Kapitel 13 - Faire
Als ich aufwachte schien mir die Sonne ins Gesicht. Ich hatte das Gefühl beobachtet zu werden und als ich mich aufsetzte und umblickte stellte ich fest, dass ich mit meinem Gefühl nicht falsch lag. Aragorn saß ganz in meiner Nähe auf einem Felsen und schien darauf gewartet haben, dass ich aufwachte.
„Guten Morgen, Sinye", begrüßte er mich. „Guten Morgen", erwiderte ich. „Alle haben schon nach dir gesucht.", meinte er. Ich zuckte nur mit meinen Schultern. „Jetzt hast du mich ja gefunden. Was gibt es denn?", fragte ich.
Aragorn schmunzelte und ließ seinen Blick dann über die Landschaft schweifen. „Es ist schön hier", stellte er fest. „Das beantwortet nicht meine Frage. Also?" „Nun, einige haben die Befürchtung geäußert, wenn du auf die Reise mitkommst, könnte das unnötige Streitereien heraufbeschwören.", berichtete er. „Wieso? Was kann ich denn dafür, dass Legolas so reagiert hat. Ich komme mit egal, was alle anderen sagen. Notfalls werde ich mit keinem ein Wort wechseln und nur an deiner Seite bleiben, aber ich komme mit." „Das habe ich befürchtet. Du kannst dir sicher sein, dass ich dich liebend gerne dabei haben möchte. Du bist eine hervorragende Schützin und eine passable Schwertkämpferin, wir können auf keinen verzichten, aber die anderen haben Bedenken geäußert.", fuhr er fort. „Ich komme mit und das ist mein letztes Wort!", sagte ich. Dann packte ich meine Sachen, die ich gestern Abend noch erschaffen hatte, zusammen und verschwand. Ich brachte alles in meine Gemächer, bevor ich mich auf den Weg zur Schneiderin machte.
„Sie wird nur Zwietracht in die Gruppe sähen.", hörte ich eine Stimme und blieb wie versteinert stehen. „Ich gebe dir Recht. Es war furchteinflößend, wie der Elb gestern auf Fionn losgegangen ist. Ich dachte, er würde Fionn verletzten oder ihn gar…" Die letzten Worte ließ die Stimme aus, doch jeder wusste, was er hatte sagen wollen. Sie sprachen über mich, stellte ich erschrocken fest. Ich hörte zwei Personen auf die Tür der Schneiderin zugehen. Hinter einem Busch in der Nähe konnte ich mich verstecken. Kurze Zeit später verliessen zwei Soldaten Gondors mit neuen Sachen beladen die Schneiderei und hatten sich alsbald so weit entfernt, dass ich mich wieder hinter dem Busch hervortraute und meinerseits die Werkstätte betrat.
„Guten Morgen Herrin. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?", fragte mich eine Elbin. „Ich brauche einen dünnen und einen dicken braunen Mantel, eine grüne und eine braune Tunika, ein grünes und ein braunes Korsett, sowie ein grüne und eine braune Hose. Haben sei etwas Passendes da?", fragte ich. „Sicher, wenn Sie mir bitte folgen wollen.", sagte die Elbin und führt mich in den hinteren Teil des Ladens. „Hier haben wir Mäntel und Umhänge in braun, schwarz und grün. Auf der rechten Seite hängen die warmen Sachen und auf der linken die Leichten. Wählen Sie sich etwas aus!", forderte sie mich auf. So durchstöberte ich die Mäntel und Umhänge bis ich einen dünnen braunen Umhang mit einem unscheinbaren silbernen Verschluss und Kapuze sowie einen dicken braunen Mantel mit Ärmeln, Kapuze und Schnürung, die vom Schlüsselbein, bis etwa zum Beinansatz reichte, gefunden hatte.
„Die sollen es sein?", fragte sie. Ich nickte und sie nahm mir den Umhang und den Mantel ab. Dann führte sie mich weiter durch den Laden. „Hier finden Sie Tuniken und Korsetts.", sagte sie zu mir, bevor sie kurz verschwand um meine bereits ausgewählten Sachen weg zu bringen. Schnell hatte ich ein grün braunes, ein grünes und ein braunes Korsett gewählt. Dem folgten eine braune und eine grüne Tunika sowie zwei Hosen, eine in grün, die andere in braun. Die Elbin reichte mir noch einen stabilen Lederbeutel dazu.
„Es scheint als wäre man nicht so sehr erfreut darüber, dass Ihr mit der Gruppe reist", sprach die Elbin zu mir. „Das habe ich leider schon mitbekommen. Ich werde dennoch mitreisen.", erwiderte ich und hoffte sie würde nichts weiter dazu sagen. „Ich wäre ja auch gerne mitgekommen, aber keiner hat mich ernstgenommen, als ich darum gebeten habe. Ich wäre ja nur eine Schneiderin, deshalb möchte ich, dass Ihr stellvertretend für alle Frauen, die auch gerne mitgekommen wären, die Reise antretet. Nehmt die Sachen als Geschenk und solltet Ihr noch etwas benötigen, kommt zu mir, ich werde es auch besorgen.", fuhr sie fort. „Nehmt das als Dank!", sagte ich und holte eine Perle aus einem meiner Beutel. „Vielen Dank, ich bin übrigens Maiwe.", sagte die Elbin. „Gern geschehen Maiwe.", erwiderte ich, bevor ich die Schneiderei verließ.
Gedankenverloren schlenderte ich durch die Gegend, bis ich zu den Ställen kam. Ich beschloss, meiner Stute einen Besuch abzustatten. Schon von weitem begrüßte sie mich.
„Hallo, meine Süße", sagte ich und stich ihr die weiße Mähne von der schwarzen Stirn. Faire war pechschwarz, nur Mähne und Schweif waren schneeweiß. Ich konnte mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich ihr eines Tages, kurz nachdem ich Mittelerde betreten hatte, begegnete. Damals traute ich meinen Augen nicht. Sie schritt durch die Bäume hindurch auf mich zu, den Kopf stolz erhoben. Bis heute verstehe ich nicht, wie ihr Fell schwarz, Mähne und Schweif weiß sein können, aber es ist nun mal so. Faire schritt also auf mich zu. Wie gebannt beobachtete ich sie und ihre Schönheit, die von ihr ausging. Genau vor mir blieb sie stehen, neigte erst ihren Kopf und kniete sich dann vor mir nieder. Vorsichtig streckte ich meine Hand nach ihr aus und fühlte eine tiefe Verbundenheit. In dem Augenblick wusste ich, dass es mein Schicksal war, diesem Pferd zu begegnen. Ich schwang mich auf ihren Rücken und vergrub meine Hände in ihrer Mähne. Darauf stand sie wieder auf. Die ersten Schritte, die sie machte, waren für mich ungewohnt, doch schon bald war es, als würden wir zu einer Einheit verschmelzen. Sie jagte durch den Wald, wich den Bäumen geschickt aus und lief schneller als jedes Pferd, welches ich kannte. Ich fühlte mich völlig sicher auf ihrem Rücken. Nie hatte sie mir auch nur den leisesten Grund gegeben, ihr zu misstrauen. Immer war sie für mich da gewesen. Faire ist seit dem Tag als wir uns kennenlernten, meine beste Freundin und würde es auch immer bleiben.
Egal was mit mir war, sie hatte immer auch mich aufgepasst. Einmal bin ich einen Abhang hinab gestürzt und hatte mich verletzt. Sie hatte sich neben mich niedergekniet, sodass ich mich auf ihren Rücken ziehen konnte. Dann hatte sie mich behutsam ins nächste Dorf getragen und dort konnte ich versorgt werden. Alle hatten Faire damals bewundert, was für ein braves und wunderschönes Pferd sie wäre und wo ich sie her hätte. Die Komplimente hatte ich dankend entgegen genommen, die Fragen jedoch unbeantwortet gelassen. Keiner hätte mir die Geschichte geglaubt, da ich sie doch selber für unreal hielt. Doch wurde ich jeden Tag, durch dieses stolze Tier an meiner Seite daran erinnert, dass es wirklich passiert war und nicht alles ein total verdrehter Traum gewesen ist. Faire stupste mich an und legte dann ihren Kopf auf meine Schulter. Sie spürte, dass ich mich nicht wohl fühlte. Wie sollte ich auch, wenn alle gegen mich waren? „Wir werden ihnen beweisen, dass sie uns brauchen!", flüsterte ich. Und Faire senkte ihren Kopf und hob ihn wieder, wie als wolle sie zustimmend nicken. Ich nahm einen Apfel und reichte ihn ihr. „Danke, Faire, danke für alles. Du bist mein Schatz. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen sollte. Ich weiß, dass wir zusammen diese Reise beginnen werden und ich werde dafür sorgen, dass wir sie auch gemeinsam beenden werden.", gab ich ihr mein Versprechen. Dann strich ich ihr noch einmal über die Stirn. „Bald geht es los.", sagte ich bevor ich den Stall verließ.
