Niemals Auf Wiedersehen
Leise, um ihre Töchter nicht zu stören, erhob sich Di von Josies Bettkante. Sie strich ihrer ältern Tochter noch einmal durch die goldenen Locken und stellte bei sich fest, wie groß sie geworden war.
Vor knapp einer Woche hatte sie ihren achten Geburtstag gefeiert und auch Philly, zu der Di jetzt hinüberging, wurde in einigen Monaten schon sieben werden. Und obwohl natürlich vieles einfacher wurde, je älter die Mädchen waren, spürte Di doch einen kleinen Stich, als sie daran dachte wie schnell ihre Töchter erwachsen wurden.
Und ja, da war er auch wieder – dieser kleine Zug an ihrem Herzen, das Verlangen, eines Tages, irgendwann, noch ein Baby im Arm zu halten, ein Baby, das sie jeden Abend in den Schlaf singen konnte und das sie brauchte, auf eine Art, wie die beiden Mädchen es nicht mehr taten.
Aber während sie die Türe schloss und langsam nach unten ging, schüttelte Di den Kopf und schallt sich selber für ihre Dummheit. Sie war 37 und damit in einem Alter, in dem mit jedem verstreichenden Monat das Hoffen auf eine erneute Schwangerschaft nur noch absurder wurde.
Abgesehen davon, ihre Hochzeit mir Gordon war jetzt über zwei Jahre her, zwei Jahre und vier Monate, um ehrlich zu sein und wenn sie in dieser Zeit nicht schwanger geworden war, was ließ sie dann glauben, dass es noch passieren würde, bevor sie endgültig zu alt war?
Es war illusorisch.
Und doch, diese kleine, absurde Flamme Hoffnung wollte nicht weichen, egal wie sehr Di sich auch bemühte, sie auszulöschen, zu ersticken, verschwinden zu lassen, weil es sich ohne Hoffnung manchmal so viel schmerzloser lebte und weil eine Hoffnung, die es nicht gab, nicht jedes Mal aufs neue enttäuscht werden konnte.
Gordon ging es ähnlich, das wusste sie.
Es war für Di nie eine wirkliche Option gewesen, ihrem Ehemann etwas zu verweigern – außer ihrer Liebe, die sie ihm nach wie vor nicht schenken konnte –, schon gar nichts, was zu seinen ehelichen Rechten gehörte. Also hatte sie Gordon in ihrer Hochzeitsnacht schweigend in ihr Zimmer geführt hatte und er hatte er ebenso still gedankt und seitdem redeten sie nicht darüber.
Das erhoffte Baby blieb jedoch aus, obwohl sie es beide so sehr herbei sehnten, jeder aufgrund seiner eigenen Gründe und vielleicht beide in der Hoffnung, das ein Baby diesen letzten Abgrund zwischen ihnen schließen würde, den sie aus eigener Kraft anscheinend nicht überwinden konnten.
Aber jetzt waren fast zweieinhalb Jahre vergangen, Di war 37 und Gordon würde in einem Monat 40 werden und ihnen lief die Zeit davon. Es war besser, das Hoffen aufzugeben.
Di seufzte und massierte ihre Schläfen, als sie sich in einen der Wohnzimmersessel setzte. Es war ein anstrengender Tag gewesen, für sie alle vier, emotional anstrengend und dass sie es gerade über ihren Kinderwunsch für einen kurzen Moment vergessen oder verdrängt hatte, half auch nicht besonders.
Jonas' vierter Todestag.
Sie waren nach dem Frühstück an seinem Grab gewesen und hatten den Rest des Tages zu Hause verbracht, still und in gedrückter Stimmung. Nach dem Abendessen war Gordon verschwunden, nur Gott wusste wohin, und Di hatte ihre Mädchen getröstet, bis sie beide endlich, endlich in einen erlösenden Schlaf gefallen waren.
Jetzt war es fast elf Uhr nachts und von Gordon immer noch nichts zu sehen.
Elf Uhr.
Mitternacht.
Zwischen elf Uhr und Mitternacht war Jonas gestorben. Heute vor vier Jahren, irgendwann in der nächsten Stunde.
Di fröstelte etwas und zog ihre Strickjacke etwas fester um sich.
„Wo bist du jetzt wohl?", fragte sie dann leise, denn Blick auf die tanzenden Flämmchen im Kamin gerichtet.
In der Stille des alten Hauses klangen ihre Worte merkwürdig fremd, unpassend, beinahe gruselig, so, als wäre tatsächlich etwas da, oder jemand, der, obwohl nicht sichtbar, die Stille dämpfte, noch stiller machte, irgendwie.
„Und geht es dir gut, wo immer du bist?", fragte Di weiter in die Stille hinein.
„Mit geht es auch ganz gut, besser zumindest. Die Mädchen sind auch in Ordnung. Sie werden nur viel zu schnell erwachsen, finde ich. Du würdest sie nicht mehr erkennen, wenn du sie heute sehen würdest. Oder vielleicht ja doch. Vielleicht wachst du ja wirklich über uns, wie sie es in der Sonntagsschule immer behauptet haben, und vielleicht siehst du sie jeden Tag, so wie ich, wie soll ich das schon genau sagen können?"
Für einem Moment stockte Di, als der rationale Teil ihrer Gehirns sich meldete, und sie sich fragte, ob sie sich gerade lächerlich machte, aber es tat gut, endlich mal frei zu reden, sich so viele Dinge von der Seele zu reden, die sich dort sammelten und sammelten und sie manchmal zu erdrücken drohten.
„Wenn du uns beobachtest, dann weißt du ja auch bestimmt, dass ich Gordon geheiratet habe. Sei mir nicht böse, mein Liebling, ja? Ich hatte keine andere Wahl, wirklich nicht, und er war doch das Beste, was mir und deinen Töchtern passieren konnte. Ich liebe dich deshalb nicht weniger, ich werde dich immer lieben, egal, was auch kommt. Und auch egal, wie sehr ich Gordon schätzen gelernt habe, du wirst immer einen Platz in meinem Herz haben, das verspreche ich dir."
Dis Stimme war lauter geworden, zitterte nicht mehr so und sie dachte auch nicht mehr, zweifelte nicht, tat einfach, nur für den Moment.
„Aber du bist ja gar nicht böse, oder? Es ist nicht deine Art, dass habe ich mittlerweile verstanden. Du wärst wahrscheinlich noch nicht einmal böse, wenn ich Gordon tatsächlich lieben würde. Würdest du dich freuen für uns? Oh, wahrscheinlich, wahrscheinlich. Du würdest dich freuen, wenn wir miteinander glücklich wären. Und wir sind glücklich, sehr glücklich, aber nicht miteinander. Ich liebe ihn nicht, nicht so, nicht wie er es gerne hätte, nicht wie ich dich liebe."
„Und trotzdem, es tut gut zu wissen, dass ich könnte. Dass, sollte ich ihn lieben, es kein Verrat an dir ist und dass du es nicht als Verrat sehen würdest. Wäre ich denn die Erste, die ein zweites Mal liebt? Und hat der Mensch nicht genug Liebe zu geben? Ich würde dich nicht verraten, sollte ich einen anderen Mann neben dir lieben, ihm die gleiche Liebe geben, die du hast und immer haben wirst. Es hat lange gedauert, bis ich das begriffen habe, aber ich habe es verstanden und es hilft mir sehr, du glaubst gar nicht wie sehr. Und dass, obwohl ich Gordon doch eigentlich nicht liebe."
„Trotzdem, er hat gesagt, dass er nur möchte, dass ich glücklich werde und ich kann mich erinnern, dass du einmal etwas ähnliches gesagt hast. Ich würde gerne wieder lieben, Jonas, ich würde Gordon gerne lieben, weil ich ihn schätze und brauche und weil er es verdient hat. Ja, ich würde mich gerne in ihn verlieben. Bis eben war mir das nicht klar, aber jetzt weiß ich es. Ich würde dich nicht vergessen, dass weißt du und dass wissen Gordon und ich auch, aber es würde mich glücklich machen. Das und ein Baby. Aber ich liebe Gordon nicht und auf ein Baby auch nur zu hoffen ist dumm von mir."
Di seufzte leise, stand dann auf, um das Fenster zu schließen, durch dass ein kalter Wind hinein wehte, hörte das Donnergrollen draußen, sah einen Blitz sekundelang den Himmel erhellen, zog ihre Schlüsse, belebte verdrängte Erinnerungen – und eine kalte Hand schloss sich um ihr Herz.
Heute vor vier Jahren. Jetzt vor vier Jahren. Hier vor vier Jahren.
Ein grässlicher Sturm.
Eine nächtliche Autofahrt.
Jonas.
Gordon.
Gordon.
Es war Geschichte. Geschichte, die sich selbst wiederholte. Geschichte, weil heute gestern war und morgen vielleicht nicht sein würde.
Ein ersticktes Schluchzen verließ Dis Kehle, sie stolperte rückwärts, wie gestoßen, wie taub in ihrer Angst, handlungsunfähig, nur in der Lage, einen Gedanken zu denken, einen einzigen Gedanken, stumm ausgestoßen, wieder und wieder, eine Bitte, vielleicht ein Gebet.
Nicht, nicht. Ich liebe ihn doch. Bitte nicht.
Und dann begriff sie, begriff in dieser Art, wie Menschen oft begreifen, wenn es zu spät ist oder beinahe zu spät, begriff mit einer Klarheit, was sie noch Momente vorher verleugnet hatte, im festen Glauben die Wahrheit zu sagen, zu denken, zu fühlen.
Sie liebte Gordon.
Liebte ihn nicht als Freund oder Bruder oder Retter in der Not, sondern liebte ihn einfach. Als Mann. Als er selbst.
Liebte ihn, wie sie Jonas liebte.
Liebte ihn so, wie viele Menschen nur einmal im Leben lieben und die meisten sogar gar nicht. Und sie, sie war glücklich genug gewesen, zweimal solch eine Liebe zu empfinden und jetzt... sie war so dumm gewesen, so dumm... was, wenn... was, wenn... was?
Die Schluchzer wurden häufiger, heftiger, schüttelten sie durch, sie schmeckte ihre eigenen Tränen, vergrub das Gesicht in den Händen, wollte die Welt nicht mehr sehen, nicht mehr hören und hörte auch nicht.
Hörte nicht, wie die Türe sich öffnete. Hörte nicht, wie ein Paar Schuhe ausgezogen und in die Ecke gestellt wurden. Hörte nicht, weil ein Mantel an die Garderobe gehangen wurde. Hörte nicht, wie jemand leise ihren Namen rief.
Sie hörte erst wieder, als sich plötzlich zwei Arme um sie legten, jemand sie an sich zog, ihren Namen flüsterte, immer und immer wieder, als sie aufsah und zwei blaue Augen zurückblickten, besorgt, etwas ängstlich, aber liebevoll, so voller Liebe.
„Di... Liebes... was ist denn los? Was hast du denn? Ist es wegen...", er stockte, schluckte, „...ist es wegen Jonas?"
„Nein", Di schüttelte den Kopf, beinahe selbst überrascht von ihrer eigenen Heftigkeit, „ist es wegen dir! Wegen dir! Wo warst du denn? Wo warst du? Ich habe mir doch Sorgen gemacht. Ich hatte doch solche Angst! Dieser Sturm und du bist dich hier und ich könnte es doch nicht ertragen, dich auch noch zu verlieren, ich liebe dich doch, ich liebe dich doch viel zu sehr..."
Für einen Moment, einen kurzen Moment dachte Gordon, er hätte sich verhört, aber der Blick in ihren Augen log nicht, sagte ihm, wie sehr sie ihn liebte, ihn, wirklich ihn und er wusste nicht, warum sie es tat, warum so plötzlich, aber er wusste, dass es das war, dass sie alles zusammen erreichen konnten, dass alles möglich war, selbst ein Baby, und auch wenn nicht, sie waren zusammen, sie würden das schon hinkriegen, das und alles sonst.
„Ist ja gut, Di, ist ja gut", murmelte er in ihr Haar, küsste ihre Stirn, „ich bin ja hier und ich gehe auch nicht weg, ich werde dich nicht alleine lassen. Ich liebe dich doch, Gott, wie ich dich liebe..."
Und als Gordon sie noch näher zog, fiel Dis Blick auf Jonas Foto an der Wand gegenüber. Sie lächelte, aber sie verabschiedete sich nicht. Sie würde sich nie verabschieden, nie ganz, aber das Leben ging weiter und auch wenn ein kleiner Teil von ihr gestorben war mit ihm, sie selber lebte weiter und ihr Leben, das wusste sie, würde jetzt um einiges glücklicher sein.
Einfach, weil Liebe immer alles ein bisschen glücklicher machte.
