Kapitel 14
Darcy hatte genug. Genug von Hertfordshire, genug von einem leeren Netherfield, genug von den Bennets. Er war äußerst ruhelos und obwohl die Stadt für ihn auch nichts Interessantes bereithielt, wäre er fast abgereist, um bis zur Hochzeit dort zu bleiben. Zumindest könnte er dann Georgiana treffen und müsste seine zukünftige Familie nicht sehen. Aber Elizabeth zu verlassen schien unmöglich. Er spürte – er war fast sicher, dass ihre Zuneigung für ihn seit ihrer Verlobung gewachsen war, obwohl er nicht sagen konnte in welchem Ausmaß, und er fühlte, dass ihn die Nähe ihres Hochzeitstermins, den er selbst vorangetrieben hatte, drängte, bei ihr zu bleiben und zu versuchen, sie zu gewinnen bevor – bevor was? Bevor es zu spät war? Es war schon zu spät. Sie waren beide verpflichtet, in Fesseln, die kaum einfacher zu lösen waren als eine Ehe. Dann also vor der Intimität der Ehe. Vor den heiligen Gelöbnissen. Er wollte Liebe in ihren Augen sehen, wenn sie sie nachsprach. Und um das zu erreichen, musste er mit ihr zusammen sein.
Es gab einen weiteren Grund, warum Darcy nicht fern von Elizabeth bleiben konnte. Ihre Gesellschaft beruhigte ihn. In Gegenwart ihrer Augen und ihres Lächelns konnte er alles vergessen. Er wusste, wenn er sie verließe, würde er nichts anderes tun als grübeln – über seine Familie, über ihre Familie und vor allem über sie, über ihr Herz – dieses begehrenswerteste, geheimnisvollste, am schwersten fassbare Organ. Er war am Anfang so zuversichtlich, so sicher gewesen, dass es nur an seiner Reserviertheit lag und dem Fehlen einer angemessenen Brautwerbung. Sie hatte gedacht, er sei ihr gesellschaftlich überlegen, war gar nicht auf die Idee gekommen ihn zu lieben, aber jetzt, da sie Bescheid wusste, jetzt, da er einen festen Platz neben ihr einnahm als Verehrer und Liebhaber und Ehemann – jetzt würde ihre Zuneigung so wie seine werden. Aber nun war er nicht mehr so sicher; er beobachtete sie mit immer ängstlicheren Gefühlen, Gefühlen, die nur sie beschwichtigen konnte. Jedes Mal, wenn er mit ihr sprach oder mit ihr ging, jedes Mal, wenn er sie berührte, ihre Wange streichelte oder die Hand küsste und sich gerade noch zurückhielt, auch ihre Lippen zu küssen, wurde er an das erinnert, was zählte: sie war real. Sie war real und sie war sein. Zumindest sagte er sich, dass das alles war, was zählte.
Also, nein, Darcy konnte Elizabeth nicht verlassen. Er konnte auf das Vergnügen an ihr nicht verzichten, nicht für alles in der Welt, und er würde nicht nach London gehen, nur um dazusitzen und sich nach ihr zu sehnen. Die Bennets und ihre Freunde konnten ihm alle gestohlen bleiben, aber er würde eher wahnsinnig, als dass er zulassen würde, dass sie ihn von der Frau fern hielten, die er liebte.
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Die Familie war noch beim Frühstück, als er am Freitagmorgen in Longbourn ankam. Sie gaben ein ziemlich hübsches häusliches Bild ab, wäre er geneigt gewesen, dies zu schätzen. An einem Ende des Tisches saß Mr. Bennet und las die Zeitung vom Vortag. Drei seiner Töchter lasen ebenfalls, während sie ihren Toast mampften und ihren Tee tranken – Mary ein Buch, Jane und Elizabeth Briefe. Kitty und Lydia flüsterten einander leise zu, Lydia hatte gerade kurzzeitig vergessen wütend zu sein. Am anderen Ende führte Mrs. Bennet den Vorsitz über alle mit ihrer frischen weißen Haube (*). Sie strahlte, als sie den jungen Mann sah, der den Eingang so ziemlich ausfüllte. „Na, Mr. Darcy! Wie nett von Ihnen, sich uns heute so früh anzuschließen. Sehen Sie, hier ist ein freier Platz neben Elizabeth, und John wird Ihnen eine Tasse Kaffee eingießen." Sie deutete auf den Diener.
„Nein! – Danke", sagte er ziemlich eilig. Dann fügte er noch ein verspätetes „Guten Morgen!" hinzu. Er blieb, wo er war, als ob er nicht bereit sei ins Zimmer zu treten. „Miss Elizabeth?"
„Hmm?" antwortete Elizabeth. Sie schaute auf und schenkte ihm ein abwesendes Lächeln. „Oh, guten Morgen!" Ihre Augen kehrten wieder zu der Seite zurück. Sie war mitten in einer besonders amüsanten Anekdote, die ihre Tante über einen ihrer jungen Cousins geschrieben hatte.
Darcy wartete kurz. „Elizabeth?" wiederholte er dann.
Sie riss ihre Augen von der Seite los und schaute wieder auf. Als sie seinen unmissverständlichen Blick auffing, schaute sie zurück auf ihren halb gelesenen Brief, dann auf ihre halb getrunkene Tasse Tee. Mit einem leichten Achselzucken faltete sie den Brief zusammen, steckte ihn weg und stand dann auf. „Wir werden in der kleinen Stube sein, nehme ich an, Ma'am."
„Lizzy", sagte Kitty, „Du hast versprochen, du würdest mir den neuen Stickstich zeigen, den dir Charlotte beigebracht hat."
„Ja, das werde ich. Später."
Kittys stets ausdrucksvolles Gesicht gab zu erkennen, dass sie den Stich vielleicht überhaupt nicht lernen würde, wenn sie warten müsste, bis Mr. Darcy sie verließ. Elizabeth schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln, bevor sie mit Darcy hinausging.
Sie gingen tatsächlich in die kleine Stube und setzten sich in die Ecke. „Ich bemerkte, dass Sie gerade einen Brief lasen. Wollen Sie ihn fertig lesen?"
Sie warf ihm einen ziemlich verwirrten Blick zu. „Nein", sagte sie nach einem Moment trocken. „Ich habe ihn jetzt weggesteckt. Das kann warten."
Er schien damit zufrieden. „Ich habe eine Neuigkeit für Sie."
„Das klingt ja recht geheimnisvoll. Bitte erzählen Sie sie mir augenblicklich."
„Mr. Bingley kommt nach Netherfield zurück."
Elizabeth hatte gerade eine Handarbeit aufgenommen, erstarrte aber. „Er kommt zurück?"
„Ja. Gerade heute Morgen erhielt ich einen Brief von ihm. Ich denke, er kann jeden Tag eintreffen, so wie ich ihn kenne. Es war nur allzu wahr, als er sagte, dass er alles, was er tut, in Eile tut."
„Und Sie haben nichts einzuwenden?"
Er hob die Augenbrauen. „Nein, warum sollte ich?" Sie antwortete nicht. „Ich werde froh sein, ihn zu sehen", fuhr er nach einer Weile fort. „Ich finde es langweilig, allein in Netherfield zu leben."
„Ja bestimmt."
„Ich freue mich darauf, Elizabeth, bald nie mehr allein leben zu müssen."
Sie lächelte schwach. „Und Mr. Bingley? Wird er es müde, allein zu leben?"
„Er lebt nicht allein", war seine Antwort. „Da er sein Vermögen erst noch dazu verwenden muss, in irgendeiner Gegend ein Haus zu kaufen, lebt er entweder mit mir, den Hursts oder einem anderen Freund oder Familienmitglied."
Er wich ihr aus, wie er ihr immer auswich, wenn Mr. Bingley zum Thema der Unterhaltung wurde. Momentan überwog die Empörung über das gebrochene Herz ihrer Schwester jedes andere Gefühl und sie musste sich auf die Lippe beißen, um sich davon abzuhalten, ihn zu schelten, jetzt, da es keinen Zweck mehr hätte.
Jane kam ins Zimmer und Elizabeth, die bestrebt war, ihr diese Neuigkeit kund zu tun, bevor sie allgemein bekannt wurde, nutzte die Chance. „Sir, ich möchte gern kurz mit meiner Schwester sprechen. Erlauben Sie?" Obwohl er überrascht aussah, stimmte er zu und sie ging hinüber und zog Jane auf eine Bank in der Fensternische auf der anderen Zimmerseite.
„Liebste", sagte sie leise zu ihr, „Du musst dich auf etwas gefasst machen. Mr. Darcy hat mir gerade erzählt, dass Mr. Bingley zurückkommen will und zwar schon bald."
Jane wurde zwar ein wenig blass, lächelte aber. „Natürlich, er kommt, um seinem Freund beizustehen. Ich bin durchaus nicht überrascht."
„Er wird sicher seine Bekanntschaft mit uns erneuern."
„Ja, er wird es sicher nicht an Höflichkeit fehlen lassen, vor allem deinetwegen, Lizzy."
Lizzy hatte eher das Gefühl, dass Mr. Bingley hauptsächlich wegen Jane kommen würde, aber andererseits, was konnte sie sagen? Sie hatte ihre Schwester im Herbst so zuversichtlich gedrängt, seine Rückkehr und sein Vorsprechen zu erwarten, und konnte eigentlich nur das Gefühl haben, dass sie dadurch ihre spätere Enttäuschung vielleicht vergrößert hatte. Sie würde denselben Fehler nicht noch einmal begehen. Stattdessen sagte sie, „ich hoffe, du wirst dich von der Aufregung unserer Mutter nicht erschüttern lassen."
„Wie könnte ich darüber erschüttert sein, dass sie mich liebt? Sie will nur das Beste für uns alle. Außerdem hat sie jetzt deine Verlobung als Trost, also wird Mr. Bingley vergleichsweise weniger wichtig erscheinen."
„Ja, denn schließlich", flüsterte Elizabeth sarkastisch mit einem Blick auf Darcy, „ist sein Einkommen nur halb so groß wie Mr. Darcys!"
„Dabei ist Mr. Darcys Haus so viel weiter weg! Wie sollen wir es ertragen, wenn du bis nach Derbyshire wegziehst?"
„Ich glaube, Mutter wird es sehr gut ertragen, da es nur um mich geht. Wenn du es wärst, die Mr. Darcy zu entführen beabsichtigte, wäre sie bekümmert, aber sie wird weitaus mehr Vergnügen daran haben, von Mrs. Darcy zu reden, als sie jemals daran hatte, mit Lizzy zu sprechen."
„Ich bin sicher, du irrst dich", sagte Jane, weit mehr um Elisabeth besorgt als Elizabeth um sich selbst. „Sie wird dich vermissen, da bin ich mir sicher. Und unser Vater und ich werden kaum wissen, wie wir hier ohne dich zurechtkommen sollen. Obwohl ich alle aus unsere Familie liebe, klingt Longbourn ohne Lizzy für mich nach einem sehr verlassenen Ort."
Die beiden Schwestern schlangen ihre Arme umeinander und drückten ihre hellen Wangen aneinander. „Du und Papa müsst beide in der Gesellschaft des anderen Trost finden, Jane. Du musst dich zu ihm setzen und mit ihm reden und ihm etwas von der vernünftigen Unterhaltung bieten, nach der er sich sehnt. Er mag so tun, als ob er keine Gesellschaft oder Kameradschaft braucht, aber das ist nicht wirklich wahr."
„Ich weiß, dass ich dich in seiner Zuneigung nie ersetzen könnte, aber ich werde es versuchen."
„Zweifele nicht am Glück, meine Liebe. Ich bin überzeugt, du wirst es früh genug finden."
„Ich wünsche nur, dass du glücklich bist."
„Oh, ich!" Sie lachte kurz. „Du kennst mich, ich bin immer glücklich, aus dem einen oder anderen Grund. Ich darf wohl sagen, dass Mr. Darcy und ich sehr gut zusammenpassen werden – eigentlich steigt er von Tag zu Tag ziemlich in meiner Wertschätzung."
„Das freut mich sehr! Ich könnte es nicht ertragen, dich mit einem Mann verheiratet zu glauben, den du nicht schätzt."
„Nun, ich schätze ihn wirklich. Ich verstehe ihn nicht immer und er wird nicht der einfachste Ehemann sein, aber ich bin sicher, ich werde nichts vermissen, solange ich in seiner Obhut bin, und ebenso sicher, dass – warum auch immer – seine Zuneigung für mich nicht so schnell schwächer werden wird." Sie lehnte sich zurück und nahm das Gesicht ihrer Schwester in ihre Hände. „Was Mr. Bingley betrifft – wird es dir wirklich gut gehen?"
Jane nickte. „Ich habe mich völlig damit abgefunden, das verspreche ich dir. Es wird anfangs vielleicht nicht einfach sein, ihn wieder zu treffen, aber ich werde mich schnell daran gewöhnen. Und da ich sicher bin, dass er für mich nie mehr als normale Freundschaft empfunden hat, braucht überhaupt keine Verlegenheit aufzukommen."
Wieder einmal war Elizabeth in Gedanken nicht einverstanden, beschloss aber nur, dass sie Mr. Bingley, wenn der Tag kam, sorgfältig auf Anzeichen seiner Gefühle beobachten würde, und sie würde ihren Verlobten genauso sorgfältig beobachten und energisch jeden Versuch abfangen, den er machte, den beiden dazwischenzukommen. Wenn nötig, würde sie jede weibliche List nutzen, über die sie verfügte.
Darcy hatte diesen Austausch mit Interesse verfolgt, obwohl er weder alle ihre Gesichtsausdrücke sehen, noch ihre Worte verstehen konnte. Als Elisabeth wieder an seine Seite zurückkehrte, schaute er sie fragend an. Zuerst zögerte sie; dann schaute sie direkt in seine Augen und sagte, „Ich erzählte ihr von Mr. Bingleys Rückkehr. Ich dachte, sie verdient es Bescheid zu wissen, und zwar gleich."
Er zog beide Augenbrauen hoch und rutschte auf seinem Stuhl herum. Elizabeth setzte sich, nahm ihre Stickerei und wandte sich ihm mit entschlossener Fröhlichkeit zu. „Haben Sie heute Morgen zufällig auch noch einen Brief von Miss Darcy erhalten?"
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Am Tag danach sah man die Schwestern nach Meryton gehen, um Mrs. Phillips zu besuchen. Darcy begleitete sie natürlich nicht. Elizabeth hatte weder gewagt, ihn einzuladen, noch hätte sie ihn wirklich dabei haben wollen, weil sie sich die demütigenden Szenen, die sich vielleicht bieten würden, nur allzu gut vorstellen konnte.
Mrs. Phillips Haus war ein geschäftiger Ort. Ihre großzügigen Imbisse und ihre lockere Art hatten es zu einem Lieblingsort der Offiziere werden lassen, vor allem, wenn ihre hübschen Nichten zu Besuch kamen. Dementsprechend sprangen mehrere rot gekleidete Herren auf, als die Damen eintraten. Lizzy wusste nicht, ob sie erfreut oder betrübt sein sollte, dass Wickham unter ihnen war. Es waren jetzt nur noch wenige Tage, bis das Regiment nach Brighton abzog, daher war es diesmal sicher das letzte Mal, dass sie ihn sah.
Während Lydia und Kitty zu den Männern eilten, voller Wehklagen über ihr Weggehen, wurde Elizabeths Aufmerksamkeit von ihrer Tante beansprucht. „Meine liebe Lizzy", sagte sie, „wo ist dein Mr. Darcy heute? Warum hast du ihn nicht mitgebracht?"
„Ich glaube, er wird von Geschäften festgehalten, Ma'am", antwortete sie. Er musste doch bestimmt irgendwelche Geschäfte zu erledigen haben.
„Bitte sag ihm, dass er jederzeit willkommen ist. Du kannst ihm versichern, dass er hier nur die beste Behandlung erfährt; nichts knausriges, auch wenn unsere Räume nicht so groß sind."
„Ich bin sicher, dass er das weiß, Tante."
„Ich plane eine kleine Spielkarten-Party, bevor das Regiment abzieht, nur um sie zu verabschieden, du weißt schon – alle die lieben Offiziere! Wir haben sie in diesen Monaten so gern gehabt, ich muss wahrscheinlich wie Lydia über ihr Gehen heulen – und wenn einige der jungen Leute tanzen wollen, werde ich sie sicherlich nicht daran hindern. Glaubst du, dass Mr. Darcy kommen würde, wenn ich ihm eine Einladung schicke?"
„Ich kann es nicht übernehmen, für ihn zu sprechen", sagte sie ausweichend, wobei sie unbehaglich an Mr. Wickham dachte.
„Du meinst nicht, dass er beleidigt ist, weil ich ihn nicht in mein Haus eingeladen habe, als er zuletzt in der Gegend war? Ich habe nicht geglaubt, dass er gerne kommen würde, und natürlich habe ich nie gedacht, dass er eines Tages mein Neffe sein würde!"
„Ich auch nicht, Ma'am."
Glücklicherweise wurde die Gastgeberin dann weg gerufen; Elizabeth wünschte von Herzen, dass Darcy einen Weg finden würde, eine solche Einladung abzulehnen, und fühlte sich zugleich verärgert über die Möglichkeit, dass er es tun würde. Sie hatte die Trostlosigkeit des Kartenspiels im Haus seiner Tante ertragen; warum konnte er bei ihrer nicht das gleiche tun? Aber einen ganzen Abend lang Zeuge seiner Verachtung zu sein, war das, was sie sich am wenigsten wünschte. Sie blickte sich um und sah, dass Mr. Wickham nicht weit entfernt stand und sie beobachtete. Er schaute sie so entwaffnend mit einem zaghaften Lächeln an, das um Erlaubnis zu betteln schien, sich zu nähern, dass sie es sich nicht verkneifen konnte, zurückzulächeln. Ermutigt kam er näher.
„Sie sind die Güte selbst, um mich noch öffentlich zu kennen", sagte er.
„Warum sollte ich das nicht?"
„Na ja ... Sie wissen schon." Er schaute bedeutungsvoll. „Haben Sie keine Angst, dass Darcy Bescheid gesagt wird, dass man Sie gesehen hat, wie Sie mir mit sprachen?"
Sie hob eine Augenbraue. „Sollte ich das?"
Er lachte. „Nicht meinetwegen, das versichere ich Ihnen. Ich kann nicht mehr von ihm verletzt werden. Nur Ihretwegen bin ich besorgt. Er würde nicht erfreut sein, wenn er es wüsste."
„Lassen Sie uns von etwas anderem sprechen", schlug sie vor. „Beispielsweise, wie entzückend Sie Brighton im Sommer finden werden."
„Oh, aber ich weiß nicht, ob ich es entzückend finden werde. Vielleicht nicht."
„Ich bin sicher, dass jeder Herr mit Ihren Talenten eine Menge finden wird, um sich zu amüsieren." Sie war sich der Spitzen in ihren eigenen Worten gar nicht bewusst, bis sie heraus waren.
Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Ich kann nur hoffen, dass es so sein möge. Ich hoffe doch, dass ich Sie nicht beleidigt habe. Ich muss Ihnen wie ein großer Narr erschienen sein, als ich so von Miss de Bourgh und ihrer zukünftigen Ehe sprach."
„Nein, lediglich uninformiert."
„Doch wie konnte ich die Wahrheit erraten? Um die Wahrheit zu sagen, meine liebe Miss Elizabeth, ich glaube, ich habe Sie immer unterschätzt."
„Oh?"
„Es ist ein Vergnügen, in diesem Fall Unrecht gehabt zu haben. Wenn wir uns jemals wieder treffen, werden wir vielleicht herausfinden, dass wir mehr gemeinsam haben als je zuvor."
„Ich verstehe Sie nicht." Sie wurde jetzt allmählich ein wenig ablehnend.
Wieder der abschätzende Blick. „Es ist nichts. Ich spreche nur meine Gedanken laut aus, fürchte ich. Aber nicht um alles in der Welt möchte ich Ihnen Kummer machen. Darf ich sagen, dass Sie jedes erdenkliche Glück verdienen?"
„Das ist sehr freundlich von Ihnen."
„Nein, überhaupt nicht. Es ist nur die Wahrheit. Ich hoffe, dass Darcy Sie glücklich machen kann und Sie ihn zu einem besseren Menschen machen können."
„Ich glaube, ich habe Ihnen schon mal gesagt, dass ich nicht mit Ihnen über meine Verlobung diskutieren würde, Mr. Wickham."
„Ja, natürlich. Sie haben ganz recht." Damit wechselte er sofort das Thema. Aber er wich nicht von ihrer Seite und blieb tatsächlich während des ganzen Besuches mit einer Deutlichkeit in ihrer Nähe, die ihr nicht gefallen konnte. Sie konnte sich nicht vorstellen, was mit ihm los war. Was konnte er dadurch zu gewinnen hoffen? Es schien unwahrscheinlich, dass ihn lediglich echte Zuneigung dazu motivierte; die Leichtigkeit, mit der er sie zugunsten Miss King verlassen hatte, sprach dagegen. Es kam ihr in den Sinn sich zu fragen, ob er ihr nachtrauerte, jetzt da ihre Hand einem anderen zuteil geworden war, aber sie konnte es nicht wirklich glauben.
Voller Unbehagen über Mr. Wickhams Betragen und Sorge wegen der bevorstehenden Kartenspiel-Party verließ sie Mrs. Phillips Haus in eher aufgewühlter Stimmung. Lydia und Kitty hatten sich entschlossen, noch dazubleiben, aber bevor sie sich trennten, zischelte Lydia ihr laut zu: „Ich muss sagen, ich finde es sehr schön von Wickham, dir zu verzeihen, nachdem du ihm Mr. Darcy vorgezogen hast."
Mit dunkelroten Wangen zischte sie zurück, „Lydia! Da gab es keine Wahl!"
„Na, ich würde einen Freund nicht im Stich lassen, egal, wie viele reiche Männer mir einen Antrag machten!"
Vielleicht hätten die Worte Elizabeth weniger genervt, wenn sie nicht in einem Teil ihres Herzens gefühlt hätte, dass sie genau dies getan hatte. Sie war sehr verräterisch in ihrer Zuneigung gewesen, oder nicht? Sie hatte Wickham geglaubt und sich mit ihm angefreundet, als es ihr passte, und sich dann von ihm abgewandt, als ihr – sie zuckte bei dem Ausdruck zusammen – ein besseres Angebot unterbreitet worden war. Darcys leidenschaftliche Liebeserklärung hatte ihr überraschende, unerwartete Aussichten eröffnet, etablierte Vorstellungen weggefegt und bewiesen, wie trügerisch ihre Meinungen wirklich waren. Sie erinnerte sich an die Ermahnung ihrer Tante – „ein reicher und gutaussehender Mann kränkt Dich: er ist unangenehm und ehrlos. Jetzt bewundert er dich und plötzlich wird er nicht nur angenehm, sondern auch wieder ehrenwert?" Sie hatte die Richtigkeit auch damals empfunden, sich aber geweigert, darüber nachzudenken. Sie hatte sich überfordert gefühlt durch die schiere Anzahl von Faktoren, die bei einer solchen Entscheidung zu berücksichtigen waren, durch das Kompliment der Zuneigung dieses Mannes, durch die Faszination der Sicherheit, die er ihr bot, durch die Ansprüche von Mutter und Schwestern. Die zu diesem Zeitpunkt unbekannte Art seines Temperaments – die Ungewissheit über seine Ehrenhaftigkeit – die Problematik ihrer gesamten bisherigen Bekanntschaft – das alles war der blendenden Vision ihrer selbst als Inspiratorin seiner Leidenschaft und Restauratorin von Janes Glück verfallen und untergeordnet worden.
Zumindest empfand Lizzy so, während sie an diesem Nachmittag nach Hause ging.
Es war nicht so, dass sie weiterhin besonders warme Gefühle für Wickham hatte. Jede Begegnung mit ihm wurde ihr unangenehmer und sie konnte nur dankbar sein, dass er die Gegend bald verlassen würde, während Darcy, wie sie Jane erzählt hatte, ständig in ihrer Wertschätzung stieg. Aber es waren die Motive für ihre ursprüngliche Entscheidung, die sie durcheinander brachten; war sie durch Eitelkeit dazu verleitet worden, einen Mann zu wählen, den sie sonst nie gewählt hätte? Hatte sie ihre wichtigsten Grundsätze aufgegeben und die Ehre eines Freundes unverteidigt gelassen für den Nervenkitzel der Eroberung, wenn er die Form der Eroberung des Herzens eines reichen, gutaussehenden, gefragten Mannes annahm? Sie konnte in ihren geheimsten Gedanken den kleinen Nervenkitzel nicht leugnen, den es ihr bereitete, ihn anzuschauen und sich der Macht bewusst zu sein, die sie über ihn hatte. Sogar jetzt konnte sie den dadurch verursachten Wirbel von Wärme in ihrem Inneren nicht stoppen, zusammen mit der ihn begleitenden Beklemmung, wenn sich ihre Gedanken schuldbewusst zu Wickham zurück wandten. Wickham und die liebe Jane, denen von diesem Mann Unrecht getan worden war, den sie zu heiraten versprochen hatte. Nicht, dass sie sich so sicher war, wie sehr Wickham Unrecht getan worden war, aber es konnte doch keine völlige Erfindung von seiner Seite gewesen sein – oder? Und Darcys eigener Cousin hatte ihr von seiner Einmischung bei Mr. Bingleys Werbung um Jane erzählt. Aber Mr. Bingley kehrte gerade nach Netherfield zurück und alles würde gut werden. Ich werde das wiedergutmachen, erinnerte sie sich. Das war einer ihrer Gründe zu heiraten – eine ihrer Rechtfertigungen, ihre Einwände hintanzustellen, damit sie durch ihren Einfluss alles wieder in Ordnung bringen konnte, was an Unrecht begangen worden war. Wirklich, Sympathie allein hatte keinerlei Nutzen für Mr. Wickham. Wie konnte sie ihm durch die Heirat mit Darcy schaden? Überhaupt nicht, wirklich, und sie könnte sogar in der Lage sein, ihm zu helfen, wenn er Hilfe verdiente.
Mrs. Darcy, dachte sie. Ich werde Mrs. Darcy sein. Eigentlich wollte sie hysterisch lachen bei der Vorstellung, denselben Namen zu tragen, den sie vor wenigen Wochen so stolz verachtet hatte. Dann wollte sie auf einmal weinen, und das Ergebnis war, dass sie Kopfschmerzen bekam.
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Während Elizabeth Mr. Wickhams Aufmerksamkeiten ertrug, hatte Darcy mit der Post etwas erhalten, das weder geschäftlich noch von seiner Schwester war. Sie schrieb ihm oft, ihre Briefe waren in diesen Tagen voller Hoffnungen und Pläne für die Zeit nach seiner Heirat und voller ängstlicher Fragen zu Elizabeths Vorlieben. Er wusste, dass sie und Elizabeth ein bisschen korrespondiert hatten, nahm aber an, dass sie selbst auf dem Papier zu zurückhaltend war, um viele Fragen direkt zu stellen. Er antwortete ihr immer, so gut er konnte, wobei er zeitweise sogar so weit ging, ihre Briefe mitzubringen, damit Elizabeth die Erkundigungen selbst lesen konnte. Sie lachte dann und sagte ihm alles, was seine Schwester wissen wollte; als er darauf hinwies, dass sie doch besser direkt an Georgiana selbst schreiben sollte, behauptete sie, dass es dem armen Mädchen peinlich wäre, zu wissen, dass ihre Briefe von einer anderen gelesen worden waren; und da sie an ihn geschrieben hatte, musste er derjenige sein, der sie beantwortete. Darcy störte es in Wirklichkeit gar nicht, er speicherte eine Fülle kleiner Einzelheiten über Geschmacksrichtungen und Meinungen seiner Braut und plante im Geheimen die Geschenke, die er ihr kaufen könnte, wenn sie zusammen in die Stadt zurückgekehrt wären. Seit dem Vorfall mit den Kämmen hatte er kein weiteres Geschenk gewagt, aber wenn sie erst einmal verheiratet waren, meinte er so viel Geld für sie ausgeben zu können, wie es ihm gefiel, ohne dass sie Einspruch erheben könnte.
An diesem Morgen war der elegante Umschlag aus schwerem Papier mit kunstvollem Siegel jedoch nicht von Miss Darcy, sondern von seinem Onkel, dem Earl. Darcy hatte einen Brief von ihm erwartet – natürlich eine Erwiderung auf die Ankündigung seiner Verlobung. Während er jetzt auf das ungeöffnete Rechteck hinab blickte, fragte er sich, was er darin finden würde und was es für ihn bedeutete. Er hatte kein Verlangen nach der Missbilligung seiner Familie, fand aber auch nicht, dass es ihn besonders kümmerte. Elizabeth bedeutete ihm mehr als sie; so einfach war das. Er spreizte den Bogen auf.
Nun, Neffe, Du hast mir anscheinend nicht viel zu sagen übrig gelassen. Ich weiß, dass Du Dein eigener Herr bist und meine Erlaubnis zu heiraten nicht benötigst, aber ich muss zugeben, dass ich enttäuscht bin, dass Du uns keine weitere Mitteilung als diese geschickt und auch in keinster Weise nach unserer Meinung gefragt hast. Ich kann nur vermuten, dass Du es so gemacht hast, weil Du wusstest, wir würden Deine Wahl missbilligen.
Mein jüngerer Sohn hat Loblieder auf Deine Braut gesungen und ich kenne Dich zu gut um anzunehmen, dass Du eine Frau wählen würdest, bei der nicht eine Menge für sie spricht, was immer meine Schwester sagen mag. Ich habe nichts gegen Miss Bennet, aber ich kann ihre Stellung nicht gutheißen. Ich hoffe, Du hast nicht vor, uns mit ihrer Verwandtschaft zur Last zu fallen; Du tätest gut daran, ihr zu raten ihnen fernzubleiben, wenn sie kann.
Auf Wunsch Deiner Tante soll ich Dir ausrichten, dass sie bereit ist, Dir zuliebe einen Ball zu Ehren Deiner Frau zu veranstalten, wenn der Herbst kommt. Wenn Du ihr erlaubst, ihre Kleidung auszusuchen, könnte sie vielleicht sogar bereit sein, Dir zu vergeben. (**) Wir beabsichtigen, unser Bestes für sie zu tun und dafür zu sorgen, dass weder Dein Name noch der unsere dadurch leidet, dass Du unter Deinem Stand gewählt hast.
Aber genug davon. Ich werde Dir keine weiteren Vorwürfe machen. Was immer Du vielleicht denkst, wir wünschen Dir beide aufrichtig Glück und können nur beten, dass diese Ehe es Dir bescheren wird. Wir erwarten Euch beide im August in Matlock; schreib, wenn Du Dich für einen Tag entschieden hast.
Mit besten Grüßen …
Darcy hörte beim Namenszug auf zu lesen und starrte nachdenklich zur Seite. Der Ton war kalt, andererseits war sein Onkel kein besonders warmer Mensch. Er merkte, dass dieser mehr gekränkt war, als er zugeben wollte, und das tat ihm leid, aber er würde sich nicht weiter entschuldigen. Was Elizabeths Fernhalten von ihren Verwandten betraf, hatte er bereits versprochen, es nicht von ihr zu verlangen. Und er erkannte, dass er es auch nicht wünschte. Die Gardiners waren, unabhängig von ihrer Stellung, ein besserer Umgang und schätzenswertere Menschen als die meisten Mitglieder der vornehmen Gesellschaft. Die Bennets ... na ja, die Bennets würden sicher in Hertfordshire sein, dank Mr. Bennets Abneigung gegen das Stadtleben. Er wusste, er konnte auf Elizabeth zählen, deren Auftreten in der Londoner Gesellschaft zu begrenzen und zu steuern. Sie hatte Geschmack und Taktgefühl und er hatte sie zu oft bei deren Ungebührlichkeiten erröten sehen, um zu glauben, sie wünsche ihre ständige Anwesenheit.
Er las den Brief noch einmal und verweilte mit einem Stirnrunzeln beim letzten Satz. Diese Aufforderung, nach Matlock zu kommen, nun ... er kränkte seinen Onkel und seine Tante nur sehr ungern schon gleich wieder, aber das konnte man nicht so stehen lassen. Er beabsichtigte, den August im Lake District zu verbringen, und nicht einmal die hochwohlgeborensten Verwandten der Welt konnten ihn davon überzeugen, seine Hochzeitsreise zu verkürzen. Er würde einfach schreiben und um einen späteren Zeitpunkt für den Besuch bitten. Als er Elizabeth seinen Antrag gemacht hatte, hatte er eine Entscheidung getroffen – eine bewusste, aber zu diesem Zeitpunkt schmerzhafte Entscheidung – seine persönlichen Neigungen vor sein Pflichtgefühl zu stellen. Pflicht betraf damals seinen Namen und seine Familie und die ihm obliegende Verpflichtung, deren Bedeutung zu steigern und deren Stellung in der Gesellschaft zu verbessern. In den letzten Wochen, die so flüchtig und doch so lange gewesen waren, hatte die Pflicht irgendwie ein anderes Gesicht angenommen. Elizabeth. Was er jetzt ihr schuldete, stand über dem, was er irgendeinem anderen schuldete – sogar über seiner Verpflichtung gegenüber Georgiana. Irgendwie hatten sich Pflicht und Neigung angeglichen.
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Als er an diesem Nachmittag in Longbourn ankam, wurde er mit der Nachricht begrüßt, dass sich Elizabeth oben mit Kopfschmerzen hingelegt hätte. Er blickte Jane an. „Ist sie krank?"
„Nein, es wird ihr bald besser gehen", antwortete sie ruhig.
„Ist Ihre Schwester anfällig für Kopfschmerzen?" fragte er und erinnerte sich vage, dass sie zuvor schon einmal Kopfschmerzen gehabt hatte ... ja, es war am Abend seines Antrags, obwohl es ihr anscheinend schon besser gegangen war, als er ankam.
„Nicht sehr oft, aber sie können auftreten ..." Sie verstummte, schien sich bezüglich dessen, was sie hatte sagen wollen, eines Besseren zu besinnen, und beugte sich über ihre Stickerei.
„Wann können sie auftreten?" fragte er sie. „Sie müssen zugeben, dass es eine nützliche Information für mich sein wird, Miss Bennet."
Sie lächelte. „Lizzy bekommt gelegentlich Kopfschmerzen, wenn sie überreizt ist."
„Überreizt?" wiederholte er.
„Es kommt nicht sehr oft vor", versicherte sie ihm.
„Warum war sie überreizt?" Er blickte mit Sorge und Unbehagen in Richtung Treppe.
Jane seufzte. Elizabeth hatte ihr nichts anvertraut. „Ich weiß es nicht. Aber Sie werden sehen, es wird nicht lange dauern. Lizzy kann nie lange niedergeschlagen bleiben, sie lacht es aus sich heraus, wie sie immer sagt."
Er lächelte, sah aber weiterhin besorgt aus. „Ist im Haus Ihrer Tante etwas geschehen, was sie aufgeregt hat?"
„Ich glaube nicht." Sie spürte, es wäre unklug, Mr. Wickham zu erwähnen, und sie konnte sich auch nicht sicher sein, dass er die Quelle von Elisabeths Kummer war. „Ich bin sicher, Mr. Darcy", sagte sie sanft, „dass es nichts Ernstes war. Vielleicht waren der Spaziergang nach und von Meryton zusammen mit einigen Emotionen wegen der Hochzeit die ganze Ursache."
Darcy konnte es wohl kaum für wahrscheinlich halten, dass ausgerechnet ein Spaziergang bei seiner Elizabeth zu Unwohlsein führen würde. Es verstörte ihn, zu glauben, dass sie Schmerzen hatte, sowie sich vorzustellen, welche Emotionen diese verursacht haben könnten. Emotionen wegen der Hochzeit! Er stand auf und fing an, verwirrt hin und herzulaufen, wobei er das Kommen und Gehen der anderen Familienmitglieder kaum bemerkte. Schließlich hatte Jane Mitleid mit ihm und schlug vor, sie könnte nachschauen, ob Elizabeth fähig war herunterzukommen. Er wollte sie sehr gern beim Wort nehmen, aber im letzten Moment überwog die Rücksicht auf sie seine anderen Sorgen. „Nein", antwortete er, „sie sollte sich ausruhen. Ich werde nach Netherfield zurückreiten, aber zum Dinner zurückkommen. Würden Sie Elizabeth ausrichten, dass ich etwas früher komme, in der Hoffnung mit ihr einen Spaziergang im Garten zu machen?"
„Gewiss", versprach sie. So verließ er sie. Elizabeth kam etwa eine Stunde später herunter und fühlte sich nach einem Nickerchen und etwas ruhigem Nachdenken viel besser. Sie hatte sich ihre Abtrünnigkeit von Wickham wieder einmal erfolgreich verziehen – was wusste sie letztlich wirklich von dieser Angelegenheit? – und hatte sich an all die guten Eigenschaften erinnert, die Darcy seit ihrer Verlobung gezeigt hatte. Sie neigte nicht dazu, sich düstere Katastrophenszenarien auszumalen. Sie wollte glücklich sein, also würde sie es sein.
„Ich glaube, er hat sich ziemlich Sorgen um dich gemacht, meine Liebe", sagte Jane.
Sie schmunzelte. „Das ist gut, meinst du nicht?"
„Ich möchte nicht gerne jemand Anlass dazu geben, sich um mich zu sorgen."
„Aber du bist ein besserer Mensch als ich. Ich finde es sehr erfreulich zu wissen, dass es da draußen einen überaus gutaussehenden jungen Mann gibt, der unter Ängstlichkeit leidet, einfach nur, weil ich Kopfschmerzen hatte. Er zeigt eine Hingabe, wie sie sich für einen Liebhaber geziemt und die ich als ganz vorbildlich erachte."
„Ich glaube, dass die Besorgnis nicht so sehr allein der Tatsache galt, dass du Kopfschmerzen hattest, sondern eher dem, was die Ursache davon gewesen sein könnte", wagte Jane zu sagen.
Das ernüchterte Elizabeths leichtsinnige Stimmung ein wenig. „Es ist jetzt vorbei", sagte sie fest. „Ich fühle mich ganz und gar besser."
Als Darcy wie versprochen wieder erschien, lächelte sie ihn aufmunternd an und sagte das Gleiche. Sie wollte seine Fragen nach der Ursache ihrer Aufregung nicht beantworten und tat Janes Bemerkung, sie sei überreizt gewesen, mit einem Lachen ab. Darcy war mit solchen Antworten wohl kaum zufrieden, aber da es offensichtlich war, dass sie ihm in diesem Fall nichts anvertraute, hatte er keine andere Wahl, als sich mit ihrem Ausweichen abzufinden und ihre gute Stimmung als Beweis dafür zu nehmen, dass alles gut war. Sie war an diesem Abend besonders betörend, nahm ihn sogar in den Musikraum mit und sang für ihn, während er in der Ecke in dem einzelnen Sessel saß, zuhörte und zuschaute. „Schlafen Sie gut", sagte sie am Ende zu ihm, als sie ihm die Hand zum Kuss reichte und ihr Grübchen-Lächeln lächelte. Er ging beruhigt und hoffnungsvoll, wobei er wieder einmal mehr an ihre Augen und weniger an ihr Herz dachte.
(*) Verheiratete Frauen und alte Jungfern trugen damals im Haus eine Haube (cap). Junge Damen benutzten nur außer Haus eine Haube/Schute oder einen Hut (bonnet or hat).
(**) Anmerkung des Übersetzers:
Ich war zunächst überzeugt davon, dass hier von Lady Catherine die Rede ist. Die Autorin hat dazu auf Rückfrage erklärt:
„Mit Tante ist die Gräfin gemeint – die Frau von Darcys Onkel, dem Earl. Was das Aussuchen ihrer Kleidung betrifft, meinte ich die Kleidung, die sie für die Londoner Saison kaufen würde. Obwohl Elizabeth und ihre Eltern ihre Hochzeitsausstattung (wedding clothes) kaufen, wie es der Brauch war, liegt hier die Vorstellung zugrunde, dass Darcy Onkel und Tante nicht darauf vertrauen, dass ein Mädchen vom Lande wissen würde, wie man die richtige Kleidung auswählt, die man in der vornehmen Gesellschaft tragen sollte, auch wenn sie das Geld dafür hätte. Deshalb hätte die Gräfin gerne die Chance, Lizzy zum Einkaufen zu führen und all ihre Kleider für die Saison auszuwählen."
