Dr. Frankenstein


Eine abscheuliche Tat quält uns nicht, wenn wir sie soeben getan, sondern erst viel später, wenn man an sie zurückdenkt, denn die Erinnerung daran verlischt nicht."

(Jean-Jacques Rousseau, 1712 - 1778)


Beth fühlte sich alles andere als wohl, als sie im Eiltempo die Treppen hinunter in die U-Bahnstation lief. So merkwürdig es auch war, in der Abgeschiedenheit der kleinen Farm in Baja California unter all diesen Vampiren hatte sie sich sicherer und wohler gefühlt als in einer Großstadt wie Los Angeles, in der sie von so vielen fremden Menschen umgeben war, die so mit ihrem eigenen Leben beschäftigt waren, dass sie sie in ihrem geschäftigen Tun gar nicht wahrnahmen. Die Erfahrungen der letzten Tage hatten Beth ängstlicher und vorsichtiger gemacht und gerade weil ihr bewusst war, dass sie sich gleich vielleicht mit einem Mann treffen würde, der von einer gefährlichen Geheimorganisation gesucht wurde, kam ihr plötzlich jeder Mensch, der sie zu lange ansah oder sich in irgendeiner Weise auffällig verhielt, verdächtig vor. Nur der Gedanke, dass Josef in einem relativ großen Abstand hinter ihr her ging, hielt sie davon ab, es sich noch einmal anders zu überlegen und einfach umzudrehen, zurück zu Mick zu kehren, der sie ganz gewiss schon dringend brauchte.

Diana oder viel eher Peterson hatte ihren Treffpunkt gut gewählt. Die U-Bahnstation war auch um diese späte Uhrzeit noch gut belebt und überall befanden sich Überwachungskameras, die bei merkwürdigen Geschehnissen ganz gewiss sehr schnell den Sicherheitsdienst oder gar die Polizei alarmieren würden. Geheimes Vorgehen war hier sogar für die Legion so gut wie unmöglich und in die Öffentlichkeit wollten diese Menschen bestimmt nicht geraten.

Beth warf noch einmal einen letzten Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, das Josef ihr wirklich folgte und ging dann langsam den Bahnsteig entlang, sich genau jeden Menschen ansehend, dem sie begegnete. Sie hatte Peterson noch nie von Angesicht zu Angesicht getroffen und war sich nicht sicher, dass sie ihn erkennen würde, aber ihr fiel bald ein, dass sie sich eigentlich mit Diana verabredet hatte. Vielleicht war es besser nach ihr Ausschau zu halten.

Ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich kühler Wind fuhr wie ein böses Omen durch den U-Bahnschacht und ließ Beth frösteln. Sie zog sich ihre dünne Jacke etwas enger um die Schultern und hielt dann inne. Am anderen Ende des Bahnsteigs hatte sie eine junge Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren entdeckt, die unauffällig immer wieder zu ihr hinüber sah. Beth war sich fast sicher, dass das Diana war und beschleunigte ihren Schritt. Zu ihrer eigenen Enttäuschung musste sie feststellen, dass die Studentin wirklich allein war. Vielleicht hatte sich Josef mit seiner Vermutung geirrt.

Diana war blass und wirkte ganz anders als bei ihrer ersten Begegnung. Ihre großen, braunen Augen suchten immer wieder ängstlich die Umgebung nach möglichen Gefahrenquellen ab und Beth hoffte inständig, dass Josef sich geschickt genug anstellte, um der jungen Frau nicht aufzufallen. Wenn sie Peterson finden wollten, durften sie Diana auf keinen Fall verschrecken.

„Gott sei Dank", stieß Diana erleichtert aus, als Beth nahe genug heran war, um niemand anderen einzuladen, ihr Gespräch zu belauschen. „Ich dachte schon Sie kommen nicht."

„Was ist denn passiert?", fragte Beth, so als wüsste sie nicht, worum es ging.

Dianas Blick flog erneut verängstigt über die Gestalten der anderen Personen auf dem Bahnhof. Dann trat sie so nah an Beth heran, dass sie sich im Flüsterton unterhalten konnte.

„Frank Peterson ist bei mir zuhause aufgetaucht", raunte sie ihr zu und Beth versuchte so überrascht wie möglich auszusehen. „Er… er war völlig aufgelöst und…" Diana stockte und bewegte sich zur Seite, um einen weiteren Blick den Bahnsteig hinunter zu werfen. „Er erzählte mir, er sei von einer Geheimorganisation entführt worden, die ihn gezwungen hat, grausame Experimente an Menschen durchzuführen. Er konnte ihnen nur mit knapper Not entkommen und ist jetzt auf der Flucht… Oh, Gott, Miss Turner, das ist alles so schrecklich…" Sie atmete zitternd ein und versuchte sichtbar, ihre eigenen Gefühle besser unter Kontrolle zu bekommen. „Frank… er hat gesagt, Brian würde mit denen unter einer Decke stecken…"

Beth Augen weiteten sich. „Ihr Brian? Ihr Freund?"

Diana nickte tapfer, während ihre Augen nun doch ungewollt einen feuchten Glanz bekamen. „Ich… ich weiß nicht, ob ich das glauben kann… aber ich habe Frank versprochen, ihm nichts zu erzählen, solange er noch in L.A. ist."

„Aber warum ist er noch hier?" hakte Beth irritiert nach. „Warum hat er nicht schon längst versucht auszureisen?"

Ein nun noch stärkerer Luftzug aus dem Tunnel kündigte die Ankunft der nächsten Bahn an und bald schon ertönten die typischen Geräusche, die die Räder eines Zuges auf den Gleisen verursachten.

Diana wurde sichtlich unruhiger. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, ohne ein Anzeichen dafür zu zeigen, dass sie Beth Frage überhaupt registriert hatte.

„Diana?" Beth bückte sich ein wenig, um wieder in das Blickfeld der jungen Frau zu geraten, während der Zug nun mit schrill quietschenden Bremsen in den Bahnhof einfuhr.

„Wir… wir müssend jetzt los", brachte Diana angespannt hervor und hakte sich mit erstaunlich festem Griff bei Beth ein, um sie auf die sich öffnenden Türen der Bahn zuzuziehen. Beth war so überrascht, dass sie sich noch nicht einmal im Ansatz sträubte. Doch kurz bevor sie ins Zugabteil traten, konnte sie noch einen Blick auf die dunkel Gestalt Josefs werfen, der fast zeitgleich mit einer bewundernswerten Eleganz im angrenzenden Abteil verschwand.

Beth konnte nicht verhindern, dass ihr Herz ein wenig schneller schlug, als Diana sie in die hinterste Ecke des relativ leeren Abteils schob und dann auf die Bank neben sich drückte. Langsam aber sicher begann sie sich jedoch auch etwas zu ärgern. Sie war doch keine Puppe, die alles mit sich machen ließ, ohne Fragen zu stellen.

„Diana", brachte sie in einem Ton hervor, der ihrem Ärger deutlich Ausdruck verlieh, „Sie sagen mir jetzt sofort, was das Theater hier soll, oder ich steige gleich bei der nächsten Station wieder aus!"

Zu ihrer eigenen Überraschung nickte die junge Frau willig. „Frank will Sie sehen. Sie sind der Grund, warum er noch in L.A. ist."

Sprachlosigkeit packte Beth für einen langen Augenblick. Sie blinzelte ein paar Mal völlig fassungslos. „Ich bin der Grund?" wiederholte sie schließlich ungläubig. „Er kennt mich doch gar nicht!"

„Das dachte ich auch", gab Diana zurück. „Aber als ich ihm gegenüber erwähnte, dass sie mich kontaktiert hätten, da ist er vor Freude fast ausgeflippt. Er sagte, er suche schon seit einer Weile nach einem Weg, wie er Sie sprechen könne und dass das alles so viel leichter machen würde."

Was leichter machen würde?" Beth wurde das langsam ein wenig unheimlich. Es war wirklich kein gutes Gefühl zu wissen, dass dieser Dr. Frankenstein sie suchte und aus irgendeinem absonderlichen Grund ganz wild darauf war, sie zu treffen.

„Ich weiß es auch nicht genau", gab Diana zu und sah sie entschuldigend an. „Aber ich glaube im Grunde genommen geht es nur um ihren Freund Mick."

„Tatsächlich?" Beth war mehr als skeptisch, aber Diana nickte bestätigend.

„Aber Sie können ihn das ja gleich selbst fragen", fügte sie mit einem aufmunternden Lächeln hinzu. „Er wird an der nächsten Station hinzu steigen. Ich muss Sie dann allerdings verlassen. Er möchte nicht, dass wir zusammen gesehen werden."

Beth schüttelte sich innerlich. „Moment… Moment! Sie verschwinden einfach und lassen mich mit einem Mann allein, den ich überhaupt nicht kenne und der in irgendwelche obskuren Geschichten verwickelt ist, die mich vielleicht mein Leben kosten könnten?! Das ist nicht ihr Ernst, Diana!"

Anstatt einen Versuch zu starten, sie zu beruhigen, sprang die junge Frau plötzlich auf und lief zur Tür, so als hätte Beth auf einmal aufgehört zu existieren.

„Diana!" rief Beth entrüstet und folgte ihr einfach. „Was zum Teufel ist mit Ihnen los?!"

Die Studentin sah sie nicht an, aber sie reagierte wenigsten auf ihre Frage. „Ich… ich will damit nichts mehr zu tun haben", stieß sie nur leise hervor und ihre Stimme war dabei so wackelig, dass Beth schon befürchtete, sie würde jeden Moment in Tränen ausbrechen. Diana wandte ihren Kopf ein wenig zu ihr um und die Angst in ihren Augen sprach Bände.

„Alles, was ich wollte, war Medizin zu studieren und irgendwann in der Forschung tätig zu sein… Das, was mit Peterson geschehen ist, die Dinge, von denen er mir erzählt hat…", sie schluckte schwer, „… davon will ich nichts wissen… ich will das alles einfach nur vergessen… Bitte lassen Sie mich doch einfach nur gehen und mit meinem normalen Leben weiter machen. Das hat er mir versprochen… Nur dieser eine Gefallen, hat er gesagt, und dann kann ich gehen…"

Für einen Augenblick sah Diana aus wie ein kleines Mädchen, dem man mit irgendwelchen Schauergeschichten furchtbare Angst eingejagt hatte und Beth Wut verpuffte so schnell, wie sie gekommen war. Die Nerven der jungen Frau lagen blank und sie würde über kurz oder lang bestimmt einen Zusammenbruch erleiden, wenn sie sich nicht irgendwie von dem Druck und der Angst, die auf ihr lasteten, befreien konnte. Nicht jede Frau war so stark wie Beth selbst, das hatte sie in ihrem bisherigen Leben immer wieder zu spüren bekommen. Also nickte sie stumm, weil sie nicht wusste, was sie dazu noch sagen sollte, und wandte sich dann von Diana ab, um sich zurück zu ihrem Platz zu begeben. Vom Gang aus warf sie einen Blick hinüber ins andere Abteil und stellte erleichtert fest, dass Josef sich direkt neben der Übergangstür nieder gelassen hatte. Obwohl er immer noch seine Sonnenbrille trug und vorgab eine Tageszeitung zu lesen, wusste sie genau, dass er sie aufmerksam beobachtete.

Beth musste einen Schritt zur Seite machen und sich schnell an einer der Stangen festhalten, um ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren, als der Zug begann abzubremsen und automatisch fiel ihr Herz wieder in einen schnelleren Rhythmus. Je näher ihre erste Begegnung mit Peterson rückte, desto stärker drängte sich ihr das Gefühl auf, dass sie mit diesem Treffen ein ziemlich großes Risiko eingingen, wieder in eine lebensgefährliche Situation zu geraten. Einen Rückzieher konnte und wollte sie jedoch nicht machen. Sie brauchten diesen eigenartigen Mann, ganz gleich, was er selbst von ihr wollte.

‚Denk an Mick! Denk an Mick!' sprach sie sich immer wieder zu, während der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr und schließlich zum Stehen kam. Diana schenkte ihr einen letzten entschuldigenden Blick und verließ dann eiligst das Abteil, nachdem sich die Türen mit einem bedrohlichen Zischen geöffnet hatten. Es stiegen genau zwei Personen ein und keine davon kam Beth bekannt vor. Es war ein junges Paar, das sich sofort in die andere Ecke des Abteils verzog und mehr aufeinander Platz nahm als auf den Sitzbänken, um dann ungeniert herum zu knutschen.

Ein lautes Tuten kündigte das Schließen der Türen an und Beth wollte schon fast erleichtert durchatmen, als ein weiterer Mann, schwer bepackt mit einem großen Rucksack und einer prall gefüllten Reisetasche, im letzten Moment in den Wagen sprang. Für sein schon etwas reiferes Alter war das eine recht erstaunliche Leistung, denn sein Haar war schon ergraut und seine Haut hatte im Laufe der vergehenden Jahre einiges an Elastizität eingebüßt. Doch das lebhafte Funkeln in seinen dunklen Augen bescheinigte ihm einen wachen Geist und eine Energie, die nur wenige Menschen in diesem Alter besaßen.

Es überraschte Beth nicht wirklich, dass er sofort auf sie zukam, als er sie entdeckt hatte. Er sah zwar etwas anders aus, als sie ihn vom Foto und den Videokameras in Erinnerung hatte, trug keine Brille und hatte sein Haar geschnitten, aber ihr ausgeprägtes Personengedächtnis ließ sie auch dieses Mal nicht im Stich: Das war eindeutig Peterson – nur wirkte er nicht annähernd so verrückt und unsympathisch, wie sie erwartet hatte. Das Lächeln, mit dem er ihr begegnete, war warm und freundlich und seine Augen strahlten nichts Verschlagenes oder Falsches aus.

„Miss Turner?" wandte er sich vorsichtig an sie, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, und ließ sich respektvoll auf der Bank ihr gegenüber nieder.

Sie nickte verhalten und sagte erst einmal gar nichts. Sie wollte abwarten, auf welche Weise er sich ihr näherte. Und sie hoffte tatsächlich, dass sie noch ein paar Worte mit ihm wechseln konnte, bevor Josef in die ganze Situation eingriff.

„Sie wissen gar nicht, wie erleichtert ich bin, sie endlich treffen zu können", sagte er und seiner Stimme war anzuhören, dass er es ernst meinte. „Und gleichzeitig habe ich mich vor dieser Begegnung gefürchtet, wie noch nie in meinem Leben…"

Sie runzelte die Stirn. „Worum genau geht das Ganze hier?" fragte sie nun doch. „Ich meine, wir beide kennen uns doch gar nicht. Zumindest müsste ich Ihnen eigentlich unbekannt sein, denn eigentlich war es doch eher so, dass ich angefangen habe, nach Ihnen zu suchen, als sie schon lange Zeit verschwunden waren…"

„Ja, ich weiß", gab Peterson zu und lächelte traurig, „weil sie Mick gesucht haben."

Beth starrte den Mann vor ihr ungläubig an. Die Vertrautheit, mit der er seinen Namen aussprach, brachte sie völlig aus dem Konzept. Sie hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass er seine Versuchsobjekte namentlich kannte, dass er sogar deren Vornamen benutzte. Es klang fast so, als würde er von einem engen Freund reden.

„… und ich… ich…" Peterson wirkte mit einem Mal wirklich verzweifelt. „Ich weiß gar nicht wie ich Ihnen das beibringen soll…"

Entweder war der Mann ein brillanter Schauspieler oder ihn schien sein Wissen um Micks Verbleiben tatsächlich zu belasten. Er musste ein paar Mal tief durchatmen, um seine Beherrschung wieder zu finden. Er warf einen Blick in die Ecke, in der das Paar sich aneinander festgesaugt hatte und beugte sich dann ein wenig zu Beth vor.

„Mick ist sehr wahrscheinlich tot", brachte er schließlich schuldbewusst hervor und bedachte sie mit einem überaus besorgten Blick, der schnell in Verwunderung wechselte, da sie keine der von ihm erwarteten Reaktionen zeigte. Was brachte es, ihm etwas vorzuspielen, wenn sie ihn so und so gleich mit zu Mick nehmen würden?

„Das… das wissen sie schon?" fragte er nach einem kurzen Moment der Verwirrung und zeigte damit, dass sein Verstand tatsächlich so schnell arbeitete, wie sie angenommen hatte. „Was wissen sie noch?"

Beth holte tief Luft. „Ich würde sehr gern wissen, ob Sie mir nur dieses schlimme Nachricht übermitteln wollten oder ob es noch einen anderen Grund für dieses Treffen gibt", entgegnete sie reserviert und staunte selbst über den kalten Ton, den sie dabei anschlug.

Peterson musste ein paar Mal blinzeln, um sein eigenes Erstaunen abzuschütteln und sich auf die Frage konzentrieren zu können.

„Ja, den gibt es", gab er schließlich zu und bückte sich, um seine Tasche, die er zwischen seinen Füßen abgestellt hatte, zu öffnen. Er griff kurz hinein und holte ein Notizbuch hervor, dass durch viele zugefügte Zettel, so dick geworden war, dass er einen Gummi hatte um den Einband spannen müssen, damit es nicht auseinander fiel. Er warf einen langen, nachdenklichen Blick auf das Buch und sah dabei aus, als müsse er sich schweren Herzens von einem wertvollen Schatz verabschieden. „Das sind all meine Notizen, die ich über die lange Zeit in… in den Labors gemacht habe", erklärte er und reichte es ihr über den Gang hinweg. Beth war zu verblüfft, um gleich danach zu greifen, obwohl ihr bewusst war, dass dieses Buch eine ungeheure Hilfe für sie alle sein konnte.

„Ab einem bestimmten Punkt drehen sie sich nur noch um Mick", sagte er traurig und nun griff Beth doch beherzt zu, nahm das schwere Buch in beide Hände und starrte es mit einem unangenehmen Gefühl in der Magengegend an.

„Wenn sie wissen wollen, was mit ihm passiert ist in diesem langen Jahr, dann lesen sie es", fügte er betrübt hinzu. „Die Wahrheit tut manchmal weh, aber sie ist besser als diese quälende Ungewissheit."

Beth hielt noch einen Augenblick lang ihren Blick auf den schwarzen Einband geheftet, dann sah sie wieder auf, sah direkt in Petersons traurige Augen.

„Warum… warum tun sie das?" fasste sie ihre Verwirrung in Worte.

„Weil ich denke, dass ich nicht mehr sehr lange leben werde", gab er mit einer Gelassenheit zurück, die bezüglich seiner Worte völlig unangebracht war. „Mir trachten so viele Menschen nach dem Leben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie mich erwischen."

Beth wusste nichts darauf zu erwidern und sie hatte bemerkt, dass Josef aufgestanden war und sich darauf vorbereitete, zu ihnen hinüber zu kommen, sobald sie den nächsten Bahnhof erreichten. Der Zug hatte bereits begonnen abzubremsen.

Ein warmes, ihr unglaublich zugetanes Lächeln erschien plötzlich auf Petersons schmalen Lippen.

„Er hat Sie so sehr geliebt, wissen Sie", sagte er sanft und Beth war nun wirklich sprachlos.

„Er hat so viel von Ihnen gesprochen, so viel erzählt, dass ich Sie sofort erkannt habe, als ich das Abteil betrat", fuhr Peterson fort, während Beths Gedärme einen turbulenten Tanz veranstalteten. Sie konnte einfach nicht glauben, was sie da hörte. Mick hatte diesem… diesem Dr. Frankenstein, der zweifelsohne über ein Jahr lang einer seiner Peiniger gewesen war, von ihr erzählt? Er hatte sich ihm anvertraut, obwohl dieser Mann ihn als Versuchstier missbraucht hatte?

„Ich bin kein Monster, Miss Turner", fügte er hinzu, so als hätte er gerade eben ihre Gedanken gelesen. „Ich habe eine Menge Fehler gemacht und wahrscheinlich bin ich wirklich Schuld an allem, was ihm an Leid zugefügt wurde… vielleicht auch an seinem Tod, aber eines müssen Sie mir glauben: Ich wollte das nicht, ganz bestimmt nicht. Ich habe immer versucht ihn irgendwie zu schützen…"

Der Zug hielt an und Beth nahm nur am Rande wahr, dass die beiden anderen Insassen ausstiegen, weil die Worte des Professors ihr ganzes Denken so durcheinander brachten, dass sie völlig vergaß, wo sie war und welchen Plan Josef und sie eigentlich verfolgten. So bekam sie auch nur nebenbei mit, dass ihr Freund sein Abteil verließ, um von Außen wieder zuzusteigen, Peterson damit die Chance nehmend durch die Seitentüren zu fliehen. Doch er war nicht der Erste, der in der nächsten Minute hinzu stieg. Ein bärtiger Mann mit Lederjacke und ein kleinerer rothaariger Typ betraten vor Josef das Abteil und Beth war mit einem Mal wieder hellwach. Ihr war auf Anhieb klar, dass irgendetwas mit diesen beiden Männern nicht stimmte – auch wenn ihre Blicke Peterson und sie nur kurz streiften und sie ganz entspannt im Eingangsbereich stehen blieben und sich leise unterhielten.

Beth hielt den Atem an, als Josef durch eine der anderen Türen in den Wagen stieg und sich dort sogleich auf einer der Sitzbänke nieder ließ. Er nahm gelangweilt seine Sonnenbrille ab, steckte sie in die Innenseite seines Mantels und breitete wieder seine Zeitung aus, um sich sogleich in einen der Artikel zu vertiefen. Seine Anwesenheit beruhigte Beth etwas, konnte aber ihren wild hämmernden Puls auch nicht wieder unter Kontrolle bringen.

Auch Peterson war die eigenartige Ausstrahlung der anderen beiden Männer wohl nicht entgangen – oder er hatte Josef erkannt – auf jeden Fall tat er ganz plötzlich so, als ob er Beth nicht kennen würde, lehnte sich in seinem Sitz zurück und betrachtete interessiert die Werbeanschläge an einer der Wände. Beth ließ das Buch möglichst unauffällig in ihrer Tasche verschwinden und atmete tief durch. Sie wusste genau, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis etwas passierte.

Der Zug fuhr an und die beiden Männer ließen sofort ihre Maskerade fallen und kamen auf sie zu. Der Bärtige ließ sich neben Peterson nieder und legte ihm einen Arm um die schmalen Schultern, während der Rotschopf so dicht bei Beth Platz nahm, dass sie ein kleines Stück von ihm weg rutschen musste, um keinen Körperkontakt mit ihm einzugehen.

„Nicht so schüchtern, Blondi", raunte er ihr leise zu, packte ihren Arm und zog sie wieder an sich heran. Er roch nach Aftershave und Zigarettenqualm und hatte so kalte Augen, dass Beth ein eisiger Schauer den Rücken hinunter lief.

„Was wollen Sie von der Frau", hörte sie Peterson leise den Mann neben sich fragen und der stieß ein kleines, abfälliges Lachen aus.

„Versuchen Sie nicht, mich auf den Arm zu nehmen", gab der Bärtige ebenso leise zurück und sein falsches Lächeln ließ Beth erneut erschauern. Sie musste sich furchtbar zusammen nehmen, um in ihrer Angst nicht zu Josef hinüber zu sehen und ihn damit zu verraten.

„Sie haben meinem Auftraggeber etwas gestohlen", fuhr der Mann im Flüsterton fort. „Er möchte es gern wieder haben."

Peterson schluckte schwer. „Das geht nicht", brachte er angespannt hervor. „Ich… ich habe die Akte verbrannt."

Der Bärtige gab ein verächtliches Schnaufen von sich. „Das meine ich nicht. Wo ist das Versuchsobjekt?"

Beth wurde schlecht. Versuchsobjekt? War es möglich, dass sie nach Mick suchten?

Peterson war nun wirklich verwirrt. „Aber… aber ihr habt ihn doch… getötet…"

Der Bärtige zog den Professor so fest an sich heran, dass Beth glaubte, seine Knochen Knacken zu hören. „Ich sagte doch: Verarsch mich nicht!"

„Was ist mit dir, Püppi", raunte der Rothaarige ihr ins Ohr und Beth wich angewidert vor ihm so weit zurück, wie es sein fester Griff zuließ und konnte dem Drang, ihm ins Gesicht zu schlagen, nur mit Mühe widerstehen. „Du wurdest uns nämlich ziemlich genau beschrieben. Wo habt ihr das Ding hingebracht?"

Ding?! Zu Beths Angst mischte sich nun auch unbändige Wut und sie funkelte den Mann neben sich mit fest zusammengepressten Lippen hasserfüllt an.

„Du wirst es mir so und so verraten", lächelte der widerliche Kerl und strich ihr in einer sehr merkwürdig anmutenden Geste eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Aber vielleicht möchtest du ja, dass ich dir weh tue…"

Der Zug ruckelte etwas, als er in die Kurve ging und das grelle Neonlicht an der Decke fing an zu flackern. Beth meinte aus dem Augenwinkel Josef rasch aufstehen zu sehen, kurz bevor das Licht für einen Moment völlig erlosch und dann passierten plötzlich mehrere Dinge auf einmal: Der Zug bremste so ruckartig ab, dass sie alle von ihren Sitzen geschleudert wurden, eine Gestalt sprang im zuckenden Licht auf sie zu und der Bärtige richtete sich ganz in ihrer Nähe auf, während er eine Schusswaffe zog.

Dunkelheit. Ein Schmerzensschrei. Ein Ekel erregendes Knacken. Beth fühlte eine Bewegung neben sich, spürte, dass auch der rothaarige Kerl, unter dem sie durch den Sturz halbwegs begraben war, wieder auf die Beine kam. Licht. Josef, der sich irgendwie plötzlich auf der anderen Seite von ihr befand, warf sich auf dem Absatz herum und trat dem Rothaarigen, der schon ein Klappmesser aufschnappen ließ, mit solcher Kraft ins Gesicht, dass er durch das gesamte Abteil flog und am anderen Ende gegen die Wand schmetterte. Dunkelheit. Beth atmete zitternd ein und hoffte inständig, dass ihre wackeligen Beine sie auch tragen konnten, während sie langsam aufstand. Sie zuckte zusammen, als sie von irgendwo in der Düsternis wieder eine Bewegung wahrnahm.

„Alles in Ordnung?" Das war Josefs Stimme direkt neben ihr und sie verfluchte sich selbst dafür, dass sie nur ein Mensch war und in dieser Schwärze nichts sehen konnte, nickte aber schnell. Ein erstickter Laut ertönte ganz in ihrer Nähe und als das Licht wieder anging, hatte Josef den Professor mit einer Hand am Hals gepackt und hob ihn ein Stück über sich in die Luft, so als wäre dieser nur eine mit Watte gefüllte Puppe.

„Déjà-vu?" fragte er mit einem Lächeln, das seine prächtigen Vampirzähne vollständig entblößte, während der alte Mann verzweifelt versuchte, die starken Finger, die sich um seinen Hals geschlossen hatten, von demselben zu lösen.

„Josef!" rief Beth aufgebracht und packte ihn am Arm. „Lass ihn wieder runter! Wir brauchen ihn noch!"

Beth konnte sehen, dass ihr Freund wirklich mit sich kämpfen musste, um ihrer Bitte nachzukommen, doch schließlich gab er sich geschlagen und stellte den armen Mann unsanft zurück auf seine Füße. Peterson schnappte laut nach Luft und wankte ein wenig, aber er hatte keine Zeit sich zu erholen, denn Josef packte ihn schon wieder am Arm und zog ihn zu einer der Türen. Beth ergriff geistesgegenwärtig ihre eigene Tasche und das Gepäck von Peterson und stieg mit klopfendem Herzen über den leblosen Körper des Bärtigen, der merkwürdig verdreht im Gang lag. Ein Blick auf den anderen Mann im hintersten Winkel des Abteils genügte, um ihr zu sagen, dass auch dieser seinen Flug nicht schadlos überstanden hatte.

„Wir müssen hier so schnell wie möglich weg", murmelte Josef und stemmte die Tür mit einer Leichtigkeit auf, als würde er nur den Deckel eines Buches heben. Glücklicherweise hatten sie sich in einem der hintersten Waggons befunden und konnten so ungesehen hinaus klettern. Die Taschenlampe des Zugschaffners leuchtete am vorderen Ende auf und Beth vernahm einige verängstigte Rufe von anderen Fahrgästen, während sie Josef und Peterson hinterher stolperte. Sie hoffte und betete, dass kein anderer Zug kam, als sie über ein weiteres Gleis stiegen, das sie gerade mal so im Dämmerlicht des Tunnels erkennen konnte, und einige Meter daran entlang eilten, den Pfeilen an der Wand folgend, die in Richtung des nächsten Ausganges zeigten. Josef hielt bald schon auf eine Tür zu, über der das erleuchtete Zeichen eines Notausganges prangte, riss sie auf und schob den keuchenden Peterson und schließlich auch Beth hindurch. Der Gang war hässlich, grau und roch nach modrigem Keller, aber dennoch hielten sie alle einen Moment inne, um sich zu sammeln.

„Wer waren die, Josef?" fragte Beth atemlos. „Kamen die von der Legion?"

„Wahrscheinlich", brummte er und packte Peterson erneut am Arm, der sich langsam von seinem Schock zu erholen schien und ihn mit einer Mischung aus Angst und Neugierde ansah.

Sie sind Josef?" wagte er es doch noch zu fragen und Josef zog verärgert die Brauen zusammen, als der Professor auch noch anfing erfreut zu lachen. „Meine Güte, Sie habe ich mir allerdings ganz anders vorgestellt."

Josefs Wangenmuskeln zuckten verräterisch und Beth legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, bevor er wieder grob werden konnte.

„Mick hat anscheinend von uns erzählt", erklärte sie knapp und versuchte ihrem Freund mit Blicken zu verstehen zu geben, dass sie das später klären konnten.

„Was?!" knurrte Josef Peterson an und sein Blick allein war schon eine Todesdrohung. „Niemals!"

Doch Peterson schien das nicht wahrnehmen zu wollen, denn er wandte sich mit deutlicher Faszination in den Augen erneut an den um einen Kopf größeren und sehr wütenden Vampir. „Kaum zu glauben, dass sie schon über vierhundert Jahre alt sind. Sie sehen aus wie… wie Anfang, höchstens Mitte Zwanzig…"

Josef starrte den Mann vor sich fassungslos an und wandte sich dann Beth zu. „Darf ich ihm wenigsten einen Arm brechen", fragte er durch zusammengebissene Zähne. Sie schüttelte deutlich den Kopf und schulterte sich erneut den Rucksack.

„Lass uns einfach weiter gehen", sagte sie so ruhig wie möglich, während sie sich gleichzeitig fragte, woher Peterson wohl all diese Informationen hatte, wenn Mick ihm nicht tatsächlich etwas erzählt hatte.

Josef musste tief durchatmen, um seine Wut wieder in den Griff zu bekommen und Peterson half ihm dabei, indem er einfach den Mund hielt. Ihm war wohl mit Josefs letzter Bemerkung bewusst geworden, dass er den Bogen etwas überspannt hatte, und wollte sich lieber doch nicht mit einem wütenden Vampir anlegen. Das verdeutlichte ihm auch noch einmal der grobe Stoß, mit dem Josef ihn aufforderte weiter zu gehen.

„Meinst du, die waren alleine?" sprach Beth Josef nach einer Weile grüblerischem Schweigens an.

„Im Zug, ja, aber ich denke, am nächsten Bahnhof wartet bestimmt schon ein Empfangskomitee", erwiderte Josef immer noch etwas knurrig. Er griff in die Innentasche seines Mantels und zog sein Handy hervor.

„Wen rufst du an?" fragte sie.

„Ich versuche…", Josef hielt sein Handy während des Laufens in verschiedene Richtungen und schien schließlich Erfolg zu haben, „… Daniel anzurufen."

Daniel war der Helikopter-Pilot, das hatte Beth auf ihren mehrfachen Flügen nun schon mitbekommen und sie war wirklich erleichtert. Wenn es einen sicheren Weg aus dieser Stadt heraus gab, dann war das der Luftweg. Josef schilderte in knappen Worten ihre Situation und gab ein paar Anweisungen, dann beendete er das Telefonat und wieder herrschte eine unangenehme Stille zwischen ihnen. Für eine Weile war der Hall ihrer schnellen Schritte auf dem sandigen Boden, das Einzige, was man vernehmen konnte.

„Darf ich fragen, was sie mit mir vorhaben?" brachte Peterson schließlich zögernd hervor, nachdem er immer wieder etwas verunsichert zu Josef aufgeschaut hatte. Der gab nur ein verächtliches Geräusch von sich, aber Beth hatte ein wenig Mitleid mit dem Mann.

„Wir nehmen Sie mit", gab sie möglichst ungenau zurück.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie mich vorerst nicht töten wollen?" hakte der Professor nach.

„Das kommt ganz darauf an, welchen Zeitraum Sie mit ‚vorerst' in Verbindung bringen", knurrte Josef zurück und Beth verdrehte die Augen.

„Wir brauchen Sie für etwas anderes", fügte sie hinzu und Josef sah sie alarmiert an. „Was denn?" setzte sie ihm verärgert entgegen. „Er wird es doch so und so erfahren! Er wird ihn schließlich sehen – oder wolltest du ihm die Augen verbinden?!"

Josef schüttelte verärgert den Kopf und stieß wütend die Tür auf, vor der sie soeben angelangt waren. Dieses Mal ließ er Beth zuerst ins Freie treten und schob dann Peterson hinterher. Beth sah sich kurz um und stellte fest, dass sie irgendwo an einer Grünfläche in der Nähe des Macarthur Parks heraus gekommen waren.

„Wohin?" wandte sie sich an Josef, dessen Mienenspiel zwischen Grimmigkeit und angespannter Konzentration schwankte.

„In den Park", erklärte er kurz und schob Peterson wieder vorwärts, doch der war so in seine Gedanken versunken, dass er nur noch stolpernde Schritte vollführte. Ganz plötzlich erhellte sich sein Gesicht und seine Augen wanderten erregt zwischen Beth und Josef hin und her.

„Meine Güte… er… er lebt?!" stieß er ungläubig aus. „Soll das wirklich heißen, dass er lebt?!"

Josef funkelte den Professor wütend an und kniff die Lippen so fest zusammen, dass sie nur noch eine feine Linie bildeten. Er zeigte damit deutlich, dass kein Wort aus ihm heraus zu bringen war. Also heftete sich Petersons Blick auf Beths Gesicht. Sie rang einen Moment mit sich selbst, wusste nicht genau, ob er sich diese Information wirklich schon verdient hatte, doch schließlich nickte sie. Peterson schockte sie erneut - dieses Mal mit einem lauten, erleichterten Lachen und auf einmal wurde er wieder ganz agil und aufgeregt.

„Gott, bringen Sie mich zu ihm!" brachte er erregt hervor. „Wenn Sie wollen, dass er das alles schadlos übersteht, bringen sie mich so schnell es geht zu ihm! Ich bin der Einzige, der ihm wirklich helfen kann!"