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14.

Bei meinen Eltern/Freunden/Schwester/Bruder geht niemand ans Telefon. Dieser Satz hing wie die Urteilsverkündung des jüngsten Gerichts über der Raumstation. Erst traf das nur für ein paar Leute an Bord zu – ein sizilianischer Mafia-Boss, ein griechischer Reeder. Dann mein Geschäftspartner, der ursprünglich aus München stammte. Dann ich. Keine Neuigkeiten von Zuhause, unbeantwortete Anrufe, keine Mails. Von der Raumstation aus konnte man nicht viel sehen. Es war ja nicht so, als wäre Europa plötzlich eine pechschwarze Fläche gewesen… nein, es sah aus wie am Tag unseres Starts. Ich hasse Strahlung! Sie ist schleichend… unsichtbar… tödlich. Sie hat meine Familie dahingerafft. Und Lisas Familie. Und Max' Familie. Und Jürgen wahrscheinlich auch. Und hunderttausende Leute, die ich nicht kannte, aber vielleicht mal gesehen habe, zufällig auf der Straße getroffen, einen Sekundenbruchteil aneinander vorbeigegangen, vielleicht auch nebeneinanderher gelebt.

Auf der Raumstation gab es kein Hell und kein Dunkel, was mich den Tag von der Nacht unterscheiden ließ. Ich hatte mein Zeitgefühl komplett verloren und es war mir auch egal – die Liebe meines Lebens verloren, meine Familie verloren. Was blieb mir denn noch? Stacy hat immer gesagt, dass jeder Mensch seine Bestimmung hat und nichts grundlos passiert, aber das wollte ich zu dem Zeitpunkt nicht wahrhaben. Zu diesem Zeitpunkt waren ungefähr acht Wochen vergangen. Anfänglich hatte ich täglich Mail von Lisa bekommen, doch nachdem der Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen war, wurden auch ihre Mails seltener. Ich dachte, dass sie endlich gemerkt hatte, wie weh sie mir getan hatte und deshalb aufhörte, mir zu schreiben – nicht, dass ich eine der Mails gelesen hätte… Soweit war ich noch nicht. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ihre Mails seltener wurden, weil es nicht ständig Strom und Telefon in Montreal gab. Ich dachte, Eiszeit bedeutet, dass es kalt ist – nicht mehr und nicht weniger. Ich kann so naiv sein! Mir ist nicht einen Moment lang der Gedanke gekommen, dass Kälte auch durchgefrorene Böden bedeutete – Leitungen und Wasserrohre waren da drin, oder?

Lisa stocherte mit einem Schürhaken im Kamin herum. Hoffentlich kam Rokko bald, sonst würde ihr das Feuer ausgehen. „Ich bin wieder da", hallte auch schon seine Stimme durch das kleine Haus. „Schön", freute Lisa sich. Sie sprang auf, warf ihre Decke zu Boden und stürmte in den Flur. „Du bist ja total bepackt", stellte sie enttäuscht fest. „Du könntest mir ja helfen, das alles wegzuräumen, dann kannst kriegst du auch deinen Begrüßungskuss", grinste Rokko wissend zurück. „Ich nehme die Lebensmittel. Geh du und tue etwas Holz in den Kamin", entschied Lisa. „Sonst geht das Feuer noch ganz aus." – „Ay-ay", lachte Rokko und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer.

„Das sind ja ein paar ganz ordentliche Sachen dabei", bemerkte Rokko, als er zu Lisa in die Küche kam. „Hm, finde ich auch. Willst du gleich Mittagessen oder willst du noch etwas warten?" – „Ein bisschen warten", erwiderte Rokko. „Der Kamin brennt übrigens. Lass uns erst noch ein wenig aufwärmen, ja?" – „Oh ja", freute Lisa sich.

Eng umschlungen und zugedeckt bis an die Ohren lümmelten Lisa und Rokko auf dem Sofa, das sie sehr nah an den Kamin geschoben hatten. „Ach, das habe ich ja völlig vergessen, dir etwas zu erzählen", unterbrach Rokko plötzlich die Stille. „Gute oder schlechte Nachrichten?" – „Beides." – „Oh, bitte nur die guten Nachrichten. Schlechte gab es ja in letzter Zeit genug", seufzte Lisa. Rokko wusste sofort, dass sie an die mittlerweile bestätigten Nachrichten aus Europa dachte: Kaum noch Lebende und selbst die so verstrahlt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis… „Die glauben, dass sie bis heute Abend die Wasserleitungen wieder frei haben." – „On schön, endlich mal wieder duschen." – „An deiner Stelle würde ich mich nicht zu früh freuen." – „Wieso?", wollte Lisa wissen. „Du hast selbst gesagt: Keine schlechten Nachrichten. Darum behalte ich die für mich", grinste Rokko. „Sag schon, wo ist der Haken?" – „Es wird nur kaltes Wasser geben." – „Kalt?", lachte Lisa, verzog dabei aber verquält das Gesicht. „Kalt ist ja glatt mal was Neues." – „Ach, frierst du etwa?", witzelte Rokko. „Und das bei dem schönen Wetter." – „Ja, irgendwie erstaunlich, dass die Sonne so scheint – nicht eine Wolke am Himmel seit Wochen. Mein Vater nannte das immer Kernwaffenwetter", erwiderte Lisa erst scherzhaft, bei dem Gedanken an ihren Vater dann aber ernster. „Hm, alles strahlt. Wie Recht er doch hatte."

„Brrr, hoffentlich kann ich mich an das Duschen mit kaltem Wasser gewöhnen", moserte Lisa, als sie einige Stunden später aus dem Bad kam. „Es verleiht dir eine sehr gesunde Gesichtsfarbe", erwiderte Rokko schmunzelnd. „Sehr nett. Jetzt sag bloß noch, du bist schon wieder aufgewärmt." – „Lisa, Schatz, ich bin ein Mann, ich war beim Bund, ich bin nicht so mimosich wie du", versicherte Rokko seiner Frau gespielt ernst. „Ich wüsste aber etwas, von dem uns beiden ganz sicher sehr schnell warm wird", grinste er sie dann an. „Hm, und das wäre?", grübelte Lisa laut. „Tz, das weißt du doch ganz genau", säuselte Rokko, als er sich mit seinen Lippen Lisas näherte. Diese legte ihre Hand in Rokkos Nacken, was diesen zusammenfahren ließ. „Boah, hast du kalte Hände! Damit fasst du aber keines meine meiner erogenen Zonen an." – „Ich weiß genau, wo deine erogene Zone ist. Da komme ich eh am besten mit den Lippen hin", lächelte Lisa verführerisch, bevor sie auf Rokkos Hals zusteuerte. „Vielleicht lässt sich ja etwas gegen deine kalten Hände tun", brummte Rokko genüsslich, nur um einen Augenblick später kleine Küsse auf Lisas Hände zu hauchen.

„Also mir ist jetzt definitiv warm. Was ist mit dir?", wollte Rokko von seiner Frau wissen. „Mir auch", entgegnete sie leise. „Ich liebe dich, weißt du das?" – „Das sagst du doch jetzt nur, damit ich noch etwas Holz in den Kamin lege", lachte Rokko. „Nein. Dafür müsstest du ja aufstehen und ich hätte dich jetzt viel lieber bei mir", kicherte Lisa mit ihrer Hand über Rokkos Brust streichend. „Was hast du denn da?", fragte sie, als sie eine Entdeckung machte. „Wo?", fragte Rokko irritiert über diesen abrupten Themenwechsel. „Na da, unter deiner Achselhöhle." Lisa wälzte sich von ihrem Mann weg und angelte nach ihrer Brille. „Sieht aus wie ein blauer Fleck", diagnostizierte sie. „Dann wird es wohl einer sein." – „Unter deiner Achselhöhle?" – „Vielleicht habe ich mich gestoßen." – „Unter deiner Achselhöhle?" – „Sag doch nicht ständig ‚unter deiner Achselhöhle' in diesem Tonfall. Da kriege ich einen Minderwertigkeitskomplex von. Ist doch egal, was das ist. In ein paar Tagen ist es sicher wieder weg. Und wenn nicht, darfst du dir dann Sorgen machen", lenkte Rokko Lisas Aufmerksamkeit von seiner Hautveränderung ab.