Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.
Cassie
„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."
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Kapitel 13 – Die Rückkehr nach HogwartsDer Tag vor der Abreise nach Hogwarts wird hell und nach einem ausgiebigen Frühstück bin ich wieder in meinem Zimmer und bereite mich für den Ausflug in die Winkelgasse vor. Denn Draco möchte dorthin gehen, 'um ein paar Sachen zu holen', und Narzissa möchte, dass ich mitkomme. 'Falls dein Lehrer meint, du darfst gehen', fügt sie leise hinzu. Tom musste einsehen, dass es das Beste ist, wenn ich gehe, denn ich möchte einen Ausflug in die Nokturngasse machen, um ein paar Sachen zu holen, und für ihn ist meine magische Entwicklung sehr wichtig. Also habe ich auch Hermine einen Brief geschickt, und ihr vorgeschlagen, dass wir uns im selben Café wie letztens treffen. Und natürlich musste ich beiläufig erwähnen, dass auch Draco dort sein wird. Ich habe nur eine kurze Antwort erhalten, in der Draco nicht erwähnt war.
Mein Schrank ist jetzt voller Kleidung, die Hälfte davon ist schon in meinem Koffer, der offen beim Fenster liegt. Dobby, auch wenn er ein wenig komisch ist, kümmert sich um solche Sachen sehr gut und ist effizient. Ich habe ein paar Stunden damit verbracht, meine Bücher zu streicheln und überlegt, auf welche Weise ich sie alle mitnehmen könnte. Tom aber will kein Risiko eingehen und hat sie wieder aus dem Koffer ausgegraben und sie auf den Schreibtisch gestellt. 'Da gibt es genug davon in der Kammer des Schreckens', hat er gesagt. Was ist, wenn ich keine Chance bekomme, dorthin zu gehen? Was ist, wenn ich mit meinen Studien nicht weitermachen kann?
In den Bart fluchend, ziehe ich meinen Umhang an und schaue mich um. Dieses Zimmer ist im Laufe der Tage zu meinem Heim geworden. Da habe ich meine Bücher, da sind meine Notizen zu dem Ritual der Auferstehung, da ist ein Notizblock voller Anmerkungen von Tom und Kommentaren, die ich wie ein guter Schüler aufgeschrieben habe. Da ist mein Phönixstab und der Basiliskenstab liegt in meinem Stabhalter auf dem Schreibtisch. Glücklicherweise war Tom der Meinung, dass ich ihn zweifelsohne mitnehmen muss, weil ich dazu fähig sein muss, mich zu verteidigen, gegen wen oder was auch immer. Glücklicherweise, denn ohne diesen Stab hätte ich aus dem Fester springen können.
Auf diesem Bett habe ich von Voldemort geträumt. Hier habe ich keine Verfolgungsträume, keine Alpträume gehabt, in denen Onkel Vernon mir nachjagt oder sonst was. Es scheint, dass ihn zu töten doch etwas bewirkt hat. Denn die Erlebnisse aus meiner Kindheit kommen mir nicht mehr so real vor. Es kommt mir eher vor, als wären sie ein Teil von einem schlechten Traum, der jetzt aber vorüber ist. Ich bin aufgewacht und habe den Alptraum hinter mir gelassen. Ich bin frei von den Fesseln des Schlagens und des Misshandelns und ich bin bereit für ein neues Leben.
Hier habe ich jeden Tag gut gegessen, bin danach in die Bibliothek gegangen, habe mich mit Tom unterhalten, mit ihm geübt und bin hundemüde wieder ins Bett gekrabbelt. Hier habe ich gelebt, wie ich noch nie gelebt habe. Und ich bin Narzissa für alles sehr dankbar. Sie wiederum scheint mit allem sehr zufrieden zu sein. Ich habe sie dabei ertappt, wie sie lächelt, wenn sie mich lächeln sieht, wenn ich meinen Teller ausleere oder wenn ich zusammen mit Tom die Trainingshalle verlasse, denn in solchen Augenblicken bin ich müde, aber trotz allem sehr zufrieden.
Es klopft an der Tür und ich höre Dracos Stimme. Der arme Draco. Jetzt muss er einen Bruder spielen und er verabscheut diese Rolle. Die Tatsache, dass ich Harry Potter bin, hilft überhaupt nicht.
„Komm herein, Draco", sage ich, meinen Geldbeutel in die Tasche stopfend. „Nackt bin ich nicht."
Draco wirkt so gepflegt wie immer. Ich frage mich, welche Haarprodukte er benutzt, denn sein Haar scheint sich überhaupt nicht zu bewegen. Auch wenn es windig ist. Er hinterlässt eine Parfümwolke, als er reinkommt und mich von oben bis unten mustert.
„Worüber laberst du?", knurrt er. Er wirft meinem Pferdeschwanz einen mürrischen Blick zu, aber so wie es scheint, gefällt er ihm. „Das ist eine Verbesserung."
„Gefällt dir meine Frisur?", frage ich neckend. „Billigt der Meisterfriseur?"
„Es ist zweifelsohne viel besser", bemerkt er. Dann erinnert er sich an meine Worte und verengt die Augen. „Wenn du ein paar Ratschläge brauchst, kannst du dich ruhig mir zuwenden."
„Danke", sage ich fröhlich und deute mit dem Stab auf eine Schublade, die sich mit einem Klick verschließt. Draco muss nicht wissen, was ich da aufbewahre. Stattdessen wendet er sich zum Gehen.
„Mutter wartet schon", sagt er kurz und öffnet die Tür.
„Gut", sage ich und folge ihm. „Hör mal, Draco."Wir steigen die Treppen hinab. „Ich muss mich mit Hermine treffen. Kommst du mit?"
„Was?", zischt er und wendet sich um. „Mit dem Schlammblut? Du musst wirklich dämlich sein, um zu vermuten, dass ich Tee mit so was trinken würde!"
Er würde fortfahren, aber sein Vater taucht hinter ihm auf und legt eine Hand auf seine Schulter. Draco zuckt zusammen und verstummt. Nun, das ist eine Weise, auf die man Draco zum Schweigen bringen kann.
„Wenn deine Mutter nicht da ist, ist es deine Aufgabe, auf Harry aufzupassen, Draco", sagt er mit einer bedrohlichen Stimme. „Also solltest du mitkommen und dich gut benehmen. Der dunkle Lord hat dir diese Aufgabe zugewiesen und du darfst ihn nicht enttäuschen."
Dracos Augen werden groß, ob vor Entsetzen oder vor Wut, ist schwer zu sagen. Er knirscht mit den Zähnen und senkt den Blick.
„In Ordnung, Vater", murmelt er. Lucius drückt seine Schulter und gibt ihm einen Geldbeutel, den Draco mit einem Grinsen unter seinen Umhang verschwinden lässt. Geld hilft also auch. Gut zu wissen.
„Harry, Lieber", sagt Narzissa lächelnd und streckt ihre Hand aus. „Bist du bereit?" Ich nicke. „Schön. Gehen wir."
Natürlich darf ich nicht alleine apparieren. Wie nervig. Wir verlassen den Tropfenden Kessel und bald schlendern wir durch die breite Straße. Ich bin schon auf das Angaffen gefasst, also versuche ich gar nicht zu überprüfen, ob man mich angafft. Ich kann die Blicke ohnehin auf meinem Rücken spüren.
Die Malfoy Familie. Da steht eine Hexe in einem schäbigen Umhang, die einen Korb voller Kröten trägt. Sie hält inne und gafft uns an, als wir an ihr vorbeikommen. Ich lächele und schüttele den Kopf. Narzissa hat mir die gesamte Garderobe gekauft, sagend, dass ich genauso groß wie Draco sei, nur viel dünner, und dass es für sie überhaupt kein Problem sei, etwas mehr Kleidung zu bestellen. Denn Dracos Schrank ist eigentlich ein zusätzliches Zimmer. Die arme Frau ist daran gewöhnt. Dracos Parfüms und Haarprodukte sind auch nicht billig. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es möglich...?
Ich werfe ihm einen verstohlenen Blick zu. Er rümpft die Nase, als er ein paar Kinder erblickt, die auf einer Kiste ein Spiel spielen und im Dreck sitzen. Sicherlich hat er nie im Dreck gespielt. Eigentlich kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der Dracos Frisur nicht tadellos gewesen ist er nicht erstklassige Klamotten getragen hat. Und ich habe ihn nie mit einem Mädchen zusammen gesehen. Klar, diese Pansy Parkinson ist immer da, aber sie kommt mir eher wie eine Art Mücke vor, die man nicht loswerden kann. Und zudem kam es mir nicht so vor, als hätte Draco Interesse an ihr. Ist es möglich... dass Draco schwul ist? Das ist ein interessanter Gedanke.
Ich gluckse und schüttele den Kopf, bis ein sehr beunruhigender Gedanke in meinem Kopf auftaucht. Bin ich die richtige Person, darüber zu lachen? Wo ist meine Freundin? Ich habe keine. Und ganz ehrlich weiß ich gar nicht, was ich mit Frauen anfangen soll. Das heißt natürlich nicht, dass ich schwul bin. Ich bin nicht schwul. Es ist nur, ich habe noch kein Mädchen kennen gelernt, das mir gefallen würde. Ja, das ist es. Außerdem schere ich mich nicht um Klamotten und mir ist es egal, wie ich aussehe.
'Nun, jetzt aber nicht', sagt eine Stimme in meinem Kopf. 'Denn jetzt genießt du die Tatsache, dass du neue Kleidung hast und dass man endlich die Umrisse deines Körpers sehen kann'. Das hat aber damit nichts zu tun, erwidere ich! Ich habe nie die Chance gehabt, schöne Kleidung zu tragen. Also ist es so schlimm, wenn ich es einmal genieße? 'Schön', sagt die Stimme wieder, dieses Mal mit einem Hauch von Sarkasmus. 'Also so ist es, du hast noch nicht den richtigen JUNGEN getroffen'.
Ich zische wütend und Draco wirft mir einen Blick zu. Ich winke nur ab, spüre aber, wie meine Wangen heiß werden. Ich habe eh momentan genug am Hals, ich brauche das nicht.
„Am besten setzen wir uns in ein Café", meint Narzissa leise. „So können wir leicht durch die Seitentür hinaus schleichen und die Nokturngasse besuchen. Wann triffst du dich mit Hermine, Harry?"
„Um fünf", sage ich dumpf.
„Wir haben also genug Zeit", stellt Narzissa zufrieden fest.
Sie wählt das teuerste Café aus, das es in der Winkelgasse gibt und Draco und ich folgen ihr. Narzissa bestellt ein Getränk, das einen französischen Namen hat und Draco tut das gleiche. Als der Kellner mich erwartungsvoll anschaut und zusammenzuckt, als er meine Narbe erblickt, starre ich ihn blöd an, denn ich habe keine Ahnung, was sie gerade bestellt haben.
„Harry nimmt das gleiche", meint Draco laut. Ich nicke schnell.
„Was trinke ich?", frage ich, als der Kellner weg ist, zweifelsohne um seinen Kollegen mitzuteilen, dass Harry Potter mit den Malfoys im Café sitzt. Schon als ich diese Frage stelle, komme ich mir ziemlich dumm vor.
„Eine Mischung aus kaltem Kaffee, Vanilleeis, Milch und Sahne", erwidert Draco ohne zu blinzeln. Er lächelt hämisch. „Du sprichst kein Französisch, was?"
„Wo hätte ich Französisch lernen sollen?", frage ich bissig. „Bei den Dursleys sicherlich nicht."
Narzissa gibt Draco einen Schubs in die Rippen und wirft ihm einen wütenden Blick zu.
„Mutter, hast du gewusst, dass dieser Riese dieses Jahr ‚Pflege magischer Geschöpfe' unterrichten wird?", fragt Draco.
Narzissa lässt ihren Löffel fallen. Oh Merlin, bitte nicht.
„WAS?", zischt sie. „Wer hat dir das gesagt?" Draco deutet auf mich, der in der Zwischenzeit zum Schluss gekommen ist, dass dieses französische Etwas sehr gut schmeckt. Ich zucke mit den Achseln.
„Dumbledore hat es mir gesagt", sage ich leise. Narzissas Blick war tödlich.
„Das war also Dumbledores Idee", flüstert sie mit vor Wut zitternder Stimme.
„Mutter, ich habe schon dieses Fach gewählt", Draco beklagt sich.
„Keine Sorge, Draco", sagt sie kalt. „Dein Vater wird es schon gutmachen. Der Minister wird davon erfahren."
Ich weiß nicht, was ich darüber denken soll, denn ich weiß nicht, was für ein Lehrer Hagrid wäre. Der Mann ist mein Freund, aber irgendwie kommt er mir nicht wie die richtige Person für diese Aufgabe vor. Klar, der Mann weiß viel über magische Geschöpfe, aber das bezieht sich nur auf die gefährlichen Tiere. Ich weiß es nicht, aber ich habe so eine Vermutung, dass Dumbledores Wahl des Lehrers für dieses Fach etwas mit mir zu tun hat. Die Welt dreht sich nicht nur um mich, ich weiß; aber trotzdem kann ich diesen Eindruck nicht loswerden.
Wie gerufen, platzt ein aufgeregter Lucius Malfoy ins Café und Narzissa winkt ihm zu. Ich mustere ihn argwöhnisch. Das war nicht eingeplant. Was macht er hier?
„Da seid ihr", flüstert er und zückt seinen Stab, um den Tisch mit einem Privatzauber zu belegen. Er hält eine Mappe in seiner Hand und seine Augen funkeln. Dem Umhang und dem Stock nach zu urteilen, war Lucius im Ministerium. Also heißt das, er hat Neuigkeiten.
„Harry", flüstert er und öffnet eilig die Mappe. „Ich habe es. Dumbledore hat es unterschrieben. Minister Crouch hat es mir heute persönlich übergeben. Er richtet seine Grüße aus und sagt, er hoffe, dir gehe es besser und dass du mit Narzissa ein Heim finden würdest. Es ist offiziell."
Ich gaffe ihn mit dem Mund voller Sahne an, bis mir die Bedeutung seiner Worte klar wird. Da macht es Klick in meinem Kopf und ich schnappe mir die Papiere aus seiner Hand und beginne eilig zu lesen. Das ist eine Aussage von Dumbledore, die vom Minister und ihm unterschrieben wurde.
„...ichbinnurumHarryPottersWohlergehenbesorgt...ichstimmezu,dassNarzissaMalfoyderbesteVormundfürihn ist,dennsiehatmitKindernErfahrungundichnicht...HarrybrauchtjemandeninseinemAlter,mitdemerredenkann,undderjungeDracoMalfoywäreeinesehrguteGesellschaftfürihn...ErbrauchtRuhe,unddiehaterimMalfoyHerrenhausgefunden..."
„Ich fasse es einfach nicht", zische ich. Auf einmal bin ich wütend. Da stimmt etwas nicht. Entweder hat sich jemand als Dumbledore ausgegeben, oder der Mann ist nicht bei Verstand. So was zu schreiben! Es ist, als hätte er seinen eigenen Fehler gestanden und das sieht Dumbledore nicht ähnlich. Ich habe eher erwartet, dass er mit Klauen und Zähnen für mich kämpft, aber dass er einfach so aufgibt... Das sieht ihm nicht ähnlich und hier stimmt etwas nicht.
„Da stimmt was nicht", spreche ich meine Gedanken laut aus. „Er hat einfach so aufgegeben? Wer glaubt daran? Ich sicherlich nicht!"
„Ich muss mit dem Mann reden", zische ich wütend. Meine Stimme zittert und die wütende Schlange, die immer in meinem Inneren anwesend ist, stellt sich auf und eine Welle von überwältigender Wut breitet sich in mir aus.
„Bald, Harry", wispert Narzissa, die eine Hand auf meine Schulter legt, was keinesfalls hilft. Ich atme tief durch und obwohl ich mir dessen bewusst bin, dass die Menschen mich anstarren und tuscheln, kann ich mir nicht helfen. 'Nur die Schwachen sind so dumm, anderen ihre Gefühle zu zeigen. Ein echter dunkler Magier behält seine Gefühle und Gedanken für sich selbst.' Tom hat Recht, wie immer.
„Ja", sage ich leise und nehme einen Schluck von der süßen Flüssigkeit. „Ja. Morgen werde ich mit ihm sprechen. Da stimmt was nicht und ich möchte wissen, was."
„In der Zwischenzeit können wir die Nokturngasse besuchen", sagt Narzissa lächelnd, offensichtlich denkend, dass die bloße Vorstellung mir helfen würde. Und der Gedanke, an all die Bücher, die auf mich warten, hilft tatsächlich. Ich grinse breit.
„Ich freue mich darauf", sage ich.
Lucius beobachtet mich genau und senkt den Blick, als ich meinen hebe. Er hat einen kalkulierenden Ausdruck und ich entscheide, Tom später danach zu fragen. Das letzte Mal, dass wir so sprechen können... Es wird so schwer sein, in Hogwarts mit ihm zu sprechen. Wir werden in Klos sprechen müssen. Scheiße. Die Gryffindors sind der Meinung, dass sie alles etwas angeht und dass es überhaupt keine Geheimnisse im Turm geben soll. Früher hat es mich nicht gestört, jetzt aber schon. Es macht mich verrückt. Wenn ich nur in Slytherin wäre, wäre alles anders. Dort würde ich Draco an meiner Seite haben und die Gespräche mit Tom und meine Ausflüge in die Kammer des Schreckens wären umso leichter in die Tat umzusetzen. Ich schere mich wirklich überhaupt nicht darum, in welchem Haus ich bin, ich möchte nur, dass mich alle in Ruhe lassen.
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Der Geruch von alten Büchern ist überall. Ich atme tief ein und grinse breit. Lucius und Draco sind irgendwo da unten, und ich bin die Treppen hinauf geklettert und schmökere durch die Bücher im ersten Stock. Der Boden quietscht, als ich weiter gehe und ein Buch nach dem anderen hervorziehe. Einige rufen mir zu; ich kann die Überreste von dunkler Magie an ihnen spüren, und meine Hand streckt sich automatisch aus und greift nach ihnen. Hier gibt es etwas Interessantes. Ich ziehe ein Buch hervor und schlage es auf. Ich setze mich auf einen alten Stuhl und beginne zu lesen. Ich kann die Stimmen von Draco und Lucius nicht mehr hören, und ich bemerke nicht einmal, dass sich jemand an mich heranschleicht. Ich spüre einen Hauch von fremder Magie und werde mir plötzlich bewusst, dass jemand mir sehr nahe ist und mich nicht anspricht, sowie man es von den Malfoys erwarten sollte. Automatisch zücke ich meinen Stab und springe auf die Füße, gerade als diese Person hinter mir auftaucht.
„Du bist schnell", flüstert der Fremde. Ein Zauberer. Woher kenne ich ihn? Die wettergegerbten Lippen unter dem Bart strecken sich zu einem Lächeln, als ich seine Stimme erkenne.
„Was wollen Sie von mir?", frage ich scharf, den Stab noch immer in meiner Hand haltend.
„Ich möchte mit dir reden", flüstert der Fremde, der meinen Stab mustert. „Komm schon, steck den Stab weg. Ich werde dir nichts anhaben. Und außerdem weiß ich, dass du ihn nicht benutzen kannst. Du bist ein Schüler."
„Echt?", frage ich bedrohlich. Ich fühle mich, als hätte mich jemand gerade ein Kind genannt und ich spüre den unwiderstehlichen Drang, dieser Person zu zeigen, dass ich kein Kind bin. Sehr kindisch, ich weiß. Aber Tom denkt nicht, ich sei ein Kind. Tom denkt nicht, ich sei für irgendetwas zu jung. Ich halte mich rechtzeitig auf, ehe ich etwas Dummes anstellen kann, wie dem Fremden zu zeigen, dass ich doch außerhalb der Schule zaubern kann.
„Worüber wollen Sie reden? Raus mit der Sprache, denn man wartet da unten auf mich", sage ich lauter. Der Mann schaut sich um und seine Miene verändert sich, so viel ich unter seiner Kapuze sehen kann.
„Hör mal, Harry", flüstert der Fremde. Ich versteife mich bei der Erwähnung meines Namens. „Du weißt, wer ich bin und ich weiß, wer du bist. Ich möchte nur mit dir sprechen. Du hast mein Ehrenwort, ich werde dir nichts anhaben."
„Zu spät, Mr Black", zische ich und mache ein paar Schritte in seine Richtung. „Denn morgen gehe ich in die Schule. Was auch immer Sie mir sagen wollen, muss warten."
„Harry? Bist du da oben? Was in Merlins Willen treibst du?", hören wir Dracos laute Stimme und seine Schritte, die näher und näher kommen.
„Ich bin hier", schreie ich zurück. Ich wende mich Black zu. „Falls Sie reden wollen... Schreiben Sie mir doch einen Brief. Und lassen Sie nicht zu, dass Dumbledore ihn liest."
Draco taucht auf und schaut sich um. Black eilt zu den Treppen, und ehe Draco die Chance hat, ihn besser anzuschauen, ist er schon weg.
„Wer war das?", fragt er. Ich nehme wieder das mysteriöse Buch in Hand.
„Keine Ahnung", murmele ich kopfschüttelnd. „Wollte mir Froschleber verkaufen."
„Ich kenne solche Typen", meint Draco. „Du solltest dich von ihnen fernhalten."
„Echt?", frage ich gespielt überrascht. „Danke für deine Sorge, Draco!"
Draco wird purpurrot und ballt die Hände.
„Reg dich nicht auf, du bekommst Falten", kichere ich und gehe mit dem Buch in Hand nach unten. „Und du wirst dein makelloses Gesicht verderben."
„Du bist ein Arschloch, weißt du?", zischt Draco mir hinterher. Lucius steht an der Theke und hält in seinem Gespräch mit dem Verkäufer inne.
„Draco", sagt er leise und bedrohlich. „Was hast du soeben gesagt?"
„Nichts, Vater", sagt Draco zähneknirschend. „Hier noch ein Buch für meinen Cousin."
Er schnappt mir das Buch aus der Hand und legt es auf den Haufen. Sein Vater verengt die Augen, sagt jedoch nichts in der Gegenwart des Verkäufers.
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Hermine konnte nicht glauben, dass Dumbledore mich so einfach den Malfoys übergeben hat. Sie hat seine Aussage wieder und wieder gelesen, nach etwas suchend, aber sie konnte nichts finden.
„Er hat Ms Malfoy einfach so die Vormundschaft übergeben?", fragt sie dumpf.
„Moment mal", sage ich gereizt. „Bist du besorgt, weil ich bei den Malfoys wohnen werde oder weil Dumbledore so leicht aufgegeben hat?"
„Was meinst du damit?", fragt sie überrascht. „Natürlich bin ich besorgt, dass du bei den Malfoys wohnen wirst! Sie..."
Sie deutet auf eine kleine Gruppe, die am Tisch in der Ecke sitzt. Draco hat glücklicherweise seine Freunde in der Winkelgasse gefunden und jetzt essen sie Eis ein paar Meter von uns entfernt. Nur so, dass er mich im Auge behalten kann, wie Tom ihn angewiesen hat. Und er wirft uns ständig Blicke zu, als erwarte er, dass ich jede Sekunde umkippe oder so was. Es ist echt nervig.
„Sie sind Slytherins, Harry", flüstert Hermine.
„Ach, nein, echt?", zische ich. „Weißt du, Hermine, du bist voreingenommen. Nur weil sie Slytherins sind, heißt das, dass sie böse sind. Ja? Schau dir mal Ron an. Er ist kein Slytherin und doch hat er sich wie ein Idiot benommen. Als ich ihn wirklich gebraucht habe, war er nicht für mich da. Er hat mich verlassen, sowie die anderen Gryffindors, die gedacht haben, ich sei der wahnsinnige Erbe Slytherins, der sie alle töten würde. Also kennen sie mich so gut und sind mir so treu, dass sie, so bald es eine Spur von Gefahr gibt, wie die Hasen davon laufen. Das sind in der Tat sehr gute Freunde, Hermine."
Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück, mir die ganze Zeit dessen bewusst, dass ich so klinge, wie ich mich fühle. Jetzt spiele ich keine Rolle und ganz ehrlich habe ich es satt. Und Hermine hat mich noch nie so reden gehört, also gafft sie mich mit offenem Mund an.
„Und weißt du, warum ich nach Gryffindor wollte? Weil Ron mir gesagt hat, dass Slytherins böse sind. Er war der erste, der mit mir sprechen wollte. Ich hatte noch nie einen Freund in meinem Leben gehabt, also wollte ich diesen einen behalten. Aber ich bereue die Tatsache, dass ich nicht wenigstens versucht habe, Draco kennen zu lernen. Er mag wie ein pompöser Idiot in der Schule herumstolzieren, aber wenn man ihn besser kennen lernt, sieht man, dass er eine interessante Person ist und ich genieße seine Gesellschaft."
Die ganze Zeit gafft sie mich an, als erwarte sie, dass mir Hörner aus dem Kopf schießen oder so was. Und ein gegabelter Schwanz, den darf ich nicht vergessen.
„Und ich wünsche mir, ich könnte das Haus wechseln, denn da oben im Gryffindorturm gibt es keine wahren Gryffindors. Außer dir. Du warst mir immer treu und ich schätze unsere Freundschaft", füge ich hinzu. Hermines Augen glitzern.
„Ich... du hast Recht", gibt sie schließlich zu. Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe. Wie bitte? Hermine gibt zu, dass sie mit etwas falsch lag? „Wie sie nur so etwas glauben konnten, ist mir schleierhaft. Du, der Erbe Slytherins! Das ist so ein Schwachsinn. Und es tut mir leid, weil du es nicht verdient hast. Vielleicht... wenn du dich bei ihnen so gut fühlst, ist es in Ordnung. Du solltest das bekommen, was du möchtest. Du hast genug gelitten."
„Danke, Hermine", sage ich zufrieden. Jetzt habe ich eine Vertraute im Gryffindorturm. Hermine überrascht mich. Vielleicht ist sie doch für etwas gut. Vielleicht wäre sie doch eine gute dunkle Magierin.
Wir verabreden, uns morgen vor dem Zug zu treffen, sodass wir zusammen sitzen können. Sie versucht vorzuschlagen – obwohl mir vorkommt, sie tue es nur, weil sie sich verpflichtet fühlt, es wenigstens zu versuchen – dass wir Ron einladen, aber als ich sage, es komme überhaupt nicht in Frage, verstummt sie und wechselt das Thema. Wir plaudern über Arithmantik bis es an der Zeit ist, dass ich gehe.
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Den nächsten Tag sitze ich mit Hermine in einem Abteil zusammen und lese in aller Ruhe. Toms Tagebuch ist in meiner Tasche und ich habe keinesfalls vor, es in den Koffer zu stopfen. Die Gegenwart des Buches tut mir gut. Ich genieße die subtilen Vibrationen, die es ausstrahlt und das Tagebuch ist das einzige Erinnerungsstück an alles, was ich im Laufe des Sommers erlebt habe. Das Tagebuch und mein Basiliskenstab.
Die Kühe und die Schafe huschen am Fenster vorbei und der Himmel wird dunkler und dunkler. Ich habe das Tageslicht nie gemocht. Und als die Sonne unter den Horizont sinkt, spüre ich eine gewisse Freude. Die Nacht ist geheimnisvoll und die Finsternis hat mich immer mit Ruhe erfüllt. Die Gerüche, die in der Luft schwebten, als ich mein Fenster in Ligusterweg Nummer vier einmal öffnete, erinnern mich jetzt an die dunklen Künste. Da steckt mehr drin, außer den Gerüchen, dem Nachtleben der Tiere und der Finsternis. Und als das Nachtleben aufwacht, spüre ich Aufregung, als warte ich auf etwas. Und jetzt weiß ich, worauf. Auf die Dunkelheit; auf Tom und seinen Unterricht; und auf ein neues Leben. Und als die frische Luft, die sich durch den Spalt in das Abteil drängt, kälter wird, atme ich tief ein und schließe meine Augen. Wenn ich die dunklen Künste für ein paar Tage nicht üben kann, dann kann ich wenigstens die Nachtluft einatmen, die mich an meine Dunkelheit erinnert. Moment mal. Meine Dunkelheit? Woher kommt das denn?
Ich schaue auf meine Hand hinunter und lächele. Das Buch über Arithmantik liegt in meinem Schoß und wenigstens kann ich über Arithmantik lesen, wenn auch nicht über Dämonenbeschwörungen. Lucius Malfoy hat mir einen Ring gegeben – den ich jetzt auf meinem kleinen Finger trage, nach der Tradition der uralten Familien.
„Vielleicht sind wir nie sonderlich gut miteinander ausgekommen", hat er zu mir gesagt. „Ich möchte nicht, dass du denkst, dass ich dir diesen Ring wegen dem dunklen Lord gebe. Ich gebe dir diesen Ring, weil ich möchte, dass die Menschen wissen, wer sich um dich kümmert und wem sie antworten müssen, falls dir etwas passiert. Du bist ein dunkler Magier und ein Teil unseres Stroms. Aus diesem Grund möchte ich, dass du diesen Ring trägst, nicht deinetwegen, sondern um den Menschen klarzumachen, wer sich um dich kümmert und wer an deiner Seite steht."
Es war eine große Leistung für Lucius, mir den Ring zu geben und mir das zu sagen. Ich bezweifele keine Sekunde, dass Narzissa ihn dazu angestiftet hat. Und ich glaube nicht, dass er es wirklich gewollt hat. Aber da gibt es einen Faktor in dieser Gleichung, der mir immer helfen würde. Tom. Lucius ist sein Diener und so wie ich es verstanden habe, hat der dunkle Lord nie jemanden persönlich unterrichtet. Aus diesem Grund ist Lucius sehr höflich mir gegenüber. Er hat aber kein Interesse an mir, sowie er kein Interesse an Draco hat. Er möchte nur, dass Draco den Namen der Familie nicht beschmutzt und dass er sich seinen Erwartungen entsprechend benimmt. Er möchte, dass Draco ein dunkler Zauberer wird, aber es ist nicht schwer zu erkennen, dass Draco die dunkle Magie überhaupt nicht gefällt.
Hermine hat nichts zum Thema Familienring gesagt, aber gelächelt, um mir zu zeigen, dass sie zufrieden ist, weil ich zufrieden bin. Und das ist, meiner Meinung nach, der Sinn jeder Freundschaft. Einander zu unterstützen und immer für einander da zu sein.
Es klopft an der Abteiltür und wir beide schauen auf. Draco guckt herein.
„Hallo, Harry", sagt er mit einer neutralen Stimme.
Ich weiß, was er von mir hält. Er denkt, ich sei total übergeschnappt und von der dunklen Magie besessen. Er denkt, ich lasse mich auf gefährliche Dämonenbeschwörungen ein und dass Tom mich darin unterstützt. Er weiß auch, dass ich meine Verwandten getötet habe und dieser Haufen von Informationen und Tatsachen hat dazu beigetragen, dass er vorsichtig mit mir umgeht und einen wahnsinnigen und nach dunkler Magie süchtigen, kaltblütigen Mörder in mir sieht. Na schön. Das macht Spaß.
„Hallo, G... Hermine", sagt er vage in ihre Richtung. Hermine begrüßt ihn höflich. Ich wiederum verkneife mir ein hämisches Lächeln. „Hör mal, Harry, würdest du für ein paar Minuten bei uns sitzen?" Ich zucke mit den Achseln, schlage das Buch zu und stehe auf.
„Ich komme gleich zurück", sage ich zu Hermine, die den Mund soeben geöffnet hat. „Keine Sorge."
Ich tätschele beruhigend ihre Schulter und Draco wirft mir einen überraschten Blick zu. Zusammen verlassen wir das Abteil.
„Sag mal", flüstert er. Er kann offensichtlich seine Neugier nicht zügeln. „Du und Granger..."
„Hermine", verbessere ich ihn.
„Ja, Hermine", fährt er fort, aber er hört sich nicht so an, als hätte er sich diesen Namen gemerkt. „Ihr seid nicht etwa... ein Paar?"
Ich halte inne und pruste los. Im Vorbeigehen habe ich schon bemerkt, dass die Schüler mich durch die Abteiltüren angaffen, jetzt aber wird es schlimmer. Als ob ich mich darum schere.
„Natürlich nicht", sage ich, als Draco purpurrot vor Zorn wird. Denn es sieht so aus, als mache ich mich über ihn lustig. Und Draco hasst das. Noch ein Punkt auf meiner 'wie bringt man Draco Malfoy auf die Palme' Liste. „Sie ist eine gute Freundin, das ist alles."
„Gut zu wissen", meint Draco und geht weiter. „Denn sie ist ein... ach du weißt schon. Und Mutter würde es nicht billigen."
„Das ist echt beschissen", meine ich fröhlich. „Denn ich möchte mein eigenes Mädel auswählen."
Draco knirscht mit den Zähnen und ich mache mit meiner Liste weiter.
„Und du, Draco? Pansy Parkinson? Wozu ist die denn gut?", frage ich neckend.
„Bitte erinnere mich nicht an sie", knurrt er.
„Ach, habe ich einen Nerv getroffen? Wie taktlos von mir", fahre ich fort. „Warum suchst du dir nicht ein Weib aus, das besser aussehend und klüger ist?"
„Familientradition", murmelt er so leise, dass die Worte kaum hörbar sind.
„Wie bitte?", frage ich und greife nach seiner Schulter. Draco wendet sich mir wütend zu.
„Es ist eine Tradition", zischt er mir ins Ohr. „Mein Vater hat sie für mich ausgewählt. Ich werde sie heiraten, wenn ich volljährig bin."
„Das ist... Igitt", platzt es aus mir. Solch eine Antwort habe ich nicht erwartet und die wahre Bedeutung seiner Worte wird mir erst jetzt klar. „Das ist... abscheulich! Du musst... nur seinetwegen... diese... heiraten?"
Draco schaut mich überrascht an, lächelt aber.
„Schön, dass wir in etwas übereinstimmen", meint er. „Ja, so ist es."
„Aber du bist erst dreizehn!", platzt es aus mir. Draco zuckt mit den Schultern. Es hört sich so schrecklich an, dass jemand Dracos Zukunft schon geplant hat, ohne ihn zu fragen, was er will. Es ist schrecklich! Es ist schlimmer, als das ganze Leben in einem Käfig eingesperrt zu sein. Vielleicht projiziere ich meine eigenen Ängste auf ihn, weil ich ja meine Freiheit frisch erworben habe und nicht möchte, dass jemand sie mir wieder nimmt.
Draco hält vor einem Abteil inne und schaut mich ernst an.
„Sie hatten zu viele Fragen und ich wusste einfach nicht, was ich ihnen sagen soll", flüstert er mir ins Ohr. „Denn... nun ja. Du weißt. Also geh rein und sage ihnen, was du ihnen sagen darfst."
„In Ordnung", flüstere ich zurück. Jetzt weiß ich genau, worum es geht. Aber ich habe nicht erwartet, dass es so schnell dazu kommen würde. Nun ja. „Belege aber die Abteiltür mit einem Zauber."
„Vertraue niemandem?", flüstert Draco zurück und grinst mich an. Das ist das erste Mal, dass ich Draco ehrlich grinsen gesehen habe. Es ist, als hätten sich seine Züge gründlich verändert und sogar seine Augen scheinen zu lächeln. Seltsam. Ich habe nie darüber nachgedacht, aber Dracos Augen sind wirklich schön...
Wir kommen zusammen rein und Draco zückt seinen Stab. Ich lasse meinen Blick über die Anwesenden schweifen, die wie einer verstummen, als wir auftauchen. Die Slytherins. Goyle und Crabbe haben vergessen, ihre Münder zu schließen und jetzt erinnern sie mich an Affen. Ach so. Ich habe immer gedacht, dass sie mich an jemanden erinnern und jetzt weiß ich an wen.
„Hallo, Leute", sage ich und schaue mich um. Es gibt keinen Platz zum Sitzen.
„Es ist also wahr", ergreift Nott als erster das Wort.
„Was ist wahr?", frage ich so unschuldig klingend, wie möglich.
„Du bist zur dunklen Seite überlaufen", sagt Nott, der mich die ganze Zeit mustert und ich finde es echt nervig.
„Nun...", fange ich an.
„Du triefst von dunkler Magie!", meldet sich Zabini zu Wort. „Lieber Merlin, was hast du getrieben?"
Ich wende mich Draco zu, weil ich keine Ahnung habe, woher sie das wissen.
„Hör mal, Harry", sagt er entschuldigend. Obwohl ein Malfoy sich nie für etwas entschuldigen sollte. Die Ausnahme ist natürlich alles, was mit dem dunklen Lord zu tun hat. Also ich. „Mein Vater hat ihren Familien von... dem dunklen Lord erzählt. Er hat auch dich erwähnt. Aber... na ja, es ist wahr. Es ist schlimm. Was HAST du getrieben?"
„Kannst du es spüren?", frage ich panisch. Ok, tief durchatmen. Es ist nicht das Ende der Welt. Wir werden eine Lösung finden.
„Natürlich", sagt er achselzuckend. „Aber nicht alle dunklen Magier können es spüren, also reg dich nicht auf."
„Dunkle Magier?", versichere ich mich. Ich beschwöre einen Stuhl und plumpse darauf. Die anderen gaffen mich an. Ich habe gerade einen Stuhl beschworen. Na und? „Oh Merlin. Ich hab gedacht..."
„... dass es auch die anderen wissen würden?", meldet sich Nott zu Wort. Er mustert mich lächelnd und... missbilligend. „Nein, Potter. Nur die dunklen Magier können die dunkle Magie spüren, aber auch nicht alle."
Ich schaue ihn überrascht an und atme aus. Ich war mir nicht bewusst, dass ich den Atem angehalten habe. Ich habe mir den Jungen nie genauer angeschaut. Er war ein Slytherin für mich, das heißt, jemand, der meine Aufmerksamkeit nicht verdient. Die Gryffindors sind so schlimm wie die Slytherins und umso schlimmer, weil sie sich als ehrlich ausgeben und einen am Ende verraten. Bei den Slytherins weiß man wenigstens, wo man steht.
„Danke", sage ich leise. „Ich hatte keine Ahnung."
„Ja", sagt Nott und grinst mich an. „Also, Potter. Wie ist es dazu gekommen?"
„Nun...", fange ich an. Im Abteil ist es mucksmäuschenstill. „Es ist eine lange Geschichte. Sehr lange. Und ich kann euch nicht alles erzählen, tut mir leid."
„Aber ist es wahr?", fragt Pansy leise. „Er... ist zurück?"
„Es ist kompliziert", murmele ich. „Aber ja."
„Warum hat er sich bei dir gemeldet? Du bist sein Feind!", hakt Pansy nach. Ich sehe ein, warum Draco sie hasst. Sie ist echt nervig.
„Es ist kompliziert", wiederhole ich. „Aber das hier..." Ich deute auf meine Narbe, die jetzt vollkommen sichtbar ist, da ich einen Pferdeschwanz trage. Eigentlich gefällt mir diese Frisur. Wenigstens kann ich mein Haar aus dem Gesicht haben und das an sich ist etwas Positives. „Wir teilen eine Verbindung. Und ich kann euch nicht mehr sagen, bis ich ihn um Erlaubnis gebeten habe. Denn ihr weißt ja... ich möchte nicht bestraft werden."
Ich habe das richtige gesagt, denn sie nicken wie einer und werden kreidebleich. Sie alle haben Schiss vor Voldemort, in welcher Form auch immer – denn ich habe keine Ahnung, was genau Lucius ihnen gesagt hat – und wissen aus den Geschichten ihrer Eltern, wie schmerzhaft Voldemorts Strafen sein können. Aber ich sehe etwas Neues in ihren Gesichtern. Die Mehrheit von ihnen schaut mich argwöhnisch an, aber da Draco mir zunickt und jedes meiner Worte zu bestätigen scheint, wird ihnen schnell klar, dass die Sache nicht so einfach ist, wie es scheint. Und, dass es vielleicht die Wahrheit ist. Denn falls sie wirklich die dunkle Magie spüren können – dieser Teil ist mir noch immer schleierhaft – wissen sie ja, dass wenigstens ein Teil der Geschichte wahr ist. Denn auch wenn es ein Plan von Dumbledore wäre, wäre es einfach zu viel, einen Jungen so weit zu verderben, indem man ihm die dunkle Magie beibringt. Tja so ist es, ich bin tatsächlich ein dunkler Magier. Ich helfe Voldemort. Aber zur gleichen Zeit bin ich Harry Potter und in ihren Augen lassen sich diese beiden Tatsachen nicht in einer Person kombinieren. Es macht Spaß, sie so verwirrt zu sehen und nach einer Weile entspanne ich mich, als Draco das Wort übernimmt.
„Also, Potter", sagt Zabini nachdem Draco mit seinem Monolog fertig ist. „Warum?"
„Warum was?", frage ich. Meine innere Stimme schreit mir eine Warnung ins Ohr.
„Warum bist du zur dunklen Seite überlaufen?", fragt Zabini. Er schaut mich genau an. „Komm schon, die Tür ist abgeschlossen und es gibt keine Möglichkeit uns zu belauschen."
Ich lehne mich zurück und schweige für ein paar Momente, mir überlegend, was genau ich sagen soll. Schließlich zücke ich meinen zweiten Stab und richte ihn auf die Tür, einen Schutzzauber flüsternd. Draco öffnet den Mund, um zu protestieren, denn offensichtlich denke ich nicht, dass sein Zauber halten würde. Die anderen aber schauen meinen Stab an. Ich hebe ihn in die Luft.
„Mein zweiter Stab", sage ich. Im Abteil wird es wieder mucksmäuschenstill. „Ich musste ihn kaufen, weil ich mich während des Sommers verteidigen musste. Ihr habt sicherlich davon gehört."
Langsam nicken sie. Ich möchte keine genaueren Erklärungen geben.
„Warum?", flüstere ich und drehe meinen Stab in der Hand. „Weil die dunkle Magie wunderschön ist. Weil ich einen dunklen Kern habe und weil mir die dunkle Magie natürlich vorkommt. Der dunkle Lord hat mir die Wunder der dunklen Magie gezeigt und ich möchte mehr lernen."
„Er... hat dir gezeigt? Also... er unterrichtet dich?", fragt Zabini atemlos. Also wissen sie doch nicht alles. Ich grinse breit. Jetzt habe ich die Chance, ein paar Vertraute in Slytherin zu gewinnen.
„Ja", sage ich. Sie wechseln Blicke und ich kann noch immer spüren, dass sie argwöhnisch sind, schere mich aber nicht darum.
„Denkt was ihr wollt", sage ich ein wenig lauter. „Ich habe euch die Wahrheit erzählt. Und wenn der dunkle Lord sich seinen Anhängern zeigt, werdet ihr wissen, dass ich euch nicht angelogen habe."
„Du hast einen dunklen magischen Kern?", fragt Nott. „Aber... du bist Harry Potter."
In jenem Moment setzt etwas bei mir aus und ich lache herzlich. Draco schaut mich vorsichtig an, wohl denkend, ich sei übergeschnappt. Vielleicht bin ich es ja. Wenn man Schönheit in gefährlichen Sachen sieht, stimmt was mit einem nicht, oder?
„Ja, leider bin ich Harry Potter", sage ich, als ich mir die Lachtränen wegwische. „Oder glücklicherweise. Denn ich werde für den dunklen Lord Dumbledore ausspionieren." Wieder wechseln sie Blicke. „Und ja, ich war selbst überrascht, als mir der dunkle Lord bewiesen hat, dass ich einen dunklen Kern habe."
„Also, ich habe lange genug mit euch geplaudert, ich muss wieder zurück. Ich muss den äußeren Schein wahren, versteht ihr", sage ich aufstehend und grinse sie alle an. „Ich vermute, dass man euch nicht davor warnen muss, was passiert, falls ihr von dem, worüber wir soeben gesprochen haben, in der Öffentlichkeit sprecht?"
„Es ist in Ordnung", sagt Draco auf einmal. Er setzt sich für mich ein? Wie rührend. „Ich werde dafür sorgen."
„Schön", sage ich und winke mit meinem Stab. Für ein paar Sekunden, konnte ich einen blauer Schleier sehen, der aber mit dem Auflösen der Schutzzauber schnell schwand. „Wir sehen uns."
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Den Rest der Fahrt habe ich in Stille verbracht. Endlich sind Hermine und ich uns in etwas einig. Wenn ich so überlege, ist meine Wahl von Freunden gar nicht mal so schlecht. Hermine wird mich in Ruhe lassen, aber es wird schwer sein, ihr zu entkommen, um zur Kammer des Schreckens zu gehen. Jetzt wird alles, was ich im Laufe des Sommers gelernt habe, auf die Probe gestellt werden. Und was das Wichtigste ist – in Hogwarts werde ich mir Dumbledore jeden Tag anschauen müssen.
Eine hellmagische Schule, geht mir durch den Kopf, als wir die große Halle betreten. Eine große Lüge, die in jeder Ecke dieser Schule lebt. Hätte ich einen hellen Kern, würde ich wahrscheinlich anders denken, aber so wie es ist, gehöre ich zur Minderheit und bin dazu gezwungen, meine Geheimnisse gut zu bewahren. Ich habe ja zwei Menschen getötet und auch wenn ich kein dunkler Magier wäre, wäre das ein guter Grund, mich für den Rest meines Lebens einzusperren. Aber jetzt da ich meinen Lebenspfad gefunden habe, möchte ich auch denjenigen helfen, die auch im Geheimen die dunkle Magie üben müssen und die aufgrund ihrer Magieneigung verurteilt sind. Kann ich einen Unterschied machen? Tja, ich bin Harry Potter. Zuerst werde ich dem dunklen Lord dabei helfen, sich einen neuen Körper zu beschaffen. Und das ist ein Anfang.
Ich lächele als ich meinen Stundenplan überblicke. Arithmantik und Runen – und es gibt keine ‚Pflege magischer Geschöpfe'. Ich beginne schon zu planen, wann ich zur Kammer gehen kann, damit ich mit Tom weiter üben kann und ertappe mich dabei, dass ich wie verrückt grinse.
„Du freust dich tatsächlich auf den Unterricht?", fragt Hermine. Sie wirft mir einen stolzen Blick zu und richtet sich auf. „Ja, dieses Jahr wird sehr anstrengend sein. Gut, dass ich genug Notizbücher dabei habe."
Ich lache herzlich und ein paar Gryffindors werfen mir verwirrte Blicke zu.
„Und ich habe genug Federn in meinem Koffer für das ganze Haus", sage ich, ihr zuzwinkernd. „Falls du eine brauchst..."
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Der Schlafsaal kommt mir ein wenig kleiner vor. Vielleicht habe ich mich an die Hallen und Zimmer im Malfoy Herrenhaus gewöhnt.
„Hallo, Kumpel", sagt Seamus und mustert mich. „Dir geht es gut?"
„Ausgezeichnet", sage ich breit grinsend.
„So...", murmelt Seamus, auf seine Schuhe hinunter blickend. „Wie war es? Deine Ferien bei den Malfoys?"
Ich habe mich schon gefragt, wann wir zu diesem Thema kommen.
„Sehr schön", sage ich gelassen. „Ich habe mich gut ausgeruht."
„Und Malfoy?", hakt Seamus nach. Ron steht bei seinem Bett und und tut so, als höre er nicht zu, aber ich weiß, dass er jedes Wort verschlingt.
„Was ist mit ihm?", frage ich unschuldig.
„Draco Malfoy", sagt Seamus ungläubig, jedes Wort betonend, als wäre ich beschränkt. „Hast du ihn dort gesehen?"
„Natürlich, er wohnt im selben Haus", erwidere ich und bin selbst überrascht, wie kalt und verächtlich sich meine Stimme anhört. „Er ist in Ordnung."
„In Ordnung?", fragt Seamus ungläubig. „Du hasst ihn!"
„Ich habe mich nie bemüht, ihn besser kennen zu lernen und das gleiche gilt für ihn", erwidere ich, meinen Koffer öffnend. „Narzissa kümmert sich um mich und hat mir viel geholfen. Aber jetzt bin ich zu müde, um darüber zu sprechen."
Ich zücke meinen Phönixstab und lasse all meine Kleidung in den Schrank hinüber schweben.
„Du hast dich verändert", murmelt Seamus.
„Ja, so was passiert, wenn man mich jeden Tag schlägt, verhungern lässt und ich letztendlich bei einem Brand beinah ums Leben komme. So was verändert einen. Aber zur gleichen Zeit sieht man ein, wer einem wirklich helfen will und wer nicht."
Seamus starrt mir hinterher, als ich mich auf das Bett werfe und ein Buch hervorziehe. Ich bin so wütend. Ich habe schon so was erwartet, aber ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm sein würde. Die Gryffindors sind so voreingenommen; so unglaublich naiv; und nicht nur die Gryffindors sind so. Die Slytherins auch. Jeder sieht die Welt von seinem Standpunkt aus und denkt, dass er Recht hat. Die dunklen Magier hassen die Hellmagier und halten zusammen, etwas das ich eigentlich schätzen kann. Aber sie sehen nicht ein, dass man nicht nur die dunkle Magie üben kann. Dass die Welt nicht entweder schwarz oder weiß ist. Dass man die Hellmagie verstehen muss, um ein guter dunkler Magier zu sein. Die Hellmagier wiederum haben ein anderes, gut bekanntes Problem. Alles, was in Zusammenhang mit dunkler Magie steht, ist böse und jeder, der so was übt, ist auch böse. Das hört sich ziemlich kindisch an, aber auch die Muggel denken auf solche Weise. Ein Vorteil der dunklen Magie ist, dass man lernen muss, mit Angst umzugehen. Denn manche Zauber und Flüche sind so gefährlich und anspruchsvoll, dass man einfach einen klaren Kopf behalten muss. Und das heißt, man muss die Angst loswerden. Nun, es hilft natürlich, wenn man ein wenig verrückt und in die dunkle Magie verliebt ist.
