Hallo und einen schönen Dritten Advent!
Wie versprochen ist hier das nächste Kapitel. Vermutlich geht es dann gegen Ende der nächsten Woche weiter, der Weihnachtsstress hier geht in die nächste Runde. ;-)
Wie immer freue ich mich riesig über Eure Meinungen und Kommentare.
Viel Spaß beim Lesen!
LG
- xoxox -
Kapitel 14 - Die ganze Wahrheit?
- Montag, 11. Januar 1999 -
Ächzend kämpfte sich die Schulleiterin aus dem Sessel in ihrem Studierzimmer hoch und tappte leicht schwankend durch den Zugang zu ihrem Büro. Die hohen Fenster hinter ihrem Schreibtisch gaben bereits den Blick auf das erste Morgenrot frei. Sie hatte das Wochenende damit zugebracht, ihre Bibliothek auf der Suche nach einer Möglichkeit zu durchkämmen, wie sie Hermines Aufenthaltsort ausfindig machen konnte, doch kein Ortungszauber oder Aurenanzeiger hatte angeschlagen. Auch diese Nacht hatte Minerva unermüdlich Eulen verschickt, Bücher gewälzt und angestrengt versucht, ihre Schuldgefühle zurückzudrängen.
Sie überlegte gerade, ob sie ihrem Magen ein Frühstück zumuten sollte, als es an der Tür klopfte.
„Bitte sagen Sie mir, dass Sie gute Nachrichten bringen", seufzte Minerva, als sie flammend rotes Haar und einen rabenschwarzen Strubbelkopf erkannte.
„Ich wünschte, es wäre so, Professor", erwiderte Potter niedergeschlagen und trat in das Büro, dicht gefolgt von Miss Weasley, „aber wir haben vielleicht eine Spur."
Ihre smaragdgrünen Augen erwachten plötzlich zu neuem Leben und bohrten sich in die des jungen Mannes. „Raus mit der Sprache, Potter!"
„Es ist so", setzte er an, als sie Platz genommen hatten, „am Tag von Hermines Verschwinden haben wir einen unbekannten Animagus gesehen. Es war ein Vogel, genauer gesagt, ein Pirol, und er flog hinüber zum Waldrand, dorthin, wo wir Hermine zurückgelassen haben."
„Und warum rücken Sie erst jetzt damit heraus?", schnappte Minerva und sah den Jungen, der lebte, böse an.
„Wir dachten zuerst, es sei ein Schüler aus Ihrem Kurs, Professor", hielt Potter unbeeindruckt dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Doch dann, vor ein paar Tagen, sagte Peeves so etwas... Ich hatte es schon beinahe vergessen..."
„Potter, strapazieren Sie nicht meine Geduld", knurrte die Hexe und ließ ihre Fingerknöchel knacken.
„Verzeihung", beeilte sich Potter zu sagen und neigte den Kopf. „Der Punkt ist, dass Peeves meinte, dieser Animagus sei kein Schüler. Also kann es nur jemand aus dem Lehrkörper gewesen sein, vermutlich eine Hexe. Vielleicht weiß sie, wohin sie Hermine gebracht haben."
Minerva hielt für einen Augenblick inne und starrte ihn an. Die meisten Lehrer unterrichteten bereits seit vielen Jahren in Hogwarts, doch keiner von ihnen war ein Animagus.
„Sollten Sie mit Ihrer Vermutung recht haben, Potter", sagte sie mit zusammengepressten Kiefern, „dann ist der Kreis der potentiellen Kandidatinnen sehr überschaubar. Es gab dieses Jahr, wie Sie wissen, nur zwei Neuerungen im Lehrkörper und nur eine davon ist weiblich."
- xoxox -
Als gegen Nachmittag das Lehrerkollegium zu seiner wöchentlichen Sitzung zusammentrat, wirkte Minerva nach außen hin ruhig und gefasst. Sie informierte ihre Lehrkräfte über das Verschwinden der Gryffindor-Schülerin, woraufhin diese ähnlich schockiert reagierten, wie sie selbst; schließlich war die junge Hexe von nahezu allen Lehrkräften an der Schule unterrichtet worden und ein jeder war von ihrer herausragenden Intelligenz angetan.
„Ich bitte Sie inständig", fuhr Minerva mit erhobener Stimme fort, als sich die Unruhe etwas gelegt hatte, „um jeden noch so kleinen Hinweis, der hilfreich sein könnte. Es handelt sich hierbei nicht etwa um ein bürokratisches Missgeschick, sondern vielmehr um eine Entführung."
Hier und da schnappte jemand entsetzt nach Luft, doch Minervas Augen ruhten auf Thomasina.
„Niemand sonst, außer ihren Freunden, nicht einmal ich, wusste, dass Miss Granger den letzten Schritt zum Animagus bereits gemeistert hat. Das Ministerium gibt sich jedoch seltsamerweise unwissend im Hinblick auf den Verbleib ihres vermeintlichen Wildfangs. Ich darf also nochmals betonen, dass es um das Leben einer jungen Hexe geht." Sie sah mit Genugtuung, wie die blonde Hexe sichtlich erbleichte.
„Das wäre dann alles."
Stuhlbeine kratzten über den Steinboden, als sich die Lehrer nacheinander erhoben und das Lehrerzimmer verließen.
„Thomasina", sagte Minerva über die Köpfe der Hexen und Zauberer hinweg, als besagte Dame mit eingezogenem Kopf hinter Hagrid verschwinden wollte, der sich umständlich durch die schmale Tür zwängte, „auf ein Wort bitte."
Die Angesprochene wirkte für einen Moment, als überlege sie ernsthaft, sich der Anordnung zu widersetzen, doch wusste sie sehr genau um die möglichen Folgen. Also blieb sie zögernd stehen und wartete, bis der restliche Lehrkörper verschwunden war. Minerva saß noch immer an ihrem Platz, ihr Gesichtsausdruck war so glatt, wie ein Flusskiesel, als sie auf den Stuhl zu ihrer Linken wies. Langsam trat die andere Hexe näher und ließ sich mit sichtlichem Unbehagen neben der Schulleiterin nieder.
„Nun, ich denke doch, dass ich mich eben klar und deutlich ausgedrückt habe, meine Liebe", eröffnete Minerva ihr ruhig und beugte sich vor, sodass sie sich noch näher kamen. Der gewünschte Effekt trat augenblicklich ein: Thomasina wich zurück, ihr flackernder Blick wanderte überall hin, nur nicht zu ihrem Gegenüber. Wäre sie nicht so wütend auf die jüngere Frau gewesen, hätte Minerva beim Anblick von Thomasinas Mienenspiel schadenfroh in die Hände geklatscht.
„Möchtest du mir nicht irgendetwas mitteilen?"
„Ich weiß nicht, wovon du redest", mauerte die Frau und verschränkte stur die Arme vor sich, als könnte sie dadurch die zunehmende Spannung im Raum abblocken.
„Oh, davon bin ich überzeugt." Trotz der innerlichen Unruhe verkörperte die Schottin ganz die Person der beherrschten und ehrfurchtgebietenden Schulleiterin. „Daher will ich deinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen." Sie konnte sehen, wie sich die Pupillen der jüngeren Hexe zusammenzogen, und ging sogleich einen Schritt weiter. „Dir ist bewusst, dass ich dich beim Ministerium als nicht registrierte Animaga melden muss?"
Thomasina riss die Augen auf. „W-wie bitte?"
„Es hat keinen Zweck, es zu leugnen, meine Liebe, du wurdest gesehen", behauptete Minerva selbstbewusst, auch wenn dies nur die halbe Wahrheit war. Sie konnte nur hoffen, dass die Hexe ihr den Bluff abkaufte. Diese sah aus, als hätte sie soeben in eine Zitrone gebissen.
„Und wenn schon?", gab sie nach einigen Augenblicke angespannten Schweigens zurück, ihr Blick war trotzig geworden.
„Um es präziser auszudrücken, du wurdest in Miss Grangers Nähe gesehen, kurz bevor sie verschwunden ist", fügte Minerva ungerührt hinzu, verspürte jedoch zunehmend den Drang, die Frau zu schütteln; und das kräftig. Als diese nicht reagierte, stand sie auf und stemmte die Hände links und rechts in die Armlehnen von Thomasinas Stuhl.
„Ist dir eigentlich klar, wie ernst diese Situation ist?", fuhr Minerva die Frau an, die bei der Bewegung zusammengezuckt war. „Hermine ist nie in Frankreich angekommen und niemand weiß um ihren Verbleib, selbst die Leitung der Behörde ist auf wundersame Weise verschwunden! Zur Hölle, sie könnte schon längst tot sein und keine Menschenseele würde es jemals herausfinden!"
Ihre eigenen Worte hatten auf Minerva mindestens denselben Effekt, wie auf Thomasina. Blanke Angst schnürte ihr die Kehle zu und ließen sie für einen Moment schwanken, die Übermüdung war ihrem Zustand auch nicht gerade zuträglich.
„Ich...", flüsterte die blonde Hexe leise und starrte mit glasigen Augen zu Minerva hinauf, „ich habe nicht gewollt, dass es so kommt!"
„Bei Merlin", zischte die erzürnte Schottin, ihr Gesicht war nur Zentimeter von dem der Anderen entfernt, „wenn du nicht sofort redest, vergesse ich mich!"
„Also schön, es stimmt!", schrie Thomasina, in ihren blauen Augen standen zu Minervas Überraschung Tränen. „Ich habe Granger beobachtet und ihr Geheimnis entdeckt. Ich habe euch beide zusammen im Wald gesehen!"
Minerva sank langsam in ihren Stuhl zurück, machte jedoch keine Anstalten, sie zu unterbrechen. Die Hexe senkte den Blick, das blonde, seidige Haar fiel in ihr Gesicht, als sie weitersprach.
„Du wusstest nicht, wer sie ist, doch es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, ehe du es herausgefunden hättest. Ich habe gesehen, wie du sie ansiehst, Minerva, und ich bin nicht dumm. Ich wusste, wenn ich jemals wieder deine Aufmerksamkeit erregen wollte, dann musste ich dieses lästige Gör loswerden."
Zitternd starrte sie auf ihre geballten Fäuste und weigerte sich, den Blick zu heben.
„Ich konnte nur mutmaßen, was an jenem Abend zwischen euch vorgefallen ist, doch als du am nächsten Tag das Schloss verlassen hattest, musste ich die Gelegenheit einfach beim Schopf packen."
„Wie hast du es angestellt?", knurrte Minerva, die in diesem Moment all ihre Selbstbeherrschung aufbringen musste, um das Weibsstück nicht auf der Stelle zu verfluchen.
„Ich habe ihr Chi blockiert", murmelte Thomasina kaum hörbar, doch die ältere Hexe verstand jedes einzelne Wort.
„Du hast was?", tobte Minerva, außerstande, ihren Zorn zu bändigen. Eingriffe in die essentielle Lebensenergie eines Menschen konnten schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Diese innere Kraft bestand aus dem gesamten Sein, ihre Ausprägung steuerte die Magie einer Hexe oder eines Zauberers.
Der blonde Kopf ruckte nach oben, Tränen fielen in den kanariengelben Schoß.
„Alles, was ich wollte, war, Granger von dir fernzuhalten, sodass du dich von ihr abwendest!", stieß die Hexe hervor, ihr flehentlicher Blick glitt an Minerva ab, wie ein Streeler* an Antihaftseide. „Nach einer Weile löst sich die Blockade von selbst auf. Ich wusste nicht, dass Archie und sein Boss ihre Pläne geändert haben, das musst du mir glauben!"
Minerva bemerkte kaum, wie die Strähnen, die sich aus ihrem strengen Haarknoten gelöst hatten, knisternd um ihr Gesicht tanzten.
„Wenn du noch einen Funken Anstand besitzt, dann gehst du jetzt los und suchst Foreman", grollte sie und erhob sich, ihre Gewänder bauschten sich in einem nicht vorhandenen Wind, „und du wirst nicht eher zurückkehren, bis du ihn gefunden hast. Solltest du auf die Idee kommen, dich heimlich davon zu machen, sei versichert, ich werde dich finden und für all das hier zur Rechenschaft ziehen, air mo shiubhal!**"
Was auch immer in Thomasina vorgehen mochte, es wurde von der irrationalen Furcht in ihrem Gesicht übertüncht. So schnell sie konnte, sprang sie auf und floh aus dem vor Magie vibrierenden Lehrerzimmer.
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- Donnerstag, 14. Januar 1999 -
Das scharrende Geräusch eines Schlüssels im Türschloss, gefolgt vom Knarren der rostigen Scharniere, ließ Hermine aus ihrem unruhigen Schlummer hochfahren. Ihre verkürzten Muskeln protestierten bei der abrupten Bewegung, seit einer gefühlten Ewigkeit hatte sie keinen Schritt mehr getan. Ein Tag verlief, wie der andere, Hell und Dunkel verschwamm hier unten, sodass sie allmählich ihr Zeitgefühl verlor.
Das dunstige Zwielicht in dem feuchten Gewölbekeller wurde von einem goldenen Schein durchbrochen, der von der Kellertreppe herrührte, und sie erkannte die Umrisse eines schlaksigen jungen Mannes in schmuddeligen Latzhosen, der auf ihr Gefängnis zutrat. Der Junge musste gerade einmal sechzehn Jahre alt sein, sein unordentliches Haar war von einem stumpfen Blond, das im Halbdunkel grau wirkte. Er war es, der Hermine zweimal am Tag etwas Nahrung brachte, und somit die einzige Menschenseele, die sich ihr seit Tagen genähert hatte.
Kurz nach Hermines Ankunft bei ‚Underwood & Partner' einem winzigen, heruntergekommenen Laden voller giftiger Tiere und Pflanzen, drei Türen von ‚Borgin & Burke's' entfernt, hatte man sie erneut mit einem Serum ruhig gestellt. Als sie Stunden später wieder zu sich gekommen war, fehlten ihr nicht nur etliche Federn aus ihrer Halskrause, man hatte zudem ihre Klauen auf eine schmerzhafte Länge gestutzt. Sie hatte bei dieser Erkenntnis derart heftig in ihrem Käfig getobt, dass man sie ins Subterrain verfrachtet hatte. Leander, dem ungeliebten wie ungeschickten Lehrling, fiel die undankbare Aufgabe zu, im Laden die Käfige zu säubern, die Tiere zu füttern und die giftigen Samen der Setzlinge zu sähen.
„Das Frühstück ist da", sagte er, als er sie erreicht hatte, und ging vor ihrem Gesicht in die Knie. Träge hob sie ihren gefiederten Kopf eine Handbreit und gab zur Begrüßung einen krächzenden Laut von sich. Der Geruch nach muffigen Hühnerfleisch stieg in Hermines Nüstern und sie schüttelte sich innerlich. Zwar war ihr tierischer Magen in der Lage, jeglichen Fraß zu verdauen, den man ihm vorsetzte, jedoch ließ die Erinnerung an Roastbeef und Plumpudding sie wehmütig schnarren.
„Ich weiß", murmelte Lee und schob das tote, halb gerupfte Tier durch das Gitter, „aber etwas anderes ist leider nicht drin."
Irgendwie tat ihr der Junge leid. Nicht zum ersten Mal fragte sich die Animaga, was ihn wohl an einen so düsteren und trostlosen Ort, wie diesen, verschlagen hatte. Lee schien trotz seiner fragwürdigen Anstellung in dieser schwarzmagischen Menagerie ein gutes Herz zu haben. Manchmal, wenn es die Zeit zuließ, setzte er sich neben sie auf den kalten Steinboden und sprach zu ihr. Zwar wusste er nicht, dass Hermine jedes Wort verstand, doch es schien ihm gutzutun, ein wenig Gesellschaft von jemandem zu haben, der ihn nicht vergiften, verspeisen oder entlassen wollte.
Als der Junge vor ihr gedankenverloren mit den Fingern auf das Käfiggitter trommelte, kam Hermine plötzlich eine Idee. Dass sie nicht schon früher darauf gekommen war!
Sie richtete sich auf, beugte sich zu dem eisernen Gitter vor und klopfte mit ihrem Schnabel dagegen. Dreimal schnell, dreimal langsam, dreimal schnell – das Zeichen für „SOS" im Morsealphabet der Muggel. Zwar war diese Verständigungsmethode in der Zaubererwelt nicht allzu verbreitet, doch keineswegs unbekannt.
Lee brauchte einige Augenblicke, um zu bemerken, dass sich das Tier vor ihm seltsam verhielt. Hermine wiederholte das Zeichen immer und immer wieder, eine wilde, verzweifelte Hoffnung hatte von ihr Besitz ergriffen. Die Augen des jungen Zauberers wurden so groß, wie Galleonen.
„W-was zum Henker...?"
Komm schon, Lee! , flehte Hermine stumm und klopfte noch einmal. Hinter dessen Stirn schien es mächtig zu arbeiten.
„Das... das ist unmöglich", sagte er langsam in die muffige Dunkelheit zwischen ihnen und beugte sich noch näher zu Hermine hinunter, sodass ihre Gesichter auf gleicher Höhe schwebten. „Du... bist kein gewöhnliches Tier, oder?"
Die Animaga schüttelte heftig den Kopf und wäre vor Erleichterung beinahe in Tränen ausgebrochen.
Gerade als Lee den Mund öffnen wollte, ertönten Schritte auf der steinernen Treppe und ließen ihn zusammenfahren. Eilig trat er ein paar Schritte von Hermines Gefängnis weg und drückte sich unauffällig in einer Ecke herum, die nicht mit irgendwelchem Trödel vollgestellt war.
Verdammt!
Missmutig zog sich Hermine in den hinteren Teil des Zwingers zurück, als Onuphrius Underwood über ihr auftauchte, gefolgt von zwei fremden Zauberern.
„Lee", sagte er mit tiefer, vibrierender Stimme, die von Hermines Knochen widerhallte, sein orientalischer Akzent – vielleicht Ägyptisch? – ließ ihn noch unheimlicher wirken, als er ohnehin schon den Eindruck erweckte.
„Nach oben. Mach Sektion Zwei für den Transport fertig. Wir gehen auf den Basar."
Underwoods Blick ruhte auf Hermine, die, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug, mit großer Mühe ein feindseliges Zischen unterdrücken musste, als seine Handlanger sich daran machten, ihren Käfig hinauf ans Tageslicht zu befördern.
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Nachdem sie ungefähr zwanzig Minuten lang mit dem Jeep durch die Londoner Innenstadt gerattert waren, kamen die spitzen Zinnen und Türmchen der Westminster Abbey in Sicht und sie bogen nach links in die „Little Sanctuary" Street ein. Nachdem der Wagen den Supreme Court passiert hatte, bog er in die Einfahrt einer Tiefgarage ein und hielt nicht an, bis sie das siebte Untergeschoss erreicht hatten. Hermine reckte den Hals noch angestrengter durch den Spalt in der Plane, konnte jedoch außer einer nackten Betonwand vor ihnen nicht viel erkennen. Der Fahrer war ausgestiegen und hatte den Zauberstab gezogen, als er aus ihrem Gesichtsfeld verschwand. Einige Augenblicke später kehrte er zurück und kletterte wieder hinter das Lenkrad. Schwankend nahmen sie Fahrt auf und fuhren geradewegs auf die Wand zu. Hermine zuckte zusammen, doch der Aufprall blieb aus; stattdessen fuhren sie einfach durch den Beton hindurch und wurden in vollkommene Dunkelheit gehüllt. Magie kribbelte über Hermines Federkleid, als sie diverse Schutzbarrieren passierten. Dann wurde es plötzlich wieder hell. Gleichzeitig stieg der Geräuschpegel mit einem Mal um ein Vielfaches an. Ihre empfindlichen Sinne brauchten einen Moment, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, doch als sie hinausspähte, klappte ihr Unterkiefer herunter.
Sie befanden sich in einer gigantischen, unterirdischen Halle, die von glitzernden grünen Sphären, die unter dem hohen Gewölbe hingen, flackernd beleuchtet wurde. Vor ihnen erstreckte sich ein Meer aus hölzernen Verschlägen und schmutzigen Zelten, überall wimmelte es von Gestalten. Die vielfältigen Gerüche, die von überall her auf sie einstürmten – Schwefel, modrige Erde, Ozon, Männerschweiß, Blut? – ließen ihren Magen rebellieren, die farbenfrohe, lärmige Geräuschkulisse, bestehend aus allerhand menschlichen und unmenschlichen Lauten, drückte auf ihre Trommelfelle. Die Luft war geschwängert von Rauch, Magie und elektrischer Spannung, sodass sie kaum atmen konnte. Mit tränenden Augen zog sie sich hinter die Plane zurück, gerade rechtzeitig, als der Jeep anhielt. Einige Augenblicke später wurde die Abdeckung von ihrem Käfig gezogen und Lees Gesicht tauchte über ihr auf. Während Underwood seinen Mitarbeitern Anweisungen zum Entladen des Wagens erteilte, blieb der Junge dicht bei Hermines Zwinger. In seinen tiefbraunen Augen spiegelte sich einen Moment lang aufrichtiges Bedauern; er wirkte, als wollte er ihr etwas sagen, doch wagte er es nicht. Stumm sah er zu, wie die Greifin von der Ladefläche levitiert wurde.
Hermine beobachtete mit rasendem Herzen, wie die schmuddeligen Marktstände an ihr vorüberzogen, als ihr Käfig hinter den anderen eingereiht wurde, und der Tross langsam in die Tiefen des Basars vordrang.
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A/N:
*Streeler: afrikanische Riesenschnecke, die stündlich ihre Farbe ändert. Ihr Gift kann Horklumpe töten. Weitere Infos in Newt Scamanders "Fantastic Beasts & Where To Find Them".
**Air mo shiubhal: gälisch für "So wahr ich lebe!"
