Videoabend
„Was hab ich denn nun schon wieder falsch gemacht? Was hab ich überhaupt gemacht?", fragte Grissom Billy, der ein breites Grinsen aufsetze.
„Du hast sie geküsst.", war die simpel klingende Antwort.
„Schon wieder?"
Grissom wollte aufstehen, doch der stechende Schmerz in seinem Kopf ließ ihn seine Entscheidung schnell revidieren und er sank wieder in die Kissen des Sofas, schloss seine Augen und presste seine Hand auf die Stirn.
„Du weißt aber schon, dass du – auch wenn du deinen Kopf festhältst – die Kopfschmerzen nicht so schnell loswirst?", lachte Billy.
Grissom sagte nichts.
Er hatte nicht die Absicht, sich eine Antwort zu überlegen.
„Ach, da stößt der große Entomologe also auch an seine Grenzen?"
„Wieso auch?"
„Och, ich würde sagen das erste sind ja wohl definitiv Frauen, oder eher eine ganz bestimmte. Ich weiß ja nicht, ob du dich bei anderen auch so anstellst."
„Ich stell mich nicht an. Wieso meinen eigentlich alle sich da einmischen zu müssen? Das ist doch wohl immer noch meine Sache."
„Nicht mehr, wenn du meiner Kleinen damit weh tust. Mir ist es ja so was von egal, wenn du meinst, du musst dich selber belügen, nur um nicht glücklich zu werden, aber ab dem Zeitpunkt, an dem du Sara damit wehtust, ist das nicht mehr nur deine Sache."
Grissom machte die Augen auf und sah Billy an.
„Ich will ihr bestimmt nicht wehtun, aber-"
„Dann tu es einfach nicht!"
Grissom öffnete den Mund um etwas zu erwidern doch besann sich wieder darauf, dass er sich auf jeden Fall in der schlechteren Position befand und ihm die Argumente ausgingen.
„Und wieso, wenn ich sie geküsst habe, lieg ich dann jetzt hier mit Kopfschmerzen auf dem Sofa und fühl mich wie überfahren?"
„Ich werd einfach mal die vage Vermutung äußern, dass das etwas damit zu tun hat wie ich dich von Sara weggekriegt habe."
Grissom sah ihn nur mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Na ja, Sara war nicht ganz so begeistert von deiner Idee sie zu küssen und du wolltest sie nicht wirklich loslassen."
„Und da hast du mich mal eben niedergeschlagen?"
„Nein, so hart würde ich das nicht nennen. Ich hab dich nur von ihr weggezogen und du bist unglücklich auf der Tischkante aufgekommen. Du musst wissen du warst – und bist es vermutlich noch immer etwas – stockbesoffen."
„Oh."
„Ja."
Grissom schloss die Augen nach einigen Sekunden wieder und Billy sah auf den Fernseher, wo noch immer das Menü zum abspielen des Filmes angezeigt wurde.
„Eigentlich war es ja ganz lustig..."
„Ja?"
„Ja. Ich kann mich nicht erinnern schon mal jemanden kennen gelernt zu haben, der sich erst, wenn er besoffen ist, im Klaren darüber ist was, oder besser wen, er will."
„Und das findest du lustig?"
„Mehr oder weniger schon."
Billy grinste vor sich hin und Grissom versuchte mit reiner Willenskraft das Pochen im Kopf zu unterdrücken, was ihm jedoch einfach nicht gelingen wollte.
„Lust auf einen Film?"
„Nein danke. Ich sollte nach Hause gehen."
„Mach das. Findest du alleine heim?"
Grissom verzog das Gesicht, als er aufstand und ging langsam zur Tür.
„Bist du zu Fuß da?"
„Nein, Auto."
Billy ging zu ihm, schloss die Tür, die Grissom bereits geöffnet hatte, wieder und schob ihn Richtung Sofa.
„Was zum-?"
„Ich ruf dir ein Taxi. Wenn du jetzt fährst, einen Unfall baust und abkratzt, wird Sara mir auf ewig die Schuld dafür geben."
„Wäre das dann dein einziges Problem?"
„Ah, nein, ich würde vermutlich auch noch wegen Unterlassung angeklagt. Also bitte, tu mir den Gefallen und setz dich freiwillig hin, oder ich muss wieder nachhelfen."
Grissom setze sich schnell wieder aufs Sofa, während Billy zufrieden grinsend zum Telefon ging.
Als er wiederkam, verkündete er Grissom, dass das Taxi noch ein bisschen brauchen könnte und beschloss kurzerhand die Zeit bis zum Eintreffen des Taxis mit dem Schauen des ersten Films zu überbrücken.
Grissom hatte sowieso keine Wahl und beschränkt seinen Protest auf die Bitte, Billy solle den Ton nicht zu laut machen.
Nachdem Sara eine Weile quer durch die Gegend gelaufen war und dem Drang, sich in der nächsten Bar zu verkriechen, nicht nachgegeben hatte, machte sie sich wieder auf den Weg zurück zu Billys Wohnung.
Billy hatte Grissom bestimmt schon nach Hause verfrachtet und vielleicht könnten sie ja immer noch ihren Videoabend fortsetzen, wenn man überhaupt von fortsetzen reden konnte, wenn man noch gar nicht richtig angefangen hatte.
„Hey, ist er immer noch da?"
Anstatt zu antworten ging Billy etwas zur Seite und erlaubte so Sara, die noch immer in der Tür stand, einen Blick in das Wohnzimmer.
„Wieso überrascht mich das nicht?"
„Jetzt sei nicht sauer. Ich hab ihm ein Taxi gerufen. Aber die brauchen noch etwas. Setz dich einfach zu uns. Ich pass auf, dass er dir nicht zu nahe kommt und wenn er gegangen ist, fangen wir endlich an mit unserem Film."
Kurze Zeit später saßen alle drei auf dem Sofa.
Billy in der Mitte. Zur Sicherheit.
Ob er nun Sara vor Grissom oder andersrum beschützen musste, war nicht ganz klar.
Ein lautes Ringen durchschallte nach einigen Minuten den Raum.
„Oh scheiße. Das Essen."
„Ich dachte nach der Pfannenaktion hättest du aufgegeben?"
„So leicht lass ich mich nicht unterkriegen und während du etwas an der frischen Luft warst hab ich was vorbereitet. Entschuldigt mich kurz."
Billy ließ die beiden in eisiger Stille zurück.
„Ich hab mich vorhin wohl unmöglich benommen, oder?"
„Auch nicht arg viel anders als sonst."
„Danke."
„Bitte."
„Hey, Leute seit mal bitte etwas netter, oder ich setz euch beide vor die Tür.", schrie Billy aus der Küche.
Die beiden sahen einige Minuten weiterhin den Film, bevor Grissom einen zweiten Anlauf startete: „Du bist doch wohl nicht immer noch sauer wegen der Achterbahn?"
Sara starrte ihn an und ein Anflug von Wut überkam sie.
„Eigentlich weiß ich nicht mehr genau worüber ich mich am meisten aufregen soll. Dass du mich in diese... diese Höllenmaschine gezerrt hast, dass du mich einfach küsst wann immer dir gerade danach ist, oder doch eher wegen deiner unglaublichen Ignoranz gegenüber dem was ich will!"
„Sara!", schrie Billy aus der Küche.
„Billy, halt den Mund! Ich bin gerade dabei meinen Chef anzuschreien!"
Grissom sah über Sara hinweg zur Küche, aus der Billy einen Moment raus kam und sich an die Tür lehnte um dem Schauspiel vor seinen Augen zu folgen.
„Und wo wir schon dabei sind. Kümmere dich um dein Essen oder sonst was, aber lass uns bitte kurz allein."
Billy drehte sich um und ging wieder zurück in die Küche.
„Ich merke schon, wenn ich störe."
„Anscheinend nicht!", schrie sie ihm durch die schon geschlossene Tür hinterher.
„Und jetzt weiter zu dir.", sie drehte sich wieder zu Grissom und sah ihn an.
„Dir würde es schließlich auch etwas ausmachen, wenn ich dich einfach so mitten im Labor oder sonst wo küssen würde, oder nicht? Also-"
„Nein."
Sara starrte ihn einen kurzen Moment an.
„Nein?"
„Nein.", wiederholte Grissom ruhig.
Sara sah ihn fassungslos an.
„Du willst also ernsthaft versuchen, mir zu sagen, dass er dir nichts ausmachen würde die Kontrolle zu verlieren?"
„Versuchs doch einfach."
Saras Blick huschte von einem seiner Augen zum anderen.
„Du bist noch immer betrunken.", stellte sie fest.
„Vielleicht etwas. Aber das ändert nichts daran, dass ich noch einen Kuss von dir bekomme."
„Wann genau habe ich das jetzt wieder gesagt? Ich dachte eigentlich ich war die ganze Unterhaltung über anwesend."
Grissom formte kurz ein Grinsen, bevor er sein Gesicht schmerzverzerrt verzog und sich wieder an den Kopf fasste.
„Hat er..." Er nickte zur Küchentür. „...war es wirklich nur ein Unfall, wegen meinem Kopf oder hast du ihm einen Selbstverteidigungsgriff beigebracht, den er mal an wem ausprobieren wollte?"
„Wirst du nie erfahren."
„Wenn ich dafür meinen Kuss bekomme, darfst du es für dich behalten."
Er streichelte ihr sanft über die Wange, womit er mit dem Daumen leicht über ihren Mund fuhr.
Im selben Moment, in dem er sie berührte, durchfuhr sie ein Schauer.
Sie schloss kurz die Augen und lehnte sich in den Kontakt zu ihm, bevor sie sich selbst zwingen musste, sich dagegen zu wehren.
Sie nahm seine Hand und nahm sie von sich weg.
„Lass das."
Im selben Moment hupte unten das Taxi, was Sara gerade gelegen kam.
„Ich bring dich runter. Hast du alles?"
Grissom sagte nichts.
Also sah sie sich schnell um, da sie nicht entdecken konnte was ihm gehört ging sie zur Tür und hielt sie auf.
„Kommst du?"
Grissom stand wortlos auf und folgte ihr hinunter auf die Straße.
Er stieg ins Taxi, während Sara die Tür aufhielt.
„Ich…das war mein Ernst.", sagte er.
„Und morgen bist du wieder nüchtern und siehst das Ganze wieder klarer. Dann fallen dir wieder dutzende von Gründen ein, warum das nicht funktionieren könnte und wir sind wieder beim Alten. Geh nach Hause und schlaf dich aus."
Sie schmiss die Tür zu und ging zurück ins Haus.
