Tage und Wochen vergingen. Donnerstag wurde zu Freitag, der Spätsommer ging nahtlos über in den Herbst, und Ivan und Arthur lernten sich kennen.

Moskau

Sie unternahmen viele Ausflüge nach Moskau, mitten in das Herz Russlands hinein, und jedes Mal würde sich England umsehen, der Mund weit offen und die Augen aufgerissen, staunend über die Größe und das Leben und die einzigartige Schönheit der Umgebungum ihn herum, weil er so etwas nicht kannte; London war ein Dörfchen dagegen…

Und Russland würde lachen und versuchen, ihn zur nächsten Attraktion zu ziehen, weil die britische Nation sich einfach nicht von den Alexandrovskii-Gärten* losreißen konnte („Arthur, wir können auch später noch wiederkommen, wenn es dir hier so gefällt… Ich möchte dir den Kreml zeigen."

„Aber Iiiiivan-…" Schmollmund. Weite, bittende Augen. Zitternde Unterlippe. Seufz. „Schon gut, noch ein paar Minuten können nicht schaden…" „YAY!" Und schon war er weg, betrachtete das faszinierende Muster aus Bäumen und Blumen, saß auf einer Parkbank und genoss die Ruhe oder legte sich ins kühle Gras, alle Viere von sich gestreckt, und versuchte, in den Wolken Muster zu erkennen).

Und bei der nächsten Sehenswürdigkeit würde sich stets das Gleiche abspielen, doch Ivan merkte, dass er eigentlich nichts dagegen hatte. Er fühlte sich rundum wohl, Stolz auf seine Hauptstadt erfüllte ihn, und er freute sich, dass jemand anderes die Stadt zu schätzen wusste.

Es war, als ob Arthur sein Innerstes gesehen und akzeptiert hätte.

oOo

Sonnenblumen

Ivan nahm Arthur zu einem Sonnenblumenfeld mit. Eine unermesslich weite, golden wogende Landschaft, übersät mit kleinen braunen und grünen Sprenkeln, gleißend in der spärlichen Mittagssonne, Ruheplatz und Nahrungsquelle der weit gereisten Wandervögel und eine Augenweide für jedwedes menschliche Antlitz. Ivan warf sich förmlich hinein, die gelbe Flut verschlang ihn. Arthur brauchte keine Aufforderung um ihn zu folgen. Die pure Freude auf Russlands Gesicht, als sie die ersten gelben Tupfer erspäht hatten, war nicht mit Worten zu beschreiben, und England fühlte sich ebenso glücklich. Gemeinsam jagten sie sich um die robusten Stängel herum, zupften und zählten Sonnenblumenblätter oder lagen, versteckt unter all dem blendend satten Gold, Kopf an Kopf und atmeten.

Ein…

Nur ihr Herzschlag und das Zwitschern und Schreien und der zahlreichen Krähen waren zu hören, untermalt vom endlosen Rauschen des Windes in den Blättern.

Aus…

Und sie spürten die Ruhe, sie durchdrang sämtliche von Geist und Körper geschaffene Barrikaden, sie erfüllte die beiden von ihrer Vergangenheit heimgesuchten Nationen mit tiefem Frieden.

Ein…

Beide schwelgten im Bewusstsein, einen Freund gefunden zu haben, und sie bewahrten die Erinnerung an diesen Tag in ihren Herzen.

Aus…

oOo

Wodka

An einem anderen Tag lernte Russland eine wichtige Lektion. Regel Nummer Eins: Lass niemals, niemals Wodka unbewacht in deinem Haus herumstehen, solange England in der Nähe ist.

Der Brite verwechselte die Flasche mit Wasser (das Etikett war verblasst, und er konnte ohnehin kaum kyrillische Schriftzeichen lesen) und kochte sich Tee damit. Da er von Ivan Tee bekommen hatte, die Sorte aber nicht kannte, schöpfte er zunächst keinen Verdacht aufgrund des seltsamen Geschmacks. Als er endlich bemerkte, in welcher Situation er sich befand, war es ihm schon zu lange egal, um mit dem Trinken aufzuhören.

Ivan, der erst spät am Nachmittag von einem Treffen mit seinem Boss zurückkam, fand ein sehr betrunkenes England in der Küche sitzend, bekleidet mit einem (wie Ivan vermutete, spät-mittelalterlichen) russischen Frauengewand samt Schuhen und hemmungslos schluchzend über den Verlust seiner geliebten kleinen Kolonie Amerika. Vor ihm lag eine letzte halb volle Teetasse, und in der Spüle entdeckte der Russe die verräterische Flasche. Was sollte er tun?

Wie sein Gast an das Outfit gekommen war, mochte Russland sich gar nicht erst vorstellen und verschwendete keinen weiteren Gedanken daran; aber was ihn aus einem unerklärlichen Grund aufregte, waren die zahlreichen Emotionen, die der Brite ganz offensichtlich für den Amerikaner empfand.

Kochend heißer Zorn durchfuhr ihn, den er jedoch sogleich wieder unterdrückte; solche irrationalen Gefühle brachten ihm nur Verdruss und Kopfschmerzen, falls er über ihre Bedeutung nachdachte. Stattdessen tröstete er die kleinere Nation, so gut es ging, wartete dann, bis er eingeschlafen war, und brachte ihn zum Sofa im Wohnzimmer, damit der andere seinen Rausch ausschlafen konnte. Er hatte sich nicht getraut, den anderen auf seine Aufmachung anzusprechen, und so stöberte er in Englands Sachen nach ein paar passenden Kleidungsstücken und legte sie für Arthur bereit.

Anschließend durchsuchte er sein Haus nach sämtlichen Alkoholvorräten (es waren nicht gerade wenig! Aber hey, auch er musste seine zunehmend schwerer erscheinende Last mit irgendetwas kompensieren…), schloss sie im Keller ein und warf den Schlüssel weit vor sein Haus in den tiefen Schnee, der immer mehr zu vereisen begann. Sollte er tatsächlich einen Drink benötigen, so konnte er immer noch die Tür eintreten. So aber war England sicher vor dem Alkohol (beziehungsweise der Alkohol war sicher vor England).

Am nächsten Morgen fasste Russland den Entschluss (eingeleitet durch einen vernichtenden Blick des Engländers… Wenn Blicke töten könnten…), diesen Tag nie wieder zu erwähnen, ja, nicht einmal daran zu denken.

oOo

Magie

Ivan starrte ungläubig auf die winzige Gestalt auf Englands Handfläche. Als der Brite ihn in den Raum gerufen hatte, in dem einst Magie und Alchemie praktiziert worden war, und ihm erklärt hatte, dass er jetzt für würdig befunden wurde, „in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen" zu werden, da hatte er zunächst skeptisch eine dünne Augenbraue hochgezogen. Die andere allerdings schoss ebenfalls hinauf, als sein Gegenüber verschleierte Worte murmelte, fließende, aneinandergereihte Anordnungen, Formulierungen und Sprüche.

Und Russland konnte einfach nicht glauben, was sich vor seinen Augen abspielte. War er am Ende doch älter geworden? Hatte Amerika recht? Nein, Amerika hatte niemals recht; er tat nur immer so. Aber das… das war nicht möglich, es war einfach. Nicht. Möglich! Gewiss, er glaubte an Magie, doch kleine geflügelte Gestalten, die jetzt um die beiden Nationen herumschwirrten, waren ein ganz anderes Kaliber.

Sie waren echt?

Der Russe schluckte schwer und warf einen Blick auf England, der völlig versunken im Raum stand und nur noch seine imaginären- nein, sie waren echt! ECHT!- Freunde wahrzunehmen schien, die das Zimmer nach und nach füllten.

Die hünenhafte Nation konnte große, klobige Fleischklopse mit kurzen, scharfen Vogelschnäbeln und –krallen, ansonsten aber menschlichen Gliedmaßen und milchig roten Augen erkennen (Arthur hatte sie „Lilim" genannt); es gab behaarte, flink umher wuselnde Trolle, klitzekleine Wurzelmännchen mit glänzenden Knopfaugen, Feen, nicht größer als sein kleiner Finger und nicht breiter als ein Sonnenblumenstängel, prächtige Drachen in schillernden Schuppengewändern und mit feurig-roter Zunge, blau-graue Geister mit niedergeschlagenen Gesichtern und hell-gelbe Irrlichter, die kaum in der Lage waren, auch nur für eine Sekunde lang stillzuhalten. Da waren Zwerge und Einhörner und Riesen und Vampire und Werwölfe und ein paar seltsame Gestalten, die eher in eine japanische Animeserie gepasst hätten als in sein Haus.

Und inmitten dieses Trubels hatte Russland eine entscheidende Frage.

Wie in Gottes Namen passten all diese Kreaturen in einen Raum?

Nun ja. Abwesend kraulte er einem der Einhörner die Mähne. Es gab nicht für alles in der Welt eine Erklärung.

oOo

Muffins

Natürlich gab es nicht nur glückliche oder spannende Tage. Es war ein trüber Sonntag, an dem Ivan eine weitere wichtige Entdeckung machte. Regel Nummer Zwei: Lass England niemals, niemals allein in der Küche zurück.

Der Russe hatte nichts zu tun und hatte sich vorgenommen, den Tag mit einem schönen Buch auf der Couch zu verbringen. Nach seinem gemeinsamen Frühstück mit Arthur war er direkt davongegangen, um seinen Plan Wirklichkeit werden zu lassen. Derweil hatte der Engländer das schmutzige Geschirr (sehr süß mit kleinen Sonnenblumen am Rand verziert) gewaschen und die Küche geputzt (er konnte nicht anders! Okay, er gab es zu, er war ein Ordnungsfreak… Pfff…), als ihm eine Idee kam…

Da Ivan die Woche über eher wenig Schlaf bekommen hatte, war er für ein paar Stunden eingedöst; das aufgeschlagene, mit zahlreichen Eselsohren versehene Buch lag längst vergessen über seiner sich hebenden und senkenden Brust. Hätte er doch nur gewusst, was für ein Erwachen ihn erwarten würde…

Ivan stöhnte, setzte sich langsam auf und rieb sich verschlafen die Augen. Dann streckte er sich, bis seine müden Knochen knackten, und stand auf. Kurios blickte er sich um; irgendetwas war anders als sonst. Er kam nur nicht darauf, was.

Dann erfasste seine Nase den Geruch.

Unwillkürlich taumelte er zurück; der Gestank nach Asche und verbrannten Lebensmitteln wurde stärker, umhüllte ihn, hielt ihn in seinen gierigen Griffeln und waberte wortlos durch die Wohnung, um seinen armseligen Zimmerpflanzen (dreimal darf man raten, welche Sorte) den letzten Rest zu geben. Moment… Oh nein! Seine Sonnenblumen waren in Gefahr!

Blitzschnell war er am nächsten Fenster und riss es auf. Der Gestank zögerte. Die Freiheit war nah, aber im Haus des großen Mannes gab es noch so viel Verpestungs-Würdiges… Eine schwere Entscheidung, aber die Neugier siegte. Die giftige Wolke sickerte durch die Fensteröffnung und sah erfreut auf all das makellose Weiß, das die Landschaft bedeckte. Endlich eine lohnende Herausforderung! Schon wollte das gasförmige Gift zur Tat schreiten, da schritt der Wind ein und blies die Aschepartikel und was auch immer sich noch darin befand in alle Richtungen; sie vermengten sich mit der Luft, bis sie vollständig verschwunden waren.

Russland atmete auf; das… Ding war ihm eindeutig unheimlich. Es war fast so, als hätte es ein Eigenleben entwickelt.

Bevor noch ein weiteres Ereignis solcher Art geschehen konnte, machte er sich auf, um die Ursache hinter alledem zu ergründen. Schritt für Schritt kämpfte er sich voran, bezwang eine Giftwolke nach der anderen (zum Glück hatte er das Fenster aufgelassen!) und betrat nach einiger Zeit endlich den Ort des Geschehens: Die Küche!

Inmitten all des Chaos stand England; er hatte sich eine Schürze umgehängt und Topflappen in den Händen, mit denen er versuchte, etwas Ominöses aus den Tiefen des glutheißen Ofens zu holen. Aus ebendiesem Ofen kamen die Wolken, und Russland fragte sich unwillkürlich, was er der Welt angetan hatte, um das zu verdienen. Niemand hatte das verdient.

Jeder wusste von Englands Unfähigkeit, etwas auch nur halbwegs Essbares herzustellen, und von denen, die sich auf dieses Risiko eingelassen hatten, waren nur noch die Stärksten da, um davon zu berichten. Und wie es aussah, war Ivan das nächste Opfer.

Hastig öffnete er alle Küchenfenster, die er auf die Schnelle erwischen konnte, und wandte sich dann an den Briten, der seine Anwesenheit noch nicht bemerkt hatte. Er war viel zu beschäftigt mit der Ausgeburt seiner höllischen Kochkünste, die er jetzt vorsichtig in den Händen balancierte. Das Blech war übersät mit undefinierbaren verbrannten… eingeäscherten… Klumpen, die ein seltsam grünes Licht absonderten und sich zu allem Überfluss auch noch bewegten. Als ob sie atmeten. Der Russe stöhnte. Nicht einmal er hatte zu seinen glorreichsten Zeiten solche Monster erschaffen können.

„Ah, Ivan! Du kommst gerade richtig, um ein paar von meinen Muffins zu probieren. Sie sind ein wenig dunkler, als ich erwartet hatte, aber ich denke, man kann sie immer noch essen."

Russland wurde kreidebleich und stützte sich auf den Küchentisch. Wie sollte er das nur überstehen, ohne den Engländer zu beleidigen? Vorsichtig warf er einen zweiten Blick auf die sogenannten Muffins in Arthurs Händen und schaute dem Briten anschließend ins Gesicht. Offensichtlich war die Inselnation nicht im Geringsten von den Ergebnissen seines Vorhabens schockiert; er strahlte vielmehr eine Art Selbstzufriedenheit und Stolz aus, sein Mund war zu einem erwartungsvollen kleinen Lächeln verzogen und…

Verdammt. Ivan war verloren.

Er konnte Arthur nichts abschlagen, nicht, wenn er solch ein Gesicht machte. Mit zitternder Hand griff er nach einem der Klumpen, abgestoßen und seltsam fasziniert zugleich von dem Pulsieren und dem Leuchten, das zwischen seinen Fingern hervor strahlte. Du schaffst das, ermunterte er sich, es sind nur etwas verbrannte Teigstücke. Was tat man nicht alles für etwas Gesellschaft.

Er schob sich das misshandelte, gefolterte Essen in den Mund. Kaute. Schluckte. Und hob überrascht die Augenbrauen. Es schmeckte… nicht einmal schlecht. Es schmeckte sogar ziemlich gut. Offenbar hatte England zum Muffinteig Wodka und Rosinen dazugegeben. Zufälligerweise liebte Russland die Kombination. Sicher, die Konsistenz war eigenartig, ebenso der leichte Nachgeschmack nach Asche, doch es gab dem Ganzen einen einzigartigen Geschmack. Was er sich allerdings fragte, war, woher Arthur den Alkohol hergenommen hatte; schließlich hatte Russland seine ganzen Vorräte im Keller eingeschlossen.

Während er noch kaute, hatte England ihn mit einer Mischung aus Zweifel und Hoffnung angestarrt. Er wusste nicht, wie der Russe reagieren würde, und obwohl er überzeugt war, ein guter Koch zu sein, hatte er doch zu viel negative Kommentare zu dem, was er in der Küche fabrizierte, bekommen. Er war sich nicht sicher, ob Ivan überhaupt mochte, was er ihm gebacken hatte.

Ivan nahm sich einen zweiten Muffin. Ohne das geringste Anzeichen von Abneigung oder Ekel lächelte er und biss er in den fluoreszierenden Klumpen hinein. „Die sind sehr gut, da. Du solltest öfter backen."

Stille.

„Arthur?"

Immer noch keine Reaktion vonseiten des Engländers.

„England! Arthur. Kamerad?" Er wedelte verwundert mit einer großen Hand vor dem Gesicht des Briten herum, der wie versteinert vor ihm stand, mit Augen, so groß wie Untertassen. Okay, Plan B.

„Become one with me?"

„NEIN!", kam die automatische Reaktion seines Gegenübers. Dann stocherte er mit einem dünnen Finger in seinem Ohr. „Entschuldige, Ivan, ich glaube, ich habe mich gerade verhört."

„Ich habe nur gesagt, dass deine Muffins sehr gut sind."

„D-du… du m-magst sie tat-tatsächlich?"

„Sicher, Kamerad. Sie sind köstlich!"

Wie um seine Worte zu bestätigen, nahm er sich noch einen dritten Muffin. Arthur traute seinen Augen und Ohren nicht. Niemals hatte sich jemand ein zweites Mal von seinen Kochprodukten genommen, geschweige denn ein drittes Mal. „Oh…" Völlig verwirrt stellte er das Blech zum Abkühlen auf zwei Korkplatten und begann damit, die Küche erneut aufzuräumen.

Und während er Mehl, Milch, Eier, Zucker usw. an seinen angestammten Platz zurückstellte, verspeiste Ivan fröhlich die restlichen Muffins.

Anmerkungen des Autors: Und wieder ein eher langes Kapitel :D Vielleicht ist jemandem aufgefallen, dass ich im letzten Drabble das Wort „Muffin" zu oft benutzt habe, aber mir ist einfach kein Synonym eingefallen…

YAY! Endlich gibt es jemanden, der Englands Kochkünste zu schätzen weiß XD

Danke an alle meine Reviewer!