Die zweite Chance
Fanfiction von Slytherene
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Danke sehr an Moonlight, Sally S. und Textehexe für Eure Reviews
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So, ich hoffe, Ihr seid alle gut rüber gerutscht nach 2009? Prima! Wie versprochen geht es zügig weiter.
Sanni ist also verschwunden – kann Sirius helfen?
Der dunkelhaarige Zauberer scheint mehr zu wissen, als er preisgibt. Doch woher hat er diese Informationen? Verbirgt etwa auch Sirius ein Geheimnis?
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Der Dank für konstruktives Korrekturlesen geht wie stets an die charmante TheVirginian, deren nicht eben charmanten Tränkemeister ist jedem Snape-Fan nur wärmstens empfehlen kann – auch im neuen Jahr! ;-).
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14. Spurlos
Ein paar Stunden später kehrten die beiden Zauberer unverrichteter Dinge wieder in Sirius' Apartment zurück. Sie hatten Sanni in Muggellondon auf der Theatermeile, in Soho und schließlich sogar in der Winkelgasse gesucht – ohne Resultat. Allerdings hatten sie festgestellt, dass erstaunlich viele Leute die junge Frau offenbar zumindest vom Sehen kannten.
„Gitarristin", hatte der Bassist einer Band in einem Club an der Vasilievstreet nickend geantwortet, als Sirius ihm Sanni beschrieb. „Außergewöhnlich gut. Leider singt sie nicht dazu, das wäre ein Knaller. Außerdem ist sie tierisch unzuverlässig. Kumpel von mir wollte sie zu einem Gig holen, aber sie hat ihn immer wieder mal versetzt. Nettes Mädchen, aber wenn du mich fragst, hat sie ein Drogenproblem."
„Drogen?", fragte Remus entsetzt und tauschte einen Blick mit Sirius. Er musste spontan an die Zaubertränke denken, die sie so scheinbar mühelos besorgen konnte und über deren Herkunft sie nichts verriet.
„Hast du sie jemals Drogen nehmen sehen, Moony?", erkundigte sich Sirius, als sie wieder vor dem Club standen.
„Nie", antwortete Remus. Doch er musste daran denken, wie er sie am ersten Abend in ihrem Kellerloch aufgefunden hatte – angetrunken.
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Sirius schüttelte wieder den Kopf. Müde versah er zwei Flaschen Bier mit einem Kühlzauber und schob Remus eines davon herüber.
„Drogen...ein bisschen blass ist sie ja, aber sie ist ein nordischer Typ. Zaubertränke und Drogen... warte mal..."
Er stürzte sein Bier herunter und zerrte plötzlich seinen Umhang vom Küchenstuhl.
„Komm mit, Moony. Ich habe noch eine Idee, wo wir suchen können."
Er ging zum Kamin und warf eine Prise Flohpulver hinein. „Remus?"
Remus trat zu ihm in die Flammen. Er hatte keine Ahnung, wo der Freund ihn hinbringen würde.
„Nokturngasse 22!", rief Sirius.
Sie traten aus dem Kamin einer düsteren Nachtbar. Auf runden Tischen flackerten kleine rote Lichter, in deren Schein einige Dirnen mit müden Augen vor sich hin starrten, während träge Musik von irgendwoher tröpfelte. Ein paar versprengte Pärchen kamen sich bereits am Tisch deutlich näher, als in der Öffentlichkeit schicklich. Remus folgte seinem Freund durch den Hinterausgang des Etablissements in die Kühle der Nacht. Trotz der späten Stunden war die Nokturngasse immer noch von allerlei Volk belebt.
„Wir müssen ans andere Ende", erklärte Sirius.
An zwielichtigen Spelunken und düsteren Gestalten vorbei schoben sich die beiden Zauberer durch das Gedränge seltsamster Geschöpfe. Kobolde, Sabberhexen, Vampire – die Nacht spuckte ihre Kinder aus. Einmal drückten sich Remus und Sirius in einen Hauseingang, weil ihnen eine Truppe Männer entgegenkam, deren Anführer Remus nur zu gut kannte – Fenrir Greyback. Im mannigfaltigen Gemisch der vielen unterschiedlichen Gerüche jedoch nahm der ältere Werwolf Remus nicht wahr, der sich mit geblähten Nasenflügeln und vor Wut zitternden Händen neben Sirius in die Nische drückte.
„Jetzt ist nicht der richtige Augenblick dafür", zischte Sirius und hielt Remus vorsichtshalber am Oberarm fest. „Es sind zu viele."
„Lass los, Pads", knurrte Remus. „Ich bin nicht lebensmüde. Aber Merlin, wie sehr ich ihn hasse!"
Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigt hatte. Die Sorge um Sanni und das Zusammentreffen mit seinem alten Feind Greyback hatten ihn mitgenommen. Doch schließlich ereichten sie das Ende der Nokturngasse, die an einer hohen Mauer in die Muggelwelt mündete. Rechts davor befand sich ein prächtiges, weißgetünchtes Gebäude, zwischen dessen klassizistischen Marmorsäulen livrierte Wachtrolle patrouillierten. Ausgesprochen gut gekleidete Herren bildeten das Publikum, das hier diskret vor eine goldverzierte Drehtür apparierte.
‚Roulette, Glücksspiel, Baccara', verhieß ein schlichtes Schild aus massivem Gold am Eingang, über dem ein geschwungener Schriftzug ‚Casino Nocturne' prangte.
„Ich wusste gar nicht, dass hier ein Spielcasino ist", stellte Remus staunend fest.
„Das liegt daran, dass du aus einer ordentlichen Familie stammst. Ich hingegen komme aus einer schwarzmagischen", erklärte Sirius. „Mein Vater hat mich schon mit fünfzehn mit hierher genommen. Oben drin ist ein Edelbordell."
„Du willst nicht ernsthaft dort nach Sanni suchen?", rief Remus empört aus.
„Quatsch", gab Sirius barsch zurück. „Da drinnen würden sie deine Kleine keine zwei Minuten dulden. Die Damen dort sind ein ganz anderer Schlag Frau."
Er sah sich um. „Pass auf: Du wartest hier, und ich gehe mal rein und strecke meine Fühler aus. Vielleicht erfahre ich ja etwas."
Ehe Remus widersprechen konnte, war Sirius bereits durch die Drehtür verschwunden. Ihm nachzugehen kam nicht in Frage. So wie Remus aussah, würden ihn die Wachtrolle kaum in dieses teure Etablissement hinein lassen. Doch er musste gar nicht lange warten. Bereits eine Viertelstunde später war Sirius zurück.
„Sie war hier", erklärte er.
„Wo ist sie?", wollte Remus wissen.
„Keine Ahnung. Das wusste er auch nicht." Sirius zuckte die Achseln.
„Wer ist er? Verdammt, Sirius, du sprichst in Rätseln!" Remus war inzwischen ziemlich genervt. Die Sorge um Sanni machte ihn schier wahnsinnig.
„Der Manager, Moony", sagte Sirius beruhigend. „Die Geschäftsleitung eines solchen Ladens muss stets wissen, was in der unmittelbaren Umgebung vorgeht. Die kennen jede Nutte, jeden Dealer, jeden Junkie, der hier herumschleicht. Und sie kennen deine Sanni."
Remus starrte Sirius mit offenem Mund an.
„Falls es dich beruhigt, heute Abend zumindest war sie hier. Zugestoßen ist ihr also nichts", meinte Sirius.
Nicht restlos überzeugt erkundigte sich Remus: „Wie bist du nur auf die Idee gekommen, sie ausgerechnet hier zu suchen?"
„Ich habe mich an ein Gerücht erinnert, das mir…mhmm…jemand erzählt hat. Aber Moony, bevor ich dich damit belaste, will ich wissen, was wirklich dran ist an dieser Sache. Gib mir vierundzwanzig Stunden, bevor du mich mit Fragen löcherst."
Remus setzte zu einer Entgegnung an, doch Sirius legte einen Finger an die Lippen.
„Spar's dir, Moony. Ich werde jetzt nicht über ungelegte Dracheneier spekulieren. Heute hat es keinen Sinn mehr, sie zu suchen. Mit etwas Glück finden wir sie morgen."
„Woher willst du wissen, dass sie morgen hier ist?", begehrte Remus auf, der noch nicht bereit war, die Suche nach Sanni einfach aufzugeben. Außerdem konnte ihr bis dahin noch alles Mögliche geschehen.
„Sagen wir einfach, ich hab's im Urin", erwiderte Sirius.
Remus starrte ihn konsterniert an.
„Schau mal, Moony. Ich weiß, du machst dir Sorgen, und ich will auch nicht sagen, dass diese Sorgen unbegründet sind. Trotzdem sollten wir jetzt nach Hause gehen. Hier wird sie nicht mehr auftauchen, und du hast keinen Schimmer, wo sie sein könnte. London ist eine Millionenstadt. Sie kann sich überall verkrochen haben."
Von der Muggelkirche hinter der hohen Mauer, die den rückwärtigen Bereich der Nokturngasse von der nichtmagischen Welt trennte, erklangen dumpfe Stundenschläge. Es war fünf Uhr.
„Komm, lass uns einen trinken gehen", schlug Sirius vor. „Das ‚Guiness Inn' bei mir um die Ecke hat noch auf."
„Ich muss zur Arbeit", sagte Remus, und in seiner Stimme schwang immer noch Verzweiflung mit.
„Warum nimmst du dir nicht einfach frei? Und morgen schläfst du dich aus, während ich ein paar…Erkundigungen einziehe."
Remus schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht einfach so frei nehmen, wenn ich diesen Job behalten will. Und ich kann es mir nicht leisten, ihn zu verlieren", setzte er hinzu.
Sirius legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du schaffst das schon", sagte er sanft. „Ich werde mich eine Weile schlafen legen und dann ein paar Nachforschungen anstellen. Inzwischen habe ich eine Idee, wer mir weiter helfen könnte."
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Remus apparierte noch einmal zu dem verlassenen Abbruchhaus, und er sah auch in der Wohnung ein weiteres Mal nach. Doch Sanni blieb wie vom Erdboden verschluckt.
Auch am folgenden Mittag tauchte sie nicht bei ihm auf. Sie schien spurlos verschwunden. Er machte sich Tee und Sandwiches; eine mechanische Handlung. Er wusste, er musste etwas essen, wenn er nicht zusammenbrechen wollte. Gegen halb sechs – längst war es draußen dunkel - erschien Sirius. Er hatte indisches Essen dabei und nötigte Remus eine Portion Curryreis auf.
Die ganze Zeit über wirkte er sehr ruhig, aber auch angespannt. Remus ahnte, dass Sirius' ‚Erkundigungen' etwas ergeben hatten, doch er wartete ab. Schließlich jedoch hielt er es nicht mehr aus.
„Jetzt spuck' es endlich aus, Pads."
„Es wird dir nicht gefallen", gab sein Freund zurück. „Außerdem bin ich mir nicht sicher. Es könnte sein, dass man mir absichtlich nur halbe Wahrheiten verkauft hat. Ich würde lieber erst selbst sehen, was Sache ist. Aber dafür müssen wir noch etwas warten."
„Merlin, Pads, ich kann nicht mehr warten. Ich will nicht mehr warten!"
Remus' Nervenkostüm war inzwischen arg dünn. In diesem Augenblick tappte etwas gegen die Fensterscheibe. Eine ziemlich zerrupfte, stinkende Eule drängte sich hinein, sobald Remus öffnete. Er war erstaunt. Normalerweise verirrten sich selten Posteulen hierher.
„Ah, Miss Fletcher", begrüßte Sirius das Tier. „Darf ich vorstellen", sagte er zu Remus, „die mit Abstand schäbigste Eule von ganz Zaubererlondon. Na, wie der Herr, so's Gescherr."
Er nahm dem Tier ein fleckiges Pergament vom Bein ab und las die bekleckste, schlampig geschriebene Nachricht.
„Dung weiß doch immer Bescheid", murmelte er. „Und dass dieser vermaledeite Slytherin mir nur die Hälfte erzählt, hätte ich mir auch denken können."
„Von wem sprichst du?", verlangte Remus zu erfahren.
„Mundungus Fletcher", erwiderte Sirius.
„Das ist mir auch klar", erwiderte Remus, der den gelegentlichen Hang seines Freundes zu äußerst fragwürdiger Gesellschaft kannte. „Aber Fletcher ist doch kein Slytherin, oder? Ich bezweifle, dass er je in Hogwarts war."
„Oh doch, er war in Hogwarts, und nein, er ist kein Slytherin."
Mehr erklärte Sirius jedoch nicht. „Komm, Remus. Jetzt wird es Zeit für ein paar weitere Erkundigungen."
Wieder führte sie ihr Weg in die Nokturngasse. Diesmal jedoch verließen sie den finsteren Hauptgang, allerdings nur, um in noch düstere Nebensträßchen einzudringen. Vor einem abgerissenen Haus mit einer schief in den Angeln hängenden Tür hielten sie inne.
„Lass mich reden, Moony", befahl Sirius, riss eine zerfräste Holztür auf, schlug den schweren Samtvorhang dahinter zur Seite, der wohl die Aufgabe hatte, die Zugluft abzuhalten, der die wacklige, quietschende Tür keinen Widerstand bot. Diese Aufgabe erfüllte der Volant mit Effizienz, denn aus dem Raum schlug ihnen dicke, stickige Luft entgegen. Über einer ganzen Reihe von Dreibeinen waberten quellende, zum Teil beißende Dämpfe, und seltsames Licht in verschiedensten Schattierung zwischen gleißend weiß und dumpf violett flackerte in den Feuern. Es stank bestialisch nach Zaubertränken.
„Guten Abend, die jungen Herren", schnarrte eine unangenehm dünne Stimme, und ein alter, buckliger Mann offenbar asiatischer Herkunft mit strähnigem grauem Haar huschte heran. Seine braunen Augen funkelten misstrauisch, der beflissenen Tonlage seiner Stimme zum Trotz.
„Was kann ich für Sie tun, womit kann ich Ihnen dienen?"
Mit einem Schlenker seines Stabes hatte Sirius den Mann förmlich an die Wand genagelt.
„Informationen", zischte er.
„Loslassen!", jammerte der Mann. „Das ist verboten. Loslassen!"
„Sie sollten doch selbst am besten wissen, Mr. Yang, das verbotene Dinge trotzdem aller Orten getan werden", raunte Sirius. „Manche benutzen verbotene Flüche, andere brauen verbotene Tränke."
Er ließ den Zauberer etwas locker, hielt jedoch seinen Stab weiterhin angriffsbereit.
„Tür sichern, mein Freund", wies er Remus an. Dann wandte er sich wieder dem Alten zu. „Ich suche ein Mädchen. Jung, hübsch, ein bisschen zu dünn."
„Davon gibt es so viele", jammerte der Chinese.
„Die, die ich suche, ist einzigartig", erwiderte Sirius. „Große blaue Augen, lange blonde Haare. Schwarzer Mantel."
„Ah, die...", erklang es lang gezogen von dem Tränkebrauer.
„Ja, die. Vermutlich eine gute Kundin." Sirius knurrte leise.
„Ich habe ihr nichts Verbotenes verkauft", sagte der Mann, und zum ersten Mal sah Remus Angst in seinem Blick aufflackern. „Ehrlich, sie hatte es nicht von mir."
Sirius kniff die Augen zusammen. „Was genau hatte sie nicht von dir? Und von wem dann?"
Der kleine Mann wand sich unter Sirius' Griff. Der Zauberer hielt sich jetzt nicht mehr mit Magie auf, er hatte den kleinen Tränkemeister beim Schlafittchen gepackt.
„Vielleicht...ein Straßenhändler?", bot der Chinese an, um im nächsten Augenblick aufzujaulen. Sirius hatte ihn hart ins Gesicht geschlagen.
„Ich weiß es nicht, wirklich nicht, aber sie hat es nicht von mir!" Das Gejammer klang panisch. „Das habe ich Ihrem Freund auch schon gesagt. Bitte, bitte, ich weiß nicht mehr. Sie war hier, die Frau mit dem Akzent, aber sie hat nichts bekommen von mir."
Sirius schlug wieder zu.
„Fast nichts!", wimmerte der Mann. „Vielleicht einen winzigen ‚Illusionis', aber nichts Stärkeres, ich schwöre!"
Mit grimmigem Lächeln ließ Sirius den Mann runter. „Welcher meiner vielen, einflussreichen Freunde war denn hier?"
„Ich kann es nicht sagen!", greinte der Alte.
Sirius hob seinen Stab. „Avada..."
Der Chinese riss entsetzt die Augen auf. „Er war blond, sehr fein gewandet, etwas älter als Ihr, Sir."
Sirius hob eine Augenbraue. „Nasale Stimme, gewählte Ausdrucksweise?"
„Oh, nicht so gewählt, würde ich sagen", gab der ängstliche Mann zurück.
Sirius entblößte die Zähne. Es war fast ein Lächeln.
„Danke, Meister Yang", sagte er, nun wieder die Höflichkeit in Person. „Sie haben uns sehr geholfen."
Er warf eine Goldmünze auf den Boden der schäbigen Tränkeküche.
„Natürlich haben Sie uns nie gesehen. Sollte es dabei bleiben, lasse ich Ihnen eine weitere kleine ‚Belohnung' zukommen. Andernfalls treffen wir uns bald wieder."
Der kleine Chinese keuchte. „Das hat der andere Sir auch gesagt."
„Na, dann haben wir uns ja verstanden", gab Sirius zurück. Er nickte Remus zu. „Lass uns verschwinden."
Kaum vor der Tür, schlug er einen eiligen Schritt an. Dann plötzlich hielt er inne und wandte sich zu Remus um, der Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten.
„Wir apparieren in die Nähe der Spielbank. Aber diskret. Beeilung, wir müssen deine Sanni finden, bevor er es tut."
„Er?" Remus fixierte Sirius und hielt ihn am Ärmel seiner Robe fest. „Wer ist ‚er', Sirius? Verdammt noch mal, was läuft hier?"
„Er ist Lucius Malfoy", gab Sirius ärgerlich zurück. „Aber jetzt ist nicht die Zeit für Erklärungen."
Fortsetzung folgt
