Kapitel 13
~ Unglückliche Wendung ~
Erst spät in der Nacht kam Severus Snape wieder vom Treffen mit Voldemort zurück und er bezweifelte, nach den vergangenen paar Stunden jemals wieder Ruhe finden zu können.
Ohne Umschweife machte er sich auf den Weg zu Dumbledores Büro, um ihn notfalls zu wecken, falls er nicht noch arbeitete. Snape hatte das Gefühl, als ob an diesem Abend alles zerbrach, was er sich in den letzten Wochen, Monaten und Jahren aufgebaut hatte.
Zuerst die Sache mit Eliza, die ihn jetzt wohl lieber so gut es ging meiden würde und nun noch dieser Auftrag von Voldemort. Scheinbar fühlte er sich nun endgültig mächtig und bereit genug, Hogwarts anzugreifen und Potter zu töten. Snape hoffte nur, dass auch Potter bereit war, Voldemort zu besiegen, sonst wäre alles umsonst gewesen.
Bevor der Dunkle Lord aber das Wagnis eingehen wollte, das Schloss und damit Dumbledore anzugreifen, wollte er so gut es ging auf Nummer sicher gehen und sich aller Loyalität und Macht sicher sein, die er zusammenraffen konnte. So gab er Snape heute den Befehl, Eliza zu ihm zu bringen, die sich unter der Obhut des Schulleiters und somit für ihn in greifbarer Nähe befand.
Das war es, wovor sich Snape schon immer insgeheim gefürchtet hatte. Die Situation, aus der er sich nicht mehr durch geschickte Worte und Täuschung wie eine Schlange herauswinden konnte. Würde er das nun tun und Eliza ausliefern, hätte er mit hundertprozentiger Sicherheit einen Mord auf dem Gewissen, denn Voldemort würde sie töten, beim Versuch ihr das Geheimnis der Macht zu entlocken. Würde er sich aber weigern, so wäre das sein eigenes Todesurteil, denn er würde Voldemort somit nicht die nötige Loyalität erweisen, die er sich mit diesem Auftrag sichern wollte. Während er an Dumbledores Tür klopfte, hoffte Severus Snape inständig, dass der alte Schulleiter vielleicht einen Ausweg wusste, denn im Grunde wollte er weder Elizas Leben beenden noch sein eigenes verlieren.
Dumbledore öffnete schon im Nachtgewand die Tür und blickte Snape leicht verschlafen an. „Severus… Was ist?" Erst langsam bemerkte der alte Professor, wie ernst und angespannt sein Gegenüber war. „Komm rein, setz Dich…. Erzähl mir, was passiert ist!" Dumbledore setzte sich hinter den Schreibtisch und war nun hellwach und alarmiert. Es war kein gutes Zeichen, wenn sein Tränkelehrer in so einer Verfassung war.
Snape konnte sich nicht setzen, dazu war er viel zu angespannt. Während er Dumbledore von seinem Auftrag erzählte, wanderte er ruhelos vor dem Schreibtisch hin und her. Der Schulleiter hörte aufmerksam zu und mit jedem Wort Snapes wurde auch er ernster und sein Verdacht bestätigte sich, dass nichts Gutes zu berichten war. Als Snape geendet hatte, saß er noch einen Moment mit zusammengelegten Fingerspitzen in seinem Lehnstuhl, bis er seinen Kollegen über die Brille hinweg ansah und das Wort ergriff. „Wie viel Zeit bleibt uns noch, Severus?" „Ich weiß es nicht. Ich werde gerufen und das sicher recht bald.", antwortete der Angesprochene und konnte seine Anspannung nur schwer verbergen. Dumbledore nickte und erhob sich aus seinem Sessel. „Keine guten Nachrichten…", murmelte er leise und ging zum Kamin. Mit einem Wink seines Zauberstabs flackerten violette Flammen auf. „Minerva! Minerva, wach auf!", weckte er seine Kollegin, die nach kurzer Zeit auch verschlafen Antwort gab. „Minerva, Du musst sofort den Orden informieren. Ein Treffen, in einer Stunde. Aber bitte weck mir vorher noch Miss Jones auf und begleite sie hierher in mein Büro." McGonagall war überrascht. Was war passiert, dass der Schulleiter sie mitten in der Nacht aufweckte und den Orden einberief. Er klang sehr ernst und das machte ihr Sorgen. Sogleich machte sie sich auf den Weg zu Eliza, brachte sie zum Schulleiter und schickte anschließend den Mitgliedern des Ordens eine Nachricht.
Snape hörte mit, was Dumbledore mit seiner alten Lehrerin besprach und fragte sich, wieso er Eliza rufen ließ. Er wollte ihr jetzt nicht begegnen, in seiner Verfassung und nachdem was vor ein paar Stunden zwischen ihnen passiert war. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Irgendwie wurde ihm gerade alles zu viel.
Eliza wurde von McGonagall aus einem leichten und unruhigen Schlaf geweckt. Nachdem sie noch lange in den Kerkern gesessen hatte, war sie schließlich in ihr Zimmer gegangen. Wie in einer leichten Trance zog sie sich zum Schlafen um und legte sich ins Bett, konnte aber nicht schlafen. Immer wieder tauchten verschiedene Bilder vor ihrem inneren Auge auf und verschwanden wieder. Was hatte es mit allem auf sich? Welche Verbindung gab es zwischen ihrer Narbe, ihrer Fähigkeit anderen durch Berühren zu helfen und der Tatsache, dass Voldemort sie suchte? Es musste einen geben, das war ihr recht schnell klar. Wieso sonst spürte sie diese Kälte, immer wenn sie ein Mal berührte, oder in der Nähe von Todessern war? Wieso schmerze es, wenn sie das Dunkle Mal berührte? Alte Erinnerungen kamen ihr wieder in den Sinn. Die Nacht, als Professor Dumbledore sie um Hilfe bat. Es musste das Mal gewesen sein, welches sie damals kurz berührte, als sie Snapes Ärmel wieder in Position brachte und was sie so schmerzlich aufschrecken ließ. Eliza fragte sich, ob Dumbledore wusste, was mit Snape war. Es war wahrscheinlich, aber dann war er wohl kein richtiger Todesser mehr. Wieso sollte ihn der Schulleiter sonst beschäftigen? Dafür würde auch sprechen, dass in seiner Gegenwart nie eine ungewöhnliche Kälte spürbar war. Nur einmal war dies der Fall und das war in besagter Nacht. Wie mächtig musste Voldemort sein, damit so was geschehen konnte… Ihre Fähigkeit zu helfen… Eliza wälzte sich ruhelos im Bett herum. War es das, was Voldemort wollte? Was konnte er damit anfangen? Der Schlüssel zur Macht… im Grunde war es eine Form von Energie, die sie bei Berührung anderer Personen weitergab. Eine stärkende Kraft, eine heilende… etwas, das Voldemort vielleicht schon von Nutzen sein konnte. Nein, dachte sich Eliza und drehte sich wieder auf den Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust. Nein, niemals würde ihm das von Nutzen sein! Niemals würde sie ihm ihre Energie geben, niemals! Er würde sie aussaugen wie eine Spinne ihre Beute. Bevor dies geschah würde sie lieber den Spieß umdrehen… Aber war das möglich? War es möglich, nicht nur zu geben, sondern auch zu nehmen? Eine interessante Frage, wie Eliza fand. Das Geben war ein gewollter Prozess. Sie wollte helfen, also half sie. Würde es auch anders herum gehen? Nehmen wollen und nehmen?
Das Gedankenwälzen ermüdete sie schließlich mit der Zeit doch und Eliza glitt in einen traumlosen Schlaf, bevor sie von Professor McGonagall eine Stunde später wieder geweckt wurde.
Verschlafen und in Morgenmantel begleitete sie die Hauslehrerin in Dumbledores Büro und stand schließlich etwas irritiert im Raum. Sie spürte, dass irgendwas nicht in Ordnung war. Es lag eine deutliche Anspannung in der Luft und schon McGonagall schien auf dem Weg hierher recht ernst. „Sie haben mich rufen lassen, Professor Dumbledore?", fragte sie etwas unschlüssig und wendete den Kopf wieder in seine Richtung, nachdem sie kurz Snape zugewandt war, dessen Aura sie unverkennbar auch im Raum spürte. „Setzen Sie sich doch erst einmal, Miss Jones." Dumbledore trat neben sie und begleitete sie zu einem Sessel, in den sich Eliza setzte. „Ich habe Ihnen etwas sehr wichtiges zu sagen und leider auch etwas sehr unerfreuliches."
Snape stand am Fenster und beobachtete jede von Elizas Bewegungen und Reaktionen. Es war, wie er erwartet hatte. Sie grüßte ihn nicht, obwohl sie immer genau wusste, wann er in ihrer Nähe war. Unbewusst versuchte er in ihren Augen zu lesen, was in ihr vorging, als sie kurz zu ihm blickte, aber er konnte ihren Blick nicht für seine Zwecke deuten. Er blieb weiter an den Fenstersims gelehnt und wartete ab, was Dumbledore ihr zu sagen hatte. Wahrscheinlich, so wie er ihn kannte, würde er ihr alles erzählen. Ob das so gut war? Ihr zu erzählen, dass er den Auftrag hatte, sie zu Voldemort zu bringen? Schon beim Gedanken an seinen Auftrag zog sich etwas in Snapes Magengegend zusammen und er versuchte ihn für den Moment wieder zu verdrängen.
Eliza blickte in Dumbledores Richtung, fragend und gespannt. „Was bitte?", fragte sie mit einer leicht beunruhigten Stimme.
„Miss Jones…", begann Dumbledore zu sprechen und setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl hinter dem Schreibtisch. „…sie wissen, dass Voldemort nach Ihnen begehrt und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er sich stark genug fühlt, Mr. Potter endgültig… nun… aus dem Weg zu schaffen. Diese Zeit ist wie es scheint abgelaufen. Vor ein paar Minuten erreichte mich die Nachricht, dass Voldemort plant das Schloss anzugreifen." Eliza musste leicht schlucken. Nun war es also soweit, nicht einmal Hogwarts war mehr sicher und der Tag, an dem sich das Schicksal vieler entscheiden würde, kam näher. „Leider ist das noch nicht alles.", sprach Dumbledore weiter und sein Blick ruhte dabei auf ihrem Gesicht.
„Voldemort fordert von Professor Snape, als Beweis seiner Loyalität, dass er Sie zu ihm bringt." Eliza wurde etwas blass und sie spürte, wie sich ihre Magengegend unangenehm zusammenzog. Die ganze Zeit hatte sie in Dumbledores Richtung geblickt, doch nun wendete sie ihr Gesicht ein zweites Mal Snape zu, der immer noch am Fenster stand. Ihre Blicke begegneten sich wieder und für einen kurzen Moment erkannte Snape ein ängstliches Flackern, das aber sogleich wieder einer stummen Frage wich, die er sich in den letzten Stunden auch schon oft gestellt hatte. Warum?
