13: Rückblick (Krankenhaus 2)
„Why am I losing sleep?
Yeah, feeling like I do
Why am I losing you?
And I'm feeling lost
There's a dark cloud over me
And I can't shake it off
I can't make a move to save myself
Thoughts keep spin' into my head
All the times that we never did
What we want to, yeah
Right before I hit the ground
It's just like a dream
Why am I losing sleep?
Yeah, feeling like I do
Why am I losing you?
And I'm feeling lost
The distance grows, I'm sinking down
And what I lost, it can't be found
Although I try
Can't find my way
Nothing is falling into place
Oh, no no
And I'm feeling lost...
I feel, I feel, yeah, It's just like a dream
The Calling, Lost
Das erste Gefühl, das sein Körper bewusst zuließ, war die Erinnerung an einen Ort, an dem er einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat.
Noch blieb es schwarz um ihn herum und noch formten sich nicht alle Eindrücke, begreiflich für ihn zusammen.
Er atmete laut ein und aus, zum ersten Mal nach einer unbekannt langen Zeitspanne war es für ihn bewusst, Luft strömte in seinen Körper, der lange unter Wasser gedrückt worden war und so nicht ungehindert atmen konnte, ohne ertrinken zu müssen. Die Oberfläche war weit entfernt gewesen, unerreichbar und er hatte gar nichts von dem Kampf mitbekommen, den er um sein Überleben geführt hatte. Zum Zweiten Mal. Doch jetzt, als der Körper aus dem dunklen Wasser auftauchte und bereit war, verschiedene Reize wahrzunehmen und wieder am Leben teilzunehmen, konnte Spencer Reid die Nachwirkungen des Kampfes, den er für sich entschieden hatte, deutlich fühlen.
Er hatte Stimmen gehört, die weit weg vom Ufer gekommen waren, während er in dem dunklen, kalten Wasser getrieben war, nicht fähig wieder aufzutauchen und den Stimmen zu antworten. Das Wasser war in seine Nase, seinen Mund und in seine Lunge geströmt und hatte ihn langsam ertrinken lassen, sein Kopf war völlig leer geworden und schließlich waren die reißenden Wellen ruhiger geworden und als er es überstanden hatte war er nur noch sanft mit dem Gesicht nach unten davon getrieben worden. Er hatte das Atmen aufgegeben und versucht die Stimmen zu hören, und er hatte fühlen können, dass sie besorgt und ängstlich geklungen haben. Etwas hatte seine Hand warm berührt und sie gehalten, ihn ermutigt nicht aufzugeben. Und er hatte sich festgehalten, bemüht nicht zu tief in das weite, schwarze Wasser gezerrt zu werden, das Gefühl war ihm positiv erschienen, da es in diesen Gewässern keinen Körper, keinen Schmerz und keine Sinne gab, aber er wusste, dass es gefährlich war hier zu bleiben… es hätte passieren können, dass er nicht fähig war zurückzukehren, wenn er einen bestimmten Punkt überquerte und dann hätte ihn der unendliche Ozean bis in alle Ewigkeit abgetrieben, das Ufer wäre für immer verloren gewesen.
Schließlich hatten die Fluten ihn doch wieder freigegeben und das Wasser verschwand.
Automatisch tat er einen langen, Erleichterung bringenden Atemzug und seine Lungen füllten sich mit nichts außer Sauerstoff. Kein Wasser, nichts drückte ihn weiter nach unten in die Tiefe. Und er verband den Geruch, den die Nase begierig aufnahm, mit mehreren unglücklichen Erinnerungen aus seiner Kindheit.
Der Geruch war sauber und rein, doch für ihn unverkennbar.
Ein Krankenhaus… dann bin ich am Leben…
Wie oft hatte er diesen sterilen Geruch schon wahrgenommen. Wie oft war er in der Schule verletzt worden und wie oft hatte er sich allein in der Notaufnahme eines Krankenhauses wieder gefunden. Auf sich gestellt, da seine Mutter zu krank gewesen war um ihn wieder abzuholen.
Er bewegte sich leicht und spürte wie kleine Impulse durch seinen geschundenen Körper an sein Gehirn gesendet wurden, die Nerven versuchten mit den Bewegungen umzugehen und schickten kleine Signale durch die Bahnen, die sich schließlich zu einem ganzen, fassbaren Gefühl formierten… Schmerz.
Leicht, zu weit weg, um wirklich beachtet zu werden, aber die Reize wurden klarer je mehr das tiefe Wasser von ihm freigab. Er atmete weiter, die schwere Lunge füllte sich weiter mit Sauerstoff und der Nebel verschwand, lichtete sich und erlaubte Verstand und Körper sich wieder zu vereinen ohne an die Konsequenzen zu denken.
Die Panik ertrinken zu müssen verschwand mit der Leichtigkeit einfach ungehindert atmen zu können.
Reids Atemzüge beschleunigten sich und ein leises Stöhnen kämpfte sich aus der Lunge und als er eine leichte Bewegung neben sich ausmachte, gab er die Sicherheit des wohligen Wassers auf, er schwamm mit allen Sinnen ans Ufer und war sich der Schwere seines Körpers und Geistes bewusst, als das Wasser beides freigab. Endgültig. Er blinzelte und erlaubte dem Körper wach zu werden, aus den Tiefen aufzutauchen und sich der Realität zu stellen. Gedämpftes Licht blendete ihn, er blinzelte weiter und wollte sich schließlich wieder in die Fluten des dunklen Wassers fallen und davon reißen lassen, doch er blinzelte erneut und diesmal behielt er die Augen offen. Sie brannten von der salzigen Flüssigkeit, von der viel zu viel geflossen war seit…
Ja, seit wann eigentlich…?
Der Schmerz hatte ihn zurück an Land gezogen, hier war er nicht länger schwerelos davon getrieben worden, hier spürte er das Bett unter sich und die Decke, die auf ihm lag und ihn wärmen sollte. Er spürte ein schmerzhaftes Pochen tief in seinem Inneren und er hatte Kopfschmerzen, die ihm wieder die Tränen in die Augen trieben. Die Arme und Beine taten ihm weh, so als hätte er verzweifelt versucht gegen eine Strömung anzuschwimmen.
Er drehte den Kopf leicht in die Richtung aus der er die Bewegung neben sich ausgemacht hatte. Verschwommene Bilder formten sich zu klaren Umrissen und er registrierte erleichtert, das Jason Gideon neben ihm auf einen Besucherstuhl saß.
Als Gideon merkte wie der junge Agent zu sich gekommen war, war er sofort aus einen leichten Schlaf aufgeschreckt. Jetzt stand er auf und ging näher an das Bett heran.
Reid seufzte laut und sein Blick begegnete den lächelnden und völlig übermüdeten Augen, die der Ältere auf ihn gerichtet hatte.
„Reid, willkommen zurück."
Flüsterte Jason erleichtert und lächelte den jungen Mann warm an. Er konnte sich nicht erinnern jemals so erleichtert wie in diesem Augenblick gewesen zu sein. Es war unglaublich, Special Agent Dr. Spencer Reid, war nun zum zweiten Mal innerhalb einer Woche dem Tod entkommen.
„Gideon…"
Flüsterte Reid kaum hörbar, die Stimme heiser und erschöpft. Doch die letzten Zeichen der Müdigkeit verschwanden schließlich, als der Schmerz und die Realität ihren Weg zurück fanden. Doch es war weniger der körperliche Schmerz, der ihn mit aller Härte traf, dieser Schmerz saß tief in seinem Inneren und er bemühte sich, den Verstand auf nichts zu fixieren. Es zu vergessen und einfach nicht zu beachten.
Er räusperte sich und trank dankbar etwas Wasser aus dem Becher, den Gideon ihn an die Lippen hielt.
Kurz schloss er die Augen und genoss die kalte Flüssigkeit, die sich kühlend einen Weg durch die wunde Kehle suchte und etwas Linderung verschaffte.
„Danke… wie lange war ich weg?"
Fragte er und räusperte sich erneut, als er merkte wie heiser und schwach seine Stimme war. Und er verdrängte den Gedanken, weshalb sie so heiser war, wieso es tief in seiner Kehle brannte. Und beinahe konnte er die verzweifelten Schreie hören, die seine eigenen gewesen waren.
Er leckte sich die verkrusteten Lippen, die er sich blutig gebissen hatte und verdrängte sie Erinnerung.
Jason stellte den Becher zurück auf den Nachttisch. Und beobachtete erleichtert, dass Reids Blick klarer wurde. Die braunen Augen blickten sich schnell um und versuchten die Lage einzuschätzen. Aufmerksam huschte der Blick durch den Raum und verharrte schließlich auf Jason, ohne ihm wirklich in die Augen zu sehen.
„Fünf Tage. Sie haben uns einen riesigen Schreck eingejagt… Sie hatten eine Infektion und plötzlich hohes Fieber bekommen. Niemand hat das kommen sehen. Phasenweise sind sie kurz zu sich gekommen, aber Sie waren nicht ansprechbar, Ihre Atmung hat einige Male ausgesetzt. Wir haben uns Sorgen gemacht."
Reid dachte über das was Gideon zu ihm sagte nach, doch es sollte sich keine Erinnerung formen, er konnte nur die Fluten, das dunkle Wasser fühlen, wenn er daran dachte und den hilflosen Versuchen, das Atmen zu stoppen, um nicht ertrinken zu müssen.
„Ich erinnere mich nicht."
Sagte er schließlich unbehaglich und rieb sich über das Gesicht.
Jason lachte erleichtert und gleichzeitig amüsiert.
„Das kann ich mir vorstellen, Sie standen unter starken Medikamenten… als Sie nach dem dritten Tag nicht mehr aufgewacht sind, dachten wir schon wir würden Sie verlieren… das Fieber ging nicht runter, es war… knapp… sehr knapp."
Gideon bemühte sich die Erinnerung an die letzten Tage fallen zu lassen. Er hatte Reids Hand gehalten und ihn immer wieder ermutigt, nicht aufzugeben, zu kämpfen und endlich wieder aufzuwachen. Als er jetzt den klaren, braunen Augen begegnete konnte er nicht anders als erleichtert zu lächeln und sich das erste Mal, seit dem dieser Alptraum angefangen hatte, besser zu fühlen.
„Waren Sie die ganze Zeit hier?"
Fragte Reid jetzt verwundert. Das Gefühl ganz allein zu sein und einen Kampf zu führen bei dem niemand ihm helfen konnte ließ ihn noch nicht los. Er hatte ums Überleben gekämpft ohne es überhaupt zu wissen. Sich unbewusst für das Leben entschieden. Doch er erinnerte sich, dass er mehrere Stimmen gehört hatte, als das Wasser ihn nach unten gezogen hatte.
Jason schüttelte den Kopf.
„Nein, Hotch und ich haben uns abgewechselt. Wir wollten nicht, dass Sie allein sind, wenn Sie aufwachen. Ich bin froh, dass Sie sich entschlossen haben es zu tun, die anderen werden mehr als erleichtert sein."
Reid starrte auf die Decke, die ihm bis zur Hüfte reichte und beobachtete das blau des Stoffes. Die Erinnerung wollte sich wieder in seine Gedanken schleichen. Er räusperte sich wieder und als Gideon den Wasserbecher nehmen wollte, schüttelte er schnell den Kopf.
„Dann haben Sie… den Täter noch nicht?"
Er blickte plötzlich auf und sah Gideon tief in die Augen.
Die Frage verunsicherte den älteren Agenten kurz und ein tiefer Stich bohrte sich wie ein Messer in seine Brust, als er die dunklen Augen mit einem Ausdruck sah, den er noch nie in Reids Augen gesehen hatte. Sie waren leer und verloren. Und Gideon schmerzte es zu sehr als dass er es aushalten konnte. Die Wut stieg wieder in ihm auf.
Das Schwein, das dem Jungen, den ich wie meinen Sohn betrachte das angetan hat ist noch da draußen… Verdammt warum können wir das nicht ändern?
Gideons Stimme war belegt als er antwortete. Es belastete ihn schwer, die Distanz zum Opfer nicht wahren zu können.
„Reid… wir… nein. Wir arbeiten dran, wir arbeiten ohne Pause."
Seit fast einer Woche?
Schoss es Reid durch den Kopf und er wendete den Blick ab. Er nahm Gideons Antwort mit einem leichten Nicken zur Kenntnis. Doch Enttäuschung brannte in ihm. Sie schwiegen einige Minuten und Gideon schossen tausend Dinge durch den Kopf, die er dem Jungen zum Trost sagen wollte, aber er wusste, dass er nichts davon hören wollte. Reid dachte angestrengt nach.
Eine Woche? Zu viel Zeit, viel zu viel Zeit… Sie werden ihn nicht kriegen…
„Wie fühlen Sie sich?"
Fragte er schließlich einfühlsam und lenkte die Aufmerksamkeit des Jungen wieder auf sich.
Reid leckte sich die Lippen und dachte einen Moment über die Frage nach. Schließlich schloss er die Augen und seufzte schwerfällig.
„Ich… ich weiß nicht… irgendwie leer?"
Es klang wie eine Frage, die er sich selbst stellte. Und er sah Gideon Hilfe suchend an.
„Das verstehe ich gut."
Versuchte es Gideon auf das einzugehen was Reid sagte, doch Reid ignorierte ihn, er suchte nach Worten, die nicht für Jason bestimmt waren, es war beinahe als würde er zu sich selbst sprechen. Er schloss die Augen und unternahm eine Bestandsaufnahme.
„Es ist schwer... schwer zu erklären. Es ist wie... ich glaube, jeder hat einen winzigen Platz in sich, dann er für sich behält. Es ist wie ein abgeschlossener Raum in dem der persönlichste Teil von einem lebt. Vielleicht ist es die Seele, vielleicht etwas, was einen zu der Person macht, die man ist und die einen von den anderen unterscheidet."
Er fuhr sich mit der Zunge unbewusst über die geschwollenen Lippen, während er nachdachte. Die Augen leer und ohne Leben in ihnen und Jason schluckte schwer. Hilflos blickte Reid sich um, nichts schien ihm Trost bieten zu können. Er brachte es nicht über sich Blickkontakt zu seinem Mentor herzustellen. In dem blassen Gesicht flackerten rote Flecken der Scham auf. Seine Lippen zitterten, bewegten sich und formten Worte.
„Dieses Stückchen, die Seele, zeigt man niemanden... vielleicht nur jemanden den man bedingungslos liebt… aber... er hat den Raum brutal aufgebrochen… er hat es mir genommen..."
Gideon legte nun eine Hand auf Reids Schulter.
„Reid, es kommt alles wieder in Ordnung…"
Er lachte zynisch und fuhr leise fort, die Gedanken auf einen ganz anderen Punkt gerichtet.
„Ich war dem Tod schon so oft nahe, ich war in Situationen die meinen Adrenalinspiegel gefährlich in die Höhe getrieben haben. Wir alle waren dem Tod schon so viele Male nahe... aber dieses Mal war es anders, Ich war so hilflos, ich konnte nichts tun... und dann als es endlich vorbei war, wollte ich sterben, ich hatte immer Angst vor dem Tod, doch in diesem Augenblick hätte ich ihn dankbar willkommen geheißen. Also, sagen Sie mir nicht, dass alles wieder gut werden wird, denn das wird nicht geschehen, nie mehr..."
Seine Stimme brach und er biss sich auf die Lippen.
Gideon nahm die Hand von ihm und verschränke die Arme vor die Brust. Er wusste, dass Reid einen Weg finden musste mit dem umzugehen, was er durchmachen musste, aber er hatte gehofft, dass er nicht so schnell davon getroffen werden würde.
„Ich weiß, dass du jeden brechen kannst, wenn du bereit bist, ihm genügend Schmerz zuzufügen... Er war dazu bereit. Er zwang mich auf das dreckige Bett und hat Dinge mit mir getan, die Sie sich nicht vorstellen wollen, nicht einmal ich will es. Er hat mir Schmerzen zugefügt, von denen ich noch nicht einmal dachte, dass ich sie ertragen kann. Er hat mir den Boden unter den Füßen fortgerissen und Sie kommen hier her und sagen mir, dass alles wieder gut wird… aber das wird es nicht… warum sind Sie nicht da draußen und suchen nach ihm?"
Es klang vorwurfsvoll und Gideon ging einen Schritt zurück, er wusste, dass Reid Recht hatte und der Hass auf den Täter verstärkte sich, als er sah wie verletzt Reid aussah.
„Beruhigen Sie sich."
Versuchte es Gideon mit dem ruhigsten Ausdruck in der Stimme, den er aufbringen konnte. Doch er spürte an Reids ganzer Körperhaltung, dass seine Worte ihn nicht erreichen würden.
„Sagen Sie mir nicht was ich tun soll…"
Sagte Reid und warf die Decke zurück. Irritiert fiel Jasons Blick auf die Hämatome mit denen seine Beine überzogen waren. Und er brauchte einen Augenblick um den Blick abwenden zu können.
„Was tun Sie?"
Fragte Jason beunruhigt, doch im Nächsten Moment streckte Reid seine Hand aus und Jason blieb nichts weiter übrig als sie zu ergreifen und den Jungen zu halten, der sich mit schmerzverzerrten Gesicht aus dem Bett kämpfte.
„Ich will aufstehen, ich bin es leid, dass jeder von oben auf mich herab sieht."
Zischte er durch seine zusammengebissenen Zähne und verstärkte den Griff um Gideons Hand als er schließlich auf die Beine kam.
„Reid, Sie sind noch nicht mal eine Woche hier… Sie haben frische Wunden und brauchen Ruhe. Warum legen Sie sich nicht wieder hin und ruhen sich aus?"
Jason folgte seinen unsicheren Schritten als er auf die Tür des kleinen Badezimmers zuwankte, er streckte die Arme aus, jeder Zeit darauf gefasst den Jungen aufzufangen.
Doch jetzt wo Reid, den kalten Boden unter seinen bloßen Fußsohlen spürte und das Schwindelgefühl nachließ fühlte er sich besser und lebendiger.
„Ich bin es leid, das jeder mir vorschreiben will was ich tun soll."
Er ging angestrengt weiter, hörte Worte, die weit aus der tiefsten Ecke seiner Erinnerung zu ihm drangen. Die Stimme des Täters drängte sich nach vorne.
„Mach schneller! Zieh dein Shirt aus!"
So schnell es ging, flüchtete er in das kleine Bad, als Jason ihn noch weiter flehend anblickte, schloss er die Tür hinter sich und lehnte sich seufzend mit dem Rücken dagegen, begierig zog er den Schmerz ein, der von den Schnitten kam. Und die Stimme verstummte wieder, als das intensive Gefühl ihn auf den Boden der Tatsachen zog.
Es klopfte an der Zimmertür und Jason, der sich auf das Bett gesetzt hatte, rief leise „herein", ohne den Blick von der geschlossenen Badezimmertür abzuwenden.
Aaron Hotchner betrat das Krankenzimmer und alle Farbe wich aus seinem Gesicht, als er Gideon erblickte und beunruhigt feststellte, dass er alleine war.
„Wo ist Reid?"
Fragte er besorgt und sah sich schnell im Raum um.
„Im Bad… er braucht ein paar Minuten, um sich zu sammeln."
Sagte Gideon schnell.
„Der Junge ist stur wie eh und je."
Fügte er belustigt hinzu und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Geht's ihm gut?"
Fragte Hotch ernst. In ihm schrillten tausend Alarmglocken und er wusste, dass Reid nach allem was passiert ist, noch nicht aufstehen sollte. Trotzdem fiel ihm erleichtert ein Gewicht von der Brust, da Reid offensichtlich wieder unter den Lebenden weilte.
Aaron rieb sich über das Gesicht und atmete seufzend aus. Der Junge hatte es überstanden, das war was zählte.
„Das will er mir weiß machen… Ich denke nicht. Er hat Schmerzen, er blockt die Erinnerungen ab und wird wütend, beinahe aggressiv, wenn sie ihn einholen. Das wird noch ein langer, steiniger Weg für uns werden."
Spencer Reid stand vor dem Waschbecken und atmete tief ein und aus. Er fühlte sich schrecklich und unternahm alle Anstrengungen sich endlich wieder wie ein Mensch zu fühlen. Er hatte den Hahn aufgedreht und heißes Wasser lief ins Waschbecken, es dampfte und der Spiegel über ihn beschlug.
Er unterdrückte den Schmerz und ignorierte die Anstrengung, die ihm das Stehen verursachte. Er hob eine zitternde Hand und er wischte den Beschlag von der glatten Oberfläche. Er sah hoch in den Spiegel. Und die freie Stelle gab den Blick auf sein Gesicht frei. Er erschreckte sich beinahe vor sich selbst. Seine Haare rahmten sein blasses, beinahe weißes Gesicht ein und er strich die langen Strähnen zittrig hinter die Ohren, um das Gesicht besser zu sehen. Unter seinen Augen hatte er dunkle Ränder. Die Augen glänzten vor Schmerz und waren ganz gerötet. Die farblosen Lippen wurden mit roten Krusten in den Mittelpunkt gedrängt. Doch schlimmer war der blaue Fleck auf seiner linken Gesichtshälfte, der sich über den Wangenknochen erstreckte. Er schimmerte lila und gelb. Sein Blick war leer und er betrachtete sich im Spiegel, ohne sich wirklich wahrzunehmen, er sah durch das Glas durch. Und die Gedanken verloren sich, sie schweiften ab und brachten Gefühle mit sich, die ihm noch mehr Schmerzen verursachten. Er vergaß, dass das heiße Wasser lief und den fensterlosen Raum langsam in eine Sauna verwandelte.
„Zier dich nicht so! Wir haben alle Zeit der Welt, sie suchen nicht nach dir… ich bestimme wann sie dich finden und vor allem wie."
Als es klopfte zuckte er erschreckt zusammen. Dann drehte er den Hahn zu, als er merkte wie ihm schwindelig wurde, durch die Hitze, die jetzt in dem kleinen Raum herrschte.
Er sah wieder in den Spiegel, doch diesmal, als er aus seinen Gedanken gerissen wurde, sah er wieder nur sein Gesicht, und es schmerzte ihn, den leeren Ausdruck darin zu sehen.
„Reid, hier ist Hotch. Ist alles in Ordnung?"
Hörte er eine besorgte Stimme aus dem Zimmer.
„Nein."
Flüsterte Reid seinem Spiegelbild zu, viel zu leise, als dass die Worte den Raum verlassen konnten.
„Reid?"
Rief Hotch nun lauter, dieses Mal, mehr als beunruhigt. Als er keine Antwort erhielt, öffnete er schnell die Tür, beinahe panisch stieß er sie auf und Reid zuckte zusammen.
Er sah in den Spiegel und seine Kehle schnürte sich unangenehm zu. Als die Tür sich öffnete, spiegelte sich das Gesicht des Mannes, der sie geöffnet hatte und für den Bruchteil einer Sekunde erkannte er nicht Hotch darin, sondern es war so, als würde der Täter in diesem Augenblick direkt hinter ihm stehen. Beinahe konnte er den Atem des Mannes heiß in seinem Nacken spüren, und die Erregung in ihm in einem lauten Schnaufen hören.
Er hatte die Luft angehalten und sich in einer schnellen Bewegung umgedreht, zu schnell und ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Er stieß die Luft laut aus, als er erkannte, dass es Hotch war. Nur Hotch, niemand sonst…
„Was ist?"
Fragte er etwas zu aufgeregt, die Stimme vibrierte als die Angst noch durch seine Glieder fuhr. Hotch sah ihn besorgt an. Die Hitze schlug ihm unangenehm entgegen.
„Warum hast du nicht geantwortet?"
Langsam ging er an Hotch vorbei zurück ins Zimmer.
„Ich war… ich hab' die Toilette benutzt, und das Wasser laufen gehabt. Ich hab' dich nicht gehört."
Er glaubt mir nicht…
Sein Gang war jetzt schon sicherer und er ignorierte die besorgten Blicke, die auf ihm ruhten als er langsam wie in Zeitlupe durch den Raum ging. Er versuchte sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen und hoffte, dass sie nicht bemerkten wie er vor Anstrengung nass geschwitzt war. Plötzlich wünschte er sich allein zu sein, doch er wusste, dass das nicht gehen würde.
„Hey, was machst du, warum bist du aufgestanden?"
Fragte Hotch in einem besorgten Tonfall, aber immer noch ruhig, ohne lauter zu werden. Langsam ging er auf ihn zu. Er streckte eine Hand nach ihm aus und wollte ihm helfen sich wieder ins Bett zu legen, doch Reid schlang die Arme um sich und entfernte sich von ihm. Er ging auf die andere Seite des Zimmers so, dass das Bett zwischen ihm und seinen Kollegen stand, wie eine Barriere, die sie voneinander fernhielt. Die Gedanken begannen zu rasen, so schnell, dass die Bilder für ihn nicht begreiflich waren.
„Hotch… äh, kannst du mir was zum Anziehen besorgen?"
Flüsterte er ohne ihn anzusehen und ignorierte seine Frage. Die beiden Älteren tauschten einen schnellen, ernsten Blick. Als Hotch nicht antwortete fuhr er leise fort, bemüht leise zu sprechen, um die heisere Stimme vor ihnen zu verbergen. Dieses Mal sah er Hotch eindringlich an. Die Augen flehend.
„Ich komme mit nach Quantico."
Schloss er und richtete sich etwas auf.
„Den Teufel wirst du tun, Junge."
Entfuhr es Hotch und zum ersten Mal verließ der beruhigende Tonfall seine Stimme, Schnell ging er um das Bett herum, Reid versteifte sich, als Hotch sich näherte, doch er bewegte sich nicht.
„Du wirst dich wieder ins Bett legen… du brauchst noch Ruhe!"
Er nahm ihn am Ellenbogen und führte ihn einen Schritt vom Fenster weg.
„Sag mir nicht, was ich tun soll."
Flüsterte er im schwachen Protest, doch es überzeugte ihn selbst wenig. In diesem Moment versuchte er zu verdrängen wo er sich befand, was passiert war. Die Bilder wechselten in seinem Kopf wie eine zu schnelle Diashow. Er bemühte sich die Erinnerungen fort zu schließen, weit weg wo sie ihn nicht erreichen konnten. Sein Kopf schmerzte, und der Raum begann sich plötzlich um ihn zu drehen. Reid ließ den Blick auf den Boden gerichtet.
Geht weg, geht einfach weg… Ich bin kein Opfer
„Ich will mich nicht hinlegen, ich will nicht tatenlos zusehen, wie alle anderen arbeiten. Wir jagen einen Serienkiller, ich muss etwas tun, ich bin Profiler."
Er blitzte Hotch wütend an und es war offensichtlich, dass es noch viel zu früh für ihn war aufzustehen, Hotch konnte den Schmerz in jedem Zentimeter seines Gesichtes ablesen. Seine Augen glänzten fiebrig.
Hotch erwiderte nichts, stattdessen verkniff er die Lippen voller Sorge und hob eine Hand, langsam legte er sie dem Jungen an die Stirn.
„Du hast Fieber, Reid. Du musst dich hinlegen."
Stellte Hotch ernst fest. Und Reid schüttelte den Kopf, er biss sich wieder auf die Unterlippe.
Hilfe suchend sah Hotch Gideon an. Er schüttelte leicht den Kopf um zu verdeutlichen, dass es Reid alles andere als gut ging.
„Reid, wir jagen, einen Serienkiller… Sie nicht."
Warf Gideon betont ein und suchte seinen Blick, doch Reid ließ seinen Blick hoffnungsvoll auf Hotch ruhen, der ihn immer noch am Ellenbogen hielt und langsam mit sich mit zog.
„Ich will helfen! Ich bin Profiler."
Sagte er und hielt die Tränen zurück, die von dem ganzen Stress in seine Augen geschossen waren.
„Spencer, hör mir zu,"
Begann Hotch langsam, er sprach wieder ruhig und einfühlsam.
„Das kannst du nicht… nicht in diesem Fall. In diesem Fall bist du kein Profiler. Jetzt hier und heute in diesem Krankenzimmer bist du ein Überlebender, ein Opfer, das schlimme Verletzungen hat. Du kannst nichts tun, außer wieder gesund zu werden. Und das wird nicht von Heute auf Morgen passieren."
Reid nickte, er musste es akzeptieren auch wenn er es nicht verstehen wollte. Die Tränen suchten sich einen Weg über die Wangen.
„Na, komm, Spencer. Ruh dich aus… Das ist ein Befehl."
Reid hasste es, wenn Hotch ihn beim Vornamen nannte, es hieß, dass die Lage ernst war, aber er wollte es nicht wahrhaben wie es um ihn stand. Hier zu bleiben und das allein mit seinen Gedanken bedeutete, dass er damit umgehen musste. Sie waren ein Team, sie brauchten doch seine Arbeit, um den Kerl zu fassen und er hatte sie gebraucht, aber wo waren sie gewesen?
„Hotch warum schließt du mich aus?"
Fragte er plötzlich ließ es aber zu, dass Hotch ihn zum Bett führte und ihm half sich hinzusetzten. Reid legte die Hände auf die Oberschenkel und versuchte gegen den Schmerz anzuatmen, der von Minute zu Minute stärker wurde. In seinem Kopf dröhnte es laut und er hörte das Blut in den Ohren rauschen.
Er schluchzte jetzt und hielt sich den Kopf. Dankbar doch wieder zu sitzen, das Schwindelgefühl ließ ein wenig nach.
„Ich schließe dich nicht aus. Ich bin dein Vorgesetzter, dein Freund und ich möchte, dass du wieder auf die Beine kommst… Aber du kannst nichts tun, du musst uns die Arbeit überlassen, bei dieser Ermittlung musst du dich zurücklehnen… du vertraust uns, oder nicht?"
Reid antwortete nicht, er vergrub den Kopf in den Händen und rückte einige Zentimeter von Hotch weg. In seinem Kopf drehte sich alles und er fühlte sich wie auf einen Karussell.
Ja, das habe ich getan, aber das war bevor ich vier Tage ohne Hoffnung in einem dunklen, kalten Keller verbringe musste… bevor ich…
Die Bilder dieser Stunden tauchten vor ihm auf, schnell nahm er die Hände vom Gesicht und wollte der Dunkelheit entkommen. Er blinzelte gegen das Licht an, das ihn blendete und verscheuchte die Bilder.
„Hier geht es um mich, einen von Euch, jemand mit dem ihr den Großteil eurer Zeit verbringt, den ihr aus der Schusslinie haltet und jemand der euch nahe liegt. Es geht nicht um einen Fremden und das ist was es so schmerzlich macht… ich vertraue nur sehr wenigen Menschen… eigentlich keinem außerhalb des Teams. Meine Familie hat mir nie Rückhalt gegeben. Ich habe Euch mein Leben anvertraut, doch jetzt kann ich nicht einmal mehr das. Verdammt, ich war so allein. Vertrauen bedeutet Ehrlichkeit… aber ich will, dass die anderen angelogen werden… Sie dürfen nicht wissen, was passiert ist, das würde es noch schlimmer machen… wie sollen sie es verstehen, wenn nicht mal ich es kann?"
Er legte sich hin, drehte sich auf die Seite und begann leise zu weinen. Die Bilder ließen sich nicht aufhalten und nur ein Wort schoss ihm durch den Kopf
Opfer…
„Reid wir werden es verstehen, wir werden zusammen daran arbeiten… gemeinsam, Sie sind nicht allein…"
Er fiel Gideon laut ins Wort und krampfte die Hände so fest zusammen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Er versuchte die Schluchzer in der wunden Kehle zu lassen. In diesem Moment, als er seine Gefühle nicht hinter seiner Intelligenz verstecken konnte, erkannten beide den Jungen vor sich kaum wieder. Er befand sich ganz woanders und der Schmerz ließ die Wut über die Ufer treten. Das war nicht Reid, das war ein Mensch, den Gewalt gebrochen hatte. Dem plötzlich sein Platz in einem geregelten Leben geraubt worden war.
„Gemeinsam…? Ich war in dem Moment allein als er die Autotür hinter mir geschlossen hat… und auch wenn jemand hier ist, mir beistehen will, ich fühle mich immer noch allein, und ich glaube nicht, dass das Gefühl so schnell verschwinden wird. Ich habe jeden von Ihnen vertraut… aber was ist jetzt? Ich kann dem nicht standhalten… ich kann nicht ertragen wie Ihr mich anseht… ich… kann es nicht. Die krampfhafte Suche nach dem Täter, an die ich mich nicht beteiligen darf. Es ist was Persönliches und das dürfte es in diesem Job nicht sein, das ist zu gefährlich… es behindert unsere Arbeit… verdammt... ich will nicht ausgeschlossen werden."
Doch er merkte, dass die Verletzungen es ihm nicht erlaubten produktiv an diesem Fall mitzuarbeiten. Er kam sich so überflüssig vor.
„Reid, du hast keine andere Wahl."
Sagte Hotch leise und voller Autorität.
„Ich jage Verbrecher ich bin einer der klügsten Köpfe des Landes, ich tu alles, damit die Täter nicht weitertöten können… ich mache es, weil ich es als Berufung empfinde, etwas gutes zu tun, meine Gabe, meine Intelligenz zu benutzen, einzusetzen, um die Welt vielleicht etwas besser zu machen.
Aber jetzt, jetzt hat sich alles verändert... und ich verstehe es nicht."
Er sah nach oben und seine geröteten Augen ruhten zuerst auf Hotch und dann auf Gideon. Er lächelte gequält.
„Ich sehe Sie an und spüre diesen schmerzlichen Ausdruck in den Augen und doch diese Nüchternheit, dass es nur den Fall weiterbringt. Sie bemühen sich es wie einen Fall zu sehen… aber es gelingt Ihnen nicht."
Jason nickte, er versuchte ihn zu verstehen und bekam einen Eindruck dessen, wie sehr er leiden musste. Reid hatte nie das stärkste Selbstbewusstsein gehabt, aber jetzt wirkte er für ihn einfach nur gebrochen, die Erlebnisse der vergangenen Woche begannen in ihm zu wirken. Er distanzierte sich vom Team. Gideon konnte förmlich spüren, wie schwer das alles in Wahrheit für ihn war. Wie sehr er sich bemühte, diese Dinge zu verstehen und es einfach nicht schaffte. Er kämpfte die Tränen fort. Sie durften dem Jungen nicht zeigen, wie sehr es sie selbst belastete, er musste sich sicher fühlen, er musste spüren, dass keiner je aufgeben würde. Dass sie fest zusammen hielten.
Reid biss die Zähne fest zusammen und unterdrückte die Schmerzwellen, die auf ihn herabfluteten.
„Ich will allein sein!"
Flüsterte er und versuchte Hotchs Hand abzuschütteln.
„Reid, beruhige dich… Jason, gehen Sie die Schwester holen."
Bemerkte Hotch ruhig, und setzte sich auf das Bett, die Hitze, die Reids Körper ausstrahlte schlug ihm unangenehm entgegen, der Geruch nach Kupfer strömte ihm in die Nase. Langsam legte er die Hand zurück auf seinen Oberarm und strich Reid tröstend darüber. Hotchs Blick war auf das Laken gefallen und er bemerkte die kleinen Bluttropfen, die rot darauf schimmerten. Zuerst dachte er, dass er sich die Flecken einbilden würde, genau wie er sich einbildete das Blut wieder riechen zu können, doch er spürte den bebenden Körper unter seiner Hand und er wusste, das das Blut nicht verschwinden würde, es war echt. Er hätte nicht zulassen dürfen, dass Reid sich zu viel bewegte.
Gideon nickte und verließ eilig das Zimmer. Seine Beine fühlten sich schwer wie Blei an und er befürchtete nicht von der Stelle zu kommen. Der Schmerz in seiner Brust war angeschwollen, es verletzte ihn zu sehr seinen Schützling in diesem Zustand zu sehen.
„Was passiert hier gerade? Was ist los?"
Fragte Reid beunruhigt durch die Schluchzer. Ihm war schwindelig und er blieb still liegen, hielt die Augen geschlossen und bemühte sich das Karussell anzuhalten. Die Wut verflog und hinterließ nur noch eine leichte Panik.
„Alles in Ordnung, du bist etwas aufgeregt, du blutest, ich will, dass die Schwester sich das ansieht."
Er nickte und versuchte die Gefühle wieder in den Griff zubekommen.
„Es tut mir leid, Hotch."
Brachte er mühsam hervor.
„Das muss es nicht, Junge. Du bist ganz heiß, du brauchst Ruhe und du solltest versuchen dich zu entspannen. Es ist einfach zu früh um sich derart anzustrengen. Reid, du musst stark bleiben, und den Job uns überlassen. Auch wenn es schwer fällt, das worauf du dich konzentrieren musst, ist wieder auf die Beine zu kommen. Vertrau uns, in Ordnung?"
„Ich versuch's."
Er rieb ihm die Schulter und stand dann vom Bett auf, als er merkte, dass Reid sich wieder beruhigt hatte. Plötzlich lag es an Hotch sich hilflos und überflüssig zu fühlen und er wusste, dass Reid noch weiter kämpfen musste und dass er auch damit ganz alleine war. Er wollte das Zimmer verlassen, doch im Türrahmen blieb er noch einmal stehen und sah auf den Boden, peinlich darum bemüht den Blick nicht auf das Bett zu richten, während die Krankenschwester lächelnd an ihm vorbei schritt und Reid untersuchen wollte.
„Morgan hat nach dir gefragt, kann er herkommen?"
„Nein. Ich möchte keinen vom Team sehen… ich will nicht dass sie hier her kommen!"
Sagte er und vergrub den Kopf ins Kissen, als die Berührungen der Schwester schwer auf seiner Haut brannten, wie ein Feuer, das nicht gelöscht werden konnte.
Hotch nickte nur und schloss still die Tür hinter sich um Reid die erforderliche Privatsphäre zu geben.
Er ging langsam den Flur entlang und erblickte Jason Gideon wie er mit roten Augen an eine Wand gelehnt dastand und dem Treiben um ihn herum zusah.
Hotch wusste, was ihm Reid bedeutete und es überraschte ihn dennoch, eine solche Gefühlsäußerung in den harten Gesichtszügen des erfahrenden Profilers sehen zu können.
Jason Gideon hatte viel im Leben durchgemacht und viele schreckliche Dinge gesehen. Hotch kannte ihn seit vielen Jahren und doch ihn jetzt so verzweifelt mit verweinten Augen zu sehen, machte das alles noch unrealistischer und Hotch wusste, dass dieser Alptraum, in dem sie sich befanden, die harte Realität war.
„Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in meinem Leben so wütend gewesen bin."
Sagte Jason plötzlich mit belegter Stimme, fast so als hätte er Hotchs Gedanken gelesen.
„Er muss sich dem stellen. In professionellen Sitzungen. Ich dachte es würde noch Zeit brauchen, aber jetzt sieht es so aus, als dürften wir keine Zeit verlieren… ich habe ihn so noch nie erlebt."
„Reid ist Intelligent und er ist Profiler, er kann jeden Psychologen genau das geben was er hören will, und selbst hält er sich raus, spricht distanziert über das was passiert ist, als würde es ihn nicht betreffen. Der Fall, der Sturz in den Abgrund wird kommen und auch wenn es dauert, irgendwann wird es wie eine reißende Flut auf ihm einstürzen und dann wird er verstehen was mit ihm geschehen ist… ich meine verdammt Jason, das Schwein hat ihn vergewaltigt… ich glaube nicht einmal dass Reid Erfahrungen mit Frauen gemacht hat, was kann das in ihm bewirken? Ich habe ihn auch noch nie so wütend erlebt,… aber kann man ihm das verdenken?"
Jason schüttelte betroffen den Kopf.
„Was das in ihm bewirken kann? Ich weiß es nicht, aber ich mache mir Sorgen… ich möchte, dass Sie bei den Sitzungen dabei sind, wenn er es zulässt. Wir müssen ihm helfen, es darf uns nicht entgleiten."
Ihre Blicke trafen sich und sie sahen sich lange an, keiner von beiden konnte dem anderen Trost spenden.
„Eine Gute Nachricht habe ich."
Sagte Hotch, doch wenn er an die letzten Minuten dachte, wusste er, dass das auch kein großer Trost war. Sie standen erst ganz am Anfang.
Gideon sah ihn erwartungsvoll an. Konnte es wirklich noch etwas Erfreuliches in diesem Alptraum geben?
„Die Testergebnisse sind alle negativ…Der Täter hat ihn mit keiner Krankheit angesteckt."
Gideon atmete erleichtert aus. Er hielt sich die Hand vor dem Mund und wischte sich dann die Tränen aus den Augen.
„Oh, Gott sei Dank."
Sie tauschten ein aufrichtiges Lächeln, das erste seit Tagen.
„Ich fahre ins Büro… ich glaube Reid sollte etwas allein sein."
Sagte Hotch schließlich.
„Ich will mir die Akten der Spurensicherung noch einmal ansehen, und dann muss ich Derek erklären, dass er seinen Freund nicht besuchen soll… vorerst zumindest. Wir müssen das Schwein kriegen, er reißt das ganze Team auseinander und für die Presse ist das ein gefundenes Fressen. Das werde ich nicht zulassen. Er hat bereits geschafft, einen von uns zu isolieren. Was kommt als nächstes?"
„Sie haben eine interne Ermittlung angesetzt."
Erwiderte Gideon trocken.
„Großartig."
Sagte Hotch verärgert. Er drehte sich um und ließ Gideon stehen. Seine Schritte hallten laut durch den Flur, und nur ein Gedanke hämmerte ununterbrochen durch seinen Verstand, dass er dem Schwein in die Augen sehen wollte. Dass sie ihn verhaften mussten, bevor es mehr Opfer geben würde.
Wir werden uns gegenübertreten… verlass dich drauf!
Doch er dachte auch an Reid, und während er das Krankenhaus verließ wusste er, dass wenn er Reid ansah er nicht objektiv bleiben konnte. Mitleid und Ekel drängten sich in den Vordergrund und Hotch wischte die Emotionen fort. Beides hatte der Agent, den er trotz seines jungen Alters immer respektiert hatte, nicht verdient.
Und Hotch beschlich das ungute Gefühl, dass Reid ihnen wirklich nicht trauen konnte, sie kamen dem Täter seit einer Woche keinen Millimeter näher. Die ganze Ermittlung war ein Fluch, den niemand brechen konnte… und Vorwürfe begannen bereits an ihm zu nagen.
Wir haben ihn verloren und es gibt nichts, dass wir dagegen tun können
TBC
