Dritter Teil: All Our Yesterdays

Kapitel 14

Das Ende der Unschuld

Wie viel Zeit wir damit verbringen, unseren Kindern beim Einschlafen zuzusehen, dachte Lily Potter am Bett ihres Sohnes. Als wollten wir sie sicher wissen – als wollten wir uns versichern, dass es nur der Schlaf ist, in den sie hinübergleiten –

Das Kinderbett stand direkt neben ihrem eigenen. Bis das hier ausgestanden war, würde sie ihn nicht mehr allein in einem Zimmer schlafen lassen. Aber er lag ganz entspannt da auf dem bunt bestickten Kissen, und von dem Sturz eben war nur ein winziger Blutfleck neben seiner Nase zurück geblieben. Sie strich sanft über das verwuschelte schwarze Haar.

Ihr Blick wanderte zu dem Foto auf ihrem Nachttisch. Das war im Sommer gewesen – wie klein er ihr da noch vorgekommen war!

Gegen ihren eigenen Willen nahm sie den Glasklotz in die Hand, nestelte an dem Verschluss an der Unterseite und schüttelte das kleine Ding, das sie darin aufbewahrte, in ihre Hand. Graugrün gemasertes Holz, kaum größer als ein Geldstück. Die Zacken an der Bruchstelle sahen aus wie ein Gebirgszug. Na ja. Oder auch wie Zähne –

Ich wollte es damals schon wegwerfen. Als James mir vor dem Quidditch-Spiel seinen Goldenen Schnatz gegeben hat. Aber dann konnte ich es nicht.

Manchmal hatte sie sich schon gefragt, ob der Bruch eines magischen Bundes, den sie begangen hatte, der Grund dafür war, dass ihr die Bilder jenes Nachmittages mit nie nachlassender Deutlichkeit vor Augen standen. Im Fall dieser speziellen Eidverletzung waren die Folgen unvorhersehbar und sehr persönlich, so hatte es der rundliche Beamte ihnen an ihrem Hochzeitstag mit eindringlicher Stimme vorgelesen. Und sie hatte James angesehen und gewusst, dass es bei ihnen jedenfalls nicht zu solchen Folgen kommen würde. Sie hatte das gewusst – sie und vermutlich ganze Heerscharen von Bräuten vor ihr ...

Seit dem Novembertag vor fast einem Jahr war jedenfalls kein Tag vergangen, an dem sie nicht daran gedacht hatte. Die Erinnerung lauerte ihr überall auf, anklagend, fordernd, sinnverwirrend.

oooOOOooo

Angefangen hatte alles eigentlich mit einem Zufall: James traf Orlanda Bartleby bei Gringott's, und die schaffte es, ihm innerhalb der paar Minuten, die sie zusammen in der Schalterschlange standen, das Versprechen abzunehmen, dass er Lily an seinem nächsten freien Nachmittag in die Winkelgasse schicken würde, damit sie sich endlich einmal wieder treffen konnten. Orlanda konnte sehr überzeugend sein. Und Lily war entzückt.

James hatten dann natürlich doch noch verspätete Bedenken überfallen. Seit sie sozusagen untergetaucht lebten, war sie so wenig wie möglich allein unterwegs gewesen. Und seit Harrys Geburt vor nicht ganz fünf Monaten überhaupt nicht mehr. Aber heute ließ sie nicht mehr mit sich reden. Sie wollte James, der in zwei Wochen Geburtstag hatte, ein Geschenk kaufen und überhaupt – sie musste einfach mal wieder raus.

"Komm schon, das ist die Winkelgasse, James! Niemand wird mich da einfach aus dem Gedrängel entführen, oder? Und Harry ist ja auch gar nicht dabei", sagte sie, während sie vor dem Spiegel stand und ihr Haar aufsteckte. James, das Baby auf dem Arm, sah ihr mit gerunzelter Stirn dabei zu.

"Du bist ja schließlich auch jeden Tag allein unterwegs! Und außerdem", sie steckte das zweite elfenbeinfarbene Kämmchen über ihrem linken Ohr fest, "außerdem bin ich ja nicht allein. Orlanda ist doch dabei."

Sie warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und drehte sich dann zu ihm um. "Und? Gut so?"

Er nickte, wenn auch nicht ganz glücklich. Da war sie schon auf dem Weg zur Garderobe im Flur.

"He, ich mag dieses Kleid! Warum ziehst du das nicht mal hier für mich an?", fragte er und kam ihr nach.

"Weil Harry es garantiert nach fünf Minuten voll spucken würde", antwortete sie vergnügt, nahm ihren gefütterten schwarzen Winterumhang vom Haken und warf ihn schwungvoll um. "Das ist ein Kleid zum Einkaufen gehen, James. Ein Kleid, das man anzieht, um sich mit seiner besten Freundin in einer Teestube zu treffen und ihr zu demonstrieren, wie schlank man fünf Monate nach einer Geburt sein kann."

"Aha", sagte er zweifelnd und ließ die Hand, die nicht den kleinen Harry hielt, probeweise über eine ihrer Hüften gleiten. Sie wischte sie weg.

"Schluss damit", lachte sie und küsste ihn. "Ich werde euch trotzdem vermissen!" Sie band ihren Schal um, küsste James und den kleinen Harry noch einmal und machte sich mit Hilfe von Flohpulver auf den Weg in die Winkelgasse.

Und eine Weile fühlte sie sich so gut gelaunt, so leicht und frei wie schon lange nicht mehr. Bis sie Orlanda in einer kleinen Teestube treffen wollte, war noch mehr als eine Stunde Zeit. Eine Weile fesselten sie die lang nicht mehr gesehenen Auslagen der Geschäfte, und sie sah sich ausgiebig in Qualität für Quidditch um, wo sie für James schließlich einen riesigen Handschuh mit einem Bild der Chudley Cannons darauf bestellte. Die konnten solche Unterstützung gebrauchen, jedenfalls wenn sie James' missmutige Kommentare richtig verstanden hatte.

Zurück auf der Straße, tauchte sie ein ins Gedrängel, ließ sich treiben, und dann überfiel sie auf einmal ganz unerwartet wieder das Gefühl der Verlorenheit, mit dem sie nun schon so lange lebte. Seit dem Abend ihres zwanzigsten Geburtstags, an dem Dumbledore ihnen mit diesem erschreckenden Ernst die Worte einer drittklassigen Wahrsagerin weitergegeben hatte. Da endlich hatte sie eingesehen, dass all ihre Bemühungen, die dunkle Seite aus ihrem Leben herauszuhalten, vergebens waren. Die dunkle Seite hatte sie gefunden. Hatte sie vielleicht nie aus den Augen verloren.

Seltsam ziellos fühlte sie sich da auf der Gasse, mitgezogen, weitergeschoben, außerstande, sich dagegen zu wehren. Das alles hatte etwas Unwirkliches: die Läden mit ihren altmodischen Schildern und den bizarren Auslagen, die die enge, kopfsteingepflasterte Straße einrahmten – die überwiegend in Umhänge und nicht gerade der Muggel-Mode entsprechende Gewänder gekleideten Passanten – der Verwandlungskünstler, der dort an der Ecke vor Eeylops Eulenkaufhaus sein erstaunliches Können vorführte –

Ihr wurde bewusst, wie sehr sie sich wieder an die Muggelstraßen gewöhnt hatte, in denen sie sonst für die allernötigsten Besorgungen unterwegs war. Dort brach jetzt, um die Novembermitte, allmählich der Weihnachtsrummel aus –

Harry – sie hätte bei ihm bleiben sollen – sie fühlte sich nicht vollständig ohne ihr Baby –

Es war ein bisschen wie in einem Traum. Und es war sogar irgendwie angenehm, sich diesem Sog zu überlassen, nicht länger dagegen anzukämpfen.

Wenn sie später über diesen Nachmittag nachdachte, erschien ihr immer dies als das Seltsamste: dass sie ausgerechnet in dieser Stunde wieder an Severus denken musste, nachdem er zwei Jahre lang kaum mehr als eine Erinnerung gewesen war. Dass sie ihn mit einem Mal vor Augen hatte, als sei sie tatsächlich in einen alten Traum gefallen, und sich mit einem heftigen Gefühl fragte, wie es ihm wohl jetzt ergehen mochte.

Und zehn Minuten später hatte sie dann tatsächlich vor ihm gestanden –

oooOooo

Snapes Erinnerung an diesen Spätnachmittag im November begann in der Winkelgasse, gegenüber dem Buchladen von Flourish and Blotts. Da drin war vor einiger Zeit Regulus Black verschwunden, und seitdem stand er auf der anderen Straßenseite und starrte in die Auslage dieses idiotischen Quidditch-Ladens. Während er sich bemühte, möglichst unauffällig zu wirken, fragte er sich, ob es Leute gab, die sich allen Ernstes Nachttöpfe mit (selbstverständlich bewegten) Bildern von kompletten Quidditch-Mannschaften darauf kauften.

Er fröstelte. Heute war es beinahe schon winterlich, am Morgen war er über knisternde Pfützen gegangen. Eine harsche Kälte, ohne Schnee. Jetzt war die Dämmerung nicht mehr fern, und die Laternen in der Winkelgasse wurden nach und nach angezündet, auch wenn ihr Licht noch mit den Gelb- und Orangetönen konkurrieren musste, die am westlichen Horizont immer wieder in Streifen zwischen grauem Gewölk hervorbrachen.

Sein Herr hatte ihn mit der Beobachtung des jüngsten Mitglieds der Todesser beauftragt, und seitdem folgte er Black auf seinen reichlich unspektakulären Wegen. Für heute, fand er, war es genug. Nach einer Woche der Beschattung war er sicher, Black zu jeder Zeit ohne große Mühe finden zu können und ermüdend genau über sein Tun und Lassen Bescheid zu wissen. Im Wesentlichen schien er an der Neuausgabe dieses Buches, dieses Adelsschinkens, zu arbeiten. Ein wahrhaft Furcht einflößender Todesser! Dennoch fragte er sich, ob nicht mehr hinter seiner Aufgabe stecken mochte, als er zur Zeit erkennen konnte. Schon mehrmals hatte er das Gefühl gehabt, seinerseits beobachtet zu werden ...

Während er sich lässig nach weiteren Beobachtern umsah, überlegte er, ob er noch beim Poculum vorbeigehen sollte. Er hatte dort Futter für die vier Giftfrösche bestellt, die er seit zwei Wochen hielt. Und da sah er Lily.

Er hatte sie seit der Abschlussfeier in Hogwarts nicht mehr gesehen, und das war jetzt mehr als zweieinhalb Jahre her. Und doch erkannte er sie sofort, aus zwanzig Metern Entfernung und zwischen all diesen Leuten auf der Straße. Musste an der Haarfarbe liegen.

Hau ab, dachte er und wusste nicht, ob er sich selbst oder sie damit meinte. Aber jetzt noch zufällig zu verschwinden, hätte wie Flucht gewirkt. Sie hatte ihn gesehen – und bemerkt, dass er sie gesehen hatte. Sie kam nicht zielstrebig auf ihn zu, es war mehr, als treibe eine Strömung sie langsam und unaufhaltsam in seine Richtung, dachte er.

Es war schlimm. Sein Herz hatte beinahe ausgesetzt, als er sie entdeckte, und jetzt schlug es wie wild. In den zweieinhalb Jahren war so viel geschehen, und doch genügte ihr Anblick, um dieses unerträgliche Gemisch aus Wut, Demütigung und Sehnsucht wieder in ihm aufbrodeln zu lassen.

Warum sollte sie eigentlich noch mit ihm reden wollen? Was hatten sie einander noch zu sagen?

Aber sie kam heran, und dann stand sie wirklich vor ihm und war von der unerwarteten Begegnung offenbar auch ein bisschen überfahren. Er konnte das in dem zögernden Lächeln erkennen, mit dem sie ihn ansah, und in ihrer Stimme, als sie seinen Namen sagte.

"Hallo, Lily", grüßte er zurück.

Widerwillig, dachte sie. Er will mich nicht sehen. Schon gar nicht mit mir reden. Aber das ist doch Quatsch. Das ist doch alles schon so lang her. Oder?

"Seit wann interessierst du dich denn für Quidditch?", fragte sie dann lächelnd.

"Was – wieso?" Dann ging ihm auf, dass er ja immer noch vor diesem Ramschladen stand. "Ach das – nein, ich bin nur –"

Aber es fiel ihm nichts ein. Es mochte lächerlich sein, aber sein Hirn war wie leer gewischt. Sie hatte sich verändert, das sah er sofort. Trug ihr Haar jetzt auf irgendeine Weise über den Ohren und im Nacken festgesteckt, aber das war es nicht. Ein Zug in ihrem Gesicht, den er nicht kannte und auch nicht deuten konnte. Sie sah müde aus, das war es. Lily Evans hatte das Strahlen verloren, das sie immer umgeben hatte.

"Wie geht es dir?", fragte sie und klemmte ihre Tasche unter den Arm, als fühle sie sich so sicherer.

Nach all den Jahren, in denen sie kaum mehr als ein paar Sätze gewechselt hatten – da fragte sie ihn jetzt, wie es ihm ging? Na ja. Vermutlich hatte sie das, was er damals zuletzt zu ihr gesagt hatte, nicht mehr so deutlich im Ohr wie er selbst.

"Entschuldige, das war 'ne blöde Frage", sagte sie hastig und ein bisschen verlegen, als er nicht direkt antwortete. "Geht mich auch nichts an."

"Und du?", fragte er und war sich seiner Einsilbigkeit bewusst.

"James und ich haben vor zwei Jahren geheiratet."

Als wenn das eine Antwort gewesen wäre. Aber wenigstens machte das die Dinge ganz klar. Das hier war Konversation. Nichts weiter. "Meinen Glückwunsch", sagte er kühl. Warum konnte sie jetzt nicht einfach weitergehen? Er wollte nicht – wollte das nicht mehr –

"Ich war ewig nicht in der Winkelgasse", sagte sie und warf einen Blick in die Runde, der das ganze bunte Straßenbild umfasste. "Jetzt hab ich einiges nachzuholen."

Aber so richtig bei der Sache war sie auch nicht, stellte er fest. Sie sah ihn an, mit kleinen, schnellen Blicken, die an ihm zu picken schienen wie kleine Vögel.

Sie fand ihn furchtbar blass und noch hagerer und ungepflegter, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Sein Haar hing schwarz und strähnig bis weit über den Hemdkragen, der halb über dem Umhang hervorsah, und die letzte Rasur war sicher nicht an diesem Morgen gewesen. Diese dunklen Schatten um seine Augen, die scharfen Kerben zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln – trotz der Verwirrung, die ihm in diesem Moment anzusehen war, war da eine Unerbittlichkeit in seiner Miene, die sie noch nicht kannte und die ihn älter aussehen ließ als seine zwanzig Jahre.

"Und – lernst du jetzt richtig Zaubertränkekunst?", sagte er schließlich, nur um das Schweigen zu brechen.

"Nein. Da ist erst mal nichts draus geworden", antwortete sie mit einem bedauernden Lächeln. "Und du? Verteidigung gegen die Dunklen Künste?"

Er schüttelte den Kopf. Verdammt, es gab nichts mehr zu sagen! Warum ging sie also nicht endlich weiter? Er sah sie von der Seite her ungeduldig an. Das rote Haar war ein so lebhafter Farbtupfer in diesem grauen Licht – genau wie er es in Erinnerung hatte. Und dieser lange taubengraue Strickschal – den hatte sie schon in Hogwarts getragen. Der Wind wehte ihn gegen seinen Umhang, gegen seine Hand. Er zog sie rasch zurück und machte dann den Fehler, in ihre Augen zu sehen. Gut, das hatte er schon die ganze Zeit tun wollen, jetzt war es eben passiert. Die würde er sowieso nie vergessen. Diese grünen Augen. Gryffindors Hohn.

Sie fing seinen Blick auf. Versuchte ein Lächeln, das misslang. "Warum siehst du mich so an?", fragte sie leise.

"Warum hast du mich damals geküsst und dann nie mehr mit mir geredet?", fragte er brüsk.

Also gut. Das war eine Frage, die ihn lange beschäftig hatte. Allerdings keine, die man wirklich stellen konnte, zugegeben. Aber was war das hier? Ein unwirkliches kleines Zwischenspiel, eine Begegnung, die keinem von ihnen mehr etwas bedeuten konnte. Was hatten denn Lily Evans, Verzeihung: Lily Potter und er überhaupt noch miteinander zu schaffen? Und er wollte es wirklich wissen – wollte diese offene Frage endlich beantwortet haben und die ganze Angelegenheit dann ad acta legen. Was scherte es ihn, wenn sie diese Frage unpassend fand?

"Wir waren dreizehn Jahre alt!", sagte sie mit einem Lachen.

Als wenn das etwas ändern geändert hätte! Außerdem stimmte es nicht.

"Vierzehn", korrigierte er unnachgiebig, aber er kam sich wie ein Idiot dabei vor.

Sie warf ihm einen raschen Blick zu – ob er das ernst meinte. Und sah unter dem Anflug seines widerwilligen Grinsens etwas, das er nicht zugeben wollte. Vermutlich passte es genau zu dem, was sie nicht zugeben wollte.

Das war der Zeitpunkt, an dem sie sich hätte verabschieden sollen. Ein nettes abschließendes Wort finden, sich umdrehen und weggehen. Stattdessen streckte sie zögernd die Hand nach seinem Umhangärmel aus, der im Wind flatterte, und berührte seinen Arm.

"Begleite mich noch ein Stück!", bat sie dann völlig unerwartet. "Sag mir, wie es dir geht. Was du gemacht hast seit Hogwarts –"

Sein Arm war erstarrt unter ihrer Berührung. Das konnte sie doch nicht machen. Das konnte sie doch nicht ernsthaft wollen!

"Bitte!"

Und jetzt sah sie ihm auch noch genau in die Augen. Wenigstens war er inzwischen der Größere von ihnen, ging es ihm völlig zusammenhanglos durch den Kopf.

"Ich – ich muss noch zum Poculum in der Nokturngasse – hab da was bestellt –", stotterte er. "Wenn du – wenn du mitkommen willst –"

Spaziergang in die Nokturngasse – ein toller Vorschlag! Wie hatte er das nur sagen können? Aber er wusste es ja. Er wollte nicht wirklich, dass sie ging. Und in seiner Verwirrung, seiner Angst, sie könnte direkt wieder aus seinem Leben entschwinden, war ihm einfach nichts Besseres als die Wahrheit eingefallen. Anscheinend war das aber nicht schlimm.

"Ja. Klar", sagte sie nur.

Er wusste später nie, wie er damals zur Nokturngasse hatte finden können. Ihm war, als hätte er nicht einmal die Straße unter seinen Füßen sehen können. Sie unterhielten sich auch keineswegs, sondern gingen schweigend nebeneinander her. Er war sich ihrer Nähe so bewusst, dass ihm war, als brenne die Luft an seiner Seite.

Aber tatsächlich standen sie nur wenige Minuten später vor der großen, auf den ersten Blick dunklen Fensterscheibe des Poculum. Unter dem aufgemalten Firmenzeichen – einem überschäumenden Becher, der aus einem Schädelknochen geschnitzt zu sein schien – sah man in so etwas wie einen kleinen Urwald hinein. Lily hatte von diesem Laden gehört, der angeblich Gifte und giftige Geschöpfe aller Art verkaufte – die Hälfte davon illegal, versteht sich – aber sie war noch nie hier gewesen. Seltsame, schwere Düfte, merkwürdige Tierlaute drangen durch das aufgeklappte Oberlicht der Tür.

"Bin sofort wieder da", sagte er und warf ihr, während er die Tür öffnete, noch einen zweifelnden Blick zu. Ob sie weggehen würde, während er drin war?

Lily sah ihm durch die Tür nach. Drinnen wurde eben ein schummriges Licht entzündet, und so konnte sie einen etwa zwölfjährigen Jungen im schmuddeligen Kittel mit dem Giftbecher darauf sehen, der ein Gefäß mit mehreren riesigen Spinnen so weit wie möglich von sich weg hielt. Die Tiere versuchten hartnäckig, den Deckel hochzustemmen.

Sie sah Severus mit dem Jungen zusammenstoßen, der nur Augen für die Kreaturen in seinem Gefäß gehabt und ihn darum gar nicht gesehen hatte. Der Aufschrei, als das große Glas aus seinen Händen fiel. Dann die wütende Männerstimme aus dem Hintergrund des Ladens.

"Loons! Du verblödeter kleiner Bastard, fang die Viecher sofort wieder ein! Verdammt, diese dämlichen Sqibs – zu nichts zu gebrauchen!"

Dann schlug die Ladentür wieder zu, und Lily konnte durch das dunkle Glas eben noch erkennen, wie der Junge mit vor Entsetzen geweiteten Augen den davonrennenden Spinnen nachjagte.

Das Gesicht des Ladenjungen, sein rotes Kraushaar, der panische Ausdruck in seinen glasblauen Augen – all das prägte sich Lily unauslöschlich ein, so wie der Anblick der beiden alten Frauen, die an ihr vorbei über das Kopfsteinpflaster schlurften, wie die Ratten, die sich im Rinnstein um irgendetwas Totes balgten, wie das plötzliche, quittengelbe Abendlicht über allem, das sich in den vielen kleinen ungeputzten Fenstern des Hauses neben dem Poculum spiegelte. Sie stand da wie gebannt, kam nicht einmal auf die Idee, ihm in diesen immerhin faszinierenden Laden zu folgen –

Und da kam er auch schon wieder heraus, in einer Hand ein in dunkelbraunes Papier eingeschlagenes Päckchen. Aus dem Ladeninnern ertönten immer noch die schimpfende Männerstimme und schrille Schreie.

Zögernd blieb er bei ihr stehen.

"Da – da nebenan, da wohne ich im Moment – hab zur Zeit oft in London zu tun", sagte er dann und nickte zu dem schmalen, düsteren Haus hin, dessen Scheiben noch immer in diesem unwahrscheinlichen Gelb glänzten. Erst jetzt sah Lily das verwitterte Schild, das oben unter dem bizarr gebogenen Dach zwischen zwei Fenstern angebracht war: Der Schräge Winkel. Gastzimmer und Mittagstisch.

"Ich bring das Zeug hier schnell rauf. Und dann – dann könnten wir noch einen Tee trinken gehen – auf die alten Zeiten – wenn du magst –" Er hätte sich die Zunge abbeißen können bei dem falschen Geschwätz. Tee – alte Zeiten – blöder ging's ja wohl kaum noch – aber so was sagte man doch wohl, wenn man sich unterhalten wollte –

Wollte er sich mit Lily unterhalten? Er wusste es nicht. Er wollte nur nicht, dass sie wegging.

Sie lächelte ein bisschen schief. "Geh ruhig. Ich warte so lang hier", sagte sie. Und das würde sie tun: Warten – bis sie hier Wurzeln schlug, wenn es sein musste. Weggehen konnte sie jetzt jedenfalls nicht mehr.

"Bleib lieber nicht allein hier stehen", sagte er mit einem Blick auf die Vorübergehenden, die alles andere als Vertrauen erweckend aussahen.

"Dann komme ich eben mit", sagte sie und fühlte, wie ihr Herz einen Sprung machte.

Er nickte knapp, ohne sie anzusehen, und ging voran, in den schmalen Durchlass zwischen den beiden Häusern, dann drei Stufen hinunter zu einer Tür, die wie ein Kellereingang aussah, aber an zwei großen Tonnen mit schmutziger Wäsche vorbei in eine raucherfüllte Rezeption führte.

Der Mann am Empfang las in einer Zeitung und schenkte ihnen keinen Blick. Seine qualmende Pfeife war es, die den Raum verräucherte. Ein großes Schild an der Wand hinter ihm verkündete in schwarzen, unregelmäßig geschriebenen Buchstaben "Apariren ins Haus verboten." Nachträglich war noch "und nach drausen" darüber gequetscht worden. Zaubern gehörte offenbar ebenso wenig zu den Stärken der Hausverwaltung wie Rechtschreibung

Es ging ein paar düstere Treppen hinauf und dann in einen engen Flur, von dem erstaunlich viele Türen abgingen. Sie begegneten niemandem. Treppen, Türen, Böden, Wände – alles schien aus ausgebleichtem und vielfach gesplittertem Holz zu bestehen.

Da ist nur ein kleiner Funke nötig, ging es Lily durch den Kopf, und während sie neben ihm her ging und von der Seite einen Blick in sein verschlossenes Gesicht warf, fing ihr Herz auf einmal so heftig an zu schlagen, dass sie kaum noch atmen konnte.

Als er schließlich vor einer Tür stehen blieb, war sie kurz davor, es doch noch zu tun – sich umzudrehen und davonzulaufen. Bei ihm konnte sie dagegen weder Unruhe noch Befangenheit bemerken, als er die Tür mit einem Schlüssel aus angelaufenem Metall öffnete. Das verzogene Holz klemmte ein bisschen, und als sie beide drin waren, stieß er die Tür offenbar gewohnheitsmäßig mit dem Fuß zu.

Das Zimmer –

Es war winzig. Unter dem kleinen Fenster – eins von denen, auf denen von draußen das inzwischen verblassende Abendlicht gelegen hatte – stand ein Bett, auf dem mehrere aufgeschlagene Bücher und Pergamentrollen lagen. Das Bettzeug hatte er in die Kommode gestopft, das einzige andere Möbelstück. Sie stand an der Längsseite des Zimmers, direkt rechts neben der Tür, und zwischen ihr und dem Bett war gerade genug Platz, dass man die beiden Schubladen öffnen konnte, die es noch gab. Mehrere Päckchen und Tüten lagen bereits auf der zerschrammten Fläche. Über das Fußende des Bettes hatte er seinen Umhang geworfen. Auf dem Boden zwischen Bett und Kommode stand ein großes Glas mit winzigen bunten Fröschen, die sich über ihr Hereinkommen aufregten.

Zögernd legte er sein Päckchen zu den anderen auf die Kommode. Nahm den Umhang auf und sah sich nach einem Platz um, wohin er ihn hätte legen können.

Sie machte einen Schritt in das Zimmer hinein, vorsichtig, um nicht das Glas mit den Fröschen umzustoßen.

"Ist nicht gerade eine tolle Unterkunft", murmelte er.

"Severus, ich –"

Sie streckte die Hand nach seinem Umhang aus, als wollte sie ihm den abnehmen und an den Haken an der Tür hängen. Aber dazu kam es nicht. Er ließ den Umhang fallen und zog sie an sich. Ungeschickt hielt er sie so fest umschlungen, dass sie sich kaum bewegen konnte. Als es ihr gelang, ihre Arme so weit zu befreien, dass das möglich war, legte sie sie um ihn. Versuchte ihn anzulächeln – er starrte sie mit so schrecklicher Intensität an.

Wie mager und knochig er sich anfühlte –

Sie wusste, jetzt war die Grenze überschritten, aber sie konnte ihn nicht mehr loslassen. Ein wildes Rauschen erfüllte ihren Kopf, und unter ihren Füßen schien es keinen Boden mehr zu geben. Das hatte so viele Jahre gedauert bis zu diesem Moment – und jetzt endlich, endlich –

Er war es, der den Anfang machte und sie küsste. Es war egal, dass man merkte, er hatte das noch nicht oft gemacht. Egal, dass er zitterte. Sie ließ sich fallen in diese Umarmung, die dann gar kein Ende mehr nehmen wollte.

Ja, sie hatte sich geirrt. Irgendwo musste diese ganze alte Sehnsucht wohl in den letzten Jahren doch überdauert haben. Jedenfalls konnte sie ihm jetzt gar nicht nah genug sein – und wie jämmerlich wenig von einem Menschen man mit zwei Armen umschließen und fühlen konnte –

Die unerwartete Intimität von wirklichen Küssen, solchen, die erwidert und nach und nach zu einem komplexen Spiel wurden, war für ihn ein solcher Schock, dass es ihn endgültig aus der Realität seines Alltags herausriss. Dass man jemandem so nahe sein konnte! Und man brauchte nicht einmal mehr Worte und Erklärungen!

Zu Atem musste man aber leider trotzdem irgendwann kommen. Ohne sie loszulassen, versuchte er, die Kämme aus ihrem Haar zu ziehen, aber das gelang ihm nicht.

"Lass mich", murmelte sie, zog sie mit zwei knappen Bewegungen heraus und ließ sie einfach auf den Boden fallen. Einer klirrte gegen das Froschglas.

Dann fühlte er ihr Haar wie eine kühle Welle über seine Arme fallen. Davon hatte er früher geträumt, viele Male.

"Was hast du da?", fragte sie, als sie den Verband an seinem linken Unterarm sah. "Hast du dich verletzt? Tut das nicht weh?"

Er schüttelte den Kopf. Seine Hände waren an den Seiten ihres Halses hinab und unter den Kragen ihres Umhangs geglitten. Jetzt wollten sie weiter, aber das Kleid war im Weg. Mit ganz ungewohnt unbeholfenen Fingern zerrte er an der Reihe perlartiger Knöpfe in kleinen Schlaufen, und dann zerriss knirschend der graue Stoff.

"Entschuldige – ich wollte nicht –"

"Ist egal", flüsterte sie. Wenn er nur nicht aufhörte. Wen kümmerte das Kleid –

Aber jetzt knöpfte er so sorgsam, dass sie lachen musste. Da sah er sie an, mit diesem winzigen, verschwiegenen Lächeln in den Augen, das außer ihr anscheinend nie jemand bemerkt hatte, und das Lachen verging ihr wieder.

"Du – du aber auch!", brachte sie schließlich heraus. Sie hatte die Hände unter sein Hemd geschoben und zu seinen Schulterblättern hinaufwandern lassen und fühlte nun einen Anflug von Verzweiflung angesichts all dieser Knöpfe und Verschlüsse und hinderlichen Stoffschichten zwischen ihnen, wo sie endlich lebendige Haut spüren wollte. Da musste es doch irgendeinen nützlichen Zauber geben – aber sie konnte sich nicht darauf besinnen –

Seine Hände waren kühl und unerfahren, aber nicht mehr ungeschickt, jetzt nicht mehr.

Wie war sie nur hierhin gekommen – aber jetzt musste es sein, es gab kein Zurück mehr. Das schien er auch zu finden.

Er zog sie zu seinem Bett hinüber, fegte mit einer Hand die Bücher und Pergamente herunter, während er sie mit dem anderen Arm immer noch umschlungen hielt. Ein Buch landete krachend auf der Nase, aber das kümmerte ihn nicht. Anscheinend hatten sie auch das Froschglas umgestoßen, der Deckel rollte unter das Bett.

"Ich fang' sie später wieder ein", sagte er, wand sich endlich aus seinem Hemd und warf es auf den Boden.

"Sind die nicht – ich dachte, das sind Giftfrösche –" Sie lachte ein zittriges Lachen, als er sie an sich zog. Aber was immer sie sein mochten, es war nicht mehr wichtig.

"Bitte", flüsterte er. "Wenn ich was falsch mache – dann –"

"Quatsch", sagte sie.

"Aber du weinst –"

"Tu ich nicht."

Und natürlich war es wieder etwas ganz anderes, dann plötzlich in seinen Armen zu liegen – das Spiel war vorbei, alles Zögern lag hinter ihnen, und atemlos kämpften sie nur noch mit den verbliebenen Stücken ihrer Kleidung.

Nur endlich den anderen fühlen. Endlich Haut an Haut sein –

oooOooo

– und nie mehr loslassen –

Draußen war es dunkel geworden. Aber wenn es in der Nokturngasse auch nur wenige Straßenlaternen gab, so drang doch von der gegenüberliegenden Seite das fahlgrünliche Licht eines Ladenschildes herein. Es flackerte hin und wieder, wie ihr in den letzten Minuten bewusst geworden war.

Der Aufruhr in ihrem Körper ebbte allmählich ab, und auch das Rauschen in ihrem Kopf ging langsam zurück. Da endlich konnte der wütende Schwarm von Gedanken wieder zu ihr durchdringen, den sie vorhin einfach verscheucht hatte. Und trotzdem schienen diese Gedanken erst einmal gar nichts mit ihr zu tun zu haben. Sie war fassungslos und befand sich noch immer im freien Fall. In dieser Stunde schien es nichts zu geben als ihn neben ihr und dieses Zimmer wie eine Schale um sie beide herum.

So lag sie ganz still und fühlte seinem Körper nach, den sie immer noch spüren konnte, obwohl er schon eine ganze Weile reglos neben ihr lag und nur ihre Hand hielt. Vielleicht konnte sie die Zeit anhalten, wenn sie die Augen schloss? Oder wenigstens diese eine Stunde in sich einschließen.

Nie mehr loslassen.

Sie sah ihn von der Seite her an. Der, der da jetzt so erschreckend vertraut neben ihr lag, war einmal der magere Junge im Zug gewesen, mit dem sie Mitleid gehabt hatte. So schwarze Augen in einem so blassen Gesicht! Irgendwann hatte sie begonnen, ihn zu lieben, alles an ihm – das strähnige Haar, das ihm ständig ins Gesicht fiel, seinen mürrischen Blick, seine giftigen Kommentare, sein unflätiges Fluchen, seine so offenkundig schlechten Manieren. Und diese schwarzen Augen mit ihrem ironischen Blick. Sein so seltenes, plötzliches Lächeln voller verhaltenem Humor. Seine Hände, wenn sie selbstvergessen in Büchern blätterten und mit Geräten hantierten. Seinen Mund, der ihr selbst dann noch seltsam verletzlich erschien, wenn er fluchte. Als sie vierzehn war, hatte es genügt, ihn in der Schule auf dem Gang zu sehen, und sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Und jetzt –

Sie liebte James. Aber Severus war – vorher da gewesen. Und nie wirklich gegangen.

Was hatte sie nur getan!

Er wagte nicht sich zu bewegen, aus Angst, sie an die Gegenwart zu erinnern. Das hätte nicht passieren dürfen, und er konnte immer noch nicht verstehen, wie es so weit hatte kommen können. Jetzt lag er hier und hatte das Gefühl, dass sich jeder Nerv in seinem Körper in Aufruhr befand, betrunken war und doch noch mehr wollte, während er selbst sich so hilflos fühlte wie nie zuvor. Und wenn es doch nur allein sein Körper gewesen wäre!

Sie würde sich früh genug besinnen. Gleich, da würde sie sowieso aufstehen und ihm erklären, dass sie zu ihrem James zurück musste. Das wollte er noch ein paar Minuten hinauszögern. So begnügte er sich damit, sie dicht neben sich zu spüren – das Bett war schmal genug – und ihre Hand zu halten. Aber er konnte nicht verhindern, dass die Bitterkeit in ihm zusammenlief wie eine ätzende Säure. Und schließlich kam auch seine Wut zurück. Sie begann ihm den Atem abzuschnüren. Vielleicht war es auch etwas anderes, verdammt, wer wollte das schon so genau wissen.

Hin und wieder glaubte sie, leise Hupfer auf den Holzbohlen des Fußbodens zu hören – die Frösche erkundeten wohl inzwischen das Zimmer. Und von nebenan erklang kaum gedämpft das Plappern eines Radios. Es wurde langsam kalt, so ganz ohne Decke.

Ihn schien das nicht zu stören. Er hatte den verletzten Arm unter seinen Kopf gelegt. Mit der anderen Schulter lag er auf ihrem Haar – etwas, das sie bei James immer ärgerlich machte. Aber jetzt –

Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte. Wo sie hin sollte mit dieser Liebe, die sie in jeder Faser ihres Körpers spüren konnte und für die doch kein Platz in ihrem Leben war. Jetzt wollte sie einfach nur bei ihm sein.

Sie rückte noch dichter an ihn heran, schmiegte sich an ihn, legte ihre Hand sacht auf seinen Bauch. Fühlte, wie er zusammenzuckte, und merkte endlich, dass seine Reglosigkeit nichts Glückliches hatte. Da richtete sie sich auf einem Arm auf und beugte sich über ihn. In seinen weit geöffneten Augen spiegelte sich das Flackern des Leuchtschildes draußen wider.

"Severus –", begann sie und drängte all die Kosenamen zurück, die ihr eigentlich über die Lippen wollten, "was ist mit dir? Was hast du?" Ihre Hand konnte sie nicht so gut zügeln. Sie strich zärtlich mit den Fingern über seine Augenbraue, seine Wange.

Völlig unerwartet packte er ihr Handgelenk mit einem harten Griff. "War es denn gut für dich?", fragte er. "War ich denn gut genug?"

"Hast du das nicht gemerkt?", fragte sie leise zurück, immer noch mit einem Lächeln.

"So gut wie James?", beharrte er böse, ohne auf ihren Ton einzugehen. "Oder bist du von ihm Besseres gewöhnt? Lang hat's ja nicht gedauert. Er hat natürlich eine Menge mehr Übung als ich."

"Nicht, Severus, bitte."

"Wieso nicht? Magst du es nicht, wenn es wehtut!"

Und plötzlich packte er sie und warf sie auf den Rücken. Mit Augen, die vor plötzlicher Wut glühten, beugte er sich über sie. "Sag es mir endlich, Lily!", brüllte er. "Sag mir, warum du das tust! Warum bist du zu ihm gegangen? Und warum jetzt das hier? Ich muss das einfach wissen!"

Sie sah mit zitternden Lippen zu ihm auf. "Nicht!", bat sie.

"Ich halt' das nicht aus! An diesen verdammten Mistkerl zu denken, der dich jede Nacht haben kann! Der sein ganzes perfektes Leben mit dir teilen kann! Ich ertrag das nicht!", schrie er, und da wollte er sie schütteln, sie sah es in seinen Augen, fühlte es in dem harten Griff, mit dem er ihre Arme umklammerte. Aber stattdessen ließ er sie los, krampfte seine Hände ineinander und rang um Selbstbeherrschung.

"Was weißt du schon, wie das ist! Du hast doch immer alles bekommen, was du wolltest", sagte er schließlich mit zusammengebissenen Zähnen.

"Hör auf", bat sie leise. "Du weißt nicht alles. Ich wollte dich. Nur dich. So sehr."

"Dann verlass ihn. Komm mit mir."

"Ich – wir haben einen Sohn. Er ist noch so klein –"

Jahre später, wenn ihm dieser Moment wieder durch den Sinn ging – und das kam selten vor, nur gelegentlich in den Sekunden, bevor er in einen Traum hinüberglitt – dachte er voll drängender Verzweiflung: Jetzt, frag sie! Sei doch nicht so verdammt in deine dumme Eifersucht verbohrt! Frag sie, wie alt ihr Kind ist!

Oh, wenn er doch gefragt hätte! Wenn er doch nicht einfach davon ausgegangen wäre, dass dieses Kind – nach zweijähriger Ehe der Eltern – wohl so ungefähr ein Jahr alt sein mochte! Wenn er doch nur damals schon begriffen hätte! Hätte es etwas geändert? Hätte es sie retten können?

Stattdessen hatte er etwas anderes gesagt –

"Nimm ihn mit."

Er starrte sie mit brennenden Augen an, als wolle er sie mit seinem Blick bezwingen. Sie erwiderte diesen Blick stumm, sekundenlang. Dann senkte sie die Augen.

Abrupt wandte er sich von ihr ab. Setzte sich an den Rand des Bettes und starrte in die Dunkelheit hinter der Fensterscheibe.

Er hätte schreien können vor Wut, vor Frustration – vor Verzweiflung. Aber er bezwang sich, atmete zitternd ein und aus, ein und aus – ein ganzes Leben lang würde er das noch tun, und wie entsetzlich öde die Aussicht auf dieses Leben war –

Als sie ihn an der Schulter berührte, fuhr er zusammen. Aber sie schmiegte sich an ihn und küsste seinen Nacken. Dann schlang sie einen Arm um seinen Hals und streichelte mit der anderen Hand sein Haar – streichelte ihn, als sei er ein kleines Kind, das man trösten musste –

"Lass das", sagte er schroff.

Liebster. Mein Herz. Hatte sie das etwa nicht gesagt, vorhin? Doch. Er hatte es genau gehört. Vielleicht wusste sie es nicht einmal selbst.

"Severus – versuch doch zu verstehen – ich kann's dir einfach nicht erklären –"

"Was? Was denn nur? Was kannst du mir jetzt immer noch nicht erklären?" schnappte er giftig. "Nach all dem. Wir haben gef-" Aber er konnte es nicht aussprechen, konnte es nicht verächtlich machen, nicht einmal in seiner Wut.

Wie naiv er trotz allem noch sein kann, dachte sie traurig. Denkt er wirklich, dass uns das hier zu Vertrauten macht?

"Ich habe Angst", sagte sie leise. Ihre Hand ließ das Streicheln, war aus seinem Haar auf seine Schulter gesunken.

"Vor mir?"

Sie schüttelte den Kopf. "Vor – der Dunkelheit", sagte sie zögernd.

Ihn überlief es kalt, dagegen konnte er sich nicht wehren. Wie seltsam, dass sie ausgerechnet dieses Wort gewählt hatte – als wüsste sie –

Da gab es nichts mehr zu sagen. Aber sie saß immer noch an seinen Rücken geschmiegt da, und während das Schweigen zwischen ihnen länger und länger andauerte, fühlte er ihre Nähe mit ohnmächtigem Verlangen.

Schließlich schüttelte er sie ab, entschlossen, zu seinem Zorn zurückzufinden, in dem doch alles noch irgendwie zu ertragen war. "Du liebst ihn! Das ist die ganze Wahrheit! Ich bin doch nur ein Appetithäppchen für dich, etwas für zwischendurch – für genervte –"

"Ja, ich liebe ihn! Deshalb habe ich ihn geheiratet! Deshalb haben wir ein Kind!" fuhr sie auf. "Aber ich liebe dich auch! Und wenn ich noch mal entscheiden könnte, dann würde ich es anders machen – dann hätte es nie jemand anderen für mich gegeben! Verstehst du, was ich dir sage?"

Es war schrecklich, wie sie zu weinen begann.

"Nicht, Lily, hör auf. Es tut mir leid. Bitte, hör auf, so zu weinen", sagte er hilflos, mit spröder Stimme. Er hätte aufstehen, sie in die Arme nehmen müssen, irgendetwas tun müssen, das ihr zeigte, dass es ihm tatsächlich leid tat. Aber er blieb reglos da sitzen.

Sie presste die Fäuste auf ihre Augen und drängte die Tränen mit Gewalt zurück. Dann stand sie auf und suchte ihre Sachen zusammen. Auf ihrem Kleid, das zerknüllt vor dem Bett lag, saß ein winziger, selbst in diesem Dämmerlicht leuchtendblauer Frosch. Sie schüttelte ihn herunter und begann sich anzuziehen. Stumm sah er ihr zu.

Schließlich knöpfte sie ihr Kleid wieder zu, strich hilflos über den zerrissenen Stoff. Konnte sich nicht einmal zu einem Reparo! aufraffen. Es war ja doch egal.

"Ich gehe jetzt", sagte sie tonlos.

Er drehte sich um und sah wieder aus dem Fenster.

"Mir tut es leid, Severus", sagte sie leise. "Du hast Recht, ich hätte das nicht tun sollen. Ich wollte dich nicht verletzen."

Viele Jahre später noch musste er immer fluchen, wenn er an diesen Moment dachte. Halt sie fest, dachte er dann. Nimm sie doch wenigstens noch einmal in die Arme! Wer weiß, vielleicht wäre sie sogar geblieben –

Aber das hatte er nicht gekonnt. Dazu saß das alles viel zu tief. Eifersucht, Schmerz, Kränkung. Und Verzweiflung. Er würde die Hand nicht noch einmal nach ihr ausstrecken.

"Denk daran, dass du erst draußen apparieren kannst", sagte er dumpf.

Und so ließ er sie gehen.

oooOOOooo

"Snape! He, Mann, wach auf!"

Malfoys Stimme drang durch etwas, das sich wie Glockengeläut angehört hatte, das abendliche Glockenläuten in einer Muggel-Großstadt.

"Entschuldige, dass ich einfach so hier reinkomme", sagte Malfoy mit kühler Höflichkeit. "Er will dich sehen."

"Was – warum ruft er mich nicht selbst?" Snape drängte die Reste seines Traums zurück in die Dunkelheit und setzte sich auf.

"Woher soll ich das wissen? Glaubst du etwa, ich frage ihn nach seinen Gründen?", erwiderte Malfoy scharf. "Und du solltest das auch nicht tun. Also, ich hoffe, du hast dich ausreichend erholt. Es gibt – Probleme. Wir apparieren sofort nach Nobilitas."

Er hatte also tatsächlich geschlafen. Es gab fortgeschrittene Okklumentik-Techniken, die den Schlaf nutzten, mit einbezogen. Kontrollierte Träume, die angeblich das Gehirn befreiten. Er hatte das erst zwei-, dreimal versucht, und mit wenig Erfolg, wie er fand.

"Also – alles in Ordnung?", fragte Malfoy ungeduldig.

Snape stand auf und rieb sich das Gesicht und plötzlich war er tatsächlich völlig klar im Kopf. War ganz im Hier und Jetzt, mehr als jemals in den vergangenen Monaten. Faszinierend, wie scharf alle Konturen mit einem Mal waren. Der Wecker auf dem Schreibtisch zeigte fünf Uhr an. Auf dem kleinen Tisch neben dem Sofa stand noch der Teller mit den Resten seines Abendessens, die Malfoy eben kritisch musterte. Es war beinahe komisch, wie dieses Haus um Malfoy herum noch viel ärmlicher und verwohnter aussah als sonst.

"Bist du bereit? Es wäre besser, ihn nicht warten zu lassen."

Malfoy machte eine Bewegung mit seinem Zauberstab, und Teller, Teekanne und Becher verschwanden vom Tisch, ebenso wie die dunklen, feuchten Ringe, die die Kanne auf dem Holz hinterlassen hatte.

"Ich bin bereit", sagte Snape nur.

"Halt – da ist noch etwas. Narcissa redete irgendwas von einem Fiebersaft, den du ihr angeblich schicken wolltest. Für den Kleinen. Hast du noch was von dem Zeug?"

Snape nickte und ging zu den Regalen über seinem Arbeitstisch, nahm eine Flasche herunter und gab sie Malfoy.

"Danke. Sie gibt in dieser Sache wirklich keine Ruhe." Dann packte er Snape am Arm, damit sie gemeinsam apparieren konnten – ohne einen seiner speziellen Portschlüssel konnte nur er selbst durch den Schutz hindurch, den er um Nobilitas gelegt hatte.

Das Wirbeln durch den Sog war atemberaubend, alles um sie herum schien in regenbogenfarbene Funken zu zersprühen. Wie Schleier wehten sie schließlich auseinander, und als Snape wieder Boden unter den Füßen hatte, konnte er durch die letzten funkelnden Tropfen hindurch Malfoys großes Arbeitszimmer erkennen, unter dessen kostbaren Teppichen spiegelnder Parkettboden lag – unter dem wiederum sich der Eingang in die düstere Unterwelt von Nobilitas befand.

Aber vorerst schien ein Abstieg dahinunter nicht nötig zu sein.

Sie waren alle hier und erwarteten sie bereits: Avery und Nott und die Lestranges, Rabastan, Rodolphus und Bellatrix – und natürlich Voldemort selbst.

Malfoy und Snape verbeugten sich und grüßten ihren Herrn, der sich ihnen erst danach zuwandte.

"Also, Lucius – hast du ihm die Lage geschildert?", fragte er ungnädig, ohne Snape eines Blickes zu würdigen.

"Nein, Herr – ich dachte, Ihr würdet das vielleicht –"

"Dann tu es jetzt! Ich habe keine Lust, diese Geschichte eurer Unfähigkeiten immer wieder zu wiederholen! Oder besser noch, erzähl' du es ihm, Bellatrix!"

Snape sah, wie Rodolphus und Bellatrix Lestrange, die beide Kapuzenumhänge trugen, bei seinem Ton die Köpfe senkten.

"Rodolphus und ich haben heute Nacht die Wohnung dieser Potters aufgesucht –", begann Bellatrix Lestrange zögernd.

Woher wussten die, wo sie wohnen?, fragte Snape sich.

"Sie – sie waren nicht da. Es sah so aus, als wären sie nur ausgegangen – einen Besuch machen oder was weiß ich. Da stand noch alles herum, aufgeschlagene Bücher auf dem Tisch, ungespültes Geschirr im Becken und der Müll noch im Eimer, im Bad hing Wäsche auf einer Leine über der Wanne – was ich sagen will", bremste Bellatrix ihren Redefluss, der schon sehr nach Rechtfertigung zu klingen begann, "das sah nicht nach Flucht aus. Die waren nicht Hals über Kopf abgehauen, so was sieht anders aus. Die hatten vor, zurückzukommen, als sie gingen, das war offensichtlich."

"Wir waren sicher, dass sie nur ausgegangen waren. Und deshalb beschlossen wir, auf ihre Rückkehr zu warten", sagte ihr Mann.

"Und das haben sie getan", sagte Voldemort mit beißendem Spott. "Über zwei Stunden lang. Wirklich, ich hätte euch mehr Verstand zugetraut!"

"Wir haben alles gründlich durchsucht. Die ganze übliche Prozedur durchgemacht", murmelte Rodolphus und starrte auf einen kleinen Beutel, den er aus seiner Umhangtasche gezogen hatte.

„Dann wurde uns klar, dass sie nicht mehr wiederkommen würden. Zumindest nicht in dieser Nacht", sagte Bellatrix.

"Natürlich. Es kann immer noch sein, dass sie tatsächlich ausgerechnet diese Nacht irgendwo zu Besuch waren, nicht wahr", fuhr Voldemort in unverändertem Ton fort. "Es kann sein, ja. Aber es ist mehr als unwahrscheinlich, liebe Bella, und das ist uns wohl allen klar, oder?"

Sie senkte den Kopf noch tiefer, und Snape stellte fest, dass er ihr das gönnte.

"Mein Herr – warum sollten sie ausgerechnet in dieser Nacht geflohen sein? Wer sollte sie gewarnt haben? Nur wir hier haben von Euren Plänen gewusst!"

"Sie sind gewarnt worden", sagte Voldemort kalt. "Und ich werde schon noch herausfinden, von wem. Im Augenblick ist es weitaus wichtiger festzustellen, wo sie sich verstecken. Oder sollten wir uns vielleicht gleich fragen, wie?"

Sie sahen einander schweigend an.

"Ich hoffe, ihr wisst, wovon ich spreche?", fragte er drohend, als niemand etwas sagen wollte. "Lucius?"

"Ich denke, Ihr wollt auf einen Verbergungszauber hinaus, Herr", murmelte Malfoy.

"Ganz richtig, Lucius. Das ist es, worauf ich hinaus will."

"Aber mein Herr, warum sollten sie das tun? Sie können unmöglich wissen, dass Ihr sie verfolgt! Warum sollten sie sich diese Mühe machen? Vielleicht sind sie – möglicherweise sind sie einfach so untergetaucht? Bei irgendwelchen Freunden? Bei Dumbledore etwa – oder in Hogwarts?"

Voldemort lachte abfällig. "So dumm ist Dumbledore nicht. Und auch den Potters möchte ich etwas mehr Verstand zutrauen. Dumbledore wird ihnen damals selbstverständlich von der Prophezeiung berichtet haben, gewarnt waren sie also in jedem Fall. Sie werden keine leichtsinnigen Ausflüge mit ihrem Kind unternommen haben. Nein, nein, sie haben sich versteckt, und wenn ich Dumbledore richtig einschätze, wird er dafür gesorgt haben, dass sie einen Fidelius-Zauber verwenden."

"Dann sind sie unerreichbar für uns", murmelte Rodolphus.

"Was ist das für ein Gerede", fuhr Voldemort ihn an. "Alles, was wir brauchen, um sie zu finden, ist ihr Geheimniswahrer! Und an dieser Stelle kommt unser junger Freund hier ins Spiel –"

Mit diesen Worten wandte Voldemort seine bösen Augen urplötzlich Snape zu, der bisher unbeachtet neben Malfoy gestanden hatte. "Snape – du warst mit den Potters in Hogwarts in einer Klasse, und das ist noch nicht einmal lange her. Niemand von meinen Dienern hier kennt sie also so gut wie du! Ich bin sicher, dass du uns weiterhelfen kannst."

Der Blick seiner rötlichen Augen brannte sich in Snapes Gesicht. "Wen würden sie wohl zu ihrem Geheimniswahrer machen, was meinst du?"

Snape hielt dem Blick stand, und es fiel ihm nicht einmal schwer.

"Sirius Black", sagte er kalt.