Immer wieder Träume
Schwer atmend wachte Rogue einige Stunden später auf, und in ihrem Kopf hallten noch die Stimmen und Träume ihrer Freunde nach. Jean träumte anscheinend öfter von Brad Pitt und einem Schäferstündchen. Jubilee hatte Angst vor riesigen Stofftieren, die sie zu Tode kuscheln könnte, Kitty versank andauernd im Boden, und die Träume der Jungs waren durchzogen von Kampf – und Sexszenen.
Langsam wurde es zur Routine jeden Morgen die Tür in ihrem Kopf zu schließen. Dann konnte der Tag beginnen. Als sie die Augen öffnete, hoffte sie insgeheim, dass der vorige Tag nur ein schlechter Traum gewesen war. Aber anscheinend durchlebte sie ihren eigenen schlechten Traum. Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit. In ihren Träumen hatte sie ihre Freunde gesehen, Jubes breites Lachen, Johns flirtendes Zwinkern, Bobbys und Kittys verliebte Blicke, Cyclopse und Jean, wie sie Händchen hielten und die Hochzeit planten. Logan mit einer hochgezogenen Augenbraue und seinem unwiderstehlichen Grinsen. Und jetzt? Alles weg, bis auf die Finsternis. So lange wie möglich hielt sie an ihren Traumbildern fest, bis sie nach und nach verblassten.
Vorsichtig tastete sie sich ins Bad. Nach einer halben Ewigkeit, die sie gebraucht hatte, um die Zahnbürste, Pasta, und Seife zu finden und sich fertig zu machen, kam sie wieder heraus. Sie musste sich etwas einfallen lassen. So lange sie nicht sehen konnte, konnte es nicht so weiter gehen, dass sie für alles drei- oder viermal so lang brauchte, wie sonst.
Wie spät war es eigentlich? Nächstes Problem. Woher sollte sie wissen welche Uhrzeit es war, wenn sie nicht auf den Wecker sehen konnte. Marie tastete sich am Bett vorbei hin zum Fenster auf die Terrasse und öffnete es. Es regnete und es war kühl. Weit entfernt hörte sie einen Vogel singen. Also musste es schon bald hell werden, oder war es schon hell? Frustriert atmete Rogue aus. Dann kam ihr eine Idee. Diesmal ging sie unsicher ohne sich an der Wand zu orientieren Richtung Bett und lächelte leicht, als sie es, ohne sich irgendwo zu stoßen, erreicht hatte. Auf ihrem Nachttisch musste doch irgendwo ihr Handy liegen. Sie wählte die Nummer der Auskunft, zumindest hoffte sie, dass es die richtige Nummer war, und ließ sich weiter verbinden. „Mit dem nächsten Piepton wird es fünf Uhr zweiunddreißig", hörte sie die Stimme vom Tonband. Halb sechs. Ok. Erste Hürde geschafft. Die Nummer würde sie sich von jemandem einprogrammieren lassen. Als sie das Handy wieder auf den Tisch legen wollte, kam sie mit dem Handrücken bei etwas an und schmiss es zu Boden. Etwas zersplitterte und krachte laut.
„Verdammt", fluchte sie und überlegte, was es gewesen sein konnte. Ihre Lampe. Die hatte sie doch erst vor einigen Tagen gekauft. „Gut gemacht, ganz toll, Rogue", schimpfte sie mit sich selbst, als sie sich neben dem Bett auf die Knie niederließ, und nach den Scherben tastete. Mit der anderen Hand zog sie den Mistkorb neben dem Tisch hervor und warf die Bruchstücke, die sie fand, hinein. Ihre Haare hingen ihr ins Gesicht, aber sie strich sie sich nicht hinters Ohr, wie sie es sonst immer getan hatte. Wozu auch? Sie behinderten sie ja nicht beim Sehen. Sarkastisch grinste sie mit sich selbst.
Ein leises Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Das konnte wohl nur einer sein, der um diese Uhrzeit zu ihr kam.
„Komm rein", sagte sie und griff nach einer weiteren Scherbe, die sie ertastet hatte. Sie spürte einen kurzen stechenden Schmerz, als sie die Tür sich öffnen hörte.
„Hey, Kleines. Ich hab den Krach gehö…" Er brach mitten im Satz ab, als er sah, was sie tat.
„Ich hab meine Lampe gekillt", grinste sie schief und blickte in die Richtung in der sie ihn vermutete. Logan kam näher und kniete sich neben sie hin.
„Du blutest", stellte er besorgt fest, als er ihre Hände sah.
„Was" fragte sie unschlüssig.
„Du blutest" wiederholte er und nahm ihr das Bruchstück ab. Sie zog sofort ihre Hand zurück, als hätte sie Angst er würde sie verletzen, doch in Wahrheit fürchtete sie sich mehr davor, dass sie ihn verletzen könnte. Sie trug keine Handschuhe.
„Was machst du nur für Sachen, Darlin", murmelte er sanft und betrachtete sie aufmerksam. Über ihr Gesicht huschte ein Schatten und sie senkte den Kopf. Dachte sie, er hatte ihre Blindheit gemeint, dass es ihre Schuld war? Logan, du Idiot. Du wolltest ihr doch nicht wehtun.
„Ich hab den Schnitt gemeint, Marie. Es ist alles ok", sagte er und zog ihre Hand an sich. „Ich trage Handschuhe, keine Angst." Ihre Handfläche war aufgeschlitzt, zwar nicht tief, aber es reichte, dass das Blut stetig tropfte. „Wir müssen das verbinden" bemerkte er, zog sie sanft mit sich hoch und führte sie ins Bad. Marie tastete mit der freien Hand nach der Kante der Wanne und setzte sich darauf, während Logan noch immer ihre andere fest hielt. Er desinfizierte ihre Wunde und legte gekonnt einen weißen Verband an. Seine Augen wanderten über ihren Körper im schwarzen Pyjama. Er suchte nach weiteren Verletzungen, doch konnte sich selbst nicht daran hindern, ihre Rundungen unbewusst zu bewundern.
„Alles ok", fragte er, als er seinen Blick von ihr los riss.
„Nein", murmelte sie und schüttelte leicht den Kopf. „Ich hab meine neue Lampe gekillt. Das wird sie mir nie verzeihen." Ein Lächeln huschte über ihr hübsches Gesicht. Logan schmunzelte. „Hast wohl eine starke Bindung zu ihr aufgebaut in den paar Tagen, mh" stieg er auf ihren Sarkasmus ein.
„Naja, ist ja nicht so, als würd ich sie in der nächsten Zeit brauchen", erwiderte sie und stand auf.
„Stimmt, du wirst bald eine neue brauchen", ermunterte er sie mit Zuversicht in seiner Stimme.
Als sie wieder auf ihrem Bett saß, räumte er die Überreste der Lampe weg. „Konntest du nicht schlafen", fragte er von der Seite. Ihr Kopf wand sich ihm zu. „Die Träume?"
Sie nickte. „Jean hätte gern ausdauernden schmutzigen Sex mit Brad Pitt" schmunzelte sie, und Logan konnte nicht anders und lachte lauthals.
„Wenn das Scott hört", sagte er noch immer lachend.
„Ich denke, er weiß es. Er träumt im Übrigen von Angelina Jolie, vorzugsweise als Lara Croft" fügte sie hinzu.
„Dann steht dem Partnertausch ja nichts mehr im Weg", grinste Logan und setzte sich zu ihr aufs Bett. Sie fühlte wie sich die Matratze unter seinem Gewicht durchbog.
„Meinst du der Professor hätte etwas dagegen, wenn wir hier einen Swingerclub aufmachen", fragte Marie so ernst wie möglich, bevor sie in Lachen ausbrach.
Logans Schultern zuckten, als er lautlos grinste.
„Ok bevor wir hier einen Sexclub eröffnen, solltest du dich vielleicht erst anziehen", zog er sie auf.
Daran hatte sie auch schon gedacht, aber woher sollte sie wissen, welche Farbe was hatte. Sie musste ihren Kasten neu ordnen und ihre Kommode.
„Sag mir was du haben willst, und ich find es in deinem Vorrat", fügte er hinzu, als er sah, dass sie nachdenklich an ihrer Unterlippe kaute. Sie sah unglaublich süß aus, wenn sie das tat.
„Hm, ich brauch Unterwäsche, aus der obersten Lade links von der Kommode. Vorzugsweise eine der grünen, die sind am bequemsten", begann sie, und hörte auch gleich darauf, wie er die Schublade öffnete. Er konnte nicht anders und staunte, als er ihre Auswahl an Slips und BHs sah. Sie hatte eindeutig sehr guten Geschmack. Männer mussten ihr die Dinger doch vom Leib reißen, wenn sie sie so sahen, ob nun tödliche Haut oder nicht. Seine Gedanken schweiften zu den Männern, mit denen sie vor einiger Zeit hin und wieder ausgegangen war. Ob sie sie so gesehen hatten? Aber sie hatte doch gesagt, es war nie mehr als Freundschaft, außer mit Erol. Wenn er schon an den dachte! Erol. Er schüttelte den Kopf. Logan mochte ihn von Anfang an nicht, als sie ihm von ihrem Kollegen erzählte. Nachdem sie einige Monate viel zusammen unternommen hatten, brach sie jedoch den Kontakt zu ihm ab, und niemand erfuhr wieso sie es getan hatte. Zu der Zeit war es ihm auch egal gewesen. Er war egoistisch und freute sich, dass sie wieder mehr Zeit für die Filmabende und im Allgemeinen für ihn hatte.
„In der Lade daneben sind die Handschuhe und Schals. Schwarz bitte", sagte sie und riss ihn aus seinen Gedanken.
„Ok, hab ich", erwiderte er.
„Im Schrank in der untersten Lade sind die Socken, such dir was aus", grinste sie. Als er sie öffnete musste er lachen. Marie hatte geringelte Socken in allen möglichen Variationen und Farben. Er zog grün schwarze heraus, passend zur Unterwäsche und zu den Handschuhen und seinem Schal, den er für sie gewonnen hatte. Es würde niemand außer ihm wissen, dass sie zusammen passten, und das gefiel ihm.
„Welche Jeans", fragte er dann, als er alles auf das Bett gelegt, was er bis jetzt ausgesucht hatte.
„Ganz egal, nur nicht die schwarzen, die haben Löcher, oder es fehlt ein Knopf, und ich bin nicht dazu gekommen sie zu nähen."
„Ok", erwiderte er und zog eine blaue ausgewaschene Jeans von dem Bügel.
„In den Fächern daneben müsste irgendwo ein schwarzes langärmliges Shirt liegen, bzw. da liegen einige, nimm einfach irgendeines."
Als er alles ausgesucht hatte, nahm er ihre Kleidungsstücke und trug sie ins Bad. Dort legte er sie in der Reihenfolge, in der sie sie anziehen würde, auf den Toilettendeckel.
„Nein, ich muss es selber versuchen", wehrte Marie ab, als er zu ihr kam und sie ins Nebenzimmer führen wollte. „Es sind sieben Schritte vom Bett zur Badezimmertür", lächelte sie und stand vorsichtig auf. Triumphierend grinste sie ihm zu, zumindest dachte sie, dass sie zumindest in seine Richtung grinste, als sie die Tür erreicht hatte.
„Ok, ich hab vielleicht die Unterwäsche verkehrt an, aber ich denke der Rest stimmt", sagte sie lächelnd und ging nun schon etwas sicherer zu ihrem Bett. Sie kniete sich vor dem Bett hin und begann unter ihm herumzutasten.
„Und was hast du jetzt vor", fragte er unschlüssig und sah zu der knienden Frau vor sich auf den Boden.
„Wonach sieht es denn aus? Ich suche meine Schuhe", antwortete sie, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
„Ja natürlich, was sonst", grinste er und zog ihre schwarzen Stiefeletten unter dem Bett hervor. Während sie sich fertig anzog, hörte Logan ihren Magen knurren, da fiel ihm plötzlich ein, dass sie den Tag zuvor wohl nichts gegessen hatte.
„Na komm, lass uns frühstücken gehen", sagte er fröhlich. „Um die Uhrzeit sind wir wohl die einzigen, die schon unterwegs sind."
Er hatte Recht, es war wohl noch niemand auf da es Wochenende war, und normalerweise alle länger schliefen. Rogue atmete erleichtert durch, und noch bevor sie Zeit hatte nachzudenken, hatte Logan ihre Hand genommen und sie hochgezogen.
„Wie viele Schritte bis zur Tür", fragte er, da er verstanden hatte, wie sie sich gewisse Dinge merken wollte, damit sie sich halbwegs normal bewegen konnte.
„Keine Ahnung, soweit war ich noch nicht", lächelte sie, und sie begannen zu zählen. Wie kleine Kinder die jede einzelnen Schritt kommentieren, sobald sie zählen können. Dreiundzwanzig Stufen bis zum unteren Stockwerk. Neununddreißig Schritte bis zum Aufzug. Der zweite Knopf von unten auf der linken Seite war der für das Erdgeschoß. Marie versuchte sich alles genau einzuprägen auf dem Weg in die Küche. Sie tastete sich zur Kücheninsel vor und hielt sich daran fest, als laufe sie Gefahr ansonsten umzufallen.
„Worauf hast du Lust", fragte er unvermittelt. Über dich herzufallen, dachte Rogue und schmunzelte.
„Kaffee, Kaffee und nochmals Kaffee", wimmerte sie schauspielreif. Grinsend zuckte er mit den Schultern.
„Davon bin ich mal ausgegangen. Wie wär's mit Rühreiern dazu", fragte er.
„Oh ja, sofort, ich verhungre", jammerte Rogue wieder. Während sie auf dem Barhocker an der Insel saß und ihren Kaffee genoss, den er ihr zubereitet hatte mit Milch und Zucker, bereitete er die Eier zu. Und bald darauf stellte er auch schon einen Teller voll lecker riechendem Essen vor sie, das Brot und die Gabel lagen daneben.
Mit der linken Hand hielt Marie den Teller fest und fühlte mit dem Zeigefinger, wo sie mit der Gabel darauf herumfuhr. Sie musste dämlich aussehen, schoss es ihr durch den Kopf, aber sie konnte nicht weiter darüber nachdenken. Ihr Hunger ließ es nicht zu.
„Wow das ist wirklich lecker", murmelte sie begeistert.
„Ich kann nicht nur Pizza machen", entgegnete Logan lächelnd. Als er vor Jahren als Lehrer im Mansion angefangen hatte, hatte er manchmal seine Schüler mit Pizzen belohnt, die er selbst gemacht hatte. Später machte er es nur noch für die Mitglieder des Teams, und in letzter Zeit eigentlich nur noch für Marie, obwohl ihr das nie wirklich aufgefallen war.
„Du scheinst einen immer wieder zu überraschen", grinste sie und versuchte auszumachen, wo noch etwas auf ihrem Teller war. Sie war froh, dass noch keiner auf war außer ihnen, denn sie fühlte sich total unsicher, bei den normalsten Sachen, die sie sonst ohne groß nachzudenken gemacht hatte. Während des Essens brachte Logan Marie auf den neuesten Stand das Verschwinden der Kinder betreffend, und dass die bisherigen Informationen zu nichts geführt hatten.
„Bonny untersucht die Überreste der Pyramide, vielleicht bringt uns das weiter", schloss er seine Erklärungen. Rogue nickte nachdenklich.
„Ich werd das Gefühl nicht los, dass das alles zusammenhängt", murmelte sie, als er die Teller abräumte.
„Mhm, davon gehen Xavier und ich mittlerweile aus", stimmte er ihr zu. Das Gift in Jeans Blut, die zweimalige Entführung der Kinder, die Lichtpyramide. Wo war der gemeinsame Nenner?
Gerade als Marie etwas fragen wollte, hörte sie hinter sich die Tür aufgehen und gleich darauf wurden sie und Logan von Jean und Scott begrüßt. In Logans Tonfall hörte sie das unterdrückte Grinsen und schmunzelte. Er dachte wohl gerade, an die Träume von den beiden, die sie ihm gegenüber erwähnt hatte.
„Wie geht's dir", fragte Scott Rogue und legte ihr die Hand auf die Schulter. Unwillkürlich zuckte sie zusammen aufgrund der unvorhersehbaren, für sie zumindest, Reaktion des Teamleaders. Peinliche Stille herrschte im Raum, als ihnen klar wurde, dass es für sie nun noch schwerer sein würde Berührungen zu „ertragen".
„Etwas dunkel, aber sonst ganz gut", antwortete sie grinsend und lockerte somit die Stimmung wieder auf. Logan wusste, dass dies ihre Art war ihr Unwohlsein zu überspielen. Bei den meisten funktionierte es auch ganz gut. Doch an die neue Situation mussten wohl nicht nur sie sondern auch alle anderen sich erst gewöhnen.
„Noch Kaffee", fragte Logan sie, als er sah, dass ihr Becher leer war.
„Musst du wirklich fragen" erwiderte sie lächelnd. „Aber diesmal bitte mit weniger Zucker."
„Wie Madam wünschen", entgegnete er und sie konnte ihn beinah vor sich lächeln sehen.
Danach gingen die vier in den Essenssaal, und Marie zählte in Gedanken wieder die Schritte bis zu den Ecken, wo sie abbiegen musste. Je mehr sie sich merken musste, desto intensiver hoffte sie, dass sie bald wieder sehen würde können.
Nach und nach füllte sich der Raum immer mehr und Rogue wurde immer unruhiger. Sie fing immer wieder einige Gedanken von Personen im Raum auf. Alexis hatte Recht, die Blindheit beeinflusste ihre Kontrolle über die Tür in ihrem Kopf. Immer wenn sich jemand ihrem Tisch näherte, verspannte sie sich, da sie Angst hatte, es könnte zu einem Unfall mit ihrer Mutation bei einer Berührung kommen. Sie wusste, dass die anderen vorsichtig waren, doch jetzt war sie ihnen sozusagen ausgeliefert. Sie könnte sich nicht wegdrehen oder die Hände haben, wenn ihr jemand zu nahe kam. Durch den Vorfall am Meer war sie in dieser Richtung wieder unsicherer geworden, den anderen gegenüber.
„Storm und ich gehen heute mit den Kindern noch mal auf den Jahrmarkt", erzählte Kitty neben ihr, und Rogue dachte an den lustigen Nachmittag mit Logan und den Kindern zurück. Eigentlich hatte sie Megan versprochen, als sie vor einigen Tagen die Zimmer für die Kinder geschmückt hatten, dass sie noch mal mit ihnen hingehen würde. Enttäuscht knabberte sie an ihrer Unterlippe. Unbewusst schüttelte sie den Kopf, als sie wieder einige fremde Gedanken auffing. Die ganze Zeit über hatte Logan sie nicht aus den Augen gelassen. Ihr Verhalten beunruhigte ihn immer mehr. Die vielen Mutanten im Raum waren ihre offensichtlich unangenehm. Er musste sie so schnell wie möglich hier raus bekommen, damit sie nicht in Gefahr lief ihre Kontrolle über die Tür im Kopf vollends zu verlieren. Doch bevor er noch etwas unternehmen konnte, wandte sie sich an Jubilee, die ihr gegenüber saß.
„Jubes, hast du heut Vormittag schon was vor?"
„Nein
Chica. Was gibt's?"
„Dann bist du für die nächsten
Stunden mein", grinste Rogue und stand vorsichtig auf. Als Logan
ihr helfen wollte und sie am Oberarm anfasste, entzog sie sich sofort
der Berührung. Sogar vor seinen Händen zuckte sie zusammen.
Sie schien anscheinend in niemanden Vertrauen zu haben, und das
schmerzte ihn unsagbar.
„Wie geht's dir Chica", fragte Jubilee ihre Freundin, als sie in ihrem Zimmer waren.
„Ganz ok, eigentlich" antwortete sie.
„Wenn's irgendetwas gibt was wir für dich tun können, dann sagst du es, ja?"
„Ja Süße, danke. Deswegen hab ich dich ja auch mitgeschleppt" grinste Marie
„Wir sind für dich da, egal was es gibt. Also, worum geht's hier" fragte ihre Freundin froh ihr helfen zu können.
„Ich wollt dich fragen, ob du mir ein paar Sachen im Kasten umordnen könntest", sagte Rogue etwas peinlich berührt, dass sie so hilflos war.
„Klar. Kein Problem. Wie hättest du es denn gern", fragte Jubes, die scheinbar noch nicht ganz begriffen hatte, was Rogue wollte.
„Könntest du meine Sachen nach Farben ordnen? Damit ich euch nicht jeden Tag nerven muss, was ich anziehen soll" lächelte Rogue in die Richtung, wo sie ihre Freundin vermutete.
„Alles klar, Chica. Obwohl neben mir würdest du nicht mal mit pink und grün auffallen", lachte sie und machte sich an die Arbeit.
Während Jubilee ihre Shirts und Hosen neu ordnete, kramte Marie in einer ihre Laden im kleinen Kästchen unter ihrem Fenster. Endlich hatte sie ertastet, wonach sie gesucht hatte. Ihre grüne Sonnenbrille, die sie sofort aufsetzte. Jetzt müsste sich niemand mehr unwohl fühlen, weil sie die Leute nicht direkt ansah, wenn sie mit ihnen sprach.
Die beiden Frauen lachten und scherzten miteinander, und Rogue vermutete, dass Jubilee sich ihren halben Kasten ausborgen würde, nachdem sie bei beinah jedem Kleidungsstück gejubelt hatte, und es mal tragen wollte.
Als sie gerade fertig waren, klopfte es an der Tür und Storm kam herein. Nachdem sie ein paar Minuten geplaudert hatten, fragte sie Jubilee, ob sie nicht mit auf den Jahrmarkt gehen wollte, da noch einige Kinder mehr dabei sein würden, und sie jede helfenden Hand gebrauchen konnte. Damit verabschiedeten sich die beiden auch bald darauf von Marie.
Rogue saß auf dem Bett und überlegte, was sie nun tun wollte. Auf das Mittagessen mit den anderen konnte sie gerne verzichten. Zumindest im Moment. Sie war nicht allzu begeistert von dem Gedanken, mit allen zusammen zu essen. Normalerweise würde sie sich ein Buch schnappen, auf die Terrasse hinausklettern und lesen. Das mit dem Buch ging aus offensichtlichen Gründen nicht, und die Terrasse war noch klitschnass vom Regen morgens. Verzweifelt kauerte sie sich auf dem Bett zusammen. Sie ließ es für einige Minuten zu, dass ihre Gefühle sie übermannten. Sie war allein im Zimmer und musste für niemanden die Starke spielen, die sie offensichtlich nicht war. Lesen, zeichnen, Tischhockey, Volleyball, Internetsurfen, Basketball… das alles kam nicht mehr in Frage. Irgendwo hatte sie doch Hörbücher, die sie vor einigen Jahren mal von einem Kollegen an der Uni bekommen hatte. Die CDs waren sicher mit den anderen in dem Stapel, aber sie müsste wohl alle durchhören, bis sie die richtigen finden würde.
„Mist, verdammter Mist", fluchte sie leise und schmiss einen Polster Richtung Badezimmer.
Da kam ihr plötzlich eine Idee. Der Fernseher musste doch eigentlich noch in ihrem Zimmer sein. Wo hatte Logan bloß die Fernbedienung hingelegt? Sie tastete ihren Nachttisch ab. Da war sie, und schon hörte sie sich durch die verschiedensten Programme. In Gedanken dankte sie dem Professor, dass er die Kinokanäle angeschafft hatte, als sie scheinbar „die Schöne und das Beast" im Kinderkanal gefunden hatte. Den Film hatte sie schon unzählige Male gesehen, und nun hörte sie ihn eben. Entspannt legte sie sich zurück auf ihre Polster, verschränkte die Hände hinterm Kopf und malte sich in Gedanken aus, welche Szene gerade vor ihr auf dem Bildschirm lief. Nach einigen Minuten war sie auch schon eingeschlafen. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie so müde war, aber ihr Körper nahm sich nun den Schlaf den sie nachts nicht bekam. Immer wieder schreckte sie kurz hoch, wenn sich fremde Gedanken in ihre Träume schlichen, doch schlief auch bald darauf wieder ein.
„Rogue, aufwachen", rief eine Stimme neben ihrem Bett und weckte sie auf. Megan sah sie erwartungsvoll an. Storm hatte den Kindern erzählt, dass Marie vorübergehend nicht sehen konnte, und auch klar gemacht, dass sie sich trotzdem normal ihr gegenüber verhalten sollten.
„Hey Kleine", lächelte sie und tastete nach ihrer Sonnenbrille.
„Max und ich haben etwas gewonnen für dich", strahlte das blaue Mädchen und sprang aufs Bett. Rogue erschrak aufgrund ihrer unerwarteten Bewegung, und überprüfte ihre Kleidung, ob auch keine Haut erreichbar war. Erleichtert, dass Megan sicher vor ihrer Mutation war, fragte sie nun neugierig nach, was es denn sei.
„Hier ein neuer Polster", grinste das Mädchen und legte es auf ihre Beine. Marie griff danach und drückte ihn an sich. Er war riesig und flauschig. Sie lächelte.
„Er ist grün, wie die Edelsteine hat Ororo gesagt", klärte Megan sie auf.
„Vielen Dank, er ist toll", sagte Rogue. Am liebsten würde sie dem kleinen Mädchen jetzt durch die Haare wuscheln, wie sie es sonst oft getan hatte, stattdessen lächelte sie sie dankbar an.
„Komm es gibt Abendessen. Ich bring dich runter", hörte sie sie sagen und schon spürte sie, wie das blaue Energiebündel vom Bett gesprungen war.
„Ok, Meggy lass uns gehen."
Megan ließ
ihre Hand bis zum Tisch nicht mehr los, und hatte ihr das Versprechen
abgerungen mit einigen anderen Kindern bei ihnen zu essen. Obwohl sie
sich mehr als unwohl dabei fühlte, hatte sie nachgegeben, da sie
die Freude in Meggys und Max' gehört hatte. Die Kinder
erzählten ihr von ihrem Tag auf dem Jahrmarkt und was sie alles
gemacht hatten. Sobald sie fertig gegessen hatte, entschuldigte sie
sich und verließ den Raum. Kaum war sie draußen lehnte
sie sich an eine Wand und atmete erleichtert durch. Jemand räusperte
sich neben ihr leise.
„Hallo Professor", lächelte sie.
„Hallo Rogue. Zu viele Leute da drin, mh", stellte er mehr fest, als dass er fragte. Sie nickte.
„Es ist einfach ein bisschen viel im Moment", antwortete sie ehrlich.
„Das verstehe ich, Marie." Der Professor und die anderen nannten sie nur in seltenen Fällen Marie, und wenn sie es taten, dann um etwas Nachdruck zu verleihen. „In ein paar Tagen wird sich alles wieder dem Normalen zuwenden." Seine Stimme strotzte vor Zuversicht, und sie hoffte sehr, dass er Recht hatte.
„Hm Professor, ich hätte da noch eine Frage", begann Rogue und folgte ihm dann langsam in die Bibliothek des Herrenhauses.
„Wenn du Hilfe brauchst, oder noch Fragen hast, dann hab keine Bedenken und komm zu mir", sagte Charles, als er ihr das Buch und die CD reichte. Es waren Lernmittel für Blindenschrift. Obwohl der Professor ihr versichert hatte, dass sie alles taten, damit sie bald wieder sehen konnte, wollte sie es trotzdem lernen. Zumindest hatte sie so etwas zu tun, bis die Situation, wie sie es in Gedanken nannte, überstanden war. Charles warf ihr noch einen bewundernden aber auch besorgten Blick zu, bevor er sie allein ließ.
Langsam zog sie sich ihre Handschuhe aus, legte die CD in die Anlage ein und setzte sich mit dem Buch an einen der großen schweren Eichentische. Die CD beschrieb genau die Vorgehensweise, um „lesen" zu lernen, und sie folgte den kleinen Punkten in dem Buch vor ihr mit ihren Fingerkuppen. Nach und nach kam sie dahinter, wie man die einzelnen Buchstaben auseinander halten konnte. Im Mansion wurde es immer ruhiger, doch sie war so in das Lesen vertieft, dass sie nichts davon merkte. Erst als sie die Tür hörte, nahm sie ihre Finger vom Buch und streckte sich.
„Hey Suga", grüßte sie ihn lächelnd, ohne dass er ein Wort gesagt hatte. Sie hatte einen Hauch von Zigarrenduft gerochen und anscheinend nahm er sich es zu Herzen, und machte mehr Geräusche wenn er ging.
„Hi Kleines." Sie hörte wie er näher kam und sich neben sie setzte. „Hank hat dich gesucht."
„Mist, ich hab völlig vergessen, dass ich zur Kontrolle hätte sollen" sagte sie und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Hab's total verschlafen."
„Macht doch nichts. Er hat nur gemeint, du solltest morgen Vormittag mal vorbei kommen. So gegen zehn, wenn's dir recht ist." Sie nickte und fuhr sich durch die Haare.
„Wie spät ist es eigentlich", fragte sie ihn.
„Beinah zwölf", antwortete er und sah auf das Buch vor ihr. „Warst du die ganze Zeit über hier?" Wieder nickte sie. Plötzlich fühlte sie sich müde und geschafft, obwohl sie nichts wirklich getan hatte an diesem Tag. Während sie mit Logan redete, packte sie das Buch und die CD in ihre Tasche. Er konnte nicht anders als sie bewundern, als sie ihm erzählte, dass sie die Blindenschrift lernen wollte und anscheinend auch schon große Fortschritte gemacht hatte.
Als sie in ihrem Zimmer waren und sie sich gerade im Bad umzog, nahm er ihre Sonnenbrille in die Hand und spielte damit gedankenverloren herum.
„Wozu eigentlich die Brille", fragte er, nachdem sie wieder im gleichen Raum waren und sie sich unter die Decke gekuschelt hatte.
„Es irritiert die anderen, wenn sie mit mir reden, und ich sie nicht wirklich ansehe", antwortete sie schlicht. Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht, dass es andere verunsicherte, oder sogar Rogue sie verunsicherte. Er fühlte Zorn in sich aufsteigen. Wussten sie denn nicht, was sie gerade durchmachte? Und da konnten sie ihr so etwas sagen? Zugegebener Maßen gestand er sich ein, dass auch er nicht wusste, was sie gerade durchstehen musste, wie alle anderen, aber dass sie dachte, ihre Augen deswegen vor anderen verstecken zu müssen, machte ihn wütend.
„Wer hat denn so was gesagt", fragte er nach und unterdrückte nur mit Anstrengung den Groll in seiner Stimme.
Rogue zuckte nur mit den Schultern. „Niemand."
Unschlüssig zog er eine Braue hoch. Aus der Stille schloss sie, dass er wieder einmal seine Parademimik anwendete. Wie gern würde sie ihn jetzt sehen. Wahrscheinlich mit verschränkten Armen, in einem dunklen T-Shirt, den Kopf leicht schief gelegt und die Augenbraue hochgezogen. Lächelnd fügte sie hinzu: „Ich hab einige Gedanken aufgefangen, und es denken viele so. Sie fühlen sich irgendwie unwohl, wenn ich sie nicht ansehe. Zumindest das kann ich ihnen mit der Sonnenbrille nehmen." Obwohl er noch immer die Wut in sich fühlte, musste er lächeln. Das war typisch Rogue. Sogar jetzt dachte sie zuerst an die anderen, und wie sie sich besser fühlen konnten.
