13. Gryffindor gegen Ravenclaw

Es war ein verregneter Tag und einer der ersten Herbsttage des Jahres. Einer jener Sorte, den man sofort als einen Herbsttag bezeichnen würde, weil die Blätter schon deutlich verfärbt waren und der Himmel nie mehr hergab als ein blasses Grau. Halb Hogwarts schniefte, es ging wohl eine Art Virus herum. Madame Pomfrey verteilte Zaubertränke gegen den Husten und versuchte, die Ansteckung zu mindern. Sie ging zurecht davon aus, dass die Schüler sich durch das anfänglich schöne Wetter zu viel zu wenig Kleidung hatten verleiten lassen. Einige Drittklässler hatten sich dann auch noch einen Spaß erlaubt und waren an einem besonders warmen Spätsommertag noch in den See gestiegen. So war es dazu gekommen, dass die Kessel mit den Heiltränken nicht auskühlten und bei den Mahlzeiten doppelt so viel Tee getrunken wurde wie normalerweise.

Das Wetter passte also zu der Stimmung, die in Hogwarts herrschte, und die meisten Schüler überlegten sich an diesem Tag zweimal, ob sie überhaupt gehen sollten, um sich das Spiel anzusehen. Am Ende entschied sich ein Großteil aber dagegen, denn das interessanteste Spiel, Gryffindor gegen seinen großen Kontrahenten Slytherin, würde erst gegen Ende des Schuljahres stattfinden. Heute aber spielte Gryffindor gegen Ravenclaw und das fanden die meisten langweilig, während sich kaum einer entgehen lassen wollte, wenn sich, bei Slytherin gegen Gryffindor, die Treiber gegenseitig Klatscher auf den Kopf schleuderten und Jäger von ihren Besen holten. Spiele, in denen diese beiden Häuser gegeneinander spielten, waren von jeher auch immer die brutalsten.

Stefanie ging früh zusammen mit Alicia auf die Tribünen, um sich einen guten Platz zu sichern und versuchte gleichzeitig, Alicia ein wenig zu trösten.

„Stell dir nur vor, du müsstest jetzt da spielen, vor all den Leuten und bei diesem Wetter."

Das entlockte der Reservespielerin jedoch nur ein müdes Lächeln. „Du hast gut reden, wenn du nicht genommen worden wärst, dann wärst du auch enttäuscht."

„Nun, nur bist du genommen worden. Reservespielerin ist doch auch was… bessere Karten für nächstes Jahr, weil du beim Training mitmachen darfst."

Das leuchtete Alicia ein und ihre Miene klärte ein wenig auf. „Ich hoffe nur, wir gewinnen. Ravenclaw sollten wir eigentlich platt machen. Wir müssen nur genug Tore schießen und keine Bälle in unsere eigenen lassen, dann kann ihr Sucher den Ball ruhig fangen. Bei unserem sehe ich nämlich schwarz."

Und das tat Stefanie auch. Der neue Sucher der Gryffindors hatte sich schon im Training als ziemliche Niete erwiesen. Erstens sah er den Schatz nie, weil seine Augen wohl zu schlecht waren und zweitens war er viel zu langsam, um ihn zu fangen. Es war, als müsste er immer erst 10 Sekunden nachdenken, ehe er es schaffte, seinem Hirn den Befehl zu geben, den Besen zu wenden und dem Ball nachzujagen. Wenn es einmal soweit war, dass er in die richtige Richtung sah, war der Schnatz meistens schon über alle Berge.

Spaßeshalber nannten Fred und George ihn manchmal einen Troll und verglichen ihn dabei mit Markus Flint, einem Slytherin, den sie als Halbtroll in Verdacht hatten. Dafür sprach zugegebenermaßen so einiges. Erstens sah er so aus wie einer, zweitens hatte er genauso wenig im Kopf und drittens grinste er oft so dämlich, dass man ihm am liebsten die Zähne ausgeschlagen hätte. Er war zwei Jahre älter als sie und in Percys Jahrgang, konnte sich aber in keiner Weise mit ihm messen. Zwar sprach Stefanie dem so regeltreuen Weasley nur ungerne positive Dinge zu, aber im Vergleich zu Flint musste auch sie zugeben, dass Percy nicht nur besser aussah, sondern auch klüger war.

Wobei das auch wirklich nicht schwierig war.

Die Tribünen füllten sich langsam und Stefanie konnte Lee sehen, der bei den Lehrern saß und seine Rolle als Stationssprecher ernst zu nehmen schien. Er trug, wie alle Gryffindors, einen Gryffindor-Schal, der deutlich zu sehen war und aus der Masse an Lehrern herausstach. Im Gegensatz zu den Schülern waren die meisten Lehrer gekommen. Direkt neben Lee saß Professor McGonagall, vielleicht um ihn zu kontrollieren, vielleicht, damit sie auch keinen Spielzug verpasste.

Die Spieler kamen aus ihren Umkleidekabinen hinaus aufs Feld und, für die wenigen Zuseher, brach ein erstaunlich lauter Jubel aus. Stefanie und Alicia brüllten sich die Seele aus dem Leib, um ihre Mannschaft auch genug anzufeuern und die Ravenclaws gegenüber taten dasselbe für ihre Leute. Dann ertönte Madame Hoochs Startpfiff, die Spieler stiegen auf ihre Besen und schossen wie Pfeile in die Höhe. Nun warf die Schiedsrichterin auch den Ball in die Luft. Daniel war sofort bei ihm und ließ ihn sich auch nicht mehr abnehmen.

„Und Daniel Laska hat den Quaffel und fliegt damit zielsicher auf die gegnerischen Tore zu. Er schießt, nein, er hat nur angetäuscht und JETZT SCHIESST ER WIRKLICH UND TRIFFT! Unglaublich! Nach nur gut zehn Sekunden das erste Tor für Gryffindor, durch eine Glanzleistung von ihrem grandiosen Jäger Daniel Laska! Und der Ball ist jetzt im Besitz der Ravenclaws. Roger Davies im Ballbesitz, ein wunderbarer Wurf Richtung Morray, dieser zurück und.. oh, was ist da? Einer der Weasleys hat ihn mit einem Klatscher vom Besen gehauen! Der Ball fällt Richtung Boden und wird von Angelina Johnson, der hübschen Jägerin der Gryffindors, die auch neu in der Mannschaft ist und definitiv ein Gewinn, gefangen! Da können die Ravenclaw-Flaschen einpacken – "

„Jordan, ein wenig mehr Objektivität, wenn ich bitten darf."

Stefanie kicherte, als Professor McGonagall durch den magischen Stimmverstärker Lee für das Stadion hörbar ermahnte und auch Alicia zeigte ein Lächeln. Sie war immer noch nicht in Bestlaune.

„Wie dem auch sei, die lahmen Ravenclaws haben jetzt irgendwie den Ball und sie fliegen Richtung Tor. Ein Schuss von Roger Davies und – nein, kein Tor! Wood hat den Ball hervorragend gehalten und weiter geht es Richtung Sieg der Gryffindors. Nun ist wieder Angelina im Ballbesitz, Pass zu Laska, Pass zurück und Schuss und TOR! Unglaublich, schon das zweite Tor für Gryffindor und das in so kurzer Zeit! Der Ball geht jetzt wieder an Ravenclaw und, wie ihre grimmigen Looser-Mienen verraten, sind sie wirklich nicht in bester Laune."

„Jordan ich bitte Sie…"

Aber man konnte McGonagall ansehen, dass sie genauso dachte wie er. Der momentane Spielstand erfreute sie und Stefanie bemerkte, dass sie ihre Daumen drückte.

„Doch was ist das? Davies schießt und trifft! Oh nein, so eine Schande, jetzt haben sie auch ein Tor geschossen… sieht so aus, als würde das eine knappe Partie werden… zumindest bis jemand den Schnatz fängt. Oh! DAS hat wehgetan. Einer der Weasleys hat Davies voll in den Bauch erwischt. Der Arme fällt zu Boden wie ein Sack Kartoffeln. Nur gut, dass ihn ein Zauber von Professor Flitwick aufgefangen hat. Damit sind die Ravenclaws ihren besten Mann los und die Gryffindors spielen munter weiter. Super Zug, Fred oder George, wer auch immer das auch war!

Und schon geht es wieder weiter! Laska im Ballbesitz. Geschickt spielt er den Quaffel Angelina zu, der dritte Jäger hat aber noch nicht viel getan… naja, weiter im Text. Angelina fliegt auf das Tor zu, der Hüter macht sich bereit, doch was ist das? Sie wirft ihn einfach zurück und Laska fängt ihn auch noch! Er greift jetzt- TOR! ER HAT GETROFFEN…. von einer ganz anderen Position aus an, wollte ich eigentlich sagen und es hat funktioniert, wie ihr seht! Weiter so, Gryffindors!"

McGonagall lächelte zufrieden und stand sogar kurz auf, um besser sehen zu können, ehe sie sich rasch wieder hinsetzte, als sie Snapes Blick sah. Stefanie verkniff sich ein Grinsen und boxte Alicia in die Seite.

„McGonagall fiebert richtig mit!"

„Und besser als dieser dritte Jäger wäre ich allemal gewesen…"

„Oh Alicia…" Seufzend sah Stefanie ihre Freundin an und drückte sie kurz an sich. „Das weiß Wood spätestens jetzt auch! Wir werden ja sehen, vielleicht brauchst du einfach noch ein Jahr und nächstes Jahr bist du froh, dass du erst dann in die Mannschaft kommst…"

„Oder auch nicht." Ihre Miene war düster und sie starrte geradeaus auf das Spielfeld. Man konnte ihr wirklich genau vom Gesicht ablesen, wie gerne sie jetzt mit einem Besen dort herumgeflogen wäre, um Daniel und Angelina bei ihrem Spiel zu unterstützten.

„Und NOCH ein Tor für Gryffindor, geschossen von Ryan Gossle, dem dritten Gryffindorjäger. Meine Güte, die Ravenclaws sind ja total aufgeschmissen ohne Davies. Die Tordifferenz liegt jetzt bei 30 Punkten und immer noch kann der Schnatz alles entscheiden! Aber es sieht im Moment nicht danach aus, als hätte er große Lust dazu. Weit und breit keine Spur von ihm und DU MEINE GÜTE! Noch ein Tor - von Angelina dieses Mal! Das Mädchen ist ein echter Gewinn für das Team! Tordifferenz 40 Punkte und langsam fragt man sich, ob die Ravenclaws eigentlich irgendetwas auf die Reihe bekommen ohne ihren Roger. Der Hüter hängt im Tor wie ein Faultier auf seinem Ast -"

„Nun reicht es aber Jordan! Sie müssen nicht beleidigend werden!"

„Tut mir Leid Professor, aber stimmt do; - Ach du lieber Himmel! NOCH ein Tor für unsere Löwen! Geschossen von dem lieben Daniel Laska, der heute gute Chancen hat, als gefeierter Held hervorzugehen! Aber oh je, das war knapp! Gerade noch den Klatscher abgefangen der gute Fred…oder George, wer auch immer."

Es war George, das glaubte Stefanie auch aus der Entfernung zu erkennen, aber man durfte sie nicht fragen, wieso sie es erkennen konnte. Sie wusste es nicht.

Ironisch vielleicht, dass ihr der Gedanke genau jetzt kam, hier, auf der Tribüne des Quidditchfeldes, während eines Spieles, aber er kam ihr und sie wurde nachdenklich. Sie erinnerte sich an das, was ihre Mutter ihr in Italien gesagt hatte. Dass Fred und George unterschiedliche Charaktere besaßen.

Sie war nun also fähig, die beiden selbst aus dieser Entfernung zu unterscheiden, an ihrer Mimik, ihrer Art sich zu bewegen… warum auch immer. Es war ihr in Fleisch und Blut übergegangen, die beiden zu differenzieren, weil sie so viel Zeit mit ihnen verbrachte. Aber war es nicht der Charakter der beiden, der ihr das möglich machte? Der Charakter, der Auswirkungen auf ihre Art sich zu bewegen hatte, auf ihre Art zu lachen und mit ihr und anderen umzugehen.

Ein Klatscher schoss um Haaresbreite an Stefanie vorbei und sie duckte sich ein wenig, ehe sie ihren Kopf wieder hob und Fred erblickte, der ihr irgendein Zeichen gab. Sie wusste nicht genau, was er meinte, aber es spielte auch keine Rolle.

Bewusst konnte sie ihre Charaktere nicht differenzieren, aber unbewusst anscheinend schon. Sie hatte immer noch nicht bewusst darauf geachtet, inwieweit die beiden sich unterschiedlich verhielten, aber vielleicht lag das daran, dass es bisher keine Situation gegeben hatte, in der sie etwas hätte erkennen können, glaubte sie zumindest.

Alicias Rütteln an ihrem Arm riss sie aus ihren Gedanken und verwirrt starrte sie auf die Anzeigetafel, die inzwischen 160:10 zeigte.

„Was?", stammelte sie verwirrt und suchte ihren Blick. „Hat unser Sucher den Schnatz gefangen?" Alicia schüttelte den Kopf. „Nein, du hast während deines Tagtraumes nur ein paar Tore verpasst! Sie sind einfach unglaublich!"

Erst jetzt wurde Stefanie bewusst, dass das Stadion tobte. Zumindest die Gryffindors. Die Ravenclaws standen mit etwas bedröppelten Mienen auf ihren Rängen und schwiegen eisern. Stefanie lachte auf und auch Alicia wirkte wieder ein wenig getröstet. Und dann kam es, wie es hatte kommen müssen. Etwas Goldenes blitzte auf und alle Personen waren unfähig, ihren Blick davon zu lösen. Der Sucher der Ravenclaws stürzte sich darauf, während der Sucher der Gryffindors erst damit begann, die Farbe Gold mit dem Schnatz zu verknüpfen. Es war unglaublich still im Stadion, nur das Sausen des Besens war zu hören bis… Daniel Laska ein Tor schoss. Und im beinahe selben Moment, nur eine Sekunde später, war das Spiel vorbei. Der Ravenclaw-Sucher hatte den Schnatz gefangen und Daniels Geistesgegenwärtigkeit hatte dafür gesorgt, dass Gryffindor das Spiel 170:160 gewann.

Die Menge jubelte immer noch, zumindest der rote Teil davon, aber langsam löste sie sich auf und man schlenderte, laut über das Spiel diskutierend, zum Schloss. Spiele wie diese, bei denen die Mannschaft, die den Schnatz bekam, nicht siegte, gab es nicht oft, aber doch manchmal. Mit Charlie Weasley als Sucher war es manchmal vorgekommen, da er den Schnatz praktisch immer gefangen hatte, aber seine Mannschaft mit seiner spielerischen Brillanz nicht immer mithalten hatte können.

Stefanie und Alicia verließen ihre Ränge und liefen hinunter auf das Spielfeld, um Angelina, Fred und George in Empfang zu nehmen, während Daniel von dem Moment an, in dem er den Boden berührte, schon von einer Horde jüngere Mädchen umschwärmt war, darunter nicht nur Gryffindors.

„Toll gespielt!", lobte Stefanie ihre Freunde und warf noch einen kurzen Seitenblick zu Daniel, ehe sie es aufgab, etwas von ihm sehen zu wollen, da man die Mädchentraube nicht durchblicken konnte.

„Danke, ihr habt uns auch nicht schlecht angefeuert", lächelte Angelina und umarmte Alicia kurz. „Du hättest toll gespielt", murmelte sie in ihr Ohr und Stefanie tat, als hätte sie es nicht gehört. Stattdessen ging sie zu Fred und George und ließ sich nur zu gerne genauestens noch einmal erzählen, was sie zuvor eigentlich getan hatten, obwohl sie dabei gewesen war. Das aber spielte für die beiden scheinbar keine Rolle und sie analysierten mit akribischer Genauigkeit, die ihnen bei den Hausaufgaben auch nicht schlecht getan hätte, noch einmal all ihre Züge.

Die Gryffindors pilgerten hinauf in ihren Gemeinschaftsraum und Stefanie kam auf die Idee, ein paar Sachen aus der Küche zu organisieren, um den Sieg angemessen zu feiern. Zusammen mit den Zwillingen kam sie wenig später mit Bergen von Törtchen und Kuchen zurück. Warum die Hauselfen immer Süßspeisen parat hatten, wusste sie nicht, aber wen interessierte das, solange sie da waren, wenn man sie brauchte?

Sie feierten noch bis spät in die Nacht, lachten, tanzten ein wenig, gingen alle zusammen noch einmal die wichtigsten Spielminuten durch und ließen ihre Spieler hochleben. Außer den Sucher. Ihn anzusprechen oder zu erwähnen, vermied man.

Schon lange nach Mitternacht saßen immer noch ein paar Schüler im Raum herum, wobei die wenigsten davon noch wach waren. Einzig Wood war noch nicht müde und sprach immer und immer wieder von denselben Dingen. Seine Zuhörer waren eingeschlafen, aber das merkte er nicht.

Stefanie, Alicia und Angelina waren schon lange in ihren Schlafsaal gegangen und hatten dort noch kurz weiter gefeiert, ehe auch sie irgendwann müde wurden und einschliefen.