Einige Tage später:
Dr. Heightmeyer entpuppte sich als recht
attraktive, blondierte Frau, die John auf den ersten Blick recht
sympatisch erschien. Im Gegensatz zu seiner Befürchtung, sie werde
quasi mit gepackten Koffern vor ihm stehen, nahm sie sich zunächst
einmal Zeit, ordnete die mitgebrachte Akte (wahrscheinlich seine
gesammelten psychologischen Gutachten über die letzten Jahre),
besorgte für sie beide Kaffee. Schlicht: Sie versuchte, ein für
ihren Patienten angenehmes Klima zu schaffen, was John auch durchaus
zu schätzen wußte.
Als kriegserprobter Pilot war das nicht sein
erstes Treffen mit einem Psychologen, allerdings aber das erste, von
dem er selbst nicht wußte, wie er reagieren würde. Er selbst war
noch mit all dem beschäftigt, was da auf ihn eingestürzt war.
Bisher hatte er zumindest etwas Zeit gehabt, um selbst wieder zur
Ruhe zu kommen, EHE er zum psychologischen Dienst hatte gehen müssen.
Bisher allerdings war ihm auch noch nie der Tod von einem Dutzend
Menschen zur Last gelegt worden ...
Kate, so hatte Dr. Heightmeyer
ihn aufgefordert, sie zu nennen, nutzte die Zeit, die sie ihm gegeben
hatte, machte sich Notizen, blätterte mehrmals durch besagte Akte.
Sie drängte ihn nicht, ein Umstand, der John mit Dankbarkeit
erfüllte.
"Worüber möchten Sie sprechen?" wandte sie
sich denn doch schließlich an ihn.
Eine gute Frage ...
John
war noch nie gut darin gewesen, sein Leben vor anderen auszubreiten.
Er war ein Grübler, der versuchte, selbst mit seinen Problemen
klarzukommen. Seinen Mitmenschen zeigte er gern den stets lustigen,
vielleicht etwas introvertierten Luftwaffenoffizier, der mit seinem
Charme Frauen bezircte. Nur wenigen war es gelungen, hinter diese
Maske zu sehen. Und noch weniger hatten verstanden, WAS sich dahinter
verbarg.
Johns Blick ging bei Heightmeyers Frage unwillkürlich
nach innen. Mit den Gedanken zupfte er an all den blutenden Wunden,
die sich in den letzten Monaten aufgetan hatten. Am schlimmsten aber
... waren noch immer die frischen: Daves Verrat, Mickeys Lügen, der
Tod so vieler Menschen, die pure Ungerechtigkeit des Daseins, ihn am
Leben zu lassen, während alle, die um ihn herum gewesen waren, denen
er teils vertraut hatte, hatten sterben müssen in
Afghanistan.
Konnte er das einer Wildfremden anvertrauen? Konnte
er das wirklich aussprechen?
"Die ... Pilotenlizenz",
murmelte er schließlich.
Noch ein Müllstein um seinem Hals. Auch
wenn er sich bereits gedacht hatte, daß er niemals wieder würde
fliegen können, die Diagnose hatte ihn hart getroffen.
Heightmeyer
blickte auf, als er schwieg. "Sie wurde eingefroren",
konterte sie.
John atmete tief ein. Mit einem Fingernagel folgte
er dem Webfaden an seiner Jeans. "Weil eine Granate ... die
Explosion war ..." Er stockte, als Steves Gesicht aus seiner
Erinnerung auftauchte. Der lachende, zum Scherzen aufgelegte Steve,
nicht der ernste Copilot, der er in seinen letzten Minuten gewesen
war.
Heightmeyer richtete sich auf und musterte ihn. "Soweit
ich weiß, war es ein frontaler Volltreffer, der das Cockpit traf.
Ein Wunder, daß Sie da überhaupt herausgekommen sind."
John
kniff die Lippen aufeinander. Unwillkürlich fühlte er den Hauch
eines Erinnerungsschmerzes in seiner Schulter.
Fizz ...
John
blinzelte und richtete sich wieder auf. "Es muß ja nicht für
immer sein", wiegelte er ab und mauerte fleißig an einer
charmantes-Grinsen-Mauer.
Heightmeyer runzelte die Stirn. "Möchten
Sie über Afghanistan sprechen, John?" fragte sie.
Eifrig
wurde weitergemauert. "Ich wurde abgeschossen. Dummer
Zufallstreffer." Wie lapidar zuckte er mit den Schultern und
bereute zutiefst, ausgerechnet damit angefangen zu sein.
Innerlich
aber war es ihm, als könne er wieder das klebrige Blut auf seinem
Gesicht fühlen, es riechen und schmecken. Steves Blut.
Heightmeyer
musterte ihn weiter forschend. "Und was war mit Ihrer Crew?"
fragte sie.
Bittere Galle stieg in ihm hoch, doch er verbarg sich
weiter hinter seiner Grinse-Mauer. "Soweit ich weiß sind zwei
davon tot und der dritte bezichtigt mich, ihn aus dem Helikopter
geworfen zu haben."
Heightmeyer wandte sich wieder ihren
Notizen zu und schrieb etwas.
John reckte den Hals, aber er konnte
nicht sehen, was genau sie da aufschrieb.
"Sie wissen von der
Anklage, richtig?" erkundigte die Psychologin sich.
Oh ja,
diesen Vorschlaghammer seines Leibarztes würde er nicht so schnell
vergessen!
Dennoch spielte er weiter seine kleine Komödie und
zuckte mit den Schultern. "Shit happens."
Heightmeyers
Augen wurden schmal. "Ich hoffe, Sie wissen auch, daß alles,
was Sie mir hier und jetzt erzählen, unter die ärztliche
Schweigepflicht fällt. Sie brauchen sich nicht verstellen, John. Man
wird nie von dem erfahren, was Sie mir hier anvertrauen."
John
neigte leicht den Kopf und erwiderte ihren Blick. "Und wie
kommen Sie darauf, daß ich Ihnen nicht alles anvertraue?"
"Weil
Sie zwar ein passabler Schauspieler sind, aber ich Sie durch die
Berichte kenne. Sie stecken das nicht so einfach weg, wie Sie jetzt
vorgeben. Man hat Sie verletzt, John, man bezichtigt Sie der
Insubordination und der fahrlässigen Tötung. Sie sind allein, und
Sie fühlen sich einsam."
John hob das Kinn, sein Blick wurde
kühl.
'Nicht weiter, Lady. Tun Sie sich selbst einen Gefallen und
graben nicht weiter nach Dingen, die Sie nichts angehen!'
Doch die
Psychologin konnte seine Gedanken natürlich nicht hören. Und so
fuhr sie unbarmherzig fort:
"Sie wurden von Ihren Kameraden
geschnitten, werden es noch. Selbst Captain Holland, dessentwegen Sie
den Befehl verweigerten, will nichts mehr mit Ihnen zu tun haben. Ja,
selbst Ihre eigene Familie ..."
"Lassen Sie meine
Familie da heraus!" Johns Stimme blieb ruhig bei diesen Worten,
doch ihr Ton hatte sich geändert. Die Kälte aus seinen Augen war in
seiner Kehle angekommen.
Heightmeyer aber hielt ihm stand.
"Warum?" fragte sie.
"Das geht Sie nichts an!"
Die letzten Steine mußten dringend vermauert werden, dann würde er
sicher sein, sicher mit und vor seinem Schmerz. Niemand würde mehr
von außen an diesen Wunden reißen können. Niemand ...
"Weil
Ihre Familie Sie im Stich gelassen hat? Oder haben Sie Ihre Familie
fallen lassen, John? Wurde es Ihnen zu unbequem?"
"Sie
wollen wissen, wie es mir geht?" Es war mittlerweile mehr ein
Knurren, was da seine Kehle verließ. "Sie wollen wissen, wie
ich mich fühle?"
"Darum bin ich hier ..."
Heightmeyer lächelte, wollte der Situation offensichtlich die
Spannung nehmen.
"Mein Bruder heiratet in ein paar Wochen
meine Freundin." Jetzt, da es heraus war, brannte der Schmerz
doppelt und wollte ihn würgen. "Mein Vater hat mich ohnehin
schon mein ganzes Leben lang für einen Versager gehalten. Ich darf
nicht mehr fliegen, vielleicht nie wieder. Meine besten Freunde sind
tot oder haben sich von mir abgewandt. Und zu guter Letzt soll ich
auch noch verantwortlich sein für den Tod eines unschuldigen Kindes!
Fragen Sie mich nie wieder, wie ich mich fühle!"
Heightmeyer
nahm seinen Ausbruch aufmerksam zur Kenntnis, mehr aber
...
Interessiert beugte sie sich vor. "Dann fühlen Sie sich
nicht verantwortlich für den Angriff, in dem der Flüchtlingstrupp,
dem Sie sich angeschlossen hatten, ums Leben kam gemeinsam mit dem
UN-Beobachter?"
John schüttelte hilflos den Kopf. "Wie
soll ich denn dafür verantwortlich gewesen sein? Ich war ja kaum bei
mir!"
"Ihnen ist aber schon klar, daß die Flüchtlinge
vielleicht noch leben würden, wenn ..."
"Alles, was ich
von Ihnen höre, Dr. Heightmeyer, sind Vermutungen. Tatsache ist, die
Flüchtlinge tauchten bei unserem Lager auf, nicht umgekehrt. Colonel
Kawalsky erbot sich, Fizz und mich mitzunehmen. Mehr weiß ich
nicht!"
Heightmeyer nickte. "Dann war es nicht Ihre
Entscheidung? Sie wollten sich nicht anschließen?"
John rieb
sich ungeduldig über die Augen. "Die haben uns gefunden, Dr.
Heightmeyer!"
"Und das wissen Sie noch, obwohl Sie
aussagen, Sie seien bereits zu diesem Zeitpunkt schwer verletzt
gewesen?"
John nickte wütend. "Ja, das weiß ich noch.
Und wissen Sie warum? Weil ich grauenvolle Angst davor hatte, daß
die Taliban uns aufgespürt hatten."
Heightmeyer beugte sich
über ihre Notizen und blätterte darin.
John wünschte sich
augenblicklich, er hätte sich besser im Griff gehabt. Das war ihm
noch nie passiert! Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er dermaßen
viel von sich preis gegeben, niemand anderem. Niemals hatte er so
verletzlich sein wollen, anderen seine ungeschützte Seite
präsentierend.
Es war zuviel, ging ihm dann auf. Erst hatte man
ihm alles Wissen monatelang vorenthalten, damit man ihn dann mit der
geballten Ladung niederdrücken konnte.
Es stimmte, er hatte noch
nie jemandem so viel von sich selbst gezeigt, andererseits aber hatte
er auch noch nie mit einer solchen geballten Anhäufung von
Anschuldigungen zu tun gehabt wie gerade jetzt. Und er spürte,
möglichweise würde er dieses Mal nicht wieder allein herauskommen
können aus dem Sturm, der sich da immer stärker werdend um ihn
ballte.
"Ich will ehrlich sein", brach Heightmeyer die
Stille zwischen ihnen, "ich wollte einem Studienfreund einen
Gefallen tun. Deshalb sagte ich, ich würde Sie aufsuchen."
Na
toll! Jetzt war er schon eine Gefälligkeit! Nicht gerade
schmeichelhaft.
"Ich gebe auch zu, ich bin etwas
voreingenommen Ihnen gegenüber, John. Als ich von dem Gemetzel
hörte, in das Sie verwickelt wurden, wollte ich, wollten viele,
einen Schuldigen sehen. Der Generalstab hatte schnell einen zur Hand:
den einzigen Überlebenden. Sie!"
Man hatte es sich also
einfach gemacht, und genau das war der Grund für das lange
Schweigen. John kannte diese Vorgehensweise. Es war nicht das erste
Mal, daß er soetwas miterlebte, wenn auch das erste Mal, daß er den
Sündenbock geben sollte.
"Jetzt allerdings haben Sie mich
nachdenklich gemacht", erklärte Heightmeyer weiter. "Ich
war auf einiges gefaßt, aber nicht auf Sie, John." Ein kleines
Lächeln erschien auf ihren Lippen. "Und ich freue mich schon
auf unsere weitere Zusammenarbeit."
John runzelte die Stirn.
"Wie bitte?"
Heightmeyer lächelte, dann beugte sie sich
wieder über ihre Notizen, schrieb etwas auf ein neues Blatt und gab
es ihm. "Sie sollten das Ihrem Anwalt geben, John. Und, sofern
ich noch zur Verfügung stehe, werde ich gern bereit sein, vor
Gericht zu Ihren Gunsten auszusagen."
John sah der
Psychologin staunend nach, als diese sein Krankenzimmer verließ -
bis zur nächsten Sitzung ...
