In Türchen Nr. 14 erwartet euch Oneshot mit Lorlen im Fokus; es ist eine Fortsetzung der Kapitel 3 („Der Sklave") und 11 („Der Krieger").


14. Der Heiler

Lorlen war müde. Er konnte sich nicht erinnern, je zuvor so müde gewesen zu sein. Seit einigen Tagen erledigte er die ihm übertragenen Aufgaben nur noch mechanisch, wie in Trance. Er unterdrückte mit Mühe ein Gähnen und versuchte halbherzig, sich auf die Kräuter zu konzentrieren, die er gerade mit dem Mörser zerstieß, um aus ihnen später eine Heilsalbe zur Behandlung von Brandwunden machen zu können. Auch die Aussicht auf eine Standpauke von Lady Vinara, die es nicht gerne sah, wenn die ihr unterstellten Heiler bei der Erfüllung ihrer Pflichten unaufmerksam waren, vermochte es schon längst nicht mehr, ihn aus seiner Benommenheit zu reißen. Lediglich der herbe Duft des zerstoßenen Huswurzes, dessen desinfizierende Eigenschaften der Wundeiterung bei Verbrennungen entgegenwirkten, verhinderte, dass er im Stehen einschlief.

Anfangs hatte er die körperliche Erschöpfung, die von unzähligen durchwachten Nächten kam, mit seiner Magie vertrieben. Eine Zeit lang hatte das auch funktioniert, doch dann war die Wirkung der heilenden Magie immer schneller verflogen. Schließlich gelang es ihm gar nicht mehr, die Müdigkeit, die seine Bewegungen langsam, seine Handgriffe unsicher, und seinen Gang träge machte, aus seinem Körper zu verscheuchen. Zuerst hatte ihn das beunruhigt, doch inzwischen begrüßte er die bleierne Müdigkeit fast, denn sie überdeckte alle anderen Empfindungen. Andere waren fröhlich, hungrig der gelangweilt – Lorlen war müde. Solange er müde war nahm er nichts anderes wahr, auch seine Sorge, seine Trauer und seine Wut spürte er kaum.

„…Lorlen?" Er hob langsam den Kopf und sah in Indrias besorgtes Gesicht. „Tut mir leid, was hast du gesagt?" „Ich sagte, ich gehe jetzt. Meine Schicht ist vorbei und ich habe meiner Schwester versprochen, sie heute Abend noch zu besuchen. Bist du sicher, dass du zurechtkommst?" Die junge Heilerin hatte erst Anfang dieses Jahres ihren Abschluss gemacht und trotz ihrer Unerfahrenheit schätzte Lorlen sie aufgrund der Hingabe zu ihrem Beruf und ihrer aufrichtigen Sorge um ihre Patienten. „Geh nur. Hier ist heute ohnehin nicht viel los." Die junge Frau betrachtete ihn skeptisch. „Um ehrlich zu sein siehst du aus, als würdest du gleich umfallen. Geht es dir nicht gut?"

Innerlich stöhnte Lorlen auf. Das einzige was er wollte, war in Ruhe gelassen zu werden. Er setzte ein mühsames Lächeln auf, dass sich falsch und künstlich anfühlte, und winkte ab. „Alles in Ordnung, Indria. Ich habe letzte Nacht nur nicht besonders gut geschlafen, das ist alles." Die blonde Heilerin sah nicht überzeugt aus, ließ sich aber nach weiteren Beteuerungen Lorlens dazu bewegen, heimzugehen. Nach einem letzten, bekümmerten Blick in seine Richtung war sie verschwunden. Nun war er bis auf einige schlafende Patienten allein in diesem Teil des Gebäudes. Nachts war es nicht notwendig, dass mehrere Heiler anwesend waren, da man zu dieser Zeit lediglich in regelmäßigen Abständen den Zustand einiger schwerer Erkrankter überprüfen und einige Vorbereitungen für den nächsten Tag treffen musste. Seine Schicht dauerte noch bis Mitternacht, dann wurde er von einem mürrisch aussehenden älteren Heiler abgelöst, an dessen Namen er sich nicht erinnerte.

Als er aus dem Heilerquartier hinaus in die Dunkelheit trat und mit langsamen Schritten in Richtung seiner Unterkunft ging, machte er sich nicht die Mühe, einen Wärmeschild zu errichten. Er war sich nicht ganz sicher, ob er in seinem Zustand in der Lage wäre, die nötige Konzentration dafür aufzubringen, und es war ohnehin nicht weit bis zu seinen Räumlichkeiten. Das Knirschen des frischgefallenen Schnees unter seinen Stiefeln und die kleinen weißen Flocken, die auf dem dunklen Grün seiner Heilerroben wie Puderzucker wirkten, ließen ihn innehalten. Die Zeit der Winterfeiertage. Vor Lorlens innerem Auge blitzen Bilder von zwei Novizen auf, die mit roten Gesichtern und nassen Kleidern in den Gärten herumalberten. Vom schneebedeckten Buschwerk getarnt schossen sie magische Schneebälle auf Vorrübergehende oder ließen aus dem nassen Weiß zur Empörung einiger Magier und sehr zur Freude der anderen Novizen kunstvolle Figuren in unanständigen Posen entstehen.

Unwillig schüttelte Lorlen den Kopf. Daran wollte er im Moment nicht denken. Energisch setzte er seinen Weg fort, aber die Bilder verschwanden nicht. Zwei Novizen, die den Früchtepunsch im Speisesaal heimlich mit destilliertem Alkohol aus dem Alchemiezubehör versetzten; ein dunkelhaariger Junge, vielleicht dreizehn Jahre alt, der seinem Freund mit leuchtenden Augen ein offensichtlich selbst verpacktes Geschenk hinhielt; funkelnde Lichtkugeln, die ein einfaches Zimmer in den Novizenquartieren erhellten, in dem zwei Jugendliche spätabends am Boden saßen, Festtagspasteten aßen und sich eine Flasche verbotenen Würzwein teilten. Lorlen schloss die Tür seines Quartiers mit etwas mehr Nachdruck, als notwendig gewesen wäre, und ließ sich seufzend auf einen Stuhl sinken.

Stumm betrachtete er das abgenutzte Stück Papier, das gefaltet auf dem Tisch vor ihm lag. Er hatte es unzählige Male gelesen, obwohl er den Text darin beinahe auswendig kannte. Bis zum nächsten Winterfest bin ich vermutlich wieder in Imardin. Lorlen entrang sich ein bitteres Lachen. Das war vor über vier Jahren gewesen. Anfangs hatten sie einander noch häufig geschrieben, dann waren die Abstände zwischen Akkarins Briefen immer größer geworden. Schließlich – es musste etwa eineinhalb Jahre nach seiner Abreise gewesen sein – hatte Lorlen keine Antwort mehr erhalten. Zuerst hatte er angenommen, Akkarin befände sich irgendwo in einer abgelegenen Gegend, in der es keine Möglichkeit gab, einen Brief nach Imardin zu schicken. Dann hatte er sich eingeredet, sein Freund wäre schlicht zu beschäftigt, um ihm zu antworten oder sein Brief wäre auf der weiten Reise einfach verloren gegangen.

Nach mehreren Monden hatte er schließlich in Gedanken nach seinem Freund gerufen, nur um sicherzugehen. Er hatte erwartet, umgehend die Gedankenstimme des Kriegers zu hören, der – seinem letzten Brief nach zu urteilen – vermutlich gerade in irgendeiner Bibliothek über einem uralten Folianten brütete oder in einer Ausgrabungsstätte nach Spuren früherer Völker und deren Magie suchte. Zu seiner Überraschung jedoch hatte er keine Antwort erhalten. Also hatte er noch einmal gerufen, besorgter diesmal. Das Resultat war das Gleiche. Mehrere Tage lang war das so gegangen und erst als er bemerkte, wie die anderen Magier begannen, ihn mitleidig anzusehen, hatte er damit aufgehört. Ein Gespräch mit den Höheren Magiern hatte schließlich enthüllt, dass diese ebenfalls seit Längerem keinen Bericht mehr von Akkarin erhalten hatten. Das war der Moment, an dem Lorlen begonnen hatte, sich ernsthafte Sorgen um seinen Freund zu machen.

Mit Genehmigung der Höheren Magier hatte er schriftlich Kontakt mit einigen Gelehrten aufgenommen, von denen man wusste, dass sie Akkarin getroffen hatten, doch die einzige Erkenntnis war jene, dass dieser sich für eine Kultstätte in der Nähe der sachakanischen Grenze interessiert hatte, danach hatte man nichts mehr von ihm gehört. Als Lorlen Namen und Lage dieses Ortes in Erfahrung gebracht hatte, hatte er nicht lange gezögert und die Höheren Magier ersucht, seinem Freund nachreisen zu dürfen. Zu seiner Bestürzung war sein Ansinnen abgelehnt worden. Die Informationen wären zu vage, um allein darauf basierend eine solche Reise zu genehmigen. Außerdem fürchtete man Aufgrund des besagten Ortes zur Grenze der Verbündeten Länder bestenfalls erhebliche diplomatische Schwierigkeiten und schlimmstenfalls um die Sicherheit eines entsandten Magiers. Unausgesprochen blieb die Möglichkeit, dass Akkarin Lorlens Rufe absichtlich ignorierte – und sich von der Gilde abgewandt hatte, zum wilden Magier geworden war.

Vinara hatte ihn mitfühlend angesehen und hinzugefügt, dass man auf einen so fähigen Heiler wie ihn darüber hinaus in Imardin nicht verzichten könnte. Sich einer direkten Anweisung der Gildenführung zu widersetzen hätte ernste Konsequenzen nach sich gezogen, weswegen er den Plan, Akkarin heimlich nachzureisen, schließlich verworfen hatte. Enttäuscht und verzweifelt hatte er in den letzten Jahren versucht, mehr über Akkarins Verschwinden in Erfahrung zu bringen, indem er fahrende Händler und Reisende befragte, die aus der entsprechenden Gegend kamen und zahllose Briefe an Edelleute, im Ausland lebende Gildenmagier und Diplomaten geschickt. Ohne Ergebnis. Auch wenn Lorlen es nicht hatte wahrhaben wollen, so hatte er doch insgeheim gewusst, dass es nicht gut aussah. Die unauffällige Verkündung auf der Anschlagtafel neben dem Büro des Administrators letzte Woche hatte ihn dennoch schwer getroffen. Für tot erklärt. Man hatte Akkarin für tot erklärt. Er wusste natürlich um die Dreijahresfrist was verschwundene Personen betraf, doch es hatte ihn trotzdem kalt erwischt.

Lorlen trat ans Fenster und schob die Papierblende zur Seite. Draußen fiel der Schnee jetzt stärker. Er seufzte und lehnte die Stirn an die kühle Scheibe. Er brauchte dringend Schlaf. Er war zwar krank vor Sorge, aber er war auch ein Heiler. Und als solcher war er sich durchaus im Klaren darüber, welche Auswirkungen der Schlafentzug auf seinen Körper hatte – und auch, dass dadurch seine Arbeit mehr und mehr beeinträchtigt wurde. Er gefährdete seine Patienten, und das konnte er nicht verantworten. So konnte er nicht weitermachen. Lorlen betrachtete traurig den vergilbten Brief. So sehr er es sich auch wünschte, Akkarin würde wohl nicht zurückkommen. Nicht nach so langer Zeit. Und er… er musste damit abschließen. Oder es zumindest versuchen.

Lorlen nahm Akkarins Brief in die Hand und las die vertrauten Zeilen noch ein letztes Mal. Dann faltete er ihn langsam und sorgfältig zusammen und legte ihn in die untere Schublade seiner Kommode, zu den alten Unterlagen aus seiner Novizenzeit. Als er die Schublade schloss, krampfte sich etwas in seiner Brust zusammen, doch er hielt nicht inne. Danach stand er noch einen Moment lang da und blickte auf die Maserung des dunklen Holzes, ohne sie wirklich zu sehen. Schließlich ließ er die Lichtkugel über seinem Kopf erlöschen und wandte sich ab.

Leb wohl, Akkarin.


Das nächste Kapitel wird weniger ernst, versprochen.