Wochenende! Und ein neues DDD-Kapitelchen harrt seiner Leser. Es geht um unseren Pads. Der hat nämlich Hummeln im Hintern ... Arme Lyssa. Warum sind Männer eigentlich immer so schrecklich unvernünftig?
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Soundtrack: „No way out", Phil Collins
Kapitel 14 – Der Albtraum
Everywhere I turn, I hurt someone There's no way out of this dark place
But there's nothing I can say to change the things I've done
Of all the things I hid from you
I cannot hide the shame
And I pray someone, something will come, to take away the pain
No hope, no future
I know I can't be free
But I can't see another way
I can't face another day
Er rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war.
Sein Atem kam in kurzen, keuchenden Stößen, Schweiß lief über seine Stirn und brannte in seinen Augen, aber er hatte keine Zeit, um ihn wegzuwischen. Er wusste nur Eines – er durfte auf keinen Fall zu spät kommen!
Schneller!
Noch schneller!
Obwohl die eisige Luft in seiner Lunge förmlich zu brennen schien – er musste weiter!
Hogsmeade tauchte vor ihm auf, die wenigen Straßen waren menschenleer, die Häuser mit einer dünnen Eisschicht überzogen, die Wege so spiegelglatt, dass er beinahe ausgerutscht wäre. Mühsam kämpfte er um sein Gleichgewicht, schlidderte um die nächste Straßenecke ... und brach mit einem, verzweifelten Aufschrei in die Knie, als er die Dementoren aus der Heulenden Hütte in den eisigen Himmel aufsteigen sah.
Nein!
NEIN!
Tränen gefroren auf seinen Wangen, als er das letzte Stück des Weges entlang hetzte und die Tür so heftig aufstieß, dass sie gegen die Wand krachte und eine Angel brach. Er hatte keinen Blick für das geborstene, schief in der Zarge hängende Türblatt, alles in ihm konzentrierte sich darauf, die Treppe hinaufzukommen.
Zu Lyssa, von der er sich vor kaum einer halben Stunde verabschiedet hatte. Sie war – wie so oft in den letzten Wochen – damit beschäftigt gewesen, irgendwelche Tränke zusammenzurühren und in Phiolen abzufüllen. Tränke, die helfen sollten, ihm nach seiner langen schweren Krankheit wieder genug Kraft zu geben, um die verdammte, verräterische Ratte endlich zu stellen. Um seine Unschuld zu beweisen. Um Harry endlich in Sicherheit wissen zu können...
Oh Gott, was hatte er sich nur dabei gedacht, sie in diese ganze Sache mit hineinzuziehen?
Noch bevor er sämtliche Stufen hinter sich gebracht hatte, konnte er es hören.
Seine Brust schnürte sich zusammen, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, rann seinen Rücken hinab. Seine Hände zitterten und die Knie wurden ihm weich.
Himmel, nein! Nicht das! Bitte, nicht DAS!
Aber noch während dieses an niemand Bestimmtes gerichtete Gebet ihm durch den Kopf schoss, wusste er, dass es sinnlos war. Genauso sinnlos, wie all die stummen, gequälten Schreie, die zwölf eisige, einsame Jahre lang zwischen den Wänden seiner kalten Zelle gefangen gewesen waren ... Neue Tränen schossen ihm in die Augen, als er neben der reglosen, schlanken Frauengestalt auf die Knie fiel und den schmalen, schlaffen Körper in seine Arme zog.
„Lyssa. Oh Gott, Lyssa. Es tut mir Leid. Es tut mir so unendlich Leid ..."
Ihre Augen – in denen noch vor kaum einer halben Stunde Konzentration und wache Intelligenz gestanden hatte – streiften ihn mit erschreckend leerem Blick und irrten dann sofort wieder ab, während sie weiter diese leisen, wimmernden, kaum noch menschlichen Laute hervorstieß, die er in zwölf langen Jahren schon viel zu oft gehört hatte.
Der Kuss der Dementoren.
Wer immer Alyssa Grant noch vor kurzer Zeit gewesen war, welche Träume sie geträumt hatte, welche Ziele sie verfolgt hatte, was sie gedacht und gefühlt hatte – das war Vergangenheit. Jetzt war sie nur noch eine leere Hülle, ein lebender, atmender Körper, dessen Geist und Seele jedoch unwiederbringlich zerstört waren. Und das war seine Schuld. Sie war ein Opfer der Dementoren geworden, weil sie ihn gerettet, für ihn gesorgt hatte...
Er schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und gab den Kampf gegen den Schmerz und das Entsetzen, die in ihm tobten, auf. Raue abgehackte Schluchzer erschütterten ihn, während er ihren reglosen, lethargischen Leib an sich drückte und ihn verzweifelt hin und her wiegte.
‚Oh Gott, Lyssa! Verzeih' mir! Es ist alles meine Schuld!'
Der Körper in seinen Armen wurde unvermittelt stocksteif und erschüttert blickte er in dunkle, mandelförmige Augen, in denen der Wahnsinn loderte. Und dann schrie sie. Ein wilder, schmerzerfüllter Schrei, wie er ihn schon hundertfach innerhalb der kalten Mauern von Askaban gehört hatte. Ein Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte und dessen Klang immer lauter, immer schriller wurde ...
... bis das durchdringende Pfeifen des Wasserkessels auf dem alten Herd ihn keuchend im Bett hochfahren ließ.
Ein Albtraum!
Sirius biss die Zähne zusammen und versuchte, das panische Zittern seiner Glieder zu unterdrücken, während er in den Nebenraum hinüberlauschte, in dem seine Jugendfreundin leise vor sich hin singend mit Töpfen und Tiegeln hantierte. Er kannte das lustige kleine Liedchen, hatte es früher oft mit seinen Freunden zusammen gesungen.
"This old man,
he played one,
he played knickknack on my drum.
With a knickknack paddywack,
give the dog a bone,
this old man came rolling home …"
Wie lange war das her…
Erleichtert seufzend ließ er sich ins Kissen zurücksinken, als ihm endgültig bewusst wurde, dass keine unmittelbare Gefahr bestand, sondern der eben erlebte Horror nur seinen eigenen Ängsten entsprungen war. Es war nur ein Albtraum gewesen! Lyssa war in Sicherheit … Merlin sein Dank!
Aber – war sie das tatsächlich? In Sicherheit? Hier, in der heulenden Hütte, in Gesellschaft eines Mannes, den Auroren und Dementoren gleichermaßen jagten? Oder war der vermeintliche Albtraum eher eine Zukunftsvision gewesen? Der Gedanke sprang ihn an wie ein hungriges Raubtier und schickte einen weiteren eiskalten Schauer über den Rücken, während er sie sich selbst beantwortete.
Lyssa war keinesfalls in Sicherheit! Jeden einzelnen Tag, an dem sie bei ihm blieb, riskierte sie aufs Neue ihr Leben, ihre Freiheit. Jedes einzelne Mal, wenn sie nach Hogsmeade ging oder in die Winkelgasse apparierte, um ihre Vorräte aufzustocken, bestand die Gefahr, dass sie entdeckt wurde. Dass sie als Komplizin eines mehrfachen Mörders und Voldemort-Anhängers verhaftet und nach Askaban verbracht wurde. Oder dass sie gar den Dementoren in die Hände fiel, die noch immer das Schulgelände umkreisten wie hungrige Geier ein verendendes Tier.
Verdammt, was hatte er sich nur dabei gedacht, sie so lange in seiner Gesellschaft zu dulden? Beim ersten Anzeichen dafür, dass er auf dem Wege der Besserung war, hätte er sie fortschicken müssen!
Er war egoistisch gewesen, wurde ihm klar. Er hatte nie weit genug über seine Gebrechen und seine Ängste hinausgesehen, um sich bewusst zu machen, was genau Lyssa da für ihn tat – über Wochen und Monate hinweg. Und – verdammt noch mal – er sollte jetzt alles andere, als dieses warme, innige Glücksgefühl und diese von Herzen kommende Dankbarkeit verspüren, die ihn bei dem Gedanken daran überkamen, dass sie offenbar fest genug an ihn und seine Unschuld glaubte, um dieses Risiko einzugehen.
Dass er ihr genug bedeutete, um hier bei ihm auszuharren – ungeachtet der Gefahren, denen sie sich dabei aussetzte.
Nun, beschloss er, während er mit einer entschiedenen Bewegung die Decken beiseite warf und – zugegebenermaßen reichlich wacklig – aus dem Bett stieg, das würde ab sofort ein Ende haben. Er war inzwischen bestimmt kräftig genug, um allein klarzukommen ... Und – was noch viel wichtiger war – endlich schien auch sein Verstand wieder soweit zu funktionieren, dass er die Notwendigkeit dazu einsah.
Was – bei Merlin – auch allerhöchste Zeit wurde!
Die einzige Frage, die sich ihm in diesem Zusammenhang stellte, war, wie er diesen Umstand Lyssa klarmachen sollte … Sie war mit seinen Fortschritten nämlich noch nicht ganz zufrieden. Und mit Sicherheit würde sie sich nicht eher widerstandslos fortschicken lassen, bis sie sicher war, dass es ihm wieder richtig gut ging…
Am Besten wäre es natürlich, wenn er sie dazu brachte, von selbst zu gehen. Weil sie es so wollte. Er musste sie also dazu bringen, lieber an jedem anderen Ort der Welt zu sein, als hier mit ihm. Eigentlich kein Problem. Wenn er entsprechend fies und gemein war, würde sie schon von ganz allein das Weite suchen, oder nicht? Sie hatte eine solche Behandlung zwar nicht verdient, aber schließlich war es zu ihrem Besten.
Ja. Ja, das war die Lösung. Er würde Lyssa dazu bringen, in ihr altes, sicheres Leben zurückzukehren. Noch heute. Dorthin, wo sie gehörte. Wo weder Auroren noch Dementoren ihr etwas anhaben konnten … Alles was er dafür tun musste war, sie ordentlich vor den Kopf zu stoßen.
Und genau das würde er machen … Ungern zwar – aber hatte er denn eine Wahl?
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„Merlin, Lyssa! Ich bin doch kein Baby mehr! Würdest du bitte endlich damit aufhören, mich wie einen hilflosen Säugling zu bemuttern? Das ist ja nicht auszuhalten!"
Das aufgebrachte Knurren, ließ Lyssa verblüfft innehalten. Himmel, was war denn heute nur in Sirius gefahren? Den ganzen Tag schon war er so gereizt und schlecht gelaunt. Seit dem Aufstehen murrte und maulte er über alles und jedes, was sie tat oder sagte. Nichts konnte sie ihm Recht machen. Und – was das Schlimmste war – er schien sie nicht einmal richtig wahrzunehmen. Blickkontakt? Fehlanzeige! Ein Lächeln? Keine Spur! Und ein freundliches Wort? Er hatte nicht einmal ihren Morgengruß erwidert … Und diese Behandlung von ihm tat besonders deshalb weh, weil sie sie einfach nicht verdient hatte! Zumal sie sich einfach nicht erklären konnte, warum er diesen kalten, fast feindseligen Ton anschlug. Sie hatte ihm doch nur Tee nachschenken wollen!
Außerdem blaffte er sie heute nicht zum ersten Mal so ungerechtfertigt an. Und langsam wurde es ihr auch zu bunt. Egal wie mies gelaunt er sein mochte – sie würde es sich nicht länger gefallen lassen, dass er seinen Frust an ihr ausließ! Schließlich hatte sie ihm nichts getan!
Entsprechend gallig fiel ihre Antwort aus. „Bist du heute mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden? Das ist nur Tee, Padfoot. Kein Entmannungstrank! Es könnte aber durchaus einer werden, wenn ich mich entschließen sollte, ihn dir in den Schoß, statt in die Tasse zu gießen!"
Damit verließ sie den Raum und knallte die Tür hörbar hinter sich zu. Sollte er seine schlechte Laune doch an sich selbst auslassen!
Sirius schluckte hörbar gegen sein schlechtes Gewissen an und blickte ihr traurig nach. Verdammt, er konnte das einfach nicht! Das war Lyssa, die kleine, fröhliche Lyssa, die früher ihm und seinen Freunden wie ein Hündchen nachgelaufen war. Josies kleine Schwester … Er war nicht so ein Dreckskerl, der eine gute Freundin schlecht behandelte, nur weil er Angst hatte, in einer fairen Diskussion der Unterlegene zu sein … Oder?
Andererseits – wie sollte er ihr klarmachen, dass er einfach panische Angst hatte, sie noch länger in seiner Nähe zu behalten? Sie war nicht dumm und wusste mit Sicherheit, welches Risiko sie einging. Allerdings war sie auch loyal. Und ihre Loyalität konnte ihr durchaus den Blick darauf verstellen, dass es für sie Zeit wurde, ihre Zelte hier abzubrechen und sich in Sicherheit zu bringen…
Aber sie musste hier weg!
Also begann er im Kopf die Argumente zusammenzustellen, mit denen er sie vielleicht überzeugen könnte.
1.) Er konnte stehen.
2.) Allein.
3.) Selbständig.
Und das Laufen klappte inzwischen auch wieder ganz gut.
Okay, das war wohl etwas beschönigt ausgedrückt, Lyssa pflegte die Art seiner derzeitigen Fortbewegung auf gelegentlich noch nachgebenden, puddingweichen Beinen nämlich neckend als ‚teilweise koordiniertes, allerdings eindeutig richtungsorientiertes Über-die-eigenen-Füße-Fallen' zu bezeichnen, aber das war Sirius herzlich egal. Nach unzähligen Wochen in diesem verdammten Bett wäre er auch auf allen Vieren gekrochen, nur um diesem Folterinstrument eine Weile zu entfliehen!
Inzwischen kannte er jede einzelne durchgelegene Stelle der alten Matratze. Jeden Klumpen, jede hervorstehende Feder. Auch wenn Lyssa sich wirklich alle Mühe gegeben hatte, die schadhaften Stellen durch zahlreiche darüber gelegte Decken zu kaschieren. Immerhin hatte sie ja wohl kaum nach Hogsmeade gehen und solche Dinge wie ein neues Krankenbett einkaufen und in die Heulende Hütte befördern lassen können. Sie hatte sich einfach mit dem behelfen müssen, was da war. Und wenn er ehrlich war musste er zugeben, dass dieses alte, schadhafte Bett ihm für lange Zeit wie der Gipfel allen Luxus' erschienen war. Gegen die harte, viel zu kurze Pritsche in Askaban mit der einen, schon völlig zerschlissenen Wolldecke darin war es geradezu paradiesisch bequem und warm.
Allerdings verlor sich die Bequemlichkeit im gleichen Maße, in dem seine Kräfte allmählich zurückkehrten. Er war nie ein besonders geduldiger Mensch gewesen. Und hilflos dazuliegen, fiebernd und zu schwach, um auch nur selbständig zu essen, abhängig von einer kleinen, zierlichen Frau, die seit Ewigkeiten die Erste war, die ihm wohl gesonnen zu sein schien und an die er sich inzwischen vage als Kind und Teenager erinnern konnte, und die über Wochen und Monate hinweg tagtäglich ihr Leben und ihre Freiheit riskierte, um ihn zu retten – diese Situation hatte mehr an seinen Nerven, seinem Ego gezerrt, als er jemals zugeben würde.
Umso mehr genoss er es, jetzt selbständig aufstehen zu können und solche normalen Dinge wie Nahrungsaufnahme und Körperpflege wieder selbständig auszuführen.
Und noch mehr genoss er es, dass Lyssa sich endlich zu entspannen begann und ihm ihre dunkelbraunen, leicht schräg stehenden Mandelaugen nicht mehr besorgt bei jeder Bewegung folgten.
Im gleichen Maße, in dem sie in ihrer Wachsamkeit nachließ, schritt seine Genesung voran.
Oder wohl doch eher umgekehrt.
Aber für ihn war Lyssas Verhalten inzwischen zum Gradmesser seines eigenen Gesundheitszustandes geworden und an dem Tag, an dem sie ihn wegen irgendetwas mal gründlich herunterputzen würde, wüsste er, dass er wieder vollkommen in Ordnung wäre ... na ja ... oder wenigstens halbwegs wiederhergestellt.
Tja, und der grimmige Blick und die beißende Bemerkung, mit denen sie ihn eben bedacht hatte, deuteten wohl eindeutig darauf hin, dass er sich auf dem Wege der Besserung befinden musste, nicht wahr?
Merlin, es musste ihm wirklich schon wieder ziemlich gut gehen, stellte er mit einem winzigen Grinsen fest, seine alte, langvermisste Marauderpersönlichkeit kam zumindest langsam wieder durch. Genau wie – Überraschung, Überraschung – die Fähigkeit, den Anblick einer schönen Frau zu genießen ... Und Lyssa war unbestreitbar süß gewesen, wie sie ihn so angefunkelt hatte und ihm gedroht hatte, dass sein heißer Tee eventuell versehentlich nicht in der Tasse auf den Tisch sondern auf besonders empfindlichen Körperpartien seiner geschätzten Person landen könnte ...
Ja.
Ja, er erholte sich tatsächlich. Wie hatte Prongs es doch einmal so schön ausgedrückt? ‚Der Tag, an dem Padfoot ein gutaussehendes, weibliches Wesen der Gattung Mensch nicht registriert, ist der Tag, an dem wir ihn beerdigen!'
Der Schmerz, den die Erinnerung hervorrief, den jede Erinnerung an seinen besten Freund hervorrief, war mittlerweile altvertraut. Sein Begleiter über zwölf einsame, eisige Jahre. Sein langjähriger Zellengenosse. Askaban hatte er entkommen können, aber vor dem eisigen Stachel in seinem Herzen gab es keine Flucht.
Er schloss die Augen und kämpfte gegen die Erinnerungen an – wohl wissend, dass er sie dennoch nicht abschütteln könnte.
Er war solch ein Idiot gewesen! Dumm und vertrauensselig. Hatte in seiner Selbstverliebtheit sogar geglaubt, besonders clever zu sein, einen Weg zu kennen, auf dem man seine Freunde noch effektiver schützen konnte als durch den Fidelius-Zauber allein. Und dabei hatte er nicht einmal das gesehen, was direkt vor seiner Nase vor sich ging ... Und James und Lily hatten für seinen Hochmut, seine Vermessenheit mit dem Leben bezahlt. Weil sie ihm vertraut und an ihn geglaubt hatten...
Verdammt!
Der Schmerz, der seine Handknöchel durchzuckte, als er die Faust gegen die Wand neben dem halbblinden Fenster rammte, brachte ihn wieder zur Besinnung und er riss sich bewusst aus der Vergangenheit. Dort konnte er nichts mehr tun...
Er war jetzt hier. Er war zurückgekehrt. Und hier wartete seine Pflicht auf ihn, in Form eines Dreizehnjährigen, der seit wer weiß wie langer Zeit schon in engster Nachbarschaft mit Pettigrew – dieser verdammten Ratte – lebte. Und der keine Ahnung von der Gefahr hatte, in der er schwebte!
Er musste also endlich damit aufhören, ständig über Dinge nachzugrübeln, die er ohnehin nicht mehr ändern konnte, und stattdessen den verdammten Verräter zur Strecke bringen! Den Verräter, der James und Lily auf dem Gewissen hatte...
Sirius schloss die Augen gegen den erneuten Ansturm niederschmetternder, quälender, Tränen freisetzender Erinnerungen. Gegen die leblosen, blutverschmierten Gesichter, die leeren toten Augen. Und er kämpfte mühsam um seine Selbstbeherrschung. Er durfte jetzt ganz einfach nicht mehr schwach sein! Er konnte zwar James und Lily nicht mehr helfen, er konnte nichts mehr an den schrecklichen Ereignissen vor zwölf Jahren ändern, aber was er jetzt noch tun konnte, was er tun MUSSTE, war, sich um Harry zu kümmern. Dafür zu sorgen, dass Peter ihn nicht in seine verräterischen Hände bekam und ihn auch noch ins Verderben stürzte...
Und er hatte schon viel zu lange untätig hier herumgelegen und sich pflegen lassen! Hatte durch seine lang anhaltende Schwäche auch noch Lyssa gefährdet! Und seit er in der Lage war, das Bett zu verlassen, stand er nur stundenlang hier am Fenster und malte sich die schrecklichsten Dinge aus, die Peter inzwischen Harry antun könnte!
Das hielt er keinen Tag länger aus!
Gottverdammt, das hielt er nicht einmal eine STUNDE länger aus!
Mit zusammengebissenen Zähnen umklammerte er das Fensterbrett und starrte zum Schloss hinauf.
So nahe.
Er war Harry so nahe!
Und das nun schon seit so vielen Monaten!
Es waren nur wenige Kilometer bis zur Schule. Kaum mehr als eine halbe Stunde Fußmarsch über den breiten, gewundenen Waldweg, der direkt an Hogsmeade vorbei führte. Früher, an den Hogsmeade-Wochenenden, erinnerte er sich, hatten er und seine Freunde kaum die Hälfte der Zeit gebraucht, weil sie den Weg in ihrer Ungeduld meist gerannt waren ... Aber jetzt – in seinem noch recht angeschlagenen Zustand – würde er auf jeden Fall länger brauchen, zumal er ja auch noch aufpassen musste, dass ihn niemand sah. Und als Padfoot könnte er auf keinen Fall wieder losziehen ... Jedes Mal, wenn er die Hundegestalt annahm und Harry darin über den Weg lief, erreichte er nur Eines – dass der Junge vor ihm zurückschrak!
Natürlich gäbe es da auch immer noch den unterirdischen Gang zur Peitschenden Weide, aber in seiner gegenwärtigen, noch reichlich angeschlagenen Verfassung wäre er vermutlich nicht in der Lage, diesen teilweise sehr steilen, engen und nach all den Jahren ganz sicher nicht mehr besonders gut erhaltenen Weg zu benutzen.
Und dennoch – er hielt es einfach nicht mehr aus! Die Wände dieses verfluchten Zimmers, in dem er nun schon so lange Zeit zubrachte, schienen immer enger zusammen zu rücken, so eng, dass er manchmal glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Vermutlich war das ja eine weitere Folge seiner Askaban-Zeit. Er ertrug es einfach nicht, irgendwo eingesperrt zu sein. Deshalb hatte er es nach seiner Flucht auch vorgezogen, ungeachtet der Witterung irgendwo unter freiem Himmel zu schlafen, statt sich von Anfang an hier einzuquartieren...
Natürlich hatte Lyssa einen ruhigen, geschützten Ort gebraucht, wo sie ihn pflegen konnte. Und solange er noch so schwach gewesen war, um überhaupt an das Aufstehen zu denken, hatte es ihn auch nicht so sehr gestört. Aber jetzt, da seine Kräfte langsam zurückkehrten...
Nein.
Nein, es ging einfach nicht mehr.
Er musste hier raus, dringend, und sei es auch nur für ein paar Stunden. Und er musste nach Hogwarts und sich selbst davon überzeugen, dass es Harry gut ging. Dass er in Sicherheit war. Dass er – obwohl er sein Versprechen James und Lily gegenüber, auf ihren Sohn immer aufzupassen, nicht eingehalten hatte – wenigstens nicht auch noch Schuld daran war, dass seinem Patensohn etwas Schreckliches zugestoßen war.
Beinahe mit Hass im Blick starrte er auf seine noch immer sehr abgemagerten Beine hinunter, die sich nach all den Wochen seiner Krankheit so furchtbar kraftlos anfühlten. Es würde bestimmt noch eine ganze Weile dauern, bis seine Muskulatur wieder wie genug aufgebaut wäre, um allen Anforderungen stand zu halten. Und das bedeutete, verflucht und zugehext, dass er tatsächlich nicht einfach in den Geheimgang steigen und zum Schloss hinüber schleichen konnte.
Verflucht sei seine erbärmliche Schwäche, die es ihm unmöglich machte, den kürzeren und vor allem sichereren Weg durch den unterirdischen Gang zu benutzen! Er würde also – vorausgesetzt, es gelang ihm überhaupt, Lyssas wachsamem Blick zu entgehen – den gefährlicheren Weg wählen müssen...
Ach verdammt, war das nicht völlig egal? Fakt war, dass er hier heraus musste! Sofort! Er musste sich überzeugen, dass es Harry gut ging. Und genau das würde er jetzt auch tun!
Mit einem wachsamen Blick in Richtung der Tür zum Nebenraum, in dem er Lyssa mit verschiedenen Töpfen und Phiolen hantieren hören konnte, griff Sirius nach dem alten, fadenscheinigen Umhang, den sie schon vor Wochen sorgfältig gewaschen und – zumindest soweit es möglich gewesen war – geflickt hatte, und warf ihn sich um. Einen Augenblick erwog er, auch den Zauberstab an sich zu nehmen, der auf dem Tisch neben seinem Bett lag, verwarf den Gedanken allerdings sofort wieder. Wenn etwas Unvorhergesehenes geschah, würde er Lyssa ganz sicher nicht in Schwierigkeiten bringen, indem er sich mit ihrem Zauberstab erwischen ließ. Mal ganz abgesehen davon, dass sie ihn eventuell brauchen würde...
Entschlossen wandte er sich um und schlich in Richtung Treppe. Und dankte insgeheim allen Göttern dafür, dass die Dementoren offenbar keinen Bedarf für jene seiner Erinnerungen gehabt hatten, in denen es darum ging, welche Treppenstufen der Heulenden Hütte beim Drauftreten knarrten.
‚Nehmt das, ihr verdammten Bestien! Sirius Black ist wieder zurück!'
Und vielleicht wäre das ja eine Möglichkeit, Lyssa zu zeigen, dass er auch ohne sie zurecht kam…
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Sie hatte Wochen und Monate damit verbracht, ihn am Leben zu erhalten, ihn zu pflegen, ihn zu heilen. Aber jetzt, das schwor Lyssa sich, während sie keuchend über die Wiesen in Richtung Dorf rannte, würde sie Sirius Black eigenhändig und kalt lächelnd umbringen! Langsam und qualvoll! Zumindest, falls sie nicht vorher selbst wegen akuten Atemmangels tot umfiel.
Oder falls das nicht einfach jemand anders für sie übernähme ... Nein! Nein, das würde sie nicht zulassen! Niemals!
‚Dieser blöde Schwachkopf!'
Ihre rechte Hand umklammerte ihren Zauberstab fester als nötig, während sie sich selbst für ihre körperliche Schwäche, die immer schwerer werdenden Beine und ihren pfeifenden Atem schalt. Sie hätte sich seit ihrem Studienabschluss verdammt noch mal nicht jahrelang in irgendwelche Labore zurückziehen dürfen, um über Reagenzgläsern zu brüten und mit medizinischen Programmen und Daten gefütterte Computer an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit zu treiben. Stattdessen hätte sie lieber gelegentlich mal ein Fitnessstudio aufsuchen sollen. Oder wenigstens zum Joggen gehen. Sogar regelmäßige flotte Spaziergänge hätten ausgereicht! Himmel, sie war wirklich überhaupt nichts mehr gewöhnt! Und dabei musste sie es unbedingt schaffen, Sirius vor den zwei Männern in den langen, dunklen Umhängen mit den Insignien des Ministeriums am Revers zu erreichen, die sie vom Fenster der Heulenden Hütte aus gesehen hatte. Gleich nachdem sie sowohl das klapprige Bett wie auch den Rest des Zimmers verlassen vorgefunden hatte.
Oh Himmel, Auroren! Ihnen so nah! Und Sirius hatte sich ausgerechnet jetzt zu einem lauschigen Spaziergang entschieden!
Es waren ein großer, schwarzer Kerl mit unglaublich breiten Schultern, Glatze und irgendeinem Schmuckstück im Ohr, das in der Wintersonne funkelte, und ein etwas kleinerer, schlankerer Mann mit kurzem, dunklem Haar, der aber ausgesprochen schnell und drahtig wirkte.
Und sie waren auf dem Weg vom Schloss ins Dorf! Dem Weg, den Sirius gerade in umgekehrter Richtung entlang schlich! Wenn es ihr nicht gelang, ihn rechtzeitig zu warnen, würde er ihnen genau in die Arme laufen!
Noch einmal beschleunigte sie ihren Schritt, auch wenn sie bereits jetzt das Gefühl hatte, dass ihr das Herz gleich durch die Luftröhre herausspringen würde. Zumindest, wenn sie nicht vorher infolge schlichter Atemnot zusammenbräche. Nur noch ein paar hundert Meter.
‚Durchhalten Lyssa! Nicht schlappmachen! Schneller! Schneller!'
Ihr Atem kam in kurzen, keuchenden Stößen, der Schweiß rann ihr in Strömen über den Körper und sie hätte nicht zu sagen vermocht, ob es allein der körperlichen Anstrengung zu verdanken war, oder ob ein großer Teil der Nässe auf ihrem Rücken und auf ihrer Stirn nicht vielleicht einfach auf die Todesangst zurückzuführen war, die sie gerade ausstand.
‚Verdammt Sirius! Was hast du dir bloß dabei gedacht, dich einfach so aus dem Haus zu schleichen?'
Wenn er wenigstens ihren Zauberstab mitgenommen hätte! Dann könnte er notfalls apparieren, zumindest, in dem Bereich, der nicht von den Schutzzaubern des Schlosses mit abgedeckt war! Stattdessen war er schutz- und hilflos aus dem Haus geschlichen ... Und warum zum Troll war SIE denn in all den vergangenen Wochen noch nie auf den Gedanken gekommen, Mr. Olivander mal einen kurzen Besuch abzustatten, um ihm ein eigenes magisches Werkzeug zu besorgen? Sie hätte doch damit rechnen müssen, dass er sich nicht für immer und ewig in der Heulenden Hütte verstecken lassen würde...
Es hätte ihr nicht geschadet, in die Winkelgasse zu gehen! Olivander war normalerweise sehr diskret und stellte keine Fragen. Es wären nur vielleicht zehn Minuten ihrer Zeit gewesen, die sie nicht nachdenklich neben Sirius´ Bett hätte sitzen müssen.
Aber dennoch – einfach so zu verschwinden, das war ... so ... so verdammt ‚Sirius'! Er war schon immer unberechenbar gewesen. ‚Spontaneität' war vermutlich sein zweiter Vorname. Aber das hier ... das war nicht spontan, das war ... einfach nur dumm! Dumm und verantwortungslos!
Sie würde es nicht schaffen. Sie würde Sirius nicht erreichen können, bevor er in Sichtweite der Auroren war – das erkannte sie, als sie heftig atmend die Anhöhe erreichte und jetzt freien Ausblick auf den Waldweg bekam und sowohl ihr geduckt dahin schleichender Freund wie auch die Auroren in ihr Blickfeld gerieten. Sobald er die nächste Biegung passiert hatte, wäre er für die Auroren zu sehen. Und sie konnte nicht einmal apparieren, um ihn dort wegzuholen, da die Schutzzauber, die über dem Schulgelände lagen, bis fast an das Dorf heranreichten.
Verdammt, verdammt, verdammt!
Was sollte sie nur machen? Was KONNTE sie machen?
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Oh, Cliff! Nett, Dich mal wiederzusehen. Wie geht es denn so? Ach, Du willst Lyssa helfen ... Das ist natürlich löblich. Unsere Reviewer werden es bestimmt zu würdigen wissen ...
