10. Januar 1917
Canadian Red Cross Special Hospital, Buxton, England
No matter what befalls you
Langsam schlendere ich den Bahnsteig entlang und beobachte die Menschen um mich herum. Ich bin schon ein paar Tage wieder in England, aber es ist immer noch ein wenig ungewohnt, dass alle um mich herum Englisch sprechen, nachdem ich wochenlang fast nur französische Worte gehört habe.
Noch viel ungewohnter ist es, plötzlich Zeit zu haben. Nach einem halben Jahr in der Armee habe ich mich so daran gewöhnt, immer etwa zu tun zu haben, dass sich Urlaub ausgesprochen merkwürdig anfühlt. Es passiert mir mehrmals am Tag, dass ich ein diffuses schlechtes Gewissen habe, ohne genau zu wissen, warum eigentlich, bis mir dann auffällt, dass es daran liegt, dass ich nichts Sinnvolles tue. Ich erinnere mich dann immer selbst daran, dass ich im Urlaub nichts Sinnvolles tun muss, aber so ganz kann auch das die Schuldgefühle nicht vertreiben.
„Ich weiß jetzt, wo wir lang müssen", reißt Walter mich aus meinen Gedanken, als er neben mich tritt, „es ist nicht weit von hier. Zehn Minuten zu Fuß."
„Na dann los", erwidere ich mit mehr Tatendrang, als ich eigentlich fühle.
Er bietet mir den Arm an und ich hake mich bei ihm ein. Während wir durch das Kurstädtchen gehen, sehe ich immer wieder zum ihm hinüber. So ganz satt gesehen habe ich mich an ihm noch nicht.
Walter, aufmerksam wie er ist, bemerkt meinen Blick. „Was ist los, Rilla-meine-Rilla?", fragt er, lächelt mich freundlich an.
Ich deute ein Schulterzucken an. „Eigentlich nichts. Ich bin nur immer noch froh, dass es dir endlich wieder gut geht", erwidere ich.
Zur Antwort drückt er kurz meinen Arm. „Und ich erst!", versichert er dann, „manchmal habe ich gedacht, dass Fieber geht nie weg und ich werde dieses Krankenhaus niemals mehr verlassen können."
„Und jetzt schicken sie dich direkt in das nächste Krankenhaus. Du Armer", bemerke ich mitfühlend.
Walter nickt langsam, aber er bemüht sich, zu lächeln. „So schlimm ist es gar nicht", erklärt er gefasst, „ich glaube, ich kann als Seelsorger in einem Krankenhaus viel bewegen. Du weißt das besser als jeder sonst. Ich wäre natürlich gerne zurück zu meinen Männern nach Frankreich gekommen, aber eigentlich war mir klar, dass das ein Wunschtraum ist. Außerdem ist es vermutlich meiner Gesundheit zuträglicher, wenn mir die Schützengräben noch eine Weile erspart bleiben."
So ist er, Walter. Zu gut für diese Welt. Sieht in allem immer das Gute und macht aus allem das Beste. Ich glaube manchmal, wäre er nicht Pastor geworden, wäre er unerträglich gewesen. Als Pastor erwartete man wenigstens, dass er so ist wie er ist.
„Sie schicken dich in den Süden, oder? An die Kanalküste?", vergewissere ich mich.
„Ja, nach Sussex", nickt Walter, „Eastbourne ist ein Seebad, nicht weit weg von Brighton, wenn auch nicht so bekannt."
Kurz lasse ich meinen Blick über die Straßen von Buxton gleiten, dieses schläfrigen kleinen Kurort, bevor ich mich ihm wieder zuwende. „Schon komisch, oder?", überlege ich laut, „dass sie ihre Krankenhäuser wenn möglich entweder in Herrenhäusern oder in Ferienorten einrichten."
„Oder auf Rennbahnen, nicht wahr?", fragte Walter amüsiert zurück
Unwillkürlich muss ich lachen. Für mich ist der Gedanke, ein Krankenhaus auf einer Rennbahn aufzubauen, mittlerweile so selbstverständlich, dass ich manchmal vergesse, wie abstrus sich das anhören kann.
„Oder auf Rennbahnen", bestätige ich, „wobei dafür die Franzosen verantwortlich sind und denen kann man ohnehin nicht trauen. Sagt wenigstens Dr. MacIver."
„Dr. MacIver ist der Chirurg, oder?", hakt Walter nach.
Ich nicke. „Genau. Er ist menschlich ein bisschen seltsam, aber als Chirurg ist er brillant. Ich lerne wahnsinnig viel vom ihm. Und Dr. Thomas lässt mich mittlerweile manchmal bei der Anästhesie helfen. Er sagt, ich habe viel dazugelernt und – Was?", ich unterbreche meinen Redefluss als ich seinen Blick bemerke. Misstrauisch beäuge ich Walter, der wiederum mit nachsichtigem Lächeln zu mir herab sieht.
„Gar nichts", erwidert er liebevoll, „es ist nur schön zu sehen, wie sehr deine Arbeit dich ausfüllt. Wir hatten alle ein wenig Sorge, dass es dir zu viel werden könnte, aber jetzt sieh dich an: die geborene Krankenschwester! Mich überrascht es fast, dass sie dir überhaupt Urlaub gewährt haben."
„Das hat mich allerdings auch gewundert", stimme ich eifrig zu, „die Oberschwester trägt mir immer noch nach, dass ich ihren Einsatzplan durcheinander gebracht habe, dabei kann ich da gar nichts für! Sie sieht das aber natürlich anders und als dein Telegramm kam, hatte ich deswegen kaum Hoffnung, dass sie mir zeitgleich Urlaub gibt – aber fragen musste ich schließlich, nicht wahr? Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als sie dann tatsächlich ‚ja' gesagt hat. Ehrlich gesagt glaube ich, sie hat nur eingelenkt, weil wir seit dem Ende der Kämpfe bei Verdun noch weniger Patienten kriegen als vorher. Und außerdem – wer möchte sonst schon freiwillig im Januar Urlaub?"
Walter lacht. „Man kann sich schönere Monate vorstellen, zumal diese Kälte es nicht besser macht. Aber es ist schön, dass wir ein bisschen Zeit miteinander verbringen können, oder?", fragt er.
„Natürlich ist es das!", antworte ich heftig nickend, „ich bin so froh, dich sehen zu können! Und es war auch schön, Taplow wiederzusehen und Miss Talbot und Betty und Polly. Ich habe sie vermisst, drüben in Frankreich. Nicht so sehr wie dich und Mum und Dad und alle anderen, aber schon auch ein wenig."
„Es sind nette Mädchen, deine Betty und deine Polly", erwidert Walter freundlich. Als er das Grinsen bemerkt, dass sich auf mein Gesicht stiehlt, hebt er fragend beide Augenbrauen.
Kurz überlege ich, ob ich sagen darf, was ich sagen will, aber es ist ja nur Walter, oder? „Ach, ich dachte nur gerade, dass Polly vermutlich den Tag reut, an dem deine Ordination stattgefunden hat", erkläre ich also, „sie hat Shirley unbekannterweise für Betty bestimmt, aber dich fand sie doch sehr nett."
Walter übergeht meinen Einwurf mit einem nachsichtigen Kopfschütteln, wie er das immer tut. Stattdessen wendet er sich einem neuen Thema zu. „Hast du schon von Shirley gehört, wann sein Offizierskurs anfängt?", fragt er. Ich weiß genau, dass er ablenken möchte, aber ich lasse ihn.
„Noch nicht genau, aber vermutlich noch irgendwann diesen Monat", berichte ich, „er glaubt allerdings nicht, dass wir es schaffen, uns zu sehen. Wenn überhaupt überschneidet sich unsere Zeit in England nur für ein paar Tage und da wird er kaum schon wegkommen. Ihr zwei könnt euch aber bestimmt sehen, wo ihr doch jetzt beide hier seid.
Der Offizierskurs dauert viereinhalb Monate, hat er geschrieben, und Training School, in die sie ihn schicken, ist doch auch irgendwo da unten im Süden."
„In Crowborough", weiß Walter, „das liegt in Sussex, genau wie Eastbourne."
Erfreut sehe ich ihn an. „Dann seid ihr ja nah beieinander!", stelle ich fest, „du musst unbedingt nach ihm sehen, ja? Und mach, dass er mehr schreibt. Gegen ihn bin ja selbst ich eine veritable Briefeschreiberin und ich schreibe meine Briefe meistens im Halbschlaf nach einem OP-Tag. Ich habe bei der Hälfte davon keine Ahnung mehr, was ich eigentlich reingeschrieben habe."
„Ich werde mein Bestes tun", verspricht Walter, bleibt dann plötzlich stehen, „ich glaube, wir sind da."
Mit schief gelegtem Kopf betrachte ich das große Gebäude zu unserer Linken. „Sieht nicht aus wie ein Krankenhaus", bemerke ich kritisch.
„Es war mal ein Hotel, hat der Mann am Bahnhof gesagt. The Peak Hydro? So etwas in der Art", erklärt er.
„Ferienorte, Herrenhäuser und Luxushotels", murmele ich und schüttele ein wenig ungläubig den Kopf.
„Und Rennbahnen", erinnert Walter lächelnd.
Als ich die Augen verdrehe, wird sein Lächeln noch ein wenig breiter. Dann drückt er aufmunternd meinen Arm. „Sollen wir?", fragt er.
Ich zögere eine oder zwei Sekunden, bevor ich nicke, nicht ohne Widerwillen. Ein Teil von mir will dieses Krankenhaus nicht betreten, will nicht wissen, was es verbirgt. Aber ich muss. Ich habe es Nan versprochen, also muss ich.
Einen halben Schritt hinter Walter trete ich durch die imposante Eingangstür, die einmal der Eintritt in vermutlich eines der besten Hotels in der Gegend gewesen sein muss. Jetzt jedoch schlagen mir von innen die bekannten Gerüche und Geräusche eines Krankenhauses entgegen und ich spüre, wie ich mich unwillkürlich entspanne. Ich kenne das, das hier ist mein Terrain.
„Entschuldigung", hält Walter derweil eine verbeieilende Krankenschwester an, „wir würden gerne Lieutenant Meredith sehen."
Die Schwester verharrt in der Bewegung, sieht ihn kurz an, lässt dann den Blick weiter zu mir gleiten. Wir sind Gleiche, das erkennt sie an meiner Uniform, die ich selbst im Urlaub zu tragen habe. Ihre Worte richtet sie dann auch direkt an mich: „Woher kennt ihr Lieutenant Meredith?"
„Er ist unser Schwager", antworte ich sachlich, „ich bin Nursing Sister Blythe. Das ist mein Bruder, Army Chaplain Blythe." Ein weiterer prüfender Blick, dann nickt sie kurz.
„Wartet hier einen Moment. Ich sage Bescheid. Es kommt euch dann gleich jemand holen", erklärt sie und eilt auch schon weiter, ehe ich noch etwas erwidern kann.
Walter sieht ihr hinterher, bevor er sich mir zuwendet. „An schwer beschäftigte Krankenschwestern sollte ich mich wohl gewöhnen, oder?", erkundigt er sich und die kleinen Lachfältchen um seine Augen knittern sich zusammen.
„Es gibt nie nichts zu tun in einem Krankenhaus", erwidere ich schulterzuckend, „vermutlich nicht anders als an der Front."
„Oh, du wärst überrascht. Einen Großteil der Zeit da draußen verbringt man damit, einfach zu warten", entgegnet Walter.
Das überrascht mich in der Tat, aber bevor ich genauer nachfragen kann, höre ich ein Räuspern hinter mir. Als ich mich umdrehe, steht dort ein Orderly, straff Haltung angenommen. „Sir, Ma'am, ich darf Sie zu Lieutenant Meredith bringen", verkündet er.
„Nun denn", murmelt Walter, während er dem Mann mit einem Kopfnicken bedeutet, vorzugehen. Dann greift er nach meiner Hand, hält sie fest in seiner. Bei jedem anderen würde ich die Geste vermutlich abschütteln, aber bei Walter lasse ich es zu.
Der Orderly führt uns die vormaligen Hotelkorridore entlang, die jetzt ebenso effektiv in ein Krankenhaus verwandelt worden sind wie die Rennbahn ihn Saint-Cloud. Schließlich bleibt er vor einer Tür stehen, klopft kurz, verharrt dann.
„Er ist hier", erklärt er unnötigerweise an Walter gewandt. Dann zögert er einen Moment, fügt aber schließlich doch hinzu: „Seien Sie nicht so laut, wenn es geht. Und – bitte beunruhigen Sie ihn nicht."
Mit diesem unheilverkündenden Worten salutiert er und lässt uns dann stehen, läuft den Korridor wieder herunter, in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Walter und ich bleiben stehen, tauschen einen vielsagenden Blick. Wir zögern beide. Schließlich bin ich es, die die Hand auf den Türknauf legt, ihn langsam dreht und vorsichtig die Türe aufstoße.
Das Zimmer ist dämmrig, erhellt nur von der blassen Januarsonne. Jerry sitzt am Fenster, hat uns den Rücken zugewandt. Er dreht sich nicht um, als wir eintreten, lässt nicht einmal erkennen, ob er uns überhaupt bemerkt hat. Sein Blick ist fest auf das Fenster oder irgendetwas dahinter gerichtet. Seine Hände sind fest im Schoß verschränkt, sein Rücken gerade durchgedrückt. Nur sein rechtes Bein bewegt sich, eine leichte, aber unablässige Bewegung, ein kaum hörbares Klopfen seines Fußes auf dem Boden.
Fragend sieht Walter mich von der Seite an, als könnte ich ihm hier irgendwie helfen. Die Wahrheit ist, Jerry ist nicht der erste Patient, dem ich begegne, den der Krieg psychisch gezeichnet hat, das bei weitem nicht. Aber in Taplow hat man uns keine solchen Spezialfälle gegeben, wenn man es verhindern konnte und Saint-Cloud ist sowieso ein rein chirurgisches Krankenhaus. Unsere Aufgabe sind ihre Körper, nicht vorrangig der Geist. Wir flicken sie wieder zusammen und wenn sie psychische Leiden haben, dann sind diese, für den Moment wenigstens, zweitrangig.
Um es kurz zu machen – ich bin kaum weniger hilflos als Walter es ist.
Er scheint das zu merken, denn dieses Mal ist er es, der vortritt, zwei oder drei Schritte zu Jerry hinüber.
„Jerry, alter Junge, wie geht es dir?", spricht er ihn an, in diesem Tonfall, den Männer gerne miteinander annehmen, wenn es emotional wird, und von dem sie wohl glauben, dass er maskulin klingt. Ich kann gerade noch ein Augenrollen verhindern.
Stattdessen beobachte ich Jerry, der bei Walters Worten kurz, aber heftig zusammengezuckt ist. Danach bleibt er einige Augenblicke vollkommen starr sitzen, bis auf das wackelnde Bein, bevor er ganz langsam den Kopf in unsere Richtung dreht.
„Walter", stellt er fest, lässt dann den Blick weiterwandern, „und Rilla."
Seine Stimme klingt irgendwie platt, fast emotionslos, ohne Höhen und Kanten. Monoton. Aber er hat uns erkannt und das erleichtert mich. Er hat also zumindest noch seine Erinnerungen.
„Hallo Jerry", grüße ich vorsichtig und komme ebenfalls ein paar Schritte näher. Er mustert mich, nickt dann etwas verzögert. Sein Gesicht lässt immer noch keinen Ausdruck erkennen, aber jetzt, wo er sich mir zugedreht hat, kann ich sehen, wie blass seine Haut ist, wie eingefallen seine Wangen. Er muss viel Gewicht verloren haben in der letzten Zeit.
„Wie geht es dir?", wiederhole ich jetzt Walters Frage, weil er sie nicht beantwortet hat. Oder vielleicht, weil mir nicht anderes einfällt.
Jerry blinzelt. Einmal, zweimal. Dann dreht er langsam den Kopf wieder zum Fenster und starrt hinaus. Ob er meine Frage nicht verstanden oder nicht gehört hat oder schlicht nicht beantworten will, weiß ich nicht. Aber dass er nicht antworten wird, das zumindest ist klar.
Ich wechsele einen hilflosen Blick mit Walter. Er deutet ein Schulterzucken an.
„Macht ihr den Wecker aus, wenn ihr geht?", kommt es in dem Moment aus der Ecke, in der Jerry sitzt. Rasch sehe ich zu ihm hinüber, aber hätte ich nicht gewusst, dass er es war, der gesprochen haben muss, hätte ich es nicht gedacht. Er hat sich nicht gerührt, zeigt keine Anzeichen, etwas gesagt zu haben.
Als ich wieder zu Walter hinüber sehe, bewegt er lautlos die Lippen: „Wecker?" Fragend hebt er eine Augenbraue.
„Tinnitus vielleicht", wispere ich zurück. Denn im Zimmer herrscht eine fast beunruhigende Stille, durchbrochen nur von dem regelmäßigen Klopfen, das Jerrys Fuß erzeugt. Das Weckerklingeln muss in seinem Kopf sein und ich frage mich fröstelnd, was darin sonst noch passiert, das in der Welt hier draußen keine Entsprechung hat.
„Kein Wunder", murmelt Walter, „mich überrascht eher, dass es noch Soldaten ohne Ohrenklingeln gibt. Da drüben lebt man unter ständigem Beschuss von Granaten."
Er hat leise gesprochen, aber scheinbar nicht leise genug. Denn kaum verlässt das letzte Wort seine Lippen, geht in Jerry eine ruckartige Veränderung vor. War er vorher verzögert in seiner Reaktion, springt er jetzt so schnell auf, dass weder Walter noch ich etwas tun können. Bevor wir auch nur begriffen haben, was los ist, ist er bereits zum Bett gelaufen und darunter gekrabbelt. Seine Bewegungen sind ungelenk, eckig, und er droht mehrmals zu fallen, bevor er das Bett erreicht. Sein wackelndes Bein scheint er nur ansatzweise kontrollieren zu können, es rutscht mehrfach unter seinem Körper weg und er muss es mit den Händen festhalten, während er läuft.
Walter scheint erstarrt, als er das sieht, also fällt es mir zu, mit zögernden Schritten zum Bett zu gehen und mich daneben hinzuknien. „Jerry?", frage ich vorsichtig, als ich unter der Bett spähe, „Jerry, alles in Ordnung?"
Es ist eine blöde Frage, das weiß ich selbst, aber was soll ich anderes sagen?
Jerry antwortet nicht. Er hat sich unter dem Bett zusammengekauert, die Hände über den Kopf gelegt und die Augen fest zugekniffen. Erst jetzt bemerke ich, dass seine linke Hand und der Arm heftig zittern, fast bis zur Schulter hinauf.
„Jerry?", versuche ich es noch mal, aber statt zu antworten, beginnt er nur, hektisch zu summen. So, als versuche er, mit dem Summen etwas zu überdecken, vielleicht meine Stimme oder irgendetwas anderes, das nur er hören kann.
Ein Schatten fällt über mich und als ich mich wieder aufsetze, blicke ich zu Walter hoch. „Holst du jemanden?", bitte ich ihn. Meine Stimme klingt ganz ruhig, was mich für einen Moment überrascht, aber wirklich nur für einen Moment. Man hat mir beigebracht, möglichst niemals die Nerven zu verlieren. Und das hier unterscheidet sich so sehr nicht von einer abgerissenen Arterie.
Das heißt jetzt nicht, dass ich heute Abend, in meinem Bett in einer nichtssagenden Pension in Manchester, darum nicht weinen werde. Aber Tränen sind etwas für das Dunkel und die Einsamkeit der Nacht. Für den Moment bin ich ganz ruhig, ganz beherrscht.
Walter scheint dankbar zu sein, dass ich ihm sage, was er tun soll. Er sieht ziemlich bleich aus und da ist ein Schrecken in seinen Augen, der sich vermutlich in meinen spiegelt. Aber er nickt und eilt dann aus dem Zimmer. Vermutlich ist er froh, es verlassen zu dürfen. Ich wäre es.
Stattdessen beuge ich mich wieder herunter. Leise spreche ich auf Jerry ein, um ihn irgendwie zu beruhigen, aber der gewünschte Erfolg bleibt aus. Wenigstens hört er irgendwann auf zu summen.
Als ich Schritte höre, die rasch näher kommen, setze ich mich wieder auf. Wenige Sekunden später betreten zwei Orderlies das Zimmer, zusammen mit einer Schwester. Ihnen folgen Walter und ein müde aussehender Arzt, der mir kurz zunickt. Ich rappele mich hoch, überlasse das Feld den Orderlies und der Schwester, die sicherlich eher damit umzugehen wissen als ich.
Walter ist mit dem Arzt in der Tür stehen geblieben und jetzt winkt er mich mit einer kleinen Handbewegung näher. Als ich zu ihnen auf den Korridor hinaus trete, schließt er Arzt die Tür fest hinter mir.
„Was war das da gerade, Doktor?", frage ich ohne große Umschweife. Für Höflichkeit fehlt mir die Geduld.
„Ich vermute, Sie haben eines seiner Reizworte genutzt", erwidert der Arzt sachlich.
Langsam nicke ich. „Reizworte", wiederhole ich dann. Der Begriff ist mir neu, auch wenn ich eine Idee habe, was damit gemeint ist.
„Lieutenant Meredith ist einer unserer – nun, ‚pflegeleichteren' Patienten. Er ist im Regelfall sehr ruhig, manchmal beinahe katatonisch. Es gibt allerdings einige spezielle Worte, die bei ihm eine Angstreaktion auslösen, wie Sie sie gerade gesehen haben", führt der Arzt weiter aus.
In Gedanken gehe ich unser Gespräch durch, das Jerrys Reaktion vorangegangen ist. Walter jedoch ist schneller. „Granaten", bemerkt er resigniert, „ich habe etwas über Granaten gesagt."
Der Arzt nickt. „Ja, ‚Granaten' ist eines dieser Worte", erklärt er. Wenn er sich fragt, warum Walter ausgerechnet dieses Wort vor einem Patienten wie Jerry erwähnt hat, so lässt er es nicht erkennen. Dass Walter sich trotzdem schämt, steht für mich aber außer Frage.
„Wissen Sie, wie Ihr Schwager verwundet wurde?", hakt der Arzt jetzt nach.
Ich will gerade den Kopf schütteln, da antwortet Walter schon: „Ich habe mich umgehört, als ich noch in Frankreich war. Es war während der Kämpfe um die Minenkrater bei St. Eloi, dem ersten großen Einsatz der zweiten Division. Es muss höllisch gewesen sein. Über Wochen haben die Soldaten unter Feindbeschuss in den schlammigen Kratern gehockt, bei Wind und Wetter. Sie haben tagelang nicht geschlafen, konnten sich nur auf dem Boden robbend fortbewegen, denn wer den Kopf hob, war tot. Während der ganzen Zeit Beschuss durch Granaten, Artillerie, Maschinengewehre und, immer wieder auch, Nahkampf. Es war das reinste Chaos – ein Desaster. Die Verluste waren verheerend und am Ende waren die meisten Krater wieder in deutscher Hand. Jerry hat das alles mitgemacht, denn erst kurz bevor sein Bataillon aus der Linie genommen wurde, ist ist er durch eine Granate verletzt worden."
„So muss es gewesen sein", stimmt der Arzt zu, „an guten Tagen können wir mit ihm manchmal über den Tag seiner Verwundung sprechen. Er tut es nicht gerne, aber ich weiß mittlerweile, dass sein Bursche von der gleichen Granate getötet wurde, die Ihren Schwager verletzt hat. Sie hat ihm Kopf weggesprengt. Danach lag Lieutenant Meredith einen Tag verwundet in einem Krater, dicht neben dem Körper des Burschen, bevor es ihm gelungen ist, sich in Sicherheit zu schleppen. Den Körper hat er zurücklassen müssen, was er sich bis heute vorwirft."
Und plötzlich ist es, als wäre die Temperatur in dem Korridor um mehrere Grad gefallen.
„Glauben Sie, dass er deswegen…?", beginne ich, aber weil ich keine Ahnung habe, wie ich die Frage beenden soll, lasse ich sie in der Luft schweben.
Der Arzt jedoch scheint zu verstehen, denn er nickt langsam. „Wir haben alle eine Belastungsgrenze. Einen Punkt, an dem wir nicht mehr weitermachen können", erwidert er nachdenklich, „bei manchen kommt er früher, bei anderen später. Ich denke, bei Ihrem Schwanger war sie erreicht, als er den Tod seines Burschen mitansehen musste. Die Symptome, an denen er jetzt leidet, betrachte ich als Folge dieser Erfahrung, viel mehr denn als Konsequenz seiner eigenen Verwundung, die ihn weder körperlich noch mental mehr zu belasten scheint."
„An welchen Symptomen leidet er?", erkundigt Walter sich, „außer…" Er macht eine vage Kopfbewegung in Richtung der Tür zu Jerrys Zimmer.
„Nun, zum einen an Appetit- und Schlaflosigkeit. Wenn er doch schläft, hat er häufig wiederkehrende Alpträume. Zudem leidet er an einem andauernden Tinnitus, gelegentlichen Kopfschmerzattacken und einem wechselnden Tremor, der unterschiedliche Körperteile befallen kann", zählt der Arzt auf, „er ist jedoch, und das sind gute Neuigkeiten, geistig weitgehend klar. Er weiß, wer er ist und hat Zugriff auf sämtliche Erinnerungen. Damit geht es ihm besser als manchen anderen unserer Patienten."
„Wie behandeln Sie ihn?", frage ich vorsichtig, fast ein wenig widerwillig. Denn während der Arzt gesprochen hat, ist in mir die Erinnerung an ein überhörtes und dann vergessenes Gespräch hochgekommen, das sich mit dem Sinn und Unsinn von Elektroschocktherapien für Kriegszitterer befasst hat. Und das hat eine ganz eigene Art von Gruseln an sich.
„Unser Behandlungskonzept umfasst beispielsweise Gespräche, Hypnosesitzungen, Massagen und warme Bäder", erklärt der Arzt sachlich, „wie es sich genau zusammensetzt, hängt vom einzelnen Patienten ab."
Ich stoße einen Atemzug aus, von dem ich nicht bemerkt habe, dass ich ihn angehalten hatte. Wenigstens keine Elektroschocks. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn der Arzt gesagt hätte, dass sie Jerry damit ‚behandeln'.
„Es ist gut, dass er hier ist und eine solche Behandlung bekommt", bemerkt Walter jetzt. Bei den meisten Menschen hätte das vermutlich anbiedernd geklungen, aber bei ihm ist es lediglich eine Feststellung. Und er hat Recht – es ist gut.
Zum ersten Mal scheint der Arzt etwas zu zögern. „Es ist bedauerlich, dass nicht alle Patienten, die unter den psychischen Belastungen des Krieges leiden eine dem angemessene Therapie erhalten", erwidert er dann gemessen, fast ein bisschen steif.
Er ist diplomatisch. Denn wer weiß denn, wie oft Symptome, wie Jerry sie hat, abgetan werden, als Schauspielerei oder als Feigheit? Als ein Versuch, den Kämpfen zu entgehen?
Walter sieht aus, als wolle er noch etwas dazu sagen, aber in dem Moment öffnet sich die Türe zu Jerrys Zimmer und die Krankenschwester tritt hinaus. „Er ist jetzt wieder ruhig", erklärt sie an den Arzt gewandt.
Er nickt ihr kurz zu, bedankt sich, wendet sich dann wieder an Walter und mich. „Wollen Sie wieder zu ihm?", fragt er.
Ich wechsele einen schnellen Blick mit Walter. „Ist das klug?", fragt er dann zweifelnd und spricht genau das aus, was auch ich mich frage.
„Ich sehe nicht, warum es unklug sein sollte", entgegnet der Arzt, „zumindest nicht, wenn Sie Gespräche über den Krieg meiden. Sie haben gemeinsame Erinnerungen mit ihm, aus der Zeit vor dem Krieg, nicht wahr? Sprechen Sie darüber mit ihm. Vielleicht hilft ihm die Erinnerung dabei, das Erlebte besser zu verarbeiten."
Das klingt tatsächlich irgendwie sinnvoll und als Walter mich erneut fragend ansieht, nicke ich leicht. „Na dann", murmelt er, scheint sich selbst kurz Mut zuzureden und betritt dann erneut Jerrys Zimmer.
Ich bleibe noch kurz im Korridor stehen, lasse die beiden Orderlies vorbei, die gerade ebenfalls das Zimmer verlassen. Dann mache auch ich einen Schritt darauf zu, verharre jedoch in der Tür und drehe mich noch einmal zu dem Arzt um: „Doktor?"
Er sieht auf von einigen Papieren, die die Schwestern ihm gegeben hat, und bedeutet mir mit einer kleinen Kopfbewegung, fortzufahren.
„Glauben Sie…", frage ich zögernd, „glauben Sie, dass er wieder – naja, gesund wird?"
Zum ersten Mal sehe ich die Andeutung eines Lächelns auf seinen Zügen, aber es ist ein trauriges Lächeln. Es dauert einen Moment, bevor er antwortet: „Ich weiß, dass wir alles in unserer Macht stehende dafür tun werden. Für ihn und für alle anderen Patienten. Aber wer von ihnen es schaffen wird… nun, das kann niemand sagen."
Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Your King and Country want you" aus dem Jahr 1914 entnommen (Text und Musik von Paul Rubens).
