Drei Wochen später hatte Shelly den Vorfall schon wieder vergessen und war gerade von der Tanzschule auf dem Weg zum Kindergarten, als ihr Wagen streikte. Aus dem Motorraum stieg Rauch empor und sie parkte den Wagen auf dem Gelände eines Supermarktes. Total genervt zückte sie ihr Handy und wählte Prue's Nummer.
"Hi Shel."
"Ich habe ein riesiges Problem Süße. Ich habe eine Autopanne und schaffe es nicht Tora vom Kindergarten zu holen. Hast du Zeit?"
"Kein Problem. Wie lange meinst du wird es dauern?"
"Ich rufe sofort die Werkstatt an und frage nach, wie schnell die hier sind. Melde mich dann bei dir."
"Ok, dann mache ich mich sofort auf den Weg. Wenn es länger als Zwei wird, dann rufe ich bei Tim an und sage ihm, dass ich später komme."
"Danke dir Süße."
Prue betrat mit Tora den Hausflur, als Joe ihnen mit einem Müllsack entgegenkam.
"Hi Ladies", begrüßte er sie und Tore streckte ihre Faust gegen seine.
"Prue hat mich vom Kindergarten geholt. Mummy hat ein kaputtes Auto", plapperte Tora sofort los.
"Das ist aber nicht schön." Er sah zu Prue.
"Sie ist gerade in der Werkstatt. Ich werde dann wohl gleich Tim anrufen, dass ich mich verspäte."
"Joe kann doch auf mich aufpassen."
"Aber Tora"
"Ich könnte wirklich auf sie aufpassen. Kein Problem."
"Wirklich?" Prue sah ihn skeptisch an.
"Klar doch. Kriegen wir doch hin Prinzessin, oder?"
"Logo", antwortete Tora und hatte ihre Hand schon in seiner Vergraben.
"Das ist echt lieb von dir."
"Ich bring nur eben den Müll raus und komm dann rüber zu euch."
"Komm Schatz, ich mach dir noch eben dein Essen, bevor ich fahre", meinte Prue und ging mit Tora die Treppe hinauf.
Tora lief sofort in ihr Zimmer und warf sich vor ihr Puppenhaus, während Prue den Teller in die Mikrowelle schob. Dann wählte sie Shellys Nummer und hob den Hörer ans Ohr.
"Hi Süße", hörte sie Shellys Stimme, die sehr genervt klang.
"Dauert wohl doch länger, huh?"
"Ja, sicher noch eine Stunde."
"Ok, hör zu. Ich fahre jetzt zur Arbeit, aber Joe passt auf Tora auf."
"Joe?"
"Ist das Ok?"
"Klar. Wenn ich einem Vertraue, dann ihm", antwortete Shelly.
"Ich gebe ihm gleich deine Nummer. Dann kann er sich ja melden, wenn etwas ist."
"Ok. Dann bis heute Abend."
Prue packte ihre Tasche, als es klopfte und Joe in die Wohnung trat.
"Vielen Dank noch mal Joe. Ach, ich habe dir Shellys Nummer aufgeschrieben. Falls was sein sollte."
"Meinst du, falls die Prinzessin zum Drachen mutiert." Er schielte nach rechts, denn er sah Tora am Türrahmen stehen.
"Ey, ich bin immer lieb", kam entrüstet von dem blonden Mädchen.
"Das sagen die Frauen immer." Joe rollte mit den Augen.
"Dann viel Spaß ihr Zwei. Und lasst die Bude stehen", verabschiedete Prue sich mit einem Grinsen auf den Lippen.
"So und was machen wir zwei Hübschen jetzt?" Joe klatschte in die Hände und sah Tora neugierig an.
Shelly saß vor dem Werkstattgebäude, als ihr Handy vibrierte. Die Nummer auf dem Display war ihr unbekannt, jedoch öffnete sie die Nachricht.
- Hi Shelly. Joe hier. Darf Tora ein Eis? Mittag gegessen hat sie. -
Shelly lächelte und tippte sofort auf die Tastatur.
- Natürlich darf sie ein Eis. In der Abstellkammer in der Truhe ist noch welches -
- Tz, Truheneis. Wir sind ein wenig auf dem Spielplatz gewesen und stehen jetzt vor der Eisdiele. Aber wollte vorher fragen. -
- Oh, entschuldige Superman. Da kann ich natürlich nicht mithalten. Denkt beim Essen an mich. Sitze hier in der brütenden Hitze und warte noch immer. -
- Du Arme. Ich denke immer an dich. Kein Problem, wenn es später wird. Tora und ich haben Spaß -
- Das freut mich, wenn ihr Spaß habt. -
Shelly hob ihren Kopf in den Himmel und hatte die Augen geschlossen. Ihre Gedanken waren bei der Nacht, als Joe so nah bei ihr war. Sie spürte seinen Geruch regelrecht in ihrer Nase und ein Gefühl der Geborgenheit machte sich in ihr breit. Nachdem sie noch zwei weitere Stunden vor der Werkstatt gesessen hatte, machte sie sich gegen Achtzehn Uhr auf den Weg nach Hause. Als sie die Wohnung betrat, hörte sie nur den Fernseher im Wohnzimmer, doch von den beiden war keine Spur zu sehen. Leise ging sie Richtung Kinderzimmer, sah durch den kleinen Spalt und verharrte. Joe lag neben Tora im Bett und las ihr aus dem Märchenbuch vor. Ihre Tochter hatte sich in den linken Arm des Samoaners eingekuschelt und schlummerte tief und fest mit ihrem Stoffelefanten in der Hand. Langsam öffnete sie jetzt die Türe und Joe hob den Kopf.
"Sie schläft", flüsterte Shelly und nickte mit dem Kopf in Toras Richtung.
Vorsichtig löste sich Joe unter Tora und verließ das Bett. Shelly trat jetzt ans Bett, deckte ihre Tochter zu und küsste sie sanft auf die Stirn. Dann folgte sie Joe ins Wohnzimmer.
"Hat sie Theater gemacht?"
"Überhaupt nicht."
"Du veralberst mich. Wenn es bei Tora heißt, Zähne putzen, dann ist hier der Teufel los."
"Nein, wirklich nicht. So ein braves Kind hab ich selten gesehen."
"Du hast mein Kind doch nicht etwa vertauscht oder einer Gehirnwäsche unterzogen." Shelly stempte die Hände in die Hüfte und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.
"Nein, Levesque. Verdammt, guck nicht so. Du siehst jetzt aus wie Paul", antwortete er grinsend.
"Blödmann" Sie schubste ihn gegen die Schulter. "Jetzt hast du aber sicher dein Training verpasst oder?"
"Wenn ich mal einen Tag aussetzte, wird das wohl nicht der Weltuntergang sein. Außerdem habe ich dem Opa Bescheid gegeben. Und rate mal, was ihm wichtiger war?"
Shelly schnaufte. "Na, das seine Enkelin versorgt ist. Ich glaube, meine Mutter hatte immer recht mit der Behauptung, dass Oma sein noch mal eine Steigerung bedeutet."
"Na, dann freu dich schon mal drauf."
"Hey, hey, ich habe da noch ein paar Jahre."
"Ach was, heutzutage kommen doch einige schon mit Sechzehn..."
"Was?", kreischte Shelly und hielt sich die Hände vor die Brust. "Bloß nicht."
Joe stand neben ihr und beugte sich runter. "Du wirst sicher eine taffe Oma."
"Verdammt, hör auf damit. Alleine der Gedanke. Nein, Tora soll erstmal ein Ausbildung machen oder von mir aus auch studieren. Du willst mich echt fertig machen, oder?"
"Ich mag es, wenn du so aufbraust", antwortete er.
Shelly drehte sich zu ihn, hob ihren Kopf und schmollte ihn an. "Sehr witzig, Superman."
"Ist es das nicht?"
"Nein"
Joe kam mit seinem Gesicht immer näher an ihres. "Ich finde das schon. Sieht sehr sexy aus, wenn du wütend bist."
"Machst du mich jetzt gerade an?"
Joe schmunzelte und legte eine Hand in ihren Nacken. "Vielleicht"
"Jemand zu Hause", hörten sie Colby draußen im Flur und fuhren auseinander, bevor die Türe sich öffnete.
Mit zwei Einkaufstaschen in der Hand betrat Colby, gefolgt von Prue die Wohnung.
Verlegen sahen die beiden zu Boden.
"Ich sollte dann mal gehen", murmelte Joe.
"Ähm, ja vielen Dank nochmal fürs Babysitten", antwortete Shelly und winkte ihm kurz zu.
Joe ging an Colby vorbei und warf ihm einen wütenden Blick zu. Der hob die Schulter und sah ihn fragend an.
"Das meine Freunde nie wissen, wann sie ungelegen kommen. Manchmal könnte ich Jon und dich... Ach, Fuck", zischte er leise, machte eine Faust und verließ den Raum.
