Vielen herzlichen Dank für die Reviews. Als Belohnung gibt es noch weitere Episoden von dem Besuch in Hogwarts...
Viel Spaß
Leliha
14
Mit einem kleinen Seufzer wandte Conny sich ab von dem geöffneten Fenster, durch das die letzten Sonnenstrahlen ins Zimmer fielen. Die Aussicht war atemberaubend, geradezu überirdisch schön: Der See glitzerte im letzten Licht der rot untergehenden Sonne, die Berge dahinter bildeten einen Kontrast in verschieden dunklen Blautönen...
Sie ließ ihren Blick wieder durch das Zimmer schweifen. Ein riesiger Kamin war das erste, was ins Auge fiel. Ein breites Himmelbett mit grüngoldenen Vorhängen, dicke Teppiche auf dem Steinfußboden, ein kleines Gitterbett für Albina, eine Wickelkommode, ein kleiner Tisch und zwei große Sessel. In dem einen saß ihr Mann mit Albina auf dem Schoß, vor sich ein Gläschen Babybrei, dessen Inhalt er behutsam Löffel für Löffel in den Mund seiner Tochter beförderte. Seit Conny vor einem halben Jahr ihre Abendkurse wieder aufgenommen hatte, war Severus für die Abendmahlzeit und das Zubettbringen Albinas verantwortlich. Erst war er überhaupt nicht begeistert gewesen und hatte absolute Unfähigkeit vorgeschützt, aber Conny hatte eisern darauf bestanden und mittlerweile genoss er sichtlich die allabendliche Zweisamkeit – auch wenn er das nie wirklich zugegeben hätte.
Eine Bewegung an der Wand lenkte Connys Blick ab – verdammt, hatte die lange Anreise sie so erschöpft, dass ihre Augen ihr Streiche spielten oder hatte sich der dicke Mann in dem Gemälde hinter Severus' Kopf wirklich bewegt? Schon auf dem Weg zu ihrer Unterkunft hatte sie den Eindruck gehabt, die Porträts an den Wänden würden sie beobachten, hatte es aber dem seltsamen Licht zugeschrieben, das durch die kleinen und teilweise bunten Fensterscheiben in die hohen, gewölbten Korridore fiel. Jetzt hingegen war das Fenster offen, das Abendlicht ungefiltert. Sie räusperte sich.
„Severus?"
Er brummte fragend und schob einen weiteren Löffel Brei in den Kindermund.
„Severus, die Gemälde – kann es – kann es sein, dass sich die Personen bewegen?"
Sie hielt den Atem an. Würde er sie auslachen?
Nein, er hielt in der Breizufuhr inne und sah zu ihr hoch. Sein Blick war amüsiert, aber nicht spöttisch.
„Ja, das tun sie. Genau wie bei magischen Photographien führen die dargestellten Personen ein Eigenleben. Sie bewegen sich, können das Bild verlassen, und manche können sogar reden."
„Beobachten sie uns?" Ihr war plötzlich gar nicht wohl zu Mute.
Severus lachte.
„Ja, wahrscheinlich. Aber sie haben schon so viel gesehen, ich glaube, es ist ihnen egal, was wir tun. Beachte sie einfach nicht, vergiss sie."
Conny stöhnte. Leichter gesagt als getan. Sie fühlte die Blicke der Bilder auf sich ruhen -
missbilligend, wie ihr schien. Merkten sie, dass sie ein Eindringling war und keine Hexe?
Es war alles so fremdartig hier. Severus schien es nicht zu bemerken, er würdigte seine Umgebung keines Blickes, so, als wäre es alltäglich für ihn, in diesen Räumen zu wohnen. Gewissermaßen war es das ja auch, erinnerte Conny sich. Schließlich war er hier zur Schule gegangen und dann lange Jahre selbst Lehrer gewesen. Er gehörte hierher...
„Du brauchst keine Angst zu haben, sie tun dir nichts."
Albina hatte ihre Mahlzeit beendet, Severus hob sie hoch und stand auf. Er trat zu seiner Frau, legte ihr den freien Arm um die Schulter und zog sie sanft an sich. Conny schmiegte sich an ihn, genoss seine beschützende Gegenwart. Die zupackende Selbstsicherheit, mit der sie zuhause die Dinge anging, war ihr im Laufe des Tages abhanden gekommen. Zu fremdartig war diese Umgebung hier...
Albina wurde ungeduldig, wand sich auf dem Arm ihres Vaters.
„Komm, bringen wir sie ins Bett," sagte er und ließ Conny los. „Minerva erwartet uns zum Abendessen."
„Wir können Albina doch nicht alleine lassen!"
Er lächelte. „Das ist alles geregelt."
Conny warf ihm einen zweifelnden Blick zu. Sie konnte sich nicht erinnern, irgendetwas geregelt zu haben. Was hatte er jetzt wieder für eine Überraschung in Petto?
Ihre Erwartung wurde nicht enttäuscht. Albina war in ihrem Bettchen eingeschlafen und ihre Eltern hatten sich frisch gemacht, da ertönte ein leises Plopp und Conny hätte vor Schreck fast laut aufgeschrieen. Vor ihr stand ein Wesen wie aus einem Science-fiction-Film: Klein und verschrumpelt, mit riesigen Ohren und angetan mit einem seltsamen Sammelsurium von Kleidungsstücken.
„Dobby now babysitting, Professor Snape, Mrs Snape, Dobby is perfect babysitter."
Conny schnappte nach Luft, war des Sprechens nicht mächtig, der Schreck saß zu tief. Severus hingegen schien das fremdartige Wesen völlig natürlich zu finden.
„Conny, das ist Dobby, Dobby ist ein Hauself. Er wird auf Albina aufpassen."
Hauself! Gütiger Himmel, was noch alles? Conny konnte nur weiterhin sprachlos in die treuherzigen Glubschaugen des kleinen Wesens starren, die ihr jetzt freundlich und aufmunternd zuzwinkerten.
„Hauselfen sind völlig normal in unserer Welt. Bei den reichen Familien übernehmen sie schon seit altersher die Kinderbetreuung. Und Dobby ist ein ganz besonderer Hauself, du kannst ihm voll und ganz vertrauen."
Conny nickte stumm. ‚In unserer Welt' hatte er gesagt. Sie fühlte einen Stich der Eifersucht und des Ausgeschlossenseins. Ihre Welt war das nicht, würde es nie sein...
„Komm jetzt, Albina ist in guten Händen."
Mit sanftem Druck steuerte er sie zur Tür hinaus.
Wieder die langen Gänge von Hogwarts. Im Licht der Fackeln wirkten sie noch unheimlicher, die teilweise grotesken Statuen in ihren Nischen schienen lebendig zu sein. Conny fröstelte und war dankbar, als sich Severus' Arm um sie legte. Dann zwei weitere steinerne Monster, die auf ein lautes „Haggis" von Severus zur Seite wichen und einen Treppenaufgang freigaben. Eine nach oben rollende Wendeltreppe, eine schwere Eichentür, die einladend offen stand und den Weg in ein achteckiges Turmzimmer freigab, das ausgiebig mit Schottenmuster dekoriert war. Schreibtisch, Bücherregale und ein Tisch am Fenster, gedeckt für drei Personen.
„Severus, my boy, come in, it's so nice to see you again. Minerva will be back in a minute."
Conny schrak zusammen. Ein Porträt hatte gesprochen! Es hing direkt über dem Schreibtisch und zeigte einen alten Zauberer in einem farbenprächtigen Gewand und mit langem weißen Haar und ebensolchem Bart.
Auch Severus erstarrte.
„Albus!"
Er ließ Conny los und machte einen Schritt auf das Bild zu, eine Hand erhoben, als wolle er es berühren. Kurz davor blieb er stehen und schien unfähig zu sein, noch etwas zu tun oder zu sagen. Conny sah, wie seine Schultern sich unmerklich strafften und er sich schwer auf seinen Stock stützte.
So, das also war der berühmte Schulleiter, der verständnisvolle Freund und Beschützer.
Die blauen Augen des Porträts ruhten eine Weile mit väterlichem Blick auf Severus, dann wanderten sie, wie Conny mit Entsetzen feststellte, zu ihr herüber.
„Gnädige Frau, ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen."
Conny starrte mit offenem Mund zu dem Bild. Es sprach Deutsch! Zwar mit einem fürchterlichen Akzent, aber es war eindeutig Deutsch! Ein schwacher Laut entrang sich ihrer Kehle.
„Ich sehe Sie verwirrt und furchtsam, gnädige Frau. Seien Sie versichert, es droht Ihnen keinerlei Gefahr."
Conny nickte stumm, in ihrer Überraschung hatte sie keine Idee, was sie auf diese förmliche Sprache antworten sollte. Fast fühlte sie sich versucht, einen Knicks zu machen. Stattdessen tat sie einen zögerlichen Schritt nach vorne, so dass wieder neben Severus stand. Hilfesuchend tastete sie nach seiner Hand. Er ergriff sie und drückte sie kurz.
„Ich bin überaus froh, dass Sie Severus glücklich machen, gnädige Frau."
Severus verdrehte ungeduldig die Augen. Offenbar gingen ihm die deutschen Höflichkeiten des alten Zauberers auf die Nerven.
„Conny, sagen Sie doch Conny zu mir," kam es stammelnd von Connys Zunge.
„Danke, Conny, ich bin Albus. Aber das ist Ihnen bestimmt schon bekannt."
Conny hauchte ein schüchternes ‚ja'.
„Durch Minerva habe ich bereits Kunde über Sie erhalten, Conny. Sie Sind Tanzmeisterin? Wie überaus interessant. Verzeihen Sie meine Neugier, aber ich wüsste zu gerne, wie Sie Severus kennen gelernt haben. So wie ich ihn kenne, suchte er bestimmt keine Unterweisung im Tanz. Würden Sie mir die Ehre erweisen, von Ihrem Zusammentreffen zu erzählen,?"
„Ja, also..." Wo sollte sie jetzt anfangen?
„Genaugenommen war es ein Eisklumpen im Park..."
Die blauen Augen zwinkerten wissend. „Ah ja, ein Eisklumpen."
„Verdammt, Albus, tu nicht so, als wärst du persönlich für die Existenz dieses speziellen Eisklumpens an genau dieser Stelle in diesem Park verantwortlich."
Severus' Stimme triefte vor ungehaltenem Sarkasmus.
„As a portrait you have no influence whatsoever. Neither inside Hogwarts nor outside. And certainly not in Berlin! I was alone, exiled. For once you were not able to meddle with my life!"
Das Porträt seufzte und lächelte Conny bedauernd und zugleich verschwörerisch zu.
„Er hat sich nicht geändert. Immer noch reizbar und mit scharfer Zunge. Yes, Severus, you are right. Aber ich bin dem Eisklumpen von Herzen dankbar und hätte ihn mir schon viel früher für dich gewünscht."
Severus schnaubte vernehmlich und Conny fand den Mut, dem Porträt zuzulächeln, was dieses mit einer Verbeugung beantwortete. Conny hatte den Eindruck, dass Albus, wäre er in der Lage gewesen, seinen Rahmen zu verlassen, ihr jetzt einen galanten Handkuss verpasst hätte. Ihre Beklommenheit und Scheu legten sich etwas, sie hatte das Gefühl, dass ihr dieser gemalte Albus Dumbledore durchaus sympathisch war.
Die Rückkehr Minervas unterbrach eine weitere Unterhaltung. Sie bat ihre Gäste zu Tisch, auf dem alsbald aus dem Nichts die Vorspeise erschien. Conny war mittlerweile so weit, dass sie sich nur noch schwach wunderte und als Severus ihr erklärte, dass für die Zubereitung des Essens ebenfalls Hauselfen verantwortlich zeichneten, dachte sie im Stillen, dass sie sich direkt für diese kleinen Wesen erwärmen konnte. Die Speisen waren ausgezeichnet, Minerva war sorgsam darauf bedacht, dass Conny sich nicht ausgeschlossen fühlte, wenn Severus und sie über Schulinterna oder alte Zeiten sprachen. Albus konnte zwar am Essen nicht teilnehmen, aber das hinderte ihn nicht daran, sich lebhaft und zweisprachig in die Konversation einzumischen. So war es lange nach Mitternacht, als Conny und Severus endlich wieder in ihrem Zimmer eintrafen und Dobby entlassen konnten. Albina hatte die ganze Zeit friedlich geschlafen.
„Das war vielleicht ein Tag!"
Gähnend schlüpfte Conny aus den Schuhen.
Severus verzog schuldbewusst das Gesicht.
„Du warst großartig. Ich glaube, Albus und Minerva haben – wie sagt man? - dich in ihr Herz geschlossen?"
Conny nickte und merkte, wie sie rot wurde.
„ Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich hätte dir mehr über Hogwarts erzählen sollen, aber ich hatte ganz vergessen, wie fremdartig unsere Welt auf Muggel wirken kann."
„Späte Einsichten sind besser als gar keine," gab Conny trocken zurück.
Ihr Mann lachte und zog sie in seine Arme. Er küsste sie zärtlich auf den Mund, dann wanderten seine Lippen weiter an ihrem Hals entlang...
„Severus, nein, nicht hier. Ich kann das nicht – die Bilder..."
Sie entwand sich seiner Umarmung.
„Die Bilder?" fragte er erstaunt.
„Sie sehen zu!"
„Na und?"
„Mich stört das!"
Er musterte sie mit erhobener Augenbraue und ergriff dann ihre Hand.
„Komm."
Sanft aber bestimmt zog er sie zum Bett und löste die Vorhänge aus ihren Halterungen.
Mit energischem Ruck zog er sie ringsum zu. Gleich darauf erhellte sich die Dunkelheit durch einen warmen Schimmer seines Zauberstabs.
„Besser?"
Seine schwarzen Augen funkelten.
Conny nickte und plötzlich war ihr ganzer Körper erfüllt von einem riesigen Verlangen nach ihm. Sie waren hier, in diesem grüngoldenen Kokon, sicher abgeschirmt von der Welt da draußen und sie wollte nichts weiter als sich an seinem Körper festhalten, seine Lippen auf den ihren fühlen, seine Hände auf ihrer Haut. Ein Schauer ließ sie erbeben und mit einem sehnsuchtsvollen Stöhnen zog sie ihn zu sich heran, ließ sich fallen in seine Zärtlichkeit, die Eindrücke und Anstrengungen des Tages vergessend, erfüllt von dem Glück ihres Zusammenseins.
Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot
