Kapitel 14 – Eine Sache des Einflusses

Früher, als Draco erwartet hatte, war die Frist, die Blaise ihm eingeräumt hatte, vorbei. Und wie er befürchtet hatte, war ihm nichts eingefallen. Das ließ Draco nur eine einzige Option: die Wahrheit erzählen.

„Das wird nicht gut laufen", prophezeite er, während er durch den Geheimgang von seinem Schlafsaal zur Großen Halle lief.

Die ganze Woche über hatte Blaise versucht, Draco zu ertappen und einen Hinweis zu erhaschen, worum es bei dem Plan ging. Während sich seine Misserfolge, eine Antwort aus Draco herauszukitzeln, häuften, tat seine Aufregung es ihnen gleich. Sogar als Draco sich dem Abendessenstisch näherte, konnte er sehen, dass Blaise sich bemühte, seine Vorfreude im Zaum zu halten.

Der Enthusiasmus des jungen Mannes war sichtlich auf die anderen Slytherins übergetreten, die um ihn herumsaßen. Sie lächelten und lachten und unterhielten sich angeregt, was sehr ungewöhnlich für die Gruppe von Slytherins war, mit denen Draco verkehrte.

„Ich habe nie realisiert, wie viel Macht Blaise über die Gruppe hat", dachte Draco. „Er scheint sie so stark beeinflussen zu können wie ich, wenn nicht sogar noch mehr." Das war ein verstörender Gedanke für Draco, der immer angenommen hatte, dass er völlige Kontrolle über seine Truppe hatte. Die Erkenntnis, dass seine Gruppe aufrührerisch sein könnte, erschreckte ihn. Er hatte ein unheilverkündendes Gefühl bezüglich, was er zu enthüllen vorhatte.

Er bemühte sich, die Sorge aus seinen Augen zu bannen, während er sich niederließ. Blaise versuchte ebenfalls, gelassen zu tun, und nickte Draco knapp zu. Doch Draco konnte heimliche Blicke in seine Richtung sehen und ein blasses verschlagenes Lächeln, das seine Lippen umspielte.

Das Abendessen kam und verschwand wieder ohne ein Wort und Nachtisch erschien, angerichtet in hellen Farben und süßen Düften. Draco sah, wie sich seine Stimmung zu Enttäuschung wandelte, dann Misstrauen, dann subtile Wut. Schließlich warf er seinen Pudding auf den Tisch, der über den ganzen Tisch spritzte.

„Raus damit, Malfoy", sagte er heftig. „Ich habe den ganzen Tag drauf gewartet, dass du es uns verrätst, aber du hast kein verdammtes Wort gesagt. Ich bin es leid. Sag es uns. Sofort."

Draco sah überrascht von seinem Teller auf. Blaise hatte noch nie so mit ihm gesprochen, geschweige denn ihm irgendetwas befohlen. Draco sträubte sich unter dem Tonfall.

„Und wenn ich mich weigere, es dir zu sagen, Zabini?", knurrte er mit gehobenen Augenbrauen.

Blaise' blassblaue Augen verengten sich gefährlich. „Dann, denke ich, haben wir alle ein Wörtchen mitzureden."

Draco, dessen Blick auf Blaise gerichtet gewesen war, sah sich am Tisch um. Seine Kumpane, die ihm stets so treu gewesen waren, funkelten ihn nun offen an. Er war nicht überrascht, dass Crabbe und Goyle sich gegen ihn wandten. Sie waren leicht zu kaufen. Doch als er Pansys Blick begegnete, war er überrascht. Er sah nicht länger die besessene Begierde, an die er gewöhnt war.

„Was soll das werden? Ein Putsch?" Draco lachte sarkastisch. „Nach allem, das ich für euch alle getan habe, dankt ihr es mir so? Ich werde aus der Gruppe ausgebootet, die ich erschaffen habe? Das ist Schwachsinn."

Niemand sagte etwas. Sie funkelten ihn nur weiter an.

Draco wurde langsam verzweifelt. Schuldzuweisungen funktionierten nicht.

„Crabbe… Goyle! Ich habe euch immer gut behandelt und euch zu euren Noten geholfen. Wollt ihr, dass ich damit aufhören? Dieses Jahr ist auch UTZ- Jahr. Ihr wisst genauso gut wie ich, dass ihr es euch nicht leisten könnt, auch nur in einem Fach durchzufallen. Und was ist mit eurem Anteil an all den Paketen, die ich von Zuhause bekomme?"

Die beiden Jungen wirkten, als wollten sie für eine Sekunde nachgeben. Blaise bemerkte ihr Zögern und erhob sofort das Wort: „Das habe ich schon abgedeckt, Malfoy. Ich bin jetzt ihr Nachhilfelehrer. Und du hast noch kein einziges Paket bekommen. Glaub ja nicht, dass ich es nicht bemerkt hätte… du hast immer mit ihnen herumgeprahlt. Aber keins dieses Jahr? Hast es dir mit Daddy verscherzt, lieber Draco?", höhnte Blaise.

Draco funkelte ihn an, wütend, dass er solch eine scharfe Beobachtungsgabe hatte. Er bereute es plötzlich, so viel geprahlt zu haben. Dann wandte er sich an Pansy:

„Pansy. Wie kannst du all die guten Zeiten vergessen, die wir zusammen erlebt haben?" Draco ließ seinen Blick weicher werden und schaute sie verführerisch an. Er sah, wie Pansys Augenlider flatterten – ein Zeichen, dass er ein gutes Schauspiel hinlegte. Es war fast zu einfach. Er packte die Gelegenheit beim Schopfe und rückte näher zu ihr. Seine Stimme sank um eine Oktave, als er in ihr Ohr raunte: „Du warst schon immer fantastisch", gurrte er. „Die einzig Richtige für mich…" Er strich mit einem blassen Finger über ihre Wange und sah, wie sie vor Behagen die Augen schloss.

Draco feixte und verdrehte die Augen. „Frauen." Es war fast zu einfach.

Blaise tobte auf der anderen Seite des Tisches innerlich. „Pansy!", bellte er. Sie schrak sofort aus ihrer Trance heraus und blickte schuldbewusst von Blaise zu Draco.

„Es tut mir leid, Blaise." Ihre Augen glühten, als sie ihn ansah.

In diesem Moment wusste Draco, was geschehen war. Er ließ sein Schauspiel fallen. „Hast einen Ersatz für dein Bett gefunden, nicht wahr, Pansy?" Sie keuchte auf und schien im Begriff, etwas zu sagen, doch Draco schnitt ihr das Wort ab. „Es reicht", sagte er. Er stand auf. „Das ist Schwachsinn. Ihr wollt, dass ich verschwinde? Schön. Ich bin weg. Aber erwartet keine Gunst oder Gnade von mir."

Draco wollte sich vom Tisch entfernen, stellte jedoch fest, dass Blaise ihn am Kragen seines Umhangs gepackt hatte. Er zog Dracos Gesicht näher an sich heran und wisperte bedrohlich:

„Pass auf, was du tust, Malfoy. Du hast keine Freunde hier und wir könnten dir das Jahr zur Hölle machen, wenn wir möchten."

„Und du vergisst, wen du da gepackt hältst. Zehn Punkte Abzug von Slytherin und Nachsitzen für falsches Spiel. Denk an deine Stellung, Zabini."

Dracos letztendliche Darbietung seiner Kontrolle erzürnte Blaise. Er ließ Dracos Umhang los, doch statt sich wieder zu setzen, holte er mit dem Arm aus. Seine knochige Faust traf Draco an der Wange und brachte ihn aus dem Gleichgewicht.

Der Zorn, der sich über den Sommer in ihm gestaut hatte, stieg ihm in diesem Moment zu Kopf. Ein feiner roter Schleier vernebelte sein Sichtfeld, während er ein wildes Wutgebrüll ausstieß und sich über den Tisch auf Blaise stürzte. Die beiden Jungen krachten auf den harten Steinboden. Draco ließ blind Schläge auf Blaise einprasseln, der nichts tun konnte als sich zu verteidigen.

Dieser Aufruhr erregte die Aufmerksamkeit der Schüler in der Halle. Einstimmig feuerten sie sie an. Die Meute stand auf, einige stellte sich auf Tische, um einen besseren Blick zu bekommen. Sie umringten die beiden Kämpfenden, mehr als bereit sich auf die Überbleibsel des Verlierers zu stürzen.

Die gleichzeitige Verschiebung der Aufmerksamkeit von bunten Süßigkeiten zu einer Menschenmasse am Slytherin- Tisch fing auch die Beachtung der Professoren ein. McGonagall stand auf und schoss mit ihrem Zauberstab einen Knall ab. Das gewaltige Geräusch, lauter als jedes Donnergrollen, hallte von der Decke wider und echote in den Ohren der Schüler, die auf der Stelle verstummten.

„Es reicht!", brüllte sie und schritt zu Draco und Blaise hinüber, die immer noch weiterkämpften. Sie wedelte ihren Zauberstab in ihre Richtung. Draco flog von Blaise herunter und landete mit einem Poltern auf dem Boden. Sein Kopf krachte gegen den Felsen. Sterne tanzten vor seinen Augen.

Er setzte sich auf und umklammerte seinen Kopf. Durch die grellen, blitzenden Lichter sah er, wie McGonagall einem blutenden Blaise aufhalf. Draco verspürte einen Schwall von Genugtuung. „Sie beide", sagte sie und deutete auf Crabbe und Goyle, „bringen Mr. Zabini in den Krankenflügel." Sie hievten Blaise zwischen ihnen hoch und gingen mit Pansy davon, die besorgt die Hände rang. Draco feixte triumphierend, als er sah, wie Blaise taumelte und mehr Blut auf den Steinboden tropfte.

Sie", sagte sie zu Malfoy. Sein Feixen verschwand sofort. „Folgen Sie mir in mein Büro. Miss Granger, Sie ebenfalls."

Draco sah, wie Hermine sich langsam von der Menge löste. Sie hatte einen grimmigen, wütenden Ausdruck auf dem Gesicht. Sie wirbelte herum und folgte McGonagall in ihr Büro.

Keine von beiden wartete auf Draco, noch halfen sie ihm auf. Tatsächlich bot niemand Draco Hilfe an. Stattdessen formten die Schüler einen Kreis um ihn, den Blick auf seine Gestalt fixiert. Einige Augen wirkten triumphierend, andere verwirrt. Draco war leicht beunruhigt, als er Hass sah.

Langsam rappelte er sich auf, begierig, dem Kreis von Schülern zu entringen, die zwischen ihm und seiner Bestrafung standen. Ein Weg teilte sich vor ihm und ein Raunen brach wie eine leichte Brise aus. Tausend Blicke brannten sich in seinen Rücken, während er zu McGonagalls neues Büro ging.

„In jeder anderen Situation wäre es komisch", dachte Draco. Sowohl McGonagall und Hermine waren vor ihm gepflanzt, identische wütende Ausdrücke im Gesicht. McGonagalls Lippen waren zu einer dünnen, weißen Linie zusammengepresst. Hermine imitierte die strenge Miene der Lehrerin, die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen verengt. Die beiden sahen so ähnlich aus, dass es beängstigend war.

Draco gestattete sich ein winziges Lächeln, doch die subtile Veränderung entging McGonagalls scharfem Blick nicht.

„Ich weiß nicht, welchen Teil Sie lustig finden, Mr. Malfoy, aber ich würde Ihnen raten, sich auf der Stelle dieses alberne Feixen aus dem Gesicht zu wischen."

Mit einigen Schwierigkeiten ernüchterte Draco wieder. Der Gedanke wanderte jedoch immer noch durch seinen Kopf, was es ihm unglaublich schwer machte, sich auf McGonagalls Belehrung zu konzentrieren, die schon seit einiger Zeit im Gang war.

„…Sie sind Schulsprecher und es wird von Ihnen erwartet, sich entsprechend zu benehmen, Mr. Malfoy. Und Sie balancierten ohnehin auf sehr schmalem Grat. Diesen haben sie heute überschritten, Mr. Malfoy, und die Konsequenzen fallen nun auf Sie beide zurück."

Hermines Augen weiteten sich und mit einem Keuchen wandte sie sich an McGonagall.

„Ja, Miss Granger", sagte Professor McGonagall, „Sie beide. Ich denke, ich habe mich zu Beginn des Schuljahres klar ausgedrückt. Wenn einer von Ihnen diese Linie überschreitet, fällt es auf Sie beide zurück. Als Schulsprecherin und Schulsprecher sind Sie ein Team. Und was dem einen widerfährt, betrifft auch den anderen. Also, Mr. Malfoy, Slytherin werden zwanzig Punkte abgezogen, Gryffindor zehn. Sie haben sich eine Woche Nachsitzen eingehandelt, Mr. Malfoy", sagte sie streng. „Miss Granger, Sie werden ein Mal Nachsitzen. Noch weitere Mätzchen und ich kann Ihnen versprechen, dass die Konsequenzen sehr schwerwiegend ausfallen werden. Nun auf in Ihre Schlafsäle, Sie beide."

Die gescholtenen Jugendlichen verließen McGonagalls Büro in völliger Stille. Gemeinsam liefen sie durch die Korridore, während sich beide fragten, was dem anderen durch den Kopf ging. Bald kamen sie am Porträtloch an, wo Helga Hufflepuff sich ihr langes blondes Haar bürstete.

Die Frau schreckte leicht auf, als sie sich näherten. „Meine Güte!", rief sie und legte eine Hand an die Brust. „Sie haben mir einen kleinen Schrecken eingejagt, meine Lieben. Bitte seht nicht so finster drein, wenn es solch ein schöner Abend ist! Ich bin Helga Hufflepuff. Sie dürfen mich Helga nennen."

Hermine erinnerte sich trotz ihrer düsteren Stimmung wieder an ihre Manieren. „Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Helga. Ich heiße Hermine Granger."

Sie nickte und sah dann zu Draco. „Und Sie sind?" Er erwiderte ihren Blick ohne Erwiderung. Ihr naives und unschuldiges Gesicht verzog sich zu einem leicht schmerzvollen Ausdruck, den sie fast sofort mit einem Lächeln überspielte. Sie kicherte nervös. „Dann müssen Sie Draco Malfoy sein, wenn ich mich nicht irre."

„Wenn Sie es schon wussten, warum fragen Sie dann noch?", entgegnete Draco giftig.

Sie wirkte nervös angesichts seiner Dreistigkeit, welche sie wahrscheinlich noch niemals erlebt hatte. Hermine sah aus, als würde sie ihm gerne einen Tritt verpassen.

„Bitte entschuldigen Sie Malfoy, Helga. Er hat nicht genug Verstand, um sich höflich zu benehmen, und auch nicht den Anstand, es zu tun, selbst wenn er es hätte." Sie funkelte Malfoy an, der mit gleicher Boshaftigkeit zurückstarrte.

Helga nickte, immer noch einen verstörten Ausdruck in den Augen. „Nun", sagte sie mit zittriger Stimme, „hier ist das Rätsel. Zu welcher Frage kann man niemals mit Ja antworten?"

Sie schwiegen für einen Augenblick, bis Draco das Wort erhob: „Schläfst du?"

Hermine wollte Draco gerade für seine Unhöflichkeit schelten, als das Porträt zur Seite schwang und Helga ihnen Gute Nacht wünschte.

Hermine trat in den Gemeinschaftsraum und hielt vor der Tür, wobei sie Dracos Weg zu seinem Zimmer blockierte.

„Ich kann es nicht fassen!", begann sie endlich, die Wut zu entlassen, die sie zurückgehalten hatte. „Prügelst dich in deiner zweiten Woche hier? Was ist los mit dir? Und mich hast du auch in Schwierigkeiten gebracht! Ich, die Schulsprecherin, habe Hauspunkte verloren und Nachsitzen bekommen! Das ist inakzeptabel!"

„Beweg dich, Granger", sagte er träge. „Ich habe Kopfschmerzen und nicht die geringste Lust, mir deinen Scheiß anzuhören." Er versuchte, sich wieder an ihr vorbeizuschieben.

„Es ist mir herzlich egal, worauf du jetzt Lust hast, Malfoy. Du wirst mich ausreden lassen!"

„Und warum sollte ich dir zuhören?" Er trat an ihr vorbei, wobei er gegen ihre Schulter stieß.

Hermine, die seine Respektlosigkeit leid war, ließ auf ihrem Gesicht ein grimmiges Lächeln erscheinen. „Weil du keine andere Wahl hast!", knurrte sie. „Locomotor mortis!"

Dracos Beine banden sich zusammen und er öffnete den Mund, um eine Fontäne von Beleidigungen und Flüchen auf Hermine loszulassen. Er wollte gerade seinen Zauberstab ziehen, um sich zu wehren, doch Hermine sah seinen Plan voraus.

„Expelliarmus!"

Das dünne Holz flog elegant durch die Luft. Sie fing seinen Stab geschickt auf und legte ihn auf einen Tisch in der Nähe.

„Jetzt hör mir zu, Malfoy", sagte sie, während sie ihn langsam umkreiste, ihren Zauberstab auf seine Brust gerichtet. „Es gefällt mir, Schulsprecherin zu sein. Es gefällt mir sogar sehr. Es ist etwas, das ich schon immer wollte, und jetzt, da ich es habe, will ich es nicht wieder verlieren. Ich weigere mich, es zu verlieren, insbesondere durch einen Mistkerl wie dich! Also reiß dich besser zusammen und benimm dich in Zukunft ordentlich."

„Was bist du, meine Mutter?", höhnte Draco.

„Tja, da sie offensichtlich nicht gerade gute Arbeit geleistet hat…"

Draco tobte vor Wut. „Wage es ja nicht, von ihr zu reden, du dreckiges Schlammblut! Sie ist besser, als du jemals sein wirst!"

„Hm, ja. Ich schätze, das ist sie, wenn ich jemals danach streben würde, eine arrogante Mätresse der beiden übelsten Zauberer auf der Welt zu sein", sagte sie beiläufig.

„Was willst du damit sagen, Granger?", flüsterte Draco bedrohlich.

„Ich glaube, das weißt du ganz genau", sagte sie mit einem gemeinen Lächeln.

In Dracos Kopf brannte eine Sicherung durch und sein Körper begann zu kribbeln. Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Ohne dass er ein einziges Wort sagen musste, flog sein Zauberstab vom Tisch und landete in seiner Hand. Seine Beine erwachten wieder zum Leben und er näherte sich Hermine.

„Incendio!", rief er und Feuer schoss aus der Spitze des Stabes auf Hermines Robe zu. Sie kreischte und brüllte sofort: „Aguamenti!" Wasser rauschte aus ihrem Zauberstab auf den kleinen Brand.

Sie sah, dass er zu einem neuen Angriff ansetzte, und legte still einen Schutzzauber um sich. Draco bemerkte es jedoch und statt einen Fluch loszulassen, lief er mit erschreckender Geschwindigkeit auf sie zu. Sie versuchte, sich umzudrehen und zu fliehen, aber es war zu spät: Draco hatte schon eine Handvoll lockiges Haar zwischen seinen blassen Fingern gerkallt. Vor Schmerz ließ Hermine ihren Zauberstab fallen.

Sie stieß ein kleines „Ah" aus, als Draco sie nah an sein Gesicht zerrte.

„Hm, das kommt mir bekannt vor… Aber was fehlt da bloß?"

Er drehte ihren Kopf grob herum. Sein stahlgrauer Blick traf auf ihre braunen Augen.

„Ah ja", raunte Draco. „Potter und Weasley. Sie sind nicht hier, um dich zu retten, Granger." Sein tiefes, grollendes Lachen war gleichzeitig gefährlich und merkwürdig verführerisch.

„Wer sagt, dass ich mich nicht selbst retten kann?", erwiderte sie. Mit einem Ruck stieß sie ihr Knie in Dracos Schritt. Instinktiv ließ er ihr Haar los, um seine Hände nach unten zu bringen. Hermine stürzte zu Boden, während Draco sich vor Schmerz krümmte.

Hermine rappelte sich hastig auf und griff nach ihrem Zauberstab auf dem Holzboden. Sie schwang ihn in Malfoys Richtung, der sich immer noch krümmte. Sie wich wortlos vor ihm zurück. Sobald sie bei der Treppe war, drehte sie sich um und rannte hinauf.

Draco sah ihre Flucht und brüllte ihr hinterher: „Es ist noch nicht vorbei! Ich werde dich schon kriegen, du Miststück!"

Hermine knallte die Tür zu und legte einen Schließzauber darauf. Sie lehnte sich gegen das warme Holz und versuchte, die Tränen zurückzuhalten und wieder zu Atem zu kommen. Letzteres schaffte sie innerhalb einer Minute. Was das Erste betraf… war sie nicht so erfolgreich. Tränen rannen ihre Wangen herab, während sie sich die Szene in Erinnerung rief.

„Was ist gerade passiert? Was zur Hölle ist gerade passiert?", fragte sie sich selbst, obwohl sie sich der Antwort völlig bewusst war. In einfachen Worten: Draco hatte sie angegriffen. Sie schluchzte in ihre Hände. Tränen der Furcht vermischten sich mit Tränen der Erleichterung. Gedanken schossen durch ihren Kopf und hinterließen sie in Panik. „Er ist wahnsinnig. Er ist gewalttätig. Ich kann nicht hier bei ihm bleiben. Er wird mich umbringen. Oh Merlin, er wird mich bald umbringen. Ich kann das nicht ertragen. Ich muss weg. Ich muss sofort weg."

Sie begann, wild in ihrem Zimmer herumzulaufen. Je mehr sie ging, desto mehr zitterte sie. Bald konnte sie nicht mehr stehen und lehnte sich gegen den Fenstersims, während ihre Brust bebte. Der ruhige Ausblick auf das Schulgelände beschwichtigte sie. Der Himmel war ein Schleier aus Hellblau, Lavender und Rosa: das Werk eines wunderbaren schottischen Sonnenuntergangs. Sie setzte sich auf das Fensterbrett und lehnte den Kopf gegen das kühle Glas.

„Ich halte es nicht mehr aus", dachte sie, während sie auf die Landschaft unter ihr hinausstarrte. „Ich kann nicht weiter mit ihm kämpfen und erwarten, als Sieger hervorzugehen. Er ist größer und stärker als ich und er hat Recht: Harry und Ron sind nicht hier, um mir wie früher zu helfen. Ich muss mich mehr in Acht nehmen. Und ich muss anfangen, ihn auszuspionieren", fügte sie als Nachgedanken zu.

Hermine hatte leichte Schuldgefühle. Es waren schon fast zwei Wochen vergangen und sie hatte noch nicht einmal versucht, Informationen zu Voldemort herauszufinden. „Ich will Moody nicht enttäuschen", dachte sie. Sie entschloss sich, ihre Mission am nächsten Morgen zu beginnen. Sie seufzte, worauf ihr Atem den Ausblick vor ihr vernebelte. Sie zuckte zusammen, als Krummbein auf ihren Schoß hüpfte.

„Ich schätze, es ist Schlafenszeit, nicht wahr, Krummbein?" Er schaute mit intelligenten gelben Augen zu ihr hoch und ließ sich von ihr hochheben und auf ihr Bett setzen.

Nachdem Hermine sich die Tränen aus den Augen gewischt hatte, wechselte sie in ihren Pyjama und stieg ins Bett. Schlaf kam langsamer, als sie gehofft hatte, was ihr viel Zeit ließ, über die Geschehnisse des Abends nachzugrübeln und eine noch größere Angst zu entwickeln.


AN: Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir einen Kommentar hinterlassen würdet!