14. Black Affairs – „Schmutzige" Angelegenheiten

Sirius starrte auf den leeren Punkt, wo zuvor Malfoy und Carissa gestanden hatten. Die Tränenflut hatte nachgelassen und er wischte sich apathisch die letzte Tropfen von den Wangen. Die Tränen der Wut und des Zorn hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Irgendjemand zerquetschte mit aller Macht sein Herz. Seine Brust schien ihm zu eng zu sein, um das dröhnende Schlagen länger zu verbergen. So fühlte sich also Abservieren an. Sirius ballte die Hände zu Fäusten und verzog vor Enttäuschung das Gesicht. Traurigkeit mischte sich mit all den negativen Gefühlen, die ihn nach wie vor auf dem kalten Asphalt knien ließen. Er schämte sich seiner Tränen und hasste das Gefühl, als unerwünscht abgestempelt worden zu sein. Ein Mann mit seinem Ruf, ein Mann in seinem Alter weinte einfach nicht. Tränen waren etwas für Schwächlinge. Es stand einem zwanzigjährigen Draufgänger einfach nicht zu Gesicht, redete er sich ein. Sirius wusste nicht, wie lange er schon so gekniet hatte. Die Kälte kroch seine Knie empor, erklomm seine Oberschenkel und vereinte sich mit dem innerlichen Frost, der sein Herz und seine Seele einzunehmen drohte, zu einem arktischen Gefühl der Leere, die Wut und Enttäuschung verdrängte.

„Sie hasst mich", flüsterte er in den Abend. „Sie verabscheut mich und..." Er schloss gepeinigt die Augen. Eine warme Hand legte sich auf seine Schulter.

„Hast du etwas anderes erwartet, Tatze?"

„Remus, du verstehst das nicht! Sie ist freiwillig mit ihm mitgegangen! Sie will mich nicht, sie will ihn!"

„So so, ich verstehe das also nicht? Du scheinst nicht zu verstehen! Versetze dich doch bitte mal in ihre Lage! Sie wurde entführt, ihr wurde die Stimme genommen, sie ist in einem Bordell gelandet, wo sie wer-weiß-was tun musste. Sie hat die erste sich ihr bietende Möglichkeit wahrgenommen, um dieser Situation zu entkommen, hat sich damit arrangiert, dass für gewisse Hilfestellungen auch gewisse Gegenleistungen erwartet werden. Und dann findet sie dich, wie du hinter einer fremden schönen Frau..."

„Du findest mich schön?"

„... hinter einer fremden schönen Frau in einer Umkleidekabine kniest und ihr die Corsage schnürst. Was glaubst, du hat sie für einen Eindruck von dir bekommen, Black? Anstatt nach ihr zu suchen, gehst du mit einer anderen einkaufen und treibst sonstwas mit ihr an den unmöglichsten Orten."

Remus redete eindringlich auf Sirius ein. Doch dieser kniete noch immer apathisch auf dem Boden und zitterte erbärmlich. Lupin hatte ja Recht. Er musste so aussehen, als hätte er Carissa ersetzt, sobald er sie los geworden war. Es war alles so ungerecht. Er unternahm einen laschen Versuch, sich zu verteidigen.

„Ja aber, sie" - er zeigte mit dem Finger auf eine zufrieden grinsende Narzissa - „ist doch meine Cousine! Ich würde niemals... Oh Merlin, bei dem Gedanken wird mir schlecht!"

Remus hockte sich neben ihn und packte ihn bei den Oberarmen. „Das, mein Freund, kann Carissa nicht wissen. Wer kennt sich schon in eurer Familie aus? Und Narzissa sieht nicht aus, als würde sie dazugehören."

Sirius nickte. Natürlich hatte Remus Recht. Remus hatte eigentlich immer Recht. Er war der vernünftige, sachlich denkende Remus mit dem haarigen Problem. Remus dachte nach, James und er machten Blödsinn und Peter lief einfach nur mit. Remus dachte an die Konsequenzen, während ihm, Sirius, diese lange Zeit herzlich egal gewesen waren, selbst wenn er sie kannte. Er dachte mit Entsetzen daran, dass er beinahe ein Menschenleben auf dem Gewissen gehabt und einen seiner besten Freunde in Schwierigkeiten gebracht hätte. James hatte verhindert, dass es so weit kam.

„Und was soll ich jetzt tun?", fragte Sirius monoton.

„Und du findest mich wirklich schön?", quiekte Narzissa dazwischen. Sirius warf ihr einen teils amüsierten teils irritierten Blick zu, sagte jedoch nichts darauf.

„Dich werden wir jetzt ins Appartement schaffen, wo du dich aufwärmen wirst und morgen werden wir uns alle drei gemeinsam in die Höhle des Löwen wagen. Abgesehen davon, wer sagt dir, dass Carissa wirklich freiwillig mit ihm gegangen ist? Sie hat die Sicherheit gewählt und die kannst du ihr, ihrer Ansicht nach, nicht bieten!"

Sirius nickte erneut, auch wenn er nicht verstand, wovon Remus sprach, war er mit allem einverstanden. Er würde erst wieder vernünftig zu denken beginnen, wenn sein Körper die Betriebstemperatur von 37° erreicht hatte, er nicht mehr vor Kälte schlotterte und stotterte. Vorher, so schwor er sich, würde er keine Entscheidung mehr fällen.

„In die Schlangengrube meintest du wohl", empörte sich Narzissa gespielt, drückte Remus ihre Taschen in die Hand, hakte sich bei Sirius unter und versenkte ihre Fäuste in ihren Muff und begann über ihre Erlebnisse in Harrods zu plaudern.

° ° ° ° ° ° °

Lucius Malfoy und Carissa Carter apparierten in der Nähe von Malfoy House. Carissa klammerte sich beharrlich an Lucius' Arm und versuchte seine finstere Miene zu ignorieren. Zweimal hatte sie ihn an diesem Tag verärgert und beide Male hatte sie sich wie ein Backfisch benommen. Sie war fortgelaufen und hatte sich keine Gedanken um ihn und sich gemacht. Sie konnte ihn daher gut verstehen. Die grimmige Miene, der er derzeit zur Schau trug, war alles andere als vertrauenerregend. Am liebsten hätte sie einen dritten, dieses Mal wohl endgültigen Fehler gemacht und wäre erneut fortgelaufen. Um dieser Neigung nicht nachzugeben, gruben sich ihre Finger noch tiefer in Lucius' weichen Mantelstoff.

Was würde er nun mit ihr tun? Würde er sie anweisen, ihre wenige Habe zusammenzusuchen und sie dann wieder zu Mère Griseldis schaffen? Sie wagte einen kurzen Blick auf dieses attraktive Männergesicht und war am Verzweifeln. Seiner Miene war bis auf diese verbissene Grimmigkeit nichts zu entnehmen. Es wirkte wie eine der Venezianischen Masken, die Carissa so zu hassen gelernt hatte: kalt, emotionslos, fremd. Sinnend rieb sie mit Daumen und Zeigefinger ihre Nasenwurzel. Sie hatte den Kopfschmerz nicht vergessen, der so plötzlich aufgetaucht und ebenso unvermutet wieder verschwunden war.

Lucius führte sie ohne große Gesten und charmantes Geplauder ins Haus und nahm ihr den Mantel ab. Er war wütend, doch nicht wirklich auf sie, sondern auf die Situation an sich. Er hätte froh sein müssen, da er seine Verlobte gefunden und somit die Bedingung seines Schwiegervaters in Spe erfühlt hatte. Carissas Lösung vom Fluch stand also nichts mehr im Wege, dennoch ertappte Lucius sich bei dem Gedanken, ihr diese zu verweigern. Er wollte sie nicht verlieren. Es war wesentlich bequemer, eine Frau an seiner Seite zu haben, die gar nicht sprach, als eine, die nicht wusste, wann sie den Mund zu halten hatte. Lucius war sich sicher, dass Carissa letzteres vermochte, selbst wenn sie wieder reden konnte. Er hatte sie bisher als recht fügsam kennengelernt, auch wenn hier und da eine kleine Spur von Widerstand aufkeimte, das war so nicht geplant gewesen. Am deutlichsten hatte er es in Harrods bemerkt. Ihr Aufbegehren hatte ihn geschmerzt. Sie würde ihn niemals ablehnen, dafür hatte er gesorgt und sollte er ihrer überdrüssig werden, würde er ihr den Schlüssel zum für sie eingerichteten Verlies in Gringotts geben und ihr ein entsprechendes Appartement außerhalb Großbritanniens finanzieren. Sicher, anfangs würde es schwer für sie werden, ohne ihn zu sein, doch nach drei oder vier Tagen mit schrecklicher Übelkeit und entsetzlichen Kopfschmerzen würde auch das vorbei sein. Die Nebenwirkungen seiner kleinen magischen Manipulation fielen unterschiedlich aus.

Abschätzend betrachtete er sie. Irgendetwas hatte sich geändert, seit Carissa mit Sirius Black zusammengetroffen war. Sie sah ihm einfach nur in die Augen und flehte ihn stumm an, ihr zu verzeihen. Lucius seufzte nachgiebig, nahm sie in den Arm und legte ihren Kopf an seine Schulter. Sie ging ihm unter die Haut. Eigentlich hätte er wissen müssen, dass der Zauber, den er um sie wob, in beide Richtungen wirkte. Er hatte diese Wirkung offensichtlich unterschätzt. Seine Hand streichelte mechanisch über die ihr Haar und ohne zu wissen, wie und ohne zu wissen, warum, verspürte er das Bedürfnis, sie zu trösten. Er flüsterte ihr sanfte liebkosende Worte ins Ohr. Er wollte sie beruhigen, nannte sie Prinzessin und Engel, gab ihr durch abgedroschene Floskeln zu verstehen, wie schön sie war, selbst wenn sie weinte. Und schließlich weinte sie wirklich. Sie ließ den Tränen der Wut, Enttäuschung und Anspannung freie Bahn. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sie sanft auf ihr Zimmer zu führen, ohne sie aus seinen Armen zu entlassen. Während er sich fragte, wie er sie beruhigen sollte, fragte sie sich, wann sie zur Heulsuse geworden war.

Er brauchte sie, brauchte sie mehr, als er ihr sagen und sie wissen konnte.

° ° ° ° ° ° °

Am frühen Nachmittag des folgenden Tages klopfte es diskret an Mrs. Malfoys Salon Tür. Ludmilla und Carissa hatten sich dorthin zurückgezogen. Die eine erging sich in Familiengeschichten aus der guten alten Zeit, als die Familie noch in Böhmen lebte, während die andere sich nach wie vor dem verknoteten Stickgarn ihrer Gastgeberin widmete. Neben Carissa lag eines der griechischen Mythenbücher, die ihre ständigen Begleiter waren, seit sie nach Malfoy House gekommen war. Sie hatte wirklich einen Narren an den alten Legenden über Magie, Hexen und Zauberer gefressen.

Carissa ließ Mrs. Malfoy reden und lachen, zog scharlachrote Fäden aus dem Wust an Farben und dachte an Sirius. Seine grauen Augen schafften es seit dem letzten Abend immer wieder, sich in ihren Verstand einzuklinken. Mal blickten sie vorwurfsvoll, dann wieder bittend. Sirius hatte zerknirscht gewirkt und offensichtlich nichts von dem Zauber gewusst, unter dem sie stand. Beinahe hatte sie es ihm abgenommen, dass er nach ihr suchte, aber nur beinahe. Sie war sich sicher, dass er viel mehr hätte tun können. Lucius war ihr Retter, nicht Sirius. Sie war Lucius verpflichtet, nicht ihm. Sie schloss die Augen und rief sich die Szene ins Gedächtnis zurück. Er hatte hinter dieser schönen, schlanken, großen Frau gekniet und ihr die Corsage gebunden. Nichts hätte eindeutiger als diese Szene sein können. Die beiden hatten zusammen ein zauberhaftes Bild abgegeben. Wie sollte sie gegen eine solche Schönheit angekommen? Sirius Black hatte sie enttäuscht: so einfach war das.

Sie seufzte, ließ das Garn in den Schoß sinken und fixierte die im Kamin züngelnden Flammen. Niemals würde er sich ändern. Sie hatte genügend Gerüchte über Sirius Black gehört, als sie bei Mère Griseldis gearbeitet hatte. Vor allem die kleine brünette Waliserin, die Griseldis als Französin auszugeben versuchte, hatte einiges über den Erstgeborenen der Blacks zu berichten gewusst:

Sirius Black? Oh, mein Bruder war zur selben Zeit wie er in Hogwarts. Meine Eltern konnte es sich nur leisten, ihn auf die Schule zu schicken. Sirius Black war der schlimmste Draufgänger des gesamten Jahrgangs. Kein Rock war vor ihm sicher und den einen oder anderen Jungen hat er auch nicht von der Bettkante gestoßen. Doch niemand konnte ihm böse sein. Er war stets wie ein Gentleman, sagt mein Bruder und dennoch der schlimmste Casanova, den man sich vorstellen kann. Er war mit 16 schon so galant, wie mancher Mann erst mit 40 und nun ist er 19 oder 20, was soll erst werden, wenn er älter ist und... Hach, ich würde ihn auch nicht von der Bettkante stoßen. Ich habe ihn einmal gesehen, als mein Bruder mich in den Ferien zu einem Quidditchspiel mitnahm. Sie haben sich unterhalten und er sah einfach nur gut aus. Sex auf zwei Beinen und das mit 17. Er wirkte wie eines dieser mystischen geflügelten Wesen, die die Muggel Erzengel nennen. Ich glaube, er ist sogar einer."

So und ähnlich sprachen die Mädchen im Chez Mère Griseldis über ihn. Carissa nahm ihre Arbeit wieder auf. Sie hätte einiges zufügen können und erzählen können, dass Sirius Black in dem Alter eigentlich sehr unsicher gewesen war und diese hinter seiner Fassade als Schwerenöter zu verbergen suchte. Sie lächelte leicht und erst jenes leise Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.

„Ja, Dobby!"

„Dobby hat Nachrichten für den Herrn, doch der Herr will nicht gestört werden. Dobby gibt der Herrin die Nachrichten!"

Der kleine Hauself in Bettbezug und mit verbundenen Schlappohren tribbelte auf Mrs. Malfoy zu, reichte ihr einen rosafarbenen Briefumschlag und einen eleganten neutralen. Carissa zuckte zusammen, als sie das Siegel der Blacks erkannte und atmete gleichzeitig auf, da es sich in einigen Punkten von den des Orion'schen Zweiges unterschied.

„Du kannst gehen, Dobby!"

Damit verschwand der Elf und Mrs. Malfoy versank in die Lektüre des rosafarbenen Briefes. Ihre Miene nahm einen verblüfften Ausdruck an und schließlich faltete sie das Blatt zusammen.

„Hmm, meine zukünftige Schwiegertochter teilt meinem Sohn mit, dass sie außer Remus Lupin noch ihren Cousin, bei dem sie zur Zeit wohnt, zum heutigen Tee mitbringen werden. Lächerlich, was hat ein Verstoßener in unseren Kreisen zu suchen."

Sie starrte irritiert auf das rosafarbene Blatt, schnupperte daran und rümpfte die Nase. „Fleur d'Amour, ich befürchte, sie wird eine Menge zu lernen haben, um der Familie Malfoy gerecht zu werden", stellte sie konsterniert fest.

Carissa zog die Augenbraue hoch und versuchte zu begreifen, was Mrs. Malfoy ihr mitteilen wollte. Remus würde kommen? Cousine? Sirius' Cousine? Ihre Augen weiteten sich. Die Frau in der Umkleidekabine muss seine Cousine gewesen sein. Carissa schloss bestürzt die Augen. Er hatte sie gar nicht hintergangen. Sirius würde niemals so tief sinken und etwas mit seiner Cousine beginnen. Beide, nein, alle drei würden kommen?

„Carissa, ist mit dir alles in Ordung? Du wirkst so blass", riss Mrs. Malfoy sie aus ihren Gedanken. Carissa zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln und deutete mit dem Kinn auf den zweiten Brief, um Mrs. Malfoy zu signalisieren, sich nicht weiter um sie zu kümmern, sondern sich der Post zu widmen.

Ludmilla tätschelte ihre Hand und öffnete das Siegel des zweiten Briefes. Nach einer Weile meinte sie nur: „Ah, natürlich, Cygnus Black. Lucius wird über den Ton recht ungehalten sein. Eine versteckte Drohung mit der Behauptung, Seine Lordschaft würde ihm zur Seite stehen und es sei der Wunsch Seiner Lordschaft, dass Lucius ihm für die Schändung seiner Tochter, Black Castle – er meint Malfoy Mansion – überließe. Schändung seiner Tochter! Dass ich nicht lache! Diese unverschämte Dreistigkeit!"

Carissa lauschte verwundert und trat sichtlich besorgt neben Mrs. Malfoy, als diese blass wurde und wütend den Brief zusammenknüllte. Fürsorglich hockte sie sich neben ihre Gastgeberin und reichte ihr ein Glas Wasser. Doch Ludmilla Malfoy ignorierte die Geste und sprang förmlich auf. Sie eilte zum Kamin, nahm eine Prise Pulver aus einer filigranen Schale auf dem Kaminsims und warf diese ins Feuer.

„Lucius? Ich muss dich sprechen! Sofort!", rief sie ins Feuer.

Wenige Sekunden später wurde die Tür aufgerissen und ein sichtlich verärgter Lucius Malfoy erschien im Salon. Doch bevor dieser seine Wut über die unerwünschte Störung hinausbrüllen konnte, hielt Ludmilla ihm den Brief vor die Nase.

„Lies! Ich lasse nicht zu, dass dieser Kretin, das Haus deiner Väter beschmutzt, von den unverschämten Forderungen deines zukünftigen Schwiegervaters ganz zu schweigen!"

Carissa starrte auf Mutter und Sohn. Ludmilla rannte vor Lucius auf und ab, während sich dieser in die Lektüre des Briefes versenkte. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

Seine Lordschaft wird nicht sehr begeistert sein, dass er als Leumund für die Blacks herhalten muss. Schade, gerade eben hatte ich Seine Gnaden zu Gespräch im Kamin. Ausgerechnet für die Blacks. Nun gut, wenn es um Bellatrix ginge, würde ich es noch in Erwägung ziehen, aber bei Cygnus und dem Rest? Mutter, du weißt, dass Seine Lordschaft sich auf solche Dinge nicht einlässt, es sei denn, sie gereichen ihm zum Vorteil. Malfoy Mansion ist seit Jahren im Besitz unserer Familie und wird es auch bleiben. Wie Cedric und Cordelia Malfoy das Gut in Besitz genommen hat, steht nicht zur Debatte, das ist Ewigkeiten her. Wer weiß denn heute noch, dass das Gut einst den Blacks gehörte. Es ist lachhaft. Niemals wird er damit Erfolg haben. Die Forderung ist blacker Hohn!", kommentierte Lucius den Brief, dann jedoch wurde er ernst und Carissa sah sich mit einem durchdringenden Blick bemustert. Lucius reichte das Papier stumm an seine Mutter zurück und trat auf Carissa zu.

Sie fühlte sich an seine Brust gezogen und legte vertrauensvoll den Kopf an seine Schulter. Sie sog seinen Duft ein und zum ersten Mal hinterfragte sie seine betörende Wirkung auf sie. Am liebsten hätte sie ihn an seinem Kragen gepackt, zu sich hinuntergezogen und ihn geküsst. Doch sie wagte in Gegenwart seiner Mutter solche Intimitäten nicht.

„Cygnus Black wird seinen Schwager mitbringen", erklärte er leise. Carissa zuckte zusammen und wollte sich aus seinen Armen lösen, doch Lucius hielt sie unerbittlich fest. „Du wirst ihm gegenübertreten und du wirst es mit Stolz tun!", orderte er. Carissa schüttelte den Kopf. Lucius ließ sie los, nahm ihre Gesicht in seine Hände und brannte mit seinem Blick förmlich Löcher in ihre Augen. „Du wirst es tun und du wirst ihm nicht zeigen, wie sehr er dich verletzt hat. Solange du bei mir bleibst, in meinem Haus bist, stehst du unter meinem Schutz. Die Blacks mögen eine alte Familie sein, doch ihr Einfluss ist schon lange im Sinken. Vertrau mir, er wird dir nichts mehr tun können."

Damit ließ er sie los, schnappte sich beide Briefe und verschwand. Carissa blieb verblüfft zurück. War das gerade eine Liebeserklärung? Sie rieb sich die Wangen. Lucius hatte fester zugedrückt, als er es wohl gewollt hatte. Ludmilla und Carissa warfen sich einen fragenden Blick zu. Die Hausherrin zuckte schließlich mit den Schultern und entschuldigte sich mit der Begründung, für zwei weitere Gäste Vorkehrungen treffen zu müssen.

Carissa war mit sich und den neuen Informationen allein. Irgendetwas ging vor sich, das hatte Lucius' Versicherung ihr gezeigt, und es würde sich gegen die Familie Black richten. Vielleicht war sie ein zu unberechenbarer Machtfaktor? Carissa schüttelte den Kopf. Was wusste sie schon über Politik?

Sie setzte sich, nahm das Mythenbuch auf und blätterte gedankenverloren bis zu der Stelle vor, an der sie die Lektüre hatte unterbrechen müssen. Die Sicherheit, mit der Lucius über den, dessen Namen sie nicht auszusprechen wagte, geredet hatte, ließ sie einiges vermuten. Es gingen Gerüchte um, dass Lucius Malfoy nichts nur die rechte Hand des Dunklen Lords war, sondern sein designierte Nachfolger. Wenn dem so war, dann würde sie keinen Penny auf die Zukünft der Black-Schwäger geben. Sie widmete sich den Mythen, las die Seite zu ende und blätterte um. Ein Bild nahm die nächste Seite ein. Carissa betrachete es und erschrak. So hatte der Anhänger ausgesehen, den Igor Karkaroff junior ihr gezeigt hatte. Interessiert las sie weiter, nahm Informationen über magischer Linkshänder wie nebenbei auf und bemerkte nicht wie rasch die Zeit verging.

° ° ° ° ° ° °

Die beiden ungebetenen Gäste sorgten bereits kurz nach ihrem Erscheinen für eine angespannte Atmosphäre. So weigerte sich Carissa vehement, trotz Lucius' Versicherung ihr würde nichts geschehen und seines Appells an ihren Mut, auch nur einen Fuß in einen Raum zu setzen, in dem sich Orion Black aufhielt.

Ludmilla wiederum weigerte sich, dieses Treffen ohne Miss Carter als Gesellschafterin überhaupt stattfinden zu lassen.

Cygnus wiederum weigerte sich, zu akzeptieren, dass Narzissa keine süß zurechtgemachte Puppe mehr war, sondern in einem herrlichen Ensemble aus ihrer neuen Garderobe erschien – er war wohl der einzige, der den Ringellöckchen offen nachtrauerte. Lucius musste einräumen, dass die neue Narzissa recht nett anzusehen war, dennoch reizte diese Frau ihn nicht wirklich.

Sirius nun auf der anderen Seite weigerte sich geschlagene fünfzehn Minuten, den Hals seines Vaters loszulassen und Orion weigerte sich, eine unflätige Bemerkung über Carissa zurückzunehmen, die seinen Erstgeborenen überhaupt erst dazu veranlasst hatte, ihm an selbigen zu gehen und die Dauer dieses Kehlkopf-in-den-Rachen-Pressens auf eine Länge von fünfzehn Minuten auszudehnen. Es kam einem Wunder gleich, dass Orion überhaupt noch atmete.

Bis auf diese kleinen Begebenheiten, war Lucius guter Dinge. Ihm war es gelungen, Carissa doch noch davon zu überzeugen, seiner Mutter Gesellschaft zu leisten, hatte dafür jedoch vorerst akzeptieren müssen, das wunderbare Collier wieder in seinen Händen zu halten. Diese Frau war einfach unbelehrbar und wollte sich nichts schenken lassen.

Remus nun wiederum entpuppte sich im ersten Moment als eher pflegeleicht, als er sich non-chalant Carissas und Mrs. Malfoys annahm, bis er den ausgestopften Werwolfkopf entdeckte, der hinter der aufschwingenden Tür einer Abstellkammer sein Dasein fristete. Er wurde erst rot, dann blass, dann wieder rot und blieb schließlich recht schweigsam, als er die Damen in den Salon begleitete.

Carissa war es irgendwann gelungen, Ludmilla in so gute Stimmung zu versetzen, dass diese einen Affront seitens Remus' – dieser hatte sich, nachdem er wieder der Sprache mächtig war, ausdrücklich gegen das Sammeln von Trophäen ausgesprochen – auf die leichte Schulter nahm.

Nachdem zwischen den gegnerischen Fronten ein vorübergehender, stillschweigender Waffenstillstand ausgehandelt worden war, nickte Lucius Malfoy seinem zukünftigen Schwiegervater zu und im gegenseitigen Einvernehmen verließen sie den Salon. Carissa sah beiden nach. Lucius' Weggehen hinterließ ein eigenartiges Gefühl in ihr. Mit einem Mal glaubte sie sich schutzlos. Ihre Augen huschten panisch zwischen den Gästen Mrs. Malfoys hin und her. Sirius hatte die langen Beine von sich gestreckt, über den Knöcheln gekreuzt und starrte auf seine Schuhspitzen. Seine Arme hatte er vor der Brust verschränkt und seine Stirn in tiefe Falten gelegt, zu tief für einen Mann von zwanzig Jahren. Sein schwarzes Haar, dass sie erst vor einigen Wochen liebvoll auf eine angenehme Länge gestutzt hatte, kringelte sich an den Spitzen und fiel ihm neckisch ins Gesicht. Ein plötzliches Gefühl von Wärme machte sich in ihrem Magen breit, als er, sich beobachtet fühlend, die Lider hob und sie mit einem undeutbaren Blick aus grauen Augen musterte. Carissa wich diesem nicht aus. Sie war zu verblüfft darüber, Sirius nicht durchschauen zu können, dass sie vergaß Desinteresse vorzugaukeln.

Erst Remus riss sie mit einem diskreten Räuspern aus ihrer Erstarrung. Carissa richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Seine Ernsthaftigkeit ließ sie erahnen, warum er die Aufmerksamkeit der Hausherrin suchte. Es konnte nur wieder um diese verdammte Werwolf-Trophäe gehen, die ihn kurz nach betreten des Hauses so außer Fassung gebracht hatte.

„Aber Mrs. Malfoy, wollen Sie mir wirklich sagen, dass Sie nicht wussten, dass sich bei dieser Trophäe um keinen wirklichen Wolf, sondern um einen Werwolf handelt?", fragte er und rührte hektisch in seinem Tee herum.

Carissa hatte sich in seiner und Ludmillas Nähe niedergelassen, um nicht in einem der Blacks in die Quere zu kommen. Es genügte, wenn sie abwechselnd die Blicke beider auf sich spürte. Die blonde Dame, die gerade betont zurückhaltend an einem Sandwich nagte, hatte leider weniger Glück. Sie saß direkt zwischen Sirius und dessen Vater, die einander, wenn sie nicht gerade auf Carissa starrten, giftige Blicke zuwarfen und anschwiegen. Carissa musste zugeben, dass Narzissa Black ein attraktive Frau war. Sie war recht groß, wesentlich größer als sie selbst. Lucius und Narzissa würden ein ausgesprochen schönes Paar abgeben. Ein leichter Stich Eifersucht machte sich in ihrem Inneren bemerkbar.

„Oh, Mr. Lupin! Sie können mir glauben, ich hatte wirklich keine Ahung davon. Mein Urahn hat, damals, als meine Familie noch in Böhmen residierte, dieses Geschöpf erlegt. Es war, so sagt man, Anführer eines riesigen Rudels gewesen, das die gesamte Gegend in Angst und Schrecken versetzte. Er sah es als Privileg an, diesem bei lebendigem Leibe den Kopf abzuschlagen und... Mr. Lupin, geht es Ihnen nicht gut?"

Carissa war dem Gespräch gefolgt. Sie konnte seine offenkundige Ablenkung nicht begreifen. Nun sicher, sie war auch nicht begeistert gewesen, als die Tür zu einer Abstellkammer mit einem Mal aufgeschwungen war und den ausgestopften Kopf eines Werwolfen offenbart hatte. Remus jedoch war bleich geworden und auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet. Immer wieder lockerte Remus seinen Kragen. Seine Kieferknochen knackte. So rasch er die Farbe verloren hatte, so rasch war sie auch wieder in seine Wangen zurückgekehrt. Carissa verstand die Unwissenheit Ludmillas nicht, denn selbst ihr war auf dem ersten Blick klar gewesen, was für eine Kopf sie vor sich hatte. Mitleid und Abscheu hatten sich in ihr breit gemacht. Denn auch, wenn Werwölfe nach wie vor in Miskredit standen, waren sie in erster Linie Menschen.

„Doch doch, nur eine leichte Unpässlichkeit", druckste Remus herum und verkroch sich hinter seiner Teetasse. Für Ludmilla war das Gespräch beendet.

„Narzissa, du siehst ganz reizend aus, meine Liebe", begann sie. Die Blondine brachte ein strahlendes Lächeln zustande und bedankte sich artig.

Nach diesem missglückten Themenwechsel war das Schweigen beinahe greifbar. Carissa sehnte ein Ende dieser Farce herbei, doch das stand in weiter Ferne. Das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims, was das einzige Geräusch, dass zu hören war und entpuppte sich als nicht gerade angenehm. Dieses monotone TickTack TickTack beeinflusste allmählich Carissas Metabolismus. Als würde es den Rhythmus ihres Herzen wie ein entsprechend eingestelltes Metronom wiedergeben, ja forcieren. Langsam verlor das Geräusch an Schärfe, während Carissa das flackernde Kaminfeuer fixierte. Jemand sagte etwas. Es klang, als würde Mrs. Malfoy erneut mit Remus ein Gespräch beginnen. Sie glaubte Italien, Mode, Laufsteg und dergleichen zu hören, doch vermochte sie sich nicht aus der Faszination des Feuers zu befreien. Irgendetwas war anders. Die Flammen züngelten mal hin, mal her, als tanzten sie zum Rhythmus der Uhr wie ihr Herz. Carissa schüttelte den Kopf, langte nach ihrer Teetasse und griff daneben. Sie fegte das zarte Porzellantässchen von seiner Untertasse und erschrak, als sich der restliche Tee über ihre Hände schwappte.

„Tollpatsch", zischte Orion Black und schnaubte verächtlich. „Immer wieder Tolpatsch!"

„Lass sie endlich in Ruhe, Vater!", entgegnete Sirius. „Hast du ihr nicht schon genug angetan?"

Carissa war mit einem Mal hellwach und starrte auf Sirius. Er hatte die Arme nach wie vor vor der Brust verschränkt und lag mehr im Sessel, als dass er saß. Er fixierte seinen Vater mit einem Blick, den Carissa von ihm nicht kannte. Wut, Zorn, ja sogar Mordlust, wenn sie ihn richtig deutete. Sie erschrak.

„Was habe ich ihr denn großartig getan? Ich habe nur meine Drohung wahrgemacht und sie an den Platz verwiesen, an den sie hingehört! Du solltest Besseres zu tun haben, als diese Person zu verteidigen!"

Sirius schnaubte und Carissa merkte, wie sie die Hände zu Fäusten ballte. Bei dieser Unschuldsbeteuerung wurde ihr beinahe schlecht. Ihre Handflächen wurden feucht und der Druck der eigenen Fingernägel auf ihr Fleisch fühlte sich unangenehm real an.

„Ach, sollte ich Todesser werden und wie mein dummer Bruder den falschen Idealen hinterherhecheln?", spottete Sirius und beugte sich über den Schoß seiner in stoischer Gelassenheit an einem Sandwish nagenden Cousine zu seinem Vater hinüber. „Vergiss es!"

„Du hättest an deine Mutter denken sollen. Sie lebt mit dieser Schande. Hast du jemals an meinen oder ihren Ruf gedacht? Der Name Black verpflichtet!"

Sirius schnaubte und lehnte sich wieder in den Sessel zurück. Carissa konnte nicht anders. Sie musterte Sirius mit durchdringendem Blick. Nahezu emotionslos erwiderte er diesen. Schließlich konnte sie es nicht länger aushalten und senkte die Lider. Sie trocknete sich die Hände mit der Serviette, erhob sich und gab Ludmilla ein Zeichen, dass sie den Salon kurz verlassen wollte.

Als Mrs. Malfoy nickte und sich weiter ihrem Gespräch mit Remus widmete, schob sich Carissa an Sirius vorbei. Sie hoffte, er würde auf sie reagieren; doch er blieb unbeeindruckt sitzen, den Blick starr auf das gegenüberliegende Fenster gerichtet. Narzissa nahm sich stoisch ein weiteres Sandwich und begann auch auf diesem herumzunagen. Diese nach außen getragene vornehme Gelangweiltheit, ließ Carissa erschaudern. Orion Black heftete seine Augen derweil auf sie. Als sie schon halb aus dem Raum heraus war, zischte Sirius' Vater: „Ich hätte es ahnen sollen, dass dieses kleine Flittchen unsere Familie entzweien würde! Ich hätte ihr gleich ihren verdammten Hals umdrehen sollen!"

„Entzweien? Carissa hat unsere Familie nicht entzweit! Du warst es, mit deinen perversen Spielchen und deiner..."

„Aber Onkel Orion hat doch Recht!", mischte sich Narzissa ein. Sie warf ihr angeknabbertes Sandwich auf den kleinen Teller und erhob sich, um Sirius von oben herab wütend zu mustern.

„Halte dich da raus, Narzissa!", fauchte Sirius und stand ebenfalls auf. Er stemmte seiner Cousine gleich die Hände in die Hüften und neigte den Oberkörper vor.

„Warum sollte ich? Diese kleine Schlam... Dieses kleine Biest hat mit meinem Verlobten gebum... geschlafen und da soll ich mich nicht einmischen? Ich habe mehr Recht darauf, mich einzumischen als du!", keifte sie. Orion nickte bestätigend und grinste Carissa selbstgefällig an.

„Hah!", triumphierte er. „Hure bleibt Hure!"

Der Bruchteil einer Sekunde war nichts im Vergleich zur Geschwindigkeit, mit der Sirius seine Cousine zur Seite gestoßen hatte und sich seine Hände erneut um den Hals seines Vaters legten. Wieder einmal.

Carissa warf einen hilflosen Blick auf Remus und Ludmilla. Lumilla hatte in wahrer Lucius' Manier die Augenbraue hochgezogen und hielt die Teetasse auf halbem Weg zum Mund und blickte irritiert auf die Szene, während Remus geistesabwesend seine Fingernägel betrachtete und den Kopf schüttelte.

„Nimm das sofort zurück!", brüllte Sirius. Carissa blickte fasziniert auf den infernalisch wirkenden Mann. Seine grauen Augen spürten nahezu Funken. Die Szerie hatte schon etwas Groteskes. Shakespeare hätte seine wahre Freunde an der Konstellation gehabt. Carissa spürte ein verdächtiges Kribbeln auf ihrem Zwerchfell, als die zukünftige Mrs. Malfoy sich auch noch an den Arm ihres Cousins klammerte und beherzt versuchte, ihn so davon abzuhalten, seinen Vater zu erwürgen. Carissa stöhnte innerlich. Schon wieder. Doch dieses Mal schien Sirius seine Kraft weniger zu drosseln. Orion Black keuchte und sein Gesicht nahm einen ungesunden Rotton an.

„Sirius lass das, er ist dein Vater! Den kannst du doch nicht umbringen!"

Sirius ignorierte seine Cousine und vergaß offensichtlich, wo er sich befand und dass er nicht alleine war. Carissa wurde immer röter und lehnte sich haltsuchend an die Wand. Es konnte einfach nicht wahr sein. Er betrieb eindeutig Vergangenheitsbewältigung.

„... und was war damals? Was war an dem Tag, an dem meine liebevolle Mutter mir zu verstehen gab, ich solle besser das Haus verlassen und bei meinen Blutsverräter-Freunden bleiben? Hast du dich nie gewundert, warum du in meiner Achtung noch tiefer gesunken bist?" Sirius' Daumen drückten fester auf den Kehlkopf seines Vaters, der panisch nach den Handgelenken seines Sohnes griff, um den Druck auf seine Kehle zu reduzieren. „Ich habe dich am Abend zuvor gesehen. Ich habe gesehen, wie du sie genommen hast! Ich habe gesehen, wie widerlich du dich ihr gegenüber verhalten hast! Du, mein Vater, der mir und Regulus immer gepredigt hat, dass eine Frau Respekt verdient, dass sie zu umschmeicheln sei, dass der Mann ihr seine Liebe auf jede erdenkliche Art zu gestehen, ja zu beweisen hat! Eine Frau sei eine Königin, waren deine Worte. Und ausgerechnet du hast dich wie ein Tier gebärdet, mit der Frau, die ich verehre, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Du bist ein Schwein und ich verachte dich!"

Sirius' Stimme war immer lauter geworden. Die letzten Worte hatte er gebrüllt. Mit angeekelter Miene ließ er die Kehle seines Vaters endlich los. Orion sank keuchend in seinen Sessel zurück und tastete nach seinem Hals. Narzissa war sofort bei ihm und reichte ihm ein Glas Wasser, doch sagte sie nichts mehr.

„Du widerst mich an!", flüsterte Sirius. Ohne auf jemanden im Salon zu achten, ohne um Erlaubnis zu fragen, schritt er auf die Bar zu und schenkte sich zitternd einen großzügigen Cognac ein. In einem Zug leerte er das Glas und füllte es erneut. Er trat an das Fenster, legte den Arm gegen den Rahmen und starrte hinaus.

Carissa war sprachlos. Sie lehnte mit verschränkten Armen an der Wand. Hinter ihrer Stirn arbeitete es fieberhaft. Sie hatte den jungen Mann falsch eingeschätzt. Ihre ganze Verbitterung vom vergangenen Abend war wie weggefegt. Er erinnerte sich an jenen schicksalshaften Tag, an dem sie das Haus der Black hatte verlassen müssen, als wäre er erst gestern gewesen. Sie glaubte ihm mit einem Mal, dass er sie gesucht hatte. Sie glaubte ihm mit einem Mal, dass er alles Menschenmögliche getan hatte, um sie zu finden. Sie glaubte ihm mit einem Mal, dass sie ihm etwas bedeute.

„Stimmt es, was er sagt, Remus?", fragte Narzissa leise, doch sah sie nicht auf den Angesprochenen, sondern auf Carissa.

„Sirius ist für vieles bekannt und für einiges berüchtigt, doch nicht fürs Lügen", war seine knappe Antwort, bevor er sich erhob und ohne weiteres Wort zu seinem Freund herüberging und ihm die Hand auf die Schulter legte. Was beide besprachen, blieb unter ihnen. Doch die Art, wie Sirius agierte, deutete darauf hin, dass Remus ihm in seiner diplomatisch geschickten und dennoch ehrlichen Art und Weise zu verstehen gab, wie unangebracht sein Verhalten gewesen war.

Carissa war hin und her gerissen. Sie löste sich langsam von der Wand und wollte, einer Schlafwandlerin gleich, langsam, vorsichtig mit bedächtigen Schritten auf beide jungen Männer zugehen. Doch genau jenen Augenblick suchten sich Lucius Malfoy und Cygnus Black aus, um in den Salon zu platzen.

Ludmilla hatte es mittlerweile aufgeben, Tee und Sandwiches an die Gäste zu bringen und Narzissa tätschelte mit einer Miene, die eine Mischung aus Frustration, Verachtung und Ekel ausdrückte, die Schulter ihres einstigen Lieblingsonkels. Er tastete mit spitzen Fingern seine Kehle ab und räusperte sich in nervender Regelmäßigkeit.

° ° ° ° ° ° °

Lucius Malfoy hatte die Begabung, sein Gegenüber in den Wahnsinn zu treiben, wenn er es darauf anlegte. Er war nicht nur ein eleganter Salonlöwe und nonchalanter Charmeur, wenn er es wollte, sondern auch auch ein raffinierter Verführer, ein skrupelloser Schwarzmagier und ein subtiler Intrigant. Doch nichts von diesen Fertigkeiten kam dem geschickten Strategen in seinem Inner gleich. Er war das sorgsam gepflegte Produkt, die ideale Mischung einer guten Ausbildung, einer hervorragenden Erziehung und einer wohlmeinender Förderung. Es gab drei Menschen, die ihn geprägt hatten und zwei von ihnen taten es noch. Sein Vater, der in Ungnade gefallene und verstorbene Abraxas Malfoy, hatte in ihm die Basis für eine gute Ausbildung und seine Liebe zur schwarzen Magie gelegt; seine Mutter hatte ihn zum Charmeur erzogen, der sich mit Selbstsicherheit und Eleganz in allen Kreisen der Gesellschaft zu bewegen verstand; und Seine Lordschaft, der in ihm den möglichen Nachfolger erkannt hatte, den es gleichzeitig zu fördern und ruhig zu stellen galt, hatte sich als nicht mehr wegzudenkender Förderer erwiesen. Lucius Malfoy vereinte alles in sich, was Seine Lordschaft zu schätzen wusste, vor allem die Fähigkeit zur subtilen Manipulation.

„Lucius, wir waren uns einig. Du nimmst Narzissa zur Frau und wenn du das getan hast, werde ich deine kleine Gespielin die Stimme wiedergeben!", rief Cygnus vom Flur aus und hastete hinter seinem zukünfigen Schwiegersohn her.

Lucius nickte seiner Mutter knapp zu und ignorierte die sonstigen Anwesenden und nahm auch die gedrückte Stimmung nicht wahr. Er schritt auf die Bar zu und nahm sich, ähnlich wie Sirius zuvor, einen Schwenker und füllte sich einen Cognac ein. Doch im Gegenzug zu Black, stürzte er ihn nicht hinunter, sondern nippte nach ausgiebigem Prüfen der Qualität daran.

„Ich bitte Sie, Cygnus. Das war vor Ihrer unverschämten Forderung nach Malfoy Mansion, ah, ich vergaß, Sie nennen es ja nach wie vor Black Castle. Sie müssen verrückt sein, anzunehmen, ich würde Ihnen mein Landgut überlassen. Begehen Sie nicht den Fehler, mich für einen Idioten zu halten", meinte Lucius. Er klang recht neutral. Doch Mrs. Malfoys Reaktion war es nicht. Sie hantierte recht geräuschvoll mit dem Teeservice und rief recht barsch mit schriller Stimme nach den Hauselfen. Lucius warf seiner Mutter einen warnenden Blick zu. Jede falsche Reaktion ihrerseits würde auch seine Kontenanz brökeln lassen.

„Hörst du, Lucius? Du hast nicht das Recht dazu, jetzt einen Rückzieher zu machen! Ich werde Seine Lordschaft darüber informieren, dass du wieder einen fadenscheinigen Grund gefunden hast, um die Hochzeit mit meiner Tochter aufzuschieben. Wir waren uns einig."

Lucius lachte freundlos. „Ich betrachte unsere Einigung als hinfällig. Es gibt einfachere und weniger unangenehme Methoden, um der jungen Lady dort" - er zeigte auf Carissa - „die Sprache wiederzugeben. Ja, ich bin sogar der Ansicht, dass es für beinahe jeden der Anwesen von Vorteil wäre, würde ich diese letzte Möglichkeit in Betracht ziehen. Miss Carter wird es sicher gutheißen, ihren Peiniger tot zu sehen und wahrscheinlich wird selbst Sirius Black es nicht gerade bedauern, seinen Vater nicht mehr unter den Lebenden zu wissen."

Sirius warf Lucius einen überraschten Blick über die Schulter zu.

„Tun Sie sich keinen Zwang an, Malfoy!"

Carissa schlug vor Entsetzen über Lucius' Vorschlag und Sirius' Einverständnis die Hand vor den Mund. Kopfschütteln trat sie an Lucius heran, legte ihm die Hände auf die Brust und brachte ein energisches „Nein" heraus.

„Nein?", fragte Lucius und zog die Augenbraue hoch. Sie trat beinahe in unmittelbaren Kontakt zum Haaransatz. „Kätzchen" - Sirius knurrte - „dieser Mann hat dich benutzt!"

Carissa zuckte mit den Schultern und entwand sich Lucius' Griff. Lucius verstand die Welt nicht mehr. Er warf – wider seine Natur – Sirius einen Unterstützung heischenden Blick zu.

„Du hast was versprochen, Schwager?", krächzte derweil Orion Black und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Er rieb sich den Hals und fuhr sich hin und wieder räuspernd fort: „Ich hatte jedes Recht, dieses Miststück zu bestrafen!

Carissa keuchte und wollte sich auf Orion Black stürzen. Doch Sirius trat ihr in den Weg und hielt sie davon ab, sich auf seinen Vater zu stürzen. Lucius behagte es gar nicht, seine verschmuste Katze, die nunmehr ihre Krallen zeigte, in den Armen seines Nebenbuhlers zu sehen. Eifersucht regte sich. Sie war sein! Doch hatte Sirius schneller reagiert als er. Egal ob es ihm gefiel oder nicht, Black hatte richtig gehandelt. Carissa hätte den Kürzeren gezogen. Unbewaffnet einen Schwarzmagier anzugreifen, war niemals gut für die Gesundheit.

„Ach, hatten Sie das, Orion? Hatten Sie das Recht dazu?", mischte sich Ludmilla ein und erhob sich.

„Ja, das hatte ich. Dieses Mädchen ist eine Dirne der schlimmsten Sorte. Erst macht sie sich an mich heran, dann an meinen Sohn. Hätte ich sie nicht hinausgeworfen, hätte sie sich noch an Regulus herangemacht und das hätte an Pädophilie gegrenzt!", echauffierte sich Orion Black.

Lucius sah es kommen. Sirius verlor die Kontrolle über Carissa, die sich kreischend auf Orion stürzte. Der perplexe Schwarzmagier konnte sich nicht rechtzeitig ducken und im Stillen applaudierte Lucius über Carissas Treffsicherheit. Mit einem gezielten Schwung hatte sie ihrem Peiniger die Fingernägel quer über die Wange gezogen und mit Linken ausgeholt und ins Auge getroffen. Sie wollte ein weiteres Mal zuschlagen, doch energisch ging Lucius dazwischen. Auch wenn er Black senior am Boden liegen sehen wollte für seine Perfidie, verdankte er ihm doch die Bekanntschaft mit dieser kleinen Maus. Rache gehörte kalt serviert und er würde sie bekommen, doch noch war die Zeit nicht reif. Lucius war ein geduldiger Mann, wenn es darum ging, seine Ziele zu verwirklichen.

Mit eiserner Hand hielt er Carissas Handgelenk fest und sah ihr fest in die vor Wut funkelnden Augen. Ja, das war sein Kätzchen. So wollte er sie sehen, so wollte er sie in seinem Bett und doch merkte er in diesem Moment, wie sie ihm entglitt. Ihre Brust hob und senkte sich unter ihrem hektisch gehenden Atem. Ihre Nasenflügel blähten sich, nur ganz allmählich beruhigte sie sich wieder. Ihre Lider senkten sich unter seinem Blick und er bedauerte, ihre funkelnden, von einer fastschwarzen Iris umgebenen Pupillen nicht länger auf sich gerichtet zu sehen.

„Lass Sie sie los, Lucius", forderte Remus leise. „Ich denke, es besteht keine Gefahr mehr für ihren Gast."

„Diese Mann befindet sich ohne Einladung in meinem Haus. Er ist kein... Gast!", zischte Lucius.

„Diese Dirne wird der Untergang der Blacks sein!", fauchte Orion. Er kramte nach einem Taschentuch und tupfte hastig auf seiner malträtierten Wange herum. In den Spuren, die Carissas Fingernägel hinterlassen hatten, bildeten sich nach und nach kleine Bluttropfen. Sie hatte ganze Arbeit geleistet, wie Lucius neidlos anerkennen musste.

„So!"

Lucius zuckte zusammen. Carissa prallte erschrocken gegen ihn und Sirius zog den Kopf zwischen die Schultern. An der Bar klirrte Gläser verdächtig aneinander und seiner Mutter, der unfehlbaren Ludmilla Malfoy, rutschte die Teetasse von dem Unterteller, zerbarst auf dem Teppich und hinterließ neben Scherben einen sich ausbreitenden unschönen Teeflecken.

„Du ergreifst also für dieses... dieses... diese Person Partei? Du weigerst dich, mich zu heiraten? Ich erwarte dein Baby, Malfoy, ich hoffe, dass dir das klar ist! Es ist mir scheißegal, ob du meinem Vater diesen blöden Kasten als Morgengabe gibst. Ich will das Ding nicht haben. Du wirst mich heiraten, weil ich dein Baby unterm Herze trage!" Sie stampfte mit dem Fuß auf.

Lucius ließ Carissas Handgelenk los. Sie ergriff nicht die Flucht vor ihm, sondern blieb dicht an ihn geschmiegt stehen. Ihre Finger krallten sich in sein Jackett und er hatte das Gefühl, sie würde in ihn hineinkriechen wollen.

„Das behauptest du, Narzissa!", konterte er. Ihr empörtes Zusammenzucken und ihr wütendes Ohhh!, versöhnten ihn mit ihrer unpassenden Art, Kritik an ihm und seinen Handlungen zu üben.

„Bei Salazar, Malfoy, du hast meine Tochter geschändet und hast dafür geradezustehen!", mischte sich in einem recht versöhnlichen Ton, Cygnus Black ein. Er tauchte in Lucius' Blickfeld auf, blieb neben einem hektisch auf der geschundenen Wange herumtupfenden Orion stehen, legte diesem die Hände auf die Schultern und drückte ihn in seinen Sessel zurücl.

„Du wirst mir das hier nicht versauen, Schwager!", zischte er diesen laut genug für alle anderen an. Deine Pflicht, Lucius. Du musst deine Pflicht tun, sonst wird Seine Lordschaft es dich büßen lassen."

Lucius verbarg seine Amüsiertheit hinter einer frostigen Miene kultivierter Arroganz. Als ob er Geld bräuchte. Es gab immer wieder Leichtgläubige, die der Ansicht waren, die Absichten Seiner Lordschaft verstehen zu können. Lucius wusste zwar, er musste Narzissa heiraten; es blieb ihm keine Wahl. Doch er wusste auch, dass Seine Lordschaft es nicht gutheißen würde, dass ein Gut wie Malfoy Mansion mit all seinen Geheimnissen und seiner verborgener Magie in Hände von Zauberern fiel, die nur dem Namen nach Todesser waren.

„Sie ist dir versprochen. Ihr seid seit Jahren verlobt und da du die Finger nicht von ihre lassen konntest, erwarte ich von dir, dass du sie heiratest."

Lucius schob Carissa zu Remus hinüber und schritt, ohne auf die Rede seines zukünftigen Schwiegervaters einzugehen auf Narzissa zu.

„Du gestattest?", fragte er. Doch wartete er nicht auf eine Antwort. Er packte sie beim Oberarm und zog sie zur Tür und schleifte sie zur Bibliothek.

„Lass mich gefälligst los, du Grobian! So lasse ich mich nicht behandeln!", keifte sie. Lucius schluckte eine passende Antwort hinunter. Cygnus rannte ihm nach und zeterte, als würde seine geliebte Tochter zur Schlachtbank geführt.

„Lucius, lass das Mädchen los! Mit mir wirst du reden! Ich dulde nicht, dass du sie..."

Er schlug Cygnus die Tür vor der Nase zu und war ungestört mit Narzissa. Er ließ sie los und ehe er sie beruhigen konnte, hatte sie sich hinter dem Schreibpult seiner Mutter verschanzt und eine Figurine aus Meißner Porzellan ergriffen. Zum Wurf bereit giftete sie: „Ich warne dich, ein Schritt näher und diese Statuette hat ein Rendez-vous mit deiner Stirn."

Lucius zog die Augenbraue hoch und drehte den Schlüssel im Schloss herum. Mit Alohomora wäre dem nicht beizukommen.

„Stell die Figurine hin! Wenn du sie beschädigst, wirst du dich mit meiner Mutter anlegen und glaube mir, du setzt dich lieber mit mir auseinander als mit ihr. Andererseits, es war bereits lebensmüde von dir, zu behaupten, ich hätte dich geschändet. Vielleicht fehlt dir ja der nötige Verstand, um die Konsequenzen deines Handelns zu begreifen", erklärte er sachlich und lehnte sich, die Arme vor dem Körper verschränkend, mit dem Gesäß gegen die nächste Sessellehne. Er kreuzte seine langen Beine übereinander und wartete auf ihre Reaktion.

Verstört und zerknirscht betrachtete Narzissa die Porzellkreation in ihrer Hand. „Sie ist wohl sehr wertvoll?", fragte sie leise und stellte sie behutsam ab.

„Das liegt im Auge des Betrachters. Mir bedeutet sie nichts, doch meine Mutter liebt diese Antiquität. Ein kleines Vermögen für sie, ein Staubfänger für mich. Dennoch, würde ich sie verkaufen, dann nur zu ihrem tatsächlich horrenden Preis. Statuetten, die einst im Besitz Katharina von Russland waren, sind ungeeignete Wurfgeschosse."

Narzissa begann nervös an ihrer Kette herumzufingern, während Lucius sie beobachtete. Er würde das Wort erst wieder an sie richten, wenn er es für richtig hielt. Unbehaglich sah sie sich in der Bibliothek um. Cygnus hämmerte – mit beiden Fäusten offenbar – gegen die schwere Bibliothekstür und die Tatsache, dass eine der helleren, in die Tür eingelassenen Intarsien routierte, zeigte ihm, dass er auch vor Magie nicht zurückschreckte.

Ich bitte Sie, Cygnus, das hat keinen Sinn. Glauben Sie wirklich, mein Sohn würde seiner zukünftigen Frau unter seinem Dach Gewalt antun? Er nimmt Frauen nicht mit Gewalt. Offenbar unterscheidet er sich darin von ihrer Tochter. Wussten Sie, dass sie ihn betrunken gemacht hat? Nun lassen Sie die beiden es unter sich regeln! "

Lucius hätte seine Mutter küssen können. Kurze Zeit nach dieser dumpf in die Bibliothek durchgedrungenen Rede, hörte die Intarsie mit ihrem hektischen Tanz auf.

„Ist das eine Art Alarmsystem? Bei uns auf dem Landsitz, existiert so etwas nicht", begann Narzissa und strich über den Schreibtisch. „Warum bist du eigentlich so böse auf mich?", fragte sie weiter, doch Lucius schwieg. Er legte den Kopf schief und beobachtete sie weiter. Es machte ihm Spaß, sie aus der Fassung zu bringen. Carissa hätte den Spieß schon längst umgedreht, sich ein Buch genommen und ihn ignorierend niedergelassen und gelesen. Er vermisste dieses Spiel aus Geduld und Hartnäckigkeit schon jetzt. Narzissa hingegen fingerte lediglich an dieser Kette herum.

„Weißt du, ich wollte ja gar nicht sagen, dass du mich geschändet hast. Eigentlich hab ich dich ja dazugezwungen. Remus hat es Vergewaltigung genannt. Geht das eigentlich, dass man auch einen Mann vergewaltigen kann? Ich hab dich doch nur betrunken gemacht und dich mit Magie etwas auf Touren kommen lassen", sinnierte sie.

Lucius emotionslose Miene schmerzte ihn mit einem Mal. Er wollte Narzissa verblüfft anstarren, sie schütteln und einen naiven Dummkopf nennen. Natürlich konnte eine Frau einen Mann ebenso gegen seinen Willen nehmen, wie ein Mann eine Frau sogar eine Frau eine Frau oder ein Mann einen Mann. Letzteres diente sogar der Erniedrigung. Nicht, dass er es bereits getan hätte, einen Mann durch Sex zu demütigen, um diesem seine Potenz zu nehmen, doch wusste er, dass Seine Lordschaft es bereits in einigen Fällen getan hatte.

„Ehrlich gesagt, ich fand es... abartig!", erklärte Narzissa gerade kleinlaut und dennoch mit Nachdruck.

„Wirklich?", kommentierte Lucius spöttisch.

Narzissa blickte ihn verwirrt aus hellblauen Augen an. Wenigstens hatte sie dieses affektierte Blinzeln und Schmollen abgelegt, dachte er bei sich. Ihre Rechte zuckte nervös und beförderte den Anhänger der Kette aus ihrem unspektakulären Dekolleté ans Tageslicht.

Lucius stutzte. Er kannte den Anhänger. Sie umrundete das Pult und lehnte sich gegen dieses.

„Ich weiß beim besten Willen nicht, warum so viele so sehr von Sex schwärmen. Es war eklig und schmerzhaft und...", stotterte sie. Lucius verzog amüsiert seinen Mund.

„Was du nicht sagst", gab er leise von sich, stieß sich von der Sessellehne ab und schnellte auf sie zu. Er keilte sie zwischen Schreibpult und seinem Körper ein. Sie riss erschrocken die Augen auf und vergaß den Mund zu schließen. Lucius fackelte nicht lange. Er senkte seine Lippen auf ihre und ließ seine Zunge in ihren Mund gleiten. Narzissa verkrampfte sich. Ihre Hände stemmten sich gegen seine Brust und versuchten ihn von sich wegzustoßen. Doch Lucius lächelte. Dann holte Narzissa holte tief Luft und ließ eine wahre Kanonade an Beleidungen auf ihn herniederieseln. Sie offenbarte ein grauenvoll ordinäres Repertoire an Gleichnissen und Beleidigungen seine Person betreffend, das sogar Rodolphus Lestrange hätte blass werden lassen.

Woher hatte diese Frau, diese kalte ausdruckslose Schaufensterpuppe, mit einem Mal dieses Temperament und vor allem, woher kannte sie diesen Gossenjargon?

Lucius verdrehte die Augen. Er umfasste mit einem Arm ihre schlanke Taille und während sie weiter schimpfte und blaffte, packte er mit der anderen Hand ihr Kinn. Er drückte der perplexen Frau einen festen Kuss auf die Lippen. Irritiert schwieg sie und starrte ihn verblüfft an. Kein affektiertes Zwinkern, kein einstudierter Augenaufschlag, keine Schauspielerin, sondern nur ein einfache verblüffte und unterschwellig verwunderte Miene und ein naiver Blick aus überrascht aufgerissenen Augen. Sie liebte ihn, erkannte Lucius in diesem Moment. Sie hatte ihn immer geliebt. Er küsste sie erneut, zeichnete mit seiner Zunge die Konturen ihrer Lippen nach und streichelte mit der Daumenkuppen sanft über ihre zarte Haut. Er ließ von ihr ab und betrachtete sie erneut.

„Nochmal!", wisperte sie. Schloss die Augen und bot ihm die Lippen dar.

Lucius erfüllte ihr den Wunsch, dieses Mal sogar noch sanfter. Er hauchte ihr Küsse auf die Wangen, das Kinn, die Stirn. Er ließ sie los und liebkoste zart ihre weiche Haut. Perplex zwinkerte Narzissa und seufzte. Mehr Aufforderung brauchte Lucius nicht. Er nahm von ihren Lippen ein weiteres Mal Besitz, ließ seine Zunge über die rosige Haut gleiten. Er wurde drängender und stieß auf den Widerstand ihrer Zähne. Er reizte Narzissa, streichelte sie, legte all sein Wissen um Verführung und Leidenschaft in die Waagschale und wurde belohnt. Sie begann erst zögerlich, dann mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein seinen Kuss zu erwidern. Sie rieb sich an ihm und drängte ihr Becken seinem entgegen.

Überrascht beendete Malfoy dieses Spiel von Lippen und Zunge und starrte Narzissa an. Es hatte sich besser angefühlt, als er vermutet hatte, sein kleiner Freund hatte sogar reagiert, wenn auch schüchtern, so doch immerhin eine Reaktion. Warum hatte er sich eigentlich geweigert, sie zu ehelichen? Warum hatte sie ihn betrunken machen müssen, damit er mit ihr schlief? Vielleicht würden sie ja Spaß im Bett haben. Es wäre alles so einfach gewesen. Narzissa schwieg, was eine herrliche Abwechselung war. Ihre Wangen waren leicht gerötet und die Augen strahlten vor Glück.

„Meinst du, dass zwei Wochen zu früh sind?"

Narzissa schüttelte den Kopf. Sie drängte sich an ihn, legte den Kopf auf seine Schulter und seufzte. Lucius nickte, sein Blick kreuzte den seines Urahnen mütterlicherseits, den Werwolfjäger, der kopfschüttelnd in seinem Bilderrahmen stand und eine schrecklich obzöne Geste machte. So viel zu Adel verpflichtet.

° ° ° ° ° ° °

„Du hattest nicht das Recht dazu diesen Handel einzugehen. Das Mädchen ist von mir bestraft worden und ich verweigere dir die Erlaubnis, den Zauber zu lösen!", brüllte Orion Black. Sein Taschentuch war von Blutflecken übersät und obwohl die Male bereits verkrustet waren und lediglich eine sanfte Rötung des linken Augen von seiner Kollision mit einer Faust zeugten, druckte er noch immer mit dem unsauberen Stoff auf einer Wange herum und hielt sich ein mit Eiswürfeln gefülltes Cognacglas gegen das malträtierte Augen.

Carissa starrte fasziniert auf die beiden Schwäger, die zu Beginn ihres Besuches im besten Einvernehmen gestanden hatten. Mittlerweile hatte sie sich hinter Remus positioniert, der seine volle Aufmerksamkeit auf Ludmilla Malfoy gerichtet hatte. Sirius ließ ebenso wie sie keinen der beiden streitenden Männer aus den Augen.

„Und Sie sind wirklich in Milano auf der Modewoche gelaufen, wenn sie es einrichten konnten? Sehr interessant. Aber wenn ich so aussehen würde wie Sie, mein Freund, hätte ich dieses Angebot auch nicht ausgeschlagen. Es muss doch herrlichen Spaß gemacht haben."

„Eigentlich war es anstrengend, beengt, recht freizügig hinter der Bühne und schmerzhaft. Diese ganzen Nadeln, die die...", erwiderte Lupin doch ging der Rest seiner Antwort in einem harschen lauten Redeschwall von Narzissas Vater unter.

„Ich brauche deine Erlaubnis nicht, Orion. Ich hätte mich nie auf deinen Vprschlag von Malfoy Black Castle zu fordern, einlassen sollen. Ich werde diesen Zauber einfach lösen und damit hat sich das. Ich habe mit meinem Schwiegersohn eine Vereinbarung und werden diese nicht brechen, auch wenn du etwas anderes verlangst. Endlich heiratet der Bengel mein Mädchen und das soll ich nur wegen deines Stolzes aufgeben? Niemals. Ich werde nicht riskieren, das Wohlwollen Seiner Lordschaft noch einmal zu verlieren. Du hast ihn nicht toben sehen, als ich ihm sagen musste, dass Slytherins Aufzeichnungen seit Jahrhunderten unauffindbar sind und ich nicht in einem Jahr herbeizaubern kann, was andere in zehn nicht geschafft haben. Die Narben vom Cruciatus habe ich noch heute auf dem Rücken. Die Kleine kriegt ihre Stimme wieder, bleibt bei deinem Sohn..."

„... er ist nicht länger mein Sohn..."

„... bleibt bei deinem ehemaligen Sohn und du suchst dir eine neue Gespielin, Orion! Regulus wird dir kaum dazwischenfunken."

„Lass Regulus aus dem Spiel!"

Remus verdrehte die Augen und als sich sein Blick mit dem Ludmillas traf, reagierte diese ähnlich.

„Einverstanden. Du gibst ihr die Sprache zurück und ich bringe sie zurück in den Puff! Ich kann nicht zulassen, dass sie meinen Erstgeborenen weiter verdirbt", erklärte Orion.

„Jetzt ist es wieder dein Erstgeborener? Ich dachte er sei nicht mehr dein Sohn!", spottete Cygnus und blies den Zigarrenrauch gen Decke.

„Es geht ums Prinzip. Glaubst du, ich weiß nicht, dass du Andromeda heimlich unterstützt, indem du diesem Schlammblut heimlich Aufträge zuschanzt?", behauptete Orion.

„Das musst du mir erst einmal beweisen", brauste Cygnus auf.

„Also, ich bringe das Mädchen in den Puff und schweige über..."

„Sie werden nichts dergleichen tun, Mr. Black!" Lucius war im Eingang erschienen. An seinem Arm hing Narzissa und wirkte – zwar etwas derangiert und zerzaust – so glücklich wie nie zuvor. Sie himmelte Lucius geradezu an. „Narzissa hat sich soeben damit einverstanden erklärt, in zwei Wochen meine Frau zu werden."

„Recht so", nickte Cygnus Black und kam auf die beiden zugeeilt. Er nahm Narzissas Hand, drückte sie und gab ihr dann einen Kuss auf die Stirn. „Das wurde auch allmählich Zeit. Ich will schließlich, dass mein Enkel ehelich geboren wird. Druella wird zufrieden sein. Damit ist es dann wohl an mir, meinen Teil der Abmachung zu erfüllen. Vergiss die Sache mit Black Castle. Wo ist die Kleine?"

Lucius drehte sich um, doch Carissa war nicht länger hinter Remus, wie er eigentlich erwartet hatte. Sie war ihm auch nicht in der Halle begegnet im Gegensatz zu Sirius. Sie musste sich hinausgeschlichen haben. Wahrscheinlich, weil Orion Black sich erneut in Obzönitäten ergangen war. Lucius wollte gerade fragen, als Sirius' Stimme durch die Halle zu ihnen drang.

Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich dich gesucht habe! Es ist die Wahrheit."

Lucius schüttelte den Kopf und zuckte die Schultern. Er konnte sich die Szene regelrecht vorstellen. Carissa hatte die Arme sicher vor der Brust verschränkt und trug eine gelangweilte Miene zur Schau, während Sirius vor ihr auf und ab rannte und versuchte, sie von seiner Geschichte zu überzeugen.

„Ich werde den Zauber lösen gehen, sonst schreit sich mein nichtsnutziger Neffe noch die Seele aus dem Leib und fügt dem Ruf der Familie noch weiteren Schaden zu", zischte Cygnus und verschwand aus dem Salon. Als Orion seinem Schwager folgen wollte, stellte sich Ludmilla ihm in den Weg.

„Eine Tasse Tee, Mr. Black?", fragte sie ihn süffisant. Lucius griff sich an die Stirn. Er würde mehr als drei Kreuze machen, wenn dieser Tag vorüber war.

„Nein danke, ich sollte... ich werde hier wohl nicht mehr gebraucht. Narzissa? Glückwunsch. Wir sehen uns in zwei Wochen. Lucius, du solltest es dir genau überlegen, ob du deine kleine Gespielin wirklich meinem Sohn überlassen willst. Sie ist nichts weiter als Dreck und gehört in die Gosse..."

Du musst doch wissen, dass ich dich niemals betrügen würde! Bei Merlin, ich war nur mit Narzissa in der Umkleidekabine und habe ihr beim Anziehen geholfen. Hätte ich sich nackt herumlaufen lassen sollen? Sie ist, verdammt noch mal, meine Cousine und reizt mich nicht im Entferntesten!"

Bah!", erwiderte Carissa: die einzige Äußerung, die sie ohne Hustenanfall energisch genug herausbekam.

„Miss Carter wird entweder bei Ihrem Sohn bleiben, Mr. Black, oder bei mir als Gesellschafterin ihr Auskommen finden. Ich garantiere Ihnen, dass letzteres erneut ein Keil zwischen meinen Sohn und Ihre Nichte treiben wird. Es würde dann Ihnen obliegen Seiner Lordschaft die entsprechenden Gründe zu erklären, warum die Familien Malfoy und Black noch immer keine familiäre... ähm, wie nannte es Ihr Bruder? Ah... Fusion bilden. Also, sollten Sie sich Miss Carter auch nur auf ungebührliche Art und Weise nähern, werde ich meinen Einfluss geltend machen und Ihnen eine Kostprobe meiner Macht geben!", setzte Ludmilla fort. Sie richtete sich zu ihrer vollen Gestalt auf, die Haltung einer selbstbewussten Frau, die sich im Klaren über ihre Kompetenzen war. Lucius hätte seine Mutter küssen können. Sie spielte selten ihre Fähigkeiten aus, doch wenn sie es tat, dann richtig. Sie hatte diese unnachahmlich herablassende suggestive Art an sich, einen Menschen das glauben zu lassen, was er glauben sollte. Natürlich wusste Lucius, dass es in erster Linie seine Macht war und sein Einfluss, auf die sie spekulierte. Seine Mutter hatte auf Seine Lordschaft zwar nicht angespielt und würde es auch nicht tun, doch ihr diskreter Hinweis auf die Verbindung beider Familien miteinander, war nicht misszuverstehen.

Narzissa verkrampfte sich an seinem Arm und wollte gegen die Rede seiner Mutter protestieren, doch Lucius presste ihr die Finger in die Seite, neigte sich ihrem Ohr zu und flüsterte: „Verdirb es nicht, sonst kann ich für nichts garantieren. Sei klug und setze auf die richtige Karte!"

Narzissa schluckte. Die unterschwellige Drohung hing einem Damoklesschwert gleich an einem seidigen, haarfeinen Faden in der Luft. Lucius wusste, worauf er sich einließ. Pläne versteckte man in Plänen, dass wusste er nicht erst seit seinem letzten Treffen mit Seiner Lordschaft, es war eines der Axiome, die er seit Beginn seiner Erziehung zu spüren bekommen hatte. Dass er Carissa Carter als eine Art Lock- und auch Druckmittel gegen die Blackschwäger in die Hände gespielt bekommen hatte, war zwar lediglich eine günstige Fügung des Schicksals gewesen, doch nutzte er diese waidlich aus. Dass sie sich als süße Maus und heiße Gespielin entpuppte, war ein Vorteil für ihn. Letztendlich würde er dennoch tun, was Seine Lordschaft von ihm erwartete.

Das Kätzchen hatte ihm Vergnügen bereitet und er bedauerte, dass die Zeit mit Carissa sich unweigerlich ihrem Ende näherte. Irgendwie sehnte er sich danach, endlich ihre Stimme in ihrem vollen Umfang zu hören. Doch ganz andere Bilder machten sich nun in seinem Kopf breit. Narzissa nackt, bloß bis auf die Kette mit dem Drachenzahn, die sie trug.

Du behauptest, du hättest mich gesucht? Ich bitte dich, Sirius, wer soll dir das denn glauben? Du hattest doch offenbar deinen Spaß beim Einkaufen mit deiner Cousine und den dürftigen Verkuppelungsversuchen zwischen ihr und Lucius. Ich wäre dir doch nur im Weg gewesen!", keifte Carissa.

Lucius lachte lauthals, als Cygnus mit hochrotem Kopf, gerunzelter Stirn und Resten von Lippenstift auf der Wange im Salon erschien.

Das ist noch lange kein Grund, dich hier wie eine Harpyie aufzuführen und meinen Onkel zu küssen und mich zu ohrfeigen!"

Du nennst mich Harpyie? Sirius Black, wenn du glaubst, dass ich dir in die Arme fallen werde und erneut deinem Charme erliege, dann hast du dich geirrt. Abgesehen davon, ohne deinen Onkel könnte ich dir nicht meine Sicht der Dinge darlegen und die Ohrfeige hast du übrigens verdient. Außerdem: Ich liebe dich nicht!"

Lucius wurde hellhörig. Sie liebte Sirius nicht? Sein Herz machte vor Freude einen Satz, völlig überraschend natürlich. Narzissa zappelte an seinem Arm herum und warf ihm einen unsicheren Blick zu.

Natürlich liebst du mich. Ich will einfach nicht glauben, dass du dich in diesen silberblonden Lackaffen verguckt hast!"

Nun war es an Lucius, sich zu versteifen. Seine Augenbraue zuckte nach oben. Er suchte Narzissas Gesicht nach Missbilligung ab, doch fand er lediglich Belustigung darin. Geistesabwesend lächelte sie ihn an und spielte mit dieser Kette, die ihm zuvor schon aufgefallen war. Kette, Drachenzahn?... Er stutzte.

Sirius Black, wage es ja nicht Lucius zu beleidigen! Er war für mich da, während du... du einkaufen gegangen bist!"

„Da sind wohl die Aphrodisiastischen Düfte mit dir durchgegangen? Wie lange, meinst du, wird die Wirkung noch anhalten?", flüsterte Narzissa und warf ihm einen neckenden Blick zu.

Lucius überging mit hochmütigem Lächeln den Einwurf.

„Muss ich mich darauf einstellen an einem Morgen aufzuwachen und vor lauter Sehnsucht nach dir nichts anderes mehr machen zu können, als mich nach deinem Abbild zu verzehren?", reizte sie ihn weiter.

Lucius zuckte lässig mit den Schultern. Es machte ihm Spaß, sein Kätzchen so mit Sirius reden zu hören. Doch wer wusste schon, vielleicht würde er für Narzissa wirklich eines Tages einen solchen Duft kreieren, der sie vor Liebe zu ihm um den Verstand brachte? Allerdings würde seine Verlobte diesen Trank, diese Düfte nicht wirklich brauchen. Er besaß genügend Erfahrung, um ihre eindeutigen, anzüglichen Blicke richtig zu deuten. Sie wollte ihn und das nicht zu knapp. Doch würde ein solcher Trank garantieren, dass sie ihn nicht betrog oder nach der Geburt seines Sohnes – er ging fest davon aus, dass es ein Sohn werden würde – ein Kuckuckskind unterschob.

„Vielleicht werde ich dir auch einen solchen Duft unterjubeln", überlegte Narzissa laut und spielte weiter mit ihrer Kette.

Es war genau wie damals, als du dich erst um deine Bedürfnisse gekümmert hast, bevor du diesen Typen in Keepers Pub in die Quere gekommen bist. Du hast einfach ein verdammt schlechtes Timing! Fass mich nicht an, Black!", fauchte Carissa weiter und schließlich ging sogar etwas zu Bruch. Ludmilla zuckte zusammen. Remus hastete hinaus in Richtung Lärm. Lucius nickte kurz mit dem Kopf und ganz Herrin der Lage, komplimentierte seine Mutter die beiden sich anschweigenden Blackschwäger hinaus.

Nimm deine Finger von mir! Natürlich geht es mir gut! Es ist nur ein verdammter Kratzer!", schrie Carissa.

Lucius grinste. Er hatte immer gewusste, dass sein Kätzchen Krallen hatte. Doch niemals hätte er erwartet, sie würde ihre ersten Worte nach über einem Monat des erzwungenen Schweigens in solch derber Art äußern. Sie hatte eine helle Stimme, die so gar nicht zu ihrem Äußeren passen wollte, doch war sie in keiner Weise unangenehm.

Lucius löste sich von Narzissa, schlenderte zur Tür und schloss diese.

„Was ist das eigentlich für ein Anhänger, den du da trägst?", fragte er, noch während er seiner Verlobten den Rücken zudrehte. Schweigen war die Antwort. Langsam wandte er sich ihr zu und deutete auf den Drachenzahn um ihren Hals.

Narzissa lief rot an und legte ihre Rechte über den Zahn. Sie zuckte mit den Schultern und meinte: „Och, das olle Ding hat mir ein Freund geschenkt."

„Ein Freund?", wiederholte Lucius lax und verkürzte die Distanz zwischen ihr und sich.

„Er war ganz begeistert davon und meinte, es würde mich kleiden. Und... Lucius? Was ist denn? Ich hab' dich..."

Lucius hatte die restlichen Meter in großer Eile zurückgelegt und nach dem Anhänger gegriffen. Er pulsierte leicht in seiner Hand, als sei Leben darin. „Das ist Hydrazahn, der Zahn eines antiken schlangenartigen Wesens. Wie konnte Karkaroffs Sohn ihn nur aus der Hand geben!", murmelte er und riss mit einem Ruck die Kette von Hals seiner Verlobten. Ohne auf ihren Protest zu achten, legte er die Antiquität in ein Taschentuch und verstaute sie in der Brusttasche seiner Jacke.

„Ja aber...", wollte Narzissa einwenden. Doch Lucius brachte sie durch einen drohenden Blick zum Schweigen. Er trat nahe an sie heran und nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und seine Augenbraue in Nähe es Haaransatzes gerückt.

„Sei froh", begann er und seine Linke schloss sich fest um ihren Oberarm, „dass du von mir schwanger bist und ich dieses Artefakt bei dir gefunden habe! Seine Lordschaft hätte dich nicht verschont, doch ich tu es. Schließlich trägst du meinen Sohn! Ich sage es dir nur noch ein einziges Mal, setze auf die richtige Karte und du wirst überleben!"

„Ja aber..."

„Du solltest lernen, wann es für dich günstiger ist, sich unauffällig zu verhalten. Ich werde veranlassen, dass deine Sachen nach Malfoy House gebracht werden! Du wirst verstehen, dass ich dich im Gästeflügel unterbringen werde, um dem Gerede der Leute vorzubeugen. Du wirst die Zeit bis zu unserer Hochzeit in der Obhut meiner Mutter verbringen. Ich erwarte, dass du dich fügst. Keine Widerrede!

Narzissa krauste die Nase, doch jeder Protest blieb ihr in der Kehle stecken. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam Narzissa Black eine konkrete Vorstellung davon, was Angst war.

Lucius atmete heftig. Nur wenige Tage noch und es würde für sie unbedenklich sein, sich wieder ins Elternhaus zu wagen. Verrat war ein ernst zu nehmende Angelegenheit, ob nun wissentlich oder unwissentlich. Bald würde es vorbei sein.

° ° ° ° ° ° °

Am späten Abend lag Carissa wach in ihrem weichen Himmelbett und fokussierte das eigene Spiegelbild über sich. Sie hatte ihre Sprache wieder, hatte sich mehr oder weniger mit Sirius ausgesprochen und sich dennoch geweigert, sofort wieder zu ihm zurückzukehren. Eigentliche hatte sie sich den Frust von der Seele gebrüllt.

Sie hatte ein ungutes Gefühl dabei, jetzt an Sirius' Seite zu sein. Eine innere Stimme warnte sie, sich auch nur in der Nähe eines Blacks aufzuhalten. Etwas lag in der Luft und das spürte sie nicht erst, seit Lucius seine Verlobte im anderen Seitenflügel, im hintersten Gästetrack untergebracht hatte.

Sie seufzte.

„Ich kann sprechen", erklärte sie leise ihrem Spiegelbild. Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen. „Ich kann reden, ich höre mich. Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische dein Heiligtum!", trällerte sie lauthals und musste sich räuspern. Singen klappte noch nicht wirklich. Für die Dusche würde es reichen, doch nicht für eine Karriere auf der Bühne. Ab und an kratzte der Hals noch.

Sie hob erneut an, als leises Klopfen sie davon abhielt.

„Ja?" Sie richtete sich im Bett auf, schwang die Beine über die Kante und schlüpfte in die Pantoffeln. Als sie den Morgenmantel überlegen wollte, unterbrach sie eine leicht alkoholisiert klingende Stimme.

„Bleib so!"

„Lucius, solltest du nicht bei deiner Verlobten sein?", fragte sie und ließ den Morgenmantel auf die Bettdecke gleiten.

Lucius stieß sich vom Rahmen ab und ließ die Tür mit einem Tritt ins Schloss schnappen. Er wankte leicht, wirkte zerzaust und derangiert. Kam er gerade aus Narzissas Bett? Carissa schnellte auf und war an seiner Seite. Sie legte seinen Arm um ihre Schulter und stützte ihn mit ihrem in der Hüfte. Lucius war ein großer Mann, zwar schlank, dennoch war Carissa nicht wirklich stark genug, ihn ohne Schwierigkeiten zu halten.

Schwer stützte er sich auf sie und murmelte: „Sie hat mich benutzt, weißt du? Eigentlich hätte ich ihr dafür ihren dürren Hals umdrehen müssen."

„Hmpf."

„Aber ich bin ja ein Gentleman, verfluchte Erziehung. Ich kann meine Verlobte doch nicht erwürgen, auch wenn sie es verdient. Vergewaltigt von einer Frau." Lucius lachte bitter und vergrub seine Nase in Carissas Haar.

Die wenigen Schritte zum Bett, zu dem Lucius sie trotz seiner Trunkenheit gezielt lenkte, waren ein wahrer Gewaltmarsch. Carissa schwitzte. Sie pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und gab ein gekeuchtes Ja, ja von sich. Endlich waren sie angelangt. Lucius landete bäuchlings auf dem Bett und riss Carissa mit sich. Sie ruhte halb unter seinem Körper und zappelte angestrengt, um wieder an die Luft zu gelangen.

„Schlaf mit mir!", forderte Lucius. Geschickt langte er nach ihr und ehe sie es sich versah, fand sie sich auf sich auf seinem Bauch wieder.

„Lucius, ich... deine Verlobte schläft im gleichen Haus! ich wollte nie die andere Frau sein", redete sie sich heraus und versuchte sich von ihm los zu machen.

„Schlaf mit mir", bat er sie erneut. Er hielt sie mit einem Arm gefangen und streichelte mit seiner freien Hand ihren Po. Er winkelte seine Knie an und zwang Carissa so, ihre Beine zu spreizen. Er war erregt, sehr erregt. Sie wäre ein Unmensch, ihm nicht diesen Wunsch zu erfüllen, zumal sie es selbst wollte. Doch der Gedanke an Sirius war im Moment präsenter als die Tage zuvor. Sie fragte sich, wie sie die gemeinsamen Tage mit ihm so rasch hatte verdrängen können. Sie holte tief Luft und machte sich innerlich bereit, Lucius' Wunsch abzulehnen, doch das war ein großer Fehler. Der tiefe Atemzug ließ sie seinen Duft in sich aufnehmen. Ihr wurde schwindelig und noch ehe sie gegen das eigene Verlangen aufbegehren konnte, tastete ihre Hand nach seinem Schritt, während ihre Lippen auf seine trafen, ihre Zungen sich berührten und sie sich küssend in die eigenen Triebe fallen ließen.

Sie hielten sich nicht damit auf, einander zu entkleiden. Lucius nestelte an den Knöpfen seiner Hose und schob Carissa das Negligé über die Hüften. Er schob das Höschen zur Seite. Sie brauchte keine Vorbereitung, wie von selbst glitt er in sie.

„Verwöhn mich, zeig mir, was du kannst, wieviel ich dir bedeute", flüsterte Lucius. Als hätte sie auf diese Aufforderung gewartet, gab sie ihm, was er brauchte, wonach er verlangte. Sie liebten sich bis zur Erschöpfung.

° ° ° ° ° ° °

Mit dem Anflug eines leichten schlechten Gewissens, legte Lucius beide Arme um den schlaffen Körper der schlafenden Carissa. Er hatte die Dosis des Duftes erhöht, um sie noch einmal nehmen zu können, bevor sie ihm endgültig entglitt.

°

° tbc °

AN 1 – Überschrift

Bevor jemand an der Übersetzung der Überschrift etwas auszusetzen hat: black kann im Englischen auch als relatives Synonym für dirtyschmutzig verwendet werden. Hier passt es in der Übersetzung schmutzig recht gut, denn wirklich astrein sind die Angelegenheiten ja nicht. ;)

AN 2 – Bezüge zu anderen Kapiteln und Geschichten

Die Aufzeichnungen Salazars – wer „Das Vermächtnis der Gründer" gelesen hat, weiß, dass hier die Rede vom Zaubertrankbuch Slytherins ist.

Die kleine Brünette – taucht in Kapitel 1 von „Das Kätzchen lässt das Mausen nicht" auf. Sie ruft Mère Griseldis um Hilfe an, als Orion Black sich an Carissa vergreifen will. Sie spricht mit französischem Akzent, ist aber eigentlich Waliserin. Mère Griseldis gibt sie nur als Französin aus.

Sirius' Bedürfnisse – Carissa spielt hier auf eine Begebenheit aus Teil I an. Sirius beobachtet, wie Joseph und zwei seiner Kumpel Carissa zu nahe treten. Doch er greift nicht gleich ins Geschehen ein, weil er sich unsicher ist, ob er das Recht dazu hat. Er geht stattdessen lieber erst einmal auf die Toilette und entschließt sich danach, nachdem er das Geräusch einer Ohrfeige identifiziert, einzugreifen.

AN 3 – „Ode an die Freude"

Text von Friedrich Schiller „Ode an die Freude" (1785) und die Musik von Ludwig von Beethoven 4. Satz der 9. Sinfonie (1815-1823).

Seit 1972 die Hymne des Europarats und seit 1985 in der Instrumentalfassung die Hymne der Europäischen Union.

AN 4 – In eigener Sache

Wow, wisst ihr eigentlich, dass dieses Kapitel etwas mehr als 19 PC-Seiten hat? O.o Dabei sollten es doch nur zehn maximal elf werden. Entweder ist mein Hang zur Ausführlichkeit mit mir durchgegangen oder der Stoff ließ sich nicht anders verarbeiten. Natürlich tendiere ich zur letzteren Annahme, der Stoff ließ sich nicht anders verarbeiten. Wie ihr seht, hat Carissa ihre Stimme wieder, Narzissa ist bei Lucius eingezogen und es braut sich eine düstere Gewitterwand über die Blacks zusammen. Hat es euch gefallen? Ja? Also ich bin jetzt fix und foxi und gönne mit die zweite Tasse Kaffee des heutigen Tages.

Entschuldigt, dass ich mein Vorhaben, jede Woche ein Kapitel zu posten nicht durchgehalten habe. Kapitel 14 war ein wahrer Stolperstein.

Eure Eos.