Drei Strikes

Die nächste Stunde verbrachte Luciana mit Johnny auf dem leergefegten, sonnigen Innenhof unweit der Großen Halle. Nachdem ihre Becher bis zum letzten Tropfen aufgeschlürft waren, besorgte Johnny eine zweite Runde Wachmacher vom Frühstückstisch – dabei kehrte er gleich mit ein paar Speck und Marmeladen beladenen Toastscheiben zurück (Speck für sie, er war strikter Vegetarier), die sie in der prallen Morgensonne auf einem niedrigen Mauervorsprung verputzten und über die ein oder andere Eigenart des Schlosses plauderten. Das hieß, Luciana versuchte mit einem sehr groben Rundumschlag, von dem Lageplan der Räume bis hin zu den Bewohnern des Schlosses, ihm die bestmögliche Infopalette zu bieten, immerhin hatte Johnny noch nie zuvor einen Fuß nach Hogwarts gesetzt, da er irgendeine Zaubererschule in den Vereinigten Staaten besucht haben musste – worüber er übrigens niemals ein Wort verloren hatte, den Punkt in seinem Lebenslauf hatte ihr einmal beiläufig ihr Pate gesteckt.

Erst zur Verteilung der Stundenpläne begaben sich die beiden wieder in die Eingangshalle, wo sie verschiedene Wege einschlugen. Er hatte seine erste Unterrichtsstunde vorzubereiten und Luciana ging wieder in die Große Halle, in der sich mittlerweile die Lehrer und Schüler in einem derartigen Chaos tummelten, wie es nur an einem ersten Schultag nach den langen Ferien der Fall sein konnte. An dem Gryffindortisch hatte Professor McGonagall alle Hände voll damit zu tun, ihre Schäfchen (Löwenbabys, wie auch immer) in eine halbwegs geordnete Reihenfolge zu bekommen und nachdem sie den einfachsten Part hinter sich gebracht hatte, und zwar den anderen Jahrgangsstufen ohne Umschweife die Unterrichtspläne auszuhändigen, ging sie dazu über, den sechsten Jahrgang nach und nach auf seine ZAG-Ergebnisse zu überprüfen. Denn ohne entsprechende Prüfungsergebnisse hieß es für einige Fächeranmeldungen an diesem Punkt: Endstation.

Luciana setzte sich im Schneidersitz auf eine der beiden langen Bänke und wartete mehr oder weniger geduldig ab, bis der Großteil ihrer Klassenkameraden mit dem begehrten Zettel in der Hand aus der Halle eilten – für einige hatte der Unterricht bereits begonnen, andere waren erfreut über eine Freistunde am Montagmorgen. An den übrigen Tischen bot sich ihr ein ganz ähnliches Bild, wobei es bei den Slytherins am gesittetsten zuging. Obwohl, bei der Laune, die Snape gerade in seine unmittelbare Umgebung versprühte (verdammt übel, sie betete, wenigstens heute von der Drill-Brauerei verschont zu bleiben), hätte sie sich ebenfalls brav in Reih und Glied gestellt und dabei keinen Mucks gemacht.

„Miss Bradley" Luciana wandte ihren Blick von ihrem Tränkeprofessor ab und sah im nächsten Moment McGonagall, die gerade vor ihr zum Stehen kam. In ihrem Arm trug sie einen ganzen Stapel Pergamente, den sie so lange durchwühlte, bis sie fündig geworden war.

„Meine Güte, wär hätte das gedacht", bemerkte McG und schaute dabei, wie sie vermutete, auf Lucianas Prüfungsergebnisse. „Kräuterkunde ‚Erwartungen Übertroffen', da wird Professor Sprout Sie ohne weiteres in Ihrem UTZe Kurs aufnehmen, Verteidigung gegen die Dunklen Künste ein ‚Ohnegleichen', natürlich haben Sie sich hierfür qualifiziert. Verwandlungen", die ältere Dame spitzte ihre Lippen und schaute sie abschätzend über ihre Lesebrille hinweg an. „Sie haben Ihre ZAG Prüfung mit einem ‚Erwartungen Übertroffen' bestanden, aber im Unterricht sind Sie nie über ein ‚Annehmbar' hinausgekommen."

„Tut das was zur Sache?", fragte Luciana mit erhobener Augenbraue, was McGonagall für einen kurzen Augenblick aus dem Konzept brachte.

„Sie sollten sich vor Augen führen, dass das Kurspensum nicht mit dem vom letzten Jahr vergleichbar ist und ich bin mir nicht sicher, ob Sie das bewältigen können."

Luciana atmete tief durch, unterdrückte ein Augenrollen und verschränkte die Arme vor der Brust. Diese Ansprache kam ihr sehr bekannt vor, offenbar würde sie in den nächsten Tagen von jedem Lehrpersonal eine Standpauke dieser Art über sich ergehen lassen müssen.

„Darüber bin ich mir im Klaren, ich habe die Anmeldung für die Kurse im vollen Besitz meiner geistigen Fähigkeiten ausgefüllt."

„Nun gut", sagte McGonagall, ihr Blick offenbarte ihr allerdings ein ‚Schlagen Sie bei mir nicht über die Stränge'. „'Ohnegleichen' in Zaubertränke, das wird Professor Snape akzeptieren müssen", und da war er auch selber schuld, fügte Luciana in Gedanken hinzu, „Zauberkunst geht auch in Ordnung." Damit überreichte ihr Professor McGonagall einen Stundenplan, der für die letzten beiden Doppelstunden dieses Tages selbstverständlich Zaubertränke aufweisen musste. Perfekter Start in die Woche. „Damit haben Sie alle UTZ Kurse belegt, die eine Ausbildung als Heilerin voraussetzt."

„Und keine Umbridge in Sicht, der ich es unter die Nase reiben könnte", schloss Luciana, worauf McGonagall leicht schmunzelte.

„Ich hoffe Sie haben sich von dem Vorfall am Samstagmorgen wieder vollständig erholt?", erkundigte sich ihre Hauslehrerin beiläufig - damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.

„Yap, alles beim Alten", antwortete sie möglichst gleichgültig, wandte den Blick ab und hoffte inständig, dass McGonagall es dabei belassen würde. Und sie hatte Glück – zwei Nachzügler aus ihrer Stufe hechteten gerade auf die Professorin zu und schon war diese voll auf damit beschäftigt, deren Ergebnisse aus dem Stapelwust zu fischen.

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Für den Rest des ersten unterrichtsfreien Blocks, kehrte Luciana zurück in den Innenhof, der mittlerweile von der Morgensonne vollständig durchflutet wurde und ihr die ideale Umgebung lieferte, ein paar weitere Ordensprotokolle zu bearbeiten. Diese hatte sie mit einem Verschleierungszauber vor neugierigen und vor allem unbefugten Augen geschützt, dazu war sie auf ihrem steinernen Vorsprung herrlich ungestört.

„Gibt es einen Grund, wieso du das Zeug verzaubert hast?" Soviel zu ungestört. Luciana hob ihren Blick von ihrer aufgeschlagenen Mappe und vor ihr stand kein geringer als Draco Malfoy. Alleine, mit seiner Schultasche geschultert und die Schülerrobe über dem Arm hängend – es war wirklich ziemlich warm, wenn auch nur in der prallen Sonne.

„Na, ich muss mein akribisch geführtes Tagebuch doch vor tratschenden Mitschülern schützen", antworte sie und schlug nebenbei einen besonders nervigen Käfer aus der Flugbahn, welcher gerade um ihren Kopf surrte.

„Tagebuch, sicher", bemerkte Malfoy mit skeptischer Miene und fuhr sich mit nervös wirkender Geste durch die perfekt sitzenden Haare (jetzt nicht mehr so perfekt).

„Du hast auch eine Freistunde?", erkundigte er sich nach einem Moment der Stille. Luciana konnte eben noch ein Grinsen unterdrücken.

„Offensichtlich." Den Jungen zappeln zu lassen bereitete ihr mehr Freude, als es vermutlich sollte.

„Ehm …" Malfoy wich ihrem unnachgiebigen Blick aus und kramte anscheinend nach der nächsten Belanglosigkeit, um sie in ein ‚beiläufiges' Gespräch zu verwickeln. „Meinst du der neue Verteidigungslehrer taugt was?"

„Schlimmer als letztes Jahr kann es kaum werden." Dabei gehörte Malfoy zu einem der wenigen Schüler, die von der Anwesenheit von ES eher profitiert hatten. Gerade deswegen überraschte es sie umso mehr, als sie ihn nicken sah. „Okay, so sehr ich deine Versuche auch zu schätzen weiß, hier eine zivilisierte Unterhaltung anzufangen, Draco – lass uns das nicht unnötig in die Länge ziehen und sag mir einfach was du von mir willst, der Unterricht fängt gleich an." Damit zog sie ihre Schachtel Zigaretten aus dem Umhang und zündete sich einen Glimmstängel an. Malfoy schien das ohne Murren hinzunehmen und das, wo er doch nie eine Gelegenheit ausließ, seinen Vertrauensschülerstatus zu missbrauchen und jedem, der kein Silber-Grün am Leib trug, Strafen aufzubrummen. Er schien ohnehin viel mehr damit beschäftigt zu sein, an irgendetwas in seiner Hosentasche herumzufummeln.

„Mein Vater", begann er zögerlich, sah nach rechts und links, wohl zur Vergewisserung, dass sie auch wirklich keine ungebetenen Mithörer hatten, „hat gesagt, mein Großvater wäre bei deinem Patenonkel in irgendeinem … Bund. Abraxas Malfoy."

Luciana verschränkte ihre Arme und betrachtete den Blondschopf vor sich mit durchdringendem Blick. Die plötzliche Wendung des Gesprächs behagte ihr ganz und gar nicht und ihr Bauchgefühl warnte sie eindringlich vor dem dünnen Eis, auf dem sie sich bewegen würde, ganz egal wie ihre Antwort ausfiel.

„Gordon. Unter Abraxas Malfoy kennt ihn niemand bei uns." Das schien Malfoy nicht gewusst zu haben und für einen Moment sah er aus, als wolle er genauer nachhaken. Sie hielt noch immer Augenkontakt und hatte bisher nicht einmal geblinzelt – anscheinend zeigte dies Wirkung, da der Junge keine zwei Sekunden später seine Augen senkte.

„Es ist schwierig mit ihm in Kontakt zu treten." Ah. Daher wehte der Wind. Mit einem tiefen Seufzer streckte Luciana die Hand aus.

„Gib mir schon den Brief, oder was auch immer du da in deiner Tasche für ihn hast." Malfoy zögerte noch immer.

„Er ist versiegelt", sagte er dann und zog einen zusammengefalteten Briefumschlag aus der Hosentasche. „Mit unserem Familiensiegel. Ich würde dir nicht raten, ihn versuchen zu öffnen."

„Danke für die Warnung und dein uneingeschränktes Vertrauen." Sie nahm ihm den Umschlag aus der Hand und steckte ihn zusammen mit den Ordensunterlagen in ihre Umhängetasche. „Ich schick Azrael los, sobald er sich bequemt von seiner Erkundungstour zurückzukommen."

„Dein Bussard?"

„Gerfalke."

Malfoy nickte und schaute sie eine Weile schweigend an, bevor er kurz und knapp „Danke" sagte.

„Keine Ursache", meinte sie mit einem Halbgrinsen, schulterte ihre Tasche und erhob sich von der Bank. „Ab der dritten Zustellung erwarte ich Porto!"

Ohne eine Antwort abzuwarten (die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht gekommen wäre), durchquerte Luciana den Innenhof und machte sich auf den Weg zum Haupttreppenhaus, eigentlich mit dem Ziel das Verteidigung gegen die Dunklen Künste Klassenzimmer anzusteuern, wäre da nicht ein kleiner, schwarzhaariger Bengel, der mit hochrotem Kopf aus einem der Durchgänge zu den Untergeschossen in die Eingangshalle gelaufen kam. Für einen Moment zog sie es in Erwägung, einfach weiterzugehen und so zu tun, als habe sie ihn gar nicht bemerkt, doch der verzweifelte Blick, mit dem sich der Junge zu allen Seiten umschaute, war schwer zu ignorieren.

„Conrad!", rief Luciana ihm entgegen und der Erstklässler brauchte nicht lange, bis er auch schon direkt vor ihr stand.

„Ich habe mich verlaufen!", sagte er, vollkommen außer Atem und mit panisch geweiteten Augen. An ihnen lief gerade eine Gruppe Slytherins ihrer Jahrgangsstufe vorbei und nahm die ersten Stufen die Treppen hinauf, inklusive Malfoy und ihre Armbanduhr verriet ihr, dass nur noch fünf Minuten bis zum Unterrichtsbeginn blieben.

„Wo musst du hin?", fragte sie seufzend, dabei hatte sie noch einen kleinen Schimmer Hoffnung, dass es sich um eine ganz einfache Wegbeschreibung handeln könnte.

„Zaubertränke."

Oder auch nicht. Weit und breit mal wieder niemand, an den sie den Hochwohlgeborenen hätte abtreten können und selbst wenn sie die Strecke bis zu den Kerkern laufen würden, kämen sie nicht rechtzeitig an.

„Welcher Kerker?", sagte sie resigniert und schnappte sich den Ärmel des Jungen, um dann sofort den richtigen Torbogen in die unteren Stockwerke zu nehmen. Conrad kramte gleich mehrere Zettel aus seinem Umhang, auf denen dutzende von Notizen vermerkt waren.

„Ehm – Kerker drei", antwortete er, als sie schon mitten auf der Treppe abwärts waren und Luciana musste den Kurzen am Kragen packen, damit er bei der nächsten Stufe, die er vor lauter Zettelgucken nur mit der halben Ferse erwischte, nicht metertief abwärts purzelte.

„Schau wo du hinläufst!", fuhr sie ihn scharf an und ließ seine Robe erst los, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Mit schuldbewusster Miene steckte er die Pergamentstücke in einem unsortierten Knäuel zurück in die Tasche. „Wenn du mit deinen Gedanken nicht ständig woanders wärst, würdest du dich auch nicht verlaufen oder verloren gehen, junger Mann!" Zumindest hatte der Knabe dies als Grund angegeben, wieso er gestern Abend den Anschluss an die anderen Erstklässler verloren hatte und heute schien er diesen Fehler gleich das zweite Mal gemacht zu haben.

„Das sagt Vater auch immer."

„Und merke dir den Weg", fuhr sie fort, in der Hoffnung hier nicht noch ein Familiengespräch vom Zaun gebrochen zu haben, „ich spiele hier garantiert nicht nochmal Eskorte!"

„Dein Name ist Luciana, richtig?", fragte Conrad nach einer Weile, nachdem sie die Treppe ohne weitere Unfälle überwunden hatten und durch die ellenlangen Gänge des Verlieses liefen, in dem lediglich ihre Schritte von dem feuchten Mauerwerk der Kerkergänge zu hören waren.

„Richtig."

„Das hatte Professor McGonagall gesagt."

„Huh."

„Aber Professor Snape wollte dir keine Punkte für gestern geben, er meinte das wäre deine Pflicht gewesen, mich zum Schloss zu bringen, also so als ältere Schülerin."

Luciana quittierte dies nur mit einem kurzen Nicken. Natürlich war sie von dieser Information alles andere als überrascht. Die darauffolgende Ruhe währte nur für ein paar Abbiegungen.

„Stimmt es, dass Professor Snape eine Erkling-Fresse ist?"

„Eine was?"

„Erkling-Fresse. Also Erklinge sind so Wesen, die Kinder anlocken und sie aufessen, eine Fresse ist –„

„Ich weiß was eine Fresse ist und du solltest dir sowas in seiner Nähe nicht mal denken!" Sie bogen die nächste Kreuzung links ab, Conrad musste ein paar Schritte laufen, damit er mit ihr mithalten konnte.

„Das haben ein paar Schüler im Zug gesagt, aber gestern Abend war er eigentlich ganz nett zu uns, denke ich."

„Du bist in Slytherin, da brauchst du dir keine Gedanken drüber machen, mit ihm Schwierigkeiten zu bekommen." Was sie so niemals unterschreiben würde, immerhin hatte sie keine Ahnung was er mit dem Jungen anstellen würde, wenn dieser es wagte, gleich am ersten Tag mit zehn Minuten Verspätung in seinem Unterricht aufzukreuzen.

„Ich will aber keine Sonderbehandlung!", schnaubte Conrad empört. Luciana dämmerte es, dass er in seinem Leben wohl allein schon durch die Stellung seines Vaters kaum um eine ‚Sonderbehandlung' herumkommen würde …

„Tja, das Leben ist kein Wunschkonzert." Damit blieb sie abrupt vor einer großen Holztür stehen, über der eine große, römische Drei angebracht war und drückte diese mit einem kräftigen Stoß auf.

„ … dass es sich um Zauberei handelt. Ich erwarte nicht, dass ihr wirklich die Schönheit des leise brodelnden Kessels mit seinen schimmernden – Miss Bradley."

„Fahren Sie ruhig fort, Sir, mich würde ebenfalls interessieren, was hier im Keller schön und schimmernd sein soll", sagte Luciana, lehnte sich dabei in den Türrahmen und betrachtete den Klassenraum voller Erstklässler, von denen nur wenige wagten, sich von dem Tränkemeister abzuwenden und neugierig zu ihr umzudrehen. Snape zeigte sich wenig begeistert von ihrer unerwarteten Anwesenheit und noch weniger von der Tatsache, gerade in einem Redeschwall unterbrochen worden zu sein. Dass bei ihrem Kommentar einige der Schüler mit dem Kichern begonnen hatten, machte die Sache nicht viel besser.

„Ruhe!", donnerte er die vier Reihen Wurzelzwerge an und erzielte damit auch sofort den gewünschten Effekt. Sie selbst konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, selbst, als Snape sich von seinem kleinen Podest am anderen Ende des Kerkers hinab begab und mit bedrohlicher Miene durch den Mittelgang auf sie zukam. Doch bevor Snape auch nur den Mund aufmachen konnte, gleich, nachdem er keine Handbreit vor ihr zum Stehen gekommen war, trat sie einen Schritt zur Seite, worauf sein Blick auf den schwarzhaarigen Jungen fiel, der Luciana bis jetzt als Sichtschutz missbraucht hatte.

„Den habe ich grad aufgegabelt und bevor er Ihre, mit garantierter Sicherheit, sehr eindrucksvolle Erstlings-Einschüchterungsrede verpa-„

„Mr Scrimgeour, auf deinen Platz!", unterbrach Snape Luciana barsch, packte sie am Oberarm, warf der Klasse ein „Lest das erste Kapitel von Zaubertränke und Zauberbräue bis ich wieder da bin, den Inhalt werde ich abfragen und denkt nicht mal im Traum daran, euch mit irgendetwas anderem zu beschäftigen!" und knallte die Tür hinter sich ins Schloss, während er sie immer weiter in den Gang drängte. Bis ihr Rücken auf kaltes Mauerwerk stieß, an diesem Punkt war er so nett, ebenfalls Halt zu machen, wenn auch mit bebenden Nasenflügeln, einer pochenden Ader auf der Stirn und gebleckten Zähnen.

„Was meinen Sie, Miss Bradley?", zischte Snape ihr entgegen, seine schwarzen Augen bohrten sich kalt in ihre. „Genügen zwanzig Punkte Abzug und Strafarbeiten bei Hausmeister Filch bis zum Ende der Woche oder wollen wir dem Schulleiter gleich am ersten Tag einen Besuch abstatten?"

„Hab ich was nicht mitbekommen oder verstößt es neuerdings gegen Schulregeln, einem Neuling den Weg zum Klassenraum zu zeigen?", warf Luciana ihm entgegen und schien damit genau die falschen Worte gewählt zu haben.

„Es verstößt", knurrte er und kam ihr mit dem Gesicht noch weiter entgegen, „gegen die Schulregeln, das Lehrpersonal vor seinen Schülern bloßzustellen und –„

„Können Sie das Siegel der Malfoys brechen, ohne die Schutzmaßnahmen davon auszulösen?"

„Wie bitte?", sagte Snape perplex und Luciana klopfte sich im Geiste selbst auf die Schulter, ihn damit sehr effektiv aus seinem kleinen Wutanfall herauskatapultiert zu haben.

„Er hat mir gerade einen Brief mitgegeben", sie legte ihm die flache Hand auf die Brust und schob ihn einen Schritt von sich weg, damit sie barrierefrei in ihrer Umhängetasche herumkramen konnte. Ein paar Sekunden später und sie präsentierte ihm Dracos Umschlag, der mit schwarzem Siegelwachs verschlossen war. Snape ergriff ihn, ohne weitere Umschweife oder eine Erklärung abzuwarten.

„Adressiert an seinen Großvater", murmelte er dann mit gerunzelter Stirn und betrachtete das Siegel genauer.

„Draco weiß von seinem Vater, dass Gordon mit meinem Paten zusammen arbeitet, da kam er wohl auf die Idee, ich könne den Brief weiterleiten. Anscheinend hat er schon so versucht Kontakt mit ihm aufzunehmen und es nicht geschafft." Snape nickte und war drauf und dran den Umschlag in eine der Innentaschen seines Umhangs verschwinden zu lassen.

„Ich würde es vorziehen, das erstmal nicht an die große Glocke zu hängen – ich will nur sichergehen, dass ich den Brief bedenkenlos nach Hause schicken kann. Bekommen Sie das hin mit dem Siegel?"

„Es bedarf einer eingehenden Prüfung, aber ich bin mit dem Schutzsiegel der Malfoys vertraut", sagte Snape mit nun wieder neutralen Miene.

„Sehr schön, halten Sie mich auf dem Laufenden, ich würde das Teil gern so schnell wie möglich loswerden." Was sie, theoretisch, gerade mit dieser Aktion vollbracht hatte, allerdings hatte sie wirklich vor den Brief an Gordon zu leiten, je nachdem welchen Inhalt Captain Peroxyd Junior gedachte ins europäische Inland zu schleusen. Doch diese Überlegungen verschwanden im hinterletzten Stübchen ihres Hirns, als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf.

„Oh Scheiße!" Luciana schulterte ihre Tasche und machte im Laufschritt kehrt, drehte sich dann noch einmal nach ein paar Schritten um und hob die Hand. „Wir sehen uns nachher!" Den verdutzten Blick von dem Tränkeprofessor sah sie nur noch aus dem Augenwinkel.

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„ … den Schmerz nen bissl erträglicher zu mach'n – ah, sin' wir heut doch inner Vollzahl." Luciana zog die Tür so leise wie möglich in das Schloss, doch der Plan unauffällig in den Verteidigungsklassenraum zu huschen, war offenbar fehlgeschlagen.

„Unverzeihliche Flüche, Luciana?" Johnny stand in Jeans und zerschlissenem Nirwana T-Shirt an dem Lehrerpult gelehnt, das in dem letzten Jahr noch von der Pinken Pest belagert worden war – dabei verschränkte er seine, mit Lederbändern überzogenen Arme vor der Brust und schien wenig erfreut, sie mit Verspätung in die Stunde kommen zu sehen.

„Cruciatus, Imperius, Avada und wenn man mich fragt, sollte der Episteridos auch noch dazugehören." Hah, und da erschien auch schon ein breites Grinsen auf Johnnys Gesicht – der Rest der Klasse, mal wieder eine Gryffindor-Slytherin Konstellation, schaute nur ahnungslos zwischen ihr und dem neuen Lehrer hin und her. „Tut mir Leid wegen der Verspätung, ich musste noch einen verirrten Erstklässler im Kerker abliefern." Sie suchte nach einem freien Platz, der nach Beginn des Unterrichts selbstverständlich nur in der ersten Reihe aufzufinden war (dabei bestanden alle vordersten besetzten Plätze ausschließlich aus Damen der Schöpfung, den teilweise verklärten Blicken versuchte sie keinerlei Beachtung zu schenken) und verstaute ihren Trenchcoat über der Stuhllehne.

Erst jetzt bekam sie die Gelegenheit, sich genauer im Raum umzusehen. Johnny hatte in der kurzen Zeit einiges damit angestellt – die rechte, fensterlose Wand war meterhoch mit dunkelblauen Matratzen flankiert, die Luciana noch aus ihrer alten Schule aus den Sporthallen kannte und die man mit ein paar Handgriffen beliebig auf dem Boden oder dort verteilen konnte, wo sie einen Sturz abfangen sollten. Davor standen aneinandergereiht über ein Dutzend Trainigsdummies aller Art, die zum Bespiel ein vollständigen Körpernachbau hatten oder auch nur Torsos auf Stangen mit Füßen. Am Ende des Raumes, zwischen den beiden Fenstern hinter dem Lehrerpult, erspähte sie zudem noch zwei große Kisten, aus denen Lederhandschuhe und Schutzkleidung ragten. So langsam bekam sie eine grobe Idee von dem, was Johnny für das kommende Schuljahr geplant hatte und sie bereute es schon fast, nicht in den Genuss gekommen zu sein, die verdutzten Gesichter ihrer Mitschüler gesehen zu haben, die sie garantiert aufgesetzt hatten, nachdem sie die Schwelle zu diesem Raum übertreten hatten.

„So, wir war'n grad beim Bequatsch'n vom Cruciatus, scheint bei den Voldi-Anbetern ja noch voll im Trend zu sein", Luciana machte sich nicht die Mühe zum Reaktionsschauen Verrenkungen in Kauf zu nehmen, sie hatte auch so schon eine sehr gute Vorstellung davon, wie die anderen Schüler auf diese flapsige Anrede reagierten und natürlich hörte sie aus einigen Reihen hinter ihr das ein oder andere Japsen, wenn auch ein wenig Gekicher darunter auszumachen war. Spätestens in ein paar Wochen hätten sich die Anwesenden hier sowieso an Johnnys Art gewöhnt, die Dinge etwas eigenwillig beim Namen zu nennen. „Und der Dean meint zwa' das wär nich' meine Aufgabe, wir werd'n zwischendurch aber n' paar nette Rezeptorblocka-Sprüche mit reinnehmen. Weiß jemand warum?"

Johnny schaute in die Runde, doch der Großteil der Schüler machte nicht den Eindruck, überhaupt die Frage verstanden zu haben.

„Lucy", für den verhassten Spitznamen bekam er gleich einen ihrer besonders angepissten Blicke ab, „erklär ma' was ich meine." Und ihr Blick wurde noch finsterer. Wenn der Kerl meinte, sie in Zukunft als eine Art Helferlein für seine Stunden missbrauchen zu können, würde sie ihm sehr schnell einen fetten Strich durch die Rechnung machen. Allerdings könnte sie so gnädig sein, ihm drei Strikes zu genehmigen …

„Damit einen der Cruciatus nicht kampfunfähig macht, oder Schlimmeres." Diese Antwort quittierte Johnny mit einem Nicken und stieß sich dann von seinem Pult ab, um ein paar Schritte näher an die Klasse zu treten. Hätte sie auch gewundert, wenn er länger als fünf Minuten stillgestanden wäre.

„Nich grad einfach nen Opiendum auffe Reihe zu bekomm' wenn man auffa Schmerzskala irgendwo zwisch'n Kreißsaal und Rasierkling'n-Baden schwankt, da will ich euch keinen vormach'n, aber die einzige Methode aus dies'm Fluch rauszukomm'. Ja, du da mit'm Branding auffer Stirn?"

Luciana konnte eben noch ein Prusten unterdrücken – es war eben nicht zu verleugnen, dass sie den Großteil ihres Lebens in Johnnys unmittelbarer Umgebung gelebt hatte.

„Harry Potter", sagte Mr Branding-auf-der-Stirn und es war ihm offenbar kaum möglich, die Verwunderung in seiner Stimme anhand der Tatsache zu verbannen, dass hier wohl ein Lehrorgan keinen blassen Schimmer hatte, wer er war. „Also Sie behaupten, man könnte aus einem Cruciatus Fluch ‚herauskommen'?"

„Klar geht das", war Johnnys verblüffte Antwort und darauf folgte ein Moment der absoluten Stille, in dem er ein sehr nachdenkliches Gesicht aufsetzte, das er mit einem lauten Seufzer abschloss. „Kay, so langsam krieg ich ne Ahnung davon, was ihr so die letzt'n Jahre getrieb'n habt. Oder auch nich." Grübelnd machte er kehrt und ging mit langsamen Schritten wieder auf das Pult zu, dann wandte er sich wieder zur Klasse. „Soweit ich da auf'm aktuell'n Stand bin, sind Duelle hier auffer Insel verbot'n, richtig?" Mehrere Köpfe nickten ihm zu Bestätigung zu. „Dann kennt ihr auch nich' die kleinen Cheats dabei. In den Staaten sind se erlaubt und wenn man nich nach drei Flüch'n japsend am Boden hängen will, bereitet man sich so'n bissl vor – is übrigens gegen die Regeln, macht man Duelle im Wettkampfstil – ein paar Zauber auf die Schmerzrezeptoren und dich juckt die Faust im Gesicht nicht mehr und nen Fluch wie der Cruciatus ist … na sag'n wa mal: erträglicher. Wenn ihr von der harten Sorte seid, steht ihr wieder auf und wehrt euch, noch besser, knallt eurem Gegner was um die Öhrchen, das den Fluch unterbricht. Also, ab heut die erst'n fünfzehn Minu'tn von jeder Doppelstunde nen Opiuszauber, dann gibt's ne Runde Kampftraining und der Rest wird für Schildzauber draufgehen. Ja, Potter?"

„Und wann üben wir Angriffszauber?" Jetzt bequemte sich Luciana doch, eine Hundertachtziggraddrehung zu vollführen. Einige von den Schülern machten eine sehr skeptische Miene, manche von ihnen wirkten sogar fast wütend, darunter Potter und Granger, wobei die Letztere auch gleich ihren Arm in die Höhe schnellen ließ und Johnny sie mit einem Schmunzeln zum Sprechen aufforderte.

„Sir, ich weiß nicht was Kampftraining gegen Zauber nützen soll. Das heißt, wenn ich Sie richtig verstanden habe und die Gegenstände hier richtig gedeutet habe und Sie … nun ja, Muggel Selbstverteidigung meinen." Granger zeigte auf die Matratzen und die Dummies an der Wand, auf Johnnys Gesicht hatte sich mittlerweile ein breites Grinsen ausgebreitet.

„Doch doch, das hast du schon richtig gecheckt. Lucy-„, mit erhobenem Finger und ohne den Blick von Granger abzuwenden, visierte sie Johnny an, der schnell ein, „ana" hinzufügte. „komm ma nach vorne – vergiss deine Funzel nich."

Grummelnd griff sie in ihre Tasche und zog ihren Zauberstab heraus. Zweiter Strike. Kaum am Pult angekommen kramte auch Johnny seinen Zauberstab aus seinem Hosenbund (Kichern aus der vordersten Reihe) und nahm ein paar Meter Abstand von ihr.

„Nimm mir ma die Funzel weg."

Expelliarmus!" Ein scharlachroter Blitz trat aus der Spitze ihres Zauberstabs - im nächsten Moment flog Johnny seiner aus der Hand und kam in der Mitte des Raumes geräuschvoll zum Liegen.

„Und jetzt?", fragte er an die Klasse gewandt; darauf schien allerdings keiner eine Antwort zu haben. „Meine Waffen- Schildkombo is weg, wär'n wir hier bei nem Duell und Lucy –ana würd mir echt an die Wäsche woll'n, hätt ich jetzt die Arschkarte, mh?" Vereinzelnd nickte der ein oder andere (das Patil Mädchen und Brown in der ersten Reihe tuschelten schon wieder vorgehaltenen Händen, danach folgte ein unüberhörbares Kichern), die meisten schienen eher gespannt, auf was er hinaus wollte.

„Luciana, greif mich an, irgend'was." Hier und da brach ein wenig Gemurmel aus, selbst die Slytherins machten einen höchst interessierten Eindruck und das, wo sie sich sonst immer alle Mühe gaben, möglichst teilnahmslos und gleichgültig zu wirken.

Stupor!" Die grellen Funken sprühten zielgenau auf Johnny zu, sein Arm hob sich, in einer abwehrende Geste, ganz als wolle er einen Schlag abfangen und in dem Moment, wo der Zauber auftraf –

FUPP

Für einen kurzen Augenblick formte sich ein hellblauer, leuchtender Kreis vor seinem Arm, ähnlich eines Schildes und war genauso schnell verschwunden, wie er gekommen war - inklusive des Stupors. Ein Raunen ging durch den gesamten Raum, fast jeder steckte seinen Kopf mit einem Sitznachbar zusammen.

„Wir überspring' jetzt ma ein paar Level, gib mir ma ne Salve", sagte Johnny und grinste Luciana voller Vorfreude entgegen.

Stupor!", Schild, wieder verschwunden, er machte einen Schritt auf sie zu, „Incarcerus!" Schild, noch ein Schritt, „Impedimenta!", Schild, Schritt, er stand keinen Meter mehr vor ihr, „Locomotor Mortis!" Schild, bei dem langen Fluch schaffte er gleich zwei Schritte, Luciana wich zurück, ein „Episterido!" auf den Lippen, was Johnny ein ungläubiges Schnauben entlockte – im nächsten Moment schnappte er nach ihrem Zauberstab und sie befand sich, keine zwei Sekunden später, in einem sehr schmerzhaftem Polizeigriff, bäuchlings auf dem Lehrertisch.

„Kugel mir den Arm aus und es gibt nen saftigen Tritt in die Weichteile, Professor!", fluchte sie laut auf Deutsch und prompt entließ er sie aus dem Klammergriff.

„Ihr seht", sagte Johnny wieder an die Klasse gerichtet, während Luciana sich schulterreibend auf ihren Platz begab, nicht ohne ihm vorher ihren Zauberstab wieder aus der Hand gerissen zu haben, „die Funzel ist nich alles. Sie is nicht mal nen viertel Miete und wenn die Flachzang'n vor euch nix weiter zu biet'n haben, als ne halbe Armlänge Buch'nholz mit angegammelten Kadaverinnerei'n, sorgt ihr dafür anner Spitze der Nahrungskette zu steh'n, kapiert?" Die Klasse starrte ihn geschlossen wortlos an, dann erhob sich zögerlich Grangers Hand.

„W-wir beginnen dieses Jahr erst mit wortlosen Zaubern, wie sollen wir da ganz ohne Zauberstab zaubern, Professor Jonathan?" Potter nickte Granger zu, auch wenn er eigentlich danach aussah, am liebsten jetzt gleich mit dem Üben anfangen zu wollen. Johnny lehnte sich mit hörbarem Seufzen an sein Lehrerpult.

„Granger, richtig? Bist du vertraut mit dem Huhn-Ei-Spielchen?" Sie nickte, um sie herum gab es aber fast nur fragende Gesichter. „Kurz zur Theorie: Was gab's eher, Huhn oder Ei?"

„Ei", antwortete Luciana, „ganz einfach weil –„

„Kurze, das is Rhetorik, mach mir die Stimmung nich kaputt", schade – nach dem Ausflug in die Evolutionstheorie hätte sie gerne die dampfenden Köpfe einiger ihrer Mitschüler gesehen. „Ich mach's ma knapp, wir woll'n heut ja noch was schaff'n … der erste Zaub'rer is wohl kaum mit nem Zauberstab auf die Welt gekommen, mh?" Soweit schien die Klasse ihm folgen zu können. „Und ich denk ma, jeder von euch hat irgendwann ma ein bissl Magie wirken lassen, ohne Stab in den Griffeln, ja?" Überall zustimmendes Gemurmel und Nicken. „Jut, dann ham wir schonma die Voraussetzung, der Rest is Übung. Ja, Potter?"

„Wirkt dieses Schild auch bei einem Todesfluch?" Dass diese Frage von ihm kam, wunderte sie nicht, der fest entschlossene Ausdruck in seinen Augen wirkte allerdings etwas seltsam.

„Mmmhhhniaaaa", machte Johnny, ließ seinen Kopf wiederholt von links nach rechts schwenken und dabei suchte er anscheinend nach den richtigen Worten, „njein – ich hab ma einen neben mir gestanden gehabt, der hat einen abgefangen, war aber nur die Spitze. Nen Streifschuss. Is schwer zu trainier'n, wenn das Ergebnis Radiesch'n Zähl'n is und ich hab erst zwei Leutz getroff'n, die den Avada benutzt haben – und wo's auch geklappt hat. Die wenigsten werden den im Kampf einsetzen."

„Voldemort und seine Todesser werden ihn einsetzen!", schnappte Potter grimmig und bei dem Namen japste nicht nur einer im Klassenzimmer auf.

„Das is so nich richtig", sagte Johnny und hatte damit wieder die volle Aufmerksamkeit – dabei sah Potter aus, als müsse er gleich platzen. „Wir ham uns neunundsiebzig bei Folkestone ma ordentlich die Köppe mit ihm und seinen Groupies eingeschlag'n", es blieb zwar still im Raum, aber einige hatten kugelrunde Augen bekommen, Malfoy wirkte eher nervös und selbst für Luciana war diese Geschichte neu, „und da is nich ein Avada geflog'n, kann sich hier einer denken wieso?" Das Patil Mädchen hob die Hand.

„Weil er unverzeihlich ist … u-und weil es die Seele zerstört, ihn auszusprechen."

Johnny starrte das Mädchen für einen Augenblick regungslos an, von dem vielen, fassungslosen Augengeklimper einmal abgesehen.

„Das bring'n die euch hier bei?", fragte er dann fassungslos an Luciana gerichtet, die nur hilflos mit den Schultern zucken konnte.

„Wunderprächtig", murmelte er in seinen derzeit nicht vorhandenen Bart. „Also, auch hier ma die Kurzfassung: Der Avada is nen Ressourcenfresser, total unangebracht, wenn man nich wie ne ausgelutschte Duracell vorm Gegner häng'n will und das weiß auch die hinterletzte Vakuumbirne vom Voldi-Clan. Der Zauber is effektiv, da brauch'n wir nich drum rum schnacken und es gibt keinen bekannten Schutz dagegen. Und als Sahnehäubchen: Die wenigsten bekomm' den überhaupt auffe Kette, da wird so nen mächtig komprimierter Bündel Magie freigesetzt, das schüttelt man nich eben ausm Ärmel –„

„Er hat meinen Vater damit getötet", rief Potter aufgebracht, „kurz darauf meine Mutter und er hätte auch mich erwischt, wenn –„

„Ah, der Potter", unterbrach ihn Johnny und schüttelte amüsiert den Kopf, wohl über seine eigene Schusseligkeit. „Junge, glaub mir, ich hab nich im Sinn dir auf'n Schlips zu tret'n, aber hast dir schon ma Gedanken gemacht, wieso das mit'm dritten Mal im wortwörtlich'n Sinn so nach hint'n losgegangen is?" Potter antwortete darauf gar nichts mehr und Luciana konnte sogar von der ersten Reihe aus sehen, wie deutlich er mehrmals schlucken musste.

„Trotzdem is da was dran", fuhr Johnny an alle Schüler gerichtet fort, „und egal wie lang wir hier trainier'n und wie krass ihr am Ende drauf sein mögt, ich werd euch immer empfehl'n: beim Anblick von ner glattpoliert'n Bowlingkugel in weiß mit zwei rot'n Leuchtschlitzis nich stehen bleib'n und gucken, sondern die Beine inne Hände nehm' und verpissen."

Diese Aussage ließ er unter den Schülern erst einmal sacken, ging dabei ein paar Schritte den Mittelgang hinab und machte am Ende, bei dem Pulk Slytherins (die wie üblich alle zusammen saßen und gerade kaum einer unter ihnen war, der nicht tuschelte), kehrt und begab sich wieder auf den Rückweg.

„Mal von Voldi und ein paar wenig mächtig verschrobenen Knallköppen abgesehn, werdet ihr nich auf viele treff'n, die den Avada nutz'n, mit der Ausnahme, se woll'n nix andres als Töten und müss'n die nächsten … mh, meist zwölf Stunden nich mehr groß rumzaubern – das is die Standartzeit, die nen erfahrener Zaub'rer brauch, um seinen Saft wieder aufzuladen, nach'm Todefluch streckste magisch geseh'n erstma alle Viere von dir."

Und wieder gab es eine Menge ratlose Gesichter unter den Anwesenden, Granger war unterdessen dabei, wild in irgendeinem Schulbuch herumzuwühlen, auf der Suche nach was auch immer.

„Kay, ma' so ganz fundamental – so'n bisschen Rumfucht'ln mit'm Zauberstab is keine mega Sache, kannste den ganzen Tag mach'n, vergleicht es mit'm Bewegungsapparat. Wir bewegen uns Rund um den Zeiger, selbst im Schlaf, ganz Standard, aber was is mit Hochleistung? Sprinten, nich geübt, vielleicht nen paar Hundert Meter, Rekordverdächtig? Ganz sicher nich, Marathon, ohne Training? Nope. Is genau das Gleiche mit der Magie – so'n paar Verwandlung'n, da ma nen Aufrufezauber, hier ma eben Abwasch, nur nen Schlenker, aber Angriffszauber, grad die mit mehr Wams hinter, dafür brauchste Ausdauer und zwar da oben", Johnny tippte sich mit dem Zeigefinger an seine Stirn. „Sop, genug gelabert, wir fang jetzt erstma an, zieh'n das ne Woche durch und wenn ihr da noch was zu meckern habt, sperr ich die Lauscher dafür auf, Deal?"

Dieser Vorschlag traf auf Zustimmung und in der letzten Stunde des Unterrichts verbrachte die Klasse in rotierenden Zweiergruppen (Johnny: „Nooope, Partnertausch bei jedem Songwechsel, Swingen 101 Herrschaften und Ladieretten!"), mit dröhnendem Classic Rock als musikalische Untermalung, den jeweils anderen mit anschaulicher Anleitung von Johnny in gepflegter Krav Maga Einsteigermanie gehörig ‚die Fresse' zu polieren. Zitat Professor Jonathan Ende.