Vierzehntes Kapitel
… in dem ein Schwur schlussendlich erfüllt wird
Eugenia stöhnte leise, als sie sich zu Severus an den Küchentisch setzte. Er konnte die Schatten von Blutergüssen an verschiedenen Stellen, wo Haut außerhalb ihrer Kleidung zu sehen war, erkennen und sie hielt ihren rechten Arm in einer eindeutigen Schonhaltung.
Aber ihr Blick war wach und sie lächelte ihn an.
Er schob ihr einen Teller mit Suppe hin und reichte ihr Brot. Dankbar griff sie danach und sie aßen schweigend.
Als sie schließlich fertig waren, holte Severus etwas zu trinken und fragte leise, was geschehen sei.
Sie berichtete in knappen Worten, was sie erfahren hatte und dass sie vermutete, Draco sei von Todessern mitgenommen worden. Auch dass von seiner Mutter jede Spur fehle erzählte sie und dass sie da einen Zusammenhang vermute.
Sie war sehr besorgt über das, was sie erfahren hatte, obwohl sie die Malfoys verabscheute, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was Severus sich dabei dachte.
Ihm war klar, wo die Familie Malfoy in der Gunst des dunklen Lords stand und das war etwas, das man ihr nicht neiden würde. Niemand überlebte es, so tief in seiner Gunst zu sinken und Dracos Versagen im letzten Schuljahr war zwar vorprogrammiert gewesen, nichts desto weniger aber durchaus ein Anlass für Voldemort hier hart durchzugreifen und für alle Todesser sichtbar ein Exempel zu statuieren.
Über Narcissas Schicksal musste er dahingehend gar nicht groß nachdenken, sie würde für das Versagen von Mann und Sohn gleich mit bestraft werden, falls sie auch dem dunklen Lord in die Hände gefallen war. Vielleicht hatte sie es geschafft, sich irgendwo in ihrer weit verzweigten Familie zu verstecken, überlegte er.
Eugenias Stimme riss ihn aus seinen Gedanken zurück in die Realität.
„Was ist es nur, das uns immer wieder zueinander führt, Sevus?" Sie blickte ihn an und ein leichtes Lächeln umspielte ihren sonst so strengen Mund.
„Ich schätze, wir kommen ohne einander nicht sehr gut zurecht", erwiderte er nach kurzem Nachdenken.
„Leider hat die Geschichte gezeigt, dass wir miteinander auch nicht sonderlich gut zurechtkommen." Das Lächeln in ihrem Gesicht erlosch und wich einem Ausdruck tiefer Traurigkeit.
Er musterte sie sehr lange schweigend, dann streckte er die Hand aus und strich über ihre Wange. „Werden wir es jemals schaffen das zu ändern?"
Es war keine Frage in seiner Stimme, nur der Klang eines unerfüllten Sehnens.
Leise sagte sie: „Ich weiß es nicht, Sevus. So viel ist geschehen, so viel haben wir uns schon angetan."
Sie senkte den Blick, als sie spürte, dass er seine Hand von ihrem Gesicht zurückzog und wartete auf eine scharfe Erwiderung von ihm. Plötzlich schien da wieder diese Kälte zu sein, die er ausstrahlte, als wäre eine Wand aus Eis zwischen ihnen hoch gezogen worden.
Sie blickte auf und sah in sein Gesicht. Er erwiderte ihren Blick zornig und sie begann sich zu fragen, was sie getan hatte, um diesen Zorn hervor zu rufen.
Dann traf die Erkenntnis sie wie ein Schlag.
Es war Schmerz, kein Zorn. Er hatte im Laufe der Jahre gelernt, seinen Schmerz hinter einem zornigen Ausdruck zu verbergen, denn so konnte niemand seinen Schmerz gegen ihn benutzen.
Sie seufzte tonlos und fragte sich, wann das passiert war und wieso es scheinbar niemand außer ihr bemerkt hatte.
„Niemanden kümmert es, ob Du leidest. Niemanden kümmert es, ob Du überhaupt existierst."
Ihre eigenen Worte.
Er hatte sich diesen Satz, der der schlimmste Schmerz seines Lebens gewesen war, umgewandelt in eine perfekte Tarnung, die ihn vor allen Anderen verbarg.
Bewunderung wuchs in ihr, als sie begriff, welcher enorm starke Überlebenswillen notwendig war, um eine grausame Verletzung in eine Überlebensstrategie umzuwandeln.
Sie atmete tief ein und sah, dass der Ausdruck in seinen Augen sich wieder wandelte. Als hätte er in ihrem Blick lesen können, dass sie verstanden hatte.
Sanft sagte sie: „Vielleicht werden wir das, Sevus. Vielleicht haben wir jetzt diese eine Chance, es nicht wieder zu zerstören. Wenigstens haben wir jetzt erkannt, dass wir eine Chance brauchen."
Sie griff nach seiner Hand, nahm sie und hielt sie fest.
Als sie vom Tisch aufstanden, umarmten sie sich, das erste Mal seit langer Zeit ohne Scheu, ohne den Drang, zurück weichen zu wollen.
An diesem Abend gingen sie früh zu Bett. Eugenia war wie zerschlagen nach dem was sie am Tag erlebt hatte und sehnte sich nur noch danach, ihre diversen Blessuren auszukurieren und ihre schmerzenden Muskeln zu entspannen. Sie ließ sich ein heißes Bad ein und nachdem der anfängliche Schmerz der Abschürfungen und Schnitte abgeklungen war, machte sich träges Wohlbefinden und Müdigkeit in ihr breit.
Ein Teil ihres Herzens wünschte sich Severus herbei, der sie in die Arme nehmen und sanft streicheln sollte, aber leider waren sie noch nicht wieder so weit. Vages Bedauern machte sich in ihren Gedanken breit, aber gleichzeitig ließ die langsame Entwicklung ihrer Beziehung sie ein wenig hoffen. Vielleicht würde sich ja doch noch alles zu einem besseren Leben für sie beide entwickeln und vielleicht konnten sie irgendwann irgendwo in Frieden leben. Sie seufzte wohlig bei dem Gedanken und schloss die Augen. Wenigstens in ihren Träumen konnte sie seine Hände auf ihrer Haut fühlen und sich vorstellen, dass er sie in seine Arme schloss, tröstete und schützte.
Schließlich verließ sie das Bad und ging in ihr Bett. Einen Moment lang stand sie vor der Tür ihres Zimmers, die Klinke in der Hand und überlegte, ob sie zu Severus gehen sollte. Sie erinnerte sich an sein Zimmer, an das Bett dort und überlegte einen Moment, ob es noch immer so knarrte, wenn man sic zu sehr bewegte. Sie musste bei dem Gedanken lächeln, aber dann fühlte sie sich zu gerädert und beschloss lieber alleine in ihr eigenes Bett zu gehen.
Für alles andere hatten sie später immer noch genug Zeit, dachte sie bei sich, als sie sofort einschlief.
Severus lag in seinem Bett und dachte an Eugenia. Er hatte das Wasser im Bad gehört und sich gedacht, dass sie wohl zur Entspannung in der Wanne liegen würde.
Lange hatte er mit sich gekämpft, ob er zu ihr gehen sollte. Etwas in ihm sehnte sich danach, ihre Nähe zu fühlen, ihre Haut auf seiner zu spüren, aber dann überlegte er sich, dass sie sicherlich sehr schmerzgeplagt sein würde, nach dem, was sie am Tag durchgemacht hatte.
Er beschloss, ihr Ruhe zu gönnen und mit einem kurzen, glücklichen Gedanken daran, sie vielleicht irgendwann wieder in seinen Armen zu halten, schlief er ein.
Er erwachte bei Sonnenaufgang, durch das charakteristische Brennen des dunklen Mals auf seinem Unterarm. Der dunkle Lord rief seine Todesser zu sich und er nahm keine Rücksicht auf die Tageszeit. Er kannte den Ort, an den er gerufen wurde, und so musste er sich nicht aufs Apparieren ins Unbekannte vorbereiten, was im Allgemeinen sehr unangenehm war.
Trotzdem hätte er sich mehr Zeit gewünscht, jetzt, da er glaubte, Eugenia wieder näher zu kommen.
Severus begab sich unverzüglich zu dem Treffpunkt. Allerdings hatte er eine Notiz für Eugenia hinterlassen, wo das Treffen stattfand. Er wusste selber nicht, warum er das getan hatte, aber es war ein ungutes Gefühl gewesen, das ihn beschlichen hatte, als er die Mitteilung über das Treffen bekommen hatte. Die Notiz hatte er für den Fall der Fälle geschrieben, wobei er nicht definieren konnte, was genau der Fall der Fälle war.
Es war schlicht ein besseres Gefühl zu wissen, dass Eugenia ihn finden konnte, wenn sie wach wurde und sich fragte, wo er war.
Auf der Lichtung stand eine große Gruppe Todesser um einen alten Baumstumpf.
Der dunkle Lord saß darauf, er strahlte eine überlegene Lässigkeit aus und seine Stimme klang einschmeichelnd und grausam, als er Snape begrüßte: „Ah, Severus. Komm, komm näher."
Snape trat näher zur Mitte des Kreises und dann bemerkte er, dass zwischen mehreren Todessern Draco lag. Silberne Schnüre fesselten ihn bis zur Bewegungslosigkeit und ein breites, silbern schimmerndes Band verschloss seinen Mund. In seinen Augen loderte Panik.
Snape ahnte, was die Stunde geschlagen hatte und wappnete sich für das Schlimmste.
Voldemort musterte ihn mit seinen Schlangenaugen und ließ seinen Blick dann zwischen Draco und Severus hin und her wandern.
„Ich habe von Deinem Schwur gehört, Severus. Sehr nobel, wirklich sehr nobel." Er lachte hoch und böse.
Snape versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass ihm klar war, was dieser Satz bedeutete.
„Du vermutest richtig, ich hatte ein kleines interessantes Gespräch mit der Mutter. Leider endete es recht abrupt."
Ein paar der anwesenden Todesser lachten.
„Ich schätze, Du weißt, was das für Dich bedeutet, Severus. Du bist intelligent genug, die Konsequenzen zu erkennen. Der Schwur sagt mir, dass Du Dumbledore nicht aus Loyalität zu mir getötet hast, sondern nur, um Dein eigenes, wertloses Leben zu retten.
Nun, welche Ironie, dass das nur ein Aufschub war, nicht wahr?"
Voldemort erhob sich und breitete seine Arme in einer theatralischen Geste aus, als er sich an seine Gefolgsleute wandte: „Aber er hat, aus welchen Motiven auch immer, Dumbledore getötet und das verdient doch eine kleine Belohnung, oder was meint ihr?"
Zuerst wirkten sie ratlos, dann erklang zustimmendes Gemurmel und viele Kapuzen nickten sichtbar, der dunkle Lord hatte euphorisch geklungen und das schrie nach Zustimmung.
Er brachte sie mit einer kurzen Armbewegung zum Schweigen.
„Ich wusste, ihr würdet mir zustimmen, meine Freunde", sagte er mit völlig übertriebener Freundlichkeit in der Stimme.
Dann wandte er sich wieder an Snape.
„Nun, wie könnte Deine Belohnung aussehen?" Er rieb sich in einer gespielten Geste über das Kinn, dann, als hätte er eine plötzliche Eingebung, hob er die Hand.
Er zeigte auf Draco.
„Du wolltest das Leben des Jungen schützen nicht wahr?"
Er lachte ein weiteres Mal.
„Du bekommst eine Wahl als Belohnung für Deinen Dienst, Severus. Die Wahl, ob Du gehen kannst oder der Junge. Aber entscheide Dich schnell, meine Geduld ist begrenzt."
Severus sah den dunklen Lord an. Er schluckte einmal, räusperte sich und sagte dann laut: „Lasst den Jungen gehen."
Voldemort lachte wieder hoch und schrill.
Mit einem Wink seines Zauberstabes lösten sich Dracos Fesseln.
Der blonde Junge sprang auf, drehte sich um und stolperte aus dem Kreis. Sobald er den Rand der Lichtung erreicht hatte, disapparierte er, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.
Voldemort musterte Snape kalt.
„Würde ich so etwas wie Bedauern kennen, Severus, dann könnte es mir jetzt fast Leid tun, Deine Künste zu verlieren."
Er drehte sich um, und sagte mit einer wegwerfenden Handbewegung: „Er gehört Euch. Aber lasst Euch Zeit, ich möchte nicht hören, dass er es leicht hatte." Dann verschwand er.
Einen Moment herrschte Stille, dann kam Bewegung in die Reihen der Todesser und Severus Snape brach unter einer Kaskade von Flüchen zusammen.
Eugenia fand ihn sterbend, alleine auf der Lichtung liegend. Sie kniete sich neben ihn, schloss ihn in die Arme und wiegte ihn sanft. Sehr leise sagte sie die Worte, die sie ihr Leben lang nicht hatte sagen können: „Wenn ich jemals etwas wie Liebe empfunden habe, Sevus, dann für Dich."
Er hustete und dunkles Blut quoll aus seinem Mundwinkel. „Wir haben es vermasselt, Genia, nicht wahr?"
Sie nickte stumm, hielt ihn fest, als er aufhörte zu atmen.
„So wie wir alles in unseren verdammten Leben vermasselt haben, Snape", flüsterte sie und Tränen liefen über ihr Gesicht.
Ende
