"Fahr schneller, Rossi", sagte Hotch ruhig. Er hatte das Gefühl, als würde ein Eisbach durch seine Adern rauschen, anstelle von Blut. Er hatte Alix Rosenkranz in der Hand und bat lautlos um Beistand. "Ich dachte nicht, daß Du katholisch bist", sagte Rossi. Hotch schüttelte den Kopf," bin ich nicht, er gehört Alix." Hotch trug ihn bei sich, seit er ihn von Alix bekommen hatte. Für Aaron war dieser Rosenkranz wie eine Versicherung dessen, daß alles gut werden würde. Er hoffte, daß es wirklich jemanden gab, der auf seine Alix aufpasste und daß dieser jemand nicht der Meinung war, er hätte seine Lektion nicht gelernt. Dave nickte, "das macht nichts, er wird Dich hören", er muss, setzte Rossi in Gedanken hinzu. Dave konnte, nein, wollte sich nicht vorstellen, was passieren würde, sollten sie Alix nicht lebend finden. Garcia hatte Alix Handy geortet und lotste sie jetzt durch die Prärie von Virginia. "Wohin jetzt?" fragte Rossi in die Freisprecheinrichtung, "noch ca eine halbe Meile, dann muss rechts ein Feldweg oder sowas abgehen", kam es atemlos von Garcia. Die beiden dunklen SUV´s rasten in möderischem Tempo hintereinander her und bogen dann in den von Garcia angekündigten Weg ein.

"Was denkst Du wohl, Arschloch? Glaubst Du, Du kriegst mich ohne Gegenwehr? Hat sich Darcy gewehrt, oder Schwester Hill? Als Du sie mit Deinen schmierigen Händen betatscht hast, Du Versager! Ach nein, Du magst ja Frauen, die sich nicht wehren, kriegst sonst wohl keinen hoch? Und Du willst mich mitnehmen? Du bist doch zu blöd um eine Frau richtig an einen Stuhl zu fesseln!" Alix liess ihren Agressionen freien Lauf, sie hatte die Grenzen ihrer Angst längst überschritten und hatte nur noch ein Ziel, Überleben. Für Aaron, für Jack, für ihre ganze Familie. Sie musste sich Zeit verschaffen und sie musste ihn wütend machen. Wer wütend ist, macht Fehler, wer Fehler macht, den kann man überrumpeln, hatte ihr Ex-Mann immer gesagt. Sie sah sich schnell um, irgendwas, dachte sie, um Gottes Willen, irgendwas muss es hier doch geben? Aaron, bitte, bitte beeil Dich. Alix zweifelte nicht daran, daß Hotch auf dem Weg war, aber würde er kommen, bevor es zu spät war? Alix Hände waren immer noch gefesselt, wenn Burgess ernst machte, dann hatte sie keine Chance. Ihr Blick fiel auf ein kleines Regal, war das ein Eisenrohr? Alix griff zu und schwang das Rohr wie einen Baseballschläger. Brad hatte ihr beigebracht, wie man einen benutzte und Alix hatte verdammt gut aufgepasst. Das würde enden, dachte sie grimmig, hier und jetzt, auf die eine oder andere Weise. "Das wagst Du nicht, Du Hexe", keifte Burgess mit überkippender Stimme und kam näher auf sie zu. "Wenn Du Dich da mal nicht irrst", sagte Alix jetzt eiskalt, zielte und schlug zu.

Die zwei Geländewagen hielten mit quietschenden Reifen vor dem einsam gelegenen Farmhaus. Entfernt konnte man schon die Sirenen der State Police hören. Alix kirschroter TT stand auf dem Rasen. "Da ist Blut an der Scheibe", sagte Morgan leise. Dave legte Aaron die Hand auf die Brust, "Behalte einfach nur einen kühlen Kopf, hast Du verstanden, Hotch?" Rossi machte nicht den geringsten Versuch, Hotch aufzuhalten, keiner hätte das gekonnt. "Lass uns reingehen", sagte Hotch rauh.

"FBI!" schrie Rossi, "wir kommen rein, Burgess!" Die Haustür war nicht verschlossen, Burgess fühlte sich anscheinend sicher. Mit gezogenen Waffen betraten die vier Agents das Farmhaus. Sie teilten sich auf. "Gesichert" rief Reid aus der Küche, ein "Gesichert" kam auch von Morgan aus dem Schlafzimmer. "Der Keller", sagte Rossi und stiess die Kellertüre auf. "Burgess, FBI", Rossi ging als erster die Treppe hinunter. Unten stolperte er fast über den reglosen Burgess. An dessen Kopf hatte sich eine große Blutlache gebildet. Alix saß zusammengesunken und zitternd in einer Ecke, das Eisenrohr fest umklammert. Rossi fühlte Burgess Puls und schüttelte den Kopf. Alix hatte ihre Hausaufgaben gemacht, Burgess würde keine Frau mehr anfassen, nie wieder.

Hotch kniete neben Alix und strich beruhigend über ihre Haare. "Lass los, Alix, es ist alles gut, ich bin da." Er konnte das Grauen in ihren Augen sehen und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ihr Gesicht war angeschwollen, sie hatte eine Platzwunde an der Schläfe, wo sie an der Scheibe angeschlagen war und ihre Lippe blutete. Ansonsten schien sie unverletzt. Hotch machte ihre Hände los und nahm ihr das Eisenrohr ab. " Kannst Du aufstehen, Alix?" fragte Hotch. "Hab ich ihn umgebracht?" wollte Alix wissen als Aaron sie langsam hochzog. "Du hattest keine Wahl, er kann jetzt niemandem mehr etwas tun." Er führte Alix vorsichtig in Richtung Kellertreppe, vorbei an dem toten Burgess. "Ich kann die Treppe nicht raufsteigen", ihre Beine bestanden aus reinem Wackelpudding, "echt nicht", stöhnte Alix und sackte in Aarons Armen zusammen. Hotch trug sie die Treppe hoch und plazierte Alix in einem Sessel. Reid kam mit einer Schüssel Wasser und einem Handtuch aus dem Bad. "Damit sie sich das Blut abwaschen kann", sagte er.

"Wir müssen auf die Spurensicherung warten, aber die Beweisfotos für den Staatsanwalt können wir machen. Alix, Alix wach auf, wir brauchen Deine Mithilfe." Hotch streichelte ihren Oberarm und sie setzte sich mit einem Ruck aufrecht hin. "Wo ist Burgess?" "Im Keller, er ist tot." "Ich hab mit dem Rohr zugeschlagen", Alix Erinnerung war wieder präsent. "Wir müssen ein paar Fotos machen, für den Staatsanwalt, in Ordnung? Alix nickte. "Ich kann das aber nicht, ich bin persönlich betroffen, ich sollte nicht einmal hier sein, verstehst Du?" versuchte Hotch zu erklären, er hatte so viele Vorschriften beiseite geschoben, die Sorge um Alix hatte sie unwichtig werden lassen. Alix nickte wieder, "Reid soll die Bilder machen", ihre Stimme klang fester als eben. "Du hast es gehört", sagte Hotch zu Reid, "wir lassen Euch alleine."

"Ich werde Dich nicht anfassen, ich werde nur fotografieren, Alix. Kannst Du mir sagen, wohin er überall geschlagen hat?" "Er hat mir ins Gesicht geschlagen, mehrfach, er hat mich geschüttelt. Woher die Platzwunde ist, weis ich nicht, ich war ohnmächtig." Spencer klickte zum wiederholten Mal. "Er hat mich an einen Stuhl gefesselt", Alix streckte ihre Handgelenke vor, auf denen deutliche Fesselmale zu erkennen waren. Spencer war froh, daß Hotch draussen vor der Türe stand. "Die Verletzungen an den Armen und an der Schulter sind von mir, als ich den Stuhl kaputt gemacht habe." Du müsstest Dein Oberteil ausziehen," sagte Reid entschuldigend, "schon gut, es macht mir nichts", Alix zog sich stöhnend das Shirt über den Kopf. "Du hast da auch Abschürfungen am Rücken, woher sind die?" Spencer wollte so gründlich wie möglich sein. "Unverputzter Backstein in meinem Loft." Reid sagte erst nichts und wurde dann auf einen Schlag knallrot. "Das war gerade ein bisschen zuviel Information, Alix" "Du hast gefragt", sagte sie einfach. "Ich d-denke wir sind hier fertig. Du wirst noch eine schriftliche Aussage machen müssen, am Besten mit einem Anwalt, kennst Du einen?" "Edward ist Anwalt, der Freund meines Bruders", Alix zog ihr Shirt wieder an.

Inzwischen waren Ambulanz, Spurensicherung und die State Police eingetroffen und das Haus füllte sich. Alix ging mit Hotch zum Krankenwagen. "Ich bin Dr. Ross" sagte der glatzköpfige Mann, "und verkneifen Sie sich den Witz, den Sie gerade machen wollten, ich kenne Sie alle." Er zückte eine Lampe und leuchtete in Alix Augen, "folgen Sie dem Licht, haben Sie Kopfschmerzen?" Dr. Ross tastete Alix Gesicht ab. "Also?" "Im Moment könnte ich nicht sagen, was mir nicht weh tut, Doc. Ich bin müde, dreckig und ich glaube, es wäre jetzt das Einfachste, in Ohnmacht zu fallen. Ich will mit Hotch nach Hause, ein Bad nehmen und eine Woche schlafen." "Ich bin sicher, John McClane wäre stolz auf Sie", sagte Dr. Ross und machte eine kleine Anspielung auf "stirb langsam", "aber Sie haben eine leichte Gehirnerschütterung, diverse Blutergüsse, eine Platzwunde, die genäht werden muss und wenn ich ehrlich sein darf, Sie haben ein schweres emotionales Trauma erlitten, ich kann Sie nicht nach Hause lassen." "Hotch, bitte, ich geh in kein Krankenhaus, der letzte Arzt hat mich fast umgebracht." Alix wurde panisch und fuchtelte mit ihren Händen herum. "Willst Du Dir die Fotos ansehen, die Reid gemacht hat?" fragte Hotch leise, "Du hättest sterben können, da drin. Würdest Du Jack erklären wollen, daß er auch seine neue Mutter verloren hat? Würdest Du das?" fragte er scharf, "Antworte!" "Hör auf!" schrie Alix, "wie kannst Du sowas sagen!" Sie verpasste Hotch eine schallende Ohrfeige und schlug auf seine Schutzweste, immer wieder, sie schluchzte und weinte. "Es ist gut, Liebes, lass es raus", Aaron zog sie fest an sich. Alix klammerte sich an Hotch und zitterte wie Espenlaub. "Das war nicht wirklich fair, Agent", sagte Dr. Ross. "Früher oder später wäre sie zusammengebrochen, Doc, mir ist früher und hier bei mir lieber als später und allein im Krankenhaus."