14. Im Herzen von Harry

Konzentriert lag Harry auf dem Bett in Sirius' altem Zimmer, die Hände hinter den Kopf verschränkt. Immer und immer wieder murmelte er die Einzelheiten des Plans vor sich hin. Es musste Morgen klappen. Der erste Horcrux! Dieser war nur leider ausgerechnet in der Hand von Dolores Umbridge. Sie mussten ins Ministerium eindringen und es irgendwie schaffen dieser krötengesichtigen Sabberhexe das Medaillon zu entwenden. Ein Fehler, eine kleine Unachtsamkeit, irgendein Detail, welches sie übersehen hatten und der ganze Plan war zum Scheitern verurteilt. Harry war nervös. Doch egal wie oft er das Vorhaben in seinem Kopf durchging, es würde dadurch nicht sicherer werden.

Ein Windhauch wehte die schweren Vorhänge am Fenster beiseite und tauchte die Wände des Zimmers, welche mit Wimpel, Schals und Bildern des Hauses Gryffindor tapeziert waren, in das weiße Licht des Vollmondes.

Harrys Gedanken schweiften nach Hogwarts und wie gerne er in den Vollmondnächten an einem der Fenster im Gryffindor-Turm gesessen und gegrübelt hatte. Nur wenige kannten diese nachdenkliche Seite an ihm. Beinahe konnte er Hedwig sehen, wie sie ihre nächtliche Jagd unterbrach um ihn am Fenster zu besuchen. Traurig lächelte er bei den Erinnerungen an seine tierische Freundin, die nun nie wieder zu ihm finden würde.

Harry musste auch an Remus denken. Dieser war in diesem Moment eine wilde Bestie, der zwischen Freund und Feind nicht mehr unterscheiden konnte. Er sah hoch zu dem hellen Mond und fragte sich, wie etwas so schönes und faszinierendes gleichzeitig ein so gefährliches Monster wie einen Werwolf hervorbringen kann.

Mit großem Unbehagen erinnerte er sich an die Begegnung mit Remus' pelzigem Ich im dritten Schuljahr. Remus ... er war ein guter Freund und Harry überkam große Wehmut.

Er war vor ein paar Wochen hier im Grimmauldplatz, hatte ihnen eine Zeitung gebracht und die neuesten Begebenheiten mitgeteilt.

Auf die Frage der Drei, wie es denn Tonks ginge, gestand Remus ihnen ebenfalls, dass er Vater werden würde. Harry, Ron und Hermione waren vollkommen aus dem Häuschen und überhäuften ihn mit Glückwünschen. Dieser überschwänglichen Freude setzte der werdende Vater jedoch Protest entgegen. Er wollte sich ihnen anschließen, seine Ehefrau, die sein Kind im Bauch trug, verlassen. Remus hatte ein riesengroßes, schlechtes Gewissen, da er der festen Überzeugung war, die Lykanthropie an sein Kind weitervererbt zu haben. Doch anstatt sich seiner Angst zu stellen, wollte er davonrennen.

Harry hatte dieses Verhalten unglaublich wütend gemacht. Seine Eltern waren damals auch nicht einfach abgehauen, sondern hatten ihn mit ihrem Leben beschützt. Seine Gedanken flogen zu dem Brief seiner Mutter an Sirius, welchen er in diesem Zimmer gefunden hatte. Bedacht nahm er das verzauberte Büchlein von dem alten, staubigen Nachtschrank. Der besagte Brief lag seit seinem Fund in dem Buch, so dass Harry beide Sachen wie einen Schatz immer bei sich hatte. Er las noch einmal die Zeilen seiner Mutter, in der sie Sirius für das Geschenk für ihn dankte und freudig über ihn berichtete. Harrys traten wieder Tränen in die Augen. Dieser Brief war für ihn so unendlich wertvoll. Fühlte er sich doch durch diesen seiner Mutter, die er nie richtig kennenlernen konnte, so unglaublich nahe. Eilig wischte er sich über die Augen und steckte das Papier wieder hinten in den Buchumschlag.

Es war an der Zeit Draco noch ein paar Zeilen zu schreiben. Schließlich war Morgen ein risikoreicher Tag und Draco sollte auf jeden Fall darüber Bescheid wissen. Falls Harry widererwarten doch etwas passieren würde, wollte er vorher wenigstens noch einmal mit Draco gesprochen haben.

Er fühlte sich mit seinem ehemaligen Erzfeind auf eine Art und Weise verbunden, wie es nur zwei Menschen sein können, die so viel zusammen erlebt hatten wie sie beide. Harry schluckte schwer und ließ den Gedanken nicht zu, dass einer von ihnen beiden den Krieg nicht überstehen könnte.

Das er Draco liebte, wusste er seit einiger Zeit mit Gewissheit. Und doch traute er sich nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Was wäre, wenn es ihm nicht so erging, wenn er ihre Verbindung kappen oder ihn für verrückt halten würde? Harry wollte nicht riskieren, seinen Vertrauten, seinen Freund zu verlieren, schon gar nicht in dieser Situation. Obwohl Ron und Hermione bei ihm waren, fühlte er sich gerade in den Nächten, in denen er wieder einmal wach lag und über die Wahnwitzigkeit dieses ganzen Unterfangens nachdachte, sehr alleine und verlassen. Harry hatte Angst vor Morgen, davor, dass ihr ganzer Plan scheitern würde, dass sie es nicht schafften alle Horcruxe zu finden und davor, dass nicht Voldemort, sondern er selbst bei dieser ganzen Sache sterben würde. Harry legte fest die Decke um sich. Doch eigentlich wünschte er sich in diesem Augenblick Draco der ihn festhielt und ihm versicherte, dass niemandem von ihnen etwas geschehen würde.

Er fragte sich manchmal, wie es wohl wäre wenn er ein ganz normaler Zauberer gewesen wäre. Seine Eltern würden noch leben, er hätte ein Zuhause gehabt, hätte Freunde einladen können, könnte sein siebentes Jahr in Hogwarts absolvieren und sein größtes Problem wären die Quidditch-Spiele und die näher rückenden UTZ-Prüfungen gewesen.

Vielleicht hätte er sogar den Mut gefunden und Draco zu einem Date in Hogsmeade eingeladen. Obwohl, wahrscheinlich wären sie sich unter normalen Umständen nie so nahe gekommen. Wahrscheinlich wären sie immer noch Gegner, die sich gegenseitig anfeinden und das Leben schwer machen würden.

Aber ganz gleich wie Harrys Leben ausgesehen hätte, alles wäre besser gewesen als sich verstecken zu müssen, heimlich ins Ministerium einzubrechen oder um sein Leben zu fürchten.

Der Mond schien durchs Fenster direkt auf die Pergamentseite seines Buches und beleuchtete Dracos Worte, die er eben geschrieben hatte, bevor Harry den Federkiel ansetzen konnte :

"Was für ein scheiß Tag! Komme gerade von meiner Kontrollrunde durchs Schloss und diese dusseligen Gören streunen selbst jetzt noch heimlich durch die Gänge. Was wäre wenn einer der Carrows die entdeckt hätte und nicht ich? Denken die denn nicht nach?!"

Harry musste aufgrund dieser Wortwahl schmunzeln, obwohl die Situation natürlich gar nicht witzig war.

"Ach Draco, das sind halt Kinder. Sei froh, dass sie sich noch diese Naivität bewahrt haben und heimlich durch Hogwarts schleichen. Eigentlich ist es doch toll, dass sie so unbedarft sind."

"Und es ist saugefährlich. Die Zeiten haben sich geändert, Harry. Hogwarts ist nicht mehr der selbe Ort wie früher. Ihr Verhalten war sowas von dumm! Waren wir in dem Alter auch so?"

"Also ich schon.", gab Harry immer noch vor sich her grinsend zu.

"Ja und dafür hast du dann noch immer extra Punkte bekommen. Das war schon echt unfair.", motzte Draco weiter.

"Das ist doch gar nicht wahr.", erwiderte Harry und schüttelte ungläubig den Kopf. Er konnte sich den Anblick lebhaft vorstellen, wie Draco in seinem Bett hinter zugezogenen Vorhängen saß und schmollte. Harry wusste, dass er es als Slytherin-Vertrauensschüler gerade nicht leicht hatte. Trotzdem musste er schreiben, was er zu sagen hatte. Harry schluckte hart und machte den Anfang:

"Draco, lass mich jetzt ausschreiben, bevor du etwas erwiderst."

Sein Herzschlag beschleunigte sich und er fing an zu schwitzen. Mit leicht zittriger Hand schrieb er weiter:

"Morgen ist es soweit. Unsere ... meine Mission geht los. Ich habe dir doch mal erzählt, dass ich Dinge finden muss, damit dieser ganze Wahnsinn ein Ende hat. Wir wissen wo sich eines dieser Artefakte befindet und Morgen bei Sonnenaufgang machen wir uns daran es in die Hände zu bekommen."

Harry atmete tief durch, bevor er weiterschrieb.

"Ich gehe nicht davon aus, dass wir scheitern werden. Schließlich haben wir einen recht sicheren Plan. Dennoch wird es gefährlich. Ich wollte einfach, dass du Bescheid weißt."

Er wartete. Minutenlang. Es kam ihm fast zu lange vor. Die kleine Notlüge, dass sie einen recht sicheren Plan hatten, tat ihm ein wenig leid. Aber Harry wollte nicht, dass Draco sich allzu große Sorgen machte. Denn in Wirklichkeit basierte ein Gelingen ihres Vorhabens Morgen auf Spekulationen und Glück. Gerade wollte er fragen, was Draco dazu zu sagen hatte, da tauchten auch schon die Worte in seiner Handschrift auf.

"Ich weiß, dass es gefährlich wird und ich weiß auch immer, dass dir was passieren könnte ..."

Hier brach die Nachricht für einen Moment ab.

"Trotzdem, lass mich nicht alleine. Nicht so und nicht bevor ..."

Auch diesmal vollendete Draco seinen Satz nicht.

"Kann ich irgendetwas tun? Ich muss dich doch irgendwie unterstützen können?!"

Harry tat es in der Seele weh. Dracos Worte klangen verzweifelt und genau das wollte er eigentlich verhindern. Niemals würde er Draco zurück lassen wollen. Schon allein deshalb musste es Morgen einfach gelingen.

"Tu kannst nichts tun, außer mir deine guten Gedanken zu schicken. Sei einfach da.", antwortete Harry und schluckte den aufkommenden Kloß im Hals hinunter.

"Ich bin hier."

Eine kleine Aussage, drei unscheinbare Worte, bei denen Harry ganz warm wurde. Sachte berührte er mit den Fingerspitzen das Papier, auf dem die Buchstaben längst durch den Zauber wieder verschwunden waren. Er schloss die Augen und für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, dass eine Hand die Seine berührte. Als er erschrocken auf das Buch hinunter sah, war da jedoch nichts weiter als die leere, vom Mondschein erhellte Pergamentseite. Es waren nur ein paar Sekunden, aber Harry wusste, dass er in diesem Augenblick Dracos Finger gespürt hatte.

Hitze stieg in ihm auf und sein Herz schien nun unkontrolliert seinen Schlag von Sekunde zu Sekunde zu beschleunigen.

"Und ich bin bei dir. Niemand von uns beiden ist mehr alleine.", schrieb Harry mit einer leichten Röte im Gesicht.

"Nein, nie mehr.", kam es nur von Draco zurück.

Bedacht drückte Harry das Buch an seine Brust und schaute zum Fenster hinaus. Sein Blick war auf den leuchtenden Vollmond geheftet. Wie gerne hätte er Draco jetzt hier bei sich gehabt. Dieser hatte in der Vergangenheit Wache schieben müssen. Er erinnerte sich noch genau an die Momente, in denen er einen Blick auf seine wunderschönen, blonden Haare erhaschen und in diesen tiefen, grauen Augen versinken konnte. Zu diesem Zeitpunkt war er Draco so nah und doch so fern.

Am liebsten wäre Harry aus dem Haus gestürmt, zu ihm gelaufen, hätte ihn an sich gedrückt und sie hätten sich gegenseitig versichert, dass alles wieder gut wird.

Wie gerne würde er Draco sagen, wie sehr er ihn brauchte. Harry wollte, dass Draco seine Gefühle erwidern und mehr für ihn empfinden würde als Freundschaft oder Verbundenheit. Denn Harry fühlte innerlich, dass da mehr war. Viel mehr.

Doch für den Augenblick musste er sich zusammenreißen. Wenn sie alle frei sein wollten von Krieg, Terror und Angst, dann musste der Verursacher dieser ganzen Misere besiegt werden. Harry würde alles daran setzen, dass Draco und alle Zauberer wieder normal leben konnten. Er musste Voldemort töten, denn ansonsten würde auch er selbst niemals Frieden finden.

Bei diesen Gedanken kehrte Zuversicht und Mut wieder in ihn zurück und er schrieb:

"Es wird Morgen alles gutgehen. Dafür werde ich sorgen! Bei Sonnenaufgang geht es los. Dieses Schlangengesicht kann sich warm anziehen!"

"Du bist ein außergewöhnlicher Mensch, Harry. Pass gut auf dich auf und schreib, wenn du das ... Artefakt geborgen hast. Lass mich ja nicht zu lang im Ungewissen."

"Ja, natürlich.", erwiderte Harry prompt.

Er rieb sich die Augen und warf einen Blick auf die verstaubte, alte Uhr an der Wand neben dem Fenster. Es war inzwischen mitten in der Nacht. Harry würde am morgigen Tag seine ganze Konzentration und Kraft benötigen, weshalb er beschloss noch ein wenig zu schlafen. Wenigstens wollte er es versuchen.

"Gute Nacht, Draco! Wir schreiben uns Morgen wieder. Versprochen."

"In Ordnung. Gute Nacht!"

Als Dracos Worte verschwunden waren, schloss Harry mit einem tiefen Atemzug das Büchlein und platzierte es direkt neben dem Kopfkissen. Er bettete sich auch auf die Matratze und behielt eine Hand auf dem Buch. Er schwor sich, es immer bei sich zu tragen und wie eine Kostbarkeit zu hüten. Es war sein persönlicher Schatz. Harry kam der Gedanke, dass er in ferner Zukunft, wenn er alt und grau wäre, mit einem Lächeln im Gesicht sämtliche Dialoge noch einmal lesen würde. Und wenn er dann damit fertig war und aufschaute, traf sein Blick jemand ganz Bestimmten und ebenfalls alt gewordene, aber dennoch unverkennbare, graue Augen würden ihn ansehen.

Mit dieser Vorstellung driftete er in einen leichten Dämmerschlaf, der in ein paar Stunden schon wieder vorbei sein würde.

Am anderen Ende Groß Britanniens, irgendwo in den schottischen Highlands, lag ein weißblonder Zauberer in seinem Bett in einem der Slytherin-Schlafsäle, tief unten in den Kerkerräumen eines ganz bestimmten Schlosses und tat die restliche Nacht vor Sorge kein Auge zu.