Vielen Dank für eure Kommentare, besonders an die letzten beiden, wenn auch anonym. Ihr fleißigen Reviewerseid der Knackpunkt, ohne euch gäb's dieses Kapitel nicht.
Deswegen ist es auch für alle Review-Schreiber.
14. Kapitel: Es gibt immer ein erstes Mal
Er sah nicht weg, sie sah nicht weg. Ewig konnten sie so nicht sitzen bleiben. Seine Augen verengten sich, es ärgerte ihn, dass er nicht weggucken konnte und sie nichts sagte. Stattdessen stand sie auf. Er hätte zu gerne erstaunt die Stirn gerunzelt, denn zum ersten Mal sah Jessica Bodes verlegen aus, wie sie sich betreten umsah. Er konnte sich denken, was sie sagen wollte, aber das hieß noch lange nicht, dass er ihr diese Aufgabe abnehmen oder erleichtern würde.
„Ich…gehe jetzt ins Bad." Ihre Worte kamen plötzlich sehr sicher und emotionslos, sie sah ihn kalt an. Snape wunderte sich über diese rasche Änderung ihrer Haltung, stand aber ohne merkliche Reaktion auf und ging ihr voran in sein Badezimmer. Dort angekommen stand sie schon wieder wortlos da und sah ihn an. „Soll ich mir selbst ein Handtuch suchen oder wären Sie so freundlich?" Wieder dieses erboste Funkeln in seinen Augen. Auch, wenn sie am liebsten abfällig gegrinst hätte (zu leicht konnte man diesen Menschen verärgern), sie ließ es sich nicht anmerken. Snape seinerseits ging auf einen schmalen Schrank zu und nahm zwei schwarze Handtücher – ein großes und ein kleines – heraus und warf sie ihr anschließend regelrecht entgegen. Jess fing sie auf und drehte sich zum Waschbecken.
Sie sah sich um und ging dann wortlos ins Schlafzimmer, Snape blieb im Türrahmen stehen. Er sah ihr dabei zu, wie sie zu ihrem Bett ging und sich vor ihren Koffer hockte. Nachdem sie diesen geöffnet hatte, kramte sie eine Weile herum, bis sie eine kleine schwarze Tasche gefunden hatte. Dieser entnahm sie eine Tube, ein Döschen, eine Zahnbürste und die dazugehörige Paste. Dann kam sie zurück ins Bad und begann, ihr Gesicht zu waschen. Snape sagte und tat die ganze Zeit über nichts. Er musterte sie lediglich. Sie hatte die Ärmel ihrer schwarzen Bluse hochgekrempelt und ihre Haare zum Zopf gebunden. So routiniert ihre Bewegungen auch schienen, sie waren mindestens genauso fahrig, als könne sie sich nicht konzentrieren. Snape bereitete sich innerlich auf das vor, was ihm noch eine ganze Weile bevorstehen würde. Heute Nacht würde sie, wenn überhaupt, nur sehr schlecht schlafen; sie würde Alpträume haben und Schmerzen. ‚Wunderbar'. Seine Laune war in den Keller gefallen.
Snape erinnerte sich, dass er lange mit Dumbledore darüber gesprochen hatte, dass er Jess zu sich nehmen wollte. Es hatte ihn gewundert, dass Dumbledore von Anfang an keine Einwände gehabt hatte, im Gegenteil. Er konnte es verstehen. Er vertraute Severus. Er begrüßte die Tatsache, dass Snape als Meister der Zaubertränke Jess' Entzug ein wenig erleichtern könnte. Ob er das wirklich tun würde, war ihm noch nicht klar. Im Grunde war ihm nicht danach. Wenn er aber ein wenig Schlaf bekommen wollte, müsste er seiner Schülerin wohl oder übel helfen.
‚Er starrt mich bestimmt die ganze Zeit an'. Dieser Gedanke war so ziemlich der einzige, der in Jess' Kopf herumgeisterte. Nebenbei fiel ihr immer wieder auf, wie schwach sie sich fühlte, gelegentlich vergaß sie auch, was sie hier tat und warum eigentlich. Sie konnte nicht mehr klar denken. Nur daran, dass Snape sie beobachtete, was die ganze Sache wirklich nicht erleichterte. Nachdem sie sich das Gesicht gewaschen und eingecremt und die Zähne geputzt hatte, stand sie ein wenig unschlüssig da. Sie musste aufs Klo, wusste aber nicht, wie sie Snape darauf aufmerksam machen sollte. Die einzige Möglichkeit war die Flucht nach vorn. „Würden Sie sich bitte kurz wegdrehen?" Ihr Hauslehrer verzog keine Mine, was Jess sehr überraschte. Er drehte sich einfach weg. Die zweite erfreuliche Tatsache war erneut der Schallzauber, eine sehr angenehme Entwicklung.
Nachdem Jess nun endgültig fertig war, hatte sie zu warten. Sie saß grübelnd auf dem heruntergeklappten Klodeckel und konnte nicht fassen, dass ausgerechnet Snape sich das Gesicht abends – und sicherlich auch morgens – reinigte. Bei der Gelegenheit fiel ihr auch noch ein, dass sie ihn morgen früh, mit etwas Glück, unrasiert sehen würde. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, was Snape wiederum dazu brachte, innezuhalten und mit tropfnassem Gesicht in den Spiegel zu starren. Jess merkte es und sah schnell weg. Er sollte bloß nicht denken, dass es Jess hier bei ihm gefiel.
Das tat es nicht.
‚Oder doch?'
Er konnte sich sehr gut denken, dass sie überrascht über seine abendlichen Gewohnheiten war. Er überlegte, ob er sich noch eine Gurkenmaske für den morgigen Abend zulegen sollte. Ihr Gesicht hätte er zwar zu gern gesehen, aber das war es ihm dann doch nicht wert.
Schweigend gingen beide ins Schlafzimmer und zogen sich mit den Rücken zueinander um. Als er sich umdrehte (er wusste selbst nicht, wieso), staunte er ein wenig: Sie trug ein schwarzes Tank-Top und schwarze Shorts, er trug ein schwarzes Shirt und schwarze Shorts. Sie sah ähnlich erstaunt aus, wie er. Weiterhin wortlos begaben sich beide unter ihre Bettdecken.
Er hatte vielleicht eine Stunde geschlafen, aber nun lag er bereits dreißig Minuten regungslos wach und lauschte. Er hörte, dass sie immer wieder ein schmerzerfülltes Stöhnen zu unterdrücken versuchte und konnte sich vorstellen, wie sie sich in ihrem Bett krümmte. Dann, plötzlich, sprang Jess aus ihrem Bett und begab sich, so schnell sie konnte, ins Badezimmer. Snape kam rasch hinterher und sah zu, wie sie über der Kloschüssel hing und sich die Kekse von vorhin durch den Kopf gehen ließ.
Er war sich ziemlich sicher, dass sie beschäftigt genug war, also eilte er in sein Labor. Dort angekommen bewegte er sich fast lautlos um den großen, zentral platzierten Tisch herum auf eine Wand voller Regale zu und entnahm dieser einige unterschiedliche Phiolen. Genauso schnell trat er den Rückweg an. Im Bad angekommen fand er Jess vor, wie sie, auf dem Boden sitzend, den Kopf an die Wand gelehnt und die Augen geschlossen hatte. Sie atmete schwer.
Sie öffnete die Augen und sah ihn ausdruckslos an. Er reichte ihr zwei Phiolen. „Eine gegen Übelkeit, eine gegen Schmerzen. Nehmen Sie beide sofort und hören Sie auf, meinen Schlaf zu stören." Sie schwieg. „Kein Danke?" Sarkasmus tropfte förmlich auf sie nieder. Sie sah ihn verärgert an. „Wofür? Für Ihre überschwängliche Freundlichkeit?" Snape funkelte sie an. „Davon mal ganz abgesehen, Miss Bodes, Sie haben mich bestohlen und sind selbst Schuld daran, dass Sie eine Abhängigkeit von dem Diebesgut entwickelt haben. Dafür, dass ich Ihnen Ihren Entzug erleichtere, dafür sollten Sie dankbar sein." – „Die Selbstlosigkeit in Person." Sie hatte ihre Worte gemurmelt und sofort gehofft, dass sie unverständlich wären. Waren sie aber nicht. Blitzschnell hatte Snape beide Phiolen wieder in der Hand und ging zurück ins dunkle Schlafzimmer, wo er sie in seinen Nachttisch legte und die Schublade verschloss. Danach legte er sich in sein Bett und scherte sich nicht darum, was seine Schülerin tun würde, denn er wusste es bereits.
Sie hatte nicht viele Handlungsmöglichkeiten. Also stand sie auf und putzte sich nochmals die Zähne, danach ging auch sie ins Schlafzimmer. Snape lag mit dem Rücken zu ihr, sie war sich sicher, dass er noch nicht schlief.
Lautlos legte sie sich in ihr Bett und begann nach kurzer Zeit wieder die Schmerzen zu empfinden. Sie verfluchte sich und ihr loses Mundwerk.
Genau eine Stunde hielt sie es aus, dann stand sie auf, griff sich ihren Zauberstab und kniete sich geräuschlos vor Snapes Nachttisch. Ihr Hauslehrer lag mit dem Gesicht zu ihr gewandt, schlafend. Wenn er sie erwischen würde…sie wollte lieber nicht daran denken. Geräuschlos murmelte sie ein paar Zauber und hatte das Schloss fast geknackt, als sie einen Kontrollblick zur Seite warf und in ein tiefschwarzes Augenpaar blickte.
