Mein Beitrag zum Herbst-Gedichte-Kalender des Rudels vom September 2011. Mindestens ein selbstgedichteter Vierzeiler und etwas Herbstliches mussten vorkommen.
Altersfreigabe: ab 12
Spoiler: keine
Inhalt: Luna hat einen Traum – und alle können ihn sehen.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Luna Lovegood, Severus Snape
Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J..
Kommentar: Die beiden haben es mir angetan. Mea culpa.
Beta gelesen hat dieses Mal Lepitera.
Warnings: none
Die Wahrheit im Schatten
Er stand plötzlich vor ihr wie ein Denkmal aus Onyx. Das einzige, das aus der Vielzahl schwarzer Kleidungsstücke hervorstach, war das blasse Gesicht, die schlanken Hände. Seine Augen wirkten klein, die Haare lang, jeder Muskel angespannt. Er wirkte kleiner als früher, als wollte er unentdeckt bleiben. Nicht wie bei einer Observierung der Schüler bis er einen verstoß gegen die Schulregeln gefunden hatte. Überhaupt. Hätte Professor McGonagall seine Rückkehr nicht angekündigt, Luna hätte Professor Snape nicht erkannt.
Nun zog sie ihren Blick von seinem Gesicht zurück und starrte auf einen Punkt unterhalb seines Kinns. „Professor Snape", sagte sie in die Stille der Bibliothek hinein und es klang so frevelhaft wie in einer Kirche.
„Miss Lovegood." Die Stimme des Tränkemeisters war rau wie Sandpapier. Sie hatte alles von ihrer raubtierhaften Eleganz, ihrem Timbre und ihrer einschüchternden Wirkung verloren. Alles, was übrig war, klang wie ein Vierzehnjähriger im Stimmbruch.
„Es ist schön, dass Sie wieder da sind, Sir." Sie strich mit der freien Hand ihre blonden Haare zurück. Als ihre Fingerspitzen ihre Wange berührten, sandte diese einen empfindlichen Reiz aus. Die Narbe, die sich vom Ohr wie ein Spinnennetz über ihre Wange ausbreitete, war noch empfindlich. Vielleicht würde sie das auch immer sein, so genau kannte man sich nicht mal in Sankt Mungos mit derart untypischen Dementoren-Verletzungen aus.
Dann schlang sie beide Arme um die Bücher, die sie für ihren Aufsatz in Verwandlung brauchte, und duckte sich an Professor Snape vorbei in Richtung Ausleihe.
Er griff so plötzlich zu, dass sie zusammenzuckte. Seine Finger packten ihren Oberarm fest, aber nicht schmerzhaft. Die Kälte drang durch ihr dünnes T-Shirt und ließ sie frösteln. Sein Blick war so intensiv, dass er ihr durch Mark und Bein ging, schwankte zwischen Entsetzen und Wut. Doch kein Wort kam über seine trockenen Lippen.
Luna verlagerte das Gewicht der Bücher auf den Arm, den er festhielt, und streckte ihre frei gewordene Hand nach seinem Gesicht aus. Ihr Herz raste, als ihre Finger seine strähnigen Haare berührten und beiseite schoben. Die Narben, die Nagini auf seinem Hals und seinem Kiefer hinterlassen hatten, waren wulstig und rot, sie warfen Schatten im Kerzenlicht der Bücherei.
„Nichts daran ändert, wer Sie sind, Sir", sagte sie mit überraschend ruhiger Stimme.
Professor Snapes Augen wurden eine Nuance größer und die Spiegelung eine Kerzenflamme schimmerte in seiner Iris. Luna legte den Kopf schief und schnalzte leise mit der Zunge. Als sie ihre Hand vorsichtig auf die Narben legte, spürte sie die Muskeln, die sich unter der Haut anspannten, seinen Puls, der ähnlich schnell war wie ihrer, die Wärme und die Verletzlichkeit, die von dieser Stelle seines Körpers ausgingen. Sie öffnete den Mund und...
...purzelte so unangenehm aus diesem Traum, dass sie beinahe vom Stuhl kippte. Heftig blinzelnd setzte Luna sich auf und fuhr mit der Hand über ihren Mund. Etwa zweihundert Augenpaare starrten sie an.
Irritiert über den Ort ihres Schläfchens (die Große Halle) und die Reaktion aller Anwesenden (große Augen, offene Münder) wandte sie sich zu Nathan um, der wie jeden Morgen neben ihr am Frühstückstisch saß. „Was ist los?"
Nathan, ein schmächtiger Erstklässler, blinzelte und griff an ihr vorbei nach einem Stück Papier, das in der Nähe von Lunas Kürbissaft auf dem Tisch lag. „Traum-Sharing für Unfreiwillige", las Luna leise und schluckte. Der letzte Scherzartikel, an dem Fred Weasley vor seinem Tod mitgearbeitet hatte. Der Scherzartikel, der seit seiner Publikation vor zwei Wochen seine Runden im Schloss drehte und für allerlei Spaß sorgte. Denn wer das aufgelöste Pulver trank, schlief ein und teilte seine Träume mit allen Anwesenden.
„Wenn ich dich nicht geweckt hätte", zischte Nathan, „hätte er dich mit bloßen Blicken umgebracht." Er ruckte mit dem Kinn in Richtung des Lehrertisches und als Luna sich umdrehte, folgten ihr fast alle Augenpaare und starrten Professor Snape an. Nur Professor Snape, der starrte Luna an. Wie ein tollwütiges Raubtier.
„Es war doch nur ein Traum", sagte sie. Aber wenn sie so in die Runde schaute, dann beschlich sie die Befürchtung, dass niemand diese Meinung teilte.
„Loony und die Fledermaus! Zieht doch in ein Monsterhaus. Küsst euch eure Narbenfratzen, leckt eure Wunden wie die Katzen!"
Luna folgte der Gruppe Fünftklässler, die singend an ihr vorbeizog, mit den Blicken. Lachend liefen sie um die nächste Ecke.
„Hast du schon rausgefunden, wer dir das Zeug in den Saft gemischt hat?" Nathan stand neben ihr, sein Kopf reichte ihr gerade mal bis an den Oberarm.
„Nein."
„Das solltest du aber. Und dann solltest du ihn oder sie bei der Direktorin verpfeifen." Als sie ihren Weg zum Klassenraum für Zauberkunst fortsetzte, folgte er ihr.
„Warum? Ich bin doch nicht die einzige, die dem Scherz zum Opfer gefallen ist."
Er machte große Augen. „Aber du bist die einzige, die Snape deswegen auf dem Kieker hat!"
„Ich habe keine Angst wegen Professor Snape."
„Weswegen dann?"
Luna blieb stehen und sah auf den Jungen hinab, der während der Fahrt im Hogwarts-Express irgendwie zu einem Freund geworden war. „Ich habe wegen gar nichts mehr Angst."
Er schüttelte den Kopf. „Echt mal, du bist total verrückt."
„Du bist nicht der erste, der das sagt", informierte sie ihn mit verklärter Miene. „Musst du nicht in die andere Richtung?"
„Jaah. Und ich muss mir neue Freunde suchen!" Er lief ein paar Schritte rückwärts, ehe er zum Abschied winkte und auf der nächsten Treppe verschwand.
„Loony und die Fledermaus...", tönte es Luna da aus dem Gang entgegen, in den sie nun abbiegen musste. Sie steckte sich den Zauberstab hinter das heile Ohr und schlug ihr Zauberkunst-Buch auf, dann betrat sie den unheilvollen Korridor.
Wenn Professor Snape den Unterrichtsraum im Kerker betrat, dann verstummten noch immer alle Schüler. Die Angst vor seinem rücksichtslosen Gemüt war da, auch wenn er ihm nicht mehr durch seine scharfe Stimme Ausdruck verlieh. Er tat es mit Blicken, die einem so kalt im Nacken prickelten, dass man noch Stunden später fror. Und er tat es mit seinem Verstand, indem er einem Nachrichten in den Kopf pflanzte.
Seit seiner Rückkehr an die Schule hatte er kein Wort mehr gesprochen.
Doch in Lunas Augen hatte sich nicht viel verändert in seinem Unterricht. Sie schrieb ab, was er an die Tafel zauberte, und erledigte die Anweisungen schweigend. Mit mehr oder minder großem Erfolg, doch sie war niemals schlecht genug gewesen, um seine Aufmerksamkeit nachhaltig auf sich zu ziehen.
Bis jetzt.
Miss Lovegood, hörte sie ihn in ihrem Kopf und knirschte mit den Zähnen angesichts seiner Präsenz, die nur gerade eben nicht schmerzhaft war. Das war eine der Bedingungen gewesen, mit denen die Direktorin ihm Legilimentik gestattet hatte, wie sie zu Beginn des neuen Schuljahrs verkündet hatte. Ich spreche Sie nach dem Unterricht.
„Natürlich, Professor Snape", entgegnete Luna freundlich und nickte ihm zu.
Die Augen des Tränkemeisters wurden noch schmaler. War das etwa eine Anweisung gewesen, von der die anderen nichts erfahren sollten? Sie sah sich um und begegnete den neugierigen Blicken ihrer Klassenkameraden, ehe sie sich wieder auf ihren Kessel konzentrierte.
Professor Snape hingegen wandte sich mit rauschenden Umhängen zur Tafel um und ließ die Spitze seines Zauberstabes giftgrüne Worte bilden, die sich leuchtend auf den dunklen Untergrund setzten.
So leid es mir tut, ich kann Ihnen aus der kleinen Seifenoper am Frühstückstisch keinen Strick drehen. Das Regelwerk von Hogwarts ist in dieser Beziehung noch etwas rückständig.
Mit den Büchern im Arm stand Luna vor ihrem Arbeitstisch und beobachtete Professor Snape, der langsam auf und ab ging, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Ihm war in keiner Weise anzumerken, dass er in ihrem Kopf herumfuhrwerkte, es schien ihn nicht mal mehr anzustrengen. Dafür bereitete ihr der andauernde Druck Kopfschmerzen.
Dennoch möchte ich es nicht versäumen, Sie darauf hinzuweisen, dass das, was Sie sich in Ihrem realitätsfernen Verstand zusammengeträumt haben, niemals passieren wird.
Luna legte den Kopf schief. „Das weiß ich, Professor Snape."
Was kein Grund dafür ist, so etwas zu fantasieren! Sein wütender Blick traf sie so unerwartet, dass Luna kurz die Luft anhielt.
„Ich denke nicht, dass es möglich ist, die eigenen Träume zu beherrschen, Sir."
Das ist es, korrigierte er sie scharf, Und angesichts des Ärgers, den Sie mir und sich selbst mit Ihrer gedankenlosen Träumerei gemacht haben, lernen Sie es besser.
„Ärger?", fragte sie, ehe sie sich dessen bewusst war.
Seine Augenbrauen zuckten. Die Hänseleien, die schiefen Blicke, die Demütigung – fällt da bei Ihnen der Sickel?
„Oh", machte sie. „Entschuldigen Sie, Sir, mir war nicht bewusst, dass Sie das als Ärger bezeichnen."
Wie würden Sie es denn bezeichnen? Mittlerweile war er so gereizt, dass die Falte zwischen seinen Augenbrauen ein dicker, schwarzer Strich im Dämmerlicht des Kerkers war.
„Alltag?"
Da zuckte sein Kopf unwillkürlich ein Stück zurück (ihr war gar nicht aufgefallen, dass er ihn vorgestreckt hatte) und für einen Moment verlor er so offensichtlich die Fassung, dass Luna sich verstohlen nach einem Spähstreicher an der Decke umsah.
Ihr Vater hatte ihr erst vorgestern den Entwurf eines neuen Artikels geschickt, in dem es um diese schwer fassbaren Geschöpfe ging, die einen durch ihr plötzliches Auftauchen und ebenso schnelles Verschwinden in den Wahnsinn trieben. Nach dem, was er herausgefunden hatte, begleiteten sie ihre Angriffe durch ein kaum hörbares Streichorchester, das sie mit ihren Hinterbeinen imitierten.
Doch an der Decke konnte sie nichts sehen. Vielleicht hockte einer hinter den Kesseln an der Wand. Sie neigte vorsichtig den Kopf, bis sie fast bis in die Schatten schauen konnte.
Miss Lovegood...
Sie zuckte zusammen. „Ja?"
Was genau tun Sie da? Professor Snape hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wippte auf seinen Füßen auf und ab.
„Ich habe nach einem Spähstreicher geguckt, Sir. Sie verstecken sich in dunklen Ecken und zeigen sich einem nur so flüchtig, dass man an Halluzinationen zu glauben beginnt."
Spähstreicher, spottete er in ihrem Kopf.
„Ja, Sir." Sie lächelte ihn fröhlich an. „Aber ich glaube, hier ist keiner." Womit sie wieder bei der Frage war, was ihn so entsetzt hatte.
Tatsächlich? Er schüttelte leicht den Kopf. Verschwinden Sie. Und passen Sie auf, dass Ihnen nicht noch einmal jemand was in den Kürbissaft mischt!
„Okay. Bis nächste Woche, Sir!" Luna griff ihre Bücher fester und verließ die Schülerlabore.
Der Grashüpfer starrte sie an. Und Luna starrte zurück. Die braunen Fühler bewegten sich langsam durch die warme Luft, die riesigen Hinterbeine zum Sprung bereit. Sie beugte sich noch ein bisschen weiter hinab und...
...er machte einen Satz, klatschte gegen ihre Stirn und verschwand im hohen Gras. „Hm!", machte Luna und ließ sich auf ihren Po zurücksinken. „Das war kein Springender Drachenkeimling." Denn der wäre gegen ihre Nasenspitze gesprungen.
„Schaut euch den Freak an!"
Der Zauberstab hinter ihrem Ohr wippte, als Luna sich zu der Quelle des Lärms umdrehte. Eine Gruppe Ravenclaws, fünfte Klasse höchstens, stand etwa drei Meter von ihr entfernt und zeigte mit den Fingern auf sie, lachte. Und dann begannen sie wieder zu singen. „Loony und die Fledermaus! Zieht doch in ein Monsterhaus. Küsst euch eure Narbenfratzen, leckt eure Wunden wie die Katzen!"
Und nicht nur das, sie setzten noch einen drauf: „Mancher sagt: „Ich glaub das nicht!" Doch die Zweifler irren sich. Denn eines ist klar wie ein Stern: Gleich und Gleich gesellt sich gern!" Zwei von ihnen bogen sich vor Lachen, einer grinste spöttisch. Luna kannte keinen von ihnen.
Fünfzig Punkte Abzug von Ravenclaw!, hörte sie da ein schwaches Echo von Professor Snapes Stimme in ihrem Kopf. Der in schwarz gekleidete Mann kam durch ein lichtes Gebüsch, das zwei kleine Pfade auf den Ländereien voneinander trennte, und baute sich drohend vor den Fünftklässlern auf. Verschwindet!
Während die Schülergruppe sich auflöste wie ein Rauchwölkchen im Sturm, stemmte Luna sich auf die Beine. „Guten Tag, Professor Snape", grüßte sie höflich.
Der hagere Mann wirbelte zu ihr herum und sein Gesichtsausdruck nahm ärgerliche Züge an. Warum lassen Sie sich das gefallen?, fragte er und selbst in ihrem Kopf klang er aufgebracht.
„Was denn?"
Er schnaubte. Waren Sie eben anwesend, oder befanden Sie sich in fremden Sphären?
„Oh, das Lied meinen Sie? Es hat eine schöne Melodie, finden Sie nicht?"
Die Antwort auf ihre Frage konnte sie sich augenblicklich selbst geben: Nein, das fand er nicht, denn seine Augen wurden schmal wie die Sickelschlitze der Snackautomaten im Ministerium. Sie sollten endlich anfangen, sich zu verteidigen, anstatt wie eine Fünfjährige Grashüpfer zu beobachten.
Luna seufzte. „Ich wäre gerne wieder fünf. Das war eine schöne Zeit."
Versuchen Sie, mich auf den Arm zu nehmen, Miss Lovegood?
„Nein, Sir. Aber mit fünf fiel es uns nicht schwer, die zu sein, die wir wirklich sind. Und es fiel uns auch nicht schwer, die anderen so zu nehmen, wie sie wirklich sind. Es ist nicht leicht, sich zurechtzufinden, wenn jeder eine Maske trägt."
Professor Snape zog den Kopf ein Stück nach hinten, als hätte sie sich vor seinen Augen in eine Schlange verwandelt. Verschwinden Sie, Miss Lovegood, wies er sie an. Trotzdem war er es, der als erstes ging.
„Ich hab mich mal ein bisschen umgehört uuuund...", begrüßte Nathan sie am nächsten Abend im Gemeinschaftsraum und warf seine Bücher unachtsam auf das freie Ende der Couch vor dem Kamin. „... wie es aussieht, kam der Anschlag von den Hufflepuffs."
Luna ließ die neuste Ausgabe des Klitterers sinken und sah den Jungen mit glasigen Augen an. „Anschlag?"
„Deine kleine Traumtherapie vor der ganzen Schule?" Er zog die Augenbrauen soweit in die Stirn, dass sie unter seinem aschblonden Pony verschwanden.
„Oh. Das war kein Anschlag." Und schon war sie wieder hinter der Zeitung verschwunden.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis Nathan seine Finger grob um das knisternde Pergament schlang und ihr die Lektüre entriss. „Ich hab ja bisher immer gedacht, du wärst einfach geistig ein bisschen... abgelenkt. Aber ganz ehrlich, allmählich frage ich mich, ob du nicht doch eher komplett durchgeknallt bist."
Luna lächelte. „Der Eindruck verstärkt sich, wenn man mich länger kennt."
Er blinzelte mehrmals, den Mund ein kleines Stück offen. „Gibt es eigentlich auch irgendetwas, das dich aus dieser nervtötenden Ruhe reißen kann?"
„Wenn mir Dementoren zu nahe kommen, werde ich etwas nervös", gestand sie und griff vorsichtig nach ihrer Zeitung.
„So was kann nicht gesund sein", murmelte Nathan und zog sich auf seine Seite des Sofas zurück.
„Ich denke, Sie wissen, weswegen ich Sie sprechen möchte, Miss Lovegood?" Professor McGonagall nahm hinter dem gewaltigen Schreibtisch im Büro der Schulleiter Platz und sah sie über den Rand ihrer Brille hinweg an.
„Nein, Professor McGonagall", erwiderte Luna, obwohl sie eine vage Ahnung hatte. Das Wispern in den Gängen war in den letzten zwei Wochen lauter geworden; sie würde ihre Butterbierkorkenkette darauf verwetten, dass das Schloss unter einer Spähstreicher-Invasion litt. Und ihr Vater stimmte diesem Verdacht zu.
„Es geht um die Gerüchte, die aufgrund des Traum-Streiches die Runde unter den Schülern machen." Ein paar ernste Falten waren auf der Stirn der Direktorin erschienen.
„Ich habe keine Gerüchte gehört." Und das war die reine Wahrheit.
„Das glaube ich Ihnen gerne, Miss Lovegood. Dennoch sind Sie und Professor Snape die Protagonisten in diesen Gerüchten."
„Ohhh, deswegen ist er so gereizt in letzter Zeit."
„In der Tat", bestätigte ihr Gegenüber. „Ist Ihnen denn in letzter Zeit gar nichts Absonderliches aufgefallen?"
Luna sah im Augenwinkel, wie die früheren Schulleiter sich in ihren Gemälden regten und so unauffällig wie möglich die Ohren spitzten. Nur Professor McGonagalls Vorgänger lächelte sie ganz unverholen über seine halbmondförmigen Brillengläser hinweg an, die Hände unter dem Kinn verschränkt.
„Mir ist einiges aufgefallen, Professor McGonagall. Aber nichts davon hat mit dem Traum zu tun."
Das linke Auge der Direktorin zuckte, als müsste sie sich gewaltsam davon abhalten, genauer nachzufragen. „Nun, Sie scheinen eine beneidenswerte Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung anderer zu besitzen. Dennoch verlangt das Protokoll, dass ich in dieser Angelegenheit nicht nur Professor Snapes Aussage, die ich im Übrigen für absolut wahr halte, einhole, sondern auch die Ihre."
„Okay."
Professor McGonagall räusperte sich, schürzte die Lippen und musste sich selbst so sehr zwingen, die Frage zu stellen, dass Professor Dumbledore in seinem Rahmen vergnügt kicherte. „Gab es zwischen Ihnen und Professor Snape jemals... ungebührliche... Kontakte?"
„Ungebührlich im Sinne von respektlos?"
Die Blicke der Direktorin waren scharf wie der magische Knoblauch, den Madam Sprout anbaute. „Ungebührlich im Sinne von... sexuell."
Luna nickte verstehend, während sie ihre Hände unter die Beine schob und mit den Füßen unter dem Stuhl vor und zurück schwang. „Nein. Er hat mich nie berührt, ich habe ihn nie berührt. Da gibt es nichts Sexuelles."
„Danke!", fuhr Professor McGonagall dazwischen, als wollte sie Luna davon abhalten, ihre Antwort noch weiter auszuschmücken. „Dann werde ich die Angelegenheit damit abschließen und wir können nur hoffen, dass die Gerüchte sich bald legen werden."
„Das werden sie", versprach Luna freimütig und stand auf, „Das tun sie immer."
Trotzdem es bereits Anfang Oktober war und die Blätter sich an den Bäumen rot und gelb verfärbten, stand die Sonne warm am Himmel und die Überbleibsel des Sommers machten diesen Samstag zu einem Tag, den man nirgendwo anders als am See verbringen mochte. Sogar Nathan hatte sich mit seiner blassen Haut vor die Tür gewagt und es hatte kaum mehr als zehn Minuten gedauert, bis er aufgehört hatte, den Sonnenbrand des Jahres auf seine Haut zu prophezeien und stattdessen sprachlos Luna angestarrt hatte.
Sprachlos, bis jetzt: „Ähm, bist du dir sicher, dass – was immer du dir auf die Haut geschmiert hast – so dunkel sein soll?"
„Ja."
„Und dass es so stinken soll?" Seine Nase zuckte.
„Das lässt sich leider nicht vermeiden", erklärte sie schulterzuckend.
„Was zum Slytherin ist das?", keuchte Nathan, als eine sanfte Windböe über den Schwarzen See und den strengen Geruch direkt in seine Nase wehte.
„Schlickschlamm. Es neutralisiert die Dämpfe des..."
„Lass stecken", unterbrach der Junge sie und steckte die Nase in sein Buch.
Luna schlang die Arme um ihre Knie und ließ den Blick über das Seeufer wandern. Ein Großteil der Schüler, die Hogsmeade noch nicht besuchen durften oder sich dagegen entschieden hatten, hatte es sich hier bequem gemacht. Und viele, die sie sahen, versuchten nicht einmal, ihr Lachen zu verbergen. Immer wieder drangen Worte wie 'Monsterhaus' und 'Gleich und Gleich' an ihre Ohren.
„Wenn es dir peinlich ist, mit mir befreundet zu sein, kannst du dir ruhig andere Freunde suchen", sagte sie nach einer Weile des Schweigens.
Nathan hob den Blick. „Wie kommst du darauf?"
„Du wärst nicht der erste."
„Ich bin nicht gerne einer von vielen, weißt du? Das ist öde."
„Hm. Das ist mein letztes Jahr hier. Ich war sechs Jahre lang verrückt und vier davon alleine. Aber du hast gerade erst angefangen." Sie legte den Kopf schief und sah zu ein paar Klassenkameraden von Nathan hinüber. Sie zeigten auf ihn, tuschelten, lachten. „Du solltest nicht sechs Jahre lang alleine sein, nur um ein Jahr mit mir befreundet zu sein."
Er folgte ihrem Blick und runzelte die Stirn. „Das sind Idioten. Und selbst wenn, dann such ich mir nächstes Jahr eben einen naiven Erstklässler und mache ihn zu meinem Sklaven. Wenn du das schaffst, schaff ich es mit links."
Luna sah ihn an, sah ihn lächeln und erwiderte es.
„Aber wenn du schon in dieser gönnerhaften Laune bist: Geh bitte ins Wasser und wasch dir diesen Schlamm von der Haut! Das ist echt peinlich."
Luna hatte von ihrem ersten Besuch in den Kerkern an geahnt, dass der leer stehende Raum in der Nähe von Professor Snapes Büro eine schlechte Wahl war, um Musik zu hören. Dennoch hatte die Akustik dieses Raumes sie immer wieder hierher getrieben, den magischen Plattenspieler unter dem einen, das vergrößerbare Kissen unter dem anderen Arm. Es gab einen Schleichweg, der fast genau vor der Tür dieses Geheimnisses endete und die Bürotür des Tränkemeisters umging.
Vielleicht hatte Professor Snape ein feineres Gehör bekommen, seitdem er sich selbst nicht mehr schreien hörte. Vielleicht war er aber auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Jedenfalls stand er urplötzlich in der Tür, gerade als das Prelude von Rachmaninov einen seiner Höhepunkte erreichte.
Der Lehrer für Zaubertränke starrte den Plattenspieler an, dann starrte er sie an, dann gab er der Tür einen Stoß und sie fiel mit einem Knall ins Schloss.
Würden Sie so freundlich sein, mir zu verraten, was genau Sie hier tun, Miss Lovegood?, konnte sie ihn trotz der lauten Musik problemlos in ihrem Kopf hören.
„Ich höre Musik", antwortete sie, überlegte jedoch im gleichen Moment, ob er wirklich diese Antwort auf seine Frage erwartet hatte. Es war doch offensichtlich, was sie tat.
Machen Sie das aus!
„Gleich." Luna setzte sich gerade auf und beobachtete wie hypnotisiert die Platte, die sich unter der magischen Nadel drehte. Als die letzten Töne verklungen waren, sackte sie ein Stück in sich zusammen und nahm die Nadel hoch.
Professor Snape unterdessen hatte die Lippen so fest aufeinander gepresst, dass sie kaum mehr als solche zu erkennen waren. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn seit seiner Rückkehr jemals so wütend gesehen zu haben. Was ihm wohl heute passiert war?
„Entschuldigen Sie, Sir, aber ich halte es für frevelhaft, ein Musikstück zu beenden, bevor es tatsächlich zu Ende ist. Das ist, als würde man die letzten Schritte einer Trankrezeptur überspringen."
Vergleichen Sie tatsächlich gerade dieses Machwerk mit der Kunst des Tränkebrauens?
„Ja. Ich halte beides für eine hohe Kunst. So wie Sie wissen, welche Zutat einen gewöhnlichen in einen hervorragenden Trank verwandelt, wusste Rachmaninov, welcher Ton an welcher Stelle die Musik bis ins Innerste trägt. Das ist wie Magie. Dabei war er ein Muggel." Luna neigte den Kopf zur Seite; es war das erste Mal, dass ihr diese Tatsache so deutlich bewusst wurde.
Professor Snape verschränkte die Arme vor der Brust, als er bemerkte, wie ihre Gedanken abschweiften. Ist es eigentlich eine neue Masche von Ihnen, sich permanent mit mir anzulegen, Miss Lovegood?
„Ich lege mich nicht mit Ihnen an, Sir."
So? Für mich sieht es nämlich ganz danach aus. Warum sonst sollten Sie sich plötzlich abends in die Kerker schleichen und Musik hören?
Sie blinzelte. „Ich schleiche mich schon seit Jahren ab und zu hierher, Sir. Mein Vater hört viel Musik, es lockt die magischen Wesen an. Ich vermisse das."
Sein ganzes Gesicht versteinerte für einen Moment. Das tun Sie nicht.
„Oh doch, das tue ich. Es gibt nichts schöneres, als morgens von der Musik aufzuwachen und ihn von der Treppe aus dabei zu beobachten, wie er auf dem Tisch hockt und die offene Terassentür beobachtet."
Er machte eine wegwischende Bewegung mit der Hand. Das meine ich nicht! Sie sind heute das erste Mal hier.
„Nein, Sir. Ich bin schon oft hier gewesen."
Dann haben Sie die Musik heute lauter. Allmählich schien er tatsächlich ungeduldig zu werden.
„Nein, Sir. Wenn ich sie zu laut höre, tut es weh."
Ich habe Sie bisher aber nie gehört!, polterte er da, Es ist unmöglich, dass Sie schon früher hier gewesen sind! Und dabei entwich seinem Mund sogar ein Röcheln, als würde er sie am liebsten mit der ganzen Kraft seiner Stimme zusammenstauchen.
Luna hob ratlos die Schultern. „Ich nehme an, Sie hatten bisher einfach kein Ohr für so etwas, Sir."
Irrsinn!
„Vieles, das in diesem Schloss passiert, ist Irrsinn."
Während er innerlich brodelte, stieg ihm eine leichte Röte ins Gesicht und ließ ihn gleich weniger krank aussehen. Packen Sie Ihr Zeug zusammen und verschwinden Sie in Ihren Gemeinschaftsraum. Sofort!
„In Ordnung." Luna stand flink auf, verkleinerte ihr Kissen und hob vorsichtig den Plattenspieler hoch. Während sie alles auf ihren Armen unterzubringen versuchte, ohne dass etwas Schaden nahm, ging sie an Professor Snape vorbei und sah, wie er das Narbengeflecht anstarrte, das sich von ihrem Ohr aus über ihre Wange zog. Für einen Moment glaubte sie, die Szene aus ihrem Traum würde sich nun doch wiederholen. Aber er hielt sie nicht auf.
Er ließ sie gehen.
Die Nacht war über das Schloss hergefallen wie ein hungriges Tier. Es hatte die Ländereien, den See, die Türme verschlungen und ließ ihnen nicht mal ein Loch zum Licht dahinter. Es war Neumond.
Luna schlich durch die Gänge, barfuß. Ein Fiepen hatte sie aus dem Schlaf gerissen und dann quer durch den Gemeinschaftsraum der Ravenclaws gelockt, hinaus auf die verlassenen Gänge der Schule, durch drei Stockwerke und über fünf Treppen hinauf auf den Astronomieturm. Hier schwebte es in der Luft vor ihr her wie ein unsichtbares Glühwürmchen.
Sie schloss die Augen und konzentrierte sich komplett auf das Fiepen. Mit tastenden Händen schlich sie sich Schritt für Schritt vorwärts, bis ihre Finger gegen die Brüstung stießen. Luna blinzelte und sah sich mit großen Augen in der kühlen Dunkelheit um. Die Luft war feucht, das Geländer unter ihren Fingern auch. Doch das Fiepen – es musste einfach ein Spähstreicher sein - stieg in die Höhe und drohte in der Nacht zu verschwinden.
Luna raffte ihr Nachthemd hoch und stemmte sich auf das Geländer. Ihre nackten Füße gaben ihr trotz der Feuchtigkeit einen einigermaßen sicheren Halt. Sie streckte die Arme zu beiden Seiten aus und schob sich langsam vorwärts. Griff ins Leere. Balancierte sich erneut aus. Schnappte ein weiteres Mal nach dem Fiepen.
Dann plötzlich geschah etwas so schnell, dass ihr erst sehr viel später klar wurde, was das gewesen war. Sie hörte ein Geräusch hinter sich, die Fackeln zu den Seiten der Tür flammten auf, Luna riss instinktiv den Kopf herum und die Augen auf, verlor das Gleichgewicht, rutschte vom nassen Geländer und wäre fünfzig Meter oder mehr in die Tiefe gestürzte, wenn...
...da nicht zwei Hände gewesen wären, die sie mit dem Griff eines Suchers festgehalten und zurück auf die Aussichtsplattform des Astronomieturms gezogen hätten. Luna stolperte, ihr Herz ebenfalls, sie keuchte erschrocken und wurde keine Sekunde später weggestoßen (mit derselben Kraft). Hart prallte sie gegen das Geländer, auf dem sie eben noch balanciert war (das Fiepen war verschwunden), spürte die raue, kalte Oberfläche unter ihren Fingern, als sie sich festhielt. Doch ehe sie blinzeln und sehen konnte, wer sie vor dem Absturz bewahrt hatte, nachdem er ihn verursacht hatte, wurde sie schon wieder gepackt und ein Stück hochgezogen, so dass sie nur noch mit den Fußspitzen den Steinboden berührte. Dieses Mal tat es weh.
Haben Sie jetzt völlig den Verstand verloren?
Luna stöhnte angesichts des Schmerzes, den Professor Snapes Stimme in ihrem Kopf verursachte. „Nein, nur das Gleichgewicht", antwortete sie, als sich das Pochen etwas gelegt hatte.
Das ist nichts, mit dem man Scherze macht! Sie hätten sich den Hals brechen können, Sie dummes Mädchen! Das Licht der Fackeln glänzte in seinen schwarzen Augen und verlieh seiner Wut noch mehr Nachdruck.
„Ich...", begann sie, doch als sie eine kurze Pause machte, um sich zu sammeln, fiel er ihr bereits wieder ins Wort.
Warum sind Sie bloß so gedankenlos? Stand Ihr Leben nicht oft genug auf dem Spiel? Er schüttelte sie, als würde dadurch die Antwort aus ihr herauspurzeln. Luna biss sich dabei aber nur auf die Zunge.
Da verlor Professor Snape auch den letzten Rest seiner Kontrolle. Die Kraft seiner Legilimentik erwischte sie mit der Wucht eines Stupor. Lunas Knie gaben darunter nach, doch er hielt sie fest und wühlte sich durch ihre Erinnerungen. Er sah den Ausflug, den sie mit ihrem Vater unternommen hatte, wie er ihr erzählte, dass es Menschen gab, die nicht verstanden, was sie taten. Die es für verrückt hielten. Und er sagte ihr, dass das nur die Meinung der anderen war und dass sie sie respektieren musste, aber nicht ändern konnte. Professor Snape sah, wie sie eines Morgens aus ihrem Zimmer kam und ihr Vater auf dem Küchentisch hockte, den Po in die Luft gestreckt, eine Lupe in der Hand. Wie er sie zu sich auf den Tisch zog und ihr die kleinen Krabbler zeigte, die ihre Welt zwischen den Brettern des Tisches hatten. Ihr erklärte, wie wertvoll diese Welt ist. Professor Snape sah ihre ersten Jahre in Hogwarts, den Spott ihrer Mitschüler, das Befremden der Lehrer und er spürte ihre Faszination für die Reaktionen der anderen.
Und weil Professor Snape so aufgebracht war, konnte sie ein paar seiner Gedanken hören. Keine ganzen Gedankengänge, nur Fetzen. Sie hörte Worte wie desinteressiert und kalt und nicht noch jemand und unwillkürlich dachte sie an das Bild, dass sie sich nach den Erzählungen der anderen von Professor Dumbledores Tod gemacht hatte. Professor Snape schob die Erinnerung weg und konzentrierte sich wieder auf desinteressiert und kalt und sie spürte seine Ungläubigkeit. Sie spürte, dass er es einfach nicht begreifen konnte.
Da zeigte sie ihm eine ganz bestimmte Erinnerung aus den Ferien nach ihrem ersten Schuljahr. Sie zeigte ihm, wie sie ihrem Vater erzählt hatte, wie ihre Mitschüler sie behandelten. Und dass ihr Vater sie in den Arm genommen und ihr erklärt hatte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie jemanden finden würde, der sie verstand. Dass sie nur Geduld haben musste und sich nicht dazu gezwungen sehen sollte, sich für die anderen zu ändern. „Es ist keine Schande, das zu machen, was wir tun, Luna. Es ist eine Schande, dass die anderen es nicht akzeptieren können, obwohl sie doch so viel verrückteres tun. Mal ehrlich, Quidditch?", hatte er gesagt und sie hatten beide gelacht.
Da verschwand Professor Snape aus ihrem Kopf und für einen kleinen Moment konnte sie Bilder aus seiner Kindheit sehen. Bilder, die ihr den Magen umdrehten. Er starrte sie mit schmalen Augen an. Sie wissen, dass Ihr Vater Ihnen Lügen erzählt hat, oder?
Luna nahm sich die Zeit, ein paar Mal tief durchzuatmen, bis der Schwindel sich gelegt hatte. Sie kniff die Augen zusammen, weil ihr Kopf wehtat, spürte das Zerren an ihren Narben und wischte mit der Hand darüber und ihre Haare aus dem Gesicht. „Mag sein. Aber ich finde die Lügen meines Vaters glaubhafter als die Lügen Ihres Vaters, Sir."
Ist das Ihr Ernst?, fragte er, als würde ihm die Antwort einfach nicht genügen.
Luna lächelte. „Für meinen Vater ist das die Wahrheit, Sir. Und ich glaube an ihn."
Er schnaubte. Sieben Jahre, ohne dass jemand Sie tatsächlich verstanden hat, und Sie glauben noch immer?
„In der Schule ist es schwer, anders zu sein. Aber die Schule ist ja nur ein begrenzter Zeitraum."
Für mich nicht, erwiderte er, ehe er sich davon abhalten konnte. Kaum hatten die Worte seinen Kopf verlassen, presste er die Lippen aufeinander, als könnte er sie so zurückpfeifen.
„Vielleicht sollten Sie es dann zu einem begrenzten Zeitraum machen", schlug sie vor und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht müssen Sie sich da draußen nicht verstellen, weil Sie anders sind."
Ein Ausdruck von Abscheu huschte über seine Züge, dann wies er unwirsch mit der Hand auf die Tür. Fünfzehn Punkte Abzug von Ravenclaw, Miss Lovegood. Verschwinden Sie!
Wie schon drei Tage zuvor ging Luna an ihm vorbei. Wieder folgte ihr sein Blick. Wieder hielt er sie nicht auf. Da blieb sie stehen. „Das einzige an meinem Traum, von dem ich bedauere, dass es nicht geschehen wird, ist, dass Sie wieder Ihre Stimme benutzen, Sir. Ich bin mir sicher, Sie hätten viel zu erzählen."
Mit dem Zeugnis in der einen und einem Punsch in der anderen Hand stand Luna am Rand der Tanzfläche, die in der Großen Halle freigeräumt worden war, und wippte im Takt der Musik mit der Pergamentrolle. Sie sah ihren Mitschülern beim Tanzen zu, genoss den süßen Geschmack des Punsches und beobachtete die verzauberte Decke. Sie könnte schwören, dass zwischen den Wolken ein paar Spähstreicher herumgehuscht waren, während Professor McGonagall ihre Abschlussrede gehalten hatte.
Wissen Sie schon, was Sie als nächstes tun werden?
Luna drehte sich zu der Stimme um, die von der anderen Seite des Büffets aus direkt in ihren Kopf gesprochen hatte. Ihre Augenbrauen zuckten überrascht. Professor Snape hatte sie seit der Nacht auf dem Astronomieturm nicht mehr außerhalb des Unterrichts angesprochen. Doch sie war überzeugt, dass er sie weiterhin beobachtet hatte. Das Schloss bot so viele Verstecke wie Geheimgänge.
„Die Häppchen sehen gut aus", antwortete sie verzögert.
Professor Snape zog eine Augenbraue in die Stirn. Tatsächlich? Mir war nicht bewusst, dass Sie ins Hauselfen-Geschäft einzusteigen gedenken.
Sie lächelte. „Das klingt zwar spannend, aber ich werde vorerst lieber meinem Vater mit dem Klitterer helfen."
Natürlich, ätzte er mit einem Ausdruck der Ernüchterung.
„Und Sie?" Es ging das Gerücht, dass Professor Snape gekündigt hatte. Normalerweise schaffte der Klatsch es nicht, Lunas Neugier zu wecken, doch sie wüsste gerne, ob dieses spezielle Gerücht tatsächlich der Wahrheit entsprach.
Der Tränkemeister sah sie mit schmalen Augen an, entspannte sich jedoch etwas, als ihr Gesichtsausdruck neutral blieb. Ich denke, ich werde ein paar wahre Dinge erzählen.
„Hat denn jemand Lügen verbreitet?"
Mehr als in eines der Hefte Ihres Vaters passen, Miss Lovegood. Seine Mundwinkel zuckten. Dann reckte er sein Kinn vor und fragte: Was war es eigentlich, das Sie mir sagen wollten?
„Ich wollte Ihnen etwas sagen?"
In Ihrem Traum. Seine Blicke huschten so kurz zur Seite, dass es ihr entgangen wäre, wenn sie ihn nicht so ratlos angestarrt hätte.
„Oh. Ich weiß es nicht, Sir. Es war ja nur ein Traum."
Ja, so ist es wohl. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Miss Lovegood. Er hob sein Glas zum Gruß, dann wandte er sich ab und kehrte zum Lehrertisch zurück.
Sie sah ihm noch hinterher, als sie über die Musik der Liveband hinweg ein paar Zeilen des Liedes hörte, das sie das ganze Schuljahr lang begleitet hatte. „Loony und die Fledermaus! Zieht doch in ein Monsterhaus."
Luna sah sich nach der Quelle des Gesangs um, entdeckte ein paar Slytherins, die sich vor Lachen bogen und schüttelte den Kopf. Es war schon verrückt hier in Hogwarts.
ENDE
