14. Zwischen den Fronten
Auf dem Weg von Lupins Gemächern zum großen Saal schwirrte Harry der Kopf von den Dingen, die er gerade erfahren hatte. Er war heilfroh, dass es Sonntag war, denn nach all dem hätte er sich unmöglich auf den Unterricht konzentrieren können. Andererseits wäre er dann ein wenig abgelenkt gewesen. Er verharrte einen Moment an einem der großen Fenster, von dem aus man eine wundervolle Sicht auf die verschneiten Gründe von Hogwarts hatte. Sogar bis zu Hagrids Hütte konnte man von hier aus blicken und ihn überkam ein wohliges Gefühl, als er sah, dass Rauch aus dem Schornstein aufstieg. Er war froh, dass Hagrids Zuhause in dessen Abwesenheit nicht unbewohnt war. Seine Gedanken wanderten zu Charlie und er hoffte, dass der inzwischen über die Enttäuschung hinweggekommen war, dass einige der Mädchen ihn nicht nur als Lehrer verehrten.
Harry fühlte die Müdigkeit der vergangenen Nacht in sich aufsteigen. Er hatte wieder einmal kaum geschlafen und dann dieser Traum … jetzt bei Tageslicht kam er ihm lange nicht so schrecklich und real vor, wie mitten in der Nacht, aber die Erinnerung war unangenehm genug, um ihm Schauer über den Rücken zu jagen. Tief in sich wusste er, dass weder Cedric noch seine Eltern ihm Vorwürfe dafür machen würden, dass sie gestorben waren, aber dennoch war die Vorstellung eine der verborgenen und tief sitzenden Ängste seines Lebens. Er setzte sich auf die Fensterbank und zog fröstelnd die Beine an. In der Eile hatte er vergessen, Dracos Pullover mit dem eingewebten Wärmezauber überzustreifen, den er in letzter Zeit fast immer trug.
Er wünschte sich plötzlich, jemanden zu haben, mit dem er wirklich über alles hätte reden können. Schon lange gab es nicht mehr einen Menschen, dem er alles was ihn beschäftigte anvertrauen konnte. Auch wenn er jetzt Freunde hatte, war er im Grunde immer noch oft einsam. Auch Sirius hatte ihm heute gezeigt, dass er Geheimnisse vor ihm hatte. Außerdem nahm Harry es ihm übel, dass er den Verdacht gegen Draco auch nur angedeutet hatte. Harry war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er zu den letzten Sitzungen des Phoenix-Ordens nicht eingeladen worden war, weil er zu wenig Zeit gehabt hatte. Gab es vielleicht noch einen anderen Grund? Vertraute man ihm vielleicht nicht vollkommen und glaubte, dass er Informationen weitergegeben hatte?
Nun, sollten sie glauben, was sie wollten, dachte Harry trotzig. Er wusste, dass er nichts ausgeplaudert hatte. Er hatte Draco nichts erzählt und auch sonst niemandem. Die undichte Stelle musste eine andere sein. Und Sirius' Information, dass Voldemort einen neuen Diener hatte, schockierte Harry nicht so sehr, wie Sirius vielleicht gedacht hatte. Es war zu erwarten gewesen und es war falsch, jetzt so zu tun, als wäre das eine große Überraschung. Voldemort hatte noch immer viele Anhänger und da es ihnen wieder nicht gelungen war, ihn ganz und gar zu vernichten, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bevor er wieder einen Verbündeten fand. Es war jetzt einfach nur wichtig, ihn zu finden und auszulöschen, bevor er wieder an Macht gewann. Wenn er nur eine Ahnung hätte, wo…
Die Gedanken begannen sich wieder in Harrys Kopf zu drehen, wie ein großes Rad. Er brauchte irgendetwas, um sie anzuhalten. Er brauchte jemanden, der Abstand von alledem hatte und der ihn vor allem nicht mit Fragen oder Vorwürfen, die Draco betrafen löchern würde. Früher war Hagrid derjenige gewesen, der immer ein wenig Normalität in sein Leben hatte bringen können. Bei ihm hatte er eine Weile vergessen können, dass er eine Narbe auf der Stirn hatte, die ihn auf ewig daran erinnern würde, dass er etwas Besonderes war. Er hatte einfach am Kamin sitzen und Kakao trinken können, wie ein ganz normaler Junge und Hagrids Geschichten von dessen Abenteuern mit seinen geliebten Kreaturen lauschen können. Sehnsüchtig sah er zu Hagrids Hütte, in der jetzt Charlie wohnte. Charlie … Harry dachte einen Moment lang nach. Ob Rons Bruder wohl etwas dagegen haben würde, wenn er ihn in seiner Hütte besuchte? Er hatte das Gefühl, dass ihm jetzt gerade nur Hagrids Hütte helfen konnte, seine Gedanken zu ordnen.
Um sich selbst keine Gelegenheit zu geben, den Entschluss noch einmal zu überdenken, stand er vom Fensterbrett auf und brach sofort auf. Eigentlich hatte er vorgehabt sich auf dem Weg zur Hütte eine Ausrede für seinen unangekündigten Besuch zu überlegen, aber seine Gedanken waren abgeschweift.
Als Charlie auf sein Klopfen hin die Tür öffnete, schien er allerdings sehr erfreut und gar nicht besonders überrascht zu sein, ihn zu sehen.
„Komm rein Harry" sagte er freundlich und trat zur Seite, während Harry sich den Schnee abklopfte und dann in die vom Kaminfeuer gut beheizte Hütte trat, in der seine Brille natürlich sofort beschlug. Er zog die Handschuhe aus, nahm seine Brille ab und sah sich dann mit etwas verschwommenem Blick in Charlies derzeitiger Behausung um.
„Setz dich" Charlie schob ihn in Richtung des riesigen Sessels vor dem Kaminfeuer. „Nimm dir welche von den Plätzchen, wenn du willst. Möchtest du einen warmen Kakao? Ich war gerade dabei, mir einen zu machen."
Harry war Charlie dankbar dafür, dass er was seine Gastfreundschaft anbetraf Hagrid so ähnlich war. Da er heute noch kein Frühstück gehabt hatte, griff er sofort zu und war gleich noch einmal erleichtert, dass Charlie deutlich besser backen konnte, als Hagrid. Wenige Minuten später hatte Harry einen Becher heißen Kakao in der Hand und Charly saß ihm lächelnd gegenüber. „Ron besucht mich ja immer seltener, seit er Hermione hat." Charlie grinste breit. „Und die Zwillinge haben sich ja sowieso schon immer rar gemacht. Wahrscheinlich haben sie Angst vor einer Standpauke nach dem, was mir hier alles über sie zu Ohren kommt. Lediglich meine kleine Schwester ist mir wirklich treu. Aber ich freue mich, dass du mal vorbeischaust, Harry. Wirklich. Man ist doch ein wenig einsam hier draußen, besonders am Wochenende."
„Du kannst doch jederzeit zum Schloss hochkommen" sagte Harry überrascht.
Charlie nickte in Richtung des Kamins, vor dem sich Vesta wohlig zusammengerollt hatte. Ab und zu hob sie den Kopf und blies ihren feurigen Atem in die Flammen, die dann prickelnd aufstoben. „Ich lasse sie ungern alleine" erklärte Charlie. „Sie ist ja noch nicht ausgewachsen und ich bin so etwas wie ein Vater für sie, weißt du? Sie hat Angst, wenn ich sie länger alleine lasse.
Harry nickte verstehend. Er sah ein, dass es wahrscheinlich nicht ganz ungefährlich war, einen Drachen mit in das Schloss zu nehmen. Und e wusste ja, wie sehr Charlie an ihr hing.
„Hast du… ich meine, bist du noch sehr enttäuscht wegen Lavender und Parvati?" fragte Harry und nahm einen Schluck von seinem Kakao. Alle Weasleys hatten es an sich, dass er sich in ihrer Nähe wohl fühlte und nicht das Gefühl hatte, dass er jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen musste. Charlie winkte ab. „Damit habe ich mich abgefunden" versicherte er. „Es gibt schließlich andere Sachen, über die wir uns zurzeit Gedanken machen müssen." Er sah Harry ernst an. „Du warst bei den letzten Sitzungen des Phoenix-Ordens nicht dabei." Sagte er. „Ich habe gehört, du hattest sehr viel zu tun?"
Harry nickte. „Und ich war außerdem krank." Fügte er noch hinzu. „Sirius hat mir aber erzählt, dass es eine undichte Stelle geben soll."
Charlie stand auf und warf einen Holzscheit ins Feuer. „Ich kann
das nicht glauben" sagte er. „Im Phoenix-Orden gibt es niemanden,
dem ich misstraue. Wenn wirklich Informationen nach draußen
gedrungen sind, dann muss das auf anderem Wege geschehen sein."
Harry
war Charlie sehr dankbar dafür, dass dieser die Möglichkeit,
dass Harry etwas weitergegeben haben sollte offenbar nicht einmal in
Betracht zog. Ihm fiel ein, dass es noch etwas gab, bei dem Charlie
ihm vielleicht helfen konnte. Schließlich kannte er sich gut
mit Tieren aus. „Ich denke in letzter Zeit über etwas nach"
sagte er ein wenig zögernd.
Charlie sah ihn aufmunternd an.
„Ich habe mir überlegt, dass ich versuchen könnte, ein Animagus zu werden." Er sah Charlie gespannt an, aber der nickte nur verstehend. Harry fürchtete manchmal, dass ihm jemand sagen könnte, dass er sich bei weitem überschätzte, wenn er wirklich dachte, dass er es schaffen könnte ein Animagus zu werden.
„Ron hat mir schon davon erzählt." Charlie lächelte. „Er ist fest davon überzeugt, dass du ein Löwe werden würdest."
„Und was denkst du, was ich werden könnte?"
„Etwas ganz anderes." Antwortete Charlie ernst.
Harry nickte. „Ich hatte schon einen Traum, von dem ich glaube,
dass er mir helfen könnte." Erzählte er. „Aber ich kann
mich nicht daran erinnern, was ich war…"
"Du solltest nicht
zu ungeduldig sein" sagte Charlie freundlich. „Gibt es denn ein
Tier, zu dem du eine besondere Beziehung hast?"
„Ja" sagte Harry düster. Er hatte das Gefühl, dass er mit Charlie auch über diese Angst unbesorgt sprechen konnte. „Schlangen."
Charlie zuckte unmerklich zusammen, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle.
„Ich habe mal eine aus ihrem Käfig befreit" erklärte Harry. „Und … ich kann Parseltongue sprechen."
„Aber … das muss nicht bedeuten, dass du…" Charlie gab sich einen Ruck. „Und selbst wenn, Harry…"
„Du brauchst dir keine Sorgen machen" unterbrach Harry ihn. „In meinem Traum war ich ganz sicher keine Schlange."
Charlie sah erleichtert aus, auch wenn er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen. Er stand auf, um noch eine Tasse Kakao für Harry zu holen. „Ich frage mich natürlich auch, zu welchem Tier ich werden würde. Wahrscheinlich fragen sich das die meisten Zauberer."
Harry fragte sich plötzlich wieder, was Draco werden würde. Sofort kamen ihm wieder Schlagen in den Sinn, aber er wischte den Gedanken schnell zur Seite. „Charlie hast du schon mal etwas von dem Tanz Midnight's Spell gehört?" fragte er, um das Thema zu wechseln. Außerdem fand er, dass es langsam Zeit wäre, sich mit diesem Tanz auseinander zu setzen, wenn er sich auf dem Weihnachtsball nicht wirklich zur Lachnummer des Abends machen wollte.
Charlie ging sofort auf den Themenwechsel ein. „Natürlich" sagte er, während er Harry eine zweite Tasse Kakao in die Hand drückte. „Die Slytherins lassen es sich ja nicht nehmen, ihn an jedem Weihnachtsball zu tanzen. Das war zu meiner Schulzeit schon so. Es gab allerdings auch immer ein paar Schüler aus anderen Häusern, die ihn mitgetanzt haben. Meistens solche, die aus alten Magierfamilien stammen. Ich kann selbst ein paar Schritte. Aber vielleicht redest du mal mit deinem Paten darüber. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sirius Black ihn beherrscht."
Harry zog überrascht die Augenbrauen hoch. Damit hatte er nicht gerechnet. Er fragte sich aber auch gleichzeitig ein wenig bitter, ob Sirius überhaupt noch Zeit dafür hatte, jetzt, da er mit Remus Lupin und Cai sozusagen eine Familie hatte. Harry ärgerte sich ein bisschen über sich selbst. Eigentlich hätte er schon längst vermuten können, dass irgendetwas zwischen Sirius und Professor Lupin war, aber er hatte es vermutlich einfach nicht wahrhaben wollen. Andererseits übertrieb er wahrscheinlich. Nur weil Sirius jetzt eine Beziehung hatte, hieß das schließlich nicht, dass Harry ihm weniger wichtig war. Es war nur gar nicht so einfach, von glücklichen Liebespaaren umgeben zu sein, wenn man selbst seine eigene Beziehung geheim halten musste. Und gerade bei Sirius fiel es ihm schwer, sich damit abzufinden, dass ihm jetzt vermutlich jemand anders wichtiger war als er selbst. Auch wenn er wusste, dass das kindisch war.
Er trank seinen Kakao aus. „Ich sollte langsam zurück zum Schloss. Ich habe niemandem gesagt, wo ich hingehe. Möglich, dass Ron und Hermione sich schon fragen, wo ich bin." Auch möglich, dass sie gar nicht merken, dass ich weg bin, fügte er in Gedanken ein wenig bitter hinzu, als er den verschneiten Weg zum Schloss hoch stapfte, nachdem Charlie ihn eingeladen hatte, jederzeit wieder vorbei zu schauen..
Aber Ron und Hermione hatten ihn tatsächlich schon vermisst und waren sehr froh, als er in den Gemeinschaftsraum kam. Harry musste reuevoll zugeben, dass er offensichtlich nicht so einsam war, wie er es sich selbst eben gerade eingeredet hatte. Die beiden bestürmten ihn mit Fragen darüber, wie es Sirius ging und da weder dieser noch Remus ihn gebeten hatten, ihr Liebesglück geheim zu halten, erzählte er Ron und Hermione davon. Es würde sich jetzt, da die beiden zusammen wohnten sowieso bald in der ganzen Schule herumgesprochen haben.
Hermione und Ron waren bei weitem begeisterter als er selbst es gewesen war. „Dann sind sie ja jetzt fast eine Familie" strahlte Ron, worauf Harry nur säuerlich nicken konnte. Und Hermione beteuerte sofort, wie gut die beiden zusammen passten.
Aber das Gespräch mit Charlie hatte Harry gut getan, so dass er den Rest des Tages einigermaßen gut gelaunt war. Hermione bestand darauf, dass sie ihre Hausaufgaben erledigten und ein wenig für die Schule lernten, was wahrscheinlich auch nicht schadete. In der Bibliothek liehen sie ein paar weniger interessante Bücher über den Spiegel Erised aus, da Hermione sich für ihr Projekt bei Arabella Figg schon ein wenig einlesen wollte. Harry wunderte sich darüber, dass Theorie und Praxis oft so unterschiedlich interessant waren. Wenn er etwas über an sich spannende magische Artefakte las oder lernte war er immer kurz davor einzuschlafen. Er und Ron hatten beide die Köpfe in die Hände gestützt und blätterten gelangweilt durch die verstaubten Bücher. Er sah, dass Ron ebenso froh war, wie er selbst, als Hermione endlich ihr Buch zuschlug, ihre Notizen zusammensuchte und verkündete, dass es für heute genug sei und dass sie unbedingt ein wenig frische Luft brauche.
Sie holten ihre Schals und Umhänge und schlenderten zum Schlosshof hinunter. Harrys Augen leuchteten auf, als er sah, dass hier gerade eine Schneeballschlacht in vollem Gange war. Mehrere Schüler aus Gryffindor und Hufflepuff hatten Gruppen gebildet und bombardierten sich gegenseitig. Die Ravenclaws waren sich offensichtlich zu schade für diese Art von Beschäftigung, sahen aber dennoch interessiert zu und feuerten hin uns wieder den ein oder anderen an.
Harry und Ron stürzten sich sofort ins Gewühl und wurden als Verstärkung von den Gryffindors, die von Fred und George angeführt wurden, freudig begrüßt. Einige jüngere Schüler waren dazu abkommandiert Schneebälle zu formen, die die Älteren warfen. Eine gute Strategie, wie sich zeigte, denn die Hufflepuffs mussten immer weiter zurückweichen, während die Gryffindors ihnen laut johlend folgten. Harry vergaß alle Probleme die er bis eben noch gewälzt hatte und die Anspannung feil endlich von ihm ab. Totz der Kälte wurde ihm richtig warm und er fühlte sich so frei und ausgelassen, wie schon seit Monaten nicht mehr.
Harry war gerade dabei, Neville aufzuhelfen, der von einem Schneeball mitten ins Gesicht getroffen worden war und daraufhin in den Schnee gefallen war, als die Geräuschkulisse sich veränderte. Was vorher Lachen und fröhliches Rufen gewesen war, verwandelte sich plötzlich in empörte Schreie. Harry sah verwirrt auf und fühlte im nächsten Moment einen Schneeball, der ihn im Nacken traf. Er schauderte, als der Schnee seinen Rücken hinabrieselte und wurde schon im nächsten Moment vom nächsten Ball getroffen. Die Luft war erfüllt von Schneebällen, bemerkte er jetzt, die aus allen Richtungen zu kommen. Außerdem bewegten sie sich nicht so, wie Schneebälle es eigentlich sollten, sondern flogen Kurven und wendeten in der Luft. Überall um ihn herum wurden Schüler getroffen und versuchten sich mit erhobenen Armen vor der Attacke zu schützen.
Und jetzt sah er auch endlich den Urheber des Angriffs. Draco stand, flankiert von Pansy und Zabini etwas erhöht auf einem Stück der Burgmauer und hatte seinen Zauberstab in der Hand. Es schien ihm sehr großen Spaß zu machen, die Gryffindors und Hufflepuffs herumzuscheuchen und er hatte ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Pansy und Zabini amüsierten sich köstlich.
„Dieser Mistkerl benutzt Magie" rief Fred wutentbrannt. „Warte nur Malfoy, das wirst du bereuen." Er zückte seinen Zauberstab und richtete ihn auf Draco und ehe Harry richtig begriff, was geschah, hatten sämtliche Schüler ihre Zauberstäbe gezückt und sie auf den Slytherin gerichtet. Diesem schien jetzt aufzugehen, dass er gerade zu viele Menschen gegen sich aufgebracht hatte. Harry sah Unsicherheit in seinem Blick aufflackern, aber während Pansy und Zabini von der Mauer sprangen und die Flucht ergriffen, blieb Draco stehen und sah dem Ansturm entgegen. Die Schneebälle, die jetzt auf ihn zurasten, rissen ihn jedoch förmlich von der Mauer hinunter und Harry wünschte sich sofort, er wäre einfach geflohen, als er noch die Gelegenheit dazu gehabt hatte. Jetzt stürmten Gryffindors und Hulfflepuffs in einer wütenden Horde auf ihn los und Harry konnte sehen, dass einigen ihr Hass und ihre Wut förmlich ins Gesicht geschrieben stand.
„NEIN" schrie er. „Hört auf, das ist unfair!" Aber er ging vollkommen im allgemeinen Gebrüll unter. Die ersten Schüler waren jetzt bei Draco angekommen, der noch immer im Schnee lag und jetzt schützend die Hände vors Gesicht schlug. Entsetzt musste Harry mit ansehen, wie ein Gryffindor-Schüler Draco einen Tritt in den Magen verpasste, während er versuchte, sich zu ihm durchzukämpfen. Auch Zabini und Pansy hatten sich wieder ins Getümmel gestürzt und versuchten zu ihrem Anführer zu gelangen, aber ihre Versuche waren ebenso aussichtslos, wie Harrys. Draco war einfach von zu vielen Schülern umringt, die die Gelegenheit nutzen wollten, sich endlich an ihm zu rächen.
Harry empfand in diesem Moment Verachtung für sie. Natürlich hatten sie allen Grund, wütend auf Draco zu sein und das hier war nicht das erste Mal, dass er sie gestört, geärgert und ihnen übel mitgespielt hatte. Aber das hier hatte niemand verdient. Er glaubte auch, dass es gar nicht mehr wirklich nur um Draco ging. Es ging um den uralten Konflikt zwischen den Häusern, der plötzlich mit aller Macht wieder aufgeflammt war.
Mit der Kraft der Wut riss er einen der Schüler zur Seite, die auf Draco einprügelten, aber er hatte nicht die geringste Chance gegen sie alle anzukommen. Und jetzt hatte er wirklich Angst um Draco.
„Was hat das hier zu bedeuten?" hörte er plötzlich eine donnernde Stimme, die sich mühelos über all den Lärm erhob. Die Schüler links und rechts von Harry hielten inne.
Harry war erst ein einziges Mal in seinem Leben so froh gewesen, Professor Snape zu sehen. Damals im Herz der Dunkelheit, als er zu Recht gehofft hatte, dass er sie befreien würde. Die Gryffindors und Hufflepuffs wichen zurück und gaben den Blick auf Draco frei. Harry zuckte zusammen als er ihn sah. Er lag zusammengekrümmt da, und aus seiner Nase floss Blut, das den Schnee rötlich färbte. Harry musste den Blick abwenden und fühlte, dass er zitterte. Er wusste nicht, ob vor Wut oder vor Bestürzung.
Snape bedachte sie alle mit einem Blick der einen schier zu Eis gefrieren lassen konnte, während er an den zurückweichenden Schülern vorbei auf Draco zuging.
„Können sie aufstehen Mr. Malfoy?" fragte er.
Draco richtete sich benommen im Schnee auf und für einen Moment schien es tatsächlich, als würde er gleich weinen, stellte Harry bestürzt fest. Draco sah starr nach unten und biss sich fest auf die Lippe. Doch dann bewies er, dass er ein echter Malfoy war. Er warf den Kopf zurück um seine Haare in Ordnung zu bringen, wischte er sich mit einer Hand nonchalant über die Nase und stand, wenn auch ein wenig schwankend auf.
„Jeweils 200 Punkte Abzug für Gryffindor und Hufflepuff." Sagte Snape mit einer Stimme wie klirrendes Eis. Um ihn herum erhob sich entsetztes Murmeln, aber Harry gab ihm ausnahmsweise vollkommen Recht. Er schämte sich für sein Haus.
Draco sah ihn nicht an, als er, gefolgt von Professor Snape, Zabini und Pansy zum Schloss zurückging. Blaise reichte ihm fürsorglich ein Taschentuch, das er sich vor seine immer noch blutende Nase hielt.
Die Schüler um Harry herum waren bereits vollkommen damit beschäftigt sich in wütenden Schimpftiraden über Snape und Draco auszulassen. Harry fühlte sich wie betäubt. Ohne, dass ihn jemand weiter beachtet hätte, drängte er sich durch die Schüler hindurch. Er sah, dass Ron und Hermione etwas abseits standen. Sie hatten sich offensichtlich nicht an dem Kampf beteiligt und kamen jetzt etwas unsicher auf ihn zu.
Ron legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Das geschieht ihm doch recht, oder?" fragte er ein wenig unsicher.
Harry schüttelte seine Hand ab. „Das eben hat niemand verdient." Sagte er leise. „Niemand, auch nicht Draco. Das war feige und gemein."
„Aber er hat angefangen." Versuchte Ron ihn zu beschwichtigen. „Er war auch unfair. Und nicht das erste Mal."
„Vielleicht. Aber wenn es immer so weiter geht, dann werden wir niemals…" Harry schüttelte frustriert den Kopf und wandte sich ab. Er wusste selbst nicht, was er sagen wollte. Er wusste nur, dass er im Moment vor Wut und Enttäuschung hätte heulen können. Und das schlimme war: Vor einem halben Jahr hätte er höchstwahrscheinlich genauso reagiert, wie die anderen. Er wäre froh gewesen, es Draco endlich heimzahlen zu können und es wäre ihm vollkommen egal gewesen, wie sehr dieser unterlegen war. Damals waren alle Slytherins für ihn der letzte Abschaum gewesen. Er hatte den Blick starr auf den Boden gerichtet, während er zum Schloss zurückstapfte.
„Ich glaube ich verstehe, was du meinst." Rief Hermione ihm nach, aber Harry drehte sich nicht mehr um.
Den Rest des Tages war er sehr still und in sich gekehrt. Er fragte sich, wie es Draco ging, aber er glaubte eigentlich nicht, dass dieser schwer verletzt worden war. Wahrscheinlich ging es ihm schon wieder ganz gut, Draco hatte schließlich schon mehrfach bewiesen, dass er hart im Nehmen war. Aber das war auch nicht das wirkliche Problem. Er fragte sich nur, wie sie es jemals schaffen sollten zusammen gegen etwas zu kämpfen, wenn immer wieder so etwas wie heute passieren konnte. Nur, dass die gesamte magische Welt in sich so geteilt war und sie sich gegenseitig bekämpften, machte es möglich, dass sie Angriffen immer wieder schutzlos ausgeliefert waren. Schon diese Aufteilung in verfeindete Häuser ganz am Anfang des Schuljahres machte es unmöglich, dass sie so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln konnten. Warum war es denn so falsch mit Draco zusammen zu sein, dachte er trotzig. Nur, weil sie am Anfang des Schuljahres in verschiedene Häuser eingeteilt worden waren? Er erinnerte sich, dass der sprechende Hut ihn beinahe nach Slytherin gesteckt hätte. Verbittert fragte er sich, wie dann wohl alles verlaufen wäre. Mit Ron hatte er sich schon vorher im Hogwarts-Express gut verstanden. Wäre er für ihn ein für alle mal gestorben gewesen, wenn der Sprechende Hut ihn tatsächlich in Snapes Haus sortiert hätte? Was war mit Professor Snape? Hätte dieser ihn dann trotzdem noch gehasst? Wären Dumbledore und Sirius maßlos enttäuscht von ihm gewesen? Und hätte er jetzt Zabinis Platz an Dracos Seite inne? Ein bisschen sehnsüchtig dachte er daran, dass seine Liebe dann vielleicht kein Geheimnis sein müsste. Aber gleichzeitig wusste er auch, dass das alles Hirngespinste waren. Der Sprechende Hut hatte seine Gründe gehabt, ihn nach Gryffindor zu sortieren und es waren vermutlich die richtigen Gründe gewesen. Er glaubte nicht, dass er sich in Slytherin jemals wohl gefühlt hätte. Wahrscheinlich war es nur der Wunsch Draco beizustehen, der jetzt solche Gedanken in ihm säte.
Auch beim Abendbrot in der großen Halle war Harry sehr still. Das Hauptgesprächsthema war sowieso Professor Snapes Punktabzug und dazu hatte Harry nichts beizutragen. Dieses Jahr war das erste Schuljahr in dem ihm die Punkte egal waren. Und nach dem Vorfall heute ganz besonders. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie auch einfach abgeschafft werden können. Er hätte ihnen jedenfalls keine Träne nachgeweint. Vielleicht hätte dann der ewige Konkurrenzkampf zwischen den Häusern abgenommen.
Er bemerkte missmutig, dass Sirius und Professor Lupin nicht zum Abendbrot erschienen. Vermutlich genossen sie ihre traute Zweisamkeit, oder eher Dreisamkeit. Noch größer war allerdings seine Enttäuschung darüber, dass er auch Draco nicht beim Abendessen sah. Er wollte sehen, wie es ihm ging und er wollte wissen, ob Draco ihn wenigstens einmal ansehen würde. Aber auch wenn er sein Essen so lange wie möglich hinauszögerte: Draco erschien nicht.
Liebe Leser
Vielen Dank für eure Geduld mit mir und dafür, dass ihr mir selbst jetzt noch Reviews geschrieben habt. Es war ein sehr stressiges Jahr, aber ich will nach wie vor mein Versprechen halten und diese Geschichte zu Ende schreiben.
Alles Liebe,
Elektra
