13. Kapitel

„Was war das?" fragte Cosette ihren Mann und setzte sich im Bett auf. „Hast du das gehört?"

„Was soll ich gehört haben?" fragte Marius nicht ganz wach zurück. Er war gerade dabei gewesen einzuschlafen.

Im gleichen Moment war ein kurzer, leiser Schrei zu hören, der scheinbar sofort unterdrückt wurde und in ein langgezogenes Stöhnen überging.

„Das meine ich", sagte Cosette, und bevor Marius etwas erwidern konnte, wiederholte sich der Schrei, diesmal jedoch länger und nicht unterdrückt.

„Jetzt habe ich das auch gehört", bestätigte Marius. „Das kommt von nebenan." Er schob die Decke zur Seite, stand auf, tastete sich durch das dunkle Zimmer zur Tür und öffnete diese.

„Ich habe dir doch gesagt, daß es dir nicht gelingt, leise zu sein", war Javerts Stimme triumphierend zu hören.

Marius schloß die Tür wieder mit ratloser Miene.

„Meinst du, daß Papa in Schwierigkeiten ist?" fragte Cosette sehr irritiert. „Daß M. Javert ihm irgend etwas antut?"

Marius zögerte. Was da aus dem Nebenzimmer zu hören war, klang irgendwie bedrohlich. Und er konnte es nicht zulassen, daß Cosettes Vater, sein Retter, in irgendeiner Weise bedroht wurde. Andererseits wollte er auch nicht in eine Situation hineinplatzen, die für alle Anwesenden peinlich werden würde.

Cosette zündete die Kerze neben ihrem Bett an, kam zu Marius herüber und öffnete die Tür erneut. Beide lauschten angestrengt und zuckten zusammen, als sie Valjean erneut aufschreien hörten. Diesmal konnten sie die Worte „Oh, Gott!" identifizieren.

Cosette und Marius wechselten einen Blick und machten sich bereit, ins Nebenzimmer zu stürmen.

„Mach weiter", flehte Valjean stöhnend, „hör nicht auf damit."

„Ich habe gar nicht die Absicht aufzuhören", entgegnete Javert und lachte leise auf eine ungewohnt unbeschwerte Art.

Betreten schlossen Cosette und Marius die Zimmertür wieder und kehrten ins Bett zurück. „Ich glaube", sagte Marius und suchte für einen Moment nach Worten, die man auch gegenüber einer wohlerzogenen jungen Dame benutzen konnte, „dein Vater kommt ganz gut ohne Hilfe zurecht."

„Nein, ich glaube auch nicht mehr, daß er in Gefahr ist", erwiderte Cosette ein wenig lahm und grübelte, bis sie endlich einschlief. Was konnte ihren zurückhaltenden Vater, der niemals die Stimme hob oder gar schrie, dazu bringen, solche Laute auszustoßen? Was genau verband ihren Vater mit diesem M. Javert, abgesehen von dem wenigen, was sie wußte?

XXX

Je länger Cosette und Marius in Perpignan blieben, desto beunruhigter wurde Javert. Ängste, die ihm vollkommen unbekannt gewesen waren, ergriffen Besitz von ihm, Es war gar nicht so sehr das Gefühl von Eifersucht, was er gegenüber Mme. Bernays und ihren ungeschickten Versuchen, Valjean in den Hafen der Ehe zu lotsen, gehabt hatte. Er war auch nicht eifersüchtig, daß er Valjeans Aufmerksamkeit teilen mußte. Es war vielmehr die Angst, Valjean zu verlieren. Javert war sich sicher, daß kein anderer Mann und keine Frau ihm seinen Platz in Valjeans Herzen jemals streitig machen konnten, aber mit Cosette zu konkurrieren, war unmöglich. Sie war Valjeans Lebenszweck.

Die Zeichen waren für einen über Jahrzehnte geschulten Beobachter wie Javert untrüglich, daß Cosette und Marius beabsichtigten, Valjean bei ihrer Rückkehr nach Paris mit sich zu nehmen. Valjean konnte ein solches Angebot einfach nicht ablehnen. Und Javert war davon überzeugt, daß er keine Möglichkeit hatte zu verhindern, daß Valjean ging, wenn Cosette ihn bat, nach Paris zu gehen.

Es war für Javert ein fast schockierender Gedanke, vor sich selbst zugeben zu müssen, wie sehr er in den vergangenen Monaten in Valjean einen neuen Sinn in seinem Leben entdeckt hatte. Und wohin hatte es ihn getrieben, als er das letzte Mal glaubte, den Sinn seines Lebens verloren zu haben? Doch wie konnte er einen solchen Ausweg in Betracht ziehen, wenn er doch wußte, daß Valjean dies würde nicht ertragen können mit seinem Hang, sich an allem und jedem schuldig zu fühlen?

Fast war Javert soweit, sich in jene Zeit zurückzusehnen, als sich seine Gefühlswelt auf die Frage beschränkte, ob jemand ein Verbrecher sein mochte oder nicht.

Javert wußte, ihm blieb nichts anderes übrig, als sich für den Moment zu wappnen, wenn ihm Valjean mitteilte, daß er mit seiner Tochter nach Paris zurückkehren würde. Er durfte dann Valjean nicht zeigen, wie sehr ihn dies treffen würde, denn die Vorstellung, daß Valjean aus Mitleid dann doch bleiben würde, war unerträglich.

Cosette und Marius waren etwa eine Woche in Perpignan, als sie Valjean baten, sie auf einem Spaziergang am Strand zu begleiten. Sie ließen keinen Zweifel daran, daß sie mit Valjean allein sprechen wollten.

Javert wußte, daß der Tag, vor dem er sich gefürchtet hatte, gekommen war. Er zwang sich dazu, Ruhe zu bewahren, bis die Drei das Haus verlassen hatten.

Als er allein war, begann er, das Haus und den Garten zu durchwandern, scheinbar ziellos, doch nicht ohne Grund. Er nahm Abschied von dem Haus, wie es im Augenblick war, denn ohne Valjean würde es niemals wieder mehr dasselbe sein können. Während er die Rosen betrachtete, wurde ihm bewußt, daß diese mit Sicherheit nicht überleben würden. Er war gar nicht in der Lage, Rosen ausreichend zu pflegen.

Sein Blick wanderte über den Brunnen zu der Stelle, an der er Valjean zum ersten Mal gesagt hatte, daß er ihn liebte, zurück zu der Terrasse, wo sie so oft gesessen hatten. Er kehrte ins Haus zurück, durchquerte den Salon und die Küche und erklomm dann die Treppe nach oben.

Allein der Gedanke daran, das Zimmer, in dem sie so viele erinnerungswürdige Stunden verbracht hatten, zu betreten, ließ sein Herz schwer werden. Trotzdem ging Javert hinein. Vorsichtig fuhr er mit den Fingern über die Bücher, die sich in Perpignan wundersamerweise vermehrt hatten, die beiden Kerzenleuchter und Valjeans Kleidung.

Javert fand sich selbst ausgesprochen sentimental, als er ernsthaft darüber nachdachte, ob er eines der Hemden verschwinden lassen sollte, damit ihm etwas von Valjean blieb, ein Gedanke, der in seiner romantischen Albernheit eher zu Marius gepaßt hätte.

Er zerrte die große Reisetasche unter dem Bett hervor und begann, vorsichtig und mit großer Sorgfalt Valjeans Bücher eines nach dem anderen zu verpacken. Nach dem zehnten Buch mußte er inne halten, setzte sich auf die Bettkante und vergrub das Gesicht in seinen Händen.

So fand ihn Valjean vor, als dieser zurückkehrte. Valjean kam die Treppe mit jenem fast unmerklichen Hinken hinauf, das seinen Schritt unverkennbar machte. Er öffnete die Tür und sagte: „Hier bist du, ich habe dich schon gesucht. Ich muß dir etwas sagen."

Javert hob den Kopf und blickte Valjean an. Er hätte es vorgezogen, sein Urteil im Stehen entgegen zu nehmen, aber seine Knie zitterten schon im Sitzen, so daß sie bestimmt ihren Dienst versagt hätten.

Valjean blickte von Javert zu der halb gepackten Tasche und wieder zurück, „Was geht hier vor?" fragte er alarmiert. „Warum packst du meine Bücher zusammen?"

Mit einem Akt von Gewalt gegen sich selbst zwang Javert seine Stimme unter Kontrolle. „Ich denke, es ist so leichter für uns beide. Aber du wolltest mir etwas sagen, und ich würde es gerne hören."

„Cosette und Marius haben mich gebeten, sie zurück nach Paris zu begleiten", erwiderte Valjean, während er sich verzweifelt fragte, was mit Javert los war.

„Und genau deswegen habe ich begonnen, deine Sachen zu packen", erklärte Javert. „Es erschien mir besser, wenn ich dies tue, um tränenreiche Szenen zu vermeiden."

„Willst du, daß ich fortgehe?" fragte Valjean, während ihm langsam dämmerte, worum es ging.

„Ich will, daß du glücklich bist."

„Dann solltest du zumindest die Höflichkeit haben, dir anzuhören, was ich Cosette und Marius geantwortet habe." Valjean setzte sich neben Javert auf das Bett. „Ich will nicht verbergen, daß mich diese Bitte glücklich gemacht hat, zumal sie ausgesprochen wurde, weil sie mich wirklich gerne bei sich hätten und nicht nur aus Pflichtgefühl. Und ich habe ihnen geantwortet, daß ich gerne nach Paris komme, zu einem späteren Zeitpunkt für ein paar Wochen zu Besuch." Er tastete nach Javerts Hand. „Am liebsten in deiner Begleitung."

Javert entzog ihm die Hand. „Das kannst du nicht ernst gemeint haben. Deine Tochter ist dein ein und alles, dein Leben. Du wärst fast gestorben, als sie dein Haus verließ, um zu heiraten."

„Ja, das ist richtig", gab Valjean zu. „Doch du warst da, um mich aufzufangen, und mir zu zeigen, wie ich weiter leben kann. Ich liebe meine Tochter, und sie liebt mich, aber sie braucht mich nicht mehr."

„Du willst also bleiben, weil du meinst, daß ich dich brauche?" Ein Hauch von Verletztheit lag in Javerts Stimme.

„Was willst du hören? Schwüre von ewiger Liebe und Treue? Bitte, wie du willst." Valjean ließ sich vor dem Bett auf die Knie nieder. „Ich liebe dich, du Narr, wie ich zuvor noch nie einen Menschen geliebt habe. Ich liebe deine störrische, sturköpfige Schale und diesen sanften, liebevollen Kern, den außer mir niemand zu sehen bekommt. Ich liebe deinen Scharfsinn, deine manchmal brutale Ehrlichkeit und deinen Sinn für Humor. Ich liebe dich, weil du mich immer wieder überraschen kannst. Ich liebe dich, weil niemand sonst in der Lage ist, meine Albträume verschwinden zu lassen. Und ich liebe dich, weil…", Valjean errötete etwas, „… du seit meiner ersten Nacht in Toulon der erste und einzige Mensch bist, der mich zum Schreien bringen kann."

Javert blickte auf den vor ihm knienden Mann nieder und suchte nach Worten, die er nicht fand. Er hatte das Gefühl, als würde er in den Emotionen, die über seinem Kopf zusammenschlugen, ertrinken. Wie hatte er glauben können, daß Valjeans Gefühle für ihn nicht ebenso stark waren wie seine für Valjean? Welcher Dämon hatte ihn geritten, sich so in die Idee hineinzusteigern, Valjean würde ihn verlassen oder nur aus einem Gefühl der Pflicht bleiben?

„Ich hoffe, du hörst jetzt auf, an mir zu zweifeln, und verstehst weswegen ich bei dir bleibe." Valjean fand schließlich die richtigen Worte und bettete seinen Kopf auf Javerts Schoß. Er fühlte sich fast erschöpft von seinem Ausbruch.

Javert strich mit seiner Hand durch die dichten weißen Haare und fand plötzlich seine Stimme wieder, auch wenn diese kurz davor war zu brechen. „Keine Zweifel mehr", bestätigte er mühsam. „Aber vielleicht würdest du es vorziehen, wenn wir beide zusammen nach Paris zurückkehrten. Du wärst dann in der Nähe deiner Tochter."

Valjean hob den Kopf etwas und schien einen Moment nachzudenken. „Nein", entschied er dann. „Würde ich dauerhaft in Paris leben und zwangsläufig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, könnte jemand erfahren, wer und was ich war, und das hätte Einfluß auf Cosettes Leben. Das kann ich nicht verantworten. Hier bin ich schnell über die Grenze, aber aus Paris zu fliehen… Nein, es ist gut, wie es ist. Du und ich zusammen hier in diesem Haus."

Statt einer Antwort beugte Javert sich herunter und küßte Valjean. Während dieses Kusses wußten sie beide, daß es gleichgültig sein würde, wo sie waren, solange sie dabei zusammen sein konnten.

AN: Ich weiß, daß es kitschig ist. Aber es ist kurz vor Weihnachten, da darf ich, oder?