Kapitel 14

Blaise hatte ihm geholfen und auch Dean Thomas war eingetroffen, nicht unbedingt begeistert, aber dennoch hatte er ebenfalls mit angepackt.

Er war hier her gekommen, um ihn vorsintflutlich zu heilen, denn Draco spürte bereits wieder ein Stechen oberhalb seines Knies. Er hatte auf die Frage, wie er denn die Haustür aufbekommen habe, wenn Granger gar nicht hier wäre, nicht geantwortet. Wahrscheinlich war es ohnehin überflüssig.

Ja, er war quasi eingebrochen, aber das war ihm scheiß egal. Es ging Thomas einen Scheißdreck an. Und er behielt seine Meinung dankenswerterweise für sich.

Sie standen in der Küche, lehnten am Tresen und Draco kraulte Rufus hinter den Ohren. Der Hund schien es ihm nicht übel zu nehmen, dass Draco hier praktisch eingebrochen war, um seine Möbel unterzubringen. Sie tranken alle drei ein Butterbier und Draco genoss den Ausblick, wenn auch nur heimlich für sich.

„Hermine wird begeistert sein", bemerkte Thomas verschlossen. Draco ignorierte die unterschwellige Abneigung.

„Ich finde es gut", sagte Blaise achselzuckend.

„Es ist mir egal, was ihr denkt", erklärte Draco gleichmütig.

„Ich hoffe nur, du fängst nicht wieder mit Sex an", sagte Thomas mahnend.

„Wieso?", entgegnete Draco gedehnt. „Würde dich das umbringen?", wollte er dreist wissen, und Thomas verengte verächtlich die Augen.

„Wegen deiner Gesundheit, Malfoy, du Arschloch", fügte er gereizt hinzu. Draco musste lächeln.

„Keine Panik, ich rühr sie nicht an", versprach er, wenn auch nur halbherzig, ohne Dean in die Augen zu sehen. Dieser atmete entnervt aus.

„Ja, sicher", brummte er in sein Bier.

„Hey!", rief Draco aus. „Ich würde meinen Sohn gerne noch sehen", erklärte er zornig. „Ich habe kein Interesse an Granger", log er so gut er konnte, denn gestern Nacht hatte er die schmutzigsten Träume gehabt, nachdem er sie hier in der Küche gegen die Wand gepresst hatte. Er glaubte nicht, dass sie überhaupt gemerkt hatte, wie hart er geworden war, alleine durch den bloßen Kontakt! Er glaubte auch nicht, dass er jemals all seine Instinkte so sehr hatte bekämpfen müssen, weil sie ihn mit ihren Augen gerade zu angebettelt hatte, sie zu küssen.

Aber er hatte sich Zuhause nicht angefasst, hatte sich nicht Erleichterung verschafft, denn jeder Orgasmus war anstrengend. Jetzt war er geladen mit sexueller, lästiger Energie, die er nicht raus lassen konnte. Und bei Merlin, das würde er auch nicht tun, selbst wenn sich Granger nackt vor ihn werfen würde und drum bettelte, dass er sie in jeder erdenklichen Position in jedem Zimmer des Hauses nehmen sollte!

Scheiße. Kurz musste er die Augen schließen. Er hasste seine verfluchten scheiß Gedanken!

Die Haustür riss ihn aus den Gedanken, denn sie fiel laut ins Schloss. Er hörte ihre zornigen Schritte auf dem Flur.

„Uh oh…", sagte Blaise grinsend. „Die Misses ist da", ergänzte er und wartete gespannt. Granger kam ihn die Küche. Sie trug noch ihren Kittel, die Haare ordentlich hochgesteckt.

„Was zur-" Sie unterbrach sich, als sie sah, dass er nicht alleine hier war. „Dean, was…?" Draco konnte nicht leiden, dass sie den Namen seines Heilers zuerst sagte, aber immerhin galt ihm ihr ganzer Zorn. Fast musste er lächeln.

„Hermine, hey… ich… es war Zufall, dass… - wirklich, ich…" Aber immerhin hatte Thomas wenigstens den Anstand, ihn nicht noch weiter reinzureißen.

„Kann ich dich sprechen?", knurrte sie ihm tatsächlich zu, und Draco stieß sich locker vom Tresen ab. Rufus folgte ihm, aber Granger schoss dem Hund ebenfalls einen zornigen Blick zu. „Platz, du Verräter!", ergänzte sie, und mit einem kleinen Jaulen fiel Rufus dumpf auf den Küchenfußboden zurück.

Draco folgte ihr auf den Flur. „Das war wirklich ziemlich unhöflich von-"

„-halt ja deinen Mund, du scheiß Kerl!", unterbrach sie ihn, stieß die Tür zum großen Wohnzimmer auf, das er so sehr vermisst hatte und schob ihn erbarmungslos hinein. „Ist das dein Ernst? Du wartest, bis ich auf der Arbeit bin, schleppst deinen Kram hier wieder hin, brichst in mein Haus ein und erwartest, dass ich damit einverstanden bin?! Hast du sie nicht mehr alle?", schrie sie, und Draco nahm an, dass die Männer in der Küche dem Gespräch trotzdem wunderbar folgen konnten, auch wenn Granger sich die Mühe machte ihn ein Zimmer weiter anzuschreien.

„Fluch nicht so vor meinem Sohn", informierte er sie mit gleichgültiger Ruhe. Sie starrte ihn an, als hätte sie nicht verstanden. Dann klärte sich ihr zorniger Blick.

„Er kann es nicht hören! Aber er soll ruhig wissen, was sein Vater für ein Arschloch ist!", fuhr sie ihn wütend an. Kurz zuckten seine Mundwinkel.

„Gut. Ich würde es wirklich hassen, würdest an gebrochenem Herzen vergehen, nur weil ich hier wieder einziehe, und du dich nachts nach mir verzehrst", gab er unbeeindruckt zurück. Zornig hatte sie den Abstand geschlossen und ihre flache Hand knallte in sein Gesicht. Sein Kopf flog zur Seite, und er verzog den Mund unter dem brennenden Schmerz in seiner Wange.

„Davon träumst du, du widerlicher Kotzbrocken! Rühr mich noch ein einziges Mal an, und ich zertrümmer deinen Schwanz mit dem grausamsten Fluch der mir einfällt, Malfoy, hast du mich verstanden?" Ihre Stimme bebte vor Zorn, als sie sprach.

Er hob den Blick und fixierte sie. „Vorsicht, Granger", sagte er betont ruhig. Ihre Haltung änderte sich schlagartig, als er den Abstand zu ihr schloss. Berühren tat er sie allerdings nicht. „Ich habe zwar keinen Todeswunsch, aber wenn du mich reizt, könnte es sein, dass ich mein Recht geltend mache, denn noch gehörst du mir", erklärte er so konsterniert wie möglich. Ihre Augen weiteten sich.

„Ich gehöre dir nicht, Malfoy, denk das ja nicht!", zischte sie, aber er hörte ihrer Stimme die leise Panik an.

„Ist das so?", erwiderte er glatt. Ihre Augen waren so dunkel vor Zorn, dass ihm ihre Liebeserklärung von damals sehr weit entfernt vorkam. „Dann sieh mich nicht so an, als würdest du es unbedingt wollen", flüsterte er praktisch, und nahezu augenblicklich stieß sie ihm die Hände vor die Brust.

„Fick dich!", sagte sie heiser und verließ das Wohnzimmer. Er hörte die Haustür keine Sekunde später wieder ins Schloss knallen.

Seine Erektion pochte laut in seiner Hose. Scheiße.

Er hasste sie. Fuck.

Sie leerte das einzige Glas stark verdünnte Weinschorle praktisch in einem Zug.

„Gott, ich könnte noch hundert Gläser Wein trinken!", rief sie verzweifelt aus. Ginny bedachte sie mit einem leicht panischen Blick.

„Besser nicht, Hermine. Besser nicht", erwiderte sie konsterniert.

„Er… macht mich so… wütend, Ginny!", entfuhr es Hermine zornig. „Wie kann er es wagen?"

„Was genau?", wagte Ginny zu fragen, und Hermine sah sie an.

Was genau?", wiederholte Hermine fassungslos.

„Ja, ich meine… nachts bei dir aufzutauchen, dich zu bedrohen, oder meinst du, dass er tatsächlich am nächsten Tag bei dir einzieht, dass er dir sagt, du gehörst ihm und darfst niemand anderen sehen?", zählte Ginny behutsam auf, und Hermine wurde wieder wütend.

„Ja", sagte Hermine nur. „Ja, all das!"

Ginny faltete die Hände auf dem Küchentisch. „Also, ich weiß, das willst du nicht hören, aber ich denke, es ist gut, dass er wieder bei dir wohnt. Ich meine, du hast ihn vermisst, oder nicht?", fragte sie behutsam, und Hermine funkelte sie an.

„Nein, habe ich nicht", gab sie aggressiv zurück. „Ich…"

„Im Krankenhaus hast du-"

„-ich habe gelogen!", rief Hermine gereizt. „Merlin, noch mal!"

„Aha", erwiderte Ginny, nicht überzeugt. „Ich denke, es ist trotzdem gut. Er ist der Vater."

„Na und? Was hat er bisher getan?", schnauzte Hermine und wusste, es war falsch, die Wut an Ginny auszulassen. Ganz falsch!

„Na ja, hat er nicht einen Fonds angelegt? Und… Vorschulen ausgesucht? Sind seine Eltern nicht sogar Feuer und Flamme? Und-"

„-auf welcher Seite stehst du eigentlich?", unterbrach Hermine sie tonlos.

„Auf der Seite deines Sohnes", sagte Ginny gleichmütig. „Da, wo du auch stehen solltest", fügte Ginny mahnend hinzu, während sie die roten Haare in einen Zopf fasste.

Missmutig blickte Hermine in ihr leeres Glas. Sie hasste es, wenn Ginny vielleicht richtig lag.

„Trotzdem", murrte Hermine kleinlaut. „Ich… ich kann schlafen mit wem ich will", ergänzte sie und wusste, wie kindisch ihre Worte klangen. Und auch Ginny lächelte.

„Ja, und wer wäre das?" Hermine hasste das Lächeln auf Ginnys Lippen.

„Nicht Malfoy!", widersprach Hermine sofort. „Garantiert nicht Malfoy!", wiederholte sie noch einmal. Aber ihr Herz setzte einen Schlag aus als sie an die letzte Nacht dachte, an seine Nähe, seinen Duft, seine Arme, seinen Körper….

„Dann ist ja gut!", bemerkte Ginny gedehnt. „Hermine…", begann Ginny schließlich, und sie hob den Blick. „Wann… wird er sterben?" Es war eine Frage, die Hermine schon fast wieder verdrängt hatte. Er sah so gesund aus. Er stritt sich wie ein gesunder Mensch. Er sah aus wie ein gesunder Mensch, aber… Hermine wusste es besser. Eigentlich.

Malfoy würde sterben, und sie schlug ihm auch noch ins Gesicht dafür, dass er wollte, dass sie sein war.

Sie schloss kurz die Augen, als die Magenschmerzen wiederkehrten.

„Ich… ich weiß es nicht. In… ein paar Monaten", sagte sie also und macht sich besser nicht zu viele Hoffnungen, in dem sie sagte, es wäre noch ein ganzes Jahr. Denn Dean hatte ihr schon gesagt, wie gering die Chancen standen. Dean hatte ihr von den schwarzen Flammen auf Dracos Körper erzählt, und Hermine erfassten jedes Mal unangenehme Schauer, wenn sie daran dachte.

Wie schön wäre es, wenn sie ihn wirklich hassen könnte. Wie schön wäre es, wenn er nicht krank wäre. Aber das war nicht so. Und… schlimmer war, sie hasste ihn nicht mal wirklich.

Sie fand ihn dreist und unausstehlich, aber… hassen tat sie ihn nicht. Nicht einmal fast.

Und das war doch das Schlimme daran, nicht wahr…?

Es war schon spät, als sie ging und Harry vom Auroren Quidditch Training kam. Sie drückte ihn noch an sich, erzählte ihm von Dracos Einzug, erntete sein ungläubiges Lachen, und sie versprach, ihn nächste Woche mal wieder einzuladen.

Zwischenzeitig waren ihre Magenschmerzen zurückgekehrt. Sie seufzte auf, als sie apparierte. Sie wusste, nächsten Monat durfte sie nicht mal mehr das.

Es war dunkel, aber das Haus lag hell vor ihr. Und es war… schön. Es war nett, nicht in ein einsames Haus zu kommen, Es war außerdem schön, dass Rufus nicht alleine sein musste.

Aber jetzt gerade war ihr nicht danach, es Malfoy wissen zu lassen.

Gott, sie war so kindisch. Sie war sich nicht ganz sicher, warum. Aber sie nahm an, es war ihr verletzter Stolz. Und sie musste ihn bekämpfen. Sie musste wieder erwachsen werden.

Sie schloss auf und betrat den Flur. Rufus hechtete auf sie zu, rutschte über das Parkett und wedelte fröhlich mit dem Schwanz. Immerhin nahm ihr eigener Hund ihr ihren Ausbruch von vorher nicht übel. Im Haus war es still.

„Na, wo ist er?", fragte sie den Hund leise und streichelte seinen Kopf. Rufus antwortete ihr nicht und schmiegte sich gegen ihre Hand, bis er genug Streicheleinheiten bekommen hatte und wieder davon tapste. Hermine legte den Schlüssel auf die Kommode neben der Tür, hing ihren Mantel und ihre Handtasche an die Garderobe und ging lautlos über den Flur in die Küche.

Sie entzündete das Licht in den Leuchtern stand unschlüssig in der Küche. Sie hatte Hunger. Auf irgendetwas… fettiges, dachte sie verzweifelt. Nein! Sie konnte diese Anfälle nicht leiden, die sie verspürte. Und sie traute sich nicht, ein Geräusch zu machen.

Es war ihr unangenehm. Sie wollte nicht, dass er sie hörte.

Sie wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte.

Sie wusste nicht, wie man mit dem Vater des eigenen Kindes zusammen wohnen sollte. Sie wusste nicht, wie man jemanden, den man liebte, nicht berühren konnte. Ihm nicht zeigen konnte, wie man fühlte.

Es war vorbei. Schon längst vorbei, und sie wusste nicht, wie es funktionieren sollte. Er würde sterben, und sie konnte ihn nicht halten. Sie machte einige Schritte nach vorn, stützte beide Hände auf der Arbeitsplatte der Kücheninsel ab und schloss die Augen.

Sie zwang sich, zu atmen. Ein und aus. Immer wieder, bis sich ihr Herzschlag beruhigte.

Sie wusste, wenn sie es könnte, würde sie alles ungeschehen machen, nur um nicht dieses Gefühl zu haben. Diese bodenlose Angst, ihn unweigerlich verlieren zu müssen.

Bald. Es war zu wenig Zeit. Viel zu wenig. Zu wenig, um sich nicht zu lieben.

Sie streckte den Rücken durch und verließ die Küche. Sie durfte nicht zu lange da bleiben, denn sonst würde sie doch noch von einer Fressattacke heimgesucht, die sie nicht würde verhindern können. Lautlos lief sie durch den Flur und öffnete die Tür zum großen Wohnzimmer. Sie verharrte im Türrahmen.

Er hatte die schweren hellen Vorhänge zugezogen, und das warme Licht der Flammen erhellte den schönen Raum. Er selber war im Lehnsessel eingeschlafen. Aber er war nicht zusammen gesunken, sabberte und schnarchte dabei, wie sie es Ron zutrauen würde, nein.

Draco saß beinahe selbstgerecht in dem kuscheligen Sessel, den Kopf angelehnt, die Augen entspannt geschlossen. Seine Hände ruhten auf den Armlehnen. Er trug einen beigen Pullover, darunter ein weißes Hemd. Wahrscheinlich von auserwählt teuren Marken. Seine Jeans hatte ein angenehmes verwaschenes Blau, und würde er aufstehen, würde sie nicht unangenehm eng anliegen, aber doch eng genug, dass sie die Beule in seiner Hose nicht würde verbergen können, das wusste Hermine. Und es nervte sie, dass sie es wusste und daran dachte. Seine Schultern waren so breit und seine Brust hob und senkte sich im Schlaf ruhig und gleichmäßig.

Er war so schön. Und sie stand im Türrahmen und ertappte sich dabei, wie sie ihn versonnen anstarren musste. Sie hatte ihn heute angeschrien und geschlagen.

Sie hatte sich schon so oft mit ihm gestritten, ihn schon so oft berührt, ihn so oft nackt gesehen. Sie hatte mit diesem Mann geschlafen und erwartete sein Kind.

Es war so absurd. Absurder als es Harry, Ron oder Dean empfanden.

Unschlüssig betrat sie ihr Wohnzimmer. Sie ging lautlos über das Parkett und ging vor ihm schließlich in die Hocke, um in sein Gesicht hinaufzublicken.

Sie hatte ihn schon so oft angesehen. Aber sie bekam nicht ansatzweise genug von ihm.

Seine langen Wimpern ruhten auf seinen Wangenknochen. Seine Lippen waren voll und wunderschön und kurz erwischte sie sich dabei, wie sie hoffte, ihr Sohn würde diese Lippen erben.

Er musste müde sein, ging ihr auf. Er war heute umgezogen. Wenn er so agil und gesund aussah, vergaß sie regelmäßig, dass er krank war. Er wirkte so jung. So wunderschön und jung.

Ihr Blick fiel jetzt erst auf den niedrigen Beistelltisch. Ein Umschlag lag dort. Ihre Stirn runzelte sich langsam. Scorpius Malfoy.

Wer war Scorpius Malfoy? Wem hatte er diesen Brief geschrieben? Sie erkannte seine Handschrift, und dieser Name prangte auf der Mitte des Umschlags.

Vorsichtig griff sie zum Tisch und nahm den Umschlag auf. Ein Blick in sein Gesicht sagte ihr, dass er noch immer schlief. Sie drehte den Umschlag in den Händen und erkannte, dass die Rückseite bereits versiegelt worden war. Hinten auf der Lasche standen weitere Worte.

Zu seinem siebzehnten Geburtstag.

Und sie spürte, wie ihr Mund merklich trocken wurde. Sie wusste, wer Scorpius Malfoy war, und fast hätte sie den Umschlag fallen gelassen, als wäre er plötzlich kochend heiß geworden. Scorpius Malfoy war ihr Sohn.

Ihr ungeborener Sohn, der bisher noch keinen Namen hatte. Sie schluckte schwer und hörte, wie sich sein regelmäßiger Atem unterbrach. Sie hob ertappt den Blick und sah gerade noch wie sich seine Augen blinzelnd öffneten. Gerade fielen ihr keine Worte ein, die sie sagen könnte. Sie sah ihn nur an. Sein Blick fiel schließlich auf den Umschlag in ihrer Hand.

Seine Augen waren hellgrau und klar. Als sie sich wieder zu ihren Augen hoben, spürte sie das Ziehen in ihrem Bauch deutlich.

Er sagte noch immer nichts. Er kommentierte nicht mal, dass sie vor ihm hockte, was ihr erst jetzt gerade siedend heiß wieder einfiel. Sie spürte, wie sie rot wurde.

„Scorpius Malfoy?", sagte sie also mit schwacher Stimme, und sein Ausdruck blieb undeutbar.

„Ein Familienname. Er hat Tradition", erklärte er mit rauer Stimme.

„Und… damit soll ich mich abfinden? Ohne Diskussion?", erwiderte sie und hockte immer noch vor ihm. Er ruckte lediglich mit dem Kopf und streckte im Sitzen kurz seinen Rücken durch. „Und wie soll er deinen Nachnamen bekommen?", wollte sie weiter von ihm wissen.

Und fast nachsichtig sah er sie an. Und kurz stockte ihr der Atem unter seinem Blick, denn sie wusste, was er sagen würde. Und sie würde ihn gerne aufhalten, aber sie sprach zu spät.

„Dir war aber schon klar, dass du mich heiraten würdest, oder?", informierte er sie, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. „Es macht es leichter mit den Finanzen, mit der Erbschaft – mit eigentlich allem", fuhr er fort und in seiner Stimme klang eine besorgniserregende Müdigkeit mit. Ihr Mund öffnete sich perplex. „Das wolltest du doch?", wiederholte er wieder einmal Worte, die nicht die ihren gewesen waren. Sie erhob sich langsam, den Brief immer noch in der Hand.

„Ich… ich kann dich nicht heiraten, Malfoy", sagte sie tonlos und vollkommen überfordert.

„Sicher kannst du", sagte er und erhob sich langsam aus dem Sessel. „Der Form halber", ergänzte er achselzuckend. „Ich sterbe, Granger", schloss er neutral. „Du müsstest nicht lange-"

„-nicht", unterbrach sie ihn plötzlich kopfschüttelnd. Er verstummte und fuhr sich mit beiden Händen durch seine dichten Haare, kämmte sie über seinen Kopf zurück, und sie biss sich auf die Unterlippe.

„Ich… ich kann das nicht", flüsterte sie kopfschüttelnd, ohne ihn anzusehen.

„Was?", wollte er tatsächlich entnervt wissen. Und sie sah ihn an. Es war so schwer. Es war so schwer, nicht zu weinen. Nicht zu zerbrechen.

„Ich will nicht so heißen wie du! Ich will nicht, dass mein Sohn einen Namen trägt, der so klingt, als wäre er einer römischen Fabel entsprungen!", fuhr sie ihn an, während sie den Brief vor sein Gesicht hielt. Unwillkürlich fragte sie sich, was er geschrieben hatte.

„Es ist dir wirklich so zuwider?", bemerkte er zornig. „Komisch, ich dachte ja, vor einigen Wochen wärst du noch haltlos in mich verliebt gewesen, Granger", knurrte er gepresst.

Oh sie hasste ihn!

„Denkst du ernsthaft, ich möchte heißen wie du, ohne dass du noch da bist, um genauso zu heißen?", schrie sie, und sein Mund öffnete sich verständnislos.

„Bist du verrückt geworden? Was-"

„-weil ich dich liebe, würde ich dich nur heiraten, wenn wir zusammen ein Leben verbringen könnten, Malfoy!", unterbrach sie ihn aufgebracht. „Aber alleine, ohne dich, bedeutet der Name nichts!", schloss sie zitternd. Er atmete aus und schloss kurz die Augen, während sie inständig flehte, dass ihm ihr Geständnis irgendwie entgangen war. Ihr Herz schlug verräterisch laut und sie schalt sich selber einen unglaublichen Dummkopf, denn das hatte sie nicht sagen wollen! Alles, nur das nicht!

Seine Augen öffneten sich wieder. „Ich kann nicht bleiben, begreifst du das nicht?", flüsterte er praktisch, und jetzt füllten die lächerlichen Tränen ihre Auge, dass ihre Sicht verschwamm. Zornig wischte sie sich über ihre dummen Augen.

„Ich will nicht ohne dich-" Aber er unterbrach sie, ehe sie weitersprechen konnte. Er hatte den Abstand zu ihr geschlossen, und seine Hände legten sich fest um ihre Schultern, als er sie ansah.

„Ich muss gehen", sagte er mit Nachdruck, ohne sie aus den Augen zu lassen, während weitere Tränen auf ihre Wange fielen, als sie schwach den Kopf schüttelte. „Das weißt du. Ich… wünschte, ich könnte bleiben. Ich möchte nichts mehr, als bleiben, begreifst du nicht?" Seine Stimme wurde lauter. „Ich…" Er sprach nicht weiter. „Merlin, ich will doch nur das richtige tun!", knurrte er wieder zorniger und seine Augen waren vor Wut dunkler geworden.

„Draco, ich kann aber nicht-!"

Doch er hatte den Kopf geschüttelt und den Kopf gesenkt. Sein Arm schlang sich um ihre Taille, und es passierte so schnell. So überraschend, dass sie gar nicht tun konnte.

Er sah sie an, wie sie hier vor ihm stand. Völlig verloren, als wüsste sie nicht mehr, wo sie war. Ihr Gesicht war von Trauer gezeichnet, aber er glaubte nicht, dass sie es überhaupt registrierte, würde er sie nicht darauf hinweisen.

Und Merlin. Wie sie ihn ansah.

Es schmerzte ihn so sehr, dass er sein Wort nicht mehr halten wollte. Es machte überhaupt keinen Sinn mehr in seinen Gedanken, sie nicht zu berühren.

Wieso tat sie ihm das an? Aber eigentlich tat er es sich selber an, oder nicht? Er war hier her gekommen, und wahrscheinlich hatte er unterbewusst genau gewusst, weshalb er gekommen war. Zurück zu ihr.

Er sah, wie ihre Augen einen seltsamen Glanz annahmen, sah, wie sie leicht den Kopf schüttelte.

„Draco, ich kann aber nicht-!"

Er rührte sich nicht. Er schluckte schwer. Sie liebte ihn. Sie hatte es gesagt, und es hatte sich praktisch in sein Herz gebrannt. Wieder fiel eine Träne auf ihre Wange.

Sie war so schön. So verflucht schön, und er schüttelte über sich selbst den Kopf.

Scheiß auf die Worte! Er brauchte keine weiteren Worte, keine weitere Erlaubnis, verdammt!

Er schloss den Abstand zu ihr, ungeduldig und unaufhaltbar. Er zog sie in seine Arme, schlang eine Hand um ihren Nacken und hielt sie für eine Sekunde in seiner Gewalt, um sie anzusehen. Ihre Augen hatten sich kurz vor Schreck geweitet, ihr Atem ging unregelmäßig, und er wusste, es gab kein Zurück. Jetzt, hier, in diesem Moment.

Seine Lippen fanden ihre im Bruchteil einer Sekunde.

Und es war wie nach Hause zu kommen.

Alle Nervenenden in seinem Körper reagierten auf ihre Nähe, auf ihren Duft, ihre Fingerspitzen, die seinen Nacken berührten, als sie den Kuss erwiderte, ihn enger an sich zog. Er hatte keine Ahnung, was er sich vorgemacht hatte, denn niemals hätte er noch viel länger ohne sie ausgehalten.

Er schlang die Arme um ihren Körper, hob sie fast vom Boden hoch, als er den Kuss vertiefte. Er wollte, dass sie seine Frau wurde. Er wollte nichts mehr sonst. Er wollte nur sie.