals ist, dass die Slytherins seit jeher Eigenbrötler sind, umso verhängnisvoller ist die Tatsache, dass keiner der Schlangen jemals wirklich offen über sein Privatleben sprechen würde, zumindest nicht in einer größeren Runde. Auch zu Voldemorts Zeiten wusste keiner, wem er trauen konnte und wer tatsächlich auf welcher Seite stand. Damals kam mir das allerdings noch sehr entgegen.

Tatsächlich macht Nott einen Schritt auf die Seite um mich vorbei zu lassen.

„Viel Spaß mit Granger und pass gut auf sie auf, nicht dass ihr noch was passiert."

Wie paralysiert bleibe ich stehen und drehe mich nochmal zu ihm um.

„Ist das etwa eine Drohung?" Plötzlich peitscht eine unfassbare Wut durch meinen Körper wie brodelndes Gift und unbewusst balle ich meine Rechte Hand zu einer schmerzhaften Faust, die ich ihm gleich ins Gesicht schleudern werde, wenn ich mich nicht zusammen reiße, jedoch schaffe ich es gerade noch so, mich unter Kontrolle zu bringen. Ich werde mich nicht von Theo provozieren lassen.

„Nicht doch…", winkt er grinsend ab und geht in aller Ruhe zurück zu seinem Sofa.

Ich schwanke dazwischen, ihm doch noch die Nase zu brechen und damit, mich einfach umzudrehen und zu gehen. Da Granger draußen wartet, entscheide ich mich für die zweite Option, doch ich befürchte, dass da noch etwas folgen wird und mein Magen macht eine unangenehme 360 Grad-Drehung. Wie kann er es wagen! Selbst er müsste mittlerweile mitbekommen haben, wie ich zu dem Todesser-Dasein und auch zu meinen Eltern stehe, doch vermutlich macht sein Hass ihn blind für solche Dinge.

Wutschnaubend komme ich wieder bei Granger an, die nach wie vor draußen vor dem Eingang steht und der bei meinem Anblick augenblicklich die Gesichtszüge einschlafen.

„Was ist los?", will sie wissen und ich schaffe es einfach nicht, meine Wut abzuschütteln, geschweige denn, etwas zu antworten. Die Gefahr, dass ich das jetzt an ihr auslasse ist nicht gerade klein, darum sage ich einfach gar nichts und bedeute ihr mit einem Kopfnicken mir zu folgen.

Auch als wir im Partykeller ankommen und ich vorsichtshalber die Türe magisch hinter uns verriegle, ist meine Wut nicht verraucht und genervt von mir selbst hole ich die Bücher aus meiner Tasche und werfe sie auf einen kleinen Tisch, den ich aus der Ecke vor eines der Sofas ziehe. Granger entfacht die Fackeln an den Wänden und dreht sich dann wieder zu mir, während ich mich setze und vermeide, sie anzusehen. Ich kann immer noch nicht glauben, womit Theo mir gerade gedroht hat und ich verspüre nach wie vor den unbändigen Drang, zurück zu gehen und ihm die größtmöglichen Schmerzen zuzufügen.

Überrascht blicke ich auf, als Granger sich neben mich setzt und ohne weitere Worte nach dem Verwandlungs-Lehrbuch greift. Ich weiß nicht, was mich mehr fasziniert - die Tatsache, dass sie nicht weiter nachfragt, oder die Erkenntnis darüber, dass ihre körperliche Nähe wie ein Ventil für meinen angestauten Hass ist, der langsam aber sicher aus meinem Körper entweicht.

Nachdenklich beobachte ich sie, wie sie ihre Schuhe von den Füßen streift und ihre Beine neben sich auf das Sofa zieht, während sie bereits in die Lektüre vertieft ist. Ich blicke auf die restlichen Bücher auf dem Tisch, doch ich habe keinerlei Bedürfnis, eines davon auch nur in die Hand zu nehmen und so sitzen wir eine Gefühlte Ewigkeit einfach nur da, in der ich ausdruckslos auf den Tisch vor mir starre.

Ob er seine Drohung wirklich ernst gemeint hat? Zuzutrauen wäre es ihm und allein schon wenn ich daran denke, dass er etwas tun könnte, das Granger in Gefahr bringt ,kommt mir die Galle hoch und ich merke nur am Rande, wie mein Kiefer schmerzhaft aufeinander mahlt. Da ich vollkommen in meinen Gedanken versunken bin, erschrecke ich kurz, als ich ihre Hand auf meinem Arm spüre, den sie vorsichtig aus meinem Schoß zieht. Ehe ich realisieren kann, was sie da tut, hat sie diesen angehoben, sich darunter durch geschoben und auf den Rücken gelegt, ihren Kopf auf meine Beine gebettet und zieht nun meine Hand, die sie mit ihrer verschränkt, zu sich, wo sie auf ihrem oberen Bauch zu liegen kommt. Dies alles hat sie getan, ohne auch nur eine Sekunde von ihrem Buch aufzuschauen, das sie nach wie vor in der rechten Hand hält und es nun gegen ihre aufgestellten Beine lehnt, um umzublättern.

Ich bin so perplex, dass ich doch tatsächlich vergesse, dass ich eigentlich eine scheiß Wut im Bauch habe und plötzlich ist alles was ich fühle, ein nervöses kribbeln dass sich in meinem ganzen Körper ausbreitet. Sämtliche Wut verpufft im Nirwana und erschlagen lasse ich meinen Kopf nach hinten auf die Rückenlehne sinken und schließe die Augen.

HERMINE POV

Ich habe keine Ahnung zum wievielten Mal ich die Worte nun lese, geschweige denn kann ich mich an die Kapitelüberschrift erinnern, doch im Grunde genommen ist es auch egal was in diesem dämlichen Buch steht, immerhin liege ich gerade Händchenhaltend bei Malfoy auf dem Sofa und ich habe keine Ahnung, welcher Hippogreif mich geritten hat, dass ich mich einfach in diese - zugegebener Maßen mehr als bequeme - Position manövriert habe.

Ich würde gerne wissen, was ihn so vollkommen aus der Bahn geworfen hat, doch ich glaube, ihn mittlerweile gut genug einschätzen zu können, um zu wissen, dass es keinen Sinn hat, weiter nachzubohren. Wenn ich eines beobachten konnte in den vergangenen Wochen, dann, dass Draco Malfoy viele Dinge zu allererst mit sich selbst ausmacht, ehe er sich dazu herablässt, mit jemandem zu sprechen. Oder besser gesagt, mit mir zu sprechen. Prinzipiell sind wir uns in diesem Punkt wohl ziemlich ähnlich, denn auch ich brauche erst mal Zeit für mich, wenn ich mir über etwas Gedanken mache.

Nachdem seine Wut allerdings beinahe schon greifbar war, habe ich beschlossen, dass ich irgendetwas tun muss und mir erschien diese Art und Weise am sinnvollsten. Ich kenne das von Harry, denn wie oft hat seine Wut ihn im letzten Jahr übermannt und das Einzige was ihm dabei geholfen hat, war Nähe. Jedoch war die Nähe zu Harry so komplett anders als das hier mit Malfoy und meine Konzentration ist gänzlich dahin, als ich seine Hand spüre, die einmal vorsichtig durch meine Haare fährt und anschließend mit einer Strähne davon spielt. Wir haben seit gefühlt einer Stunde kein Wort miteinander gesprochen und ich überlege gerade, ob ich nicht doch nochmal nachfragen sollte, als er plötzlich spricht.

„Theo ist offensichtlich ein Todesser oder zumindest wär er wohl gern einer", sagt er nachdenklich und ich klappe nun endlich mein Buch zu, da es ja doch nichts bringt, weiter darin zu lesen.

„Theodore Nott? Wie kommst du darauf? Ich meine, sei mir nicht böse, aber hättest du das nicht… ähm… wissen müssen, wenn es so ist?", frage ich ihn, während ich meinen Kopf etwas drehe um ihn anzusehen, doch sein Blick ist immer noch starr geradeaus gerichtet.

„In Slytherin stehen die Dinge anders. Während Voldemort an der Macht war, wusste keiner so richtig, wem genau man trauen konnte und wem nicht. Niemand hat sich öffentlich für eine bestimmte Seite bekannt. Aber selbst wenn ich geahnt hätte, dass Theo auf Voldemorts Seite stand, hätte ich nicht gedacht, dass er immer noch daran festhält." Seine Wut scheint verraucht zu sein und ist einem nachdenklichen Gesichtsausdruck gewichen.

„Und was genau hat er in der kurzen Zeit getan, als du in Slytherin warst, was dich so wütend gemacht hat?", will ich interessiert wissen und endlich sieht er zu mir hinunter und sein Ausdruck im Gesicht wird hart.

„Das Arschloch hat mir gedroht. Er meinte ich solle aufpassen, dass dir nichts passiert", schnaubt er und ich bin kurz ehrlich überrascht über diese Aussage, denn damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet, aber andererseits klingt das recht logisch, wenn ich genauer darüber nachdenke. Ich zucke mit den Schultern.

„Gut, dann mache ich um Nott wohl in Zukunft einen Bogen."

Draco starrt mich nun an, als hätte ich den Verstand verloren. „Du hast aber schon verstanden, dass er offensichtlich vorhat, dir irgendwas zu tun?"

„Ja, ich bin ja nicht bescheuert!", antworte ich ihm nun etwas eingeschnappt. „Aber ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass er hier in Hogwarts plötzlich hinter einer Rüstung hervor springt und mir einen Avada Kedavra auf den Hals jagt. Das hört sich jetzt vielleicht überheblich an, aber weder ein Basilisk noch ein Werwolf haben mich bisher klein bekommen. Geschweige denn die Zentauren, oder Riesen oder Drachen oder was mir in den letzten sieben Jahren sonst noch alles untergekommen ist. Deine Tante hat es nur fast geschafft und auch Nagini war nicht erfolgreich. Ganz abgesehen von Voldemort oder sonstigen Todessern. Meinst du ernsthaft, ich mache mir da unnötig Sorgen wegen so einem einzelnen Theodore Nott, der nicht mitbekommen hat, dass Voldemorts Regime nicht mehr existiert? Tut mir leid, aber das kann ich nicht für voll nehmen und im Grunde genommen glaube ich nicht, dass überhaupt eine Gefahr von ihm ausgeht. Wenn ich vor jedem Trottel Angst haben müsste, der was gegen Schlammblüter hat, dann hätte ich nichts Anderes mehr zu tun", lege ich ihm trotzig meine Gedanken dar und grinse, denn er weiß offensichtlich nicht so recht, was er dazu sagen soll. Aber es stimmt, ich werde jetzt auf keinen Fall anfangen, vor einem einzelnen Idioten Angst zu haben. So weit kommt es noch.

„Ich werde ihn trotzdem im Auge behalten…", sinniert er nun und offensichtlich ist das Thema nun durch, denn er beugt sich nun leicht vor und greift nach einem Buch und lächelnd stelle ich fest, dass er meine Hand weiterhin mit seiner verschränkt hält.

DRACO POV

Granger hat ganz eindeutig nicht mehr alle Latten am Zaun, denn ihrer Ansprache nach zu urteilen, sieht sie kein bisschen ein, sich von Nott bedrohen zu lassen und ich muss zugeben, dass das ziemlich beeindruckend ist und auf der anderen Seite auch ziemlich dumm. Aber ich werde jetzt nicht anfangen, mich mit ihr über Nott zu streiten, daher versuche ich, mich mit alten Runen abzulenken. Die nächsten Stunden verbringen wir größtenteils lernend und hin und wieder will sie zu einem Thema meine Meinung wissen doch irgendwann ist es jedoch Zeit fürs Abendessen. Ich habe eigentlich keine große Lust, in die große Halle zu gehen, da ich gut und gerne noch eine Weile ohne Theos Visage aushalten kann und die Tatsache, alleine mit Granger zu sein ist auch nicht allzu übel, doch früher oder später müssen wir wohl so oder so zurück in die Realität außerhalb des Partykellers, also machen wir uns auf und gehen schweigend nebeneinander her zum Abendessen.

Die Haustische sind verwaist und schon eine Handvoll der verbliebenen Schüler sowie Slughorn und McGonagall sitzen an einem großen runden Tisch, der vor den Lehrertischen aufgebaut wurde. Natürlich, in den Ferien sitzen Lehrer und Schüler zusammen, da sowieso nur noch wenige Schüler im Schloss verblieben sind. Ich erkenne zwei Hufflepuffs aus unserem Jahrgang, deren Namen ich nicht kenne, ein paar Gryffindors aus den unteren Klassen und auch aus Ravenclaw sind drei Schülerinnen aus der Fünften anwesend. Ein Zweitklässler aus meinem Haus sitzt ebenfalls schon am Tisch, direkt neben Nott, der emotionslos auf seinen Teller starrt und wahrscheinlich aus purer Höflichkeit Smalltalk mit Slughorn hält. Ich werfe einen schnellen Blick zu Granger, die mit gestrafften Schultern neben mir her geht und wir setzen uns wortlos auf die freien Plätze zur Rechen von McGonagall, die uns mit einem kritischen Blick beäugt.

„Miss Granger, Mister Malfoy!", ruft Slughorn freudig aus und dass er nicht noch in die Hände klatscht ist wohl reiner Zufall. „Wie schön, dass Sie beide uns zum Abendessen beehren. Ich hatte sie beim Mittagessen beinahe schon vermisst!"

Die alte McGonagall sieht mich an, als hätte sie eine Zitrone gegessen und ich befürchte, dass sie nach wie vor Angst hat, dass ich Granger um die Ecke bringe. Diese meldet sich nun jedoch zu Wort und packt sich währenddessen ein paar Kartoffeln auf ihren Teller.

„Wir haben wohl vor lauter Prüfungsvorbereitungen das Mittagessen verpasst, Professor."

Ich zucke kurz beim Klang von Theos abfälligem Schnauben zusammen und hoffe, dass das keiner bemerkt hat. Slughorn schenkt uns einen wohlwollenden Blick und mir wäre es mehr als recht, wenn das Thema nun vom Tisch wäre, doch McGonagall macht mir einen Strich durch die Rechnung.

„Das ist wie immer sehr löblich, Miss Granger, dass Sie sich auf Ihre Abschlussprüfungen vorbereiten. Mich überrascht jedoch, dass Sie beide offensichtlich einen Weg gefunden haben, die Hausfeindschaften hinter sich zu lassen?"

Mein Blick fällt auf Nott und ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit, bei dem ich nicht weiß, wie ich es zuordnen soll. Fakt ist, dass er momentan eine gewisse Gefahr darstellt, auch wenn Granger das partout nicht wahrhaben möchte.

„Nun ja, es ist…", setzt Granger an, doch ich falle ihr nonchalant ins Wort.

„Professor, ich bezweifle, dass Slytherin und Gryffindor jemals die Hausfeindschaft hinter sich lassen werden. Bei aller Liebe, aber schließlich zwingen die Professoren einen ja gerade dazu, miteinander auszukommen, doch ich glaube nicht, dass dieses System aufgeht", versuche ich so teilnahmslos wie möglich zu klingen. Um meinen Worten den nötigen Ausdruck zu verleihen, schieße ich einen spöttischen Blick auf Granger ab, die mich nur ungläubig anstarrt. Wenn ich allerdings die Wahl zwischen Grangers Zorn und einem unzurechnungsfähigem Todesser habe, nehme ich Ersteres.

Auf meine kühle Äußerung hin herrscht für eine kurze Weile eisiges Schweigen am Tisch, doch nach und nach nehmen die Anwesenden wieder ihre Gespräche auf und ich beginne kommentarlos mein Abendessen in mich hinein zu schaufeln. Der Appetit ist mir jedoch vergangen.

Nach und nach löst sich die Runde auf und ich trödle mit Absicht etwas herum, damit Nott ebenfalls schon weg ist, ehe ich mich erhebe. Kurz schaue ich auf Granger hinunter, die jedoch keine Anstalten macht, aufzustehen und die mir einen wütenden Blick schenkt, der mich mehr trifft als ich zugeben möchte. Mir ist schon klar, was ihr anscheinend sauer aufgestoßen ist, doch was stellt sie sich vor? Natürlich versuche ich, Theo keine Angriffsfläche zu bieten und ihr sollte das eigentlich bewusst sein.

HERMINE POV

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr Malfoy mich nervt aber gleichzeitig ein mittlerweile konstantes Kribbeln in meinem Bauch hervorruft. Aktuell bin ich jedoch sehr geneigt, dem genervten Gefühl die Oberhand zuzugestehen. Seine Klarstellung zum Thema Gryffindor-Slytherin hat mir ungewollt einen kleinen Stich verpasst, weshalb ich mit Absicht sitzen bleibe und ein Gespräch mit der blonden Drittklässlerin aus meinem Haus anfange, obwohl ich nicht mal weiß, wie dieses Mädchen eigentlich heißt.

Im Augenwinkel registriere ich, dass er sich abwendet und durch die Tür der großen Halle verschwindet. Ich zwinge mich, noch eine Weile sitzen zu bleiben und nicht direkt hinterher zu gehen, doch irgendwann muss ich gezwungenermaßen ebenfalls die große Halle verlassen. Es wundert mich kein bisschen, dass Malfoy noch davor steht, an die Wand gelehnt und die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und ich könnte ihm eine Ohrfeige verpassen. Dafür, dass er so ein gutaussehender Mistkerl ist.

„Granger…", fängt er an, doch ich habe keine Lust, mich noch weiter mit ihm auseinander zu setzen.

„Spars dir einfach, Malfoy. Ernsthaft", unterbreche ich ihn doch mein Plan, ihn einfach stehen zu lassen und in den Gryffindorturm zu gehen, scheitert kläglich, denn meine Beine wollen einfach nicht gehorchen und verraten mich, indem sie sich keinen Meter weiter bewegen. Malfoy grinst wissend und stößt sich von der Wand ab und ist nach zwei Schritten schon bei mir.

„Was willst du noch hier, ich dachte du stehst so auf die Feindschaft zwischen Gryffindor und Slytherin?", ätze ich ihm entgegen und recke kampflustig mein Kinn nach vorne, was ihm ein abwertendes Schnauben entlockt.

„Sind wir da nicht langsam mal drüber, Granger?", raunt er und seine raue Stimme veranlasst die feinen Härchen in meinem Nacken dazu, sich sofort aufzustellen, doch ich kratze meinen letzten Rest an Selbstbeherrschung zusammen und verschränke schützend meine Arme vor meinem Körper und beschränke mich darauf, ihn wütend anzufunkeln.

Er schüttelt den Kopf und rollt seinerseits offensichtlich genervt mit den Augen und ich denke mir kurz, dass das irgendwie unpassend bei ihm aussieht, doch lange kann ich an diesem Gedanken nicht festhalten.

„Ich werde nicht so blauäugig sein und Theo auch noch in die Hände spielen!"

„Wie du weißt ist es mir scheißegal was dieser Möchtegern-Todesser denkt. Meinst du nicht, dass du etwas übertreibst?", will ich wohl etwas zu überheblich wissen, denn seine Augen verdunkeln sich augenblicklich und er scheint nun wütend zu werden.

„Mir ist das aber nicht scheißegal! Ich habe nicht vor, ihm einen Anlass zu geben, dass er tatsächlich noch auf die Idee kommt, irgendwas zu planen! Und solange ich nicht weiß, ob von ihm eine Gefahr ausgeht oder nicht, werde ich vorsichtig sein, weil…", bricht er mitten im Satz ab und ich bohre nach.

„Weil?"

„Verdammt Granger! Es reicht doch wirklich, dass du wegen mir schon mal auf der Krankenstation gelandet bist. Muss ich dir tatsächlich noch sagen, dass ich dich nicht nochmal in Gefahr bringen möchte?"

Ich weiß nicht was ich auf diese Äußerung antworten soll, außer, dass Malfoy mich auf eine Art und Weise verwirrt, die ich weder verstehe, noch nachvollziehen kann. Ich werde langsam wahnsinnig, weil ich nicht weiß, woran ich bei ihm eigentlich bin. An einem Tag sagt er, das alles führt zu nichts, am anderen küsst er mich um den Verstand nur um sich jetzt wieder mit mir zu streiten weil er sich offensichtlich Sorgen macht. Ich seufze.

„Ja, vielleicht musst du mir das tatsächlich noch sagen. Ich habe nämlich nach wie vor keinen Schimmer, was das hier…" Ich gestikuliere mit meiner Hand von mir zu ihm und wieder zurück um meine Worte zu unterstreichen. „…eigentlich ist. Also klär mich auf! Vielleicht verstehe ich dann, was das alles soll und warum du dich manchmal wie ein Idiot verhältst!"

„Und da dachte ich tatsächlich, du seist clever!", zieht er mich auf, während er einen weiteren Schritt auf mich zumacht und im gleichen Moment eine seiner Hände an meine Wange legt. Ehe ich protestieren kann liegen seine Lippen schon auf meinen und meine innere Anspannung löst sich in Luft auf, doch kaum habe ich mich näher an ihn gedrängt, da löst er sich auch schon wieder von mir und ich komme nicht umhin, kurz frustriert aufzustöhnen.

„Gute Nacht, Granger", sagt er, ehe er auf dem Absatz kehrt macht und in Richtung Kerker davon geht. Ich schüttle kurz den Kopf über diesen seltsamen Abgang und mache mich dann meinerseits auf den Weg in den Gryffindorturm.

Besonders weit komme ich allerdings nicht, denn bereits im zweiten Stock werde ich abgefangen und beinahe muss ich wegen der unbestreitbaren Ironie lachen, als Theodore Nott doch tatsächlich hinter einer Statue hervortritt, seinen Zauberstab in der rechten Hand auf mich gerichtet.

„Hallo Granger", sagt er und obwohl ich zu Draco gesagt habe, dass ich mich nicht vor einem einzigen lächerlichen Möchtegern-Todesser einschüchtern lasse, schrillen doch sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf und meine Hand zuckt zu meinem Gürtel an dem ich meinen Zauberstab befestigt habe. „Das würde ich an deiner Stelle lassen." Ich lasse meine Hand wieder sinken und starre ihn wütend an.

„Und was verschafft mir die Ehre?", will ich daraufhin von ihm wissen, während ich meine Arme vor meinem Körper verschränke und mich angriffslustig vor ihm aufbaue, was zugegebener Maßen nicht sonderlich beeindruckend wirken muss, da der Typ etwa zwei Köpfe größer ist als ich.

Nott schüttelt nur belustigt den Kopf und kommt einen Schritt auf mich zu. Ein gehässiges Grinsen ziert sein Gesicht und ich schaue mich kurz um, aber natürlich ist keine Menschenseele in diesem verfluchten Gang unterwegs. Ich könnte versuchen zu schreien aber vermutlich würde das nicht viel helfen. Krampfhaft versuche ich mir sämtliche Selbstverteidungsgriffe ins Gedächtnis zu rufen, die ich jemals gekannt habe, aber im Prinzip kann ich nicht viel ausrichten, solange er seinen Zaberstab auf meinen Brustkorb gerichtet hat.

„Reicht es dir nicht, Granger, dass ihr den dunklen Lord beseitigt habt? Musst du dich jetzt auch noch den freigesprochenen Todessern annehmen?"

Was redet er da? Er macht nicht den Eindruck als sei er irgendwie verrückt geworden, was die Sache ganz und gar nicht besser macht. Im Gegenteil, er sieht sogar sehr entschlossen aus und ich trete instinktiv einen Schritt zurück. Vermutlich sollte ich irgendetwas tun, doch mir fällt momentan so rein gar nichts ein, außer, ihn mit Worten in Schach zu halten.

„Sag mal Nott, ich wusste nicht dass du ein Todesser warst. Draco war im Übrigen auch überrascht, darum frage ich mich was das hier nun soll? Ich meine, Voldemort ist tot und es wäre eigentlich an der Zeit, jetzt in Frieden weiter zu leben, findest du nicht auch?"

„Sei ruhig, Granger!", faucht er nun, doch ich denke gar nicht daran.

„Nein, erklär es mir! Was treibt dich noch an? Ich meine, selbst Draco hat offensichtlich verstanden dass der Krieg vorbei ist und…"

„Silencio!"

Kein Wort kommt mehr über meine Lippen und nun wäre es wohl an der Zeit, doch ein wenig panisch zu werden, denn Nott hat mir soeben meine Stimme genommen und das kann keinesfalls etwas Gutes bedeuten.

„Malfoy…", setzt er an und verzieht bei Dracos Namen angewidert das Gesicht. „…ist ein verwöhnter Bastard, der lediglich seinen eigenen Arsch retten wollte. Aber Granger, glaub mir, tief in seinem inneren hasst er euch dafür, dass ihr dazu beigetragen habt, seine Eltern nach Askaban zu verfrachten und du weißt genauso gut wie ich, dass ein dreckiges Schlammblut lediglich ein netter Zeitvertreib für ihn ist, bestenfalls gut genug für einen schnellen Fick."

Seine Worte kommen wie Peitschenhiebe über seine Lippen und ich zucke kaum merklich zusammen und irgendwo in mir drin weiß ich, dass er mich damit nur verletzen möchte, doch trotzdem trifft mich diese Aussage. Und er macht mich wütend, so sehr, dass ich ihm am liebsten meine Faust ins Gesicht schlagen möchte, doch da er immer noch seinen Zauberstab auf mich richtet, wäre das keine so gute Idee. Stattdessen präsentiere ich ihm ganz untypisch für mich meinen Mittelfinger, schenke ihm einen eindeutigen Blick dazu und setze mich in Bewegung um mich an ihm vorbei zu drängen, nicht ohne ihn mit Absicht noch anzurempeln. Was will er schon machen? Mir einen unverzeihlichen hinterher schicken? Unwahrscheinlich, da er sonst auf direktem Weg ebenfalls nach Askaban wandert. Doch kaum bin ich an ihm vorbei, schnellt mein Kopf nach hinten und ein stechender Schmerz fährt durch meinen Kopf, denn Nott hat sich offensichtlich dazu entschlossen, mich an meinen Haaren zu packen und mich zurück zu ziehen und aus Reflex schreie ich auf, was natürlich dank dem Zauber der auf mir liegt nicht zu hören ist und mit meinen Hände fasse ich hinter mich und umklammere seinen Arm, mit dem er mich am Weitergehen hindert, doch sein Griff ist fest und ich bekomme ihn nicht einfach abgeschüttelt.

„Wo willst du denn hin, Granger? Ich glaube wir waren noch nicht fertig."

Ich möchte mich Übergeben, als ich seinem warmen Atem an meinem Ohr spüre, doch soweit kommt es nicht, denn Nott gibt mir einen unsanften Stoß und ich lande an der nächsten Wand. Seine Hand, die er gerade noch dazu benutzt hat, um mich an meinen Haaren zurück zu ziehen, greift nun um meinen Hals und fixiert mich so an dem rauen Gemäuer in meinem Rücken. Ich versuche ihn zu treten, jedoch ohne Erfolg. Immer direkt dahin, wo es weh tut höre ich die Stimme meines Vaters in meinem Kopf, doch das ganze hört sich in der Theorie meist einfacher an, als es eigentlich ist, denn erstens ist er viel größer und zweitens noch um einiges kräftiger als ich.

Ich bekomme kaum noch Luft und meine Finger verkrallen sich mittlerweile in seinem Unterarm, da ich versuche seine Hand von meinem Hals zu bekommen. Das hier sieht ganz und gar nicht gut für mich aus und obwohl ich gesagt habe, dass ich keine Angst vor Nott habe, ist nun der Moment gekommen, in dem ich meine Meinung revidiere.