Die Hölle in dir
Teil 14
~sss~
Dean driftete langsam aus dem Schlaf zurück und lauschte in die Umgebung hinein. Ganz nahe bei sich nahm er die gleichmäßigen und ruhigen Atemzüge seines Bruders wahr. Dean brauchte seine Augen nicht zu öffnen, um zu wissen, dass Sam noch tief und fest schlief – immerhin hatten beide fast ihr gesamtes Leben Seite an Seite verbracht und kannten einander wie niemand sonst.
Der Jüngere schien bis ins Letzte erschöpft zu sein, was angesichts der ungwollten Schwimmübungen vor ein paar Stunden auch nicht gerade verwunderlich war.
Ein kleines Lächeln zupfte frech an Deans Mundwinkeln, als er, noch halb zwischen Realität und Traum schwebend, an seine Kindheit zurück dachte. Damals war der Anblick von Sam deutlich amüsanter gewesen, als dieser einen unfreiwilligen Flugversuch von einer Holzbrücke unternommen hatte und auf diese Weise recht zeitig dazu kam, das Schwimmen zu lernen. Dean sah die Bilder vor sich, als wäre es gestern gewesen: Ein wild umher paddelnder Sammy, der mehr aussah wie ein kleines, verschrecktes Hündchen mit zerstrubbeltem und triefendem Haar, das sich vor dem Ertrinken retten wollte, als jemand, der ernsthafte Schwimmversuche unternimmt.
Bobby hatte es gereicht. Seit Tagen hatte er vergeblich versucht, den Jüngeren ins Wasser zu bekommen, um ihm alles Nötige zur Fortbewegung im feuchten Element beizubringen, ohne dabei auf Grund zu laufen - gut zureden, diskutieren, befehlen, ja sogar bestechen, all das hatte nichts gebracht, außer einem sturen Fünfjährigen und einem genervten Onkel Bobby, der letztendlich die Beherrschung verloren hatte. Etwas, das einem weder damals noch heute so schnell gelang und Dean war ehrlich beeindruckt gewesen von dieser beachtlichen Leistung. Am Ende hatte Bobby den Knirps, ohne Wenn und Aber, mit einem freundschaftlichen Klaps an die Schultern ins Wasser befördert. Kurzum: Sam hatte an diesem Tag das Schwimmen gelernt und alle in einem Radius von einer halben Meile, dass sein Wortschatz an Flüchen und Schimpfwörtern beachtlich größer war, als von einem Fünfjährigen angenommen. Sogar Dean hatte rote Ohren bekommen …
Der Ältere saß jetzt völlig entspannt und bequem zusammengerollt in dem alten Sessel, ganz dicht neben dem Kopfende des Sofas, war eingewickelt in eine warme Decke und hatte zum ersten Mal seit Wochen wieder ein paar Stunden Schlaf gehabt, der wirklich erholsam gewesen war – ganz ohne blutigen Horror und Schreie. Ein beinahe fremdes Gefühl.
Ganz langsam öffnete er die Augen, blinzelte verschlafen in die Dunkelheit, die nur durch den schwachen Lichtschein des sterbenden Kaminfeuers ein klein wenig erhellt wurde. Seine Augen wanderten hinüber zu Sam und betrachteten die erschöpften, aber zugleich entspannten Gesichtszüge seines Bruders. Er kannte jeden Ausdruck, den es in ihnen zu sehen gab, kannte jede noch so kleine Besonderheit. Wie oft hatte er das schon getan; in schlaflosen Nächten seinen kleinen Bruder heimlich beobachtet - seltsam, aber manche Dinge vergaß man nie, wie auch diese besonderen, kleinen Momente, die nur Dean alleine gehörten und die er fest in sein Herz einschloss. Seine Erinnerungen drifteten erneut zurück, weit in die Vergangenheit, in denen ein kleines Bündel fest schlafend neben ihm im Bett lag, dicht an seine Seite gekuschelt – sicher, beschützt und so unendlich friedlich.
Sam.
Dieser wurde plötzlich unruhig, schien wieder schlecht zu träumen und murmelte unverständliche Wortfetzen. Im leichten Lichtschein des ausgehenden Feuers sah Dean den holperigen Tanz der Augäpfel unter den geschlossenen Lidern des Jüngeren und bemerkte den feinen Schweißfilm, der auf dessen Stirn glitzerte.
"Warum- ... ? ... alleine ...", ein leises Murmeln, kaum verständlich, aber so voller Einsamkeit, dass es wehtat, sie zu hören: "N'n ... De- Nein ..."
Langsam streckte Dean seine Finger aus und strich Sam behutsam eine lose Strähne aus dem Gesicht, ehe er ganz zögerlich seine Hand auf dessen dunklen Haarschopf legte - eine Geste, von der er dachte, dass es sie so nie wieder geben würde - von der nicht wusste, ob er noch dazu fähig wäre.
„Schhhhh – ist okay, Sammy, ich bin ja da …"
Sam schien instinktiv diese vertraute Wärme und das wortlose Versprechen des Schutzes aus seiner Kindheit zu spüren, ohne all die belastenden Gedanken eines Erwachsenen, beruhigte sich wieder, und schmiegte seine Wange, wie der kleine schlafende Junge von damals, in die Hand seines Bruders – genau in diesem Moment hatte Dean noch einen weiteren dieser kostbaren kleinen Augenblicke, die so selten waren, wie die edelsten Diamanten.
Deans Daumen fuhr sanft über die Stirn seines kleinen Bruders und glättete die Sorgenfalten, die sich tief darin eingegraben hatten, ehe er seine Finger langsam zurück zog, sich wieder in der Decke vergrub, die Augen schloss und allmählich in den Schlaf zurückglitt, fühlte Sam an seiner Seite und wusste, dort war er sicher – genau wie früher.
~sss~
Überall Schwärze.
War er alleine?
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Deans Magengegend aus, als hätte er Quecksilber geschluckt, was nun seltsam in seinem Innerem herum murmelte. Er fühlte die Anwesenheit von etwas anderem – jemandem …
„Hallo?"
Stille.
Angestrengt hörte er in seine Umgebung hinein, versuchte etwas zu orten, zu erkennen, aber das Einzige, was er vernahm, war das aufgeregte Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren.
Babum … babum … babum …
„Verdammt noch mal, ich weiß, dass jemand da ist und ich nicht alleine bin!"
Ohrenbetäubende Stille, schwärzeste Dunkelheit und nur ein kalter Lufthauch, der ihn plötzlich im Nacken streifte.
Dean schreckte nervös zusammen, drehte sich um sich selber und tastete in der Finsternis umher, wusste nicht, wo er hin trat, oder welcher gähnende Abgrund vor ihm lauerte. Er hatte keine Ahnung, wovor er mehr Angst hatte: Davor, nichts zu finden, oder plötzlich in ‚etwas' zu greifen. Ach was - ein Dean Winchester hatte keine Angst! Niemals!
Babum. Babum. Babum.
„SCHEISSE – verdammt noch mal, wer zum Teufel ist da? Diese dreckigen Spielchen können wir lassen, zeig dich, du Mistkerl!"
Wieder nichts, dann plötzlich ein Flackern und ein kleiner Lichtschein von irgendwo über ihm, der langsam immer heller wurde, Konturen sichtbar machte, Schemen zeigte - einen Umriss …
BABUM-
Dean starrte wie hypnotisiert auf den hochgewachsenen Mann, der im Dämmerlicht vor ihm stand und begann zu begreifen, dass er in einen Spiegel schaute. Sein Gegenüber war umrahmt von Finsternis, musterte ihn mit denselben grünen Augen, sah ihm fragend entgegen aus der reflektierenden Oberfläche aus ebenem Glas.
Dean beobachtete den Mann, der er selber war und dennoch so verwirrend anders – dunkel, gefährlich.
Langsam neigte sein Ebenbild den Kopf, ohne, das er es selber tat, runzelte die Stirn und bekam einen kalten Ausdruck in den Augen, der selbst hell lodernde Flammen zum Erlöschen gebracht hätte, jedes Gefühl des anderen abwürgte und nur pures Unbehagen zurückließ.
„Warum?" Düstere Bosheit blickte ihm entgegen, zischte leise mit seiner eigenen Stimme: „Warum Dean? … Hmm – nur Selbstsucht? Warum hast du ihn so zurück gelassen?"
Endloses Schweigen zwischen zwei Herzschlägen in Deans Brust, die eine schiere Unendlichkeit währten.
„Du wusstest, was passieren würde und doch hast du nichts unternommen – was für ein Bruder bist du? Verstehst du das darunter, für Sam zu sorgen und ihm dann all das aufzubürden, die Last nur auf seine Schultern zu legen, obwohl du wusstest, dass er darunter zerbrechen würde?"
Dean erstarrte, die Hand zur Faust geballt und biss sich auf die Unterlippe, nicht fähig, auf diese Anklage etwas zu erwidern, denn war doch jedes ausgesprochene Wort ein Abbild seiner Ängste.
Sein eiskaltes Ich musterte zurück - die Augen intensiv auf den anderen gerichtet, abschätzend, provozierend; ehe ‚Er' erbarmungslos fortfuhr: „War es das wert? Für ein mickriges, geliehenes Jahr alles andere zu verraten – ihn zu verraten? Du hast das Leben deines Bruders nicht gerettet, du hast es zerstört, schon als du damals in Stanford aufgetaucht bist! Dein Neid hat ihm seine Liebe genommen, seine Chance, frei von euch zu leben, mit Feuer zunichte gemacht, einem Feuer, das DU entzündet hast, in jener Nacht, als du kamst, um ihn zu holen! Ein Feuer, das Dank dir jeden in deiner Familie verbrannt hat."
Stille und anklagende Blicke, so bohrend, dass Dean am Liebsten davon gerannt wäre wie ein verängstigter, kleiner Junge …
„Es war deine Schuld, DU HAST SIE ALLE GETÖTET!"
Deans Mund öffnete sich zu einem Einspruch; … dass dies nicht stimmte – dass die Wahrheit eine andere gewesen war! Aber heraus kam nichts, nur ein Gedanke, der in seinem Inneren immer und immer wieder aufploppte: ‚Und wenn doch? Habe ich sie alle auf dem Gewissen? Bin ich Schuld?'
Das Bild von ihm im Spiegel begann sich zu verändern, noch ehe Dean eine Gelegenheit bekam, sich zu rechtfertigen und zu wehren, verschwamm in kleinen Wellen wie eine Wasseroberfläche, in die ein Stein geworfen wurde. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, versuchte etwas zu erkennen und in dem Gewirr aus Linien sein Gegenüber wiederzufinden, nur um festzustellen, dass dieser Jemand nun ein anderer war.
So ähnlich …
„Dad?"
Vor ihm stand sein Vater - ein furchterregender Hüne, der so viel Wut ausstrahlte, dass sie alles in seiner näheren Umgebung zu versengen drohte.
Hätte Dean gekonnt, wäre er ein paar Schritte zurückgewichen, nicht aus Respekt, sondern aus Furcht. So aber stand er wie angewurzelt da, jeden Muskel im Körper angespannt und starrte in das Gesicht des ältesten Winchester.
Dean hatte Angst, einfach nur pure, nagende Angst, denn in diesem Augenblick war er wieder der kleine störrische Bengel von damals, der sich vor ‚ihm' zu rechtfertigen hatte und für seine Fehler geradestehen musste.
‚Dad.'
Aber der Vater, den er gekannt hatte, war nicht zu solch boshaften Blicken fähig, zu solchem Zorn und Hass …
Oder doch?
„Dad - bitte- …"
„Warum hast du meine Befehle nicht befolgt, Junge? Warum hast du ihn nicht beschützt, so wie ich es dir beigebracht habe und ihn einfach sterben lassen? Es ist deine Schuld – DEINE!", brüllte John los, die grauen Augen beinahe schwarz vor Hass. Die Faust erhoben, sah es so aus, als wollte er seinen Sohn schlagen … und das, so fest es nur ging.
Auch die Tatsache, dass man von einem Spiegelbild nicht verprügelt werden konnte, machte die Situation um keinen Deut besser – im Gegenteil.
„Aber ich habe-"
„Kein ABER, ich habe dich ausgebildet, um ihn zu schützen, nicht um ihn alleine zu lassen! Wozu bin ich sonst für dich in den Tod gegangen? Um ihn mit einem dreckigen Messer abstechen zu lassen, um seine Dämonen zu wecken?
„DU BIST SCHULD AN DEM, WAS ER JETZT IST!"
Eine Anklage so scharf, dass sie tiefe Einschnitte auf Deans Seele hinterließ, sie langsam ausbluten ließ. Ein innerer Teil seiner selbst schrie ihm zu, dass John Recht hatte, dass er selber es gewesen war, der seinen Bruder in den Abgrund gestoßen hatte.
Wieder veränderte sich das Bild vor ihm und wurde zu einem verzerrten Gemälde seiner selbst. Dean ahnte beinahe, bevor er es richtig sah, wer ihn jetzt besuchen kommen würde.
Groß, schlank und mit braunen Augen blickte ihm Sam vorwurfsvoll entgegen.
„Warum, Dean?"
Dem stand vor Entsetzen der Mund offen, bei dem, was er sah. Vor ihm stand sein Bruder und jeder Teil seines Körpers war mit Blut beschmiert, beinahe sah es so aus, als hätte er darin gebadet – instinktiv wusste Dean, dass es nicht das des Jüngeren war und dieser Gedanke ließ ihn zurückschrecken - bittere Galle stieg ihm im Hals hoch und nur mit aller Gewalt konnte er seinen nach außen drängenden Mageninhalt aufhalten.
Als Sam seine Hände ausstreckte, liefen kleine Rinnsale von dunklem Rot an den Fingern entlang, ehe sie sich als dickflüssiger Tropfen an der Fingerkuppe sammelten und mit einem leisen Platschen auf den Boden auftrafen, sich zu seinen Füßen in einer Pfütze vereinten - einem kleinen See aus Blut.
„Ich war so allein …", ein verängstigtes Flehen des jungen Mannes, so erschreckend vertraut. „Ich wusste nicht weiter … verzeih mir!"
„Sam." Ein leises Flüstern war alles an Worten, was Dean seiner staubtrockenen Kehle entreißen konnte. Er hatte das Gefühl, pure Säure getrunken zu haben, alles in ihm brannte, waberte ätzend in ihm herum und bereitete ihm nichts als reinen Schmerz bei diesem Anblick.
„Warum hast du mich nicht beschützt?" Traurig legte der Jüngere den Kopf mit einem irritierend leisen Rascheln zur Seite.
Als Dean erkannte, was dieses Geräusch war, konnte er sich beinahe nicht mehr zusammen reißen. Das Knistern entstand durch das viele Blut, das Sams braunes Haar zu dicken Strähnen verklebt hatte, die ihm nun beinahe wie Dornen vom Kopf abstanden.
Dean konnte nicht anders, er schüttelte sich vor Ekel und Abscheu, vor den Gedanken an die Opfer, denen das dunkle Rot entrissen wurde.
„Ich war dich besuchen Dean - vor ein paar Monaten, an deinem Grab in Pontiac … weißt du, ich konnte es nicht mehr aushalten und musste nachsehen, ob es dir gut geht."
Kurzes Schweigen.
„Ich hatte Träume von dir – wirklich schlimme Träume - …", Sam sah auf seine Hände und beugte die Finger etwas – auf und zu, immer wieder, als würde er etwas festhalten wollen oder mit seinen Händen arbeiten. „Als ich mit dem Graben fertig war, da waren sie auch voller Blut, die Blasen waren wohl aufgeplatzt - …", der Jüngere blickte kurz auf und zog die Augenbrauen beinahe erstaunt nach oben: „… damals habe ich das gar nicht mitbekommen."
Dean starrte völlig geschockt auf Sam, den Mund ein Stück weit im Erstaunen geöffnet und war nicht fähig, irgendetwas zu tun, oder auch nur einen kleinen Muskel zu bewegen.
„Ich habe dich vermisst, Bruder - dich gebraucht - …"
Langsam streckte Sam seine Hand aus, schob sie beinahe flehend zu Dean.
Nur ein Spiegelbild – eine Reflektion.
Babum – Babum – Babum.
Aber die Hand bewegte sich weiter, verließ unter den entsetzten Blicken des Älteren ihre gläserne Hülle und schob sich weiter auf Dean zu, bis ihm der süßlich metallene Geruch von warmem Blut in die Nase stieg, ehe so vertraute Finger vorsichtig seine Wange berührten …
„Warum hast du mich nicht beschützt?"
Babum.
…
