Kapitel 8
... Feind
Geraud, der Bader, erwartete ihn bereits. Ein breites Grinsen stand in seinem Gesicht, und mit einer tiefen Verbeugung begrüßte er Balian:
"Es freut mich, mein Herr, Euch heute noch einmal zu Diensten sein zu dürfen. Erlaubt Ihr, daß ich mich Eures Wohlbefindens persönlich annehme?"
Balian schmunzelte ob dieser Begrüßung, denn ihm war klar, daß der Bader es darauf absah nochmals seine Schulter zu bearbeiten. Er nickte nur, trat in den für ihn abgetrennten Bereich mit dem flachen Zuber, legte selbst seine Kleidung ab und begann, sich mit dem Wasser aus einer Schüssel zu reinigen. Geraud betrat das Geviert und brummte vor sich hin. 'Dieser junge Ritter machte es einem aber auch schwer ihm Gutes zu tun, wenn er gegen die Gewohnheit des Adels immer alles selbst machen wollte.' Er trat an den Ritter heran und begann mit einem feuchten Tuch Balians Rücken abzureiben, dabei bearbeitete er nochmals die lädierte Schulter. Balian dankte, stieg danach mit einem tiefen Seufzer in die Wanne und genoß einfach nur, wie das warme Wasser seine Muskeln entspannte. Er mußte heimlich für sich zugeben, daß er im kräftezehrenden Gebrauch der schweren Schmiedehämmer aus der Übung war. Morgen würde er wissen, was er heute getan hatte. Bevor er aber sich völlig der Erholung hingab, rief er nochmals nach dem Bader und bat:
"Schickt bitte eine Eurer Mägde zur Kämmerin der Herrin. Sie möge nach frischer Kleidung für mich fragen. Ich will mich nicht nach diesem Bad in die verschwitzten Kleidungstücke hüllen müssen."
Der Bader tat wie ihm geheißen, und sehr rasch war eine junge Frau mit neuer Kleidung für Balian zurück. Der junge Ritter hatte schon erwartet, daß seine Tante ihm Stücke von ihrer Hand schicken würde und war nun doch erstaunt, daß sie diese Gelegenheit, daß er tragen mußte was sie ihm andienen ließ, verstreichen ließ, denn ihm wurden einfache Gewänder in dunklen blaugrauen und schwarzen Tönen gebracht. Er war ihr dankbar und froh darüber, denn er war noch nicht so weit, wiewohl er merkte, wie sehr seine Familie und vor allem sein Onkel darauf wartete, daß er sich auch für jedermann erkennbar zu seiner Familie und seinem Platz an ihrer Seite bekannte. Balian genoß das Bad, bis es fast kalt war, stieg aus dem Zuber, machte sich selbst fertig und verließ mit einem Dank an den Bader das Badehaus. Er wandte sich umgehend zum Herrschaftsgebäude, denn inzwischen war es Zeit für das Nachtmahl und es wurde fast schon zu einer unhöflichen Angewohnheit von ihm, immer erst zu erscheinen, wenn der Herr des Hauses bereits zu Tisch saß.
Als Balian den großen Saal betrat und seine Schritte zum Bankett der Könige wandte, bemerkte er eine flirrende Spannung im Saal. Es war, obwohl die Ritter recht laut und mit deutlichem Gebaren ihre Scherze untereinander trieben, als würden sie untereinander flüstern, und die gespannten Blicke der englischen Ritter gleich wohl der fast gehässigen derer König Philipps, ließen Balian für diesen Abend kein friedfertiges Abendbrot erwarten. Er trat wie jeden Abend vor die Könige, verneigte sein Haupt um sich an schließend vor Sybilla zu verbeugen. Sybilla blickte unglücklich, denn ihr war es nicht möglich gewesen in den letzten Tagen sich von ihrem Cousin Philipp zu lösen und mit Balian zu sprechen, aber sie hatte auch gemerkt, daß er ihre Nähe floh und sie wußte nicht, warum. Sie blickte ihn fragend an, wagte aber nicht, im Beisein ihres Verwandten das Wort an ihn zu richten. Balian schenkte ihr einen sanften Blick und ein leichtes Lächeln, bevor er sich an seinen Platz an der Seite seines Onkels begab.
"Sagt, du Blois, ist es üblich daß an Eurer Tafel ohne Aufforderung ein jeder immer noch Platz nehmen darf, welcher der Höflichkeit entbehrt anwesend zu sein, wenn der Herr des Hauses Platz nimmt?", kam es näselnd, vor Arroganz triefend von König Philipp. Schlagartig wurde es still, und allen im Saal war klar, wer mit dieser Frage eigentlich gemeint war. Hugh wollte gerade zur Antwort ansetzten, als Balian ihn mit einem kurzen Händedruck auf seinem Unterarm zurückhielt und statt seiner antwortete: "Fürwahr, Sire, es war unhöflich von mir. Ich nehme den Tadel von Euch an. An der Tafel meines Onkels sind solche Fauxpas in der Tat nicht üblich. Ich gebe zu, daß ich hier das Verständnis meines Onkels für meine Lebensgewohnheiten aus Jerusalem zu sehr ausgenutzt habe."
Sybilla versteckte ein Lachen hinter ihrem Kelch, indem sie tat, als würde sie daran nippen, denn Balian hatte lediglich eine Unhöflichkeit zugeben, aber weder sich entschuldigt, noch zugelassen, daß sich sein Onkel rechtfertigte. Und Richard Löwenherz hätte sich beinahe ob dieser Antwort verschluckt und konnte nur mühsam verhindern, daß er losprustete, was Philipp sicherlich sehr pikiert hätte. Philipp selbst wußte nichts ob dieser Antwort zu erwidern, wußte er, weil es ihn nicht interessierte, doch nur sehr wenig über die Lebensart in Jerusalem und wenn der Herr der Burg seinem Neffen diese Gepflogenheit vorher gestattet hatte, durfte er keine Beleidigung der Tafel, höchstens eine Unhöflichkeit darin sehen, und hierin hatte der junge Ritter seinem Tadel ja Recht gegeben. Dennoch ärgerte sich der französische König, daß er die sem jungen Mann nicht beikam, nahm wütend einen tiefen Schluck aus seinem Kelch und setzte diesen dann so heftig wie der auf der Tischplatte ab, daß dunkelroter Wein heraus schwappte und sich über das weiße Tischlaken verteilte.
Du Blois neigte sich zu seinem Neffen und flüsterte: "Sei vorsichtig, Balian. Du magst zwar Recht haben und im Recht sein, aber das hat nicht immer dem Gerechten geholfen, wenn es einem König nicht gefiel.
Balian neigte seinen Kopf als Zeichen, daß er verstanden hatte, sagte dazu aber nichts. Er nahm den Krug mit Wein und füllte seinem Onkel den Becher, den sie sich teilten. Sein Onkel bestand darauf, seit die Könige anwesend waren, als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Sohn seines Bruders. Hugh hingegen gab den Spielleuten ein Zeichen mit ihren Darbietungen zu beginnen, denn die gereizte Stimmung im Saal zerrte an seinen Nerven. Ein Ritter aus Philipps Reihen stand auf und bat um Gehör. Er kündigte mit Erlaubnis seines Königs einen Barden an, der sich auf die Kunst des Spruchgesanges und des Spottliedes so gut verstand, daß er aus zugeworfenen Sätzen oder zuvor gegebenen kurzen Berichten ein Spottlied aus dem Stegreif vortragen konnte. Der Barde trat hervor und begann zunächst mit einer bekannten Erzählung. Er war darin so gut, daß Philipp ihn zum Weitermachen aufforderte und er nun seine Kunst bewies und ihm zugeworfene Begriffe in eine frei erfundene Geschichte ein wob. Er trug zur allgemeinen Erheiterung bei und sein Talent fand Wohlgefallen. Schließlich winkte der Ritter, der ihn vorgestellt hatte den Barden zu sich, flüsterte mit ihm und schickte ihn dann wieder zum Vortrag. Balian hatte den Ritter beobachtet, ihm waren dessen Blicke nicht entgangen, die er beim Gespräch mit dem Barden immer wieder in seine Richtung geworfen hatte. Er war sich sicher, daß nun ein Angriff in Form des Vortrages durch den Barden gegen ihn kommen würde. Und tatsächlich trug der Spielmann nun mit viel Inbrunst und gezielten Hieben einen Spottreim von mehreren Strophen vor, der vor Häme nur so troff und die bekannten Mären um den Ritter aus Jerusalem und seine Taten, sowie sein Leben bei seinem Onkel als einfacher Schmied zum Inhalt hatten und in dem fast jedes Wort eine Beleidigung Balians von Ibelin war. Dieser blieb in seinen Stuhl zurückgelehnt ganz ruhig und schien sich an dem Gelächter auf seine Kosten überhaupt nicht zu stören. Ab und an, wenn der Barde seine Wirkung prüfend zu dem Betroffenen hinüber blickte, forderte dieser ihn sogar noch auf, weiter zu machen. Dieses Gebaren erstaunte die englischen Ritter und König Richard und trotz des Gelächters war auch immer deutlicher ein Murren zu vernehmen. Auch wenn ein Mann vom Spott betroffen war, zu dem ihr König noch keine eindeutige Position bezogen hatte, so war er doch ein Ritter und die Häme eine Beleidigung des Ritterstandes. Immer wieder blickten sie hinüber zu dem jungen Mann und fragten sich, wie weit er es noch gehen lassen würde, bevor er sich der Beleidigungen erwehrte. Schließlich war es Hugh du Blois zu viel. Er verstand seinen Neffen nicht, wie dieser so ruhig bleiben konnte und wollte dem Treiben barsch ein Ende setzen, als er fühlte, wie ihn abermals die Hand Balians zurückhielt.
"Vertraut mir, Onkel. Ich werde dies nicht auf mir sitzen lassen, aber sie werden mich auch nicht dazu bekommen, daß ich mich ins Unrecht setze und den Burgfrieden [1] störe. Diese Form des Angriffes, verdient keine größere Aufmerksamkeit, als daß man ihr den Wind aus den Segeln nimmt und über sie lächelt. Ich werde Gleiches mit Gleichem vergelten. Nicht mehr und nicht weniger."
Hugh blickte seinen Neffen an und verstand nicht, was dieser meinte.
"Onkel, bitte, du sagtest du würdest hinter mir stehen, egal was ich zu tun gedenke. Ich brauche dich jetzt, indem du mir ver traust."
Hugh atmete tief ein, versuchte seiner Wut Herr zu werden und ließ sich dann wieder wie Balian in seinen Stuhl zurücksinken. Er verstand nicht, was der Junge vor hatte, aber er wollte nicht sein eigenes Wort ihm gegenüber jetzt schon brechen, wenn er selbst sich seiner so sicher war. Auch er mußte lernen ihm wirklich zu vertrauen und dies nicht nur einzufordern. Balian war ihm noch immer so fremd und doch dem Herzen so nahe. Es schmerzte ihn, daß er nicht wirklich wußte, was in ihm vorging. Die Worte vor kurzem auf der Mauer hatten ihm nur einen kleinen Ausschnitt Balians Empfindungen und Gedanken offenbart, aber sein Wesen war ihm immer noch unbekannt. Hugh hätte es nicht erklären können, aber ohne daß Balian es bislang demonstriert hätte, war er sich sicher, daß der junge Ritter sich in einem Kampf ohne Probleme würde zu behaupten wissen. Dies war auch der Grund, aus dem er und auch sein Hauptmann sich fragten, warum er die beständigen Anfeindungen der französischen Ritter bislang unbeantwortet gelassen hatte. Und die Krönung war dieser Abend. Es fiel Hugh wirklich schwer, ruhig zu bleiben. Balian lächelte ihn sanft an, blickte dann zum englischen König und fragte leise:
"Werdet Ihr mir beistehen, Sire?"
Richard blickte den jungen Mann fragend an.
"Wobei, Ritter?"
"Ihr werdet es erkennen, Herr. Keine Sorge, es wird Euch nicht viel kosten. Nur ein Wort von Euren Lippen zum rechten Moment", mit diesen Worten stand Balian nun auf, da der Barde sein Lied beendet hatte und im ganzen Saal gespannte Erwartung ob seiner Reaktion herrschte. Balian nahm den Kelch, prostete den im Saal befindlichen Gästen zu und sprach dann zum Spielmann.
"Wohl gesungen, Barde! Ihr habt fürwahr eine spitze Zunge. Ich habe mich selten so über Hiebe amüsiert, die man mir erteilt hat. Hier habt Ihr Euren Lohn, den Ihr Euch redlich verdient habt."
Balian warf dem Barden mehrere Kleinmünzen zu, von denen dieser nur eine direkt fangen konnte und den Rest vom Boden auflesen mußte. Eine kleine Zurechtweisung für den Spielmann, der sich sehr weit zu gehen getraut, aber dies auf Geheiß getan hatte.
"Nun, nachdem ausgiebig auf meine Kosten gelacht wurde, finde ich es an der Zeit für einen kleinen Ausgleich, Spielmann! Rezitiert für uns doch die Mär vom Kampf der französischen Ritter gegen die Gefolgsleute der Königin Eleonore von Aquitanien und England."
Ein Zischen ging durch den Saal und Hugh war versucht seinem Neffen gegen das Schienbein zu treten, denn in dieser Mär ging es darum, daß die Mutter Philipps auf eigenes Betreiben hin die Gemahlin Heinrich Plantagents wurde. Da dazu aber die offizielle Einwilligung von Heinrich bei dessen Lehnsherrn Ludwig, König von Frankreich, nicht eingeholt worden war, griff der Vater Philipps die Gebiete der Plantagenets an und wurde unrühmlich zur Einwilligung gezwungen. Etliche Ritter hatten sich nicht an ihren Ritterseid gebunden gefühlt, da in ihren Augen die erste Ehe Eleonores mit Ludwigs Sohn ihrer Meinung nach zu Unrecht geschieden und damit Eleonore eine Beleidigung zugefügt worden war. In zweierlei Hinsicht eine Blamage für das Haus Anjou und eine Ohrfeige für die unterlegenen französischen Ritter. Das Schweigen im Saal war sprichwörtlich und kaum einer wagte zu atmen. Auch der Barde blickte sich verzweifelt um und zögerte, denn er fürchtete sich davor, der Familie seines Königs zu nahe zu treten. Diese Geschichte, die mit viel Spott gegen die französischen Ritter und Ludwig gewürzt war, wurde von den Troubadouren zur eigenen Sicherheit nie in Anwesenheit von damals Beteiligten vorgetragen. Richard Löwenherz meldete sich zu Wort, dem sehr wohl aufgefallen war, wie Philipp seinen Kelch umkrampfte aber bislang keinen Ton von sich gegeben hatte.
"Nur zu, Barde! Ich wünsche Eure Kunst auch bei dieser Geschichte zu vernehmen. Wir sind die Söhne unserer Väter, und nicht für ihre Dummheiten verantwortlich. Los, hebt an!"
Mit diesen Worten durchbrach der englische König die fast greifbare Spannung und nahm Philipp jede Möglichkeit, gegen die Frechheit von Balian vorzugehen ohne das Gesicht zu verlieren. Andererseits hatte Richard mit seinem Eingreifen aufgezeigt, daß das Bündnis zwischen Philipp und ihm zwar einem gemeinsamen Zweck diente, aber nicht auf Loyalität basierte. Die Verbindung war dünn und beruhte auf einem Ehrenwort, das in Form der Bürgschaft von Sybilla gegeben worden war.
Der Barde trug das Spottlied gekonnt in seiner Kunst vor, aber man sah ihm die ganze Zeit an, daß er sich nicht wohl fühlte, und daran konnte auch das herzhafte Gelächter der englischen Ritter und ihre eingeworfenen Bemerkungen nichts ändern. Er war froh, als er sich nach einem Lob und einer Münze aus Richards Händen aus dem Saal entfernen konnte. Bis auf wenige französische Ritter nahmen die französischen Adligen das Patt im Schlagabtausch zwischen dem unabhängigen jungen Ritter aus Jerusalem und den beiden Königen hin und amüsierten sich, wie sie es zuvor bei dem anderen Vortrag getan hatten. Im Geheimen bewunderten sie sogar die Kaltblütigkeit, mit der Balian von Ibelin seine Position im Ränkespiel der Könige behauptete. Nur jener Ritter, der das Spottlied auf Balian vortragen ließ, entfernte sich wütend. Balian erhob sich von seinem Platz, trat vor das Bankett, verneigte sich und bat seine Königin sich entfernen zu dürfen. Sybilla aber wollte diese Gelegenheit nutzen, in der ihr französischer Cousin ihr nicht ohne einen Affront den Kontakt zu Balian verbieten konnte, und hielt ihn zurück: „Ritter Balian, ich wünsche einige Schritte an frischer Luft zu gehen, bitte begleitet mich, bevor Ihr die Erlaubnis habt, die Abendgesellschaft ganz zu verlassen."
Philipp wollte bereits aufbegehren und Sybilla zurückhalten, als Richard sich an ihrer Seite erhob: "Ich werde Euch begleiten, auch mir ist es nach etwas frischer Luft. Balian von Ibelin, gebt uns die Ehre und leistet uns Gesellschaft."
Und er nahm den Arm Sybillas, drückte ihn sanft als Zeichen, daß er selbst ihr Anliegen durchaus verstanden hatte, und geleitete seine schöne Cousine an den Tischen vorbei zum Tor des Pallas. Balian folgte ihnen in kurzem Abstand. Gemeinsam traten sie in die Dunkelheit hinaus auf die Treppe, die hinab zum Burghof führte.
"Es tut mir leid Sybilla, aber ich kann nicht zulassen, daß Ihr mit Balian allein seid. Noch seid Ihr Königin von Akkon und das Faustpfand unseres Bündnisses, auch wenn ich Euren Wunsch nur zu sehr verstehen kann."
Sybilla blickte ihren Cousin aufbegehrend an, aber die Worte Balians hielten ihre Erwiderung zurück.
"Er hat Recht, Sybilla, noch ist es nicht die Zeit meinen Platz an deiner Seite einzufordern."
Balian nahm Sybillas Hand in die seine, führte sie sacht an seine Lippen und blickte ihr tief in die Augen. Leise, mit samtweicher Stimme flüsterte er: "Ich liebe Dich. Verzweifle nicht und hab Geduld. Wir wissen, daß wir nicht frei sind. Noch nicht." Sanft streichelte er ihre Wange und ließ sich in die Liebe, die er in ihren Augen fand, für einen kurzen Moment fallen, bevor er sich wieder faßte, kurz ihre Fingerspitzen küßte und dann ihre Hand wieder aus der seinen ließ.
"Balian, Ihr solltet in Zukunft auf Euren Rücken achten", sprach in die eintretende Stille der englische König, der schweigend das kleine Intermezzo beobachtet hatte. "Die Beleidigungen heute Abend wurden von Euch beherzt und geschickt erwidert, aber Ihr seid allein, Philipp hat seine Mannen und ich kann nicht wirklich eingreifen, ohne Stellung zu beziehen. Noch ist es dazu zu früh, dennoch gilt mein Angebot von heute Morgen nach wie vor."
Balian blickte Richard Löwenherz mit derart milden Augen und sanftem Lächeln an, daß der sich fragte, ob diesen jungen Ritter irgendetwas aus der Ruhe zu bringen vermochte.
"Sire, ich weiß, daß ich allein stehe und noch nicht sicher sein kann, wer letztlich Freund oder Feind sein wird. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem ich nicht gedenke, die Maus zu sein. Wie in einem Schachspiel belauern wir uns und wägen unsere Möglichkeiten ab. Das Spiel hat erst begonnen. Er legte die Hand auf sein Herz, verneigte sich leicht vor Sybilla und verschwand in der Nacht.
Richard blickte dem jungen Ritter still nach. 'Wie wahr – ein Schachspiel. Zögert nur nicht zu lange Stellung zu beziehen, Ibelin.' Er legte die Hand Sybillas auf seinen Arm und führte sie schweigend zurück in den Saal.
[1] Die Burg bot nicht nur Schutz, sondern in ihren Mauern herrschte so etwas wie ein Friedenszwang, der nicht gebrochen werden durfte. Störte jemand den Burgfrieden, hatte er mit besonderen Strafen zu rechnen.
