13. Akt: Tradition

„Kaiba! He, Kaiba, wach auf!"

Seto wälzte sich herum und öffnete die Augen. Sie fühlten sich merkwürdig schwer an.

„Fröhliche Weihnachten!" Yuugi strahlte ihn an, seine Haare standen wie immer nach allen Seiten ab. Seto hatte Mühe, etwas mit seinen Worten anzufangen.

Weihnachten… war da etwas gewesen…?

„Komm, steh auf, die anderen kommen bald rüber!", rief Yuugi fröhlich und verschwand wieder aus Setos Blickfeld.

„Frohe Weihnachten", nuschelte Seto und gähnte.

Es war noch nicht Weihnachten. Es war erst Heiligabend. Aber das schien im Haus Mutou keinen großen Unterschied auszumachen. Sowohl Yuugi als auch sein Großvater rannten seit dem frühen Morgen wie aufgescheuchte Hühner durchs Haus und verbreiteten sprühende Weihnachtsstimmung.

Seto sah Ryou beim Frühstück. Der weißhaarige Junge redete nicht sonderlich viel und trank in aller Ruhe seinen Kakao, wobei er ab und zu nickte, um Yuugi zu beweisen, dass er ihm noch zuhörte. Er wirkte blasser als sonst, nur ein Schatten seines lachenden Ichs, das mit Jou und Honda unanständige Witze gemacht hatte. Auch Yuugi bemerkte es. Er tat sein bestes, um den Freund aufzumuntern, aber Ryous Lächeln blieb genauso unecht wie bei seiner Ankunft, als er an Yuugis Tür geklopft hatte.

Um zehn Uhr kam dann auch schon Anzu mit vollem Gepäck, das der unglücksselige Honda für sie schleppen musste. Shizuka und Jounouchi trudelten mit einiger Verspätung ein, weil Jou wie immer nicht aus dem Bett zu kriegen war. Er war immer noch krank, aber die Medikamente hatten sein Fieber eingedämmt, so dass er nur noch durch seinen Schnupfen behindert wurde. Er ließ sich aber auch dadurch nicht die Laune vermiesen. Erstmal angekommen, stürzte er sich munter in das Chaos.

Seto versuchte sich aus dem Trubel herauszuhalten. Er half mit, das Wohnzimmer zu schmücken und einige fehlende Sachen aus dem Keller zu holen. Zur Küche hielt er Sicherheitsabstand. Anzu hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie diesen Raum als ihren Herrschaftsbereich ansah, und jeder, der es wagte, seine Nase hineinzustecken, wurde sofort fürs Töpfeschrubben oder Gemüseschneiden abkommandiert.

Als Yuugis Großvater die Hektik dann doch etwas zu groß wurde, schickte er alle nach draußen zu einem traditionellen Mutou-Waldspaziergang, an dem diesmal nur ein Mutou teilnahm. Selbst Jounouchi wurde kurzerhand mit geschleppt, dank Shizuka eingepackt wie eine Mumie.

Der Himmel hatte sich aufgeklart, aber einige verstreute Wolken waren geblieben und dämpften das Strahlen der winterlichen Sonne. Die Luft war beißend kalt, aber trocken. Schneeschauer wurden erst gegen Abend erwartet.

Die fröhliche Gruppe zog keine große Aufmerksamkeit auf sich, da zu diesem Zeitpunkt schon halb Domino auf den Straßen war. Seto schlenderte den übrigen hinterher und sah zu, wie sie ab und zu von Schulkameraden angesprochen wurden. Weihnachtsgrüße und Gelächter wurden ausgetauscht, Einladungen und öfters auch verstohlene Fragen, die auf Seto abzielten. Er wusste nicht, was die anderen antworteten, aber er spürte die misstrauischen Blicke.

„Tja, Kaiba, ich fürchte, du wirst dich damit abfinden müssen!", rief Anzu ihm zu, nachdem sie eine ihrer Freundinnen verabschiedet hatten. „Jetzt wird überall herumerzählt, du wärst in unserer Clique! Du wirst im nächsten Jahr einiges zu erklären haben…" Sie grinste und wartete, bis er zu ihnen aufgeschlossen hatte. Seto beeilte sich nicht.

„Warum sollte ich irgendetwas erklären?", gab er dann zurück. „Sollen die sich doch denken, was sie wollen." Er wusste nicht, ob sich seine Stimme abweisend anhörte. Irgendwie hatte er jedes Gefühl darüber verloren.

Jounouchi warf ihm einen kurzen Blick zu und wandte sich dann schnell ab. Er hatte nicht mehr mit Seto gesprochen, seit dieser ohne Vorwarnung seine Wohnung verlassen hatte. Die anderen hatten gemerkt, dass etwas zwischen den beiden vorgefallen war, aber anscheinend gingen sie davon aus, dass es sich dabei um eine typische Jou-Kaiba-Rauferei gehandelt hatte, und verloren daher kein Wort darüber. Jou war sich selbst nicht sicher, was dieses „etwas" gewesen war, aber er hatte ein merkwürdiges Gefühl, wenn er darüber nachdachte. Fast, als hätte sich die Welt auf den Kopf gestellt.

Apropos…

… die Welt stellte sich in dem Augenblick auf den Kopf, als Jounouchi einen gut gezielten Schneeball gegen die Wange bekam, der nicht von ihm selbst stammte. Und sie drehte sich ein weiteres mal, als er nach dem Täter Ausschau hielt und dabei auf Ryou stieß.

„Volltreffer!" Besagter Täter grinste zufrieden in Jounouchis erstauntes Gesicht.

„Prima Wurf, Bakura!"

Jou blinzelte, wischte sich behutsam den Schnee aus dem Gesicht – und schmiss ihn zurück, geradeaus in Hondas grinsendes Gesicht.

„He…!", kam der protestierende Aufschrei von seinem Freund, als ihn die eiskalte Ladung voller Jounouchi-Power erwischte.

„Tja, man lacht andere Leute eben nicht aus!", entgegnete Jou und grinste breit. Jetzt war er in seinem Element. „Na, will noch wer?"

Anzu seufzte und verdrehte gespielt entnervt die Augen. „Das war ja so klar…"

„Eine Ladung für die Frau mit dem griesgrämigen Gesicht!", rief Jou. Sein Ball verfehlte Anzu nur knapp, weil sie sich rechtzeitig geduckt hatte.

„Wer hat hier ein griesgrämiges…"

„Schneeballschlacht!", verkündete Jounouchi strahlend und beeilte sich, in Deckung zu gehen. Shizuka setzte zu einem Protest an, wurde dann aber auch schon von Honda hinter den nächsten Baum gezogen.

Eine ausgiebige Schneeballschlacht im Wald war fast schon ebenso sehr eine Tradition wie der Spaziergang selbst. Yuugi war plötzlich sehr froh, seine Handschuhe mitgenommen zu haben.

Schon bald hallte der Wald von spitzen Aufschreien und Lachen wieder. Besser als jedes Warnschild verbreitete es die Nachricht, dass sich hier jetzt gemeingefährliches Terrain befand, welches jeder vernünftige Mensch meiden sollte, der es nicht darauf anlegte, von Jounouchis gefürchteten Schmetterbällen geplättet zu werden.

Seto wahrte einen Sicherheitsabstand und sah zu, wie sich die Schlacht zwischen den Parteien entwickelte. Die Parteien waren dabei Jou gegen Honda und den Rest der Welt. Es sah aus, als würde es länger dauern. Seto überlegte, ob er zum Mutou-Haus zurückgehen sollte.

Als er einen kalten Klumpen seinen Nacken herunterrutschen spürte, entschied er sich dagegen.

Unter seinem Blick lief Jounouchi rot an und versuchte, den Schnee hinter seinem Rücken zu verstecken. Honda kicherte bei dem Anblick.

„Alles in Ordnung bei dir, Kaiba?", erkundigte sich Yuugi besorgt, als Seto nichts sagte und auch keine Anstalten unternahm, den Schneeball aus seinem Kragen zu entfernen.

„So. Keine Rücksicht auf unschuldige Zuschauer, wie?" Seto sprach zu Jou, als wären sie allein. Jounouchi versuchte krampfhaft, seinem Blick standzuhalten. Die Röte in seinem Gesicht vertiefte sich ein wenig.

„Unschuldige Zuschauer sollten besser aufpassen!", fauchte er nervös.

Seto lächelte. Er wusste, das Ryou ihn beobachtete.

„Na dann…" Er hatte keine Handschuhe an. Er griff mit bloßen Händen in den Schnee und fühlte die Kälte. Der Schnee war klebrig-nass in seinen Fingern.

„Kaiba…?" Jou beobachtete ihn, als würde er jederzeit zur Flucht bereit sein. Gleichzeitig konnte er seinen Blick nicht von Seto abwenden. Von diesem Lächeln.

„Wenn wir keine Freunde sind, brauche ich auch keine Rücksicht zu nehmen", meinte Seto, fast schon sanft. Jounouchi riss die Augen auf. Der Wurf verfehlte ihn nur knapp, aber er spürte den eisigen Luftzug überdeutlich. Es war wie ein Lachen.

„Duuu…!"

Noch während die anderen ungläubig die Szene musterten, stürzte sich Jounouchi auf Seto, die Hände voller Schnee, mit einem Kampfschrei auf den Lippen. Seto lächelte wieder, brachte Jounouchi damit erneut aus der Fassung und wollte ihn abfangen.

Jou versuchte auszuweichen, stolperte und klammerte sich im letzten Moment an Setos Mantel fest. Seto wurde auf einmal klar, dass er das Gleichgewicht nicht mehr halten konnte.

Schneeflocken wirbelten auf.

Als Jou bemerkte, dass er entgegen aller Erwartungen nicht auf dem Boden lag, sondern halbwegs auf Seto, und sich obendrein noch immer an ihm festhielt, überlegte er, ob er es wagen sollte, die Augen aufzumachen. Als er bemerkte, dass da ein Arm um ihn geschlungen war, der ganz sicher nicht ihm selbst gehörte, entschied er es, das Risiko einzugehen. Als er dann unverhoffte Nähe entdeckte, war er auf einmal froh, dass die anderen sein Gesicht nicht sehen konnten. Andererseits… waren ihm die anderen im Moment so ziemlich egal.

Nur diese blauen Augen…

„…ich habe nie gesagt, dass ich dich hassen würde…", murmelte Jou.

Seto starrte ihn einen Augenblick lang nur wortlos an, spürte den warmen Atem auf seinem Gesicht.

„Es ist etwas unbequem, wenn du verstehst, was ich meine", sagte er dann und rührte sich. Jounouchi richtete sich langsam auf und schlug die Augen nieder. Er hörte nicht, wie Shizuka mit ihm schimpfte.

Er wusste nur, dass er auf einmal keine Angst mehr hatte.

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Ha! Sie wachsen! /auf ihre Kapitellänge stolz ist/ Okay, ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung, was in meiner fanfic grad passiert… Irgendwie regelt sie alles von alleine… -.- Aber ich hätte das Ganze nur zu gern in bewegten Bildern gesehen, wenn ihr versteht, was ich meine. Obwohl es für RTLII sicherlich zu brutal gewesen wäre, mit der Schneeballschlacht… /Augenverdreh/ Hm, ich könnte jetzt auch schon das nächste Kap hochladen… aber nee, ich lass es mal lieber vorerst. Vielleicht an Heiligabend… Bei Ra, das ist ja schon in drei Tagen! Wo ist die Zeit abgeblieben?? Bald ist das Jahr ja schon vorbei… Okay, ich lade noch in diesem Jahr die ganze Fanfic hoch! Das ist mein Vorsatz für… nun, für das Jahresende. Bis dahin, viel Spaß beim Geschenke-auf-den-letzten-Drücker-Besorgen!