Der Beginn der Pest
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Ein weiterer Wächter eilte auf unsere Gruppe zu. In der Hand hielt er einen langen Holzspieß, den er, noch ehe einer von uns reagieren konnte, dem Gardisten, der gerade dabei war, uns die Situation zu erläutern, mit einem lauten Schrei in den Rücken jagte. Mit einem schmatzenden Geräusch rutschte der leblose Körper des Kriegers von dem Pfahl und sank völlig verdreht auf dem Boden zusammen. Erneut schrie der Mann, der den Stock hielt, und der Wahnsinn in seinen Augen loderte auf. Während ich das Szenario wie eine Außenstehende betrachtete, stürzte der Gardist, der das Tor bewachte, nach vorne und hieb mit seinem Schwert nach dem erkrankten Wächter. Auch Yijo und Meister Togo machten Anstalten, den Gardisten im Kampf zu unterstützen, während Cora ihn so gut es ging mit ihren Zaubern schützte. Alanus beobachtete genau wie ich völlig verstört das Kampfgeschehen, bis der befallene Wächter schließlich von dem Gardisten niedergestreckt wurde. Sofort reagierte Meister Togo. „Ihr bleibt hier.", wies er den Gardisten an. „Lasst niemanden durch dieses Tor, bis wir wissen, was los ist. Was auch immer dieses Anwesen bedroht, es darf nicht zur Gefahr für das gesamte Kloster werden." Mit einem flehenden Blick wandte sich der Gardist dem Ritualisten zu. „Meister Togo, mein Sohn ist da drin. Ich...", kurz hielt er inne und kämpfte offensichtlich mit den Tränen. Nach einigen Augenblicken schien er sich wieder gefangen zu haben und sprach weiter. „Bitte, Meister Togo, bringt ihn lebend zurück."
Der Ritualist nickte, dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort zu sagen um und schritt durch das Tor, während er uns mit einer Handbewegung bedeutete, dasselbe zu tun. Nachdem der Gardist vor uns salutiert hatte, schloss er das Tor. Nun gab es für uns kein Zurück mehr. „Der Minister ist in großer Gefahr. Wir müssen ihn finden, ehe es zu spät ist.", schon war Meister Togo einige Schritte voraus gegangen, während Cora, Alanus und ich noch immer zögerlich am Tor standen. Yijo, der das bemerkt hatte, drehte sich zu uns um. „Kommt! Meister Togo wünscht, dass wir an seiner Seite kämpfen!" Er hielt kurz inne, um uns drei eingehend zu mustern, dann sprach er aufmunternd weiter. „Wir werden einen ehrenhaften Tod sterben." Auch wenn Yijo lächelte, als hätte er einen Scherz gemacht, fand ich das gar nicht lustig. Der Gedanke an Zen Daijun schnürte mir die Kehle zu und ich bedachte ihn mit einem freudlosen Blick. Genau wie Cora wollte auch Alanus Anstalten machen den beiden Ritualisten zu folgen, als er bemerkte, dass ich noch immer stocksteif da stand. Er packte mich am Arm und zog mich langsam aber bestimmt mit sich. „Zum Trauern ist nachher immer noch Zeit; jetzt müssen wir erstmal herausfinden, was überhaupt los ist. – Und sollten auf jeden Fall zusammen bleiben", fügte er hinzu.
„Warum bleibt Ihr stehen?!" Erbost sah ich zu Yijo, den ich grade angerempelt hatte, nachdem er einige Schritte zurück gewichen war, aber eigentlich wollte ich keine Antwort. Vermutlich hatte er wieder eine Gruppe von kämpfenden Wächtern entdeckt und würde mich gleich anweisen, nach vorne zu gehen um zu Kämpfen, doch ich wollte nicht mehr. Es widerstrebte mir, diese Menschen zu töten, auch wenn sie sich mit blankem Wahnsinn in den Augen auf alles zu stürzen schienen, was sich bewegte. Ihre fiebrigen Blicke, das einzige was sie von den bei Vernunft gebliebenen Wächtern unterschied, riefen in mir eher Mitleid als Kampflust hervor. Zu allem Überfluss schaffte es der kleine Junge, der vermutlich der Sohn des Gardisten am Tor war, wie durch ein Wunder völlig unbehelligt von den erkrankten Wächtern immer wieder vor uns weg zu laufen. Mittlerweile war es mir fast egal, ob wir diesen Rotzlöffel noch einholten, ich wollte einfach nicht mehr weiter und nicht mehr gegen all diese verwirrten Menschen kämpfen, für die es keine Rettung gab.
„Diese Kreatur ist anders, als alles, was ich bisher gesehen habe! Sie ist von einer strahlenden Machtaura umgeben!" Fast hatte ich vergessen, dass ich Yijo eine Frage gestellt hatte. Schon griff Meister Togo nach dem Arm seines Schülers, um ihn auch ganz sicher außer Sichtweite des Monsters zu ziehen, das dieser gesehen haben wollte. „Das ist eine Laune der Natur, die selbst die klügsten Gelehrten des Kaiserreiches nicht erklären können. Besonders starke Wesen, deren Fähigkeiten weit jenseits derer eines durchschnittlichen Kämpfers liegen, entwickeln manchmal so eine Aura." Mit einem ernsten Blick sah er uns der Reihe nach an. „Obwohl er alleine ist, wird er uns alles abverlangen. Es wird kein einfacher Kampf werden." Als ob die vorherigen nicht schon schwierig genug waren – und da hatten wir auch noch die Unterstützung anderer Wächter. Hier jedoch waren wir auf uns allein gestellt, denn das befallene Monster hatte bereits alles um sich herum getötet und in Stücke gerissen, wie ich bei einem vorsichtigen Blick um die Ecke fest stellen musste. Mit einem tiefen Atemzug bemühte ich mich erfolglos, mich zu beruhigen. „Ich werde versuchen, mich anzuschleichen. Mit etwas Glück bemerkt mich das Vieh nicht direkt und ich komme nah genug heran, um es einige Minuten von Euch abzulenken." Das Monstrum, welches mir noch den Rücken zugewandt hatte, sah aus wie der Hulk persönlich, nur dass seine Haut nicht leuchtend grün sondern rötlich verfärbt war und dass es keine lilafarbene Hose anhatte sondern stattdessen die zerplatzen Rüstungsreste am Körper trug, die stellenweise mit dem von Pestbeulen überwucherten Fleisch verwachsen zu sein schienen. In den Händen hielt es einen riesenhaften Hammer, welcher sicherlich mit Leichtigkeit jeden Knochen entzwei schlagen konnte und ich musste hart schlucken, weil mein Körper mir plötzlich so unglaublich zerbrechlich vorkam. Ein goldgelber Schimmer umhüllte die unförmige Gestalt des Monsters und fast hätte ich innegehalten, um das Spiel der Sonne auf der Aura zu betrachten, doch ich riss mich zusammen. Die Finger fest um meine Waffen gekrallt schlich ich also los um mich dem Ungetüm unbemerkt zu nähern, doch die Metallteile meiner Rüstung verrieten mich.
Als sich das riesige Pestgeschöpf umdrehte, verschlug es mir den Atem. Das, was ich zunächst für seinen Kopf gehalten hatte, entpuppte sich als eine überdimensionierte Auswucherung, die die Gesichtszüge des Monsters fast unter sich begrub und was ehemals ein Mund gewesen sein musste, war nun ein großer Schlund, dessen untere Hälfte fest mit der ebenfalls von Beulen überwucherten Brust verwachsen war. Mit ungelenken Schritten bewegte sich die Kreatur auf mich zu, ihre leuchtend roten Augen, die aus tiefen Höhlen glotzten, genau auf mich gerichtet. Als uns nur noch wenige Schritte voneinander trennten, riss das Monster seinen ebenfalls mit Pestwucherungen übersäten Hammer, welchen es bis dahin hinter sich her geschleift hatte, in die Höhe. Während ich noch versuchte vollends zu begreifen, was ich da sah und mich bei dem Anblick nicht zu übergeben, war es schon zu mir gelangt und setzte zu einem mächtigen Hieb an. Zwar konnte ich in letzter Sekunde noch meine Waffen heben und einen Schritt zurückweichen, doch sein Schlag traf mich mit voller Wucht am rechten Unterarm. Ein stechender Schmerz durchzuckte meinen Arm von der Hand bis zur Schulter und der Schwung des Schlages beförderte meine Axt auf den Boden, wo sie surrend einige Meter weiter schlitterte. Wie betäubt taumelte ich einige Schritte zur Seite und spürte nur am Rande, wie der pochende Schmerz in meinem Arm langsam nachließ. Schon traf mich ein weiterer Schlag an der linken Schulter und ich landete genau wie meine Waffe bäuchlings im Dreck. Beißende Schmerzen bahnten sich ihren Weg durch meine Arme in die Schultern bis in meinen Rücken. Ich wollte mich auf die Seite wälzen und schreien, doch ich konnte nicht, der Aufprall hatte jegliche Luft aus meinem Brustkorb gepresst und die Schmerzen lähmten meine Glieder. Weiße und rote Punkte tanzten durch mein Blickfeld, während ich am Rande registrierte, dass das Vieh an mir vorbeiging und mich glücklicherweise nicht weiter beachtete.
Nachdem ich scheinbar endlose Minuten in stiller Qual vor mich hin gelitten hatte und meine Sicht sich langsam klärte, tastete ich auf dem Boden kriechend nach meiner Axt. Das Ungetüm war grade dabei, einen der Ritualistengeister auseinander zu nehmen, während Meister Togo, Yijo und Alanus ihrerseits die Pestkreatur angriffen. Einzig Cora blickte kurz zu mir hinüber, während sie einen weiteren Zauber murmelte. Als ich meine Waffe gefunden hatte rappelte ich mich auf, den Blick fest auf den Rücken des Monsters gerichtet. Vielleicht gelang es mir, eine Schneide meiner Doppelaxt tief in den pestbeulenbesetzten Nacken der Bestie zu rammen und sie damit außer Gefecht zu setzen. Mit leisen Schritten schlich ich mich an – dieses Mal überdeckten die Kampfgeräusche das Klirren meiner Rüstung – und hob meine Waffe über meinen Kopf. Ich holte aus und schlug meine Axt mit aller Kraft zwischen die Schultern des Monstrums. Wie in Zeitlupe schien sich die Klinge Millimeter für Millimeter in das eitrige Fleisch zu graben, bis sie plötzlich abprallte. Panisch versuchte ich, meine Waffe weiter in den Rücken des Scheusals zu treiben, doch statt weichem, fauligem Fleisch befanden sich stahlharte Muskelstränge unter der verwundbaren Haut. Mit einem lauten Grollen drehte es sich zu mir um und schmiss mich mit seiner freien Hand zu Boden.
Nun stand es über mir, den Hammer erhoben, um mir den Todesstoß zu versetzen und ich flehte in Gedanken völlig panisch zu unbekannten Mächten, sie mögen mir doch helfen, weil ich jetzt und hier nicht sterben wollte, fing schließlich sogar an, unverständliches Zeug zu brabbeln, bis ich die Götter selbst anrief.
„...Dwayna..."
Fast glaubte ich, ein sadistisches Lächeln auf den entstellten Zügen der Bestie erkennen zu können, als sie mitten in der Bewegung kurz innehielt.
„...Balthasar..."
Ich wartete auf den Schlag, der meinen Kopf zu Brei verarbeiten würde, doch sie verharrte weiterhin, schien auf den richtigen Moment zu warten.
„...Grenth..."
Während ich mit blankem Entsetzen in den schier endlosen Schlund der Kreatur starrte, sah ich eine Bewegung hinter ihr. Ein türkiser Ball erhob sich langsam über den Kopf des Monstrums und als er in seiner Position verharrte, hoffte ich inständig, dass der befallene Schreck sich nicht bewegen würde. Und das tat er nicht. Er verharrte weiterhin in seiner Position um sich scheinbar an meiner Angst zu ergötzen, bis die Kugel sich mit einem lauten Zischen über ihm entlud. Der Zauber verkohlte Haut und Fleisch des Ungetüms, dessen Körper nun leblos aber noch immer knisternd und dampfend neben mir auf den Boden plumpste.
