Der Rückweg von dem großen Waschzimmer war selbst für Faramirs Orientierungsvermögen zu viel des guten. Die endlos erscheinenden Gänge aus hellem Stein wanden sich und jede neue Kurve glich der vorherigen.

Die älteren Damen hatten ihn nicht nur sauber geschrubbt, sondern auch neu eingekleidet. Das Gewand war ähnlich wie das von der Prinzessin, es war leicht, luftdurchlässig und fühlte sich angenehm kühl an.
Jedoch zeigte es etwas zu viel von seiner bleichen Haut für seinen Geschmack. Doch alles in allem war er dankbar, dass sich die Frauen so um ihn gekümmert haben. Er konnte sich zwar kaum erinnern, wann er das letzte mal gebadet wurde, doch nach der langen Reise gab es sicherlich schlimmeres.

Schließlich erbarmte sich ein Junge den Faramir als einen Sklaven identifizierte und führte ihn in sein, oder besser gesagt, in ihr Zimmer. Er bedankte sich und beugte den Kopf. Der Junge warf ihm einen verstörten Blick zu und nickte leicht. Als er hinter sich abwandte sah ihm Faramir noch etwas nach. Er trug zwar ein besseres Gewand als die Männer die er in dem Dorf gesehen hatte, doch es war ihm sofort anzusehen, dass er von niederer Geburt sein musste. Er trug eine Art Fessel um den Hals und war nur spärlich mit wenigen Tüchern bedeckt. Faramir schluckte. Er war sich zwar dessen bewusst, dass er nun in einer fremden Kultur angekommen war, mit Traditionen und Brauchtümern die er noch nicht kannte und verstand, doch war ihm der Gedanke, dass ein Mensch nur aufgrund seiner Geburt weniger wert war als ein anderer zu wider.

Man konnte es zwar nicht ganz vergleichen aber auch er war als Zweitgeborener immer ein Platz hinter Boromir. Natürlich liebte er seinen Bruder und es störte ihn in keinster Weise, dennoch hatte er niemals eine Chance mit ihm mithalten zu können. Sein Vater hatte nie einen Hehl daraus gemacht welchen seiner Söhne er favorisierte. Faramir schüttelte den dunklen Gedanken an die freudlosen Zeiten seiner Kindheit ab und schob die schwere Türe auf.

Das Zimmer war leer und es wehte eine angenehme Brise durch die Fenster. Faramir sah seine Satteltasche welche immer noch unverändert vor ihm lag. Sofort schweiften seine Gedanken zu der bevorstehenden Nacht. Wo sollte er schlafen, wo würde sie schlafen, was würde von ihm erwartet werden?

Erneut schüttelte er seinen Kopf und seine noch immer nassen dunkelblonden Haare fielen ihm ins Gesicht. Er würde sich mit dem Problem befassen wenn es so weit war und nicht vorher schon in Panik verfallen. Vielleicht gab es auch nichts zum überlegen.

Zu seiner Freude bemerkte er hinter dem Bett mehrere große Regale welche vom Boden bis zur Decke hin mit Büchern gefüllt waren. Natürlich waren diese nutzlos für ihn. Noch. Noch konnte er die Sprache nicht aber Faramir nahm sich fest vor diesen Umstand so bald wie möglich zu ändern. Vielleicht gab es jemanden in Shaesh der der gemeinen Sprache mächtig war und ihm zumindest das Basiswissen lehren konnte.

Als er mit den Fingern über die zerschlissenen Buchrücken strich war er so in Gedanken versunken, dass er wieder einmal nichts von der neuen Präsenz im Raum mitbekam. Diese machte sich durch ein leichtes Räuspern bemerkbar. Faramir zuckte zusammen und dachte sofort an seinen Vater. Dieser hatte sich stets beklagt, dass sein jüngster Sohn mit seinen Gedanken immer irgendwo anders war.

Vor ihm stand ein dunkelhäutiger hagerer junger Mann. Faramir schätzte, dass er nicht viel jünger als er selbst war . Er verbeugte sich sofort und sprach „Verzeiht mir, Prinz. Ich wurde geschickt um zu helfen."

Faramir war so überrascht seine Muttersprache zu hören, dass er den Mann nur mit offenem Mund anstarrte. Sein Akzent schwang in jedem Wort schwer mit. Als von Faramir keine Antwort kam, setzte er in einem angestrengt deutlichen Ton nach:"Könnt Ihr mich verstehen? Mein Name ist Abbas, ich-" Faramir wachte aus seiner Trance auf und nickte hektisch. „Ja natürlich. Verzeih mir. Ich bin nur so erleichtert eine vertraute Sprache zu hören." Abbas schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln welches Faramir sofort erwiderte. Abbas trug zwar wesentlich bessere Kleidung als der Sklave der Faramir durch das Gewirr der Gänge geführt hatte, doch machte auch er einen eher ärmlichen Eindruck.

Faramir konnte endlich all die Fragen stellen die ihm auf der Zunge brannten. Natürlich behielt er sich einige sehr prekäre Themen vor, doch zumindest erhielt er die wichtigsten Fragen Antworten. So war es laut Abbas Brauch, dass ein Paar welches in den nächsten Tagen heiraten würde ein Gemach teilt. Das erklärte immerhin seine Anwesenheit in ihrem Quartier. Also würde bald die Hochzeit stattfinden.
Diese würde in einer großen und ausgelassenen Feier abgehalten werden. Oberhäupter aus ganz Harad hatten sich bereits für dieses Spektakel angekündigt. Doch da war etwas was Abbas ihn nicht erzählen wollte. Er setzte zwar an doch hielt sich scheinbar gerade noch rechtzeitig auf. Er war gerade dabei über den eigentlichen Grund von Faramirs Dasein zu sprechen. Anscheinend war diese Liaison mehr als eine bloße Verbindung zweier Völker und es gab einen Vorteil für die Haradrim der bislang verborgen blieb. Doch egal wie sich Faramir bemühte, Abbas wich seinen Fragen geschickt aus. Schließlich gab er auf. Aber er würde schon noch dahinter kommen.

Die Zeit verging viel zu schnell und das Zimmer wurde von dem rötlichen Licht der untergehenden Sonne geflutet. Abbas verabschiedete sich und versprach gleich am nächsten Tag wieder zu kommen. Bevor er jedoch die Tür aufmachen konnte, hielt Faramir ihn zurück. Mit Ärger bemerkte er, wie sich sein Gesicht heiß anfühlte. Er schluckte noch einmal und presste schließlich die Frage hinaus, die ihm am meisten beschäftigte. „Wo soll ich schlafen?" Kurz und schmerzlos.
Abbas zog eine dunkle Augenbraue hoch. Er beugte sich leicht zur Seite und zeigte auf das Bett hinter Faramir. „Dort?" Faramirs Augen weiteten sich und beugte seinen Kopf leicht. Abbas neigte seinen Kopf ebenso und verschwand aus der Tür.

Sobald er alleine war überkam ihm eine Welle der Müdigkeit. Die Reise, die Eindrücke und schließlich das Gespräch mit Abbas zehrten seine Kräfte auf und er fühlte sich fast benommen.
Von Abbas wusste er, dass er zum Abendessen abgeholt werden würde. Dieses würde jedoch erst nach Einbruch der Dunkelheit zu sich genommen werden. Er seufzte. Es konnte sich zwar nur um höchstens eine Stunde handeln doch Faramir hatte bereits jetzt schon Probleme sich auf den Beinen zu bleiben. Schließlich setzte er sich auf das Bett und atmete tief durch. Mehr brauchte es nicht. Als ihn ein Diener 45 Minuten später fand, war Faramir bereits im Tiefschlaf.