14. Brausepulver im Bauch
Januar
Rokko trommelte nervös mit den Fingern auf den
Schreibtisch ein. Wieder knüllte er einen Entwurf zusammen und
warf ihn in den Papierkorb, der mittlerweile überquoll.
Er
lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss die Augen.
Versonnen dachte er an die ersten Januar-Tage zurück. Es war
fast wie damals, als sie das erste Mal bei Kerima zusammengekommen
waren!
Lisa und er hatten den ganzen Tag miteinander
herumgealbert, lange Spaziergänge gemacht und noch längere
Gespräche geführt. In manchen Momenten fühlte es sich
an, als wären sie nie getrennt gewesen.
Am 6. Januar
musste Lisa nach Hannover zurück – die Arbeit rief! Und seit
dem Augenblick, in dem Lisa ihm ein letztes Mal aus dem Zugfenster
zuwinkte, wurde Rokko immer unruhiger und hektischer.
Sie
telefonierten zwar jeden Abend stundenlang miteinander, aber das
reichte ihm nicht.
Er wollte in jeder Stunde des Tages in ihrer
Nähe sein, ihr Lachen hören und sie berühren können.
Schlimm war, dass er auch in seinem Job total aus dem Ruder
lief.
Seine Kollegen konnten ein Lied davon singen! 5 Tage ohne
Lisa hatten den eloquenten Werbeprofi in eine rastlose und überdrehte
Nervensäge verwandelt!
An diesem Freitag wurde es André
schließlich zu bunt – er wusste zwar von der Versöhnung
mit Lisa, aber was zuviel war, war zuviel! André führte
einige Telefonate und Gespräche mit einem seiner Grafiker, dann
marschierte er in Rokkos Büro.
Mit einem „Rokko, so geht
das nicht weiter mit Dir", stürmte er das Büro.
Rokko
fiel vor Schreck der Kugelschreiber aus der Hand.
„W-w-was
meinst Du?", er sah André verwirrt an.
„Ich meine, dass Du Dich seit einer Woche aufführst wie der totale Anfänger! Keine neuen Ideen, kein Pep – und das wenige, was Du fertig bekommst, könnte jeder Grundschüler besser!", ärgerlich ließ sich André in den Sessel vor Rokkos Schreibtisch fallen, „Und was noch schlimmer ist, Du machst mit Deiner momentanen Untauglichkeit auch noch Deine Kollegen verrückt! So kann es echt nicht weiter gehen!"
„Verdammt, was soll ich
denn machen? Urlaub nehmen?", auch Rokkos Tonfall wurde gereizter.
„Hey, vergreife Dich nicht im Ton! Ich bin immer noch Dein
Chef!", Andrés Stimme bekam einen bedrohlicheren Ausdruck.
„Urlaub! Das ich nicht lache! Mal ganz davon abgesehen, dass Du
gerade Urlaub hattest! Nein, Du wirst ab Montag härtet arbeiten
als je zuvor! Du wirst ´ranklotzen, bis die Schwarte kracht, um
genau zu sein!"
Rokko begann unruhig, auf seinem Sessel hin und her zu rutschen – Ärger mit André, dass konnte er jetzt wirklich nicht gebrauchen!
„Hör mal, sorry, war nicht so gemeint!"
„Nix da, Du wirst in diesem Monat mit
Arbeit zugedeckt, bis Du um Gnade flehst! Aber nicht hier in
Hamburg... ",
Andrés bisheriger grimmiger
Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig in ein breites
Grinsen,
„...sondern in Hannover! Frau Johanson stellt Dir ein
Büro im Verlag zur Verfügung und Jens wird hier Deine
Anweisungen koordinieren. Dank der modernen Technik ist das ja kein
großes Probl...", weiter kam André nicht. Rokko war
aufgesprungen und umarmte ihn vor lauter Begeisterung.
„Wie
kann ich Dir nur danken!"
„Lass mal gut sein! Ich hatte
vorhin ein längeres Gespräch mit Frau Johanson. Wie es
scheint, läuft Deine Lisa in Hannover genauso neben der Spur wie
Du hier! Und bevor wir uns alle von Euch zwei Verliebten die Laune
verhageln lassen, tackern wir Euch Turteltäubchen lieber für
eine Weile zusammen!", André lachte.
„Melde Dich am
Montag aus Hannover bei mir, dann besprechen wir alles weitere! So,
und jetzt sieh zu, dass Du Land gewinnst! Dienstfahrten gehören
schließlich zur Arbeitszeit – und ich habe keine Lust, Dir
noch mehr Überstunden zu bezahlen!", mit einem Augenzwinkern
verließ André das Büro.
Rokko ließ
sich das nicht zweimal sagen! In Windeseile packte er alle
notwendigen Unterlagen zusammen und schoss dann mit einem seligen
Grinsen auf dem Gesicht aus dem Büro.
Eine weitere Stunde
später bog er, die vollen Reisetaschen im Kofferraum, auf die
Autobahn Richtung Süden.
Aus dem Radio plätscherte
Musik und Rokko summte entspannt die Melodie mit. Drei Wochen mit
Lisa lagen vor ihm! Er konnte es noch gar nicht glauben!
Knapp
zwei Stunden später fuhr er auf das Firmengelände des
Johanson-Verlages. Er parkte seinen Wagen und ging mit der
Aktentasche unter dem Arm in das Gebäude. Am Empfang nannte er
seinen Namen.
„Ah, Herr Kowalski, herzlich willkommen bei
Johansons! Sie werden bereits erwartet! Man wird Sie gleich abholen.
Möchten Sie solange in unserem Wartebereich Platz nehmen?",
die Empfangsdame lächelte ihn freundlich an und deutete auf eine
Sitzecke in der Aula.
Nicken dankte er und schlenderte zu den
Sesseln.
Schmunzeln dachte er daran, dass ein kleiner Crash-Kurs
bei dieser Dame der guten alten Sabrina sicher nicht geschadet hätte.
Kaum das Rokko sich gesetzt hatte, kam die Generalin ihm mit
weit ausgestreckten Armen entgegen: „Mein lieber Herr Kowalski!",
sie ergriff seine Hände und sah ihn strahlend an, „sind das
nicht wundervolle Umstände, unter denen wir uns wiedersehen?"
„Ja,", er lächelte sie freudig an, merkte aber auch,
dass er bei ihrer herzlichen Begrüßung in aller
Öffentlichkeit leicht rot wurde, „die Umstände sind
allerdings wundervoll!" Lisa hatte ihm erzählt, wie nah Olga
Johanson ihr stand, daher wunderte er sich nicht, dass sie über
alles Bescheid wusste.
„Na kommen Sie, ich werde Ihnen Ihr
Büro zeigen! Lisa ist auf einem Außentermin. Sie weiß
noch gar nicht, dass sie hier sind! Wir werden sie nachher zuhause
treffen. Ich stelle ihnen natürlich ein Gästezimmer zur
Verfügung!", Olga hatte sich bei Rokko untergehakt und
plauderte munter darauf los. Sie zog ihn sanft zu einem –
Paternoster! Rokko traute seinen Augen kaum! Die Verwaltung des
Verlages gehörte tatsächlich noch zu den altehrwürdigen
Bürogebäuden, in denen noch ein solches steinzeitliches
Monstrum eingebaut war!
Klappernd brachte sie ihr Gefährt in
den vierten Stock. Dort führte Olga ihn weiter in einen
großzügigen Vorraum, in dem eine Frau an einem
Schreibtisch vor einer großen Doppeltür saß.
„Frau
Fischer, meine Sekretärin, Herr Kowalski, unser PR-Mann in
Sachen Anna!", stellte sie einander vor – und mein Mann in Sachen
Lisa, dachte sie bei sich.
„So, und nun zeige ich Ihnen mal Ihr
provisorisches Reich!" Sie zog ihn zur inneren der beiden
Längswänden des Raumes und öffnete die hintere der
beiden Türen: „Bitte!"
Bevor er in sein neues Büro
ging, schielte Rokko noch kurz auf das Namenschild an der zweiten
Tür. Sein Herz machte einen kleinen Sprung: „E. M. Plenske"
stand dort!
„Richten Sie sich in Ruhe ein, Herr Kowalski! Ich habe noch ein paar Vorbereitungen zu treffen. In eine halben Stunde hole ich sie wieder ab."
Rokko baute sein Notebook
auf und platzierte noch einig Unterlagen auf dem Schreibtisch, dann
versank er in Gedanken. Als Olga ihn abholte, saß er immer noch
verträumt in seinem Sessel und grinste die Luft an.
„So,
Herr Kowalski, lassen Sie uns gehen! Lisa ist sich auch schon
zuhause!", Olga stand lachend in der Tür, „Sie werden mich
doch chauffieren?"
„Es ist mir eine Ehre!", Rokko schnappte
seinen Mantel und verließ mit Olga den Verlag.
Als sie
eine halbe Stunde später die Villa Johanson erreichten, staunte
Rokko nicht wenig. Er wusste von Lisa, dass Olgas Haus groß
war. Aber so groß? Gegen seinen Willen beeindruckt folgte er
Olga in das Gebäude. Die Haushälterin empfing sie und nahm
ihre Mäntel in Empfang.
„Danke! Ist Frau Plenske schon zu
Hause?"
„Ja, vor eine Viertelstunde. Sie ist im Gartenhaus."
„Gut! Seien Sie bitte so gut und zeigen Sie Herrn Kowalski sein
Gästezimmer. Und Sie, Herr Kowalski, möchte ich bitten,
mich in zehn Minuten hier wiederzutreffen."
Rokko stellte nur
kurz die Taschen in seinem Zimmer ab und ging dann wieder hinunter in
die Halle, wo Olga bereits auf ihn wartete.
„Sehr schön!",
Olga lächelt und rieb sich die Hände, „So, Herr Kowalski,
Sie erlauben mir doch, dass ich Lisa eine kleine Überraschung
bereite?"
Rokko nickte. Olga führte ihn in das angrenzende
Wohnzimmer und griff zum Telefon.
„Ich werde Lisa jetzt anrufen
und sie bitten, herüberzukommen. Sie warten hier!", die alte
Dame verlies den Raum.
Rokko schmunzelte, ging zum Kamin und sah
sich um. Dieser Raum strahlte so viel Gemütlichkeit aus, dass er
sich sofort heimisch fühlte. Auf einem kleinen Tisch stand ein
Teller mit Fingerfood und eine Flasche Champagner mit zwei Gläsern.
Rokko grinste und schüttelte amüsiert den Kopf – Olga
Johanson dachte scheinbar an alles!
Erwartungsfroh heftete sich
sein Blick dann an die Tür, hinter der Olga verschwunden war.
Zehn Minuten später war es soweit: Die Tür ging auf und
Lisa betrat, geschäftig in ein paar Unterlagen in ihren Händen
blätternd, der Raum. Rokko räusperte sich und Lisa hob den
Kopf.
Die Unterlagen fielen zu Boden und nach einer
Schrecksekunde flog sie in seine Arme – so heftig, dass er um ein
Haar nach hinten übergekippt wäre.
„Whow, Lisa,
willst Du mich umhauen?", Rokko lachte ausgelassen.
Mit
einem letzten Blick auf das junge Paar, das sich nun glücklich
in den Armen lag, zog Olga die Tür von außen zu.
Sie
würde die zwei heute abend nicht mehr stören – frühes
Zubettgehen mit einer Tasse Tee und einem guten Buch hatte auch seine
Vorteile!
Die nächsten Wochen vergingen wie im Fluge.
Rokko und Lisa lebten wie auf Wolke 7 und sie schienen auch ihre
ganze Umgebung mit ihrem Glück anzustecken.
Ihr Tagesablauf
begann in der Regel damit, dass sie gemeinsam mit Olga frühstückten
und dann alle zusammen in den Verlag fuhren.
Rokko war von dessen
Mitarbeitern herzlich aufgenommen worden.
Alle sahen, dass er
ihre „traurige Kronprinzessin" – das war der Name, den sie Lisa
schon vor Monaten heimlich gegeben hatten – glücklich machte
und alle erfreuten sich daran.
Die Arbeit an „Anna" ging
flott voran und Rokko hatte neben seiner PR-Arbeit auch noch die
Aufgabe übernommen, mit Lisa zusammen die endgültigen
Illustrationen für die Bände auszuwählen.
Fast
täglich führten er, Olga und Lisa mit André und Jens
in Hamburg Telefonkonferenzen ab, um die Fortschritte zu
koordinieren.
Am zweiten Samstag nach Rokkos Ankunft stand Olga am Fenster des Wohnzimmers und beobachtete lächelnd das junge Paar, das sich im Garten unbeschwert eine Schneeballschlacht lieferte.
Seufzend dachte sie daran, dass sie den beiden irgendwann mal beichten müsste, dass ihr Wiedersehen nicht zufällig geschehen war. Aber noch war es zu früh dafür!
Der Umgang der beiden miteinander war trotz allem Schönen
in vielem auch immer noch sehr scheu und vorsichtig, als könnten
sie immer noch nicht glauben, was in den letzten Wochen geschehen
war.
„Bei aller Verliebtheit steht immer noch David Seidel
zwischen ihnen.", dachte Olga traurig.
Sie mussten noch
begreifen, dass ihnen das große Glück nun nicht mehr durch
die Finger rinnen würde.
Lisa und Rokko indes genossen
die sorglosen Tage aus vollen Zügen. Langsam näherten sie
sich wieder einander an und jeder zarte Kuss, jede liebevolle
Berührung ließ die Schmetterlinge in ihnen tanzen.
Die
Abende verbrachten sie oft zusammen mit Olga in deren Wohnzimmer und
ließen sich von ihr Geschichten aus ihrem Leben erzählen.
Ein- oder zweimal gingen sie aus. Die meiste Freizeit verbrachten sie
jedoch unter sich und genossen die Zweisamkeit.
Einzig der
allabendliche Abschiedskuss, bevor Rokko in sein Zimmer ging, tat
beiden weh.
Beide wünschten sich nichts mehr, als Arm in Arm
einzuschlafen und nebeneinander wieder aufzuwachen.
Aber noch war
in Rokko eine unsichtbare Mauer, die die Nähe zu der Frau, die
er liebte, nur in Raten zuließ.
Viel zu schnell waren
die drei Wochen vorüber. Am letzen Sonntagnachmittag im Januar
standen die beiden traurig an Rokkos Auto und hielten sich an den
Hände. Olga stand etwas abseits.
„Hey!", Rokko fasste
Lisa liebevoll am Kinn und sah sie an, „Nicht traurig sein! In zwei
Wochen bist Du ja wieder bei mir! Dann machen wir uns ein paar
wunderschöne Tage in Hamburg, ja?"
Lisa nickte tapfer und
schluckte die Tränen hinunter. Sie tauschten noch einen
zärtlichen Abschiedskuss, dann stieg Rokko in den Wagen und fuhr
ab. Er hasste Abschiede!
Olga ging die paar Schritte auf Lisa zu, nahm sie in den Arm und führte sie ins Haus.
