Love Story Part IX – Old and Grey

Meine erste klare Erinnerung an Grandpa und Grandma fällt in die Zeit, als ich 2 war oder 3, vielleicht auch schon ein bisschen älter, aber auf jeden Fall war ich noch ziemlich klein. Sowie das Wetter schön wurde, packten Kowalskis ihr Töfftöff, luden Angeln, Zelte und Schlafsäcke, die Kinder und deren Freunde ein und dann ging's ab in die Natur zum Zelten – manchmal nur ein Wochenende, manchmal auch als richtiger Familienurlaub. Langweilig wurde es da sicher nie. Diese Tradition wurde dann mit den Enkeln fortgesetzt. Damit wollten Granny und Grandpa wohl ihren Beitrag zur Beziehungspflege ihrer Kinder leisten. Ich war noch ganz klein und sollte nicht mit, als wieder so ein Zeltausflug anstand. Wie habe ich Tom, Annie, Samuel, Luc, Julie, Francine, Hope und April beneidet! Die sind ja doch um einiges älter als ich und durften mit. Sadistischerweise hat mein Dad angeboten, beim Beladen des Töfftöffs zu helfen und wenn's zu Granny und Grandpa ging, dann wollte Baby-Phina natürlich mit. Baby-Phina war aber nicht auf den Kopf gefallen und schnallte sofort, dass ihre Cousins und Cousinen Spaß mit Grandpa und Grandma haben würden, also schmiss ich das Wasserwerk an und presste unter Tränen immer wieder hervor: „Isch tuu, isch tuu." Nee, meine Muttersprache ist nicht Inuktitut oder so, aber das mit dem zweisprachig Aufwachsen hat so seine Tücken. So ein Kinderhirn braucht ein bisschen Zeit bis es begreift, dass Mummy und Daddy nicht die gleiche Sprache sprechen und dass man das, was Mummy und Daddy da zur Kommunikation nutzen, nicht mischen kann. „Ach Kleines, Zelten ist eigentlich total doof, da gibt's Mücken und kalt ist es da auch. Du bist noch ein bisschen klein dafür, aber später da nehmen wir dich mal mit, dann kannst du das selber sehen." Zelten ist eigentlich doof? Hallo, Lieblingsgrandpa, um's Zelten geht's doch gar nicht, ich will das Wochenende mit meinen Großeltern verbringen, so wie meine Cousins und Cousinen. „Isch tuu. I wanna go, too. I wanna go with you. Isch will go zum Zelten, bitteee." – „Ach Phina-Herzchen, das geht erst, wenn du ein großes Mädchen bist. Aber Granny verspricht dir, wenn wir wieder da sind, dann darfst du zu uns kommen und dann machen wir uns ein paar schöne Tage nur wir drei – du, ich und Grandpa. Rokko, nun sag doch auch mal was!" Grandpa hat mich dann auf den Arm genommen und mir versprochen, dass ich ein viel schöneres Wochenende bekommen würde als die anderen. Und dann sind sie losgefahren – Tante Doro und Tante Louise auf der Harley hinterher. Ich sage euch, als ich größer wurde und dann mit durfte, war das die großartigste Zeit meines noch jungen Lebens. Tante Louise ist ja Indianerin – auch wenn sie den Begriff First Nation bevorzugt – und kennt die besten Tricks zum Feuer machen und beim Angeln. Außerdem haben wir immer Nachtwanderungen gemacht und oh boy, mir bleibt das Herz schon bei dem Gedanken an das stehen, was sich Tante Louise immer für ihre Nichten und Neffen ausgedacht hat. Ziemlich schnell hatte ich aufgehört zu weinen und sah meinen Verwandten hinterher. Gleich danach begann ich meinem Vater auf die Nerven zu gehen: „Daddy, how long till Grandma und Grandpa are back für das weekend with mir?" Nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen „noch x-mal schlafen" bekam ich dann zu hören: „In zwei Stunden bringen wir dich zu Granny und Grandpa." Wie viel sind zwei Stunden? Naja, egal, das war genug Zeit, um sämtliches Spielzeug und alle Plüschtiere in meinen Kinderkoffer zu stopfen. Wen interessiert es da schon, dass der Deckel nicht mehr zugeht? „Oh Phina, you can't take all this stuff with you", ich glaube, meine Mum hat sich so gut mit meiner Granny verstanden, weil sie genauso rational ist… Letztlich wurde meine Schmusedecke, meine Lieblingsplüschtier Hunny-Bunny und ein paar Klamotten eingepackt und Baby-Phina wurde zu ihrem Wunschziel gekarrt – zu Granny und Grandpa, an und für sich bloß 20 Minuten Fahrt, aber wenn man klein und aufgeregt ist, dann kommt einem das viel länger vor. „Lisa, Rokko, seid ihr sicher, dass euch das nicht zu viel Arbeit macht?" Ich weiß nicht, ob meine Mum nur eine Klette war oder ob sie sich wirklich sorgte, dass Grandpa und Grandma sich übernahmen. „Melissa, wir haben es der Kleinen versprochen und das hätten wir nicht, wenn es uns etwas ausmachen würde. Also, schnapp dir deinen Mann und genieß die sturmfreie Bude." Dad hat breit gegrinst – er hat ja Grandpas Lächeln, auch wenn er sonst eher Grandma ähnelt. Ich sage immer, er hat das Alf-Syndrom. Er ist der einzige seiner Art in der Familie: Der einzige Sohn, der einzige mit blonden Haaren und blauen Augen und der einzige, der Grandmas und Grandpas Geschäfte weiterführt.

„So Phinchen, was wollen wir denn jetzt machen?" fragte mein Grandpa mich, nachdem meine Mum eingesehen hat, dass sie auch mal loslassen muss. „Camping!!" antwortete ich freudestrahlend und ohne zu bedenken, dass an diesem Tag monsunartige Regenfälle über GTA niedergingen. Okay, es war nur ein bisschen Regen, dafür etwas mehr Sturm – letztlich trotzdem nicht das Wir-zelten-im-Garten-um-unserer-Enkelin-eine-Freude-zu-machen-Wetter. Granny und Grandpa tauschten ratlose Blicke, als Grandpa zu strahlen begann: „Hier Lisa, nimm sie mal." Aufgeregt begann er die Wohnzimmermöbel beiseite zu schieben und das Zelt dort aufzubauen, wo normalerweise das Sofa stand – mit Blick zum Kamin. Dort haben wir dann unsere Würstchen am Spieß gegrillt und hinterher Marshmallows geröstet. „Grandpa, no stars", ich deutete an die Decke – schließlich hatten alle vom klaren Sternenhimmel, den es beim Zelten zu bewundern gab, geschwärmt. Grandpa erhob sich, ging in sein Arbeitszimmer und kam dann mit einer Leiter wieder. Er hat extra für mich fluoreszierende Sternaufkleber an die Decke gemacht: „So, Phina-Sternchen, da haste welche." So bin ich auch zu meinem Spitznamen gekommen.

Das Wochenende mit meinen Großeltern war super: Wir haben verstecken gespielt – hauptsächlich im Haus wegen des schlechten Wetters, aber cool war es trotzdem. Ich hab die alten Zimmer meiner Tanten unsicher gemacht und im Arbeitszimmer auf Grandpas großen Zeichenblöcken, die er eigentlich für die Arbeit brauchte, gemalt. An der Küchentür habe ich dann Striche entdeckt: „Granny, was ist das?" – „Da haben wir angezeichnet, wie groß deine Tanten und dein Dad waren. Sieh mal, so groß war Tante Becky als sie so alt war wie du. Und hier Tante Doro…" Ich habe nicht mehr gehört, was sie noch erzählt hat, denn ich bin – so schnell mich meine kleinen Beinchen trugen – zurück ins Arbeitszimmer und kam mit einem dicken Filzstift wieder: „Isch tuu, Granny." – „Okay, Sternchen. Dann stell dich mal hier hin."

Allein, wenn ich an dieses Wochenende denke, komme ich wieder auf den Sentimental-Trip. Nach Grandpas Beerdigung hatte Grandma diese ich-muss-etwas-tun-sonst-übermannt-mich-die-Trauer-Phase und hat aufgeräumt und vor allem ausgeräumt. Ein Teil von Grandpas Dingen ging an uns Enkel, seine Klamotten gingen an die Wohlfahrt. Granny hat es wohl einfach nicht ertragen, dass Grandpa noch so allgegenwärtig war. Jedenfalls haben wir alle mit angepackt. Ich bin mehrmals durch die Küche gelaufen und da waren sie immer noch – die Striche für die Größen der Kinder. Ich bin das einzige Enkelkind, das da verewigt wurde. Wir mussten Granny hoch und heilig versprechen, dass dieser Türrahmen nie gestrichen wird. Und das wird er auch nicht – nur über meine Leiche!!! Und das nicht, weil ich auf dem Ego-Trip bin, sondern weil diese Striche meinen Großeltern soviel bedeutet haben.