Kapitel 13 – Happy Place (Katie Melua)

Marc atmete tief ein, bevor er am haase'schen Anwesen klingelte. Ein letzter Blick über die Schulter zu Steffi, die ihm beide Daumen hoch streckte, sollten ihn aufmuntern.

Ihm wäre so viel wohler gewesen, wenn sie mitgekommen wäre. Doch sie hatte bloß gesagt, dass ihr Plan, sich einen illegalen Ausweis zu beschaffen so viel wichtiger waren. Er aber spätestens um achtzehn Uhr wieder hier sein würde, schließlich musste auch sie sich noch bei Bärbel entschuldigen, sie Tags zuvor nur so sporadisch zwischen Tür und Angel begrüßt zu haben.

„Marc", rief die untersetzt Rothaarige freudestrahlend, öffnete nicht nur das gusseiserne Tor mit einem Summen, sondern auch direkt die Haustür.

„Gott, wie geht es dir - du siehst aber gar nicht gut aus, isst du denn auch genügend?", wurde er freundlich in den Arm genommen, noch bevor er Bärbel die mitgebrachten Blumen überreichen konnte, oder sonst auch nur einen Piep von sich gab.

„Hier, die... sind für dich!", sagte er matt. Was sollte er ihr denn auch groß entgegenbringen? Schließlich war sie es gewesen, die gerade erst einen Herzinfarkt überstanden hatte, nicht er, weshalb die Frage, wie es ihm ginge, ihr gestellt hätte werden müssen.

Ironisch, oder? Sie machte sich so viel mehr sorgen darüber, wie es ihm ging, und er hatte in den letzten Wochen sich nicht einmal nach ihrem Befinden erkundigt.

Er war ein schlechter Mensch.

„Bärbel", er räusperte sich, da seine Stimme nachgelassen hatte „es tut mir leid!"
„Ach du,... komm erst mal rein, und dann reden wir weiter", winkte sie ab, zog Marc von der Türschwelle ins Haus und führte ihn schnurstracks ins Wohnzimmer.

Im abgegrenzten Zimmer, in dem früher der Katzentisch für Feiern gestanden hatte, das wusste er von Gretchen, war nun Bärbels heimische Büroecke geworden und er musste mit Erstaunen feststellen, dass sie ihn direkt dahin führte, nachdem sie Blumen in eine mit Wasser gefüllte Vase drapiert hatte.

„Ich muss dir unbedingt etwas zeigen", verkündete sie freundlich.

Er ging ihr nach und besetzte den dargebotenen Platz gegenüber vom hochgeklappten Laptop, den Bärbel dann zu ihm umdrehte und nickend nach seiner Meinung fragte.

Auf dem fünfzehn Zoll Display erstrahlte in allen möglichen Farbkategorien, ein Inhaltsverzeichnis für Dinge, die sie für einen Charity-Abend für vergewaltigte Frauen in Somalia veranstalten wollte. Er wusste von ihren Ideen, so eine Gala auch dieses Jahr wieder zu veranstalten, doch war ihm nicht bewusst mit welcher Penetranz sie bemüßigt war, diesen auch umzusetzen – noch dazu in ihrem Zustand.

Seufzend klappte er den Deckel des Notebooks zu: „Mach es nicht", sagte er sanft, ergriff die Hand der in die Jahre gekommenen Frau fürsorglich.

„Du bist wie lange jetzt aus dem Krankenhaus entlassen? Eineinhalb Wochen? Du weißt nicht, was mit Gretchen ist und übernimmst dich schon wieder mit Aufgaben, die warten können, Bärbel!"

Bärbel verdrehte die Augen, entzog die von Marc umschlungene Hand aus seinem Griff:
„Du redest schon genauso wie Werner", betonte sie bissig, und stellte sich mit dem Rücken zu ihm, den Blick Stur aus dem Fenster gerichtet.

„Wern... Dr. Rössel sagte mir, dass deine Werte nicht besonders gut sind - dir geht es nicht gut, also lass dir gesagt sein, dass es lebensmüde wäre, bis zum 20. Dezember so ein Programm auf die Beine zu stellen. Schalt einen Gang zurück", sagte er fest.

Ihm lag der Satz: „Und wenn du es schon nicht deinetwegen kannst, mach es für deine Tochter, die nicht noch einen Nackenschlag gebrauchen kann" auf der Zunge. Doch ihn aussprechen konnte er nicht.

„Sagst du das jetzt als Arzt, oder als der Freund meiner Tochter?", schnaubte sie, und durchwühlte, um irgendwas zu tun zu haben, ihre Mappen und Akten.

Marc seufzte: „Ich sage es dir im Guten, weil ich besorgt bin und über medizinische Fachkenntnisse verfüge, die mir sagen, dass man nach einem Herzinfarkt nicht weitermachen kann wie bisher."

Bärbel ließ sich wieder gegenüber von ihm auf den Stuhl plumpsen.

„Mir fällt die Decke auf den Kopf, Marc! Margarethe sitzt in U-Haft, ich bin in so vielen Dingen eingeschränkt und zum Nichtstun verdonnert, und mein Sohn wird täglich erwachsener, wenn ich sehe, wie er seiner alten Mutter unter die Arme greifen muss", sagte Bärbel ehrlich, zog die Nase hoch, um nicht noch anzufangen zu weinen.

„Da sind wir schon zwei, die nichts tun können", bemühte sich Marc die Situation, in der sie sich befanden, weg zu lächeln.

„Ach du... wie geht's dir denn nun eigentlich? Dein Vater hat besorgniserregende Andeutungen gemacht."

Er winkte ab: „Mach dir um mich keine Sorgen, egal was mein alter Herr so sagt – deine Gesundheit geht vor, also mach dir weniger Stress, was andere betrifft."

Sie seufzte tief: „Das sagt sich so einfach. Weißt du wie oft ich bei diesem Anwalt angerufen habe, ob er irgendetwas neues weiß? Er faselte immer etwas von „unkooperativer Mandantin" und dass ich nicht täglich seine Mitarbeiterin anrufen sollte, weil es ihr auf die Nerven gehen würde. Das bringt mich mehr auf die Palme, als alles andere! Ich will doch einfach nur wissen, wie es ihr geht", fügte Bärbel leise hinzu, und Marc wurde bewusst dass er mit dem Menschen, dem Gretchen vielleicht genauso viel bedeutete wie ihm selbst, im selben Boot saß.

Sie waren beide auf andere angewiesen – und es kotzte sie beide, auf gut Deutsch gesagt, an!

Mit dem einzigen Unterschied, dass Bärbel sich mit Arbeit versuchte abzulenken und er mit Alkohol – was nach einem gestandenen Leben, wie es die Rothaarige vorzuweisen hatte, sehr viel beachtlicher war, als was er die letzten Wochen zu Stande gebracht hatte. Sie setzten sich danach vom Büro-Anbau ins Wohnzimmer.

„Es geht ihr bestimmt... den Umständen entsprechend gut", versuchte er Bärbel zu beruhigen, doch diese schaute ihn nur skeptisch an:
„Das sagst ausgerechnet du?", fragte sie ungläubig, stand wieder auf und lief für einige Minuten aufgeregt hin und her, sich darüber echauffierend, dass nicht nur ihr Geld eingefroren war, sondern Anwälte, gute Anwälte, bevor sie erstmals überhaupt tätig worden, direkt welches verlangten.

Marc schaffte es in dem Moment einfach nicht mehr, ihr zu sagen, das ausgerechnet dieser Anwalt sein Mandat gekündigt hatte. Noch dazu hatte er fast gehofft, dass Gretchens Mutter einen Weg gefunden hatte, an Geld zu kommen. Denn die Kosten, die der ehemalige Kommilitone seines Vaters forderte, bezahlten sich nicht aus der Zuteilung, die fast alle in seinem Umfeld aufs Auge gedrückt bekommen hatten.

„Marc?", fragte sie unvermittelt.

Während er darüber nachgedacht hatte, wie er Bärbel von diesem Problem erzählen sollte, ohne sie gleich wieder in einem RTW abtransportieren zu müssen, hatten ihn überhaupt nicht richtig zuhören lassen, was die untersetzte Frau geredet hatte.

„Bitte?", fragte er, zog die Stirn kraus und überlegte angestrengt, was ihre letzten Worte wohl gewesen sein mögen.

„Ich hab gefragt, ob du schon irgendwas neues weißt?"
„Hm...", machte er und schaute auf seine rechte Hand die unablässig an der Armlehne des biederen gelben Cordsofas pfriemelte.

„Hm... was? Marc, was ist los?", fragte Bärbel, setzte sich dann ebenfalls wieder auf die Couch und lehnte sich weit nach vorn, darauf gespannt, was man ihr mitteilen sollte, Marc jedoch nicht den Eindruck machte, irgendetwas preiszugeben.

Er wischte sich darauf unwirsch übers Gesicht, die Augen fest zusammengepresst.
„Der Nussthal hat sein Mandat niedergelegt, oder besser gesagt, Gretchen hat ihn wohl entlassen."
Bärbel sah ihn verständnislos an: „Und was ist daran so schlimm, jetzt können wir wenigstens einen neuen suchen und..."
„Er verlangt tausendsechshundert Euro, bis nächste Woche! Noch dazu braucht man, wie du schon richtig sagtest, Geld um einen Anwalt überhaupt in die Nähe der JVA locken zu können."

Bärbel seufzte: „Sei doch nicht so pessimistisch, wir finden schon einen weg, außerdem kann man jetzt endlich etwas tun, und ist nicht..."
Marc hörte schon wieder nicht zu. Man findet schon einen Weg? Welchen denn? Sich etwa wie Steffi einen gefälschten Personalausweis mit dazugehöriger Anwaltslizenz besorgen, um Gretchen zu besuchen. Marc zweifelte noch immer ein wenig an der Zurechnungsfähigkeit des schwulen Mannes, denn der Plan war so verschroben, der konnte gar nicht klappen.

Sie unterhielten sich noch weit bis in den Nachmittag hinein, oder eher gesagt, Bärbel redete und Marc widerlegte jeden ihrer Vorschläge in seinen Gedanken, dass alles was sie machen könnten, eh nicht klappen würde. Er stimmte ihr aber jedes Mal verbal zu.

Sie hatte eine ganze Liste aufgeschrieben, was alles erledigt werden musste, damit alles weiterhin wie am Schnürchen lief, damit Gretchen sich ja keine Sorgen machen müsste, und sie sich in dieser verhängnisvollen Situation völlig auf sich selbst zu konzentrieren konnte.
Die, die sie liebt, müssen ihr den Rücken frei halten, hatte Bärbel gesagt.
Die Worte trafen den speziellen Gretchen-Nerv tief.

Die, die sie liebt... gehörte er da überhaupt noch zu? Müsste er sich, nachdem was er von diesem Anwalt gehört hatte, nicht eigentlich zurückziehen? Schließlich liebte diese Frau, ihn nicht – egal was auch schmalziges Gewäsch Steffi von sich gegeben hatte.

Er hasste diese Gedanken und je länger er dem Alkohol fern blieb, desto mehr pochte es in seinem Kopf.

Ein paar Mal, in denen Bärbel ihm gesagt hatte, was er auch erledigen könne, war er versucht ihr die Wahrheit über das Ende ihrer Beziehung zu erklären.

„Eine Million für deine Gedanken", sagte Bärbel mehr zu sich selbst als zu Marc, was bei ihm nur noch mehr den Wunsch aufkeimen ließ, endlich wieder in seiner Wohnung zu sein und sich bis zur Besinnungslosigkeit mit Jack Daniels volllaufen zu lassen.

Millionen hatten ihn erst in diesen ganzen Schlamassel gebracht, denn wäre dieses dämliche neureiche Arschloch nicht in sein oder besser gesagt Gretchens Leben aufgetaucht, wäre er vermutlich gar nicht mit ihr zusammen gewesen, was ihn nun diese unendliche Leere spüren ließ.

„Glaub mir, die Dinge, die ich denke, willst du für kein Geld der Welt kennen", sagte er schnippisch.

Bärbel schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen verwirrt an: „Marc, nun sag endlich, was um Himmels Willen los ist – so kennt man dich ja nun gar nicht!"

Er schnaubte verächtlich: „Gretchen hat...", es gurgelte gefährlich nah in seinem Mund, würde diese verbohrte alte Frau weiterfragen, desto sicherer war er, dass sie alle Geschehnisse en detail aus ihm herauskitzeln würde.

„Ja?", fragte Bärbel langgezogen.

Marc lehnte den Kopf in die auf seinen Oberschenkeln aufgestützten Unterarme:
„... hat nichts getan, ich verstehe nicht, warum das keiner zu kapieren scheint. Ausgerechnet deine Tochter", bemühte er sich echauffiert zu wirken und nach dem Gesichtsausdruck seines Gegenübers konnte er ahnen, dass sie sich mit seiner Antwort nicht zufrieden gab. Doch bevor Bärbel auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, klingelte es unvermittelt an der Haustür.

Durch den Gong erlöst, dachte er zerknirscht. Er wusste, dass die Rothaarige auf dieses Gespräch sofort zurück kommen würde, wenn sich die erstbeste Gelegenheit ergab.

Doch ihm sollten noch ein paar Stunden erspart bleiben, denn an der Tür stand niemand geringeres als Herr Dr. Rolf von Bismarck, der noch platonische Verehrer von Bärbel, der nach Franz Tod Gretchens Mutter den Hof gemacht hatte.

Ja, Marc fand es jedes Mal sogar sehr... nun... sehr klebrig und kleine Kinder lieben es zu essen... na hier... uhm... also... er musste tief einatmen, als er das Wort gedacht hatte. Er fand es jedes Mal sehr... süß, wenn Gretchen über ihre Mutter gelacht hatte, wenn diese von diesem Kaliber eines Schönheitschirurgen umgarnt wurde und er sie regelrecht anflehte mit ihm zu Abend zu essen. Gretchen hatte sich, im Gegensatz zu Jochen, wirklich gefreut, als ihre Mutter sich nach dem Tod von Franz wieder ein bisschen zu erholen schien, wieder mehr lachte und das Leben nicht mehr vertröstete.

Marc seufzte. Er hatte sie oft aufgezogen, von wegen, sie müsse diesem Mann gegenüber skeptischer sein, nicht dass er noch Stiefpapi werden wollte. Doch sie hatte ihn nur schräg angegrinst und gesagt, dass niemand auch nur den Hauch einer Chance hatte, ihren Vater zu ersetzen. Nur würde ihre Mutter, damals noch völlig gesund, lange leben und dieses nicht allein fristen müsste, wenn es nach ihr, Gretchen, ging.

So eine liberale Art hatte er ihr nie wirklich zugetraut, doch sie hatte ihn immer wieder überraschen können. Zuletzt mit der Aussage, dass er sich jemanden neuen suchen sollte...

Er entschuldigte sich bei Bärbel, die Rolf ins Wohnzimmer gebeten hatte, dass er noch etwas in Gretchens Zimmer zu suchen hatte.

„Ja, okay, lass dir Zeit, aber... unser Gespräch, Marc, ist noch nicht vorbei!"

Diesen vielsagenden Blick hatte sein Blondschopf also nicht, wie längst angenommen von ihrem Vater vererbt bekommen, sondern mindestens gleichermaßen von ihrer Mutter, die ihn gerade jetzt wissend anfunkelte.

Aber vorbei war das Gespräch für Marc schon, und wenn er Pech hatte noch so viel mehr als die verbale Auseinandersetzung mit Bärbel...

Schweren Schrittes erklomm er die Treppenstufen in Gretchens altes Kinderzimmer, atmete tief durch, bevor er die Türklinke hinunterdrückte um den verspielten Raum in zartrosa dahinter zu betreten.


Original Writing: 19. August / 2011 :'(

Original Air-Date: 12. Februar 2012

lg

manney