13. Januar – Rowena Ravenclaw

Gwendolyn, eine hübsche und neugierige Zweitklässlerin aus dem Hause Ravenclaw, war auf der Suche nach einem bestimmten Portrait. Die Graue Dame hatte ihr nach langem Betteln verraten, dass sie es hier auf dem Gang finden würde. Doch bisher hatte sie wenig Erfolg gehabt.

„Mrs Ravenclaw?", flüsterte sie in den Gang. „Rowena Ravenclaw?" Mutig trat sie weiter in den verstaubten, dunklen Korridor. „Mein Name ist Gwendolyn May und ich bin in Ihrem Haus. Ich habe nur kurz eine kleine Frage."

Plötzlich vernahm sie ein Seufzen und drehte sich erschrocken zu ihrer rechten Seite. Dort war sie – Rowena Ravenclaw – in all ihrer Pracht stand sie in einem nahezu lebensgroßen Portrait und blickte mit ihren grauen Augen auf das Mädchen herunter. Sie trug ein langes, blaues Kleid, ein Schwert am saphirbesetzten Gürtel und ein Adlerdiadem auf dem langen, schwarzen Haar. „Was ist dein Begehren?", fragte sie gebieterisch.

Gwendolyn verneigte sich leicht, bevor sie erwiderte: „Ich wollte von Euch persönlich erfahren, wie die Gründung Hogwarts vonstattenging." Sie hatte sich automatisch an den ehrwürdigen Stil ihrer Hauspatronin angepasst.

„Die Gründung?", meinte Ravenclaw und ein schiefes Lächeln spielte auf ihren Lippen. „Vor über tausend Jahren beschlossen die vier größten Zauberer und Hexen – Salazar Slytherin, Godric Gryffindor, Helga Hufflepuff und meine Wenigkeit – eine Schule zu gründen, um die Heranwachsenden in ihren Studien zu unterstützen. Doch schon bald stellte sich heraus, dass ein jeder von uns eine andere Tugend wertschätzte und wir erschufen die vier Häuser und begannen, die Schüler und Schülerinnen einzuteilen. Um dies auch nach unserem Tod gewährleisten zu können, erschufen wir den Sprechenden Hut. Hast du noch weitere Fragen?"

„Gab es so etwas wie eine Aufgabenverteilung oder habt ihr alles zusammengemacht?", konnte Gwendolyn ihren Wissensdrang nicht zügeln. Sie hatte jedes Buch in der Bibliothek über die Gründung Hogwarts gelesen, doch ein Augenzeugenbericht war bei Weitem besser.

Doch Ravenclaw antwortete gutmütig. „Helga kümmerte sich um die Innenarchitektur, Salazar um den Untergrund, Godric um die Ländereien und ich mich um die Türme. Daher sind die Slytherins auch im Kerker untergebracht, während die Ravenclaws im höchsten Turm wohnen dürfen." Sie sah aus, als habe sie alles gesagt, doch Gwendolyn hatte noch eine letzte Frage.

„Seid Ihr zufrieden mit der Schule, wie sie heute ist?"

Ravenclaw dachte einen Moment darüber nach. „Ja", erwiderte sie schließlich. „Professor Dumbledore leitet die Schule nach bestem Wissen und Gewissen. Und auch die Schüler und Schülerinnen meines Hauses benehmen sich ihrer Tugend angemessen." Sie nickte der Zweitklässlerin zu.

„Ich danke Euch", verneigte sich Gwendolyn zum Abschied. „Ich bin stolz, in Eurem Haus sein zu dürfen und ich verspreche Euch, mein absolut Bestes zu geben."

„So soll es sein", sagte Ravenclaw warmherzig.

Gerade als Gwendolyn den Korridor mit den eingestaubten Bildern verlassen wollte, hielt Ravenclaw sie auf.

„Miss May, es ist eine große Weisheit, sich sein Wissen von der zuverlässigsten Quelle, die vorhanden ist, zu holen. Sie dürfen mich gerne wieder etwas fragen, wenn Sie etwas wissen wollen, und wenn ich die Antwort weiß, werde ich sie Ihnen gerne überlassen."

„Ich danke Euch", sagte Gwendolyn gerührt und ging.

Rowena seufzte in den leeren Gang. Sie hoffte, dieses Mädchen würde bald wiederkommen und sie von ihrer Einsamkeit ablenken…