Geez! Was finden Autoren nur an langen Haaren, Tattoos und verschieden geformten Metallteilen in allen möglichen und unmöglichen Körperstellen? Was ist daran 'sexy' oder 'cool', abgesehen von dem ständig leicht ungewaschenen Gefühl, das von einem solchen Typen ausgeht? Und WIE zur Hölle kommen die darauf, daß so etwas an einer englischen Privatschule erlaubt wäre? °kopfschüttel° Manchmal kapiere ich es einfach nicht… bin ich der einzige Teenager auf der Welt, der denkt, daß man sich eventuell doch eher auf die Zukunft konzentrieren sollte als darauf, in der Gegenwart cool zu wirken? Und WAS ist es mit den langen Haaren bei Männern? Methinks daß lange Haare extrem unsexy sind… und aus eigener Erfahrung weiß ich, daß sie außerdem extrem unpraktisch sind und nach jeder physischen Aktivität gewaschen, getrocknet, frisiert und geklebt (jedenfalls wenn sie so widerspenstig wie meine sind) werden müssen. WARUM also sollte Harry plötzlich lange Haare haben wollen? Afaik waren die Mitte der Neunziger doch schon wieder out…

Kann mir bitte jemand sagen, was daran 'cool' ist? Und bitte ohne das Wort 'Legolas' zu erwähnen? (habe noch einen leichten Hörschaden von meinem letzten Mallbesuch… Gruppe quietschender Teens kamen aus dem HotTopic… na ja, haben mich als Gapper beschimpft, was auch immer das sein mag… bin nicht up to date was slang engeht…)


Disclaimer: Harry Potter ist Eigentum J.K. Rowlings und verschiedener Publizisten einschließlich aber nicht ausschließlich Scholastic Books, Bloomsbury Publishing, Warner Bros. und Carlsen Verlag. Diese Geschichte will nicht in deren Rechte eingreifen, ist nur zur Unterhaltung geschrieben worden und jeder Versuch, aus ihr Profit zu schlagen steht im ausdrücklichen Widerspruch zur Absicht der Autorin.
Kurzinfo:

Titel: Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Autor: starlight, aka Neli

Co-Autor: Brandy aka BrandyV

Betas: Die geduldige, phantastische Maginisha!

Rating: PG-15

Kontakt: Hoshiakariweb.de (Neli)

Kurzzusammenfassung: Nach einem eher aufregenden Sommer kehrt Harry Potter nach Hogwarts zurück. Sirius' Tod belastet ihn schwer, trotzdem gibt er sein Bestes, um zu der Waffe zu werden, die Voldemort vernichten kann. Wenn da nur nicht die Zweite Prophezeiung Professor Trelawneys und der mysteriöse Talisman des Ourouboros wäre! Und was meint ein Mädchen, wenn es um Hilfe mit den Wahrsage-Hausaufgaben bittet? Harrys Jahr wird vieles werden, nur eines nicht: langweilig!


"..." sprechen

'...' denken

- ...- Parsel

--- Orts-/ Zeitwechsel (was, dürfte klar sein)



Kapitel 14
: Das Handbuch des Herumtreibers


Es war die Aussicht auf die Ankunft von Remus und Tonks am Wochenende, die Harry durch die Woche nach seinem Quidditchspiel brachte. Die Lehrer, seien sie nun erleichtert, daß das Spektakel endlich vorüber war oder noch ein wenig bitter, weil ihr Favorit unterlegen war (und damit war selbstverständlich ein Lehrer im Besonderen gemeint) übertrafen sich selbst in ihren Vorträgen und in der Hausaufgabenverteilung. Harry glaubte, daß jeder von ihnen einen Zeitumkehrer besitzen mußte- allein mit dem, was sie von den Sechstklässlern zur Korrektur einforderten wäre jeder Mensch wohl einen vollen Tag lang beschäftigt.

Dennoch zeigten sie keine Anzeichen von Müdigkeit, Professor McGonagall konnte man im Gegenteil in dieser Woche sogar eine regelrecht heitere, gelockerte Disposition nachsagen- zumindest so gelockert, wie die strenge Dame jemals sein konnte. An ihren Unterrichtsmethoden änderte das nichts, die Verwandlungsstunden blieben so anspruchsvoll wie seit Beginn des Schuljahres.

Die Spannung zwischen der fröhlichen und gelösten Stimmung in der Schule und der ängstlichen Paranoia in der Zauberwelt fand den perfekten Spiegel in einem einzigen Schüler.

Harrys eigene Freude und Schadenfreude über Draco Malfoys nicht nur im wörtlichen Sinne tiefen Fall- wie sich herausstellte, war er von seinen Teamkameraden beinahe aus der Mannschaft geworfen worden und nur ein Eingreifen Snapes hatte ihm seine Sucher-Position gerettet- stellte sich als das wirksamste Mittel gegen Voldemort-Visionen heraus, was er bislang entdeckt hatte. So sehr er sich gerne als großmütiger Sieger fühlen würde, so sehr stach ihn der kleine fröhliche Teufel im Bauch jedes Mal, wenn er an Malfoys zerbrochenen Merkurion und das fassungslos entsetzte Gesicht des blonden Slytherin dachte, als dieser zu spät Harrys Finte durchschaute.

Hermine warf Ron und ihm vorwurfsvolle Blicke zu, wenn sie zur Freude des Gemeinschaftsraums wieder und wieder eine eindrucksvolle Pantomime dieser klassischen Szene zum Besten gaben, aber Rons Konter -"Immerhin spielen wir es nicht in der Großen Halle, 'Mine!"- erinnerte sie daran, was Harry im dritten Schuljahr dank seiner (unglücklichen) Reaktion auf die Dementoren im Zug hatte durchmachen müssen, und da ihre Sympathien für Malfoy wohl auch nicht gerade von größter Stärke waren, fand man sie bald über ihre Bücher gebeugt, die Schultern leise bebend und ein schmales Lächeln auf dem anscheinend so konzentrierten Gesicht.

Doch auf der anderen Seite las er auch Tag um Tag von neuen Todesser-Angriffen, von neuen Toten, von mehr und mehr Einschränkungen der Freiheit der Bürger der Zauberwelt. Muggel-Tote wurden stets nur in einer kleinen Randspalte im Tagespropheten erwähnt, doch ihre schiere Zahl verursachte Harry kalte Magenkrämpfe.

Er verbrachte seine Tage nach wie vor mit einer Mischung aus Lernen, Üben, seinen morgendlichen Runden um den See und zusätzlicher Recherche. Wegen des intensiven Quidditchtrainings war vor allem Letztere seit Hogsmeade sehr zu kurz gekommen. Harry machte sich deswegen stark selbst Vorwürfe, die gegen Ende der Woche wieder in jenen furchtbaren Alpträumen endeten, in denen er alle, die er auf irgendeine Art und Weise liebte oder geliebt hatte, sterben sehen Manchmal, wenn Voldemort selbst an einer der Attacken auf arglose Menschen teilnahm, reichte nicht einmal seine Okklumentik oder die verblassende Erinnerung an Draco Malfoys Unglück, um die Bilder abzublocken, die über die Verbindung zwischen ihnen in Harrys Geist gelangte. Die Auroren und Phoenixagenten kamen stets zu spät- Snape konnte niemanden warnen, wenn die Angriffe so spontan waren- und der Terror ging weiter.

Als das Wochenende herangekommen war, war er sich nicht einmal mehr sicher, ob Remus und Tonks noch am Leben waren. Auch Hedwig war unverrichteter Dinge mit Harrys Brief an die Beiden zurückgekehrt. Dumbledore hatte ihm zwar versichert, daß beide auf einer ungefährlichen Mission in der Muggelwelt waren, aber seit die Vampire sich Voldemort angeschlossen hatten, fand man mehr und mehr Opfer, die nicht einen einzigen Tropfen Blut mehr in ihren Adern hatten. Manche fand man überhaupt nicht mehr und nur die Vermisstenanzeigen bewiesen, daß sie einmal am Leben gewesen waren. Voldemort züchtete eine Armee dunkler Kreaturen- und alles, was Harry tun konnte, war, Dumbledore das mitzuteilen, in der Hoffnung, er würde Nachricht seiner… ja, was waren Remus und Tonks eigentlich? Remus war sein… Vormund. Sein Ersatzvater, nachdem Sirius es nicht mehr sein konnte. Und Tonks…?

Dumbledores traurig-verständnisvoller Blick, der ihm die Wasserspeier-Treppe hinunter gefolgt war, verstärkte nur seine Panik. Sicher konnte er doch sagen, was mit den Beiden war? Sicher würde er nicht den Fehler machen, Harry derart wichtige Informationen vorzuenthalten. Doch dann besann er sich wieder auf eine gewisse Prophezeiung. Es gab Fehler, die selbst der stärkste Zauberer der Welt nicht verhindern konnte, weil er etwas mit fünf Milliarden(1) anderen Menschen auf der Erde teilte: seine Menschlichkeit.

Nun, einen Menschen konnte er zumindest ausschließen- mit Voldemort teilte Dumbledore außer einer gemeinsamen Vergangenheit gar nichts. Der schlangenähnliche Körper seines Erzfeindes war nur das äußere Zeichen der inneren Verdorbenheit, der Menschlichkeit beraubt, die sein Besitzer schon vor Jahren aufgegeben hatte.

'Wer einen Menschen tötet, verschenkt seine Seele', so lautete ein Sprichwort, dessen Inhalt Harry nun mehr denn je Schauer über den Rücken jagte. Bei allen Gräueltaten, die Voldemort beging, so hatte er doch noch immer die Erinnerungen von Tom Riddle. Tom Riddle, der ein Mensch war. Tom Riddle, den Harry in der Gestalt von Voldemort töten mußte, um sein eigenes Leben zu retten. Würde er in diesem einen Moment all das verlieren, für was er bis dahin gestanden hatte, was ihm Halt gegeben hatte und was ihn von Voldemort unterschied?

Seine Freunde, Remus, Tonks, Dumbledore- konnten sie noch den Menschen in ihm sehen, wenn sie den Mörder gesehen hatten? Würden sie ihn als das Monster erkennen, das er war, auch wenn es nun noch nicht aus seiner Schale gekrochen war?

Remus glaubte, er sei ein Monster, weil er sich gegen seinen Willen einmal im Monat seine menschliche Gestalt verlor- was würde er sagen, wenn er schließlich sah, daß Harry aus freien Stücken das getan hatte, was er selbst unter Zwang nie tun würde?

Die beiden Extreme rissen ihn hin und her. Hermine, mit der er mehr und mehr Zeit außerhalb des Unterrichts verbrachte um gemeinsam zu lernen (sie schien in ihm nun plötzlich einen lohnenswerten Studienpartner auch für andere Fächer als Verteidigung zu sehen) bemerkte wahrscheinlich etwas, doch wenn sie versuchte, Harry darauf anzusprechen, funkte auf die eine oder andere Weise ständig Ron dazwischen.

Dessen alte Eifersucht reckte wieder ihren schlangenbehaarten Kopf- daß es Harry gewesen war, der Malfoy in die Schranken verwiesen hatte, und niemand seine Leistung als Teamkapitän erwähnen wollte, war wahrscheinlich ebenso schuld daran, wie Harrys Lernen mit Hermine. Jedenfalls ließ er den Beiden keinen Moment außerhalb ihres Lernens, so daß es letztendlich ein Harry am Ende seiner Nerven war, der zwar mit gut geübten Zaubersprüchen mit und ohne Zauberstab und drei Haarfarben mehr, aber fast ohne Hoffnung, seinen Vormund gesund und munter anzutreffen, in den Raum der Erfordernis stolperte.

Auf der Kante eines einfachen, rauhen Holztisches saß sein Pate, neben ihm eine farbenfrohe Tonks. Das breite Grinsen, das sich bei ihrem Anblick auf Harrys Gesicht stahl, drohte dieses entzweizuspalten. Entgegen aller sonst für Sechzehnjährige üblichen Vorsicht, bei Zuneigungsbezeugungen gegenüber 'Elternfiguren' beobachtet zu werden, warf er die weit ausgebreiteten Arme um seinen Paten ehrenhalber und drückte zu, so fest er nur konnte.

"Hallo Harry, freut mich auch, dich zu sehen," keuchte Remus erstickt aus der stürmischen Umarmung hervor. Er war sich sicher, daß mindestens eine Rippe angeknackst war, von der Unmöglichkeit, Atem zu schöpfen während ein Teenager an ihm hing wie an einer Rettungsleine, ganz zu schweigen.

"Dumbledore wollte nichts sagen… nur, daß ihr in der Muggelwelt unterwegs wart… und ich dachte… ich dachte…" murmelte Harry, bevor er sich plötzlich seiner Situation bewußt wurde und Remus losließ, als hätte er sich an ihm verbrannt. "Sorry, Remus."

"Ist schon gut, Harry. Ich wußte nicht, daß du so reagierst… es ist meine Schuld, ich habe Albus gebeten, nichts zu sagen. Ich wollte, daß es eine Überraschung für dich ist… hoffentlich eine gute, aber…" Remus ließ seine Worte auslaufen, was Harry erneut unsicher werden ließ. War doch etwas geschehen? War jemand tot?

"Remus, was ist los? Wer… Wen hat Voldemort diesesmal…?" Es war Tonks, die zuerst lachte, ein silberhelles Kichern.

"Oh, Harry- nicht immer hängt Remus' Sprachlosigkeit mit einer Katastrophe zusammen!" Sie streckte ihm die Hände entgegen. "Hallo, erst einmal."

"Hi Tonks," murmelte Harry verlegen und mittlerweile schamrot.
"Und, ist dir etwas aufgefallen?" fragte sie. Harry schüttelte verlegen den Kopf. Erst sprang er Remus an, dann zog er falsche Rückschlüsse aus seinem Verhalten und jetzt erwartete Tonks, daß er ein Gedankenleser war?

"Guck noch einmal!" Wieder streckte sie ihm die Hände hin.

"Ringfinger," sagte Remus hilfsbereit. Erst dann sah Harry den kleinen, einfachen Solitaire-Diamanten in einem schlichten Weißgold-Ring.

"Huh? Tonks, du… wen?" stotterte Harry. Tonks heiratete? Aber sie war doch mit Remus zusammen?

"Ist er immer so langsam? Ich glaube, ich überlege mir das mit dem Tantesein noch einmal!" grinste Tonks. Harrys Grinsen kehrte mit voller Wucht zurück.

"Tante? Du meinst, ihr beide? Wann?" fragte er. Remus grinste verlegen.

"Im Sommer. Wenn du einverstanden bist, am ersten August. Wir wollten dich nämlich gerne als einen unserer Zeugen benennen, aber dazu mußt du in der Zauberwelt volljährig sein. Und… bist du überhaupt einverstanden? Mit Tonks als deiner Tante, meine ich." Remus wartete gespannt. Harry setzte ein gespielt grübelndes Gesicht auf, Rache für die Momente der Unsicherheit, durch die die beiden Scherzkekse vor ihm geschleust hatten.

"Harry? Wenn du nicht…"

"Aber natürlich bin ich einverstanden, du Dummkopf!" lachte Harry. "Ich habe wieder beinahe eine Familie!"

Im nächsten Moment fand er sich in einer doppelten Umarmung wieder, die er fest erwiderte. Seine Familie- denn das waren Remus und Tonks nun- löste sich nur widerwillig voneinander und von ihm.

"Ich glaube, das ist ein Grund zum Feiern," sagte Remus und zog mit einem schlauen Grinsen eine verdächtig aussehende Flasche aus der Manteltasche. "Champagner für alle!"

"Außer für meinen neuen zukünftigen Patensohn," konterte Tonks, "er mag zwar 16 sein, aber in Hogwarts ist Alkohol unter 17 doch noch verboten…" Sie kicherte, als Remus mit dem Zeigefinger gegen ihre Rippen stupste.

"Wie mir scheint hast du vergessen, zu welcher Gruppe dein Verlobter gehörte, als er noch in der Schule war, oder?" grinste Harry, "ich glaube kaum, daß ein ehemaliger Herumtreiber sich von etwas so Bedeutungslosem wie dem Alter vom Champagnergenuß abhalten lassen würde!"

"Wie recht du hast, Bambi," sagte Remus und beschwor mit einem Schlenker seines Zauberstabes und einigen gemurmelten Worten drei Gläser herauf, noch bevor der Raum der Erfordernis es konnte. "Also hör auf, den Moralapostel zu spielen und…"

"Hey, ich bin Auror!" protestierte Tonks, "Moralapostel steht mit in meiner Berufsbeschreibung!" Die Männer tauschten Blicke aus und lachten.

"Okay," sagte Remus schließlich mit einem Schulterzucken, schenkte aber trotzdem alle drei Gläser voll.


Verkatert und verschlafen stolperte Harry hinunter zu Hagrids Hütte. Er hatte seinem ersten Freund in Hogwarts versprochen, sich mit ihm zum Tee zu treffen- aber wenn er ehrlich war hätte er lieber weiter leidend in seinem Bett gelegen. Sein Mund fühlte sich an, als hätte die Sahara eine partielle Apparation auf seine Schleimhäute durchgeführt, seine blutunterlaufenen Augen pochten wie seine Schläfen, und seine Haare… nun, er würde lieber über sie schweigen.

Hedwig kreischte vergnügt auf seiner Schulter, jagte damit weitere Schmerzblitze durch sein dehydriertes Gehirn. "Na los, geh schon- der Verbotene Wald ist dort vorn, fang dir ein paar leckere Mäuse… oder Salamander, oder was du willst!"

Die Schneeule schwang sich in die Luft, nicht ohne ihm zum Abschied zärtlich ins Ohr zu beißen, und Harry atmete einmal tief durch. Geheiligte Stille!

"MalwiedereinneuesBil d!" "Inhaltgesehen!" "NehmenSalatFüttern!" "MitderSonne!" "PhoenixThestral!" "FressenBildMalneues!" Harry schrak zusammen, als er die Tür zu Hagrids Hütte öffnete. Kreischende, schrille Stimmen- Dutzende von ihnen! Und sie hörten nicht einen Moment auf, zu sprechen!

"Ah, hallo Harry!" dröhnte Hagrid über die Kakophonie des Grauens hinweg, "was sagst du zu meinen Mulloquis? Sin'n neues Projekt für deine Klasse! Sin' gerade aus Ägypten eingetroff'n, aber weil sie sich nich' mit Baby vertragn hab ich sie hier drinn' gelassen!" Er strahlte über das ganze Gesicht. "Sin' sie nich' wundervoll?"

Harry wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Bunte Pelzkugeln mit winzigen Beinchen, riesigen Köpfen und eher scharf aussehenden Nagezähnen kugelten sich unter einem magischen Wärmelicht (aus Hagrids rosa Regenschirm) übereinander. Sie schienen glücklich damit, mit sich selbst Diskussionen zu führen, auch wenn nichts, was sie sagten, einen Sinn ergab.

"Sie sind… äh… gesprächig," sagte Harry und knetete verlegen seine Finger.

"Ja, das sin' sie, nich wahr?" meinte Hagrid und beugte sich über die Mulloqui-Kolonie (was eine Vielzahl alarmierter Pfiffe auslöste). "Sie hab'n vier Münder. Das is', damit sie sich unterhalten können, wenn sie Wache für die Kolonie steh'n. Un' sie ham zwei Ohren… aber die sin' meist damit beschäftigt, den Mündern zuzuhör'n. Ihr dürft sie dann füttern- fressen nur Girlsenbeeren (2), die Kleinen!"

Einer der 'Kleinen' schnappte mit seinen acht scharfen Zähnen (Harry erkannte jetzt deutlich, daß die goldigen Fellknäuel zwei Münder mit jeweils vier Nagezähnen besaßen) nach Hagrids Fingern, die der Halbriese jedoch glücklicherweise rechtzeitig zurückzog.

"Girlsenbeeren?"

"Magische Art von Boysenbeeren, wachs'n im Wald. Nächste Klasse geh'n wir sie sammeln un' füttern dann die Mulloquis damit!" Hagrid wirkte überzeugt davon, daß seine Schüler genauso enthusiastisch in die Nähe der Nagehauer der ägyptischen… nun, was waren sie eigentlich? Harry fand die Mulloquis wie eine merkwürdige Mischung aus den Tribbles (3), quiekenden Fellknäueln, die er Dudley einmal im Fernsehen ansehen hatte sehen, Erdmännchen und seinen Klassenkameradinnen Lavender und Parvati. Daß sie alle Regenbogenfarben annahmen verstärkte gleichzeitig den Spielzeugcharakter und unterstrich jedoch auch ihre… weniger kuschligen Attribute (wie ihre Zähne).

"Äh… das ist schön, Hagrid," sagte er schließlich nach einer langen und peinlichen Pause.

"Un' wenn wir genug Girlsenbeeren finden, dann mach' ich uns 'nen Kuch'n!" Hagrid strahlte, Harry schluckte.

"Erm, eigentlich wollte ich dir noch was erzählen," lenkte er weg von tödlichen Themen wie Hagrids Kochkünsten. "Remus und Tonks… na ja, ich habe bald auch eine richtige Patentante." Gespannt wartete er auf Hagrids Antwort, während die Mulloquis weiter seine armen, ohnehin schon strapazierten Gehörnerven schädigten.

"Harry!" Hagrid hob ihn glatt vom Fußboden und schwenkte ihn in einer rippenbrechenden Umarmung gefährlich nah der Decke seines Hauses entlang. "Glückwunsch! Freut mich für Remus, er is'n guter Mann, un' wenn er jemanden hat… Ich mein', seit Olympe… sie is' jetz' nich' da, aber sie würd' sich auch freu'n!" Er schnüffelte und schnäuzte sich in ein vorhanggroßes, ehemals weißes Taschentuch.

Harry erinnerte sich dumpf daran, daß Hagrid und die Schulleiterin der französischen Zauberschule Beauxbatons, Olympe Maxime, wohl nun doch eine Beziehung aufgebaut hatten und diese selbst über die große Distanz und den Kanal hinweg fortführten.

"Err… Wie geht es eigentlich Madame Maxime?" fragte er, um Hagrid von einem Ausbruch in Tränen abzuhalten. Er mußte seinen allerersten Zauber-Freund noch etwas fragen!

"Olympe geht's gut. Sin' auch besorgt, in Beauxbatons, ham 'n paar Todesserkinder dort… un' Du-weißt-schon-wer is' dabei, sie alle zu sich zu hol'n un'- Harry, das… vergiß das schnell wieder. Ich darf das nich' sagen!"

Harry, der das große (im wahrsten Sinne des Wortes) Mundwerk Hagrids schon zu gut kannte, nickte gehorsam, verstaute aber das, was er erfahren hatte sorgsam in einem der hintersten Winkel seines Gedächtnisses. Hermine und Ron würden ihm später helfen können, es genauer zu analysieren.

"Ah, beinah' hätt' ich's vergess'n- Remus hat mich heute Morgen besucht un' mir gesagt, ich soll es dir geben… er mußt' schnell weg, Dumbledores Anweisung… wegen dem du-weißt-schon-was. Aber… hier is' es. Er hat gesagt, es is' rechtmäßig deins, un' du weißt, wie man's benutzt. Also… für mich sieht's wie'n ganz normales, leeres Tagebuch aus, aber…" Er reichte Harry ein vielleicht DIN A5 großes, in schwarzes Leder eingebundenes Buch von zwei Zentimeter Dicke.

Es war ein schwarzes Notizbuch, das in etwa so aussah, wie Harry sich Sirius' 'kleines Schwarzes Buch' vorstellte, von dem Remus ihm erzählt (hatte) und in dem sein Pate jede seiner 'Eroberungen' festgehalten hatte. Angeblich hatte Sirius sogar einen zweiten Band beginnen müssen, noch bevor er nach Askaban gekommen war...

Im Gegensatz zu diesen kleinen schwarzen Büchern enthielt das in Harrys Händen jedoch keine Geheimnisse, die ihren Leser direkt zum Nachsitzen (oder in den Ankunftsbereich von von ihren Besitzern extrem beschleunigter menschlicher Extremitäten) bringen würden, sondern eine Anleitung zum direkten Weg nach Askaban. Ein "Gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Mark ein"-Geheimnisse... Ein Hinweis auf diese Geheimnisse fand sich schon auf dem Einband: in Bronze war auf dem schwarzen Leder die Silhouette vierer Tiere eingeätzt- ein Hirsch, ein Hund, ein Wolf und eine Ratte.

"Danke," sagte Harry und drückte das Buch fest an sich. Eine weitere Verbindung zu seinem Vater! 'Und zu Sirius,' dachte er und schluckte den Kloß im Hals herunter.

"Bitte, bitte," meinte Hagrid gutmütig und drückte ihm eine Tasse so groß wie ein Eimer in die Hand. "Kräutertee mit Minze- wirkt gut gegen Kopfschmerzen!" Er zwinkerte Harry zu.

"Danke," meinte der schwarzhaarige Junge, dem wieder überdeutlich wurde, warum er am Morgen geschworen hatte, nie wieder einen Tropfen Alkohol, und sei es ein so edler Tropfen wie Remus' Champagner, anzurühren.

"Was ich eigentlich sagen wollte… Harry, Professer Dumbledore hat beim Ministerium 'n gutes Wort für mich eingelegt, un' ich hab 'nen neuen Zauberstab bekommen un' all das… un' jetzt wollt' ich eben auch lernen, mich zu verteidigen. Weil, du weißt schon, wegen den alten Freunden und so... Also…"

"Hagrid, du willst in die DA?" fragte Harry, mehr als nur ein wenig erstaunt, daß Hagrid so schüchtern danach fragte.

"Na ja, ich kann nich besonners viele Zaubersprüche, un' du un' deine Truppe, ihr verteidigt Hogwarts, un' das is doch mein Zuhause, un' da will ich eben helfen." Hagrid hob seine eimergroße Tasse und schlürfte laut, während er verlegen den Blick senkte.

"Aber klar doch, Hagrid- wir haben alle gesehen, wie du diese Auroren, die Professor McGonagall angegriffen haben fertiggemacht hast! Du bist in der DA herzlich willkommen!"

Hagrids Zähne blitzten hinter seinem struppigen Bart hervor. "Danke, Harry!"

Harry lächelte nur verlegen und versuchte noch eine Weile gegen den Krach der Mulloquis anzukommen bevor er endlich aufgab. Seine Kopfschmerzen brauchten Ruhe, und er hatte sich mit Hermine und Ron in der Bibliothek verabredet, um wieder einmal eine Recherche zu magischen Talismanen zu starten. Doch das würde wahrscheinlich warten müssen, nun, da er dieses kleine schwarze Buch in den Händen hielt.

"Danke für den Tee, Hagrid, aber… ich muß wieder los, treffe mich mit 'Mine und Ron… Hausaufgaben…" Er konnte Hagrid dabei zwar nicht in die Augen sehen, aber dieser nahm es mit seiner gewohnten Jovialität.

"Komm bald wieder, Harry!" rief er ihm hinterher, während Harry hinauf zum Schloß joggte, so schnell es sein Kater zuließ.


Das kleine schwarze Buch fest an sich gedrückt schob sich Harry hinter einen großen Tisch in der Verteidigungs-Sektion in der Bibliothek. Weder Ron noch Hermine waren schon da, ein Blick auf seine neue Uhr verriet den Grund dafür: die Beiden waren wahrscheinlich gerade beim Mittagessen. Harry hatte, wenn er ehrlich zu sich selbst war, nicht gerade Lust darauf, alleine zu recherchieren und schlug stattdessen das kleine Buch auf. Es schien leer, die leicht vergilbten Pergamentseiten waren an den Rändern etwas gewellt, aber ansonsten zeigte es keinerlei Gebrauchsspuren.

Harry grinste leise, zog seinen Zauberstab und stupste damit den Einband an. "Ich schwöre feierlich, daß ich ein Tunichtgut bin," flüsterte er.

Spinnenförmige Linien formten sich auf der Titelseite, bildeten das Bild auf dem Einband nach. Dann zwinkerte der Hirsch mit den Augen und der Wolf warf seinen Kopf nach hinten als wolle er den Mond anheulen während die kleine Ratte auf die Schultern des Hundes kletterte bevor sie mit ihrer Pfote Worte auf das Pergament schrieb.

"Die Herren Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone präsentieren: Das Handbuch des Herumtreibers," las Harry. "Könnte interessant werden!"

Die ersten paar Kapitel überflog er nur. Sein Vater und dessen Freunde hatten darin ihre besten Streiche und die Zaubersprüche, die sie dafür verwendet hatten, niedergeschrieben, aber etwas wirklich Nützliches fand sich nicht. Erst nach der ersten Hälfte des Buches, das sehr viel mehr Seiten enthielt, als es seinem Aussehen nach haben sollte (Harry vermutete, daß die Herumtreiber denselben Zauber verwendet hatten, den auch Hermine für ihre Notizbücher benutzte, um Platz zu sparen) entdeckte er Dinge, die er für sich selbst und sein Training gebrauchen konnte. Sirius hatte sich wohl eine Zeit lang auf Explosionszauberei spezialisiert- jedenfalls fand Harry mindestens zwanzig verschiedene Sprüche mitsamt Erklärungen in seiner Handschrift. Der mächtigste von ihnen war- laut den Randnotizen in einer ihm unbekannten Schrift, die dann wohl Wurmschwanz' sein mußte- dazu fähig, ein "mittelgroßes Loch in den Boden der großen Halle zu sprengen". Dahinter hatte Remus geschrieben: "endet in zwei Wochen Strafarbeit und Nachsitzen".

Harry wollte jedoch nicht die Große Halle sprengen, sondern wirksame Waffen gegen die Todesser finden, weswegen der Zauberspruch sogleich in sein Arsenal wanderte, bei der nächstbesten Gelegenheit im Raum der Erfordernis zu üben. Doch was er dann fand verschlug ihm den Atem.

"Hey, was liest du denn da?" Er fuhr zusammen und hatte seinen Zauberstab auf den vermutlichen Angreifer gerichtet, noch bevor dieser das erste Wort beendet hatte. Beschwichtigend hob Hermine die Hände.

"Entspann dich, Kumpel- es sind nur wir Beide- wer sonst wäre wahnsinnig genug sich an einem sonnigen Sonntagnachmittag im hintersten Winkel der Bibliothek zu verkriechen?" beruhigte ihn Ron. Hermine warf ihrem rothaarigen Freund einen etwas angesäuerten Blick zu.

"Ich dachte, wir hätten vereinbart, daß wir Harry helfen, ohne zu murren," ermahnte sie ihn.

"Hab nicht gemurrt. Das war eine Feststellung von Tatsachen!" schoß Ron zurück.

"Aber in einem ganz bestimmten Tonfall, der uns sagen sollte, daß wir lieber etwas Anderes machen sollten als zu recherchieren!" Hermines Augenbrauen nahmen sich ein Beispiel an Snapes und wanderten in Richtung Haaransatz.

"Na und? Ich wette, Harry würde auch lieber draußen sein als hier in der stickigen Bibliothek zu sitzen und in staubigen Büchern zu wälzen- wichtig ist doch, daß wir hier sind, nicht, daß wir es gerne tun, oder, Kumpel?"

"Aber Harry weiß auch ganz genau, wie wichtig unsere Forschung für unsere Zukunft ist- was glaubst du, was geschieht wenn Voldemort ein so mächtiges Artefakt wie einen Talisman in die Hände bekommt, von dem Debakel um die Quelle der Stärke ganz zu schweigen. Also sitzt Harry doch ganz gerne hier, oder, Harry?"

Harry fühlte sich momentan eher unwohl. Beide seiner besten Freunde starrten ihn erwartungsvoll an, wollten, daß er ihnen vorbehaltlos zustimmte.

"Err… ich habe noch gar nicht recherchiert," sagte er, "ich lese gerade in einem Buch, das ich von Remus habe… ein Buch, das mein Vater und seine Freunde geschrieben haben."

"Ein Buch von den Herumtreibern?" fragte Ron verblüfft nach. Harry nickte.

"Ein Buch, das Remus, Sirius, mein Dad und Peter zusammen geschrieben haben," wiederholte er.

"Und?" fragte Hermine, die über seine Schulter lugte. "Scheint nur Unsinn zu sein!" Sie runzelte die Stirn.

Harry grinste triumphierend. "Nee, man muß nur das Paßwort kennen!"

"Wie bei der Karte?"

"Wie bei der Karte."

Wie ein Mann (oder eine Frau) tippten Hermine und Ron ihre Zauberstäbe auf das vergilbte Pergament. "Ich schwöre feierlich, daß ich ein Tunichtgut bin!" intonierten sie.

"Und?" fragte Harry.

"Harry… das ist… das sind… wenn ich das richtig lese, steht hier… Merlin, wir könnten nach Askaban gehen, weil wir das hier besitzen! Das ist streng reglementiertes Material! Das Ministerium erlaubt nur ein paar ausgewählten Professoren, das…"

"Ja, Hermine. Mein Vater und seine Freunde haben uns eine Anleitung geschrieben, wie man ein Animagus wird," unterbrach Harry Hermine, die kurz vor dem Hyperventilieren schien.

"Wir? Animagi? Das wäre unglaublich! Keiner aus meiner Familie ist ein Animagus, obwohl Großonkel Alberich es versucht hat… er hat dann bis an sein Lebensende im Sankt Mungos gelebt, weil er nichts anderes mehr konnte als wiehern und mit den Füßen strampeln- bist du sicher, daß das kein Trick ist?"

"Nein, Ron, das ist kein Trick- siehst du, hier ist das berühmte Dualitätsprinzip erläutert- Sirius konnte wirklich gut erklären, Harry, ich habe es noch nie so einfach zusammengefaßt gesehen… na ja, ich habe es noch nie komplett gesehen, aber weil wir menschliche Verwandlung durchnehmen, habe ich eben etwas darüber gelesen, und es ist wirklich kompliziert, aber wenn ich mir das so ansehe, verstehe ich es schon ein bißchen besser und…"

"Hermine, könntest du einmal Luft holen und dann für uns Normalsterbliche wiederholen, was du eben gesagt hast?" bat Ron.

"Sie hat… diese Graphik hier gemeint, Ron," Harry deutete auf einen in zwei Hälften gespaltenen Kreis. Jede der Hälften war beschriftet und unter jeder stand eine ganze Liste von Dingen, die Ron und Harry spanisch vorkamen. "Ich weiß auch nicht genau, was es ist… aber Remus hat es beim Training einmal erwähnt. Man braucht zwei Elemente für menschliche Verwandlung in Tiere- Bestia und Humanitas."

"Und die beiden müssen in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen- deswegen muß man sich so sehr konzentrieren- und sich vermischen, damit die neue Gestalt angenommen wird, ohne Schaden anzurichten," ergänzte Hermine. "Nach der Dualitätstheorie besteht der menschliche Geist, die Anima, aus diesen beiden Elementen… und um ein Animagus zu werden muß das Bewußtsein irgendwie… verändert werden, ich weiß nicht genau, wie, aber es sollte unter dieser Zeichnung beschrieben sein. Das ist natürlich sehr gefährlich- und deswegen hat das Ministerium alles Material, was mit der Veränderung des Bewußtseins und der Anima zu tun hat, auf eine schwarze Liste gesetzt. Man braucht eine spezielle Genehmigung von Professor Dumbledore, um in der Verbotenen Abteilung danach suchen zu dürfen!" Sie schnappte Harry das Buch aus den Händen.

"Ich wollte schon immer ein Animagus werden, seit Professor McGonagall uns in unserer ersten Stunde gezeigt hat, wie sie sich verwandeln kann… oh, Harry, das wird sooo spannend!"

"Err… Hermine, ich glaube nicht, daß wir…" begann Harry.

"Wir müssen natürlich zuerst einen Platz finden, an dem wir ungestört meditieren können- nein, zuerst müssen wir lernen, wie man meditiert… oh, dein Vater fand das wohl besonders schwer. Er hat hier geschrieben: Stundenlang stillsitzen und an Nichts denken- wie soll das gehen, wenn man nicht Peter oder Sirius ist und ein Vakuum im Kopf hat?"

"Haha, sehr lustig, James! Wenigstens denken wir noch an etwas Anderes als an Evans, oder, Sirius?" las Ron über Hermines Schulter hinweg. "Scheint Pettigrew geschrieben zu haben. Komisch, so an Krätze zu denken…"

"Ja, komisch," echote Harry, dem jeder Gedanke an Peter Pettigrew einer zuviel war. Andererseits… es war wirklich spannend, einen Einblick in das Leben der vier Freunde zu bekommen. Nach dem, was er gelesen hatte hätten die Herumtreiber ohne Peter viele ihrer Streiche gar nicht durchführen können. Peter, der ein Engelsgesicht und eine Unschuldsmiene zur Schau tragen konnte, war meist vorgeschickt worden, um Entschuldigungen anzubringen oder sich Zugang zu normalerweise verbotenen Räumen zu beschaffen- dank ihm hatten es die Herumtreiber sogar einmal geschafft, alle Professorenwohnungen umzudekorieren! Ob singende rosa Herzchen und ein Konfettiregen Jedermanns Sache waren, war allerdings selbst am Valentinstag fraglich…

"Oh!" quietschte Hermine plötzlich, "davon habe ich schon gelesen! Man muß das Innere Tier, den Spirit, in das eigene Bewußtsein integrieren, mit purer Geistmagie, ohne Zauberstab… eine der schwersten Verwandlungen überhaupt, kann tödlich enden… kann sehr langwierig sein…"

"Und genau das ist es, was ich vorhin sagen wollte, 'Mine," sagte Harry müde. "Haben wir wirklich die Zeit, uns wochenlang auf eine einzige Sache zu konzentrieren, die vielleicht gar nicht klappt und uns gar keinen Vorteil bringt? Ich weiß, daß ich es nicht kann- ich muß noch diesen verdammten Schlangen-Talisman finden… von der Quelle der Stärke ganz zu schweigen, auch wenn Dumbledore meint, daß Custo sich nicht erpressen läßt- was, wenn Voldemort darin badet? Was für Auswirkungen hat das? Ich habe von Madam Pince ein paar Texte, in denen angeblich etwas über die Quelle steht, aber bisher habe ich noch nichts Wichtiges gefunden… und ich muß mit Remus trainieren, du weißt schon, dieses Merlin-Training, wie das, das du mit Flitwick hast- damit nächstes Mal, wenn Todesser angreifen nicht wieder so etwas geschieht wie im Sommer… ich glaube nicht, daß ich das noch einmal durchhalte," gab er leise zu.

Hermine warf das kleine schwarze Buch achtlos auf den Tisch und umarmte Harry während Ron bleich wurde und schluckte. Er hatte seinen Freund noch nie so sprechen hören! Er wußte, daß Harry das Gefühl hatte, daß die ganze Welt auf seinen Schultern lastete (wer in Gryffindor wußte das nicht? Es war kein Geheimnis, daß Harry Potter jeden Tag vor allen anderen auf den Beinen war und erst spät in der Nacht in den Turm zurückkehrte!)- aber daß die Welt so schwer wog und so viel Verantwortung mit sich brachte, real oder eingebildet, das hatte er nicht gewußt.

"Oh, Harry!" seufzte Hermine. Ron legte ihm vorsichtig eine Hand auf die zusammengesackten Schultern. "Ist schon in Ordnung, Kumpel. Du bist nicht alleine," versicherte er.

Harry hätte Ron gerne geglaubt, doch die Prophezeiung verhieß schließlich genau das Gegenteil, und so nickte er nur und setzte ein falsches, zuversichtliches Lächeln auf. "Ich weiß. Danke, Ron. Danke, 'Mine… uh, kannst du mich wieder loslassen? Ich bekomme wirklich nicht gut Luft!"

"Aufgeschoben ist nicht aufgehoben," meinte Hermine betont fröhlich. "Wenn all das hier vorbei ist können wir immer noch Animagi werden, oder? Harry? Ron?"

"Sicher, 'Mine- und dann können wir es auch richtig genießen!" meinte Ron. "Und bis dahin…" er gab einen langen Seufzer von sich, "bis dahin wenden wir uns wieder diesen faszinierenden Texten zu… oder willst du nicht doch lieber Quidditch spielen?"

"Ron!"

"Schon gut, schon gut… ich mag meinen Kopf ganz gerne, wo er ist! Ich lese ja schon, siehst du, 'Mine?" Hermine seufzte.
Harry lächelte still in sich hinein. Die beiden würden sich wohl nie ändern… aber dafür war er dankbar. Selbst wenn die Welt unterging oder die Hölle zufror- Ron und Hermine waren seine besten Freunde. 'Ich hoffe nur, sie bleiben am Leben… Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne sie machen würde. Sie müssen am Leben bleiben…'

Er schnappte sich ein Buch über dunkle Rituale und die dafür benötigten Ritualgegenstände. 'Ich werde mein Bestes geben, daß es so ist,' schwor er über die winzige Schrift gebeugt.


Harry hätte wissen müssen, daß die relative Ruhe des Wochenendes (Ron hatte es doch noch geschafft, Harry und Ginny zu einem Quidditchtraining am Abend zu verpflichten) und der letzten Wochen nicht anhalten konnte. Er hatte, nachdem er sich von Remus und Tonks verabschiedet hatte, noch ein wenig im Gemeinschaftsraum recherchiert, bis endlich auch die letzte Kerze heruntergebrannt war und der Schein der verglühenden Kohlen im Kamin die einzige Lichtquelle bildete. Selbst dann hatte er noch bei Lumos-Licht weitergelesen- und war zehn Minuten bevor seine Verwandlungsstunde beginnen sollte aufgeschreckt, als Hermine eine Hand auf seine Schulter legte.

Gerade noch pünktlich war er ins Klassenzimmer gehinkt- er hatte sich wohl etwas überanstrengt, und die Verletzungen vom Sommer machten sich wieder einmal bemerkbar- mit Ringen unter den Augen und beißenden Kopfschmerzen. Seine Konzentration war natürlich gleich Null- und damit hatte er jede Verwandlung ruiniert. Als er gegen Ende der Stunde laut nach Luft schnappte, weil ein besonders scharfer Stich durch seinen Kopf gefahren war hatte Professor McGonagall ihm sogar extra Hausaufgaben gegeben- weil er sich angeblich nicht einmal Mühe gab. Harry hatte nicht widersprochen, hatte er doch endlich herausgefunden, daß nicht etwa die lange Nacht, sondern vielmehr Voldemort an seinem Unbehagen schuld war. Der Haß und die darauffolgende Befriedigung, die er durch seine Verbindung zu dem dunklen Zauberer spüren konnte, konnten nur Eines bedeuten: Voldemort war in mörderischer Stimmung.

"Geht schon vor," bat er Ron und Hermine, die in der Tür des Klassenzimmers auf ihn warteten, während Professor McGonagall ihm seine Zusatzaufgaben gab, "ich komme gleich. 'Mine, du weißt, wie Snape ist, und Ron, du mußt den ganzen Weg hinunter zu den Gewächshäusern laufen."

"Ich sage Professor Snape Bescheid, wo du bist," versicherte Hermine ihm mit einem besorgten Gesichtsausdruck sie war einfach zu aufmerksam- und ging, nicht ohne einen Blick über die Schulter zu werfen, der Harry die Augen rollen ließ. Er war in Ordnung, wirklich. Voldemorts Launen waren nichts Neues, er arrangierte sich mittlerweile seit zwei Jahren mit ihnen!

Professor McGonagall schien Hermines Besorgnis zu teilen, denn sie fragte, nachdem sie ihn wegen seiner Unaufmerksamkeit zurechtgewiesen hatte, ob er vielleicht lieber Madam Pomfrey im Krankanflügel aufsuchen wollte.

"Nein, danke, Professor," preßte Harry zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Warum konnte der dunkle Bastard nicht einfach umbringen, wen er umbringen wollte, und es damit gut sein lassen? Mußte er Harrys ganzen Tag ruinieren, indem er die Sache so herauszögerte?

"Beeilen Sie sich, Potter. Sie sollten es noch vor dem Beginn der nächsten Stunde bis in den Kerker schaffen, falls nicht, geben Sie Professor Snape diese Entschuldigung." Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes beschwor sie ein kleines Stück Pergament herauf, auf das sie ihre Unterschrift setzte. "Und üben Sie um Himmels Willen die Verwandlung Ihrer Hand in eine Flosse! Das war eine Katastrophe heute, ich hatte mehr von Ihnen erwartet!" Sie schüttelte den Kopf.

"Mache ich, Professor," versprach Harry und schnappte sich seine Entschuldigung. Die Kerker warteten!

Voldemort hatte noch immer gute Laune- Harry stolperte, fiel die letzten drei Stufen einer sich bewegenden Treppe herunter. Sein linkes Bein krampfte sich zusammen, aber er raffte sich wieder auf, rannte weiter. Es würde besser sein, wenn er doch noch so pünktlich wie möglich sein- Hermine war momentan auf einem Kreuzzug, der dem Erhalt aller Punkte von Gryffindor galt, weil ein Zweitklässler in Snapes Zaubertränkeklasse eine halbe Bankreihe in die Luft gesprengt und einhundert Punkte verloren hatte. Harry wollte sie auf keinen Fall gegen sich aufbringen- Hermine war angsteinflößend, wenn sie eine Mission hatte!

Schließlich gab er aber doch auf, nur wenige Meter von seinem Ziel entfernt. Er preßte den Kopf an die kühlen, feuchten Steine des Verlieses. Seine Narbe brannte und klopfte. Trotz aller Mühe, die er sich mit seinen Okklumentik-Schilden gab, konnte er Voldemorts Emotionen, wenn sie so plötzlich und so stark wie eben kamen, nicht ganz abblocken. Zischend sog er Luft zwischen den zusammengebissenen Zähnen ein- das war mindestens ein Cruciatus gewesen. Voldemort war nun endgültig zum lustigen Teil seiner Veranstaltung übergegangen.
Dazu kamen die Schmerzen in seinem Bein- seine Muskeln waren eindeutig überbeansprucht und meldeten nun mit verheerenden Krämpfen ihren Protest an. Sein Knöchel schien nach seinem Sturz verstaucht zu sein- jedenfalls mochte er es nicht, wenn Harry versuchte, ihn zu belasten oder zu drehen. 'Und natürlich passiert alles wieder einmal, wenn ich Zaubertränke habe, sowieso zu spät dran bin und Ron und Hermine vorausgeschickt habe!' dachte Harry verbittert. Sein Glück hatte wirklich die Angewohnheit, sich auf Konfrontationen mit Voldemort zu beschränken und ansonsten Ferien auf den Bahamas oder sonstwo zu machen.

"Ungh!" keuchte er, als ein weiterer Krampf seine Aufmerksamkeit wieder zu seinem Bein lenkte. Wenigstens würde Voldemort, sollte er es durch seine Verteidigung hindurch schaffen, nichts außer einem verkrampften Muskel zu sehen bekommen.
Oder einen verkrampften Muskel, glänzende schwarze Schuhe, mattschwarze Roben und...

"Mr. Potter, was hat das hier zu bedeuten?" Dieser ölig-glatten Stimme, die mit präziser Flexion die Angst vor der Snapokalypse in jeden Hogwarts-Schüler schickte. Harry biß die Zähne zusammen und hob den Kopf, darauf bedacht, einen Punkt hinter der Schulter des Zaubertränkemeisters anzuvisieren, damit Voldemort nicht durch seine Augen etwas sehen konnte, das er durch seine eigenen noch nie wahrgenommen hatte.

"Ich… ruhe mich ein bißchen aus, Professor," sagte er, so höflich es mit gepreßter Stimme möglich war. Seine Narbe gab einen besonders starken Stich, und er sog scharf die Luft ein, hielt aber trotz der Anstrengung den Kopf erhoben.

"Im Gang vor meinem Zaubertränkeklassenzimmer, wenn Sie eigentlich in meinem Unterricht sitzen sollten?" fragte Snape, der sich beinahe menschlich verhielt.

"Sie können ja… schon einmal voraus gehen. Ich komme dann nach," schlug Harry mit beißendem Sarkasmus in der Stimme vor.

"Und du denkst wirklich, daß ich das tue, Potter? Denkst, ich lasse dich hier sitzen, weil du dir zu gut für meine Stunde bist? Denkst, ich lasse dir das einfach so durchgehen, nur, weil du ein Potter bist? Du bist wie dein Vater, Potter- sorg dafür, daß dein Kopf endlich abschwillt!"

"Wie mein Vater? Wie mein Vater?" Harrys Stimme schraubte sich in schrille Höhen, bevor er mit einem bitteren Lachen den Kopf rückwärts gegen die Wand schlug. "Weißt du was, Snape? Ich weiß nicht einmal, wie mein Vater war. Wie kann ich wie er sein, wenn alles, was ich von ihm weiß ist, wie er gestorben ist und wie er der Schule deine Unterwäsche gezeigt hat. Wenn ich wie mein Vater bin… vielleicht kannst du mir sagen, wie mein Vater war. Du hast ihn schließlich kennengelernt, Snape- im Gegensatz zu mir. Oh, und wenn wir schon dabei sind- vielleicht hast du noch ein paar Geschichten über meine Mutter? Sie hat dich mehr als einmal verteidigt, das weiß ich aus deiner Erinnerung. Vielleicht kannst du mir auch von ihr mehr erzählen? Kannst mir sagen, daß sie eine wertlose Schlammblutschlampe war… oder daß mein Vater ein arroganter Bastard war, auch wenn meine Großeltern in deiner Erinnerung Ringe an den Fingern getragen haben… oder daß…"

"Potter!" donnerte Snape, aber die übliche Schärfe in seiner Stimme fehlte. Harry kicherte hysterisch, Voldemort sprach gerade Todesflüche und die Lust, die er dabei empfand war fast so gut wie ein Halluzinogen zu schlucken.

"Oh, Snape… vielleicht weißt du noch, wie mein Vater und Sirius und Remus und Peter dich in die Heulende Hütte gelockt haben? Aber nein, das stimmt doch gar nicht, mein Vater hat dich gerettet… wie wäre es damit als Bezahlung für deine Lebensschuld, Snape- du erzählst mir von meinen Eltern und meinen Großeltern… meine Potter-Großmutter war sehr mutig, nicht, aber meine Evans-Großeltern, sie waren… sie waren… sie waren…"

"Potter! Wach auf! Potter!" Harry konnte nichts hören, er murmelte einfach weiter vor sich hin.

"Weiß und rot, sie waren tot… rot und weiß, zahlten den Preis… weiß und rot… sie waren…"

"Potter!" Sein Kopf wurde von der Wucht der Ohrfeige herumgerissen. Harry blinzelte die Sterne von seinen Augen, wurde sich der Situation bewußt.

"Potter, sperr ihn aus! Deine Schilde sind gut genug- setze sie ein, Potter!" Harry nickte, seine Zähne fraßen an seiner Unterlippe, Voldemort wühlte in seinem Kopf, in seinen Gedanken, er versuchte, sich Zugang zu verschaffen…

"Potter, jetzt!" drängte Snape, einen Unterton in seiner Stimme, den Harry erst später deuten konnte: Angst. Harry nickte wieder, konzentrierte sich durch die Wellen des unerträglichen Hasses hindurch, bis er endlich seine weißen Wände sehen konnte, spüren konnte, wie einfach alles in weite Ferne rückte. Snape, die kalte, feuchte Wand in seinem Rücken, die Schmerzen in seinem Körper- einfach alles.

"Gut so, Potter. Und jetzt komm zurück. Konzentriere dich auf meine Stimme. Komm zurück, Potter!" Snape drängte ihn, seine Sicherheit zu verlassen, sich zu ihm zu gesellen- aber warum sollte er das tun? Snape haßte ihn, er haßte Snape, er wollte ihn nie wieder sehen, den Bastard, den Mörder seiner Großeltern…

'Und dir ist sicher klar, daß Severus darunter eigentlich noch schrecklicher leidet als du? Du hast seine Gefühle doch gespürt, oder?' wisperte eine Stimme, die verdächtig nach Dumbledore klang inmitten der Leere. 'Es ist so lange her… laß es ruhen. Du bist der Größere- mach einen neuen Anfang,' flehte eine zweite Stimme; diese klang nach Ginny.

"Professor?" fragte er. Snape kniete vor ihm, eine Hand auf seiner Schulter; seine schwarzen Augen glitzerten mit unbegreiflichen Emotionen, die unter einer spiegelnden Oberfläche verborgen waren.

Als wäre er von einer Tarantel gestochen worden zog Snape seine Hand zurück. "Potter," sagte er in neutralem Tonfall.

"Professor Snape," entgegnete Harry im selben Ton, bevor er einen Sprung über seinen eigenen Schatten wagte. "Danke," sagte er leise, aber wärmer, als er je zuvor zu Snape gesprochen hatte.

Snape verzog das Gesicht, als hätte man ihm einen übelriechenden Trank unter die Nase gehalten und Harry verfluchte sich selbst dafür, daß er schon wieder einen Angriffpunkt gegeben hatte. Warum glaubte er auch immer, daß sich Menschen ändern konnten? Wie konnte Dumbledore in seinem Alter noch daran glauben, wenn…

"Keine Ursache, Potter," erwiderte Snape, als bereite ihm das Sprechen Schmerzen.

Harry überlegte einen Moment, bevor er etwas tat, das womöglich sein Leben verändern könnte- zum Guten oder Schlechten. Er streckte seine Hand aus, streckte sie Snape entgegen. "Könnten- könnten Sie mir helfen, Sir? Ich glaube, ich habe…"

"Sie haben Ihren Knöchel verstaucht und mit Ihrer Fliegerei Ihre Verletzungen aufgestachelt. Ich bin nicht blind, Potter!" schnappte Snape. Aber er nahm Harrys Hand und half ihm auf die Füße. "Krankenflügel, Potter. Ich schicke Ihnen Granger und Zabini, damit sie Ihnen helfen." Er wirbelte auf dem Absatz herum und ließ Harry, gegen die Wand gelehnt, zurück. Harry grinste in sich hinein- es war gut, daß manche Dinge sich änderten, aber ebenso gut war es, daß manche Dinge immer gleich blieben- egal, was geschah.

Er grinste immer noch, als Hermine und Blaise mit beunruhigtem Gesichtsausdruck aus dem Klassenzimmer gelaufen kamen. Die Beiden schlangen seine Arme über ihre Schultern und trugen fast sein gesamtes Gewicht, denn auch wenn Harry ein funktionsfähiges Bein hatte, fühlte er sich schwächer als ein neugeborenes Kätzchen; auch wenn Voldemort anscheinend endlich nachgab- oder waren seine Schilde besser geworden?

Auf alle Fälle hatte Snapes Eingreifen ihn davor bewahrt, wahnsinnig zu werden… er mußte mit Dumbledore sprechen! Auch wenn er sich nicht sicher war, was Tommy Riddle, der mordsüchtige Dunkle Lord, an diesem Vormittag getrieben hatte, war es doch besser, wenigstens eine Warnung zu haben als gar nichts.

"Hörst du mir überhaupt zu?" schnappte Hermine ziemlich giftig an seinem rechten Ohr. Harry schüttelte den Kopf. Sie hatte wohl den ganzen Weg zum Krankenflügel über seine Angewohnheit, seine Gesundheit zu vernachlässigen geschimpft, wenn man nach Blaises leicht… benommenem Gesichtsausdruck gehen konnte.

"Aber sicher doch, 'Mine- und ich verspreche, in Zukunft vorsichtiger zu sein," sagte er müde.

"Sieh zu, daß du dieses Versprechen endlich einmal einhältst, Harry Potter- Ron und ich stehen an deiner Seite, wann immer wir können, aber was willst du machen, wenn wir einmal nicht rechtzeitig da sind?" Aus ihren Augen sprach echte Furcht, aber Harry fiel leider nichts ein, was diese zerstreuen könnte- er wußte selbst nicht, was er dann tun würde.

"Du weißt so gut wie ich, daß ich ohne euch verloren wäre," sagte er leichthin, aber sein Blick verriet, wie ernst es ihm war.

"Genug Gesülze," fuhr Blaise dazwischen, der sich betont schüttelte, "bei eurer Gryffindor-Mentalität wird mir ja schlecht! Ihr solltet jeder auf sich selbst achten, dann auf den Anderen- oder habt ihr das noch nie gehört? Na, egal- Madam Pomfrey! Arbeit!"

Die Schulkrankenschwester kam eiligen Schrittes aus ihrem Büro, und Harry wand sich schon unter der Vorstellung ihrer strengen Aufsicht, bevor sie ihre scharfe Zunge einsetzte. "Wer von euch- oh, Potter, ich hätte es wissen müssen. Das Bett direkt am Fenster, Miss Granger- wie üblich," wies sie Harrys Helfer an. "Hatte ich Sie nicht gewarnt, daß Sie sich dieses Jahr schonen müssen, Potter? Man steckt es nicht einfach so weg, wenn-"

"Ja, Madam Pomfrey," fiel ihr Harry ins Wort, dem es nicht so lieb war, wenn sie vor Blaise, der nicht zu seinen engsten Vertrauten zählte, etwas ausbreitete, das nicht einmal Ron und Hermine in seinem gesamten Umfang kannten.

"Ihr zwei könnt dann wieder in den Unterricht. So wie ich Potter kenne, ist er heute Nachmittag noch hier. Husch!" Sie scheuchte Hermine und Blaise aus dem Krankenflügel, noch bevor sie Harry 'Gute Besserung' wünschen konnten. "Und, Harry- was hast du diesesmal angestellt? Von einem Greifen gebissen worden? Oder…"

"Nein, Madam Pomfrey, ich bin nur ein bißchen müde… und ich bin eine Treppe heruntergefallen. Oh, und Voldemort hat gemeint, er muß an diesem Morgen ein Bißchen spielen…" Er rieb seine Narbe, und Madam Pomfrey nickte verstehend.
"Also gut, Potter… dann zeigen Sie mir als Erstes Ihren Fuß…"


Die Große Halle brodelte als Harry am nächsten Tag zum Frühstück herunter kam, obwohl doch ausreichend Essen auf den Tischen stand. An jedem der vier Haustische hatten sich Grüppchen erhitzt diskutierender Schüler gebildet, und selbst die dunkle Präsenz Professor Snapes am Lehrertisch konnte dem Aufruhr kein Ende setzen. Im Zentrum jeder Gruppe lag ein eigentlich an sich harmloses Stück Papier- der Tagesprophet.

"Endlich! Ich dachte schon, das Auror-Corps ist vollkommen nutzlos!" rief Susan Bones. Die DA hatte sich größtenteils am Hufflepuff-Tisch versammelt, und Harry gesellte sich zu ihnen. Im allgemeinen Chaos fiel es wenigstens nicht zu sehr auf, daß eine enggestrickte Gruppe Schüler aller Häuser miteinander diskutierte, und ihr Gespräch konnte auch nicht einfach belauscht werden. Harry fragte sich, ob er paranoid geworden war, weil er solche Überlegungen anstellte, aber andererseits war Vorsicht immer noch besser als Nachsicht. Er wartete, bis sich die Reihen der DA-Mitglieder soweit geöffnet hatten, daß er zu seinen Generälen im Zentrum vordringen konnte und versuchte, zu verstehen, was vor sich ging.

"Es wurde auch Zeit, daß endlich einmal wir ein Scharmützel gewinnen," meinte Ginny, die hochzufrieden aussah.

"Die Todesser hatten einfach zu lange freie Hand," sagte Hermine im Professorenton, "und Fudge hat zu lange gezögert, bevor er erlaubt hat, daß die Auroren proaktiv werden."

"Ich finde es jedenfalls gut, daß endlich ein paar von diesen Bastarden aus dem Verkehr gezogen sind!" Zach Smiths Kommentar fand herzhafte Zustimmung unter den DA-Mitgliedern, nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst den Todessern in Hogsmeade gegenübergestanden hatten und am eigenen Leib erfahren hatten, was diese anrichten konnten.

"Ich glaube, Malfoy ist weniger begeistert davon, daß sein Tantchen einen Schwager verloren hat," grinste Zabini mit einem Schulterzucken in Richtung des selbsternannten 'Prinzen von Slytherin', der momentan eine ganz passable Snape-Imitation zum Besten gab.

"Rabastan Lestrange… requiescat in particulae (4)," meinte Harry nur. Er spürte grimmige Befriedigung, als er den Leitartikel der größten Zaubererzeitung überflog. Die Auroren hatten einen Angriff auf ein muggelgeborenes Ehepaar verhindert, Rabastan Lestrange, der Bruder des Ehemannes von Bellatrix, war dabei von mehreren Explosionsflüchen auf einmal getroffen worden und war das einzige Todesopfer der Auseinandersetzung. Weder in der Großen Halle noch im Rest der Zauberwelt schien man ihm besonders nachzutrauern…

Fudge nutzte natürlich die Gelegenheit, um seine 'überragende Führung als Zaubereiminister von Großbritannien' herauszustellen, aber alles, was er mit diesem Kommentar erreicht hatte war, daß der Editor in einer Randkolumne einen eher bissigen Hinweis auf die 'wahren Helden' des Kampfes gab- die Auroren, und die noch unausgebildeten Schüler, die Hogsmeade verteidigt hatten. (5)

"Fudge hat sich ganz schön zum Affen gemacht," lachte Diana Moon, "meine Mutter hat mir erzählt, daß er auf der Pressekonferenz erst aufgebläht wie ein Ochsenfrosch aufgetreten ist, als er aber dann gefragt wurde, warum das Ministerium diese harte Linie erst nach einem Angriff auf Hogsmeade, der von Schülern vereitelt werden mußte, gefahren hat, soll er ziemlich schnell geflohen sein und hat seinem Assistenten das Feld überlassen- du solltest ihn kennen, Weasley, es war dein Bruder!"

"Er ist nicht mehr mein Bruder," zischte Ron, dem jede Erwähnung Percys zuwider war.

"Schon gut, geh nicht gleich in die Luft, Weasley. Jedenfalls hat… Assistent Weasley etwas vorgestellt… sollte auch in der Zeitung stehen…" er blätterte ein paar Seiten weiter. "Ah, hier. Die Imperius-Klausel, eine Ergänzung zu unseren Gesetzen. Madam Bones und ihre Abteilung haben sie ausgearbeitet, um all diesen haltlosen Entschuldigungen Vorschub zu leisten, die Todesser hätten unter Imperius und nicht aus freiem Willen gehandelt."

"Man erwirbt nur das Recht einer Befragung unter Veritaserum wenn man sagt, man hätte unter dem Fluch gestanden? Und was ist dann mit denen, die das nicht tun? Werden die einfach so nach Askaban gebracht?" Hermine war natürlich die Erste, die den kritischen Punkt des neuen Gesetzes fand.

"'Mine, es geht hier um Todesser! Miese, dreckige, schleimige Todesser, die foltern und töten und verwüsten! Sie gehören nach Askaban, Imperius oder nicht!" zischte Harry, dem das Gesetz nicht weit genug ging.

"Aber wenigstens gelten sie nicht mehr als unzurechnungsfähig, nur, weil sie es sagen," wandte Hannah Abbott mit sanfter Stimme ein.

"Ich sehe nur ein Problem," Lunas träumerische Stimme schnitt durch die Diskussion wie ein Messer durch Butter, "Voldemort kann einfach jeden seiner Todesser unter Imperius stellen, sie bestätigen unter Veritaserum, daß der Fluch auf ihnen lastet, und werden freigelassen- auch wenn es ihre eigene Entscheidung bleibt, an den Angriffen teilzunehmen. Das wird ja nicht gefragt…"

"Ich glaube nicht, daß es so weit kommt," meinte Neville, "der Aufwand, so viele Leute unter seinem Fluch zu halten ist wahrscheinlich selbst für Du-weißt-schon-wen zuviel."

"Er muß den Fluch ja nur einmal auf sie sprechen, aber sie nicht kontrollieren, wenn ich Luna richtig verstanden habe," meinte Hermine nachdenklich, "das könnte schon sein… und wenn das funktioniert, dann kann die Abteilung für magische Strafverfolgung keinen einzigen Todesser mehr einsperren- das hätte noch in die Klausel gehört, daß auch jemand, der unter Imperius steht oder stand zumindest bis zum Ende des Krieges in Sicherheitsverwahrung genommen wird oder seine Magie gebunden bekommt."

"Und wer weiß, wann das Kriegsende ist?" wandte Blaise ein. Er hatte einen Großonkel, der im letzten Krieg wirklich unter dem Einfluß des Fluches einen einzigen Angriff mit ausgeführt hatte. "Man kann nicht so einfach Dutzenden von Zauberern und Hexen ihre Magie nehmen- noch dazu auf unbestimmte Zeit! Und man kann sie schon gar nicht einsperren, wenn sie unschuldig sind. Imperius ist nicht lustig, man verliert jeden freien Willen!"

"Aber man kann dagegen ankämpfen," sagte Harry, dem Hermines Vorschlag eigentlich sehr gut gefiel, "man muß es nur genug wollen!"

"Glaubst du das wirklich, Potter?" fragte Moon mit traurigen Augen, "das ist leider nicht wahr. Man braucht einen starken Willen, das ist richtig- aber noch mehr braucht man magische Stärke, genug, um den Fluch zu brechen. Willen allein reicht nicht aus, sonst hätte es nicht so viele Imperius-Opfer gegeben!"

"Stimmt das?" fragte Harry mit verengten Augen. Er hatte sich bisher geweigert, großes Mitleid mit Opfern des Fluches zu haben (es sei denn, sie waren Muggel, die nicht einmal wußten, wie ihnen geschah oder gegen was sie ankämpfen mußten), denn seiner Meinung nach waren sie teilweise auch selbst schuld. Wenn sie so sehr gegen die Handlungen waren, die die Todesser ihnen aufzwangen, warum wehrten sie sich dann nicht einfach und schüttelten den Fluch ab? Er hatte es schließlich auch geschafft, und als er noch nicht einmal fünfzehn gewesen war, und für ihn war es auch nicht besonders schwer gewesen. Alles, was man brauchte war ein wenig Willensstärke!

"Ja," meinte Ron, "deswegen waren wir alle auch so beeindruckt, als du Moodys…err, Crouches Fluch abgeschüttelt hast. Er war immerhin ein Lehrer, und ein voll ausgebildeter Zauberer, also…"

"Oh," machte Harry. "Aber ich finde immer noch, man sollte sie wenigstens irgendwie überwachen- es gibt schließlich keine Möglichkeit, den Fluch von außen zu brechen, das haben wir gelernt. Und wenn Voldemort seinen Marionetten wieder einen Befehl gibt, und sie einfach so frei herumspazieren…"

"Das ist auch wieder richtig…" seufzte Blaise. Sein Großonkel war freigekommen, weil der Todesser, der ihn unter dem Fluch gehabt hatte, nach Askaban geschickt worden war- ein gewisser Rodolphus Lestrange.

"Harry, könnten wir in der DA vielleicht üben, den Imperius abzuwehren?" fragte Hermine, "auch wenn es gegen Voldemort nichts hilft, wir könnten vielleicht doch stärker als einige seiner Todesser sein und wenigstens da Widerstand leisten."

Harry seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die wirren Haare. "Sicher, könnten wir, 'Mine- aber ich kann den Fluch nicht sprechen, ich habe so meine Probleme mit den Dunklen Künsten… und ich wüßte nicht, wen wir sonst um Hilfe bitten könnten."

"Snape," sagte Zabini.

"Snape?" rief die ganze DA ungläubig.

"Wir wollten eigentlich nicht gleich umgebracht werden."

"Wir wollten Du-weißt-schon-wem eigentlich keinen Bericht erstatten, was wir tun!"

"Wir wollten nicht gleich Selbstmord begehen!"

"Wir…"

"Ruhe!" rief Harry in das Stimmengewirr hinein, bevor er Blaise zunickte. "Zabini, erklären," sagte er.

"Nach der Schule," meinte Blaise, "erste Stunde fängt gleich an, und es ist besser, wenn sich erst einmal alle beruhigen. Snape ist aber gar nicht so übel, wie ihr alle denkt. Er ist mein Hauslehrer, ich meine, er favorisiert uns zwar, aber das tut jeder Hauslehrer mit seinem Haus, und ich habe bisher noch nichts gesehen, was mir beweist, daß er ein Todesser ist. Ihr etwa?"

Harry und seine fünf Generäle, die genau wußten, was Snape war, hielten den Mund, während der Rest der DA verstimmt murmelte. "Also. Denkt darüber bis heute abend nach. Potter, wann?"

"Direkt nach dem Abendessen, selber Ort wie immer," meinte Harry. Die DA nickte, und folgte dann dem stetigen Strom der Schüler zu den Klassenzimmern.

Der Unterricht ging- wie immer- sehr viel langsamer vorbei- nun, da etwas Wichtiges am Abend anstand. Harry wurde mehr als einmal von seinen Lehrern mit scharfen Blicken bedacht, weil er seine Feder in wechselnden Rhythmen gegen den Tisch klopfte, aber seine Rastlosigkeit ließ dadurch nicht nach.

Zabinis Vorschlag, Snape zu ihrem Training hinzuzuziehen, traf bei ihm auf gemischte Gefühle- er hatte keine Ahnung, wo der Professor und er momentan in ihrem Verhältnis zueinander standen. Sicher, Snape hatte ihm geholfen, als Voldemort ihre Verbindung ausgenutzt hatte, aber wenn sie sich auf dem Gang begegneten, war er noch immer eisig und beleidigend in seinem Verhalten Harry gegenüber. Daß er seine Worte zu Herzen genommen hatte, glaubte Harry nicht, und so fühlte er sich nicht gerade zuversichtlich bei dem Gedanken daran, daß er in wenigen Stunden seinen Zaubertränkeprofessor wahrscheinlich gegen neunzig Prozent seiner DA verteidigen müssen würde.

'Ob Snape wohl jemals daran denkt, mich zu verteidigen?' Harry gluckste bei diesem Gedanken. Das konnte er sich nicht einmal vorstellen. 'Nein, Dumbledore- Potter hat die Regeln nicht mit Absicht gebrochen!' Als ob das jemals geschehen würde…!

"Schön, daß Sie meinen Vortrag über Gesichtsveränderungszauber so lustig finden, Potter- aber könnten Sie Ihrer Belustigung vielleicht erst nach der Stunde Ausdruck verleihen? Oder gibt es da etwas, was Sie mir mitteilen möchten?" fragte Professor Flitwick. Harry wurde rot und murmelte eine Entschuldigung. Auch wenn er diese Zauber nicht brauchte- er war schließlich ein Metamorphmagus- sollte er doch lieber zuhören, denn sie wurden im UTZ abgefragt und er hatte sich selbst ein Versprechen gegeben… zum Glück war dies die letzte Stunde!

"Harry, das war ziemlich unhöflich- Professor Flitwick hat uns über die Risiken aufgeklärt, die wir tragen, wenn wir unser Aussehen verändern, und du lachst! Ich weiß ja, daß du ein Metamorph bist, aber…"

"'Mine, es tut mir leid! Sei nicht eingeschnappt, ich war nur ein bißchen abgelenkt… mußte daran denken, was Zabini uns heute abend wohl sagen wird. Ich meine, auch wenn wir wissen, was mit Snape ist- ich glaube kaum, daß er sich freiwillig in meine Gesellschaft begibt!" erwiderte Harry. Ron prustete vor Lachen.

"Sicher glaubt er, wir sind alle unzurechnungsfähig oder geistig zurückgeblieben, wenn wir ihm den Vorschlag machen, er soll uns alle mit einem Unverzeihlichen Fluch belegen!" Harry zog an Rons Ärmel, wollte ihn auf etwas aufmerksam machen, aber Ron schüttelte ihn ab.

"Na ja, uns alle außer dir. Du müßtest wirklich wahnsinnig sein, um das zu erlauben… oder… eigentlich kann es doch gar nichts schaden, wenn der schleimige Fiesling dich auch verflucht, oder? Ich glaube kaum, daß er dich unter Imperius halten kann..."

"Und was verleitet Sie zu dieser Annahme, Weasley?" fragte Snape. Harry seufzte. Er hatte ja versucht, Ron klarzumachen, daß sein Lehrer hinter ihnen stand.

"Pr.. Professor?" würgte Ron hervor, der eine interessante Grünschattierung als Hautfarbe angenommen hatte, beinahe Ton in Ton mit den Flechten auf der feuchten Außenwand des Ganges. "Uh, sehen Sie, Sir… wir…"

"Harry hat Voldemorts Fluch standgehalten, Sir, während des Trimagischen Turniers," sagte Hermine mit fester Stimme. "Und darum ist Ron der Ansicht, daß er auch Ihrem Fluch widerstehen kann." Ihre Hände zitterten, während sie sich an Rons Ärmel festhielt, aber ihr Blick konfrontierte Snapes ohne nachzugeben.

"Zehn Punkte von Gryffindor- erwähnen Sie den Namen des Dunklen Lords nicht in meiner Nähe. Und Potter… dieses kleine Talent Ihrerseits werde ich demnächst wohl überprüfen müssen."

"Sir? Hat Zabini Sie etwa schon gesprochen?" fragte Harry überrascht.

"Mr. Zabini hat mir in der Tat mitgeteilt, daß ich Sie aufsuchen soll, allerdings hat er versäumt, zu erwähnen, was der Grund dafür ist. Ich nehme an, Sie sind auch ohne Potter funktionsfähig, Mr. Weasley, Miss Granger? Gehen Sie weiter. Potter, Sie folgen mir."

"Aber, Sir…" protestierte Harry, dem der Magen knurrte, "ich war auf dem Weg zum Abendessen und…"

"Ich hatte nicht vor, ihren Aufenthalt in meinen Räumen länger als nötig zu gestalten. Sie werden später essen. Folgen Sie mir!" Harry warf einen kläglichen, hilfesuchenden Blick auf Ron und Hermine, aber Ron zuckte nur hilflos mit den Schultern und Hermine wirkte wütend, daß Harry an der Ausbeutung der Hauselfen beteiligt war, und so blieb ihm nichts anderes übrig als seinen Hals in die Schlinge zu stecken und Snape hinterherzugehen- der Zaubertränkemeister hatte nicht einmal auf ihn gewartet.

"Bis nachher, Leute," meinte Harry mürrisch und trottete zu Snapes Büro.

"Sie lassen sich Zeit, Potter," begrüßte der ihn, sobald er zur Tür hineingekommen war.

"Entschuldigung, Sir," sagte Harry, der sich entschieden unbehaglich fühlte. Hier hatte Snape ihn schließlich schon einmal hinausgeworfen und ihm verboten, jemals wieder einen Fuß hineinzusetzen.

"Setzen Sie sich, Potter. Ich denke, weder Sie noch ich haben das Bedürfnis, hier kostbare Zeit zu verschwenden." Mr. Zabinis kryptischen Andeutungen zufolge handelt es sich um eine Frage zu den Dunklen Künsten, die zu besprechen ist?"

"Nicht direkt, Sir," Harry rutschte unter dem eindringlichen Blick Snapes auf seinem Stuhl hin und her. "Es geht… um die DA, Sir. Die Defensiv-Allianz."

"Ich bin mir über die Existenz Ihres kleinen Verteidigungsclubs im Klaren, Potter," schnappte Snape, "allerdings verstehe ich nicht, wie Mr. Zabini zu der Annahme kommt, ich könnte etwas damit zu tun haben wollen."

"Sir, ich weiß, daß sie von der DA wissen, aber ich muß Sie dennoch bitten… könnten Sie schwören, daß Sie niemandem etwas von dem sagen, was ich Ihnen jetzt sage? Nicht einmal Professor Dumbledore? Die DA ist meine Sache, Sir, und sie soll es auch bleiben."

Snape zog wütend die Augenbrauen zusammen und bei dem Blitzen in seinen Augen fürchtete Harry einen Moment lang, zu weit gegangen zu sein. Dann aber wich Snapes Zorn einer angespannten Wachsamkeit.

"Also gut, Potter, sprechen Sie. Ob ich darüber jemand in Kenntnis setzen werde, wird allerdings allein meine Entscheidung sein. Sollten ihre Absichten entweder ihr oder das Leben eines anderen in Gefahr bringen, werde ich das ohne zu zögern melden." Harry schluckte kurz ob dieser Ankündigung, beschloss dann aber, sein Vorhaben zu Ende zu führen.

"Gut. Sir, die DA ist gut. Sie sind sogar sehr gut, und sie können es, wie sie in Hogsmeade gezeigt haben, sogar mit Todessern aufnehmen, aber… wir wollten weiter trainieren. Es… es ist so, Sir, wir haben am Morgen die Zeitung gelesen und… diese Imperius-Klausel gefunden, und darüber diskutiert, und…"

"Potter, würden Sie bitte endlich zur Sache kommen?"

"Es geht darum, daß die DA-Mitglieder gerne versuchen würden, ob sie den Imperius brechen können. Ich kann den Fluch nicht ausführen… ich habe Probleme damit, dunkle Magie zu wirken, wenn ich nicht absolut wütend bin, warum, weiß ich nicht, Sir, selbst bei Flüchen, die nicht unverzeihlich sind… und von den Mitgliedern kann es sonst auch niemand… und Zabini meinte, Sie könnten uns vielleicht mit dem Training helfen."

"Und Sie glauben, das würde ich tun, Potter? Warum?" Harry holte tief Luft. Snapes Tonfall war zwar noch immer eisig, aber er glaubte, einen gewissen Respekt erkennen zu können- und er hatte ihn noch nicht vor die Tür gesetzt.

"Weil Sie- genau wie die DA und ich- wollen, daß möglichst viele von Voldemorts Waffen unwirksam sind, damit er so schnell wie möglich besiegt wird," sagte er und hoffte, daß er nicht die falschen Worte gewählt hatte. Snape schwieg. Harry mühte sich krampfhaft, nicht auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, denn er wollte den Lehrer nicht durch irgendeine unbedachte Handlung in seiner Entscheidung beeinflussen. Trotzdem erschien es ihm wie Stunden, bis Snape schließlich in einem geschäftsmäßigen Ton antwortete.

"Ich hatte nicht geglaubt, daß jemand wie Mr. Zabini freiwillig in eine von Ihnen geführte Organisation eintreten würde, aber nun… kann ich seinen Gedankengang nachvollziehen. Sie können ihrer kleinen Armee sagen, daß ich gewillt bin, ihnen zu helfen- unter der Bedingung, daß keiner der Mitglieder von meiner Hilfe berichtet."

"Jeder, der in der DA ist hat einen magischen Vertrag unterzeichnet, der ihn oder sie zum Schweigen verpflichtet," setzte Harry an zu erklären, doch Snape wedelte ungeduldig mit der Hand.

"Gehen Sie, Mr. Potter. Sie haben, wofür Sie gekommen sind, also befreien Sie mich von Ihrer Gesellschaft." Der Zaubertränkelehrer zog einen Stapel Pergament zu sich, bei dem es sich offensichtlich um Aufsätze seiner Schüler handelte, und schickte Harry noch einen letzten, ärgerlichen Blick. "Das heißt 'Raus', Potter, wenn Sie es anders nicht verstehen."

"Danke, Sir," sagte Harry, stand auf, und ging. Snape war ein Enigma, aber wenigstens hatte er das Gespräch überstanden, ohne ihn gegen Wände zu klatschen oder mit dunkler Magie zu verfluchen wie beim letzten Mal. Und für Snape… nun, er hatte sich Harry gegenüber fast freundlich für seine Verhältnisse gegeben. Jetzt mußte er nur noch die DA davon überzeugen, daß der Zaubertränkemeister nicht so übel war…aber wie? Harry seufzte. Es würde ein langer Abend werden!


Die DA war einsichtiger, als Harry gedacht hatte. Nachdem er erklärt hatte, daß Snape selbstverständlich denselben Schweigezaubern und -schwüren unterliegen würde wie die Mitglieder, hatten sich die Ravenclaws beruhigt. Nachdem Hermine, Ron, Zabini und er bestätigt hatten, daß sie nicht glaubten, daß Snape ein Todesser war, hatten die Gryffindors eingelenkt. Am Ende hatten sich dann selbst die Hufflepuffs mit der Situation abgefunden, da Moon ihnen klargemacht hatte, daß Snape es sich nicht leisten konnte, einen Schüler zu verletzen weil er sonst seine Position in Hogwarts verlieren würde. Die Slytherins hatten von Anfang an an Harrys Seite gestanden und (hatten) ihren Hauslehrer verteidigt (was Harry nicht verwunderte, schließlich war Snape zu ihnen immer recht zuvorkommend und regelrecht freundlich, von den Punkten, die er ihnen hinterherwarf ganz zu schweigen). Zabini wurde damit beauftragt, Snape zu bitten, nach den Weihnachtsferien zu einem der Treffen zu kommen und Hermine gab ihm eine der falschen Galleonen für Snape, damit er auch wußte, wann das Treffen stattfinden würde.

Endlich, knapp fünf Minuten vor Zapfenstreich, war dann das Treffen der DA vorüber. Harry ließ sich erschöpft nach hinten zu Boden fallen (der Raum der Erfordernis hatte, da sie Verscheuchezauber geübt hatten, eine Polsterung aus dünnen Matten auf dem Boden) Er lag so direkt neben Ginny, die es sich als Erste gemütlich gemacht hatte. Ron und Hermine diskutierten noch mit ein paar Slytherins an der Tür, während Neville Luna zu ihrem Gemeinschaftsraum begleitete.

"Na, das ging ja besser als erwartet… jetzt muß ich nur noch herausfinden, wie ich ohne einen Zeitumkehrer bis morgen meinen Verwandlungsaufsatz fertig bekomme," stöhnte die Fünftklässlerin. "Wie habt ihr eigentlich euer UTZ-Jahr überlebt?" Harry zuckte zusammen, hätte beinahe gesagt, daß doch nicht alle es überlebt hatten, riß sich jedoch zusammen und starrte nur stur an die Decke.

"Mit viel Glück," sagte er leise. Ginny schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.

"Entschuldige, Harry, ich bin ein Idiot," stöhnte sie. "Ich hab nur daran gedacht, daß wir beinahe schon wieder ein halbes Jahr vorbei haben, und gar nicht an den Sommer und an Sirius. Es tut mir leid… aber weißt du, es wird auch nicht besser, wenn niemand davon spricht, richtig?"

"Ist schon in Ordnung, und du hast recht- ich will mich an Sirius erinnern, aber… es ist einfach so verdammt schwer, ich glaube, ich erwarte immer noch, daß er plötzlich in seiner Animagus-Form zur Tür hereingerannt kommt… und dann sehe ich wieder, wie er durch den Schleier fällt und…" er brach ab. Ginny strich ihm tröstend mit einer Hand über Arm und Schulter.

"Ich kann zwar nicht sagen, daß ich weiß, wie es dir geht, weil ich nicht miterlebt habe, wie der erste Krieg war… aber ich weiß, daß es besser wird. Meine Mutter vermißt ihre beiden Brüder Gideon und Fabian auch furchtbar, und sie kann ihre alten Photoalben nicht ansehen ohne zu weinen, aber sie sagt, es wird mit der Zeit besser, und daran glaube ich- du auch?"

"Klar," meinte Harry, dem bei dem Gespräch langsam unheimlich wurde.

"Na ja, egal- hilfst du mir mit Verwandlung?" fragte sie, die trübe Stimmung abschüttelnd.

"Solltest lieber 'Mine fragen," meinte Harry mit einem Schulterzucken und setzte sich auf, "aber wenn du dich ins Verderben stürzen willst, meinetwegen."

"Was sollte sie lieber mich fragen?" wollte Hermine wissen.

"Ich muß noch einen Aufsatz für Verwandlung schreiben… habe ich gestern nicht gemacht, weil wir Quidditchtraining hatten," sie schielte zu Ron, der aussah, als wolle er ihr sofort einen Vortrag darüber halten, wie wichtig das Training war, "und weil Harry mal wieder im Krankenflügel war und ich ihn noch besuchen wollte. Ich habe ihn um Hilfe gebeten, und er meinte, ich soll lieber dich fragen… hilfst du mir auch?" Hermine grinste teuflisch.

"Harry, du bist einfach zu bescheiden, weißt du das? Hat er noch nicht erwähnt, daß seine Noten in diesem Jahr fast genauso gut sind wie meine? Ich bin in Verwandlung kaum besser als er… nur in der Theorie hab ich Vorsprung. Er hat ganz schön gearbeitet im Sommer… und im ganzen Jahr. Ich glaube, er kann dir schon alleine helfen!"

"'Mine!" protestierte Harry in scharlachrot, aber Hermine lachte nur.

"Kommt, wir gehen zurück zum Gemeinschaftsraum, sonst bekommt ihr zwei Ärger mit Filch. Ron und ich sind wenigstens Vertrauensschüler, aber für euch gilt der Zapfenstreich!" Ginny rollte die Augen.

"Schon gut," meinte sie und räkelte sich auf der Matte. "Ist so gemütlich hier, ich will eigentlich gar nicht aufstehen…"

"Komm schon, Ginny," Harry streckte ihr eine Hand entgegen, an der sie sich hochziehen konnte, "ich will wirklich keine Strafarbeit… habe genug zu tun, mit der ganzen Talisman-Sache!"

"Tut mir leid, daß ich dabei nur so wenig helfen kann," meinte Ginny, die sich von ihm auf die Beine helfen ließ. "ZAGs sind tödlich für die Freizeit!"

"Wem sagst du das!" stimmte Ron zu. Hermine stupste ihn in die Seite. "Hey, das kitzelt!"

Hermine zog ihn immer noch auf, als die vier im Gryffindor-Gemeinschaftsraum standen. Nach einem einzigen Blick auf das Schwarze Brett wurde sie jedoch bleich. "Oh nein!"
"Was ist los?" fragte Ginny.

"ZAG-Prüfung in Astronomie- direkt nach den Weihnachtsferien!" klagte die braunhaarige Hexe. "Ich habe ganz vergessen, daß die Nachprüfung noch ansteht! Und ich habe gar nichts mehr dafür gelernt! Ich muß sofort-"

"Einen Lernplan aufstellen," meinten Harry und Ron mit einem geteilten Grinsen.

"Freut euch nicht zu früh- ihr Beiden bekommt auch einen!" Hermines Augen funkelten schon. Harry zuckte die Schultern.

"Kannst ihn gerne aufstellen, 'Mine- aber ein Astronomie-ZAG ist mir nicht so wichtig… ich bleib bei meinem Stundenplan wie jetzt. Wenn's geht lerne ich eine halbe Stunde, wenn nicht, auch egal. Voldemort stirbt sicher nicht, wenn ich ihm den Skorpion aufmale, oder?"

Ron boxte ihn wütend in die Seite. In Hermines Augen schimmerten wütende Tränen. "Weißt du was, Harry? Wenn du dein ganzes Leben schon an ihm ausrichtest dann hat er gewonnen! Du solltest wenigstens von Zeit zu Zeit versuchen, nicht an ihn sondern an deine Zukunft zu denken! Und die ist besser, je mehr ZAGs du hast!"

"Und wenn ich nicht an ihn denke habe ich keine Zukunft, 'Mine," meinte Harry nur. Er war emotional und körperlich erschöpft, nachdem er sich eine stundenlange Argumenteschlacht mit der DA geliefert hatte und Hermines Beharren darauf, daß er sich endlich einmal entspannte, war einer schlechten Laune eher förderlich als hinderlich.

"Das war unter der Gürtellinie, Harry," meinte Ron nur und legte Hermine tröstend eine Hand auf die Schulter. "Ich glaube, wir lassen Herrn Miesgelaunt heute alleine, 'Mine."

Harry sah zu seinen beiden Freunden am Tisch am Feuer hinüber und wandte sich dann Ginny zu. "Gin, es tut mir leid. Ich kann jetzt nicht helfen… wenn du möchtest lese ich mir deinen Aufsatz morgen beim Frühstück durch, aber jetzt…"

"Ist schon in Ordnung, ich weiß, daß du lieber allein sein möchtest, Harry. Aber vergiß nicht, daß ich da bin, wenn du reden möchtest, ja?" Sie überraschte ihn, indem sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen Kuß auf die Wange hauchte. "Paß auf, daß du nicht zu lange herumbrütest, okay?"

Aber alle Gedanken ans Brüten waren aus Harrys Kopf gewischt. Träumerisch fuhr er mit der Hand über seine etwas kratzige Backe und wunderte sich zum wievielten Mal auch immer darüber, was aus Rons kleiner Schwester geworden war.


Der kleine Streit des Trios hielt bis nach dem Frühstück am nächsten Morgen an. Hermine begrüßte Harry etwas frostig, Ron unterhielt sich lieber mit Seamus und Dean (der ihn davon zu überzeugen versuchte, daß Fußball ein sehr viel besserer Sport als Quidditch sei) und Ginny hielt ihm einen Fuß Pergament unter die Nase, den er zu lesen hatte. Weil er aber seinen Freunden nicht ernstlich böse war (es war eine Kombination aus Erschöpfung und schlechter Laune gewesen, die die unglücklichen Worte hervorgerufen hatte) und weil er wußte, daß er seine Freunde mehr als alles andere brauchte, holte Harry nach dem Frühstück tief Luft.

"Ron, 'Mine, es-"

"Harry, es-"

"… tut mir leid!"

"… tut uns leid," schlossen alle drei gemeinsam. Einen Moment lang schwiegen sich die drei peinlich berührt an, dann ergriff Hermine die Initiative.

"Harry, du hast zwar in manchen Punkten recht gehabt, aber bitte- vergiß einfach die Gegenwart nicht, in Ordnung? Es ist für uns nämlich nicht gerade leicht, zuzusehen wie du dich wegen eines Ereignisses, das bestimmt noch Jahre in der Zukunft liegt, kaputt machst, und wir wollen immer nur das Beste für dich, das weißt du, oder?"

"Klar… aber ich kann einfach nicht so tun als ob da kein Krieg wäre, okay, 'Mine? Und… ich habe mein eigenes Leben… ich hab einfach genug davon, daß ständig jemand versucht, nur das Beste für mich daraus zu machen- ich würde es gern selbst regeln."

"Kannst du auch, Kumpel- solange du uns dabei nicht in die Quere kommst," grinste Ron. Harry grinste zurück, und das Trio war wieder vereint.

"Und ich hatte schon geglaubt, ich hätte Fortschritte mit ihm gemacht… jetzt hat er bestimmt wieder alles vergessen," stöhnte Dean und ließ den Kopf gefährlich nah an seiner vollen Porridge-Schüssel auf die Tischplatte fallen.

"Hab ich gar nicht!" protestierte Ron. Harry grinste.

"Ach ja? Und wieviel Mann hat eine Fußballmannschaft?"

"Uh, zehn?"

Deans Kopf klang recht hohl, als er wieder und wieder auf dieselbe Stelle aufschlug.

Am frühen Abend fand man das Trio wieder, wie so oft, in der Bibliothek. Luna und Neville hatten ihnen bei Madam Pince eine Nachricht hinterlassen und ein Buch zurücklegen lassen, das laut Luna das Standardwerk über magische Gegenstände, insbesondere Talismane, war. Selbst Hermine hatte von diesem Werk noch nichts gehört, aber da Lunas Lesegewohnheiten gelinde gesagt exzentrisch waren, war dies auch nicht weiter verwunderlich.

Erstaunlicherweise erwies sich der dicke Band aber als sehr informativ, er enthielt zwar auch Passagen über die Existenz von Elementargeistern (die es nach Ansicht gängiger magischer Theorie überhaupt nicht gab) und deren Beschwörer, aber in all dem Unsinn versteckt fand Hermine ein kleines Juwel- einen Text über einen mittelalterlichen Zauberer, der sich der leichten Alchemie und der Beschwörung verschrieben hatte. Sein Name war Dr. Johannes Faustus, was weder Harry noch Ron auch nur im Geringsten weiterhalf- aber ihre Freundin schien tief in Gedanken versunken.

"Dr. Faustus... Dr. Faustus..." Hermines Augen waren fest zusammengepresst während sie sch mit einer Hand die Stirn massierte und versuchte, sich zu erinnern. Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn, ihre Augen flogen weit auf.
"Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie, Durchaus studiert mit heißem Bemüh'n. Da steh' ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor! Heiße Magister, heiße Doktor gar, Und ziehe nun schon an die zehen Jahr' Herauf, herab und quer und krumm Meine Schüler an der Nase herum- Und sehe, daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen. Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaff-.." Harry unterbrach ihre Tirade.

"Umm... Hermine, was war dieser Vortrag eben? War das deutsch?" Hermine nickte.

"Der Faust von Goethe, ein bekanntes Stück über eine Muggellegende... angeblich verkauft ein Mensch seine Seele dem Teufel, um Wissen und irdische Befriedigung zu erreichen, aber... alles, was dahinter steckt ist, daß ein dummer Muggel ein Gespräch zwischen Johann Faustus, dem berühmten Talisman-Experten und Geisterbeschwörer und seinem Freund Gustavus Mephistopheles, einem Pudel-Animagus überhört hat... Faustus hat seinen Freund um Hife gebeten, weil einer seiner Talisman-Geister unkontrollierbar war, wie alle Elementargeister... und Mephistopheles kam in seiner Pudelform zu ihm und hat ihm geholfen, das Experiment zu bändigen... und Faust hat ihm dafür Gegenleistung bei einem von Mephistopheles' Experimenten mit Grauer Magie versprochen... natürlich mußte ein Muggel das als Pakt mit dem Teufel sehen!" Ron starrte sie an.

"Sei mir nicht böse, 'mine- aber du hast mich schon bei diesem Muggeldichter verloren. Ich wußte gar nicht, daß du deutsch sprichst!"

"Na ja, nicht besonders gut- was ich gesagt habe, habe ich auswendig gelernt weil es mich so beeindruckt hat. Genau wie die Beschreibung von Mephistopheles, die Goethe ihm andichtet... Ich bin ein Teil von jener Kraft Die stets das Böse will und stets das Gute schafft..."

"Was heißt das übersetzt, Hermine?" Hermine übersetzte schnell für ihre beiden Freunde. Harry nickte wehmütig.

"Wenn man das doch nur von Voldemort sagen könnte," seufzte er. Ron legte ihm einen Arm um die Schulter.

"Ehrlich, Harry- wir schaffen das schon. Woher weißt du eigentlich all das über diese beiden Zauberer, 'Mine?" wandte er sich an seine Freundin.

"Berühmte Zauberer von Merlin bis heute," entgegnete Hermine und stellte abwesend ein dickes Geschichtsbuch auf den Tisch vor ihr. "Voldemort und du, ihr seid beide erwähnt," sagte sie. Harry schüttelte den Kopf.

"Kein Wunder ist es so dick, wenn sie schon meinen, daß ich darin vorkommen muß," grinste er.

"Wenn du es genau betrachtest hatte Goethe sogar recht, Harry- Voldemort ist nämlich als der Erschaffer des Jungen der lebt verewigt, also als der, der durch seine Bosheit und seinen bösen Willen das Gute geschaffen hat. Und…"

"'Mine, ist ja gut. Wir wollten eigentlich weder einen Vortrag noch eine Diskussion über die Philosophie von Gut und Böse- wir wollten eigentlich nur wissen, was genau jetzt so interessant an diesem Faust ist. Sicher, er war Talisman-Experte, aber wie hilft uns das weiter?"

"Zumindest haben wir jetzt einen Namen, nach dem wir suchen können, oder?" schnappte Hermine. Harry nickte, ein wenig eingeschüchtert. Wenn Hermine ihre innere Ravenclaw heraushängen ließ, war es besser, ihr niemals in die Quere zu kommen. Er stand auf und begann, hinter ihrem Tisch entlang der Grenze zur Verbotenen Abteilung auf- und abzuwandern, etwas, das, wie er fand, ihm beim Nachdenken half.

"Mir wird gleich schwindlig," beklagte sich Ron, als Harry zum vierten Mal an seinem Rücken vorbeitigerte. Harry stopfte die Hände in die Hosentaschen und ging einfach weiter.

"Setz dich bitte wieder hin, Harry. Wenn Madam Pince dich sieht, werden wir rausgeworfen, und das war's dann mit Recherche!" mahnte auch Hermine.

"Nicht, daß das so schlimm wäre," grummelte Ron beinahe unhörbar. Harry wollte wohl gerade grinsen, seine Gesichtsmuskeln jedoch erstarrten mitten in der Bewegung und er kramte in seiner Robentasche. Mit gerunzelten Augenbrauen studierte er den dreckverschmierten Zettel, den er darin gefunden hatte.

"'Mine, wer sind die O'Malleys?" fragte er nach einigen angespannten Sekunden der Stille.

"Wahrscheinlich eine irische Zaubererfamilie, warum?" fragte Hermine.

"Ganz einfach- ich glaube, ich habe endlich wieder etwas gefunden, das uns weiterhilft. Wurmschwanz hat diesen Zettel in Hogsmeade verloren, und ich Idiot habe ihn erst jetzt wiedergefunden und mich erinnert. Der Talisman des Ourouboros besteht aus dem Abbild zweier ineinander verschlungener Schlangen, die sich selbst in den Schwanz beißen. Soll Tod und Wiedergeburt simulieren. Und dann gibt es noch den Hinweis auf die O'Malleys… aber das verstehe ich nicht, sie sind mit einem Fragezeichen versehen."

"Hatten wir schon mal," murmelte Ron, "wenn ihr euch erinnert- der Bankschalter?"

Harry reagierte nicht, Hermine aber sah sehr nachdenklich aus.

"Moment," sagte Hermine, stand auf und zog das bei Weitem umfangreichste Buch der ganzen Bibliothek hinter Harrys Rücken hervor. "Wenn wir etwas über sie, Dr. Faustus, den Talisman und den Zusammenhang zwischen all dem finden, dann hier."

"Was ist denn das Monster?" fragte Ron entgeistert.

"Eine Genealogie der Zauberwelt," las Harry. "Sag bloß das ist auch leichte Lektüre?"

"Nein, aber ich wollte im dritten Schuljahr wissen, ob ich wirklich ganz muggelgeboren bin und… habe einfach gesucht, ob es einen Zauberervorfahren in meiner Familie gibt. Und bevor du fragst, Harry: nein, es gibt ihn oder sie nicht, aber ich habe herausgefunden, daß die Malfoys im Mittelalter eine Veela im Stammbaum haben…"

"So wie Fleur?"

"Sie ist eine Viertelveela, Ron, und sie ist mit deinem Bruder Bill zusammen, also kannst du die Schlafzimmeraugen gleich wieder ausschalten."

"Was sind Schlafzimmeraugen?" fragte Ron, doch Hermine war schon damit beschäftigt, eine Pergamentseite nach der anderen in rapidem Tempo durchzublättern.

"Black… Bennett… Bones…" murmelte sie dabei vor sich hin. "Steht O'Malley eigentlich unter 'O' oder unter 'M'?"

"Unter 'M'," half Ron, "Das 'O' vor dem Namen ist nur ein Hinweis darauf, daß der Vorfahre ein 'Sohn des Malley' war."
"Woher…?" fragte Harry.

"Oh, das ist doch nicht so wichtig. Na gut, wir sind Reinblüter, und ein kleines Bißchen Genealogie lernt jeder von uns mit der Familiengeschichte," meinte Ron mit rotem Kopf.

"Es gibt aber gar keine O'Malleys, weder unter 'O' noch unter 'M'." Enttäuscht klappte sie das Buch zu. "Wir haben es mit einer Muggelfamilie zu tun. Am Besten, ich durchsuche in den Weihnachtsferien mal die Personenregister auf den Ämtern und das Internet."

"Internet?" fragte Harry. Hermine nickte.

"Es ist eine ziemlich neue Sache, die meine Eltern installiert haben. Ein Computernetzwerk, das die ganze Welt umfaßt und in dem Informationen ausgetauscht werden können. Ich weiß nicht, ob es schon weiterhilft… aber ich kann es ja versuchen, oder?"
Die Antwort der beiden Jungen wurde jedoch von der Ankunft dreier offizieller Eulen unterbrochen. Ihr glänzendes Gefieder und das goldene Siegel des Ministeriums um ihre Brust verrieten eindeutig den Absender, doch was war der Zweck?

Hermine war die erste, die dem vor ihr aufgebauten Vogel den Brief an ihrem gepflegten Fuß abnahm. Harry und Ron folgten ihrem Beispiel, dann rissen alle drei gemeinsam ihre Umschläge auf.

"Oh," machte Harry, sobald er mit dem Lesen fertig war. "Ich wußte nicht, daß sie uns noch eine offizielle Einladung schicken! 'Wegen großer Verdienste um die Sicherheit der Zauberwelt… blablabla… Ihnen der Orden des Merlin Zweiter Klasse in einer feierlichen Zeremonie am Abend der Wintersonnwende verliehen werden… Steht das bei euch auch so?"

"Ja, nur habe ich einen dritter Klasse," meinte Ron.

"Ich auch. Tja, sieht so aus als führte kein Weg daran vorbei- und ich wollte eigentlich am 21. schon mit meiner Familie in den Skiurlaub fahren," seufzte Hermine.

"Oh nein- schon wieder Festumhänge!" stöhnte Ron. Harry, der mit Ginny gemeinsam den 'macht-Ron-und-Hermine-aufeinander-aufmerksam'-Plan weiterverfolgt hatte bekam ein seltsames Glänzen in die Augen.

"Hey, Ron- Neville und Luna haben doch bestimmt auch eine Einladung bekommen, oder? Und weil Neville doch sicher mit Luna geht und du garantiert nicht deine Schwester als Ballpartnerin haben möchtest, warum fragst du Hermine nicht gleich, ob sie mit dir geht?"

Ron gab eine gute Imitation eines gestrandeten Karpfens ab. "Hermine?"

"Ja. Sie sitzt dir gegenüber, falls du das noch nicht gemerkt hast."

"Oh, ja. Moment- das heißt, du und Ginny? Willst du etwas von meiner kleinen Schwester, Kumpel?" fragte Ron gespielt bedrohlich. Harry hob abwehrend die Hände.

"Nein, nein- ich dachte nur, so wären wir unter uns und sicher, daß wir mit einem Freund oder einer Freundin zum Ball gehen die alle in der Gruppe gut leiden können."

"Dir ist klar, daß das Spekulationen in der Presse hervorruft, Harry, oder?" Harry schluckte und nickte. Hermine hatte wieder einmal seinen wunden Punkt getroffen.

"Ja. Und ich weiß, daß ich Ginny damit einer noch größeren Gefahr aussetze als sonst… aber weil sie sowieso bei dieser Gala sein wird… ich… es war eine dumme Idee, es tut mir leid. Ich sage irgendwie ab." Er senkte den Blick und verkrampfte seine Hände in seinem Schoß. "Es tut mir wirklich leid."

Gerade als Harry fliehen wollte, mischte sich Ron ein. "Muß dir nicht leidtun, war schon richtig, Kumpel. Also, 'Mine…" er räusperte sich geräuschvoll, "willst du mit mir auf die Ministeriumsgala gehen?" Wider Willen wurden seine Ohren knallrot, genau wie sich auf Hermines Wangen zwei ebenso leuchtende Flecken bildeten.

"Ja," wisperte sie leise. "Entschuldigt mich!"

Sie rannte beinahe aus der Bibliothek. Die beiden Jungen tauschten einen ratlosen Blick, bevor sie mit Verscheuchezaubern alle Bücher aufräumten. "Mädchen!"

Hermines Freudenschrei, der Tarzan alle Ehre gemacht hätte bekamen sie nicht mit, da die kluge Sechstklässlerin vorsorglich einen Schweigezauber auf die Mädchentoilette, die der Bibliothek am nächsten gelegen war, gelegt hatte.

Und damit war die Bühne bereit für sechs Helden… doch nicht nur sie hatten am Wintersonnwendabend Großes vor, wie sich schon sehr bald zeigen würde. Nein, auch das Dunkel regte sich, und gewann an Stärke, je kürzer die Tage wurden. In Kürze würde die längste Nacht bevorstehen- doch Harry und seine Freunde spürten von ihrer Kraft nichts, denn das Licht in ihrem Inneren hatte neues Feuer erhalten.


… tbc ...


Information
(1) Es gab in den 90ern noch keine sechs Milliarden Menschen auf der Erde
(2)Im Englischen gibt es die Boysenberries, eine herb-süße Waldbeere in der Form einer Brombeere, aber größer und süßer, warum also keine Girlsenbeeren?
Boysenbeeren im Bild? Das sind sie! http/ garten.euro-oldies.de/ images/ Beerenobst/ loganbeere. htm
(3) ©Original Star Trek (©dessen Eigentümer)
(4) Auf Englisch: rest in pieces. Lat.: er soll in Stückchen ruhen…
(5) Meine Hommage an MJ
Nelis Soundtrack:

Gustav Holst: In the bleak Midwinter

Vangelis: Alexander OST (ein grausam schlechter Film, aber tolle Musik!)

Herbert Grönemeyer and The World Quintet: Trauer (mein Evergreen!)

Robbie Williams: Swing when you're winning


Hey! Sorry, es hat eine Ewigkeit und drei Tage gedauert, dieses kurze Kapitel fertigzustellen. Ich will mich auch nicht weiter entschuldigen, es gibt nämlich keine Entschuldigung außer der, daß ich festgestellt habe, daß es schwerer ist, sich wieder an etwas zu gewöhnen, von dem man geglaubt hat, daß man es nicht hat als es war, genau das zu verlieren.

Mit anderen Worten: macht euch keine Sorge um diese Geschichte, sie geht auf alle Fälle weiter!

Bis bald, und lebt jede Sekunde, denn jede einzelne von ihnen ist kostbar.

Love from

Neli