14. Was hast du gesagt?

Rango hielt den Atem an. Plötzlich raschelte etwas neben der Hütte. Er sah zum Fenster. Dann war es wieder still. Angespannt verengte er die Augen. Irgendjemand schlicht draußen herum. Er fühlte es ganz deutlich.

Er erschrak, als ein Schatten am Fenster auftauchte und nach innen spähte. Der Unbekannte wischte kurz über die Scheibe, dann starrte er wieder in den Raum.

Rango riss erschrocken die Augen auf.

Roscoe!

Der Schatten verschwand wieder. Kurz darauf kamen von allen Seiten Schritte.

Was wollte er? Rache?

Er schluckte. Was immer er vorhatte, es konnte nichts Gutes sein.

Ängstlich sah er sich um. Für einen Moment wusste nicht was er machen sollte. Egal ob er ihn als einen Teil von Bills Bande sah oder nicht, es wäre nicht gut für ihn, wenn der Bandit ihn hier finden würde.

„Bill! Bill!", rief Rango. „Wach auf! Alle!"

Bill rollte sich auf die Seite und schlief einfach weiter.

„Hört ihr mir überhaupt zu?", fragte Rango nervös und rutschte auf dem Stuhl hin und her. „Wacht auf…"

Plötzlich öffnete sich die Tür und mehrere Kojoten stürmten rein. Schreie entstanden. Bill sprang aus seinem Bett, aber die Kojoten waren schon bei ihm und warfen ihn zu Boden. Rango spürte wie jemand seine Fesseln löste und er anschließend mit starken brutalen Griffen an den Schultern gepackt wurde. Kurz darauf, fand er sich selber auf den Holzboden wieder, wo starke Griffe seine Hände auf den Rücken festhielten.

„Auf den Boden!", brüllte jemand.

Rango kniff die Augen zusammen, als ihn jemand mit einer Lampe ins Gesicht leuchtete.

Nach einer Weile kehrte Ruhe ein. Nur erschöpftes Keuchen erfüllte den Raum.

„Aufstehen! Wird's bald?!"

Rango schrie vor Schmerzen, als einer der Kojoten ihn brutal nach oben zog. Er erkannte Chorizo, der mit gehobenen Händen neben ihm stand.

„Hände hoch!", brüllte einer der Kojoten ihm ins Ohr. Sofort kam Rango dieser Aufforderung nach.

„Was wollt ihr?", hörte er Bills verärgerte Stimme.

„Roscoe wird es dir schon sagen, Fettsack. Los, vorwärts!"

Damit wurden sie aus dem Raum in die Küche geschoben. Roscoe stand in der Mitte des Raumes hinter dem Tisch, auf dem eine Öllampe brannte.

Stump hielt zitternd seinen Plüschhasen in den Händen fest.

Kinski warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „So, das ist also der Grund warum du immer so gut schlafen kannst."

Sofort versteckte Stump es unter sein Hemd. „Das gehört mir!"

„Ich muss mich für mein plötzliches Eindringen und die Unterbrechung eures Schönheitsschlafes entschuldigen", begann Roscoe hochnäsig. „Ich hoffe, ihr habt angenehme Träume gehabt."

„Was willst du?", knurrte Bill ihn an.

„Tz, warum so aufgebracht? Bist du mit dem falschen Fuß aufgestanden?"

„Halt die Klappe!", unterbrach ihn Bill. „Du willst das Geld von der Postkutsche? Vergiss es!"

„Aber nicht doch", entgegnete Roscoe schnippisch. „Das ist doch ein alter Hut. Mich hat es aus einem anderen Grund hierher in deine Bruchbude verschlagen. Nämlich nach etwas, was du mir gestohlen hast. Schon wieder."

Bill sah aus wie ein Schuljunge, der seine Antwort vergessen hatte. Er kniff die Augen zusammen.

„Was meinst du damit? Du hast doch das Geld vom Zug. Was willst du mehr?"

Roscoe rümpfte die Nase. „Ja, in der Tat, das habe ich. Und zwar alles. Das Geld, als auch die Wertsachen der Passagiere. Und dennoch vermisse ich etwas."

„Unsere Köpfe?", fragte Bill sarkastisch.

Roscoe grinste. „Das vielleicht auch. Aber nein… noch etwas anderes."

Bill und die anderen warfen sich gegenseitig verstohlene Blicke zu. Erst als Bills Augen auf Rango blickten, hielt er inne.

„Was hast du wieder angestellt?!"

Rango wusste nicht was los war. „Äh… gar nichts. Wirklich gar nichts."

Roscoe hob die Augenbrauen. „Durchsuchen! Leibesvisitation!"


Widerwillig zogen Bill und die anderen ihre Kleidung aus und die Kojoten untersuchten jeden Stoff-Winkel. Wenigstens durften sie ihre Unterwäsche anlassen, aber die Kojoten untersuchten trotzdem jeden einzelnen Millimeter. Roscoe hatte sich die Freiheit genommen und ihre Waffen eingesammelt, um sicher zu gehen, dass keiner Widerstand leisten konnte.

„Nein, das gehört mir!", protestierte Stump, als jemand ihm seinen Stoffhasen wegnahm.

Als sie dabei waren Rangos Kleider zu durchsuchen, hielt einer der Kojoten inne.

„Sir!"

Sofort kam Roscoe näher und einer seiner Leute übergab ihn ein zusammengefaltetes Stück Papier. Er faltete es auseinander und überflog den Inhalt.

Dann hielt er es in die Luft und sah Bill herausfordernd an. „Jetzt sag mir nicht, du hättest es nicht gewusst."

Bill starrte ihn ungläubig an. „Willst du mich veräppeln? Willst du mir etwas sagen, du hast die ganze Zeit nur nach einem alten Stück Papier gesucht?"

Roscoe schnalzte warnend mit der Zunge. „Treib es nicht zu weit! Obwohl, wenn ich es recht überlege, hast du sowieso dein Glück gerade in dieser Sekunde verspielt. Weißt du wirklich nicht was das ist?"

„Ein Spickzettel?", war Bills sarkastische Antwort.

Roscoe lachte und schüttelte amüsiert den Kopf. „William, William, William. Ich bin schwer enttäuscht von dir. Du weißt wohl nie was deine Leute tun."

Bill knurrte wütend. „Er ist nicht von uns! Er ist ein Idiot!"

„Ein sehr dummer Idiot", meinte Roscoe geringschätzig. „Oder, bist du das?"

Er ging zu Rango rüber und hob dessen Kinn mit seinem Revolver.

Rango schluckte schwer, als der Kojoten-Boss seine Waffe auf seine Kehle presste.

„Ich weiß von gar nichts", sprach Rango. „Wirklich nicht! Was genau wollen sie? Was steht auf dem Papier? Ich hab keine Ahnung was das sein soll! Er gab es mir ohne ein Wort zu sagen."

„Diese alte Eule. Er war schon immer ein Dummkopf."

„Was haben Sie mit ihm gemacht?", fragte Rango mit heiserer Stimme.

Roscoe grinste. „Er hat nicht lange gelitten. Keine Sorge."

Rango wurde blass.

Dann ließ der Kojote von ihm ab und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Stück Papier in seiner Hand.

„Was steht denn nun da drauf?", fragte einer der anderen Kojoten. „Führt es uns endlich zu der großen Kohle?"

„Halt die Klappe, Killy!"

The anderen sahen einander verwundert an.

„Kohle?", fragte Kinski.

„Du meinst Geld?", fragte Chorizo ebenfalls verwirrt.

„Das geht euch gar nichts an", entgegnete Roscoe verärgert. „Obwohl… nun, ihr werdet sowieso bald den Boden küssen."

„Was steht da? Was steht da?"

Der Kojote riss Roscoe das Papier aus der Hand.

„Killy!"

Aber Killy hörte ihm gar nicht zu und las:

„M1N3 – 2 – L – # - …"

Er verstummte. „Was soll denn das sein?"

Roscoe riss das Papier wieder an sich. „Wie oft muss ich dir noch sagen, warte bist ich euch befehle was zu tun ist!"

Es wurde still. Roscoe räusperte sich und drehte sich zu Rango um. „Nun, zurück zu dir. Ich kann dir nur sagen, dass es sehr wertvoll ist. Ein altes Geheimnis von Dreck."

Bill schnaubte verächtlich. „Scheiße! Es war also kein Gerücht."

Roscoe spitzte die Ohren „Was hast du gesagt?"

„Gar nichts!", sagte Bill schnell.

„Erzähl keinen Müll! Du weißt etwas, oder?"

Bill wich seinem Blick aus.

„Du solltest mal deine Ohren putzen. Ich hab nichts gesagt."

Die Augen des Bosses verengten sich. Dieses verdammte Gila-Monster machte ihn noch ganz krank.

„Stan. Hast du was gehört?"

Stan, ein Kojote mit nur einem Ohr, nickte. „Ja, Sir. Er hat etwas gesagt."

„Und was ist mir dir?" Roscoes Blick wandte sich an Stump, Kinski und Chorizo. „Habt ihr was gehört?"

Alle drei sahen sich an, dann zu Bill.

„Äh… Ich hab nicht zugehört", sagte Stump schließlich. Die anderen nickten.

Schließlich wanderte Roscoes Blick zu Rango. „Und was ist mir dir? Was hat er gesagt?"

Unsicher sah Rango zu Bill rüber. Dieser verengte seinen Augen warnend zu schmalen Schlitzen. Rango starrte auf den Boden.

„Hast du ein Problem?!", fragte Roscoe laut.

Rango nahm einen tiefen Atemzug. Er hatte Bills üble Behandlung von heute noch nicht vergessen. Schließlich hob das Chamäleon den Kopf und sah Bill mit eisigem Blick an.

Das ist für dich, du verdammtes Monster!

„Ähm… ich bin mir nicht ganz sicher", begann er. „Aber ich denke, er sagte sowas wie „Gerücht". Er hat zwar genuschelt, aber ich denke es war „Gerücht"."

Bill presste die Zähne zusammen. Würden Blicke töten, Rango wäre schon mehrere Male tot umgefallen.

Rango schnaubte leise. Wenn etwas in Dreck passiert war, dann verdiente er es.

Roscoe zog seinen Revolver und betrachtete ihn nachdenklich. Dann ging er auf Rango zu und hob sein Kinn an.

„Du kannst ihn nicht leiden, oder?"

Rango verengte die Augen. Roscoe rümpfte die Nase. „Ich auch nicht!"

Er drehte sich um und schlug den Revolver in Bills Bauch. Mit lautem Stöhnen und verschmerz verzerrtem Gesicht kniete die große Echse auf den Boden.

„Ich kann es nicht leiden, wenn man etwas vor mir verheimlicht!", sagte Roscoe warnend.

„Und du?" Roscoe wandte sich an Kinski. „Was ist mit dir? Magst du Geheimnisse?"

Kinski erwiderte nichts.

„Und du?!"

Stump drückte seinen Plüschhasen enger an sich. „Ich bin nur ein dummes Häschen und so unschuldig wie ein Osterhase an Ostern."

Roscoe biss die Zähne zusammen. „Ihr macht mich alle krank!"

Er nahm einen tiefen Atemzug. „Na schön. Wir werden jetzt eine kleine Reise machen. Vielleicht wird das euren Verstand wiederauffrischen. Führt sie ab!"

Mit diesen Worten marschierte er nach draußen. Bill und die anderen folgten ihm, nachdem sie ihre Kleider wieder angezogen hatten. Während sie vor die Hütte geführt wurden, versteckte Stump seinen Stoffhasen sorgsam unter seinen Hut.