Kapitel 14: Grundbedürfnisse – Teil I

In ausgesprochen knurriger Stimmung wälzte sich Murtagh von Dorns Rücken und sah sich um. Wie es schien, hatte ihn Fraya ans Ende der Welt beordert. So sah es an diesem Ort jedenfalls aus. Hier gab es nichts als endlose Steppe; trocken, heiß und leblos. Kein Lüftchen regte sich. Die Gegend roch nach Hitze und Staub. Es war dem jungen Reiter völlig unklar, warum er hier war – noch dazu unter diesen Umständen. Am Morgen war Fraya in sein Zimmer gekommen, hatte ihn regelrecht aus dem Bett geworfen und ihn angewiesen, sich für diesen Tag möglichst praktisch und robust zu kleiden. Sobald das erledigt gewesen war, hatte er sich auf den Weg machen müssen – ohne Frühstück.

Hunger macht böse, hatte Dorn recht treffend festgestellt.

Auch der Magen des roten Drachens knurrte, allerdings nicht halb so laut wie sein Reiter, als der seine Inspektion der Gegend beendet hatte. Unsicherheit erfasste Dorn und er trampelte ein paar Mal nervös von einem Bein auf das andere. Um die Nerven des jungen Drachen war es noch nicht besonders gut bestellt. Die meisten Dinge, die auch nur annähernd so groß oder stark wie er waren, fürchtete er. Wäre es nicht um das Wohl seines Reiters gegangen und hätte Galbatorix ihm nicht mit diversen Schwüren und Zaubern seinen Willen aufgezwungen, hätte Dorn die Schlacht auf den brennenden Steppen nicht überstanden. Die Unterrichtsstunden mit Shruikan entwickelten sich regelmäßig zu einem wahren Martyrium und auch Endres hatte nicht viel mehr Glück mit seinem jüngeren Artgenossen gehabt.

Ähnlich war es an diesem Morgen. Murtagh spürte die Angst seines Drachens, wie er sich fürchtete, erneut zu versagen, und wie er sich schämte, oft gar nicht zu verstehen, was andere von ihm wollten. Er war noch so jung und musste sich doch benehmen wie ein Ausgewachsener. Man erwartete von ihm, groß, stark und furchterregend zu sein. Dabei hatte Dorn ganz andere Sachen im Sinn.

Murtagh befasste sich erst wieder mit der Realität der Situation, als er Fraya und Endres auf sich zukommen sah. Die beiden wirkten deutlich erholter als er sich fühlte. Überhaupt schien ihnen die ganze Situation erstaunlich gut zu bekommen. Jedenfalls verhielten sie sich nicht wie Gefangene eines verachtenswerten Tyrannen, der ihnen seine bösartigen Pläne aufgezwungen hatte.

„Guten Morgen, ihr beiden", begrüßte Fraya sie ernst aber offenbar alles andere als schlecht gelaunt.

„Was soll daran gut sein?", brummte Murtagh ungehalten.

Er klopfte Dorn sanft gegen die Flanke, um den leicht zitternden Drachen ein wenig zu beruhigen. Die Wirkung hielt sich in Grenzen. Der Rote sackte regelrecht in sich zusammen, während Endres auf ihn zu kam.

„Ah, wie ich sehe, sind wir heute bei bester Laune", stellte Fraya mit einem gequälten Grinsen fest.

Sie bedeutete Murtagh, ihr zu folgen, drehte sich dann um und lief tiefer in die Steppe hinein. Der jüngere Reiter atmete noch einmal tief durch und strich zum Abschied über Dorns Hals. Dann folgte er Fraya.

Nicht gehen, erklang es jämmerlich in seinen Gedanken.

Nur mit Mühe konnte Murtagh den Impuls unterdrücken, sich umzudrehen. Doch er wusste, wenn er jetzt zurück sah, dann würde er sich anschließend keinen Schritt von seinem Drachen mehr wegbewegen können. Ein leises Winseln ertönte und ließ den jungen Reiter noch einmal zusammenzucken. Am ersten Tag hatte Dorn es ihnen nicht so schwer gemacht, doch nach dem völlig misslungenen Unterricht war ihm jeder Mut abhanden gekommen.

Ich bin immer in deiner Nähe, erinnerte Murtagh ihn. Beruhige dich. Endres will dir nur helfen.

Fraya lief so weit in die offene Steppe hinein, bis die beiden Drachen nur noch Punkte in der Ferne waren. Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel und brannte unerbittlich auf die beiden herunter.

„Nachdem ich nun ein ziemlich klares Bild davon habe, was du schon alles kannst, muss ich dafür sorgen, dass du das auch weißt", erklärte Fraya und erntete einen misstrauischen Blick von Murtagh. „Was die meisten gern vergessen ist, dass zur Ausbildung eines Drachenreiters auch gehört, ihm oder ihr beizubringen, gewisse Grundbedürfnisse zu sichern."

„Grundbedürfnisse", wiederholte Murtagh.

Fraya nickte ausgiebig und ließ sich auf den Boden sinken. Seine Grundbedürfnisse hatte er in Urû'baen zurückgelassen. Dort hatte man sich an diesem Morgen nicht darum geschert.

„Ein weiser Gelehrter hat einmal gesagt, dass jedes Lebewesen zwei vordringliche Bedürfnisse hat, denen sich alle anderen unterordnen: Fortpflanzung und Überleben. Ich denke, du wirst es mir nachsehen, wenn ersteres – vor allem in der Praxis – nicht Teil dieses Unterrichts ist. Oder besteht in dieser Hinsicht zumindest auf theoretischem Gebiet Nachholbedarf?"

Murtagh starrte die ältere Reiterin ungläubig an. Was war das denn für ein Unsinn? Ob sie vielleicht schon ein wenig zu viel Zeit in der Sonne verbracht hatte? Es war wirklich sehr warm heute.

„Wohl nicht", entgegnete Fraya lächelnd. „Also widmen wir uns dem wichtigeren Thema: dem Überleben. Dazu gehören sehr viel mehr Dinge als man auf den ersten Blick glauben mag. Dass du kämpfen kannst, haben wir festgestellt, dass du Magie beherrschst, ohne dich selbst umzubringen, haben wir festgestellt. Aber ich würde gern wissen, wie es um etwas einfachere Notwendigkeiten steht."

„Frühstück zum Beispiel", knurrte Murtagh.

Er konnte sich immer noch nicht erklären, was diese Ansprache und der etwas seltsame Unterrichtsort für einen Sinn hatten. Wollte sie ihm unterstellen, dass er unfähig, war für sein Überleben zu sorgen?

Eine Welle von Unsicherheit lenkte Murtagh von dieser Frage ab. Er spürte, dass sich Dorn in einer Entscheidungsnotlage befand. Der rote Drache hatte sich aber in seiner Verwirrung so abgekapselt, dass sein Reiter nicht herausfinden konnte, wo das Problem lag. So etwa passierte ihnen viel zu oft und es machte Murtagh stets nervös, nicht zu wissen, was seinen Seelengefährten quälte – oder besser gesagt was ihn in diesem Moment am meisten quälte.

„Ja, das ist ein passendes Beispiel", stimmte Fraya ihm zu. „Aber das ist nicht der richtige Moment, um empfindlich zu sein. Du hast sicher schon andere Tage überstanden, an denen du nichts im Magen hattest und trotzdem etwas leisten musstest. Also fang gar nicht erst mit dem Jammern an. Außerdem habe ich dich heute ohne Frühstück hier her beordert, damit du es dir selbst beschaffst."

Murtagh sah sich um und schüttelte mürrisch den Kopf. Es wollte ihm wirklich gar nichts einfallen, was sich hier als Mahlzeit eignete. Sein Schwert und seinen Bogen hatte er in Urû'baen zurücklassen müssen. Eine Jagd würde also mühevoll werden, wenn sich hier überhaupt Beute finden ließ.

„Was denkst du, gibt es hier?", wollte Fraya wissen.

„Nichts", antwortete Murtagh schlecht gelaunt.

Das war nun wirklich offensichtlich. Wovon sollte er sich hier ernähren? Sollte er auf dem Boden herumkriechen und auf Steppengras kauen?

„Falsch", widersprach Fraya ihm. „Du kannst dir hier eine solide Mahlzeit beschaffen. Selbst in einer Steppe oder Wüste muss man weder hungern noch unter Durst leiden. Deine Aufgabe für den heutigen Tag ist einfach. Erforsche die Steppe. Wir treffen uns bei Sonnenuntergang wieder hier. Wenn du dann nicht mit knurrendem Magen zurückkehrst, hast du es geschafft."

Murtagh wusste immer noch nicht so recht, ob er Fraya nicht für verrückt halten sollte. Was bezweckte sie damit? War das nicht reine Zeitverschwendung? Sie sollten daran arbeiten, wie man Galbatorix' Schwüre brechen konnte oder wie er zumindest stärker werden konnte. Irgendetwas Nützliches eben. Aber er hatte keine Lust und keine Kraft, zu widersprechen.

„Meinetwegen", brummte er also. „Was ist mit Dorn? Es gefällt mir nicht, was da geschieht, auch wenn ich nicht genau weiß, was es ist."

Fraya warf ihm einen besorgten Blick zu und schien einen Moment zu überlegen, ob sie überhaupt antworten sollte.

„Dorn wird heute etwas lernen, das sehr wichtig für ihn und seine weitere Entwicklung ist, etwas, das ihm Galbatorix sicher niemals beibringen würde", erklärte sie schließlich. „Ich kann dir versichern, dass es ihm nicht schaden wird. Es dürfte ihn nur ein wenig Überwindung kosten, sich darauf einzulassen."

Murtagh zuckte nur mit den Schultern. Er würde die Sache im Auge behalten so gut es eben ging. Mürrisch trottete er los und zweifelte inzwischen sogar an seinem eigenen Verstand.

Murtagh war schon eine gefühlte Ewigkeit durch die trockene Ebene gelaufen ohne etwas zu finden, das sich essen oder trinken ließ. Vor allem der Durst machte ihm zu schaffen. Die Sonne schien von Stunde zu Stunde heißer zu werden, als hätte sie es nur darauf abgesehen, ihm den Tag noch schwerer zu machen. Bisher hatte er nur einen Ort gesehen, der trostloser und verlassener war: die Wüste Hadarac. Was hatten sie sich damals nur dabei gedacht, diesen Gewaltmarsch antreten zu wollen? Es war der reiner Wahnsinn gewesen, der sie fast umgebracht hatte. Und wofür das alles? Wenn er sich nicht darauf eingelassen hätte … wäre er jetzt wohl in keiner besseren Situation. Sie hatten ihre Verfolge schon auf den Fersen gehabt. So war er zumindest noch ein wenig länger in Freiheit oder wenigstens in einer erträglichen Situation gewesen. Andererseits könnte er noch auf freiem Fuß sein, wenn er nicht auf die dumme Idee gekommen wäre, den Geschichten von einem neuen Drachenreiter nachzulaufen und sich dann auf Eragons wahnsinnige Rettungs- und Reisepläne einzulassen. Dagegen stand aber wieder die Tatsache, dass er jetzt Dorn nicht hätte, wäre er nicht in Gefangenschaft geraten und inzwischen konnte er sich beim besten Willen nicht mehr vorstellen ohne seinen Drachen zu leben. Vielleicht hätten sich die Dinge aber auch ergeben, hätte er sich aus allem herausgehalten. Nach Galbatorix' Ende wäre er schon irgendwie mit Dorn zusammengekommen – vorausgesetzt es würde je so weit kommen. Die Wahrscheinlich schien mit jedem Tag zu sinken. Was hatte es ihm gebracht, jetzt ein Reiter zu werden? Er selbst war todunglücklich und seinem Drachen erging es noch schlimmer. Und als ob das nicht schon schlimm genug war, waren sie beiden auch noch eine Gefahr für seine Freunde und den letzten lebenden Verwandten, den er noch hatte. Der Gedanke irritierte ihn immer noch ein wenig. Er hatte sich nie vorstellen können, einen Bruder zu haben und es fiel ihm noch schwer, Eragon als solchen zu betrachten. Doch sie waren Freunde gewesen und nun waren sie erbitterte Feinde. In schwachen Momente kam Murtagh zu der Erkenntnis, dass es vielleicht besser wäre, sie wären einfach tot – kein Leid mehr, kein Unglück und kein Verderben mehr für die, die es nicht verdient hatten. Doch schnell holte ihn dann wieder der Entschluss ein, dass das die falsche Einstellung war. Schließlich war sein Leben und natürlich das von Dorn das Letzte, was ihnen wirklich noch geblieben war. Es gab wenige Dinge, für die es sich zu leben lohnte aber noch viel weniger, für die es sich zu sterben lohnte. Dagegen stand jedoch wiederum eine entscheidende Frage: War das überhaupt ein Leben? Was hatten sie davon?

Mit einem lauten Seufzen ließ sich Murtagh in das trockene Steppengras fallen. Inzwischen schwirrte ihm der Kopf. So lange und intensiv hatte er schon ewig nicht mehr nachgedacht und völlig vergessen, wie anstrengend und scheinbar aussichtslos das Grübeln war. Nun holte ihn auch wieder der stechende Durst ein. Hier gab es keine Quelle, keinen Bach und auch sonst nichts Nasses. Woher sollte er also Wasser nehmen? Aber halt! Das Problem war schon einmal gelöst worden. Eragon hatte sie in der Wüste mit Wasser versorgt. Nun, da Murtagh selbst magische Kräfte besaß, konnte es kein Kunststück sein, das Gleiche zu tun. Eilig grub er vor sich ein Loch in den Boden und konzentrierte sich darauf, Wasser zu finden. Er musste nicht lange suchen, bis er fand, was er suchte. Die Oberfläche des Steppenbodens mochte knochentrocken sein, doch darunter hielten die Pflanzen die Erde am Leben. Noch etwas zögerlich sprach Murtagh die richtigen Worte aus und beobachtete, wie sich seine Grube mit Wasser füllte. Ein wenig erstaunte ihn dieser Erfolge selbst, obwohl er wusste, dass es möglich war und er die nötigen Fähigkeiten besaß. Bisher hatte er sich aber weder in seiner Ausbildung als Drachenreiter noch auf den Reisen mit Dorn um solch elementare Fragen kümmern müssen. Es war immer nur darum gegangen, seine Kraft und sein Wissen zu steigern – egal mit welchen Mitteln. Umso mehr wusste es Murtagh zu schätzen, als er sich endlich an dem Wasser erfrischen konnte, das er sich selbst beschafft hatte.

Nachdem der Durst nun gelöscht war, meldete sich der Hunger wieder. Erneut sah sich Murtagh um. Hier gab es auf den ersten Blick nichts: keine Tiere, die er jagen konnte und keine Früchte oder Grünpflanzen, die sich für eine Mahlzeit eigneten. Dass es hier Leben gab, wusste er im Grunde genau. Und dieses Leben musste sich auch irgendwie ernähren. Also nahm Murtagh erneut all seine Konzentration zusammen und streckte seine geistigen Fühler aus. Tatsächlich tummelte sich zwischen den Gräsern eine Fülle von Leben. Verschiedene Insekten huschten über den warmen Boden und wirkten ausgesprochen geschäftig. Andere flogen dicht über das Gras hinweg und waren auf der Suche nach noch kleineren Lebewesen, die ihnen als Nahrung dienen konnten. Unter der Erde hatte eine Familie von seltsam anmutenden Nagetieren, die Murtagh noch nie gesehen hatte, ein Tunnelsystem gebaut, in dem es angenehm kühl war. Am liebsten wäre der junge Reiter mit hinein geschlüpft. Bei den kleinen Nagern hielt er sich jedoch nur kurz auf, denn einen Moment später wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt. Ein starker Gefühlsaufbruch von Dorn erreichte ihn. Fast wäre er aufgesprungen, rief sich aber zur Ordnung und beschloss, zuerst herauszufinden, was da vor sich ging.

Geht es dir gut?, wollte er von seinem Drachen wissen.

Gut, antwortete Dorn entschlossen und unerwartete schnell.

Ein Gefühl von grimmiger Freude erreichte den Reiter und erfüllte ihn mit neuer Tatkraft. Was auch immer Dorn gerade tat, es schien ihm zu gefallen und ganz neue Lebenslust in ihm zu wecken. So hatte Murtagh ihn seit den ersten Tagen nach dem Schlüpfen nicht mehr erlebt. Sie hatten kaum Zeit füreinander gehabt, bis das harte Training begonnen hatte. Und als ob das nicht schon genug des Elends und der Qual gewesen war, hatte Galbatorix den roten Drachen auch noch mit einem Zauber belegt, der ihn schneller wachsen ließ – unnatürlich schnell. Dorn war als körperlich gewachsen, ohne sich seelisch und emotional wirklich entwickeln zu können. Dieser Widerspruch verwirrte den jungen Drachen ständig und Murtagh fühlte sich nicht in der Lage, ihm dabei zu helfen.

Nachdem er das Gefühl hatte, dass es Dorn gut ging, konzentrierte sich Murtagh wieder auf sein eigenes Problem. Seine Gedanken befassten sich nun mit einer Eidechse, die auf einer Graslichtung in der Sonne lag und sich so weit sie konnte ausgestreckt hatte. Die Wärme kroch langsam tief in ihren Rumpf und die ausgestreckten Glieder und füllten ihre Kraftreserven auf. Ein Gefühl von ungetrübter Zufriedenheit beherrschte das Tier, das die Augen geschlossen hatte und sich ganz auf seinen Gehör- und Geruchssinn verließ. Nebenbei stellte Murtagh fest, dass ganz in der Nähe ein ausgesprochen kleiner Vogel seine Runden zog und hin und wieder mit einem Satz auf den Boden zuschoss, um Käfer oder Ameisen mit seinem Schnabel zu erfassen und im Flug zu verschlingen. Nach einer Weile kehrte er in sein Nest aus sorgfältig verflochtenen Grashalmen zurück. Murtagh hatte weder gewusst noch sich vorstellen können, dass es hier Vögel gab, mochten sie auch noch so klein sein. Langsam dämmerte ihm, was er vielleicht noch alles nicht wusste. Inzwischen hatte sich eine Ameisenkolonne ausgerechnet den Weg als Transportstraße ausgesucht, auf dem der Schwanz seiner Echse im Weg lag. Die kleinen Tierchen störten sich jedoch wenig daran sondern marschierten einfach über das Hindernis hinweg. Murtagh konnte das Kribbeln auf der schuppigen Haut spüren. Nach kurzer Zeit schien es seiner Echse jedoch zu dumm zu werden. Sie hatte sich nun genug aufgewärmt und spürte das gleiche Bedürfnis, das Murtagh an diesen Ort gebracht hatte: Hunger. Also erhob sie sich von ihrem Sonnenplatz und setzte sich in Bewegung. Ihre Füße flogen über den völlig überhitzten Boden, sodass sie ihn immer nur für den Bruchteil einer Sekunde berührten. Das Gefühl des kurzen Hitzeschubs verwirrte Murtagh kurz. Zwischendurch fragte er sich, ob es vielleicht nur Einbildung war, da er ja wusste, dass sich das Tier über eine heiße Oberfläche bewegte. Irgendwann kam er aber zu dem Schluss, dass die Wahrnehmung echt war. Seine Echse hatte inzwischen einen Platz gefunden, der ganz nach ihrem Geschmack war. Hier wuchsen dürre Büsche, die deutlich über das Gras hinaus ragten und verhältnismäßig viel Schatten spendeten. Dort fand das Tier genau das, was ihm noch fehlte: Eine Nahrungsquelle. Denn hier hatte sich verschiedene andere Lebewesen versammelt: Käfer, Mäuse, die seltsamen, tunnelgrabenden Nager, einer der im Gras nistenden Vögel. Während er sich in dieser interessanten Zusammenkunft umsah, fiel Murtagh eine Spinne auf, die ganz oben auf einem Busch saß. Sie huschte von einem Zweig zum anderen und spann dabei ihr Netz. Er konnte die Erschütterung spüren, als sich etwas darin verfing. Der Spinne war eine gute Mahlzeit sicher und auch die kleine Echse kam auf ihre Kosten. Sie tat sich an verschiedenen Käfern gütlich und auch eine Maus wäre nach ihrem Geschmack gewesen, wären die Tiere nicht zu groß für sie gewesen.

Murtagh hatte sich von seinem Platz erhoben. Der Hunger war inzwischen drückend. Von Käfern, Spinnen und Mäusen würde er sich nicht ernähren können, aber vielleicht boten die Pflanzen eine karge Mahlzeit. In freudiger Hoffnung, doch noch etwas in den Magen zu bekommen, folgte er den Gedanken der Echse.

Murtagh hatte sein Ziel fast erreicht, als ihn ein kurzer Schmerz stach. Erschrocken blieb er stehen.

Dorn?, fragte er besorgt.

Dummer Felsen, beschwerte sich der Drache.

Bist du verletzt?, hakte Murtagh nach.

Nein, brummte der Rote und bemühte sich, den dröhnenden Schmerz in seinem Kopf vor seinem Reiter zu verbergen.

Auch wenn ihm die Sache nicht völlig geheuer war, beließ er es dabei. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er ständig hätte spüren können, was sein Drache gerade trieb. Doch Dorn verschloss sich in seiner Angst noch derart gründlich vor der Außenwelt, dass er sehr oft auch die Gedanken seines Reiters aussperrte. Murtagh wollte ihn nicht zwingen, die Verbindung aufrecht zu erhalten.

Also konzentrierte sich der Reiter wieder auf seine Mahlzeit. Es dauerte nicht lange, bis er sein Ziel erreicht hatte. Über einen Teil der Steppenlandschaft verteilt wuchsen die Pflanzen, die ein wenig Schatten spendeten. Natürlich zu wenig für einen Menschen. Hoffnungsvoll untersuchte Murtagh die Gewächse, musste jedoch feststellen, dass sie sich nicht als Nahrung eigneten. Auch sie waren viel zu trocken. Sein Blick fiel stattdessen auf seine Echse, die nur wenige Schritte entfernt damit beschäftigt war, im Schatten der Pflanzen eine Kuhle zu graben, in der sie sich anschließend abkühlen wollte. Dabei fiel dem jungen Reiter etwas auf: Sie legte die knollenförmigen Wurzeln ihres Schattenspenders frei. Die sahen sehr wohl essbar aus. Also fing er an, im Boden zu wühlen, bis er mehrere der Wurzeln ausgegraben hatten. Misstrauisch betrachtete er das Ding und wagte es schließlich, hinein zu beißen. Das Gewächs schmeckte angenehm und war von bedeutend mehr Feuchtigkeit gespeist als alles andere in dieser Gegend.

Mehrere Wurzeln später fühlte sich Murtagh fast wie ein neuer Menschen. Sein Blick wanderte wieder hinüber zu der Echse. Ein wenig Fleisch würde den Speiseplan sicher abrunden, selbst wenn es roh war. Auch wenn es ihm bedeutend besser ging, war der Hunger noch nicht völlig besiegt. Vorsichtig schlich er sich an das Tier an und schnellte dann so plötzlich mit der Hand vor, dass es gar keine Chance hatte. Bald zappelte es in seinem Griff. Es würde nicht viel Kraft kosten, ihm einfach das Genickt zu brechen – schnell und effektiv. Trotzdem zögerte Murtagh. Die Echse hatte ihn zu einer brauchbaren Nahrungsquelle geführt. Sie war ein absolut friedliches und harmloses Tier, mit interessanten Gewohnheiten und Empfindungen. Außerdem brauchte der Reiter eigentlich keine weitere Mahlzeit mehr. Sicher, satt war er nicht, aber seine Kräfte waren zurückgekehrt. Also setzte er seine Echse wieder auf dem Boden ab, die daraufhin zusah, dass sie sich mit schnellen, federnden Schritten davon machte.