So, und weiter geht's. Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gerutscht :-)
Mondlicht
Kapitel 14
Ich lag mit offenen Augen in der Dunkelheit. Unter mir das große vertraute Bett des Gryffindor-Schlafsaales. Um mich herum war alles still und obwohl ich wusste, dass es Unsinn war, fühlte ich mich vollkommen allein. Die anderen schliefen um mich herum in ihren Betten und ich beneidete sie um ihren friedvollen Schlaf. An mir nagte das Gefühl der Einsamkeit, das mich nicht zur Ruhe kommen ließ.
Ich war heute spät ins Bett gegangen, weit nach den anderen, weil ich so viel an Draco gedacht hatte, der verletzt auf der Krankenstation lag, dass ich mit meinen Schularbeiten für morgen einfach nicht voran gekommen war. Deshalb hatten alle anderen schon geschlafen, als ich mich auf Zehenspitzen in den Schlafsaal schlich.
Und kaum war ich mit einem leisen Seufzer in die Kissen gesunken, müde genug, um sofort einzuschlafen, hatte sich dieses eigenartige Gefühl meiner bemächtigt. Natürlich hatte ich mich schon vorher ab und zu alleine gefühlt, gerade im Dunkel der Nacht, aber es war nie so intensiv gewesen.
Bist du einsam?
Ein plötzliches Wispern in der Dunkelheit. Alarmiert setzte ich mich auf und musterte aufmerksam meine Umgebung, doch ich sah nichts. Wie denn auch, wenn ich die Vorhänge meines Bettes zugezogen hatte?
Fühlst du dich allein?
Wieder dieses Wispern. Doch dieses Mal, als es nicht so überraschend kam, hatte es nichts Bedrohliches mehr. Es schien auf schwer fassbare Weise sogar vertraut.
„Ja", antwortete ich leise mit seltsamer Offenheit und mein Blick glitt immer noch suchend durch die Dunkelheit.
Das solltest du nicht. Du bist niemals allein. Solange ich lebe, wirst du niemals einsam sein. Wir sind untrennbar miteinander verbunden. Das solltest du wissen.
Ich zögerte, aber tief in mir spürte ich, wie bereits etwas Uraltes, Ursprüngliches auf diese Worte reagierte. Ich wusste, ich vermisste heute Nacht schmerzlich jemanden an meiner Seite und nur ein einziger Mensch auf dieser Welt konnte den leeren Platz in meinem Herzen ausfüllen und die Sehnsucht in mir stillen. Nur ein einziger Mensch.
Dieses uralte Etwas in mir, das diese Worte zu deuten verstand, auch wenn sie meinen Verstand im Moment noch verwirrten, erhob sich von dem Platz, an dem es bis zum jetzigen Zeitpunkt geschlummert hatte, um meinen nächtlichen Besucher zu begrüßen und ein unglaubliches Gefühl von Wärme und Vertrauen durchströmte mich.
„Ja", hauchte ich und begriff plötzlich tief in meinem Inneren, dass ich den zweiten Teil meiner Seele gefunden hatte. Der Teil, der vor meiner Geburt so grausam von mir gerissen wurde und den ich seitdem suchte. Wir waren wieder vereint.
Ich lächelte, als die schweren Vorhänge beiseite geschoben wurden und sich ein Schatten zu mir legte. Starke Arme umschlossen mich beschützend und vertrauensvoll rückte ich enger an den warmen Körper neben mir und bettete meinen Kopf auf der Schulter meines Gefährten. Oh ja, ich kannte ihn, dazu musste ich ihn nicht sehen. Alles war so vertraut... Der Körper, die weiche Haut, die Stimme, der Geruch, sogar die Haltung, in der wir nun da lagen. Ich legte einen Arm über den Bauch meines nächtlichen Besuchers und schmiegte mich an seine Seite. Ja, das war richtig.
Meine Augen schlossen sich schläfrig, als ich mich vollkommen zufrieden an den warmen Körper neben mir drückte. Ich kannte dieses Gefühl... ich hatte es schon einmal gespürt, aber mir kam nicht in den Sinn, wo. Das war im Moment allerdings auch nebensächlich. Die Welt rückte einfach in den Hintergrund.
Kurz darauf wurde ich aus seichtem Schlummer gerissen, als mein Besuch sich wieder erhob. „Wohin gehst du?", fragte ich schläfrig.
Ich kann nicht bleiben. Noch nicht.
Plötzlich wieder hellwach blinzelte ich. „W-Was? Ich verstehe nicht. Wann sehen wir uns wieder?"
Wenn du mich gefunden hast.
„Aber wie soll ich das machen?" Ein Hauch Verzweiflung klang in meiner Stimme mit. Wie sollte ich ihn finden, wenn ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte zu suchen? So lange hatten wir aufeinander verzichten müssen. Und jetzt, wo wir uns endlich wieder gesehen hatten, wollte er schon wieder gehen!
Ich erhielt keine Antwort, denn von einem Moment auf den anderen war seine Gegenwart verschwunden.
Ich fuhr hoch: „Nein!" und fand mich in meinem Bett sitzend wieder. Es war immer noch dunkel, doch irgendetwas hatte sich verändert, auch wenn mir zunächst nicht klar war, was. Es dauerte eine Weile, bis mein schlaftrunkenes Gehirn begriff, dass ich geträumt hatte.
Im Nebenbett drehte sich Ron mit einem lauten Schnarcher auf die andere Seite und dann war es wieder ruhig im Jungenschlafsaal.
Verwirrt fuhr ich mir mit einer Hand durch mein zerzaustes Haar. Das nannte ich doch mal einen seltsamen Traum! Zugegebenermaßen war er besser gewesen als meine Albträume oder meine Visionen von Voldemort, trotzdem war er merkwürdig gewesen.
Ich hatte nichts gegen dieses Gefühl von Glück und Zufriedenheit einzuwenden, dass mich während des Träumens durchströmt hatte, im Gegenteil. Ich wünschte, ich könnte mich auch im wachen Zustand öfter so fühlen. Aber es war doch etwas seltsam, dass ich mich ohne zu fragen meinem nächtlichen Besucher anvertraut hatte.
Da war zwar dieses Gefühl gewesen... dieses Gefühl, meinen lang entbehrten Gefährten wieder gefunden zu haben... aber was sagte das schon? Ich ließ mich zwar oft von meinen Gefühlen leiten und die meisten meiner Entscheidungen basierten auch auf ihnen und nicht auf klaren, logischen Überlegungen, aber mir war natürlich auch klar, dass Gefühle sehr leicht manipuliert werden und in die Irre führen konnten. Ein gesundes Maß an Misstrauen war durchaus angebracht und davon hatte ich in meinem Traum nicht die geringste Spur gezeigt.
Das sollte ich mir vielleicht als Warnung zu Herzen nehmen. Wir lebten nicht in Zeiten, in denen man allzu lange überlebte, wenn man zu vertrauensselig war. Ich sollte mich niemals so unbedacht jemanden anvertrauen, wenn ich ihn nicht schon sehr lange kannte und mir seiner Loyalität gewiss war.
Mit einem leisen Seufzen ließ ich mich zurück in meine Kissen sinken. Trotz allem... so könnten meine Träume wirklich öfter sein. Dann wurde die Gewissheit, dass ich immer noch ohne jemanden an meiner Seite war, den ich bedingungslos lieben und beschützen konnte und der dasselbe für mich tat, wenigstens für eine kurze Zeit ausgelöscht.
Als ich mich auf die Seite drehte, um mich einzurollen und weiter zu schlafen, traf mein Blick auf zwei silbergraue Katzenaugen, die mich von dem Kopfkissen der anderen Bettseite anstarrten. Unwillkürlich dachte ich wieder an Draco. Ich hatte versucht, Professor Lupin auszufragen, wie es Draco ging, doch er hatte mich abgewehrt und mir gesagt, er wisse nichts. Ich hatte allerdings gespürt, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Professor McGonagall wollte mir auch nichts sagen und Hagrid schien auch von nichts zu wissen.
Stand es so schlimm um ihn?
Ich streckte die Hand nach dem Kätzchen aus, das Dumbledore mir anvertraut hatte, und erntete wie immer ein gereiztes Fauchen, als ich versuchte, es zu streicheln. Es drehte unwillig den Kopf beiseite und ich ließ die Hand enttäuscht wieder sinken. Eigentlich hatte ich ja nichts anderes erwartet, aber... es wäre irgendwie tröstlich gewesen, wenn es nicht mehr so feindselig gewesen wäre. Es wäre einfach schön gewesen, wenn ich ein bisschen mit ihm hätte schmusen können, um mich von meinen Gedanken abzulenken, aber ich musste mich wohl damit abfinden, dass ich auch heute Nacht selbst damit fertig werden musste.
ooOoOoo
Mit aufmerksam gespitzten Ohren beobachtete ich, wie Harry auf der anderen Seite des Bettes noch lange wach lag. Ich hatte jetzt einige Tage bei ihm im Gryffindorturm verbracht und hatte festgestellt, dass er ein unruhiger Schläfer war. Beinahe die Hälfte der Nacht wälzte er sich unruhig von einer Seite auf die andere oder schreckte schweißgebadet und schwer atmend hoch. Und lange danach wollte der Schlaf nicht zu ihm zurückfinden.
Es war seltsam... natürlich hatte ich gehört, dass er oft Albträume hatte und deshalb überraschte es mich auch nicht. Aber seine Hilflosigkeit weckte einen ungewöhnlich starken Beschützerinstinkt in mir. Natürlich konnte auch ich nichts gegen seine Träume ausrichten, aber... ich wollte ihn hinterher in den Arm nehmen, ihm beruhigend über den Rücken streicheln und ihm zeigen, dass er nicht alleine war. Es gab Momente, da wollte ich so sehr für ihn da sein, dass es mir selbst Angst machte.
Auch jetzt, als er zusammengerollt dalag, die Bettdecke bis zum Kinn gezogen, obwohl es nicht kalt war, hatte ich dieses Bedürfnis wieder. Es war mir fremd, aber es erschien mir wie die einzig mögliche Reaktion auf seine Träume. Noch dazu, wo er so offensichtlich meine Nähe suchte. Ich hatte die Enttäuschung in seinen Augen gesehen, als er die Hand nach mir ausgestreckt und ich ihn fauchend zurückgewiesen hatte.
Meine Schwanzspitze zuckte hinter mir unruhig von einer Seite zur anderen und verriet meine innere Aufgewühltheit. Natürlich würde ich mich in meiner menschlichen Gestalt niemals zu ihm legen, um ihn zu trösten, weil ihm das Gefühle verraten würde, von denen er nichts wissen sollte. Aber jetzt war ich nur eine Katze. Ich könnte also... es wäre überhaupt kein Problem, wenn ich... Er würde nie erfahren, mit wem er sich das Bett geteilt hatte...
Zögernd erhob ich mich von meinem Platz und schlich vorsichtig auf Samtpfoten zu ihm herüber. Seine wundervollen, grünen Augen richteten sich auf mich, als ich mich bewegte, und sein Blick war fragend.
„Was..?", flüsterte er perplex, als ich zu ihm unter die Decke kroch und mich in seiner Halsbeuge einrollte. Doch nach einem Augenblick der Überraschung breitete sich ein leises Lächeln auf seinen Lippen aus. Er schmiegte seine Wange gegen meinen Kopf und seufzte zufrieden. Ich ließ ihn gewähren und wunderte mich, wie natürlich und gut es sich anfühlte, so nah bei ihm zu sein.
Ich dachte an den Morgen im Haus seiner Verwandten, an dem ich ihn so vertrauensvoll an mich geschmiegt gefunden hatte. Und ich dachte an seinen warmen Körper, der so perfekt zu meinem eigenen zu passen schien. Und jetzt, mit meinen schärferen Sinnen, kam noch sein Geruch dazu. Es war so schwer ihn zu beschreiben, aber er roch gut. Weich und gleichzeitig stark. Zärtlich, aber starrsinnig. Liebevoll, doch ebenso einsam.
Harrys warmer Atem strich in langsamen, gleichmäßigen Zügen über mein Fell, nachdem er wieder hinüber in einen tiefen, ruhigen Schlaf geglitten war. Der Schlafsaal war dunkel und ruhig. Nur von draußen klang der leise Ruf einer Eule, die in der Nacht ihre Beute jagte, herein und es dauerte nicht lange, da war auch ich eingeschlafen.
ooOoOoo
Nevilles Wecker riss mich am nächsten Morgen mitten aus einer Tiefschlafphase heraus. Im ersten Moment war ich völlig desorientiert und dachte ich wäre wieder im Schrank bei den Dursleys, bevor mir einfiel, dass ich immer noch in Hogwarts und es nun Zeit zum Aufstehen war.
Und wie so oft verspürte ich keine Lust dazu. Ich wusste, dass meine Müdigkeit verfliegen würde, wenn ich erst einmal im Bad gewesen war, doch ich mochte mich nicht aufraffen und mich dorthin schleppen. Noch dazu, weil Dumbledores Kater immer noch an der Stelle lag, an der er sich in der Nacht zuvor niedergelassen hatte: In meiner Halsbeuge.
Und da war noch etwas, dass mich überraschte, abgesehen von der Tatsache, dass der Kater seine Scheu mir gegenüber endlich überwunden hatte. Seit er sich bei mir eingerollt hatte und ich eingeschlafen war, hatte ich mich keinen Zentimeter bewegt. Normalerweise schlief ich so unruhig, dass ich am nächsten Morgen in einer ganz anderen Position und meist auch an einer ganz anderen Stelle aufwachte, als der, an der ich eingeschlafen war.
Entweder war das eine der wenigen Nächte gewesen, in der ich ausgesprochen ruhig geschlafen hatte oder der warme Katzenkörper, dessen weiches Fell sich gegen meine Halsbeuge schmiegte, übte wirklich eine außerordentlich beruhigende Wirkung auf mich aus.
„Hey, du Schlafmütze! Steh auf!" Die Vorhänge zu meinem Bett wurden aufgerissen und als ich mich träge blinzelnd zu dem Übeltäter umwandte, entdeckte ich Ron, der vorsorglich schon einen Lappen in der Hand hielt.
Murrend richtete ich mich auf und streckte mich ausgiebig. „Ist ja schon gut. Ich bin gleich soweit." Müde blinzelnd krabbelte ich aus dem Bett. Ein neidischer Blick traf den Kater, der nur kurz aufblickte und seinen Kopf dann wieder auf das Kissen fallen ließ, und dann machte ich mich bibbernd auf ins Bad. Als ich jedoch wieder in den Schlafsaal kam, um mich anzuziehen, war das Bett leer.
Und wenig später wusste ich auch wieso. Ich durchquerte gerade den Gemeinschaftsraum auf dem Weg zum Porträt, um mit Ron und Hermine hinunter zum Frühstück zu gehen, da entdeckte ich mein Pflegekind stolz und aufrecht auf einem der Sessel nahe des Ausgangs sitzen.
„Du solltest ihm endlich einen Namen geben", sagte Hermine neben mir, die meinem Blick gefolgt war.
„Er hat doch wahrscheinlich schon einen." – Aber sie hat Recht –, dachte ich, während ich zum Sessel hinüber ging. Ich würde in nächster Zeit nicht dazu kommen, Dumbledore danach zu fragen und ich konnte ihn nicht immer nur „der Kater" oder „Dumbledores Katze" nennen.
„Guten Morgen", sagte ich lächelnd, als ich den Sessel erreicht hatte und streckte die Hand aus, um ihm über den Kopf zu streicheln, darauf gefasst, eins mit seinen scharfen Krallen gewischt zu kriegen. Doch zu meiner großen Freunde ließ er es sich gefallen, während er mich aus ernsten Katzenaugen musterte.
„Nenn' ihn doch Schneeball oder so bis Dumbledores Freund ihn wieder haben will", schlug Ron schulterzuckend vor, doch ich schüttelte den Kopf, denn einen Moment sah der Kater aus, als würde er mir tatsächlich die Augen auskratzen, wenn ich auf diesen Vorschlag einging.
– Bei seinem Temperament sollte ich ihn lieber Draco nennen – ging es mir durch den Kopf und ich wandte mich lächelnd ab. Oder wollte es zumindest. Denn gerade als ich dem Sessel halb den Rücken zugedreht hatte, bohrten sich spitze Krallen in meine Hand und mit einem unwillkürlichen „Au!" wandte ich mich zurück, um den Kater strafend zu mustern.
Er hielt meine Hand zwischen beiden Vorderpfoten, die Krallen ausgefahren und schien nicht die Absicht zu haben, in nächster Zeit loszulassen. Der Ausdruck in seinen Augen war entschlossen und... einen Moment stockte ich, als mir auffiel, wie menschlich sein Blick war. Doch bevor ich mich allzu sehr darüber wundern konnte, war er blitzschnell und geschickt an meinem Arm hinaufgeklettert und thronte nun auf meiner Schulter. Seine nadelspitzen Krallen drückten sich durch den Stoff meiner Schulrobe hindurch in meine Schulter.
„Was...!", entfuhr es mir und als ich nach oben langen wollte, um ihn wieder herunter zu holen, war die alte Aggressivität zurück. Er fauchte ungehalten und ich hielt einen Moment verblüfft inne. Der Kater wollte doch nicht etwa mit zum Frühstück?
„Kommst du Harry?", rief Hermine ungeduldig von der anderen Seite des Porträtlochs.
„Ja doch!", rief ich zurück und holte mir eine blutige Hand, als ich nach meinem Pflegekind greifen wollte. Warum kam er ausgerechnet jetzt auf dumme Ideen? Ich hatte keine Zeit zum spielen! „Schon gut", murrte ich widerwillig. „Ich nehme dich mit. Kommst du jetzt endlich von meiner Schulter?" Und dieses Mal ließ er sich tatsächlich von mir greifen.
„Harry?", fragte Hermine auf dem Weg zum Großen Saal und ihr Blick fiel bedeutungsschwer auf den Kater- ich hatte soeben beschlossen ihn ‚Blizzard' zu taufen- auf meinem Arm.
„Er wollte nicht da bleiben", erklärte ich ihr mürrisch und zeigte ihr meine verletzte Hand.
„Du wirst ihn doch aber nicht mit in den Unterricht nehmen, oder?", hakte sie nach und ich schüttelte den Kopf.
„Natürlich nicht!" Ich hatte mir die Schuldordnung nie durchgelesen, aber ich war mir sicher, dass Haustiere in den Unterrichtsräumen nicht erlaubt waren. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne Blizzards Starrsinn gemacht.
ooOoOoo
Der Himmel draußen war pechschwarz und Regentropfen so groß wie wertvolle Perlen trommelten in einem raschen, unermüdlichen Stakkato gegen das Fenster, vor dem ich bequem lag und hinaussah. Unten in den Kerkern hätte ich den Sturm wahrscheinlich nicht in all seiner Wucht mitbekommen, aber hier oben im Turm hörte man deutlich, wie er um die Ecken des Schlosses fauchte.
Ich rollte mich ein wenig vor dem kühlen Fenster zusammen und blickte hinaus in die stürmische Nacht. Alles in allem war das Leben im Gyffindorturm gar nicht übel. Nicht zufriedenstellend, aber auch nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Vor allem nicht mehr, nachdem ich Harry dazu gebracht hatte, mich zu den Unterrichtsstunden mitzunehmen, damit ich nicht allzu viel verpasste.
Natürlich hatte er nach dem ersten Mal versucht, mir am Morgen auszuweichen und aus dem Weg zu gehen, doch ich hatte es jedes Mal geschafft ihn aufzuspüren und hatte ihn solange bearbeitet, bis er seinen sinnlosen Widerstand aufgab und mich mitnahm. Nicht einmal in dieser Gestalt konnte er es ernsthaft mit mir aufnehmen! Unter meinen Schnurrhaaren breitete sich ein schadenfrohes Katzengrinsen aus.
Doch es verschwand schnell wieder, als meine Gedanken weiter zu den Unterrichtsstunden wanderten. Oh, es war so langweilig gewesen oben im Turm zu bleiben mit den anderen Tieren und nichts zu tun zu haben. Ich hatte versucht mich zu beschäftigen, doch es war endlos mühsam zu versuchen, mit Katzenpfoten in Büchern, die von ihren Besitzern liegen gelassen worden waren, herumzublättern.
Und so konnte das einfach nicht weiter gehen! Sicher, ich wollte nicht umgebracht werden, aber ich hatte auch nie darum gebeten, versteckt zu werden. Und schon gar nicht auf diese Weise. Als Kätzchen in der Löwenhöhle unter Potters Aufsicht- also wirklich!
Und so hatte ich mich entschlossen, dass sich etwas ändern musste. Die Idee, es so simpel anzugehen, kam mir aber erst nach jener Nacht, in der ich mich... nun... an Harrys Halsbeuge geschmiegt hatte. Freilich nur um ihn zu trösten! Aber als ich mich nach dem Aufwachen in dem Bett gerekelt hatte, bemerkte ich plötzlich, dass ich meine Krallen ausgefahren hatte. Endlich hatte ich den Bogen raus! Und ich beschloss, sie zu benutzen, um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Das war sehr viel simpler, als mich in seine Tasche, die mit Büchern vollgestopft war, schmuggeln zu wollen. Das konnte ich immer noch versuchen, wenn Plan A nicht funktionierte.
Zum Glück war Harry nicht besonders scharf auf blutige Hände.
Soweit hatte alles geklappt. Dennoch stellten sich im Unterricht unerwartete Probleme ein. Am liebsten war es mir, wenn er mich einfach in seine Tasche steckte und sie ein wenig aufließ. Ich konnte nicht mitschreiben, aber hören konnte ich von meinem Platz ausgezeichnet.
Doch leider schien ihn die Befürchtung zu quälen, ich könnte mitten in der Stunde auf die dumme Idee kommen, aus meinem Versteck zu hüpfen und mich zu verraten, weshalb er mich nur selten in seiner Tasche verstaute. Stattdessen versteckte er mich sehr viel lieber unter seinem Umhang oder gar unter seinem Pullover.
Und das passte mir gar nicht! Durch die Lagen Stoff, die mich umgaben, vernahm ich die Stimmen der Lehrer nur gedämpft und gerade bei Professor Snape, der oft an der Grenze zum Flüsterton sprach, war das unheimlich unpraktisch. Außerdem war ich abgelenkt. So nahe bei ihm, dass ich die Wärme seines Körpers spürte und von Kopf bis Schwanzspitze in seinen herrlichen Geruch eingehüllt war, konnte ich kaum einen klaren Gedanken fassen, sondern wollte einfach nur schnurren.
Das hing sicher damit zusammen, dass nun auch mein Verstand teilweise der einer Katze war. Entweder das oder ich hatte dieses Etwas, das so vehement nach Harry verlangte, aus meinem menschlichen mit hinüber in den tierischen Körper genommen und das war ein höchst unerfreulicher Gedanke. Schließlich konnte man nie wissen, wann es sich wieder entschloss Amok zu laufen und ich hatte bereits bemerkt, dass ich als Katze wesentlich weniger Selbstkontrolle hatte, denn als Mensch.
Ich seufzte lautlos auf meiner Fensterbank und hob den Kopf, um meinen Blick durch den Gryffindorgemeinschaftsraum schweifen zu lassen. Für dieses Problem hatte ich noch keine Lösung gefunden und so sehr ich auch versuchte, mir das Gegenteil einzureden- etwas in mir sagte mir, dass es hierfür auch keine gab.
Meine Augen landeten auf einem orangeroten Fellknäuel, dass sich gemütlich in einem Sessel eingerollte hatte. Der Kater von Granger, der mir in just diesem Moment sein eingedelltes Gesicht zuwandte und mich seinerseits musterte. Der Teufel sollte mich holen, aber das war kein normaler Kater! Bei Merlins Barte, ich würde meine rechte Hand darauf verwetten, dass er genau wusste, dass ich in Wahrheit ein Mensch war. Er wich mir kaum von der Seite, sobald ich mich im Gryffindorturm befand und in seinem wachsamen Blick fand ich ein Wissen und eine Intelligenz, die ihm als Tier nicht zustanden.
Etwas steif vom langen Liegen erhob ich mich und sprang von der Fensterbank, um zu Granger hinüber zu wandern. Sie machte gerade Hausaufgaben und ich wollte ein paar Blicke auf ihre Aufzeichnungen und auf ihre Bücher riskieren. Harry hatte heute wieder einen seiner ungnädigen Tage gehabt und mich den ganzen Tag lang unter seinem Pullover versteckt. Ich wollte mir einfach einen Überblick über das verschaffen, was ich verpasst hatte.
Wie üblich wusste der Kater von Granger genau was ich vorhatte, kaum dass ich von der Fensterbank herunter war. Er sprang ebenfalls mit einem eleganten Satz von seinem Sessel und wuselte eilig an mir vorbei und hinüber zu seiner Besitzerin. Und dabei nahm er keine Rücksicht auf Verluste- oder auf etwaige Gryffindorbeine, die in seinem Weg waren.
Ein Drittklässler musste einen raschen Ausfallschritt machen, um nicht von ihm umgerannt zu werden, und fluchte lauthals. Es gelang ihm zwar, schnell das Gleichgewicht wiederzufinden, doch das galt leider nicht für den vollen Becher Kakao in seiner Hand und so landete ein Gutteil der heißen Flüssigkeit nicht nur auf den Teppich, sondern zielgenau auch auf meinem weißen Fell.
Mit einem zornigen Fauchen sprang ich zurück, spürte die Hitze auf meiner Haut und hatte nicht übel Lust dem Trottel die Krallen ins Bein zu schlagen. Doch da er sich auch die Finger an dem überschwappenden Kakao verbrüht hatte, entschied ich mich, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.
Missmutig setzte ich mich auf meine vier Buchstaben und besah mir die Bescherung auf meinem Rücken. Na wunderbar! Fast die Hälfte des ehemals strahlend weißen Fells war jetzt fleckig braun und verklebt. Wie sah das denn aus? Ich mochte im Moment kein Mensch sein, aber das bedeutete nicht, dass ich keinen Wert mehr auf mein Äußeres legte. Wie sollte ich dieses Zeug nur wieder abkriegen?
Meine Augen wanderten zu Krummbein, der auf dem Tisch vor Hermine zwischen den Büchern thronte, sich ausgiebig putzte und mir einen provokanten Blick zukommen ließ. Oh nein! Oh nein, ganz sicher nicht! Ich würde mich nicht dazu herablassen, mir das Fell mit der Zunge zu putzen wie ein Tier! Auf gar keinen Fall!
Ich schenkte ihm einen tödlichen Blick als Antwort, reckte meinen Schwanz in die Höhe und stolzierte hinüber zum Jungenbad. Einen kräftigen Sprung später hing ich an der Türklinke, die durch mein Gewicht heruntergedrückt wurde, und die hinderliche Tür schwang auf. Als ich elegant auf der anderen Seite gelandet war, versuchte ich, sie wieder zuzuschieben. Allerdings erforderte das weitaus mehr Kraft, als ich erwartet hatte. Ich verfluchte Dumbledore im Stillen dafür, dass er aus mir so ein kleines Tier gemacht hatte, doch endlich fiel die störrische Tür doch noch ins Schloss.
Zufrieden, dass ich die Zugluft ausgesperrt hatte und nun einigermaßen von Privatsphäre sprechen konnte, machte ich mich auf den Weg zu den Kabinen. Auf halber Strecke stolperte ich über eine klatschnasse und schlammverkrustete Quidditch-Robe und wusste nicht, ob ich darüber erfreut sein sollte oder nicht. Natürlich war mir klar, dass es mir nicht möglich war, die Mischbatterie der Dusche als Katze zu bedienen und ich zwangsläufig auf einen Menschen angewiesen war, doch musste es ausgerechnet einer aus der Quidditch-Mannschaft sein?
Wenn ich richtig Pech hatte, war es dieser Weasley. Oh, ich konnte diese Person nicht ausstehen! Ich mochte die ganze Familie nicht, aber ihn am allerwenigstens. Wenn ich daran dachte, wie er ständig an Harrys Seite klebte, wurde mir schlecht. Und zusammen mit der Übelkeit und der Abneigung tauchte ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Hogwartsexpress, erstes Schuljahr. Harry Potter, der meine Freundschaft kühl ablehnte und ihm gegenüber- Ronald Weasley, grinsend. Wenn es diese Schande für die Zaubererschaft nicht gegeben hätte, wäre alles vielleicht ganz anders gelaufen. Wenn er nicht gewesen wäre, wären Harry und ich inzwischen vielleicht-
Meine Gedanken kamen zu einem abrupten Halt, als ich die Kabine betrat, aus der ich das Wasserrauschen vernommen hatte. Meine Katzenaugen sahen sich mit zwei schlanken Knöcheln konfrontiert und ohne mein Zutun wanderten sie langsam weiter nach oben über lange, wohlgeformte Beine, einem knackigen Hintern und einer schmalen Taille hinauf zu einem Rücken, der nicht besonders muskulös, aber auf schwer definierbare Weise sexy war.
Ich wusste, ich sollte es besser lassen. Wenn sich am Ende des Halses ein Rotschopf befand, würde ich mich wahrscheinlich hier und jetzt übergeben. Ein nackter Weasley war nichts, dass ich meinen Augen antun wollte, egal wie atemberaubend der Körper auch sein mochte, doch ich konnte mich nicht beherrschen.
Ein warmes, samtenes Lachen ließ meinen Blick schneller als beabsichtigt nach oben schnellen und was ich sah, ließ meinen Herzschlag für den Bruchteil einer Sekunde stoppen. „Wie siehst du denn aus?" Grüne Augen funkelten belustigt, als sich ihr Besitzer herumdrehte und zu mir herunterbeugte.
Entsetzt machte ich einen Schritt zurück. Potter. Harry Potter. Harry Potter in der Dusche. Ohne einen einzigen Fetzen Kleidung am Leib! Natürlich hatte ich schon andere Jungen nackt gesehen, aber nicht ihn. Nicht ihn, der meine Gedanken so beherrschte und dafür sorgte, dass meine Gefühle ein beständiges Chaos waren. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und um die Sache noch zu verschlimmern, streckte er jetzt die Hände nach mir aus und nahm mich hoch, um sich mein Fell aus der Nähe zu betrachten. Ich erstarrte, als hätte mich ein Schockzauber mit voller Wucht getroffen.
„Was hast du nur angestellt?", fragte er lächelnd und ich hörte den zärtlichen Ton seiner Stimme ganz genau. Plötzlich fing die Welt an sich zu drehen und alles, was ich noch herausbrachte, war ein schwaches Wimmern. Wenn er mich nicht sofort losließ, würde ein Unglück geschehen! Ich merkte, wie ich zu zittern begann, während ich mich bemühte, meine Selbstkontrolle aufrecht zu erhalten... doch wenn ich nicht sofort aus seiner Nähe verschwinden konnte, dann war das alles umsonst. Dann war es zu spät und ich würde-
Die wirbelnde Welt kam zum Stillstand und die Zeit gefror. Eine Seife glitt geschmeidig über meinen Körper und anschließend massierten schlanke, talentierte Finger den Schaum in mein Fell ein. Meine Haut begann wundervoll zu prickeln. Ich fühlte, wie mir meine Selbstbeherrschung entglitt und es war mir vollkommen egal.
Unter seinem sanften Lächeln schmiegte ich mich laut schnurrend in seine zärtlichen Hände.
ooOoOoo
Tief in Gedanken versunken saß ich in einem Sessel am Kamin, Blizzard auf meinem Schoß. Meine Augen waren auf Ron gerichtet, der gerade die letzten Sätze seines Aufsatzes für Verwandlungen schrieb, doch ich sah ihn im Grunde nicht.
Ich dachte an Draco. Der Überfall war jetzt 3 Wochen her und noch immer war nicht die kleinste Haarspitze von ihm zu sehen. Stimmten die Gerüchte vielleicht doch? War er tot? Dumbledore hatte zwar gesagt, es hätte keine Toten, nur einen Verletzten gegeben... aber in Anbetracht der Zeit, die inzwischen verstrichen war, musste Draco wirklich schwer verwundet worden sein. Wenn er damals noch nicht tot war, war er es vielleicht inzwischen.
Meine Sorge fraß mich langsam auf. Tagsüber bombardierte mich meine Fantasie mit schrecklichen Bildern und nachts träumte ich, wie Draco auf viele verschiedene Arten den Tod fand, jede für sich furchtbar. Als ich es schließlich nicht mehr ausgehalten hatte, hatte ich ihm einen Besuch abstatten wollen.
Doch bevor ich das Bett am Fenster erreichte, das mit einem Wandschirm von der restlichen Krankenstation abgeschirmt war, hatte mich Madam Pomfrey abgefangen und mich rausgeworfen. Der Patient brauche Ruhe. Er sei noch nicht so weit, um Besuch empfangen zu können.
Nach drei Wochen immer noch nicht? Das trug überhaupt nicht dazu bei, mich zu beruhigen. Im Gegenteil. Ich wusste zwar, dass unsere Krankenschwester ihre Patienten manchmal ein bisschen zu sehr bemutterte und abschirmte, aber die Befürchtung, dass es in diesem Fall berechtigt war, ließ mich nicht los..
Ich hatte den verwüsteten Gemeinschaftsraum der Slytherins zwar nicht gesehen, aber der Schreck saß ihnen immer noch tief in den Knochen. Noch immer traf man sie nur in kleinen Grüppchen an. Also musste es wirklich übel gewesen sein. Wer trachtete Draco nur so nach dem Leben und vor allem: Warum?
„Ihr versteht euch inzwischen ziemlich gut, oder?", fragte Ron und riss mich damit so plötzlich aus meinen Gedanken, dass ich ihn für eine geschlagene Minute völlig verwirrt anstarrte. Dann dämmerte mir endlich, was er meinte.
Ich blickte hinunter auf Blizzard, der unter meinen kraulenden Fingern leise schnurrte. „Jaah... ja, stimmt schon...", antwortete ich zerstreut. Dass ich mit ihm inzwischen bestens zurecht kam, änderte nichts an der Tatsache, dass sich die Sorge um Draco wie ein spitzer Stachel in mein Herz bohrte.
Hermine, die gerade Rons Aufsatz Korrektur las, blickte auf. „Harry? Alles in Ordnung?"
„Ja... das heißt nein." Sollte ich mich ihnen tatsächlich anvertrauen? Sie würden es vielleicht nicht verstehen, weil ich ihnen nicht erzählen konnte, was in den Weihnachtsferien vorgefallen war. Mein scheinbar grundloser Gefühlsumschwung würde sie irritieren. Aber waren sie nicht auch meine besten Freunde? Bisher hatte ich mit ihnen immer über alles sprechen können... Ich beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.
„Findet ihr nicht auch, dass Malfoy schon ziemlich lange fehlt?", fragte ich zögerlich und bemerkte nur am Rande, dass Blizzard aufhörte zu schnurren und seinen Kopf hob, um mich zu mustern.
Ron schnaubte. „Das ist kein großer Verlust würde ich sagen."
„Nein... aber es muss ihn ziemlich übel erwischt haben. Ich meine, wir haben einiges erlebt... Aber wir hatten bisher kein Phantom, dass Schüler angreifen und immer wieder spurlos verschwinden konnte. Das find ich... beunruhigend."
Hermine nickte nachdenklich und mir war der wachsame Ausdruck in ihren Augen, der erschien, als ich Draco erwähnte, nicht entgangen. Ich musste vorsichtig sein mit dem, was ich sagte.
„Und was ist mit dem Basilisken?", erinnerte mich Ron. „Der erschien uns zunächst auch wie ein Phantom."
„Das ist richtig", meldete sich nun auch Hermine zu Wort, „aber er hatte es niemals nur auf einen Schüler abgesehen und er hat es auch nicht geschafft, in die gut geschützten Gemeinschaftsräume einzudringen." Daraufhin folgte kurzes Schweigen, bevor Hermine erneut sprach, dieses Mal in einem leisen, sanften Tonfall. „Du machst dir Sorgen um ihn, nicht wahr, Harry?"
Ich versteifte mich. „Nein! Es ist nur..." Mir fiel keine Ausrede ein. Hermine hatte mich erfolgreich in die Ecke gedrängt.
„Warum besuchst du ihn nicht einfach auf der Krankenstation?", schlug sie vor und lächelte mich an.
Ron schnappte empört nach Luft und ich begann unruhig auf meinem Sessel hin- und herzurutschen. „Das habe ich bereits versucht, aber Madam Pomfrey hat mich rausgeschmissen, bevor ich sehen konnte wie es ihm geht", gab ich schließlich widerstrebend zu.
„Was?", keuchte Ron entsetzt. „Langsam glaube ich, du spinnst, Harry. Nimm es mir nicht übel, aber du verhältst dich seltsam in letzter Zeit, wenn Malfoy ins Spiel kommt. Erst riskierst du dein Leben, damit ihn diese Statue nicht erschlägt, dann rettest du ihn erneut in Zaubertränke und jetzt besuchst du ihn auch schon am Krankenbett! Was ist los mit dir?"
Ich wies Ron darauf hin, dass ich in Zaubertränke auch mich selbst gerettet hatte, aber das ließ diesen ungläubigen Ausdruck nicht aus seinem Gesicht verschwinden. Und in Hermines Augen blitzte es triumphierend auf und das beunruhigte mich noch viel mehr. So sah sie aus, wenn sie einen Geistesblitz hatte und die Fakten zu der einzig richtigen Lösung zusammenfasste.
Ruckartig erhob ich mich. „Es ist spät und ich bin müde. Gute Nacht." Mit Blizzard auf dem Arm ging ich zur Treppen. Ich wäre am liebsten gerannt, aber das war ohnehin schon nicht das, was man einen gelungenen Abgang nannte. Ich musste es nicht noch mehr vermasseln, indem ich noch offensichtlicher floh.
„Harry?"
Steif drehte ich mich wieder zu Hermine um und machte mich auf das Schlimmste gefasst. Wenn sie mich fragte, ob ich Draco liebte, würde ich keine Lüge zustande bringen. Und was das für meine Freundschaft mit den beiden- vor allem für die mit Ron- zur Folge hatte, daran wollte ich lieber nicht denken.
„Findest du nicht auch, dass es eine tolle Nacht ist?" Sie blickte lächelnd aus dem Fenster.
Ich runzelte irritiert die Stirn. Ihre seltsame Frage hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich war auf das Schlimmste vorbereitet gewesen und nicht auf so eine zusammenhanglose Frage. Obwohl ich nicht leugnen konnte, dass ich erleichtert darüber war. „Sicher.. wenn du meinst...", erwiderte ich vage und machte mich wieder auf den Weg hinauf zum Jungeschlafsaal.
Es war inzwischen weit nach Mitternacht und alle anderen Jungs aus meinem Schlafsaal hatten inzwischen in das Reich der Träume gefunden. Sogar Blizzard, der auf meinem Bauch lag, schien tief und fest zu schlafen. Nur ich lag noch wach und starrte den Betthimmel an; zu unruhig um Schlaf zu finden.
„So geht das nicht weiter", flüsterte ich missgelaunt und schob Blizzard unsanft von mir herunter, worauf er mit einem verstimmten Knurren reagierte und mich ärgerlich anfunkelte. Ohne ihn zu beachten, drehte ich mich auf den Bauch und holte meinen Zauberstab und das Foto von jenem Quidditch-Spiel unter meinem Kopfkissen hervor, bei dem ich zu Draco auf den Besen gesprungen war, nur um den Schnatz zu fangen.
„Lumos." Im schwachen Licht meines Zauberstabes sah ich immer wieder zu, wie Draco mich fing und wir einen Moment zu lange in dieser vertrauten Position verharrten. Neben mir bewegte sich Blizzard und schien über meine Schulter auf das Foto zu schauen, doch ich hatte im Moment nur Augen für Draco. Es war nicht fair, dass er alleine das Ziel war. Nicht, dass ich mich darum riss, sinnlos in Gefahr zu geraten, aber ich wollte ihn so gerne beschützen. Und wenn das bedeutete, dass ich an seiner Stelle die Zielscheibe wurde, dann war das völlig in Ordnung.
Immerhin war ich daran gewöhnt, in gefährliche Situationen zu geraten. Ich hatte seit meinem ersten Schuljahr immer wieder Voldemort oder seinen Todessern gegenüber gestanden und ich hatte im Trimagischen Turnier gekämpft. Ich wollte nicht behaupten, dass Draco sich nicht selbst verteidigen konnte, aber was Gefahr betrifft, so hatte ich möglicherweise die besseren Instinkte von uns beiden.
Und ich hatte Freunde, die mir zur Seite stehen würden. Draco war zwar ständig in der Begleitung von Crabbe und Goyle zu sehen und Pansy schwärmte definitiv für ihn, aber das alles ersetzte keine wahre Freundschaft. Ob sie wirklich zu ihm halten würden wenn es darauf ankam, war fraglich.
Ich seufzte leise und zog Blizzard, dessen Fell meinen Oberarm gekitzelt hatte, an meine Brust, um ihn ein wenig im Nacken zu kraulen. „Hermine hat Recht, weißt du", wisperte ich. „Ich mache mir tatsächlich Sorgen um Draco. Der Gedanke, dass ich nicht weiß, wie es ihm geht und dass ich nichts für ihn tun kann, macht mich fast wahnsinnig."
Blizzard drückte sich schnurrend an meine bloße Haut und die Berührung war ungemein tröstend. Und inspirierend, denn plötzlich begriff ich, was Hermine mir mit ihrer seltsame Frage nach der schönen Nacht hatte sagen wollen.
Ich lächelte den kleinen weißen Kater in meinem Arm an. „Ja, es ist tatsächlich eine schöne Nacht. Geradezu geschaffen für einen Ausflug mit dem Tarnumhang." Damit erhob ich mich und zerrte besagtes Kleidungsstück unter meinem Kopfkissen hervor. Mit einem Satz saß Blizzard darauf und maunzte laut.
„Nein, ich habe jetzt keine Zeit zum spielen. Komm runter." Ich hob ihn hoch, handelte mir einige blutige Kratzer ein und setzte ihn hastig auf dem Bett ab, bevor ich mir meinen Tarnumhang schnappte und in Richtung Tür eilte. Wie ein weißer Blitze rannte Blizzard mit großen Sprüngen an mir vorbei und verstellte mir den Weg, nochmals laut maunzend.
„Shh, du wirst alle aufwecken", zischte ich ihm zu und warf einen vorsichtigen Blick auf die anderen Betten. Es schien niemand geweckt worden zu sein- noch nicht, denn Blizzard gab keine Ruhe.
„In Ordnung...", langsam zog ich meinen Zauberstab. „Das tue ich jetzt wirklich nicht gerne. Petrificus totalus!" Der Zauber verfehlte ihn, weil er behände zur Seite sprang, doch das war egal. Der Weg zur Tür war frei und ich beeilte mich, den Gemeinschaftsraum zu durchqueren, bevor der Kater noch einmal auf die Idee kam, mich abhalten zu wollen. Ich würde nicht zulassen, dass sich mir irgendjemand in den Weg stellte, egal wer.
Die Gänge von Hogwarts durchquerte ich so rasch wie möglich, aber nicht ohne die gebotene Vorsicht. Bei dem kleinen Gefecht mit Blizzard hatte ich dummerweise die Karte des Rumtreibers vergessen. Es fehlte nur noch, dass ich auf Snape traf, der sowieso einen sechsten Sinn für meine Gegenwart zu haben schien. Doch außer Sir Nicholas begegnete mir niemand. Schließlich öffnete ich mit angehaltenem Atem die Tür zur Krankenstation, darauf hoffend, dass sie nicht laut quietschte oder knarrte. Türen taten das für gewöhnlich immer dann, wenn man es gerade ganz und gar nicht gebrauchen konnte, doch ich hatte Glück. Nach einem sichernden Blick, der mir bestätigte, dass ich alleine war, schlich ich mich an das letzte Bett heran.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich dem Wandschirm näherte. Schließlich wusste ich nicht, was mich erwartete. Im besten Fall ein Draco, der friedlich schlief... im schlimmsten Fall... doch diesen Gedanken wollte ich nicht zu Ende denken und unterdrückte ihn mühsam, bis ich schließlich den Wandschirm umrundet hatte und direkt vor dem Bett stand.
Ich blinzelte, schloss die Augen ganz fest und kniff mich in den Unterarm, doch das Bild war dasselbe als ich meine Augen wieder öffnete. Das Bett war leer. Keine Spur von Draco. Natürlich konnte es sein, dass er gerade die Toilette hatte aufsuchen müssen und ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen war, aber die Bettwäsche sah nicht so aus, als wäre sie in letzter Zeit benutzt worden.
Er war fort. Deshalb hatte Madam Pomfrey mich nicht in die Nähe des Bettes gelassen. Weil es keinen Patienten gab, den man hätte besuchen können. Wo war er? Was hatten sie mit ihm gemacht? Hatten sie ihn versteckt, damit so etwas Furchtbares nicht noch einmal passieren konnte? Oder war er...? War er tatsächlich...? Es kostete mich unheimlich viel Kraft, das Wort „gestorben" überhaupt zu denken und gleichzeitig erwachte etwas in mir, das voll wütender Traurigkeit schrie, dass das nicht wahr sein konnte. Er konnte nicht tot sein. Nicht Draco. Nicht mein Draco!
Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte so schnell ich konnte, zurück zum Gemeinschaftsraum ohne mich darum zu kümmern, ob ich Lärm machte oder ob mich vielleicht hinter der nächsten Ecke Filch oder Snape erwarteten. Und ich hatte erneut Glück. Ich traf nur auf Mrs. Norris, die eilig davon flitzte. Wahrscheinlich um bei ihrem Herrchen Alarm zu schlagen, aber das war mir egal. Bis der alte Hausmeister hier war, war ich schon lange wieder im Schlafsaal.
„Mittsommernacht", keuchte ich das Passwort und das Porträt schwang zur Seite. Hektisch stolperte ich die Treppen hinauf, polterte in den Schlafsaal und kramte nach der Karte des Rumtreibers.
Blizzard saß aufrecht auf dem Bett und beobachtete mich misstrauisch. Doch dafür hatte ich jetzt keine Nerven. Draco lebte- da war ich mir ganz sicher. Ganz einfach, weil es so sein musste. Etwas anderes war absolut inakzeptabel. Und vielleicht, vielleicht war er ja noch in Hogwarts. Möglicherweise war er zufällig heute entlassen worden.
Mit der Karte in der Hand und dieser verzweifelten Hoffnung im Herzen, ließ ich mich auf das Bett fallen und meine Zauberstabhand zitterte fürchterlich, als ich die Karte antippte und flüsterte: „Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin."
Ungeduldig sah ich zu, wie sich schwarze Tintenlinien im Schneckentempo auf dem Pergament ausbreiteten und suchte dann angespannt nach Dracos Namen.
Und mit einem Mal hörte meine Hand auf zu zittern und ich saß wie erstarrt. Noch ungläubiger als zuvor das leere Bett, starrte ich nun auf die Karte, die mein Vater zusammen mit seinen Freunden entwickelt hatte. Draco Malfoy war nicht einfach nur in Hogwarts. Nein, die Karte zeigte einen winzigen, schwarzen Tintenpunkt mit seinem Namen direkt neben dem, der mit meinem eigenen Namen beschriftet war. Das konnte nicht sein... das war unmöglich... und doch. Die Karte log nie.
Langsam wandte ich den Kopf und mein Blick wurde von zwei silbergrauen Katzenaugen erwidert. „Draco..."
To be continued...
Bis bald
Eure Fellfie
