Nachts, wenn es regnet

Seufzend schmiss sich Tsubasa auf sein Bett und starrte auf die Heizung. Schläfrig schloss er seine Augen, die er sofort wieder öffnete. Das war nicht fair, egal wo er hinsah, überall sah er nur ihr Gesicht.

„Verdammt!", er brauchte unbedingt ein wenig Schlaf. Missmutig stand er wieder auf und verließ sein Zimmer. Schweigend stieg er die Treppe hinab.

„Moment, wo willst du jetzt noch hin? Es ist schon recht spät?", verwundernd schaute seine Mutter zu ihm.

„Ich will an die frische Luft, ich brauch einen klaren Kopf ."

„Geh ins Bett Tsubasa", langsam stand seine Mutter von der Couch auf und kam zu ihm hinüber.

„Tsubasa, du bist durcheinander, das ist verständlich, aber morgen ist ein besserer Tag. Leg dich hin und schlaf!"

„Ich bin auch nicht lange fort, das verspreche ich dir."

„Tsubasa?", verblüfft sah Natsuko wie ihr Sohn ohne ein weiteres Wort seine Jacke vom Kleiderhaken nahm und das Haus verließ. Tsubasa?", wiederholte sie entrüstet. „Also...dieser Junge raubt mir meinen letzten Nerv." Seufzend schaute sie zu ihrem Hochzeitsbild. „Liebster, er gerät mir viel zu sehr nach mir." Beunruhigt sah sie auf das Ticken der Uhr an der Wand.

„Ich weiß das ist Nankatsu, aber bitte pass auf dich auf Tsubasa, auch du bist nur ein normaler Junge, tu nichts unüberlegtes." Besorgt trat Natsuko ans Fenster und starrte in den klaren Nachthimmel hinauf. „Ich habe ein ganz seltsames Gefühl in meiner Brust. Bitte lieber Gott, pass auf meinen kleinen Jungen auf."

Nachdenklich und durcheinander blieb Tsubasa stehen und schaute sich verwundert um. „Wieso bin ich denn ausgerechnet hierher gekommen?" Verwirrt sah er zu dem Einfamilienhaus hinauf. Konnte er es wagen zu dieser späten Stunde? Er war sich nicht sicher, aber wenn er es nicht zumindest versuchte, ein letztes Mal? Nur einmal? Seufzend drehte er sich um. Nein, er hatte keine Zeit, er musste sich beeilen.

Unruhig knipste Sanae ihr Licht an. Es nützte alles nichts, sie bekam einfach kein Schlaf, zuviel schwirrte ihr im Kopf rum, oder besser gesagt ein Name schwirrte wie immer in ihrem Kopf rum, doch dieses mal hatte dieser Name auf ihrer Zunge einen faden Nachgeschmack hinterlassen. Sanae schaute auf ihre Uhr und schlüpfte dann aus ihrem Bett und trat ans Fenster um ihre Vorhänge aufzuziehen. Ein wenig frische Luft, würden ihre Gedanken vielleicht ein wenig beruhigen, da sie zumindest noch etwas Schlaf finden wollte. Immerhin musste sie morgen früh wieder in die Schule. Nachdenklich öffnete sie ihr Fenster und lugte vorsichtig mit dem Kopf hinaus. Im Moment hatte es zwar aufgehört zu regnen, aber sie traute dem Frieden nicht so ganz. Der Himmel sah so schwarz aus, richtig unheimlich. Kein einziger Stern war zu sehen, die Wolken hingen schwer wie eine undurchdringliche Wand am Himmel. Misstrauisch schnupperte Sanae die Luft ein. „Es riecht immer noch nach Gewitter und Regen."

Erschrocken trat Tsubasa hinter einem Baum und sah wieder zu ihrem Fenster hinauf.

„Sanae", wisperte er halb panisch, halb sehnsüchtig. War sie es wirklich? Hatten seine Gedanken sie ans Fenster gebracht? „Quatsch", murmelte er seufzend. Er sollte nicht immer träumen, er sollte gehen. Er wurde erwartet. Der Brief in seiner Tasche wog schwer an seiner Brust. Es war so dunkel, er konnte kaum etwas sehen, aber er spürte das es Sanae war, er wusste nicht wieso oder weshalb, aber sie musste es einfach sein und es war definitiv das Fenster von ihrem Zimmer. Er war noch nicht oft dort gewesen, aber er hatte ein sehr gutes Gedächtnis.

Seufzend wandte er sich zum gehen, er musste es hinter sich bringen. Der Himmel leuchtete auf, gefolgt von einem Donnerhall, ehe erneute Regentropfen herabfielen.

„Der Himmel weint."

„Tsubasa? Tsubasa? Du bist es wirklich? Was machst du hier?", geschockt schloss Sanae ihr Fenster. Kaum zu glauben, aber sie irrte sich nicht, kurz als der Himmel vom Blitz erleuchtet wurde, sah sie sein Antlitz. Er sah so traurig aus, so verwirrt und so entschlossen. Schnell schlüpfte sie in ihre Hausschuhe und rannte aus ihrem Zimmer, die Treppe hinunter und riss die Haustür auf.

Er musste verschwinden, doch ehe er sich versah wurde er gepackt und ins Haus gezerrt und stand einer vollkommen aufgelösten Sanae gegenüber. Verlegen wendete er seinen Kopf ab, als er erkannte das sie nichts weiter als ihren Schlafanzug trug.

„Ich konnte es zuerst nicht glauben, aber du bist es wirklich?" Etwas vorwurfsvoll beäugte Sanae ihn. „Wieso hast du nicht geklingelt? Möchtest du mir noch etwas sagen? Möchtest du mir noch mehr weh tun?", wisperte Sanae verletzt.

Schweigend unsicher senkte Tsubasa seinen Kopf, was sollte er nun darauf antworten? Das ihm seine Beine instinktiv hierher getrieben haben? Das er sie beschützen möchte? Das er sicher gehen wollte, das sie in Sicherheit war? Das er ein Feigling war? Das er sie sehen wollte? Das er sich nur nicht getraut hatte?

„Schlafen deine Eltern?", raunte er stattdessen und mied weiter ihren Blick.

Sprachlos starrte Sanae ihn an. „Mei...meine Eltern?" wie zum Teufel kam er denn jetzt darauf? Sie hatte ihm eindeutige Fragen gestellt. Fragen die nicht mal abwegig waren?

Mein Vater hat Nachtdienst und meine Mutter ist im Bett? Tsubasa was ist denn nur los?", flüsterte sie bang, langsam machte er ihr Angst.

„Und dein Bruder?"

Seufzend knipste Sanae die Stehlampe an. „Mein Bruder schläft nun wirklich schon seit Stunden, genau wie auch du das tun solltest und ich ebenso", murmelte sie. Es ist spät Tsubasa, morgen ist Schule und auch wenn du einen Kultstatus in der Oberstufe hast, zu Spät kommen, lassen sie nicht immer bei dir durchgehen. Resignierend zeigte Sanae auf die Couch. „Nun setzt dich endlich mal hin." Abstand, ja sie musste ihn auf Abstand, auf Distanz halten, bevor er ihr wieder weh tun konnte.

Schuldbewusst wagte Tsubasa es nicht einmal etwas zu erwidern und setzte sich auf die Wohnzimmergarnitur. Nervös verkrampfte er seine Hände und wagte es nicht zu ihr zu sehen.

„Du bist ja schon wieder ganz nass?" Verwirrt blickte Tsubasa an sich herab und lächelte verlegen.

„Oh", verlegen kratzte er sich am Hinterkopf.

„Wie lange standest du schon vor dem Haus?" Die Neugier brannte lodernd in ihren Augen, was hatte Tsubasa dazu bewogen, zu so später Stunde hierher zu kommen, wegen ihr konnte es ja wohl kaum sein. Sie merkte nicht einmal das sie die Luft anhielt, als Tsubasa endlich eine Regung zeigte und sie ansah.

„Du!"

Du? Du? Konnte sich Tsubasa nicht einmal so ausdrücken auch andere die nicht in seiner Welt lebten es verstanden? Du konnte schließlich alles mögliche bedeuten.

„Wegen dir und ich bin froh, das du hier bist, so unsagbar froh."

Moment mal, hatte sie das richtig verstanden? Wegen ihr? , aber wieso sollte Tsubasa wegen ihr hier sein? Das ergab doch alles keinen Sinn? Vor einigen Stunden hatte er sie praktisch noch aus seinem Leben haben wollen und nun beobachtete er das Haus wo sie mit ihrer Familie wohnte? Sanae begriff nun erst recht nichts mehr

„Ok, noch mal von vorne", murmelte sie eher zu sich selber als zu Tsubasa der sie darauf fragend ansah.

„Ja von vorne", wisperte Tsubasa auf einmal sehr ruhig und stand auf, langsam trat er auf sie zu. „Hallo, ich bin Tsubasa und ein Vollidiot und du bist?"

„Ziemlich verwirrt", murmelte Sanae verdattert. Was sollte das? War das seine Art ihr etwas zu sagen? Allerdings was hatte sie zu verlieren? Verwirrt lächelte sie und legte ihre doch zierliche Hand in die seine hinein, einen Augenblick lang dachte sie, wie perfekt ihre Hände sich ergänzten. Als würde seine Hand nur darauf warten, was eigentlich gar nicht so abwegig war, wenn sie bedachte das Tsubasa dieses angestrebt hatte. Verlegen blickte sie langsam zu ihm auf und sah in seinen braunen wunderbaren Augen. Augen die sie schon immer hypnotisiert hatte, sie konnte noch so wütend auf ihn sein, wenn sie in seine himmlischen Augen blickte vergaß sie alles, sie würde ihm stets verzeihen, ein Teil von ihr fand dieses äußerlich ärgerlich, aber er konnte ja auch nichts dafür, das er so niedlich und knuffig war, das er so unschuldig war und so naiv, man musste ihn einfach mögen. Das war höchst ärgerlich. Sie war einfach wachs in seinen Händen.

Lächelnd zog Tsubasa sie zu sich heran und berührte ihre Wange. „Verzeih mir meine harschen Worte von vorhin", flüsterte er. „Ich war ein Idiot, ein Trottel dich von mir stoßen zu wollen."

Woher kam nur dieser Sinneswandel auf einmal? Noch immer etwas misstrauisch sah sie zu ihm auf, als sie abrupt zu ihm gezogen wurde. Einen Momentlang dachte sie ihr Herzschlag würde aussetzen. Sie musste sich ganz schnell beruhigen, verflixt, das ging aber dann völlig daneben, wenn er ihr so nah war. All die Jahre hatte sie ihn aus der ferne angehimmelt und Tsubasa hatte nicht einmal die Spur einer Reaktion gezeigt und nun zeigte er an einem einzigen Tag bzw. Nacht gleich so viele Reaktionen auf einmal. Wie wunderbar sich seine Brust anfühlte, sie konnte seinen Herzschlag ebenso hören wie ihren eigenen. Seine Brust war warm und breit, wenn er sie so wie jetzt in seinen Armen hielt, fühlte sie sich sicher und geborgen. Seufzend schmiegte sie ihren Kopf an Tsubasas Brust und schloss ihre Augen.

„Ich bin Anego, ab morgen wieder Betreuerin des FC Nankatsus."

Tsubasa hielt den Atem an. Sie wollte wieder Betreuerin sein? Zurück kommen? Er konnte es nicht fassen. Sorgenvoll dachte er an den Brief in seiner Brusttasche und seufzte betrübt.

Es fühlte sich so wunderbar an, sie so nah an sich zu spüren. Er hatte bis gestern nicht mal gewusst das er solche Empfindungen haben könnte und nun schlugen sie bei ihm ein wie ein Blitz. Er wollte ihr nicht weh tun. Niemals mehr, er... er liebte sie. Er liebte seine Anego aus vollstem herzen. Die Erkenntnis traf ihn vollkommen unvorbereitet. Er wollte sie, er begehrte sie, er liebte sie und doch konnte er sie niemals halten, nicht ohne egoistisch zu sein, aber in erster Linie wollte er sie schützen. Vorsichtig hob er ihr Kinn an. „Sanae", wisperte er in sie Stille hinein und strich mit seinem Daumen ihre Wangenkontur entlang. So zart, so weich, so warm.

„Tu das nicht. Nicht wenn ich der Grund sein sollte."

Es fühlte sich so gut an, seine Liebkosungen. Seufzend genoss sie seine Berührungen, sie wollte das er sie küsste, so wie am Abend in seinem Zimmer, so hingebungsvoll und innig. Er sollte ihr zeigen, wie Leid ihm das alles tat. Seine Stimme, sie liebte seine Stimme, sie liebte einfach alles an ihm, verwirrt riss sie ihre Augen auf, als seine Stimme in ihr Bewusstsein drang. Was hatte er gesagt?

„Du...du willst nicht das ich zurückkomme?" Wieso? Hatte sie das alles missverstanden? Steiff riss sie sich von ihm los.

„Wieso bist du hier Tsubasa?" harsch stierte sie ihn an. „Macht es dir Spaß, mich immer wieder zurück zu stoßen? Du bist das Letzte, weißt du das? Raus hier", murmelte sie mit Schmerz in ihrer Stimme. Wie konnte sie so naiv sein und glauben, er wollte sie. Er wollte sie überhaupt nicht, er wollte sie jetzt nicht mal mehr als persönliche Putzfrau. Er wollte nicht mehr, das sie zum FC Nankatsu gehörte. Er hatte sie praktisch verstoßen.

Verletzt sah er sie an, als sie sich abrupt aus seiner Umarmung löste Sie verstand das alles völlig falsch. Betrübt schaute er auf seine Uhr. Er hatte keine Zeit ihr das alles zu erklären. Es war bereits Ein Uhr durch, in einer Stunde musste er am Treffpunkt sein und er musste zuvor noch etwas anderes erledigen. „Sanae, bitte...ich bitte dich vertrau mir. Ich will doch nur nicht, das du nur wegen mir zurückkommst, das wäre einfach nicht richtig. Beruhige dich bitte." Hilflos musste er mit ansehen, wie sie sich von ihm zurückzog. Er hätte es ahnen müssen, ok er hatte es wohl geahnt, nein er hatte es gewusst, das sie so reagieren würde. Sie war eben doch ein Hitzkopf. Fieberhaft überlegte er was er dagegen tun könnte um nicht alles zu zerstören. Seufzend sah er auf die offene Haustür, die sie wütend aufgerissen hat und ging darauf zu. Es regnete wieder in strömen.

Verschwinde aus meinem Leben Tsubasa Ohzora. Wütend mit Tränen in ihren Augen schupste sie Tsubasa aus dem Haus in den Regen hinaus.

Vollkommen überrumpelt fand er sich im Regen wieder und strauchelte ein wenig bevor er sich fing, damit hatte er jetzt doch nicht gerechnet. Jetzt übertrieb sie es aber eindeutig. Entsetzt drehte er sich um und bekam einen Schirm gegen seinen Kopf geknallt. „Autsch", murmelte er vollkommen geschockt.

„Der gehört deiner Mutter du Törichter Trottel von einem Fußballnarr. Sag ihr von mir, es tut mir leid, das sie so einen Hirnverbrannten Sohn hat", hysterisch wollte sie ihm die Tür vor der Nase zuknallen, bis sie merkte das es nicht ging.

Schädelreibend hob er den Schirm auf und starrte ihn an. Was sollte er nur machen? Entschlossen sah er zur Tür und ging entschieden auf sie zu. Er verdiente ihre Behandlung vielleicht sogar, aber es gab Grenzen und diese hatte sie jetzt überschritten. Er war nicht immer das sanfte Lämmchen, er konnte kämpfen, er konnte angreifen. Mit einem Satz hatte er den Schirm zwischen die Tür, die ihm von ihr fernhielt gesteckt. Wirsch wischte er sich sein nasses Haar nach hinten und packte Sanae, bevor er ins Haus zurück trat und die Tür zurück ins Schloss fiel. Entschlossen zog er sie an seinen vollkommen durchnässten Körper und presste seine Lippen auf ihre.

„Koshi du bist irre", flüsterte Kumi ihm zu. „Das kann nicht dein ernst sein? Weißt du, was du Tsubasa damit antust?"

„Was interessiert mich Tsubasa? Er ist mein Feind und Feinde müsse eliminiert werden, so einfach ist das."

Verzweifelt schritt Kumi im Regen hin und her. „Ich bitte dich, komm zur Vernunft, so kannst du ihre Liebe ganz sicherlich nicht für dich gewinnen. Ihr werdet beide verlieren. Ihr werdet beide das verlieren was Euch so wichtig ist."

„Sanae?", belustigt lehnte sich Koshi gegen einen Baum und beäugte Kumi.

„Sanae?", schnaubend bliebt Kumi stehen und stierte zu Koshi. „ Oh nein ich rede von den wichtigen dingen. Wenn das rauskommt und das wird es , dafür werde ich sorgen, werdet ihr beide vom Sport ausgeschlossen. Für den Rest des Schuljahres werdet ihr ausgeschlossen werden, die Schulbehörde wird nicht dulden, das ihr guter Ruf gefährdet wird. Nankatsu ist hochangesehen, aber wenn ihr Euch wirklich prügeln wollt, beschädigt ihr beide den Ruf unsere Schule, geht das endlich in deinen Schädel rein Koshi? Ich kann nicht fassen das Tsubasa alles opfern würde."

Lachend grinste Koshi. „Das ist ja zuckersüß, wie du dir sorgen um deinen Captain machst. Aber wenn es dich beruhigt. Ich glaube nicht das er auftauchen wird, diese Memme, der traut sich doch nur auf dem Fußballplatz den großen Macker zu machen, im wahren Leben ist er ganz klein und ein Feigling und falls das eine Drohung sein sollte, das du zur Schulbehörde gehst, klappt sie nicht sonderlich gut, denn erstens ist mein Ruf sowieso nicht der Beste und zweitens, wäre mir das egal, so wichtig wie Tsubasa ist mir mein Sport nicht, ich sehe noch andere, viel wichtigere Dinge. Sanae ist es mir Wert, der Trottel hatte seine Chance. Jetzt bin ich an der Reihe und ich verliere nie, niemals Kumi, kapier das also hör auf. auf mich einzureden, es wird dir nicht gelingen."

„Du bist wahnsinnig, einfach wahnsinnig."

Sanae wusste nicht wie ihr Geschah. Hitze erfasste ihren Körper, instinktiv schlang sie ihre Arme um Tsubasa Hals. Sie wollte diesen Kuss nicht erwidern, sie wollte es nicht, aber sie tat es, wieso nur?

„Tsubasa", keuchte sie erschrocken und voller Sehnsucht auf.